Schreiben auf den Antillen

also von mir aus hätte ich das ja nicht gemacht, aber marie z. würde sagen, so kenne ich dich nicht, du bist doch sonst kein hasenfuss.

deshalb setze ich nach langem und reiflichem überlegen die mail meines alten Freundes Richard Elm hierher, ich fand sie heute morgen in meiner inbox.

Lieber T. 

wie ich dich kenne, hast du bestimmt  die morgenzeitung schon zur hand gehabt. Dann weisst du, dass Frau Tschanz,  direktorin am EJPD während meines dortigen wirkens, in pension gegangen ist.

sie will lesen und reisen, das finde ich eine gute sache, denn ich laufe dann nicht gefahr, ihr unerwartet in der stadt zu begegnen, gar in meinem lieblingscafé, wo mir die gerade an den mund gehobene expresso tasse aus der hand fallen würde, vor verblüffung darüber, dass  Frau Tschanz in meiner abwesenheit während der letzten elf jahre den gleichen guten geschmack wie ich entwickelt hat.

ich habe dir bestimmt erzählt, dass Frau Tschanz mir in  der verflossenen zeit ein einziges mal  über den weg gelaufen ist. um genau zu sein und bullshit redensarten zu vermeiden – von laufen ist nicht die rede – wir sassen nämlich in der gleichen reihe im theater und in der pause ist Frau Tschanz sitzen geblieben, während meine frau und ich im foyer deambulierten und uns über den seltsamen gesichtsausdruck der sitzengebliebenen austauschten. wir kamen zu dem schluss, dass es am thema des stückes lag, die dekadenz einer in grosskleinstein gar nicht möglichen familie.

das aber nur nebenbei.

ich schreibe dir vor allem, weil ich ziemlich beunruhigt bin. Frau Tschanz hat nämlich in der zeitung angedroht, sie werde nun bücher schreiben. ich gebe zu, meine hand, die gerade die bialetti hochgehoben hatte, zitterte bedenklich.  tröstend daran ist, sie will das auf den antillen tun. ich wüsche ihr, ehrlich gesagt, ein sehr langes leben als pensionärin auf den antillen, ruhig über hundert und bei guter gesundheit.

hand aufs herz, lieber T., ich bin nicht nachtragend sondern dankbar. Frau Tschanz hat in jeder erdenklichen weise und unermüdlich, wie sie nun einmal ist, daran mitgewirkt, dass ich eine neue freiheit geniessen kann, ohne vor-gesetzte, die es qua amt wissen, ohne die geringste ahnung zu haben.

wie ich zu meiner beruhigung der zeitung entnehmen konnte, hat Frau Tschanz die Kunst des Schönredens weiter perfektioniert und raffiniert, was gewiss ihrem schreiben auf den antillen, das jetzt als verhängnis über unserer aller köpfe hängt, zugute kommen wird.  ich zweifle keinen augenblick am erfolg ihrer dichterischen bemühungen,  nicht nur, weil ich noch zu meiner zeit am EJPD die schönsten proben davon in augenschein nehmen konnte, sondern vor allem, weil das schönreden von schweinereien hierzulande eine staatstragende kompetenz mit grosser nachfrage und reichlichem angebot ist.

lieber T., nichts für ungut, ich wollte nur sicher gehen, dass du in nächster zeit nicht ahnungslos auf die antillen reist.

dein Richard Elm

 

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