sehr praktisch und handfest

man könnte jetzt ein gespräch über regen anfangen, die feinen unterschiede, die gröberen, das vokabular dazu, wir müssten hier doch wörter haben, so zahlrreich wie die regentage, soeben ist es ein knisterregen auf dem dach mit einer leichten tendenz zum kraftvolleren prasselregen, ein unentschiedenes hin und her.

aber ich lasse es dann doch lieber sein.  es saut halt wieder und gestern schien die sonne. eine kostbare ausnahme.

ich stelle fest, nach etlichen umständlichen ausweichmanövern (ich bin geübt darin: die diversionen und digressionen meines lebens), etwas ruft mich zur ordnung und ich könnte nicht einmal sagen, was es ist. ein rest von anstand? ein anfall von verantwortungsgefühl? oder schlicht die lust, mich aufzuraffen und die anstehenden dinge zu tun.

 

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wer mich aufgeweckt hat, es ist kaum zu glauben. heute morgen stand ein herr in schwarzer entschlossenheit und mit der aufschrift leoenergy auf der brust vor meiner tür, nestelte in papieren und gab bekannt, nach einem deutlichen drängen meinerseits, wie hoch die unbezahlten rückstände sind, und es war beträchtlich. seit november zahle ich weder gas noch elektrizität. ich habe es verschlampt, briefumschläge gar nicht geöffnet oder gar nicht erst im postfach abgeholt und ich fühle mich ertappt bei meinem versuch hartnäckiger prokrastination.

heute ist es drei monate her, dass Marie gestorben ist, ich hatte vor der haustür den seltsamen eindruck, sie steckt irgendwie dahinter und gibt mir einen wink. das tat sie schon, als ich heute morgen auf ihr porträt schaute, es war, als sagte sie, so geht es nicht weiter.

(inzwischen  oszilliert der regen zwischen prasseln und dachtrommeln, ich empfinde das als bestätigung)

aber ich bin etwas geteilt. warum verziehe ich mich nicht einfach und überlasse jüngeren die angelegenheit, ich will mich doch anderen dingen zuwenden als unbezahlten gasrechnungen und ich muss  nicht unbedingt eine altneue lebensform ausprobieren, ich könnte es ohne weiteres einfacher haben: das heisst alleine leben statt in einem mehrgenerationenhaus, so sagt man doch.

andererseits hält eine umstellung der art jung, flexibel und stärkt die neuronalen verbindungen. du willst doch nicht grundlos abdanken, altes eisen, das beste ist sowieso vorbei. bei solchen gedanken scheint Maries porträt die stirn zu runzeln. ich meine sogar sogar ein spöttisches lachen zu hören.

dabei ist die entscheidung längst gefallen und das innere streitgespräch moutarde après dîner. fruchtlose nachhutgefechte muss man können.

(was ich nicht leiden kann ist der unentschlossene nieselregen, diese wässrige weder noch)

ich erwache demnach aus meinem tran und trauernebel und sehe überdeutlich, was zu tun ist.  die ausweichmanöver haben ihren zweck erfüllt, untergetaucht war ich lange genug.

wie ich Marie am besten gedenken kann: sie war immer sehr praktisch und handfest.

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