kleines lexikon meiner floskeln

 

 ehrlich  im ernst, ich bin überhaupt nicht ehrlich; wäre ich ehrlich, würde ich vielleicht schreien (am besten wie eggy mehrstimmig und schrill), würde ich mitten am tage bei geöffnetem fenster ein klagelied anstimmen oder  auf der fahrbahn im berufsverkehr brüllen vor schmerz, über uns und die scheisse, die wir unentwegt anrichten mit den besten argumenten der welt und unserer angst vor alleinsein und tod. dies irae, aber nicht katholisch, wenn die welt vorgeht gegen sich selber. ehrlich, soll ich mitleid haben mit unserer gier, wir kriegen den schlund nicht voll. oder unserer überheblichkeit, dabei ist das meiste gar nicht von uns.  ich habe nicht einmal mitleid mit mir, sehe nur, dass ich mich krümme wie ein durchgeschnittener wurm (aus versehen, in meinem garten): es gibt nur den einen satz, denn marie ist tot

aber ich schweige, nur nach innen sagt einer den satz ganze tage und nächte und klagt einer vergeblich.

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im ernst ist ernst die angemessene haltung im angesicht des weltzustands (im allgemeinen und im besonderen inklusive einer gesamtanalyse des aktuellen stadiums der akkumulation und verwertung des kapitals mitsamt eines inventars der folgen für die menschen (alle, die zunehmende kälte und verrohung), die demokratie (gab es schon mal sowas), die kultur (des marktes?), mit spezieller berücksichtigung der literarischen szene in lu und des laschen lektorats, plötzlich stösst man auf ein redegestrüpp und braucht einige zeit, um ins freie zu gelangen, so etwa am ende des ersten romandrittels, warum keiner das gestrichen hat?)? ganz abgesehen vom tod, der alleine schon, für sich genommen, keinen ernst zulässt, man ist noch rüstig, hat pläne, ist ein grundlegender optimist mit einem realistischen einschlag von skepsis, gesunder natürlich, isst ebenso gesund und ernährt sich natürlich, fleisch oder nicht fleisch, vegetarisch oder schon vegan mitsamt lederersatz, fährt fahrad oder spielt schon golf, strebt nach höherem, vertraut auf das leben und dann, mitten am tag, zack, kein wort, hin und weg, begräbnis in aller intimität mit freundschaftlicher verstreuung von asche, wenn nicht sowieso langes siechen und aufgefressen von krebs, umgesägt von der gesamtheit verrückter lebensbedingungen, in der blüte des lebens und kein sommer mehr.

ehrlich, ich weiss nicht, ob ich da lachen oder weinen soll, am besten beides, ich will keine sensibilität verletzen, aber ernst nehmen, so ganz tief und richtig richtig ernst nehmen kann ich die veranstaltung nicht mehr.

man lässt sich ein, macht die bude auf, lässt den andern ganz hinein, errichtet zu zweit sowas wie einen staat im staat, entwickelt eine raffinierte kultur,  kann nicht mehr sagen, wo der eine aufhört und der andere anfängt, hält das feuer am brennen, fühlt eine tiefere anziehung denn je, lebt in einer erotischen komplizität, die ihresgleichen sucht, tauscht rollen und wechselt positionen, sozial und auch sonst, hat eine zweite haut nun, vier augen und ohren und sieht die welt so, viel heller und schöner, und dann: zack, sie ist tot, nun ist man selber der durchgehackte wurm (der aus dem garten neulich, ich habe die beiden enden schnell zugedeckt, was sollte ich sonst tun) und, im ernst, sucht noch darin einen sinn, redet sich von leid und entwicklung, vielleicht gerät man auch noch an einen, der eine so empfundene trauer übertrieben findet, nach vier, fünf monaten schon fast pathologisch, also gefühlsanästhesie oder wir reden das trauma therapeutisch hinaus, aus den augen, aus dem sinn und wende man sich doch dem leben zu. 

kann man so ein leben ernst nehmen, frage ich, das wars, so ist es, seien wir realistisch.

gestern abend the life of brian, die massenkreuzigungsszene an einer art krater und die hymne the bright side of life und der satz, erlösend finde ich den, life is shit.  es musste mal wieder gesagt werden (neuerdings verstehe ich meinen vater besser).

vor kurzem meinte jemand, gelegentliche depression sei völlig normal bei der beschaffenheit des lebens und der umstände im allgemeinen und im besonderen, ich kann dem nur recht geben.

aber ernst nehmen? nö! jedenfalls nicht ganz, nicht so. es ist, wie es ist, der satz hat eine tragikomische qualität. man muss ja nicht gleich verbittert sein, aber lachen darf man doch noch oder?

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wirklich, in wirklichkeit fast bin ich geneigt zu schreiben, das ist marie: wirklichkeit ist für mich eine grenze, an der ich meiner gewahr werde; der andere; an der ich eins werde, an der ich zusammenfalle mit allem (welt, universum, gott, realität, mit marie, es war einmal). 

marie ist tot, ich fühle mich entrückt, ver-rückt auch, weggerückt von allem, es erreicht mich nicht, nicht so, nicht wie marie, da war es ein anderer frühling, nicht diese leere mitten in der explosion von farben, als sei es ein bluff, als narre mich etwas, ich werde zum narren gehalten. entwirklicht, keine wirkung von ihr. nicht mehr direkt, manchmal verliere ich mich dann. ich suche nach dieser grenze, mit diesem namen, vergeblich?

auf einem foto lächelt mich eine frau an, sie kommt mir so bekannt vor und so fremd, als durchbLätterte ich das fotoalbum einer mir unbekannten person, die hast du doch… so quäle ich mich selber, versuche in mich eine festigkeit hinein zu zwingen, es ist mir zu luftig in mir, die bodenhaftung: mangelhaft, schleudergefahr.

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eigentlich als gehe es noch weiter, als sei noch etwas verborgen, enthülle sich jetzt, als stehe es kurz bevor, eine offenbarung, (bei helminger, dem richtigen?, lese ich tatsächlich das wort epiphanie). ich rede nur von marie und meine nicht, dass ich etwas vergangenes entdecke, was ich von ihr nicht wusste. weshalb mich alle leute, die sie kannte, interessieren, jede(r) ein marie geheimnis. das auch, vor allem aber warte ich auf ihre auferstehung in mir, das fotolächeln mein lächeln. ihre sanftheit und ihre wildheit. ich weiss, alles, was ich nicht geworden bin, in meinem fleisch, was ich bloss meine (darauf kommen wir) und denke, ohne es zu sein, das ist sowieso verloren. meine melancholie; ich sehe es davon flattern. was bleibt?

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ich meine  ich lese, in einer analyse unserer befindlichkeit, dass das ego (das ich) neuerdings (seit jahrzehnten) in einer betonierten form auftritt, ein block, kein riss, kein spalt und keine distanz zu sich selber, kaum selbstzweifel oder gar nicht, kein, gelegentlich wenigstens, anschauen der eigenen herrlichkeit, von weitem, sich selber ein wenig, nur ein wenig fremd werden.

weshalb ich nun auch zögere hinzuschreiben, heute kann jedes arschloch, jedes ohne ausnahme, das, was er für seine meinung hält, ohne prüfung, ohne zögerndes innehalten, ohne die nötige bescheidenheit (angesichts der eigenen problematischen verfassung, der dunkelzonen, des unerforschten, ungesehenen, ungeahnten) hinaus posaunen auf den plattformen, die man soziale medien nennt (auch so eine verunzierung der sprache) und das sehr gut finden (sich selber anonym beifall klatschen, trollig im hintergrund).

vor allem: unsere schulbildung führt offensichtlich leute dazu, ihre meinung für eine tatsache zu halten, ein nachgewiesenes factum, wobei schon deutlich wird, im gleiten des sinns, dass auch facten gemacht und fabriziert werden können und jegliche unterscheidung zunehmend schwierig. meinungen sind selbstverständlich tatsachen, aber welcher art und wie zustande gekommen aufgrund von. fragen demnach, sich selber befragen, infrage stellen, wird das irgendwo gelehrt? warum benehmen sich dann immer mehr leute wie arschlöcher, die dummheit nimmt zu, exponentiell, eine kulturelle modeerscheinung?

man macht den mund auf und hält das gleich für bedeutsam, man stösst unflätiges aus, geht am besten gleich auf die person und ihre würde, man schlägt kapital aus seinen ressentiments und vorurteilen (was ist das?) und wähnt sich völlig im recht? 

meinungen gibt es zuhauf auf dem markt, sie sind austauschbar, für alles findet sich irgendein krummes argument, was mich so erschreckt, die liebenswürdigkeit ist futsch, die herzenshöflichkeit, die feine ironie, meinetwegen auch ein anflug von sarkasmus und eingedenk sein (worunter ich die präsenz, aktualisiert jeweils, einer innerlichkeit verstehe, wozu ein bewusstsein der eigenen unzulänglichkeit, unfertigkeit gehört).

ich werde dann schnell arrogant (vor lauter schreck und entsetzen), wer hat diesen pöbel (diesen mob) geschaffen, wer spielt auf ihm wie auf einem instrument und die geister, die ich rief…

von blossen meinungen halte ich gar nichts, wenn man mich fragt. 

die phänomene sprechen sich selber aus, man muss gar nicht hinter irgendeinen vorhang kucken wollen und seinen senf dazu geben.

das gilt natürlich für das hier gesagte auch.

 

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meinetwegen  oft ist das eine floskel, die zudeckt, dass ich an den meisten vorgängen gar nichts ändern kann, kein wortschwall kann das und die meisten taten auch nicht. ich gebe meinen segen? überhaupt nicht. keineswegs. ich nehme zur kenntnis, ich ringe um haltung, oft ist sie futsch, denn marie ist tot und manchmal möchte ich mich beschweren oder protestieren, dann stosse ich in der morgenzeitung auf den tod eines achzehnjährigen und halte den mund.

meinetwegen heisst nicht, ich unterschreibe das, gebe vor, darin den höheren sinn  zu erfassen, man liest ja einiges, aber so einfach mache ich mir die sache nicht, mein rohmaterial ist meine persönliche betroffenheit, davon gehe ich aus, ob ich weit komme damit, steht auf einem anderen blatt, manchmal riskiere ich einen sprung, weg von mir, in eine umfassendere perspektive, den schmerz lindert es nicht, er fügt sich nur ein in eine grössere komplexität. und im übrigen, ich trauere um marie, solange … ich zögere, überlege … schreibe mit bedacht hin … solange das leben mit ihr es braucht.

unter allen ratschlägen der häufigste: wende dich hin (also ab von ihr) zu den kindern und enkel kindern (was gut gemeint ist). natürlich erkenne ich marie in ihnen, aber das ist nicht nur trost, das ist schmerz.

verdammtnochmal.

 

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sage ich mir nie werde ich den alten vergessen, er war stadtbekannt, der bis zu seinem ende durch die strasse ging und mit sich selber redete, unaufhörlich, ein murmeln, der ausdruck: nicht doof oder wichtig  (wie die aufdringlichen selbstgesprächler am telefon, die reden doch auch nur mit sich) sondern konzentriert, ich hielt ihn nicht für einen idioten.

seit langem bin ich mir bewusst, unaufhörlich rede ich mit mir selber, redet es in mir, nicht laut, keine bewegung der redewerkzeuge oder doch allerhöchstens andeutungsweise, wenn der diskurs heftig wird, ich bin oft nicht einverstanden mit mir, vielles ist einfach nur schrott, aber irgendetwas unterhält eine erzählung.

seit marie tot ist, verändert sie sich, verliert sie die polemischen schärfen, die nuancen werden sichtbarer, fühlbarer, die urteilsinstanz, der innere richter, steht plötzlich allein da, auffällig sichtbar, sonst mischte er sich gerne unters volk, tarnte sich, gab sich unauffällig, seither hält er sich mehr zurück, die sache tendiert zum dialogischen, weitere gesichtspunkte ergeben sich, natürlich erkenne ich allmählich die destruktiven anteile, dennoch wird es übersichtlicher, das kampfgeschrei hat sich etwas gelegt, der pulverdampf hat sich verzogen, frieden? das ist relativ, aber insgesamt ein ruhigerer schmerz, manchmal mit einem freudigeren rand, melancholie, der engel mit der rechentafel.

regen auf dem dach, ein sanftes trommeln, ein verhaltenes rauschen von unten, nach den explosionen heute nacht auf dem schiefer, dem glas und die blitze erst und meine ruhigere unruhe.

after all, maries leben war doch eine runde sache, sage ich mir. aber den schmerz spüre ich überall.

sie lächelt, meinetwegen.

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