hochnotpeinlich

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I  Eiertanz

de mortuis nihil nisi bene, über tote sagt man NUR GUTES.

ich habe mich heute morgen hochnotpeinlich befragt, woher der zorn kommt, der mich in der nacht überfallen hat. ich bin aufgewacht, keine erinnerung an einen traum und ich war voll zorn, ich bin aufgestanden und habe ein glas wasser ausgetrunken. aber der zorn liess sich nicht vertreiben.

du tust so, als sei deine ehe die reinste idylle gewesen, das habe ich nie behauptet, ich habe eine sehr genaue vorstellung von sämtlichen stürmen und krächen. wir haben uns nicht nur im guten aneinander gerieben.

unsere friedliche koexistenz, die wir endlich etabliert hatten, baute auch auf verzicht auf. wenn ich das wort hinschreibe, entsteht eine frage, ich habe sie hier schon einmal angesprochen in einer anderen form. wir beide waren uns bewusst, dass wir dinge zurück hielten, wir haben, als marie schon arg krank war, darüber geredet, dass es mit uns beiden anders weiter gehen müsse. wir wollten, so habe ich es verstanden, unser leben radikal ändern.

Jeder von uns war dem andern noch etwas schuldig. ich will dich ganz sehen, sagte sie, sagte ich ihr. wir hatten eine vorstellung von uns, wir hatten sie gemeinsam gezimmert, gemeinsam wollten wir sie demontieren, wie ich uns kenne, lief es auf einen umsturz hinaus.

Ich hätte den umsturz sehr gerne erlebt und sie auch, soviel habe ich verstanden.

das gab ihrem tod eine weite, darin ein versprechen, nun uneingelöst.

mein zorn reicht für einen umsturz.

der schmerzliche zug um den mund, während sie lächelt, auf dem foto neben meinem tisch, während ich schreibe.

ich lese darin alle enttäuschungen.

ich sehe den verzicht.

die entschlossenheit, so geht es nicht weiter.

da war doch noch was?

wir hatten noch einiges vor.

warum waren wir manchmal so feige?

warum bist du abgehauen, verdammtnochmal!

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II Tragikomödie

ich stelle mir das grosse existentielle reklamationsbureau für solche fälle vor.

der tod schert sich einen scheissdreck um unsern umsturz.

ich träumte von vollendung – mit marie.

ich gerate in ein längeres selbstgespräch, über das ausgesparte, das, was wir auf die hohe kante gelegt hatten. man sagt sich, eines tages …

nur kommt er nicht, der tag, nun ganz gewiss nicht mehr. wie solche tage es überhaupt in sich haben.

also hat auch mein zorn (es war ein wutanfall mitten in der nacht, über mich, über sie, über uns) etwas tragikomisches (ein lachendes und ein weinendes auge).

ich stelle mir vor, marie schaut mich mit leicht spöttischer nachsicht an.

der leichte spott hat mich immer angeregt.

ich kenne nun schon zwei leute, die eine ausbildung zum clown hinter sich haben, die eine komisch herausfordernd (aggressiv?), die andere komisch (sehr) ernst (verzweifelt?), beide mit (roten) nasen.

da ich eine nase habe (ein ernsthaftes organ), schminke ich mich weiss und gebe den pierrot: der vom tod betrogene liebhaber. sein bild steht bei mir hinterm ofen.

wenn ich mich frage, worauf hast du denn verzichtet, setze ich mich hin und schaue überaus verlegen drein, ich überlege (warum strengt man sich dermassen an, um gemocht zu werden, sie mochte mich auch so. das hat sie mir gesagt. du siehst immer so angestrengt aus. ich mag dich.)

ich setze meinen zorn in nützliche tätigkeiten um (gemeinschaftsfördernde).

ich erschrecke nicht mehr, wenn ich andere frauen toll finde, ich meine anziehend und klug und überhaupt.

allerdings bin ich heute morgen erschrocken, als ich die zeitung aufgeschlagen habe und die permanente aufdringlichkeit erst. was denken die sich, denken die überhaupt? oder denkt sich jemand die aus? ich spüre, wie mir die wut hoch steigt, zu kopf.

man denkt, nur ist die frage, wohin denkt man. wohin mit dem durch(ge)dachten zorn?

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