was ist altsein

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na, alter, sagt jemand im traum, im aufwachen nehme ich an, es war marie z., die spöttische stimme erinnerte an alles, sie meinte nicht mich, aber im halbschlaf schon bin ich beleidigt, bin ich nicht auch ein alter? es war nicht auf die jahre gemünzt, eher auf die haltung und gesinnung.

warst du gemeint, fragte ich mich, denn ich war doch getroffen.

und nun die gewissenserforschung (noch vor dem ersten augenaufschlag).

was ist altsein und -werden.

seien wir ehrlich, das schlimmere ist nicht die abnehmende gliederbeweglichkeit, das allerschlimmste ist die unbeweglichkeit „oben“, im denken und fühlen, nicht nur das immergleiche immer wieder von vorne, sondern auch die engere umzäunung, die abwehr des neuen (wenn es denn neu ist), die sklerotisierung, die erstarrung und sturheit, das hämische auch, das beginnend lebensfeindliche, wenn ich es schon nicht mehr haben kann, sollens auch die andern nicht haben, der rückfall, denn stillstand gibt es nicht, entweder es geht weiter oder es geht zurück und dann kriecht etwas uraltes totes in die welt und hat eine freude am kaputtmachen von allem lachen und weinen, von allen lebendigen regungen, dann brabbelt es nur noch, dann kommen die berüchtigten argumente, die das alles untermauern sollen, es ist das system und der sachzwang und wir können nicht anders.

was heisst, das altwerden, eine fragwürdige version davon, schwappt über und erfasst auch die sogenannten jungen, da ist dann hopfen und malz verloren, da schaut einen uraltes an und selbst in den neuesten neuerungen scheint es auf, ein uralter unbewusster hass auf das lebendige, den körper, hin zu einer wie auch immer gearteten erlösung, aber weg von, weg in die kalten abstraktionen von formeln, keine sinnlichkeit mehr und wenn, dann nur noch glattes, unkompliziert flaches, poliertes, metallenes, aber kein leben und das ist immer bunt, wild, saftig, komplex, unberechenbar und äusserst widersprüchlich und da kommen anfang und ende vor, aber zu ihrer zeit und nicht schon vorgezogenes totes, mumifizierung, zombiemässiges, seelenlos, und darin auch irgendwie fürchterlich dummes, strohdummes, ein schwarzes loch, das  alle lebendige,  freudige, schöpferische vernunft verschlingt.

wir sind sehr geschickt darin, alles wie eiserne notwendigkeit aussehen zu lassen. alternativlosigkeit riecht auch nach wartesaal und bald kommt der tod, inzwischen machen wir einfach weiter.

weshalb ich darauf komme: ich habe mir von Ulrich Horstmann den vergriffenen phantastischen roman „Das Glück von OmB’assa“ (Suhrkamp 1985) antiquarisch bestellt, weil ich auf den ausspruch eines seiner protagonisten gestossen bin, der planet erde sei die „Strafkolonie der Milchstrasse“ und der weiteren Umgebung.

als folge dieser entdeckung habe ich mir nebenbei eine dokumentation in mehreren folgen über den zweiten weltkrieg angeschaut, in relativ kurzem zeitlichem abstand die zweite eigentlich und verblüffend erschreckend der eindruck. das finale ist natürlich der abwurf der zwei atombomben auf hiroshima und nagasaki und alles vorhergehende läuft auf die rechtfertigung des abwurfs zu.

irgendwann zwischendrinn habe ich die fassung verloren und bin in tränen ausgebrochen, ich konnte gar nichts tun.

die frage, was ist altwerden hängt dann plötzlich intim mit der anderen zusammen, wer sind wir, die bewohner der erde.

die frage ist nicht unschuldig, mich hat jemand auf ein soeben zirkulierendes video über einen verzweifelten imker aufmerksam gemacht, der seine verwüsteten bienenstöcke vorführt und verzweifelt ausruft,was die bienen umbringt wird auch uns umbringen.

 

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der heimliche hass auf das leben ist etwas uraltes, es ist die verknöcherung selber, der rückfall ins mineralische, versteinerte, es fühlt sich an wie altersstarrsinn und das regnum der senilität, wir sind todesflüchtig, säubern ihn hinaus, in unserem weltbild ist er abstrus und „surreal“ (Jochen Kirchhoff), andererseits sind wir von dem toten fasziniert, wollen wir weg vom sinnlichen, hin zum ewig haltbaren cyborg. hundert jahre werden alle bald in naher zukunft, lese ich in magazinen, aber mit dem altwerden können wir nichts anfangen, dem altsein können wir nichts abgewinnen, aber im ganzen betrachtet sehen wir uralt aus, verbohrt, obsessiv und autodestruktiv senil.

„Sie sind aber jung geblieben“, das ist die ultimative frechheit. als ob jungsein, altersmässig, eine garantie sei gegen eine verstockte festgefahrenheit in einem klischee von lebenswertem leben, mit einem schuss infantilität.

eigentlich erstaunlich, dass es noch sowas wie frühling gibt, auferstehung im garten des soeben noch verborgenen leben, die ersten weissen blüten, schon länger die kätzchen der haselsträucher, und die tage sonniger, an der fassade blüht schon länger diskret aber beharrlich der jasmin. und die menschen: sind wacher als sonst und spontan freundlicher.

jüngst bei einem spaziergang am Palmberg in Ahn (der aromatische duft des wilden buchsbaumwäldchens ist kindheitsaffin, wirbelt bilder hoch einer damals schon gefährdeten ganzheit, ich sehe den grossvater fassungslos vor dem massiven bienensterben stehn, der aufdringliche geruch der ersten pestizidenwalze lag süsslich in der luft) waren die farben noch fahl, der boden von den letzten regenfällen aufgeweicht, das erste frühlingsgrün noch zurückhaltend, aber die luft über dem moseltal schon ein einziges versprechen von erneuerung und frischer beweglichkeit, eine ahnung von einem anderen leben und denken.

meine enkelinnen klettern in bäumen und und werden frühjahrsmässig frech.

lachen geht da ganz von selber und kein trotzdem.

(wenn kritik nur noch nörgelei ist, sieht sie auch uralt aus. die versuchung ist mir sehr bekannt.)

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