Sommerloch I bis IV

Sommerloch I

abgetaucht im sommerloch, abgesackt, klare gedanken sind rar, selbst der sharpe Mr. Mueller war nicht so gut drauf und die sensation blieb aus.

wie sieht es drinnen aus.

ich gerate von einer neuen lage in die nächste, keine stabilität und ich habe etwas schwierigkeiten das gleichgewicht zu wahren, tauche lieber ab in unbewussten nebel, aus dem ich gelegntlich lädiert wieder auftauche; die kleinen verrichtungen halten mich, café zubereiten, das geht immer, abwasch, wäsche, aufräumen, zeitung lesen, vielmehr beiseite legen.

was die aus der welt machen. wer? die entscheider und -innen, wobei ich meist doch mehr männer als frauen sehe, ich kann nicht behaupten, die orientierung sagt mir zu und die verbalen verzierungen auch nicht, es geht mir nicht um gebelle und die karawane zieht weiter und weil einer die rolle übernehmen muss, nein, ich bin grundsätzlch nicht einverstanden, es geht nicht mal um die prioritäten, die ganze marschrichtung behagt mir nicht und die gesinnung, ja die vor allem, stösst mich ab.

das hat gar nichts mit der hitze zu tun, es ist nicht einmal theoretisch fundierte meckerei und mäkelei, es ist ein grundlegendes unbehagen an dieser kultur, ein tiefgehendes gefühl, so ist es nicht.

allerdings erlebe ich auch das gegenteil, denn etwas anderes ist nicht bloss möglich, es ist im anmarsch und in der mache, aber die einstellung ist ganz verschieden von dem mehrheitlichen gedröhn.

 

Sommerloch II

orientations, so hiess die beratungspraxis meiner frau und solange ich mit ihr zusammen war, orientierte ich mich an und in der beziehung. damit war die orientierung klar, obwohl zwischen durch entstanden immer wieder fragen, grundlegende, nach gender und sexueller „einordnung“, es gibt halt wirklich eine historisch gewachsene, gesellschaftlich eingebettete ordnung, deren aufrechterhaltung mit mitteln disziplinarischer art geschieht, die leute unglücklich macht(e).

und ehrlich gesagt (siehe kleines lexikon meiner floskeln) ich bin der regulierten spiele und anerzogenen oder soll ich sagen eingehämmerten muster müde und leid.

und dann wird auch noch eingebleut, irgendeine studie beweist es garantiert, dass alleinsein schädlich und nicht so günstig und beziehung einfach nur gesund ist. und für alles verhalten hat irgendjemand eine scheisskategorie erfunden und die wird dann solange kolportiert, bis alle dran glauben, wie sie vorher an den nikolaus oder an den lieben gott geglaubt haben. und man muss einfach in eine kategorie hinein, entweder man ist schwul oder lesbisch oder bisexuell oder hetero, am liebsten strenggläubig und der ganze hass und die verachtung und persekution des andersgläubigen, am besten einer minderheit, deutet daraufhin, dass in dem abgrenzungswahn eine tiefsitzende angst steckt, es sei mit den schön abgegrenzten kategorien doch nicht so weit her.

eins ist jedenfalls klar, sobald man ein paradigma ins wackeln bringt wie etwa das patriarchat, gerät die ganze abgrenzung ins wanken und schwimmt weg und wenn nun jemand auftritt und sich noch auf die alten schubladen bezieht und darauf pocht, wirkt er seltsam angestrengt und auch irgendwie komisch.

mir fällt dann immer die parabel von der maus bei kafka ein, die angst bekam vor der weite der welt und sich erst wieder beruhigen konnte, als eine mauer auftauchte und dann eine zweite und schliesslich eine ecke und darin eine katze und die frass die maus auf. das ist ein wunderbares bild für die menschenfressende wirkung der schön gefügten kategorien. den letzen satz -„du musst umkehren“ – hörte die maus und hörte ihn doch nicht mehr, denn da war sie schon im katzenfang und es knackte. was heisst solche einteilungen sind tödlich, sie machen das leben kaputt.

also konkret, zur sache und zu den fragen: sind sie hetero? sind sie schwul? sind sie etwa bi? oder trans oder queer oder sonst eine kategorie, in irgendeine müssen sie doch hinein.

und ich: nein, nein und nochmals nein und ganz nein.

ja, himmelherrgottnochmal, was sind sie denn?

ich muss nicht mal überlegen, ich habe keine ahnung. ich weiss nur eins, intelligenz und herzenswärme finde ich, wenn sie zusammen auftreten, meist sehr anziehend – ich weiss, ich weiss, in der zwischenzeit ist das auch eine kategorie. der sapiens leidet an einteilungswut, sonst gerät er ins trudeln und vor der weite des ungefähren kriegt er den schwindel.

ja, da wird einer siebzig und hat es immer noch nicht herausgefunden. das müsste eigentlich verboten sein.

Sommerloch III

Hier glaube ich gar nichts mehr, ausser an ein paar unübersehbare fakten und dann ist es kein gauben, sondern ein wissen und das bin ich dann. (so ungefähr redet der staller bei hubert & staller, wenn man den beiden zu lange zuschaut, gerät man ins gleiche gerede).

ich meine nicht nur die zeitung und verwandtes, sondern überhaupt, denn wenn es nicht unsäglich seicht ist, dann ist es meist bloss irgendeine halbwahrheit, aber nie der ganze riemen.

denn der sieht doch anders aus. so auch die meisten berichte über den sogenannten klimawandel, der eine zivilisationskrise ist und alle wollen, dass das ding weggeht, und zwar schnell und radikal, aber nichts soll sich ändern an dieser lebensweise und am denken schon gar nicht, au ras des pâquerettes.

eigentlich würde es einem ja gut gehn, meinte jüngst einer, und ich sagte darauf, aber schlag bloss nicht die zeitung auf und dass es einem so richtig gut geht, daran glaubt man ja auch nicht so recht, denn man weiss ja nicht bloss, sondern man ahnt und spürt insgeheim, wie sehr alles aus dem lot ist.

aber das setzt voraus, dass man die eigene sensibilität nicht mit dumpfheit und flachheit anästhesiert.

inzwischen sind die temperaturen von 38 auf 18 abgesackt und es hat ein wenig regen gegeben. ausser dem windet es und der garten atmet auf. am sonntag ist es hier fast still, manchmal eine lautere stimme und die ambulanzsirene in der ferne und das rauschen der autobahn, alles rollt nach süden und ich bleibe hier. das ist schon als vorstellung absolut entspannend und eine erleichterung sondergleichen.

auf der terrasse klirrt die windharfe. ein unsichtbares flugzeug bewegt sich nordöstlich, wenn ich die herkunft des lärms richtig deute, bald nur noch ein fernes rauschen. eine tür in der nachbarschaft klappt zu. die sirene jault wieder kurz, die böen werden, so scheints, stärker und in meiner ecke wird es langsam zu frisch.

Sommerloch IV

abends frage ich mich immer, soll ich oder soll ich nicht, sowas wie ein kleines glück ausprobieren, denn das grosse erwarte ich gerade nicht, es trifft, wen es trifft und ist sehr flüchtig und festhalten wollen, na, das is a schmarrn.

der sonntag ist hier so still wie eine kleinstadt und mehr ist es am sonntag auch nicht oder im sommerloch, das alle hektik verschluckt.

ich frage mich dann immer, was aus der stille als erstes auftaucht und es ist meine sehnsucht nach Marie.

und das sogenannte neue leben ohne sie ist ein ewiger anfang, darüber bin ich garnicht hinaus.

ich träume weder von stränden noch von bergen, vielleicht geht sie dort herum und man muss schon einigermassen einsam sein, um sie dort zu sehn.

man gewöhnt sich an schmerz so gut wie an lust. wenn man die wegschiebt, spürt man gar nichts mehr.

dass es dich umhaut, dass es dich erhebt, dass du fällst und steigst, das habe ich mir unter erleuchtung nicht vorgestellt, als ich noch davon träumte, es ist schon eine weile her. nun merke ich, es geht nur um eine leichte verschiebung, du leidest wie ein hund, du freust dich, du gehst schleppenden schritts, du gehst beschwingt und du sagst dir, das ist es, denn du siehst gleichzeitig zu, es ist das quentchen distanz, das es ausmacht. und du bist der alte und du bist es nicht.

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