infinity royal oder Marie

unaufhaltsam der fortschritt, infinity royal belval, expansion, ausdehnung, landfressend, wachstum, markt, dynamisch, jung, das neue Grosskleinstein. vor allem aber infinity, hoch hinaus und ewig, das vor allem, ewig und unsterblich.

ich lese zeitung und die namen stossen mir später auf. et je les régurgite. das schiesst aus dem boden wie pilze, das vermehrt sich so schnell wie geld, das geld heckt. konkurrenz sodann, das hatte ich ganz vergessen, markt, überhaupt markt und frei.

mich beeindruckt seit gestern das pamphlet von François Sureau, Sans la liberté  (trotz seiner ausblendung wirtschaftlich-sozialer gegebenheiten).

so hier, royal belval infinity, kein widerspruch bitte, widerspruch ist nicht dekorativ, sondern: unbequem, überhaupt die toleranz für widerspruch, denn ohne den widerspruch kann freiheit nicht existieren, risiko, abenteuer, das sind die eigentlich belebenden begriffe, die mit freiheit verschwistert sind, es sei denn unter freiheit versteht man nur noch die freiheit, seine haut  möglichst teuer zu markte zu tragen und die freiheit zu kaufen, alles, soweit das geld reicht, sonst drückt man sich halt die nase platt an den schaufenstern der warenwelt.

der staat, so lese ich bei Sureau, ist immer eine freiheitsfressende, einschränkende instanz, sicherheit vor freiheit, nur kein risiko, der bürger und wähler verwandelt sich in einen kunden, der allerdings die natur des staates verkennt. es ist nicht der staat, der die freiheit verteidigt.

ich denke nur so nebenbei an die vermehrung von cameras, kompatibel mit software fûr gesichtserkennung, man lauscht sehr lange in die politische landschaft hinein, bevor man einen protest hört, sicherheit vor freiheit, es dürfe die arbeit der polizei nicht einschränken, sagte kürzlich einmal der polizeiminister, da war ich perplex, soll das gesetz nicht gerade das tun, dieser arbeit einen rahmen geben, der den bürger vor übergriffen schützt, es wäre fûr die polizeiarbeit sicher einfacher, über jeden bürger eine datei anlegen zu dürfen. (inzwischen gibt es bei uns allerdings mehr einwohner als bürger, mehr angestellte als einwohner etc., also auch für die? und alles andere eine einschränkung?)

mir wird echt bange bei solchen verbalen ungenauigkeiten. was ist eine einschränkung? und welche einschränkung der freiheit ist gerechtfertigt?

ich höre, es wird angeraten, sich mit kritik zurück zu halten, gewisse fragen bitte nicht zu stellen, das stört die kommunikative landschaft, hier ist doch alles einschaltquote, kein markt für kritik, zu spitze, es darf nicht weh tun. es ist nicht dekorativ, nicht royal belval infinity. solange das geschäft läuft, was kann man mehr wollen.

er ist dagegen, das steht fest.

nein, er ist nicht dagegen, und was heisst schon dagegen, das würde erstens nichts an den tatsachen ändern, die gerade geschaffen werden, und weil es doch nichts ändert, trägt es zu meinem wohlbefinden nichts bei, im gegenteil. aber ich beobachte, schaue zu und verständige mich mit mir selber über das wahrgenommene, ich will immer noch wissen, wo ich lebe, prüfe sätze aus meiner lieblingsserie, je mehr sich alles ändert, desto mehr bleibt dasselbe, es ist tatsächlich previsibel und schön ist dann doch noch eine andere kategorie, die sich gerade entzieht.

da ich in einem eher ruhigen teil meines stadtviertels lebe, dessen expansives profitpotential sehr begrenzt ist, denke ich nur jeden tag zweimal daran, ob ich nicht doch lieber aufs land ziehen soll, wo ich mit den bäumen reden kann, beim aufstehen schon.

es tut mir auch nicht leid zu sagen, dass ich beim anblick der neuen royal belval infinity jedes mal unweigerlich an Marie denken muss, die es am ende nicht mehr in der stadt ausgehalten hat, sie wollte aufs land, da hat infinty noch eine andere qualität, da kann man nachts noch in den sternenhimmel schauen und sich vorstellen, dass man keineswegs einsam in der weite herum schwebt, was danach einiges hier unten, besonders den gewinnverengten scheuklappenblick, doch enorm relativiert. sie hat dem umzug an den waldrand dann doch die infinity vorgezogen.

was ist dann mit schmerz.

ich kann nicht behaupten, dass das neoexpansive grosskleinsteinstein keine eher unangenehmen, also doch etwas schmerzlichen gefühle hervor ruft. ich schaue mich dann immer um, als sei Marie noch da, der ich zunicken kann, worte sind schon gesagt, das komplizenhafte kopfnicken genügt, die intime kumpanei fehlt mir enorm. im zweifelsfall wurde sie mit ausführlicheren gedanken unterfüttert. auch das fehlt.

jüngst stand ich am fenster in unserem alten haus und erblickte aufeinmal die runde schönheit unseres gemeinsamen lebens in haus und garten und sträuchern und bäumen und ihr wesen kam mir als das entgegen, was ich erblickte. es ist ein fragment geblieben und doch rund und eine reine freude. und dann kam der schmerz, dass es das nun nicht mehr gibt. aber man kann es sagen.

und auch das ist schon gesagt und  besser und deshalb setze ich den text und die vertonung hierher:

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Friedrich Schiller

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