ça bouge dehors

 

Ed Ruscha 1963

es regnet, hecken und bäume tanzen dazu, zwei autos rauschen eher sanft vorbei, es ist sonntagmorgen, ferne geräusche im haus, noch ferner alle gedanken an irgendwas nützliches tun, am besten ist es unnütz. gestern abend mitten in der lektüre von „Stille“, eines schmalen büchelchens des norwegischen abenteurers Erling Kagge, der wissen muss, wovon er redet, er war zum südpol und nordpol, zum everest und in den untergründen von ny unterwegs, spüre ich den steigenden drang mich auf den laptop zu werfen und weg mit irgendeinem unerheblichen scheiss.

mich inspiriert das kleine büchelchen, einfacher weisser einband, insel verlag und keine dummen sprüche, keine meinungen über irgendwas, keine sogenannte geschichte, die irgendein drame sordide enthalten muss. darunter geht es offensichtlich nicht mehr. dabei sind es die kleinen „dramen“, die das leben ausmachen und darüber entscheiden, wie man lebt oder das leben eben verpasst. aber der drang sich abzulenken, weg von sich, nur weg weg weg, das kommt mir vertraut vor, da ist die rede über uns über mich. und dann das seltsame experiment mit 15 minuten stille in einem raum ohne irgendeine ablenkung, ruhig auf einem stuhl, anscheinend halten die meisten das gar nicht aus, flüchten lieber vor sich selber, haben angst vor sich oder der leere ihres lebens, dem memento, das in der stille aufsteigt, lebst du oder schmeisst du dich gerade weg. und dann: aus der distanz sehen viele unserer allerwichtigsten tätigkeiten belanglos aus, unwichtig. sodann die langeweile…

heute morgen erwache ich mit einem verstörenden anziehenden traum von einem stärkeren leben, nicht unbedingt einem, das gefüllt ist mit allem möglichen, nicht mehr von diesem oder jenem, jenem vielleicht doch, vor allem aber mit stille, „die welt aussperren“ nennt Erling Kagge das, er meint nicht weltflucht, er meint eher die ablenkung, die zerstreuung, die flucht vor sich selber und deshalb vor dem moment présent.

nein, hat etwa jemand gemeint, es sei ein beratungsbuch, nein, er redet über sich und deshalb über uns, über mich vor allem, ich mische mich nicht gerne in das leben anderer ein.

stille kostet ein wenig mühe, die stille in sich suchen, das strebt er an und wenn ich sein buch lese, dann breitet sie sich aus – in mir.

zuerst der eindruck, wenn man sich dem eigenen zuwendet, man fällt ins nichts, die fülle sucht man lieber ausserhalb, in den hunderttausend dingen der welt, aber in sich? das chaos der random und weniger random gedanken, die gefühle, die habits, die schlechten und die guten, die ganze konfiguration, die wahrnehmung des körpers, die aussengeräusche, der impuls, weg davon, hin zum schirm, zu den nachrichten, zu irgendeinem belanglosen streifen auf nixflitz, das habe ich überdeutlich gestern gespürt. dazwischen gedanken an den eigenen tod, an die verpassten momente, das bewusstlos vergangene leben, die leeren tage, ausgefüllt mit automatismen, das bedauern, die angst letztendlich nicht ohne angst sterben zu können, weil alles wesentliche verpasst.

 

es ist tatsächlich mühe, es geht nicht von selber, das wegwerfen liegt einem offensichtlich mehr, fällt einem leichter, es ist arbeit, vielleicht die einzig wichtige.

und dann, ein zipfel frieden, beruhigung, l’accès de panique se dissipe comme un brouillard qui a caché le paysage interne, das leben mit sich selber, keine ausflucht, dort sei sowieso nichts zu finden.

das herz klopft, in den händen prickelt es, die beruhigung treibt die schönheit hervor, ein strauch mit gelben bLättern im wind, das rostrot einer hecke, grüne rasenflecken davor, schritte in der treppe und das abgefederte zuklappen der haustür, ferne glockenschläge, das geräusch von fingern auf einer tastatur, besänftigung durch das schreiben, sätze, die niemand zu lesen bekommt, das gewiss.

jemand fragt mich, ob längeres sprechen über tod, krankheit und sterben mich zu stark berührt.

zwischendurch denke ich an Marie, die vor zwei jahren noch sieben tage zu leben hatte und dann erlosch wie eine kerze im wind, flackernd.

ich denke daran, ob ich gerade meine leben verschwende; mit wievielen regrets ich mich herum schleppe, ob ich Marie genug geliebt habe, ob ich überhaupt noch zu lieben fähig bin, ob ich müde werde, überdruss empfinde, wenn ich die zeitung aufschlage.

ich halte mich auf dem laufenden, aber vieles ist bloss noch affairismus, mode, kurzlebig, sprücheklopferei, geräuschvolles getue über innerer leere.

ich stelle fest, wie wichtig kunst mir ist, wie sehr ich nach schönheit dürste und oft in der stadt am verdursten bin vor dem egalwas, das mir entgegen kommt.

ich werde jetzt ein wenig weiter lesen in meinem buch über stille, ich schätze abenteurer sehr, leute, die es wissen wollen.

danach werde ich den wald aufsuchen und mit den bäumen reden.

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