der hans aus dem märchen

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ich sage mir, so oder so sitzt du am tisch und schaust aus dem fenster in die lücke zwischen den beiden häusern gegenüber auf sträucher, rasenstück, rostrote hecke und baumkronen, wovon eine zu einer pappel gehört, aber jetzt in der sonne, da sehe ich genauer, es ist doch eine von zwei birken und dazwischen eine tanne, keine mickrige wie jüngst im wald, als ich mich fragte, wieso hat man diesen baum gecshlagen, es ist doch angeblich ein naturreservat.

die sonne teilt die hausfassade in eine hell beleuchtete seite mit dem schatten eines regenabfallrohrs und eine schattige, fahlere, aber die grenze ist fahrig, sonne an der eingangstür, aber nicht im fenster daneben, sondern in dem darüber.

keine geräusche ausser denen, die ich selber mache mit der tastatur, und ich huste einmal, sonst ist es still, fast still, ich höre andeutungen des bekannten stadtlärms, skizzen, aber nichts fertiges, das kompakt daher kommt, sich aufbläht und verschwindet.

das erste telefonat ist geführt, die mails abgesucht nach wichtigem, ich bleibe für kurze zeit hängen bei einem essay über die gründe, warum jemand die welt der akademischen filosofie verlassen hat, die grossen fragen könne sie auch ausserhalb stellen, sagt die verfasserin,  und leichter. die argumentation leuchtet mir ein. In diesem zusammenhang frage ich mich, was ist bildung und vor allem wozu.

„So habe ich Bildung seither verstanden, als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, der anders ist und diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht. Deshalb missfallen mir Entwicklungen, die Bildung standardisieren und Leistung vergleichbar machen wollen.“ (L. Bärfuss, Stil und Moral, btb Verlag 2018, S. 18)

Habe ich schon irgendwo erwähnt, dass ich mir des öfteren vorkomme wie der Hans im Märchen, das ist der, den man zuletzt fragt, wenn die andern gescheitert sind, der anscheinend dumme, naive, der meint, die welt sei ein netter freundlicher ort und der dann das gegenteil schmerzlich erfährt, dem es aufeinmal wie schuppen von den augen fällt, der zu sehen beginnt, wie machtverhältnisse funktionieren, seilschaften agieren, wie man massen beherrscht, in einen bann zieht, am narrenseil führt, wie die angeblich so mächtigen ihrerseits nur puppen an schnüren sind und mein heimlicher held wurde allmählich der mann mit eule, spiegel und schellenkappe.

mit illusionen lebt es sich leichter; wenn man wissen will, bettet man sich nicht so bequem. wenn man fragen stellt, landet man unweigerlich bei der frage, wer bin ich und in dem gleichen augenblick splittert der spiegel in tausend facetten und man ist auch der andere, der fremde, dem man an der ecke begegnet und der nicht grüsst, sondern sich eilig davon macht.

andererseits sehe ich durchaus das ganze, unteilbare, identische einer existenz, ihren skulpturalen charakter, wenn ich auf das foto von Marie schaue, das genau gegenüber von meinem sitzplatz am morgen auf der fensterbank steht, sie schaut, ich weissnichtwohin an mir vorbei in die ferne und ich erblicke im gleichen moment so etwas wie ein abgerundetes geschlossenes wesen, eine essenz, ein selbst, das bestand hat und sich noch immer wandelt, in meiner welt auf jeden fall.

das tut auch weh. dass sie aber daneben steht und mir beim schreiben über die schulter guckt, ist schon fast eine selbstverständliche erfahrung. hält es stand, frage ich dann. oder lass ich es dort, wo es gut aufgehoben, im speicher des laptops. da gibt es eine schöne sammlung; darüber steht am eingang: „dass du kein Tolstoi bist, das weisst du ja selber.“ (Marie, so gar nicht spöttisch)

ich arbeite im geheimen an einem opus, das dort vermutlich einzug halten wird, so eine art entretiens dans le boudoir, mit meinen spärlichen mitteln, aber es macht spass und während ich daran bastle, fällt mir ein, was dringend erledigt werden müsste und andere aufbauende gedanken, wie, ist das dein ernst, für die schublade zu schreiben.

ich habe nichts zu sagen, ausser einer ausstellung von unerheblichkeiten und einer freude am schreiben. wenn das nicht der fall wäre, würde ich mich morgens umdrehen im bett und weiter träumen. und um dieser beschäftigung nachdruck zu geben, veröffentliche ich es dann, es ist wenigstens potentiell zugänglich.

ansonsten schaue ich zu und flaniere.

politiker stehn in einer reihe und lächeln, das zeigt mir die abonnierte gazette. die kosten explodieren, sagt einer, aber wir haben alles richtig gemacht und alles ist zum besten in der besten aller hauptstädte und sie wird schöner mit jedem tag. da kann ich beruhigt in meinen alltag gehn. sorgen mach ich mir keine, alles ist doch in guter hand und die macht alles richtig, dagegen ist es doch unerheblich, dass die victoriafälle keine fälle mehr sind oder doch nur noch welche aus felsgestein.

ich beschwere mich nicht, ich nehme zur kenntnis, stelle dinge nebeneinander und sie werden beredt und auf ganze sätze fällt dann ein anderes (zwie)licht.

und während ich diese unmassgeblichen dinge notiere, bemerke ich langsam, allmählich wollte ich sagen, gemächlich also, die stille in mir. das kann irritierend sein, wenn man einen gedanken zum aufschreiben sucht, aber es präsentiert sich keiner, windstille dort, wo öfter chaos ausbricht, ein seltsamer einfall am nächsten, ein wirrer haufen und nun, flaute, ein auto fährt vorbei, die sonne hat den oberen teil der hausfassade gegenüber erreicht und das haus, das in die lücke lugt, während der himmel dahinter nach regen aussieht.

der Müllwagen kreuzt auf, gerappel nebenan, und entfernt sich.

sonst passiert nichts.

ich werde dann doch meinen bürokram erledigen müssen.

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