das bekannte ganz fremd

 

DIE STILLE.

man horcht schon etwas misstrauisch.

aus den gärten hinter dem haus kinderlachen und -geschrei.

risikogruppenfeeling.

in den tag hinein leben, der eindruck, die alltagsstruktur sei weggebrochen, aber gab es sie überhaupt.

gestern morgen ein erster claustrophobischer anfall: ganz zuhause bleiben?

dann entspannung, die enge macht hysterisch, lass es, sag ich mir.

natürlich vermisse ich meine enkelkinder, die kleinen anarchisten.

die autogeräusche kommen einem gedämpft vor, wie sehr weit weg.

der frühling ist ausgebrochen, fast unbemerkt.

ich habe keine regale geplündert, aber meine ansteigende hysterie: wie gefangen in einer art wachalptraum: amüsiert mich gar nicht. ich mache zur kompensation zynische witze, rege mich auf, sind die über 70jährigen nun abgeschrieben.

die pressekonferenz von regierungschef und gesundheitsministerin: die frau hat format, jedenfalls nach der art zu urteilen, wie sie redet.

natürlich denkt man jetzt öfter an den tod. aber: hatte man ein leben, ich meine, ein konsistentes, ou bien, est-on bourré de regrets, alles, was man hätte tun wollen, jedoch nicht getan hat. „hätten an haten, waren zwou aarmer stadten.“

wie schnell ein leben kippen kann, hat man (ich) gewusst, erlebt, es haut einen um, wie alles aufeinmal nur noch duster ist. aber eine ganzes gesellschaftliches gefüge in einer akuten krise wie dieser, wie geht das weiter: ist neugierde noch eine erlaubte einstellung.

dann denkt man an die verletzlichkeit der globalisierten struktur.

die ersten stimmen, was man daraus zu lernen hätte. warnungen vor dem (wirtschaftlichen) kollaps.

wie resistent:resilient ist eine moderne gesellschaft.

in die stille hinein auch viel gerede. klugscheisser geschwätz.

agaçant.

die hysterie der permanent aktualisierten fakten, heute sind es …

ich sehne mich nach dem meer, der weite des horizonts. dem changierenden blau. kiesel unter den füssen.

oder doch lieber waldeinsamkeit? eremitenallüren. bedächtiges, nur noch hören und riechen, waldboden, frühlingssonne auf kahlen ästen, fallholz, abseits von den pfaden an einem hang, zwischen schwarzen stämmen das gleissende licht des flüsschens, moosiges wurzelgeflecht, blätterrascheln, erstes zartes grün, knospiges.

seltsamer optimismus: man hatte ein leben und was für eines, kräftig durchmischt, nun: jeder tag eine gnädige zugabe. resignation und aufbegehren. fuck it allüren.

hinein horchen in die stille: wie geht es den andern.

und wie ist es um das seelische immunsystem bestellt: was bewirkt die erfahrung, dass ein angeblich stabiles system von einem tag auf den andern in die ungewissheit kippt. lebensangst, weil die dinge nicht so sind, wie man angenommen hat? heilung von einer illusion oder angstneurose? panikattacken?

beruhigendes kindergeschrei aus den gärten. über allem ein helikopter. vogelgezwitscher. sonne im hinterhof.

was lerne ich gerade über mich?

ich hole noch einen café.

fatalismus und lebenslust. gesteigerte wahrnehmung: alles farbiger, intensiver. wie schön die stimmen aus der nachbarschaft. seltsames gefühl des verbundenseins.

die sonne auf den fassaden gegenüber: wie gemalt, wie aus einem traum. das bekannte ganz fremd.

 

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