der kaffeesatz gibt auch nicht viel her

diese merkwürdige beklemmung, ist das etwa angst.

die geschichten von wildfremden rücken plötzlich sehr nah.

la boîte au confinement: tourner en rond. schwanken zwischen resignation und empörung. der „unmöglichen“ situation etwas positives abgewinnen: vögel identifizieren und benennen, deutsch, lëtzebuergesch, englisch und französisch, gimpel, star, fink, sturnus vulgaris, markollef, blaumeise, goldfinch, drossel, spatz (sehr variiert, die sorte) und pillo und wieder von vorn; gestern auf arte die frage, warum haben zebras und schmetterlinge ihre zeichnung oder wozu. die seltsamen fantastischen gebilde der natur.

wieso fällt mir Kapitän Haddock ein, donner des noms d’oiseaux à qu. („En langage familier, un nom d’oiseau (pluriel : noms d’oiseau ou noms d’oiseaux) est une insulteDonner des noms d’oiseau à quelqu’un est un euphémisme pour l’insulter, l’injurier ou même l‘outrager.). das ja, ganz gewiss das, aber wem oder was? viren scheinen mir nicht die rechten adressaten, wem oder was dann: dem kalt gewordenen expresso? dem unsichtbaren nachbarn? dem post boten heute früh? der mutter mit kind und kegel, die gerade vorbei zieht? der meist leeren strasse? allerdings gibt es eine richtige sauerei! die magnolienblüten haben die kälte nicht gut=heil überstanden.

irgenwen oder irgendwas muss es doch geben, der:die/das meinen unmut weckt, meine, mein,naja, was ist es denn nun genau: aufgebrachtsein?, leichter anflug von zorn, hinüber neigend zu einer art jammer?, selbstmitleid, ausgelegt über nackter angst?, und wenn es mir nun auch an den kragen geht? oder ist es einfach nur die art schwindel, wenn man in der ausnahmekiste, soviel meter mal soviel meter, im kreise dreht und der ideosynkrasien ansichtig wird, mein gott, mit was für einem kerl lebe ich nun schon sieben jahrzehnte zusammen? und die hände über dem kopf zusammen schlägt.

ich denke, man wird doch etwas seltsam, spricht morgens schon mit sich selber wie mit einem anderen, fremden, der einem leicht auf den wecker geht, so früh am tag die gar lästige präsenz, sofort manifest beim ersten blinzeln. man erinnert sich: gestern war der kerl total versackt, keine disziplin, an den übungen schon am dritten tag das interesse verloren, aber dann der schuldbewusste anfall vor dem spiegel, hat der speckansatz an den hüften nicht zugenommen und die ringe unter den augen von der schlaflosen nacht wegen dem expresso noch um halbsechs.

und kann der sich nicht gewichtigeres einfallen lassen. (und nebenbei: fast schon reflexhaft der neuesten coronanachricht den saft abgedreht).

und schliesslich die vorwürfe, die „das solltest du“, könntest du doch“ flankieren, eine tägliche gebetsschnur. (1) du könntest mal wieder was ordentliches lesen (2) regelmässig am hometrainer treten (3) meditieren (4) ein paar gedanken erwägen (4) früher aufstehen (5) die siesta etwas kürzen (der kerl verpennt den halben tag) (6) endlich staub saugen (7) weniger expresso trinken (8) schreiben, aber nicht diesen oberflächlichen mist (9) aufhören mit überholten vorstellungen und die neue lage verpassen, denn: die paradigmen des vorigen tages sind spätestens um die mittagszeit des heutigen outdated (10) demnach eine filosofie der disruption (bruch, störung, riss, diskontinuität, perturbation, distorsion, dérèglement, glitch) angebracht. hepp hepp: warum sitzt du noch immer auf deinem alten ausgeleierten standpunkt (11). du leidest nur deswegen, weil du dich an das alte paradigma klammerst (12) du wirst tatsächlich alt, schaff dir einen tretroller an oder rollschuhe (geistig, aber auch sonst) (13) auf das dérèglement folgen neue regeln,aber das heisst noch lange nicht, dass sie, weil nötig, auch „gut“ (i.e. unproblematisch) sind. (14) wo bleibt deine kritische einstellung? (16) mensch, reiss dich zusammen (17) lächeln!! ist das so schwer?! marmelade! mensch!! (18) wie Agamben zurecht sagt, die angst vor dem tod ist die geburtsmatrix der tyrannei (19) hast du gelesen? tatsächlich?! (20) siehst du! es geht also doch!

aufzählungen sind das gebot der stunde.

ich flöte auf einen geordneten tagesablauf, stelle aber zu meinem amüsement:entsetzen (mild) fest, dass sich doch eine art ordnung ergibt, sich installiert hat, hinter meinem rücken.

das positive an diesem unmöglichen: eindeutig die vogel namen, donner des noms d’oiseaux.

ich hole mir noch einen expresso.

der kirschbaum ist braunrosaschmutzig, das grün schreitet vor, erobert weitere flecken (konzession an das ambulante kriegsvokabular) der gärten rings.

ich habe meine vorstellungskraft zu sehr in die confinement kiste eingesperrt, als hätten mich alle guten=unbotmässigen geister verlassen.

im wald gestern ein paar leute, die das ausgehen zu einer art arbeit gemacht hatten, alles ein bischen angestrengt und sehr ernst. eine dreier formation tritt in zweimeterabständen an und das reden gerät so laut, als hätten sie gerade eine schweigekur absolviert.

die frage (an mich selber, aber auch die nachbarin hat schon skeptisch, stirnrunzelnd angefragt):

ist das noch regulär, ich meine, Ihre ausflüge, selbst flüchtige, kurze, heftige, sollten Sie nicht lieber doch zuhause, Sie sind doch risikogruppe …

ja, doch, sage ich dann, aber wir machen es quasi heimlich, völlig inkognito, namenlos und wie auf der flucht sozusagen und steigen auf bäume, wenn jemand vorbei kommt, wir geben allen gewächsen namen, siezen die sträucher, besonders die, die schon austreiben, und loben ihr frühlingsgrün über den grünen klee und zählen die anemonen. wenn jemand im wald laut redet, machen wir umwege durchs gestrüpp oder schauen beleidigt drein. den vögeln, den singenden und den klopfenden (spechten) schicken wir besonderes hallihallo.

manchmal sagen wir laut und unvermittelt: scheissvirus!

oder wir lachen ohne grund.

nachts fliegen wir über das stille land.

träumen irreguläres, steigen über zäune und schauen in fenster:

was treibt der nachbar.

buchstabieren den unterschied zwischen wollen, dürfen und müssen.

sagen laut und deutlich: scheiss neue regeln.

aber dann halten wir uns dran.

lesen aus den wolkenformationen die zukunft, mehr als sumpfige orkalsprüche sind nicht drin.

der kaffeesatz gibt auch nicht viel her.

das ist doch von…?

zur besinnung: Agamben (wie schon gesagt) und Eisensteins essay über uns und die pandemie.

das kann ja noch lustig werden.

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