im garten sitzt man kühl

rosa streifen auf grau, gegen sechs, dunkelgrau getupft am horizont, östlich natürlich, breitet sich nach westen aus, triumphal, der tag ist frisch, nicht einmal ein windhauch, aber rauschen, ununterbrochen, ein ferner strom, reisst nicht ab. erster café, auf den zehenspitzen geholt. das haus schläft noch. gegen halbsieben ist nur der himmel bewegt, der garten wie erstarrt, grüner stillstand.

ein flugzeug zieht eine gerade linie durch den horizontstreifen, den weisslichen aufstrich im wolken sandwich. manchmal schwillt das rauschen an, wird fast ein dröhnen. selbst das wolkengrau wirkt dunkel eingeblaut morgens gegen sieben und in der ferne rauscht es, anhaltend, nachdrücklich, wellenförmig. am horizont und in den wolkentupfern andeutungen von gelb.

wohin fahren sie nur alle. aber klar, sie sind unterwegs to make a living. oder fahren sie weg, kommen sie zurück.

noch ist august, der sonderbarste seit langem, noch ist alles zwischen klammern, zwischen anführungszeichen, aber wie auf dem sprung schon.

es ist windstill, das fällt plötzlich auf, nach dem reissen und anrennen der letzten tage, etwas verstörend.

und es regnet noch immer nicht, fast ist regen schon eine ferne fantasie und noch reden die wolken nicht einmal andeutungsweise davon.

an café terrassen ecken fallen menschen plötzlich um und bluten. abends liest man, wie der Schwitters langsam verlöscht.

Odilon Redon hat himmel gemalt wie den eben entstandenen und mitten hinein fährt ein sehr hell ausgeleuchteter kondenstreifen.

gestern abend eine kurze gesprächsrunde über wirtschaft, so kurz, dass die beteiligten sehr schnell reden, sich verhaspeln und wörter verschlucken, relance, croissance, chômage, épargne, état, consommation, eine wirtschaft ganz in klammern und akkoladen gesetzt, ganz für sich, wie eh und je, ganz abgeschottet vom rest, als rede man über den mond, so fern (und doch so nah), so kühl auch. während der debatte vergesse ich den redeinhalt und schaue in gesichter, versuche darin zu lesen, chômage, relance, consommation.

inzwischen hat der tag sich etabliert, kiwitt im garten, rauschen wie gehabt, hell beleuchtete wolken, gelb auf blau wie rauch und schwaden.

der café ist kalt geworden, ich denke ans exil des Schwitters, nach dem krieg bleibt er da, zieht aufs land und ist ins brauchen eingeklemmt, ewig klamm und knapp, aber aktiv in seiner letzten MERZ barn.

eine erste taube gurrt, spatzenzwitschern, elsterkeckern auf rauschen, nun blasst der himmel sich ein, aber sonne auf birken, deren köpfe etwas müde hängen.

ein dachfirst wippt elstern.

wer war Abraham Lincoln?

gegen viertel vor acht sieht es dann fast nach regen aus, beim aufblicken staunen, eben noch, aber nun, dunkelgraues auf hellgrau, erinnert an regen, fast, wie schnell der himmel sich ändert, kaum, und schon. der garten bewegt sich nicht, manchmal ein tschilpen auf rauschen, wie gehabt.

etwas ratlos sitze ich da, erfinde mir sorgen, etwas ist mit seinem latein am ende, anglerlatein, jägerlatein. nein, ein traum von einem blog über latein, aber was, view, nicht edit.

Schwitters arbeitet in der MERZ barn, wenn er nicht im abfall stöbert, ich habe im Schwitters zurück geblättert, denn gelegentlich eile ich vor, ich weiss nicht warum, vielleicht weil ich den stillstand fürchte, das ende, so nehme ich es vorweg, die MERZ wand wird aus der scheune gelöst, verfrachtet und … ich, ich bLätter, wie gesagt, zurück und Schwitters arbeitet noch immer an seiner wand.

die regenhoffnung ist wieder verflogen, eine elster, weisschwarz, landet elegant auf dem baum überm futterplatz und huscht nun, ein lautloser schatten, an die tränke.

eine baustelle wacht auf.

kann nicht jemand das rauschen abstellen.

es wird zeit für einen zweiten café.

im garten sitzt man kühl.

Ulrike Draesner, Schwitters. das bleibt die nächsten tage so, vor blättern und wieder zurück in der Schwitters welt.

synchron.

3 Gedanken zu “im garten sitzt man kühl

  1. Habe ich mir ebenfalls „geholt“ und bin schon ganz gespannt – Schwitters hat mich als Student begeistert und getrieben. Da waren wir noch im Dekon-Traum, der ja inzwischen zum Alptraum wird. Vielen lieben Dank für deinen wieder einmal wellenwerfenden und schönen Text! Beste Grüße

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    1. danke Dir, Clemens, ich finde es immer wieder interessant, wie du dich den dingen sprachlich näherst.
      Draesners Roman ist inspirierend, die unternehmung hätte auch grandios in die hose gehen können. sprachlich amüsant verspielt ernst ( anfangs dachte ich, was ist denn das). dabei bin ich nicht wegen Schwitters auf Schwitters gestossen, sondern wegen dem letzten preis, den die Draesner bekommen hat.
      lg

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  2. Gegebenenfalls stottert das Huhn ohne sich nach den Samen umzublicken…Es weiß einfach nicht wofür oder warum…Die Antwort ist der Mensch….der auch ohne die Hühner nicht zurecht kommt…Der Wolf räumt dann auf obwohl er sich zurücksehnt ins alte Paradies..Danke für die schönen Worte …. Theo…durch die Abstände wird das Lesen weniger anstrengend…..macht Spaß…Und du wirst mutig selber etwas zu sagen..

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