geschüttelt und gerührt

interessant, wie ein kleiner zwischenfall einen aus dem gleis haut. ich bin mit dem linken fuss beim letzten treppenabsatz in den garten (während ich telefonierte und meine vierjährige enkelin kommentierte, „endlich rufst du sie an“, kurz vorher hatte sie entschieden erklärt, „ich bin gar nicht dumm, ich bin ziemlich schlau.“) ,zack, umgeknickt und zuerst hats nur ein wenig geschmerzt, aber zwei stunden später konnte ich kaum noch auftreten (in der nacht keine schmerzen, also alles nur halb so wild, habe ich gedacht, während ich schlaflos wälzte und natürlich der chaotische angriff aller möglichen sorgen, flankiert vom ringen um die contenance, negation der negation).

alles nur halb so wild, dachte ich beim ersten augenaufschlag, aber dann spüre ich schon die erschütterung, sie steigt aus dem ganzen körper auf und hat längst gefühl und bewusstsein besetzt, ich stehe, obwohl gar nicht viel passiert ist, neben allem und bin befremdet, verstört könnte ich auch sagen, während ich gestern noch die selbstverordnete ruhe genoss, um die Hegel biografie zu ende zu lesen, als sei das ein krimi. (ist auch einer und die protagonisten: geist und begriff). dabei ist meine Hegel kenntnis äusserst bescheiden, um nicht zu sagen inexistent.

gestern hat die lektüre mich gehalten, aber heute fühle ich mich wie aus der welt gefallen, durchgewalkt, verunsichert, um mein vertrauen betrogen. zwischen seelisch-geistigem und körperlichem nicht der geringste gegensatz. also wacklig, in jeder hinsicht.

als sei ich mitten in den herbst gepurzelt, ohne übergang und alles verschmiert grau und der garten leblos.

die fassung ist weg, der café überhaupt noch kein trost. ich lese bei Sun Tzu über direkten und indirekten angriff und komme zum schluss, der direkte ist eine klare sache und trifft (noch nicht wirklich), aber in der nacht, indirekte attacken und hinterhalt und morgens eben wie geschüttelt und wie umgerührt ebenfalls. ausgesetzt.

der erste café, wie zum beweis fade, berührt mich nicht.

dann erst, langsam, sehe ich den helleren streifen am horizont, höre stimmen aus den gärten und das rauschen und hämmern von der nahen baustelle und als sei die ganze szenerie aufgewacht, aufgetaut, schnippelt der nachbar eifrig, hingegeben an rosensträuchern und ich hole humpelnd, versteht sich, noch einen café.

aber normal ist alles noch längst nicht.

man geht dann sehr vorsichtig, schaut sich um, als sehe man alles (alles!) zum ersten mal und man ist nicht begeistert, sondern sehr unangenehm berührt, als sei etwas unwiederbringlich dahin. und die melancholie schwappt über.

ablenkungen? pah! schon lange habe ich keine solche lust mehr verspürt mich wach zu halten, vertrackte lektüren zu pflegen (danach, nach dem Hegel buch von Jürgen Taube, Slavoj Zizeks « Hegel im verdrahteten Gehirn », obwohl oder gerade, weil ich den verriss gelesen habe). mich erinnert die prozedur an den Freiherrn, der sich am eigenen zopf oder geist aus dem sumpf gezogen hat.

denn wo, wenn nicht in der republik des geistes, aber kontrovers, durchaus, und gegensätzlich, ist noch eine paradoxe gewissheit und also sicherheit gewährleistet, denn hier betreibt man die verunsicherung selber, man setzt sich freiwillig aus, man erschüttert sich mit lust und die erfahrung, sie heisst „wird erschüttert“, ist nicht bloss fremde einwirkung , sondern von mir selber in bewegung gesetzt.

so räsoniere ich beim dritten café und nun schon belebter.

langsam gewinne ich wieder die oberhand.

für wie lange.

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