glaubensartikel

am besten, man bleibt im banalen, normalen, man übersieht es gerne. zum beispiel die farbigen blätter vor der tür, die vereinte birkenkrone selbdritt, kahl, aber eigen, ein feines geflecht und gestrichel, elegant und sofort überzeugend.

man hält am besten den mund, wenn das geschrei zunimmt. (wer sagt das?)

gäbe es eine stampede zum beispiel, würde man sich zur seite ziehen, das versteht sich von selber. aber nun in zeiten einer kollektiven psychose, wie einige diagnostizieren, was tut man am besten da.

man liest gedichte, naturbeschreibungen, man studiert, man rätselt über seele, man detektiert synchronizitäten, man meditiert. es ist eine besondere erfahrung, wenn alle ängste und sorgen kurz zu besuch kommen, manche etwas monstruös ausstaffiert, andere schmeichelnd, aufmerksamkeit heischend, und man selber, mitten drin, ein beobachter. impassible.

in der krise merkt man meist sofort, dass man nicht gerüstet ist, dass man nicht rechtzeitig anstalten dazu gemacht hat, und nun, unter erschwerenden bedingungen, ist es keineswegs selbstverständlich gelassen zu bleiben.

kein zorn, keine resignation, sondern: gelassenheit, gleichmut.

heute morgen hüllt einen der nebel ein. mitfühlend, hellgrau, fast weiss und still.

in der nachbarschaft scheucht jemand die blätter knatternd vor sich her und bläst sie auf einen haufen.

gegen kollektive psychosen hilft was? kontextualisierung? rationalität gegen irrationale anfälle?

eine weltbrille gegen selbstbezogene sichtbehinderung?

wenn jemand fragen stellt (online irgendwo), lese ich gerne die kommentare darunter, sie zeugen immer öfter von einer leisen oder lauten hysterie. hier kann man nicht helfen, denke ich sofort, dagegen ist kein kraut gewachsen.

wir (alle?) scheinen vergessen zu haben, was in unserem (planetaren) rundherum vor sich geht. sehen wir noch (weit), denken wir noch (gründlich)? sind fragen gefährlich geworden, zweifel verwerflich? schon gefährdung der volksgesundheit?

(„wir“: kein rhetorischer trick, der den schreiber ausnimmt.)

das licht wird kräftiger, die weisse wand leuchtet, die übernächsten häuser tauchen auf, im radio reden sie noch immer.

november farbskala: von gelb, grün zu gelbgrün und rostbraun, orange , in den übergängen hartnäckiges grasgrün, weisses und schwarzes an stämmen in einem verwischten licht. die blätterblasmaschine schweigt.

der café ist kalt geworden.

als ich vom schreiben aufblicke, hat das licht abgenommen, der nebel ist ins graue vor gerückt und die blättermaschine knattert wieder.

beim lesen ist mir der folgende satz untergekommen:

„Auf halbem Weg zwischen Glaube und Kritik liegt die Herberge zur Vernunft. die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann, doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, dass es etwas Verstehbares gibt.“ (Buch der Unruhe, 182)

manchmal rüttelt die welt an meinem glauben.

oder so? (einen tag früher)

Am besten, man liest gedichte

leicht beunruhigt schaut man in den garten. retour: es gibt kein stabiles bild vor dem fenster, an dem ich sitze, und selbst auf dem tisch, an dem ich schreibe, verschiebt sich die unordnung jeden tag.

entblätterung, aber auch offenbarung von feinen verästelten strukturen an birken, selbdritt, die nach unten hin deutlicher werden, strammer und schliesslich, aber dazu muss ich aufstehn, sich zeigen als drei weisse stämme, wogegen sonst, rundherum, alles dunkler ist, aber nicht weniger reizvoll. letzte blätterresistenz.

„grammar is back“, tweetet jemand.

man schwankt zwischen grauer hoffnungslosigkeit und leuchtender zuversicht, versucht schon morgens die balance zum helleren hin zu verändern, stellt schon beim erwachen einige fragen, beantwortet sie beim ersten café, bei der feststellung, der himmel ist tatsächlich blau, am horizont lungern wolkenschwaden herum, ein rabe fliegt durch die szenerie, von unten radiogeräusche.

jemand erinnert daran, dass es noch andere gesichtspunkte gibt, als geld in einen wahlkampf zu pumpen.

ein marienkäfer wuselt auf gewundenenen wegen über die fensterscheibe. bleibt stehen, dreht sich im kreise.

so ebenfalls ich: orientierung und keine wegzeichen.

man stellt sich einen lesewinter vor, aber es gibt fragezeichen.

jemand redet von „psychose collective“.

natürlich kann man jederzeit vom rand rutschen, aber …

die ersten anzeichen, ja, die seriösen symptome einer collectiven psychose sind unübersehbar.

wenn man mich fragen würde (man tut es nicht), was die basis unserer (ja, unserer oder?) kultur ist, dann würde ich antworten, jedenfalls ist es das recht ungehindert zu fragen. und an einigen stellen bekommt man den eindruck, dass genau dies, das ungehinderte fragen schon als gefährdung der volksgesundheit angesehen wird.

inzwischen hat die wolkendecke sich ausgebreitet, schäfchenhafte formationen, gerundet und grau betupft, sonst leuchtend, streifiger gegen den horizont, aber auch blau, zaghaft. das gestrichel der vereinheitlichten birkenkrone leicht bewegt und elegant, keineswegs kahl. der herbst ist eben kein mangel an, nicht nur ein ent-, sondern ein eigenes, um nicht zu sagen eine offenbarung.

aber keineswegs beruhigt ob des obigen statements. (bei einer stampede zieht man sich am besten zur seite an einen sicheren ort oder?).

aufstehen, langsam, herum gehen, zeitlupig: das blätterwunder vor der tür (noch).

am besten, man liest gedichte.

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