auch das: Kintsugi

die frage ist einfach: gibt es an ihrem dritten todestag irgendetwas erhebliches zu sagen, etwas hilfreiches. keine bekannten sprüche, die halbwahr in der gegend herumstehen und die man sagt, um die ratlosigkeit zu verdecken. je mehr man redet, desto undeutlicher wird der tod. so hält man ihn sich vom halse und man kann ihn doch nicht überlisten.

das sage ich mir eingangs. im fensterkino zeigt sich ein trüber tag, gärten schwarz gestrichelt mit kahlen bäumen. dazu das orangene gefieder eines strauchs, der sich erst im entblättern zeigt. im garten die farben von tod und leben.

da etwas entzwei ist, endgültig zerbrochen, gibt es keinen billigen trost. es gibt gar keinen.

früher oder später wendet man sich, wenn man aus der erstarrung auftaut, allmählich, den alltagsdingen zu. man tut sie möglichst gut, das hilft. es ist kein geheimnis.

das geheimnis besteht in der erfahrung, dass man fortan kostbares mit sich trägt, das sich wandelt jeden tag und eine festigkeit verleiht, obwohl alles rundherum prekär und unbestimmt ist.

es gibt dunklere zeiten.

aber das stärkende bleibt. man hat überlebt. der schlag ist immer noch spürbar, aber man weiss wieder, wie freude sich anfühlt. sie ist leiser geworden, einfacher, das ja, aber es ist freude. denn sie schien verschwunden zu sein.

man ist zurecht gestutzt. das ja.

aber das ist nicht unangenehm. zu sehn, zu erleben, dass verhaktes sich gelöst hat, dass es ein wegrücken gegeben hat, manches hässlicher und vieles schöner geworden ist. das ist nichts besonderes. die katastrophen treten deutlicher hervor, illusionen sind zerstoben, man ist pessimistischer und optimistischer in einem.

man hat etwas gehabt, das sich entzogen hat und weiss nun, man hatte es nie, aber ein glanz davon strahlt ins trübe und klärt es auf.

das ist keine aufhellung, die man auf diesem wege suchen möchte.

in Japan gibt es die tradition des Kintsugi, die stücke einer zerbrochenen schale mit harzlack und goldpuder zu kitten. die bruchstellen bleiben sichtbar und doch ist man versöhnt, es gibt keine verhüllung, keine beschönigung und darin liegt die schönheit, man schaut auf den bruch und sagt ja.

widerstrebend.

sterben und tod sind skandalös.

man macht sich nicht mehr soviel vor. man ist ein anderer und ist doch der alte, man erkennt sich an fehlern und macken wieder. vielleicht ist man sogar gelassener und toleranter und manchmal ist man auch gleichgültiger. weil anspruchsvoller.

man weiss, dass selbstmitleid eine der schlimmsten versuchungen ist.

was trauer bedeutet steht in keinem ratgeber. was freude ist ebenfalls nicht. das eigene erleben weist den weg, den es noch nicht gibt.

manches ist wieder möglich. aber die zurückhaltung ist gewachsen. man mutet sich einiges zu und vieles nicht mehr. man weiss, wo grenzen am besten nicht überschritten werden. man hat sich kennen gelernt.

man weiss nun, es gibt aufbrüche aus dem nichts heraus. immer wieder. man hält das für ein wunder.

dass noch ein leben möglich ist.

auch das, so sagt man sich, verdankt man ihr.

Ein Gedanke zu “auch das: Kintsugi

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