blaue schafe an der mosel

aber ich schreibe doch keine schüleraufsätze über einen moselspaziergang, sage ich mir und schreibe dann doch brav einen kleinen aufsatz, in dem an einigen stellen die verben fehlen.

von einem parkplatz zwischen zwei orten aus an der sonst (sonst?) viel befahrenen moselstrasse, auf dem fussgänger und fahrradweg, leichter gegenwind, an den überschwemmungsrändern allerhand unrat mit braunem schaum, gequirlte mosel, denn die hat fast die gleiche hellbraune farbe und fliesst schnell, hat ausmasse wie ein strom, sonst ist es doch ein eher bescheidener fluss, sandsteinwände rechts, hie und da ein radfahrer (im ganzen drei), ein jogger in orangenen kniestrümpfen (das sei als fast einziger (mobiler) farbtupfer in der landschaft erwähnt) überholt uns und kommt uns irgendwann wieder entgegen. ich fotografiere die schaumigen wasserrandstellen mit allerhand plastikabfall, das fliessen des wassers hingegen lässt sich nicht richtig festhalten, zwei enten schwimmen schnell mitten in der strömung und fliegen plÖtzlich auf und kreuzen ganz nahe an der wasseroberfläche, fast keine geräusche, auf bäumen, die vom wasser umspült werden, hocken weitere enten. es wird kälter, sagt meine begleiterin. die feuchte kälte beisst im gesicht. das gehen tut gut. ich sage, bei dem strassenschild kehren wir um. das tun wir dann auch.

die esplanade in R. ist noch überschwemmt, wir werden durch enge gassen umgeleitet. in B. fahren wir am hause von bekannten vorbei. ich sage, du erkennst das haus an zwei blauen schafen neben der eingangstreppe.

die spaziergangsszenerie hat ehrlich gesagt nicht besonders einladend ausgesehen. aber das macht einem nichts aus, der über die ufer geratene fluss ist imposant genug, um einen am gehen zu halten.

es gelingt nicht, irgendetwas davon zu relativieren, zum beispiel zu sagen, es ist eben winter, da sieht alles etwas trostlos aus oder das ist nur die jährliche überschwemmung. denn es fühlt sich an, als müsse es genau so sein. ich hätte auch schreiben können, das wasser wälzt sich schnell dahin. es gibt strudel und die enten auf den bäumen im wasser sehen aus wie geier, die auf eine tote kuh warten, die nicht vorbei schwimmt. die tote kuh fällt mir wegen meiner gestrigen lektüre* ein, in der friesische kühe und schafe vorkommen. dabei ist mir kein vorbei schwimmendes totes schaf eingefallen. der ziemlich verrückte krimi, den ich spät nachts fertig gelesen habe, hat mich irgendwie an die bande dessinée Les bijoux de la Castafiore erinnert, in der es auch drunter und drüber geht. aber in der mosel schwimmen weder tote kühe noch tote schafe, sie fliesst einfach nur ziemlich schnell dahin und ein paar sträucher sehen aus, als ob sie sich gleich losreissen und mitschwimmen würden, während die enten, von denen wir zuerst dachten, es sei eine kolonie fischreiher, ganz still in den ästen der bäume hockten. einmal kam eine davon ziemlich niedrig angeflogen und liess sich auf einem baum neben den andern nieder und da konnte man sehen, dass es enten sind statt fischreiher. von geiern keine spur mehr.

der winter an der mosel ist eine schmutzige jahreszeit mit verwaschenen braun- und grautönen. man würde sonst gar nicht auf den gedanken kommen auf dem fahradweg an diesem moselabschnitt spazieren zu gehen wegen dem verkehr, weil jedoch die strasse in R. am wasser aufhört, gibt es kaum verkehr. man hat den weg fast für sich. aufgefallen ist mir noch, dass ich während des gehens kaum an etwas gedacht habe, man ist zu sehr mit der grossen hellbraunen wasserflut beschäftigt. dieser moselabschnitt ist so besonders, weil es eben die sandsteinwände auf der anderen strassenseite gibt mit einer kuriosen gedenkstätte, zu der von der strasse aus eine breite treppe hinauf führt, diverse pergolen erheben sich links und rechts von einer hellen steinmauer, auf der in grossen lettern der name Paul Eyschen steht. Lepisma saccharina, silberfischchen, die am monument leben sollen, haben wir keine gesehen, es war wohl zu kalt.

ich habe heute keine zeitung gelesen, deshalb ist beim schreiben von der sanitären krise nicht die rede. wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch lieber mit der mosel beschäftigt und nebenher über Paul Eyschen nachgeschlagen. er soll sich um den weinbau verdient gemacht haben, deshalb das monument am Primerberg.

da wir die mosel ehren wollten, haben wir uns anschliessend einen Crémant rosé von Sunnen-Hoffmann (unbezahlte reklame) reingezogen. dabei kam die idee auf, den Crémant bei unserm nächsten moselspaziergang mitzunehmen und an ort und stelle zu verkosten. oder doch vielleicht einen Pinot gris Primerberg? das ist nun eine delikate gewissensfrage, deren erörterung hier zu weit führen würde.

nach reiflichem abwägen kommen mir am ende doch zweifel, ob enten wirklich gerne in bäumen sitzen und übers wasser schauen, vielleicht waren es doch reiher.

* Jan Willem van de Wetering, Rattenfang

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