sonntagmorgen: gewissheit

natürlich beginnt man irgendwann zu schreiben, jeden morgen tut man das, jeden morgen wartet man auf das erste wort, das auftaucht, und folgt ihm, selbst wenn es in die schwärze irgendwelcher schwarzer gedanken führt, wie heute morgen, da die nacht von seltsamen träumen einen trockenen rhythmus erhielt, etwas war ausgetrocknet in den träumen, die fantasie seltsam hölzern, uninspiriert, beängstigend klotzig, verdammt eckig, farblos, wie standardisiert.

vielleicht ist es auch die kälte, sie friert selbst gedanken ein, macht träume viereckig sperrig und sonst sind sie doch vielgestaltig und farbenfroh.

immerhin scheint die sonne, ist reges leben am futterhaus und die birken haben ein wärmeres licht.

aber man weiss nicht so recht, wie man leben soll, wie man zurecht kommen soll. mit sich selber. man ist wie vergessen und innerlich kalt. als dünne man aus, verliere an substanz, gerade im helleren licht erscheint man durchsichtiger als sonst. es ist nicht viel übrig von dem leben einstmals.

man schaut sich um, auf den höhen weht ein eiskalter wind, rüttelt an allen gewissheiten. was ist das für ein wort, ein klang, mehr ist es nicht, gewissheit. denn das war das erste wort.

man hält sich fest an nichts, man spürt die wärme einer tasse, in der der kaffee noch dampft. man hat den bitteren geschmack im mund.

dabei war gestern nacht der himmel so klar wie nie und übersäht von leuchtenden punkten. das ist der und der und so heisst dieser, sagten wir uns, bevor es zu kalt wurde und wir zurück drängten in die warme stube.

manchmal fragt einer, wo bist du gerade und bekommt keine antwort. aber er ahnt und sagt sich, du bist in der nähe. so redet er mit dem foto auf einem regal, während er an einem tisch sitzt und keine angst hat.

das licht ist um diese zeit blass, das blau ein blassblau winterlich. aber man kann sich auf garnichts verlassen. und aus den schornsteinen flattert rauch nach süden und einen augenblick lang ahnt man, wie der frühling sein könnte.

aber es gibt keine hoffnung.

es gibt hingegen herumgehen wie in einem verlassenheits traum und verrichtungen ohne freude. man tut so, als gehe das leben weiter. man meutert gegen den ernst. man lacht trotzdem. man beobachtet die amseln und stare im gras. sie höhlen einen apfel aus und picken unsichtbare körner. sie fliegen herum, als sei gar nichts anders als sonst.

dabei weiss man, es ist alles anders seit heute früh, seit man aus diesem labyrinthischen traum erwacht ist, in dem man versuchte, gewohntes weg zu scheuchen, aus hölzernem funken zu schlagen und man war noch dabei, als man auffuhr aus dem schlaf und sich fragte, geht das jetzt immer so weiter, so ohne änderung, so bekannt, so gewohnt. und da war es schon anders. da war es schon völlig auf den kopf gestellt. da musste man lachen. man wusste nicht einmal weshalb, aber man lachte. man freute sich auch. ohne grund. sagte man laut, ich freue mich. auf dem tisch standen rote rosen. man tat so, als stehe dort ein grosser straus roter rosen. man tat so, als werde es gleich frühling, als taue die innere kälte auf. als entfroste man sich, als beginne man endlich zu leben.

im garten liegt rauhreif überm gras und die langen schatten der bäume stricheln die fläche und weiss auf grün sieht annehmbar aus. man denkt gar nicht winter. man schaut nur.

vielleicht vergisst man sich am besten, wielleicht vergisst man sich selber wenigstens ein stück weit, vielleicht ist es besser, man ignoriert alle angaben in pässen und ausweisen, dort und so geboren und nun so alt und nun schon dies und das und auf dem wege woanders hin. vielleicht ist das gar nicht wichtig. man erinnert sich noch an wege einen hügel hinab unter bäumen. aber diese erinnerung stört nicht, denn der weg führt noch immer an der zigsten biegung in die grössere welt. am meisten stört noch der versuch, sich selbst loszuwerden, denn einer geht überall mit und ist nicht zu verjagen. man schaut ihn am besten einmal kurz nebenbei an und nickt ihm zu und blickt dann wieder geradeaus oder ringsumher. dann wird alles leichter. aber das soll doch gesagt sein, auch die welt ist keine einfache sache. dazu muss man nicht einmal das radio aufdrehen, um es zu wissen. das ist zum lachen und zum weinen ist das. aber das kann man doch sagen, wenn man sich genügend umgesehen hat, dass es ist, wie es ist. das muss ja nicht so bleiben. wenn es denn eine gewissheit gibt.

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