über patriotische gefühle

man kann vieles erzâhlen, zum beispiel über die diskrete kleinformatige fahne in einem wohnzimmerfenster vor der zugezogenen gardine, oh, ich insinuiere gar nichts, auch nichts über die reduzierten feierlichkeiten, die leute in den strassen der stadt spätabends, die leicht erkältet wirkenden prominenten, aber immerhin hat die regierung des landes sich aufgerafft mit einigen andern regierungen gegen reaktionäre gesetze in einem EU land zu protestieren, während die EU noch immer herum eiert, laviert wollte ich sagen. dass so etwas nicht geht wie das infame ungarische gesetz, das müsste im EU europa doch glasklar sein.

tatsächlich habe ich mir ein fussballspiel wenigstens teilweise angeschaut, tschechien gegen england, auf lange strecken ein herumgestocher und getrete neben einem brillanten torschuss. dazu habe ich frisuren begutachtet und physiognomien in gedeckten anzügen mit dunklen kravatten. nebenher liefen im rund unablässig sich abwechselnde reklamen, so dass klar war, es ist nicht nur spiel, sondern das spiel ist ein geschäft.

was ist nicht geschäft oder nützlich oder was bringt es, wir sind in unserer denke so sehr darin befangen, dass eine andere sichtweise uns „volapück“ vorkommt, zum beispiel dass irgendein ritual einfach nur sagt, so ist es oder wie ein zenmönch auf die frage, was bringt die meditation, antwortete: nichts. so dass man sich angeleitet fühlt, dinge zu machen, die nichts bringen. aber inzwischen bringt ja alles etwas, zum beispiel „waldbaden“. dass man sich völlig sinnlos im wald, an einem hang herum treibt, dass man auf dem rücken liegt und die weite bestaunt, dass man sprachlos in einem blumengarten sitzt und schaut, dass man still da sitzt mit geschlossenen augen, dass man schreibt, wie gerade jetzt, ohne sagen zu können, wozu das gut ist, ob es tatsächlich nützlich ist oder völlig „überflüssig. und wenn man gerade das liebt, das überflüssige, nutzlose, was sich nicht monetarisieren, verwerten, ausschlachten lässt.

aber ist nicht längst alles gerastert, auf verwertbarkeit ausgeleuchtet, so dass sogar das nichtstun seinen platz in der regenerierung der arbeitskraft hat und ebenfalls das sonstige nutzlose, wenn es das noch gibt.

es muss doch was bringen! ja was denn? irgendwas. mehr von diesem oder jenem. kann man noch anders denken? wozu ist das gut: immer gleich die werkzeugkiste.

eine geschichte ohne inhalt? und das klima? die weltrettung? gestern las ich bei jemand, künstlerisch sei das thema untergang reizvoll.

um zu. damit. wegen.

wenn ich vor den müllbehältern mit diversen etiketten stehe, plastik, papier, glas und noch mehr in die einzelheiten gehend, fester plastik, verpackungsplastik, waschmittelbehälterplastik, überkommt mich ein bodenloses ohnmachtsgefühl, ausgerechnet dort, wo es sinnvoll zugehen soll, wo man annimmt, man tut was, redet nicht bloss, wird aktiv. dann denke ich jedes mal: die sache ist verloren. nicht nur, weil der strom an plastik nicht nachlässt, immer wieder stehe ich vor diesen behältern, nein, sagt der mann im overall, nein, das kommt nicht hier hinein, und es hört gar nicht auf, sondern, weil mir das ausmass bewusst wird, die produktion plötzlich vor augen steht, die interessen, die gewohnheiten, die bequemlichkeiten, die gewinne. dann ist das bewusstsein, etwas sinnvolles zu tun, wie weggewischt. und das gute gewissen stellt sich erst garnicht ein.

aber der keller ist wenigstens leer, die kartonagen abgeräumt, es herrscht wieder ordnung. habe ich etwa am nationalfeiertag meinen keller aufgeräumt, den wagen vollbeladen, um gleich am nächsten tag loszufahren?

wo ich sowas wie patriotische gefühle entwickle, völlig kritiklos dazu noch, das geschieht in meiner lieblingslandschaft (sofern sie noch einigermassen intakt ist! geht das überhaupt?) und im wald, da ist es ein ausgesprochener baumpatriotismus, da ist es freude über den verlauf der hügel, die farbpalette, die anordnung der flächen, die ausblicke, das gefühl einer intimen vertrautheit auf gegenseitigkeit, ein liebesverhältnis ohne zweifel. wieso das patriotismus ist? tut mir leid, es ist der einzige kompakte, unentzweite, unbezweifelte, den ich aufbringen kann, ansonsten gibt es unterschiedliche beleuchtungen, widersprüche, gegensätze, die einen ganzen, fraglosen patriotismus verunmöglichen. man lebt in diesem land halt im zwiespalt, man sagt sich, nicht ich provoziere die kritik, die mich fast wie überkommt. und die gemischten gefühle erst, die sich erst im wald entmischen oder an meinem lieblingshügel und abhang und pfad.

aber ich verrate nicht, wo mir so ausgesprochen zuhause zumute ist. denn so möchte ich nicht erwischt werden, so ganz einverstanden. so ganz bejahend. freudig, lächelnd, diskret überschwänglich und entschlossen.

Ein Gedanke zu “über patriotische gefühle

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