dass man das noch kann ( provisorische anmerkung)

im grunde würde ich am liebsten eine ganz andere geschichte erfinden, nicht die geschichte einer grossen schwäche, als ob schwäche ein makel wäre in einer welt der machtdemonstrationen. also schlage ich einen anderen begriff vor, der heisst verlassenheit. als gepäck, gefühl, wahrnehmungsfilter, tendenz: verkriechen. kein zu fester tritt, auftritt zurückhaltend, vielleicht übernett.

es ist eine art provisorischer realität, man hofft, dass sie vorüber geht.

und selbst wenn es nicht so wäre, ein verlust hinterlässt narben, selbstverständlich.

heute morgen las ich die todesanzeige für eine junge frau, 91 geboren.

auch zu ihrem 67 geburtstag bedauert man sich nicht. das leben ist etwas kompliziert, aber das ist es meistens.

es ist ein regentag mit gewitter. regen beruhigt, aber nicht zu sehr, regen ist eine zweischneidige sache. covid spaltet die gemüter, sie brauchen einander, aber die zukunft des demokratischen macht einem sorgen, das neue normal ist nicht sehr verlockend. einige sind schon ganz ausgeflippt. ich sage nicht, auf welcher seite. inzwischen gibt es seltsame koalitionen, auch auf beiden seiten.

man möchte sich dort befinden, kein ort, nirgends, wo dieser widerspruch negiert ist.

ich habe gerade eine zeitung abbestellt, sie erschien mir aufeinmal sehr provinziell. die neunormale übereinstimmung ist nicht lustig. man sehnt sich geradezu nach anderen standpunkten, ansichten, meinungen, wasweissich.

zurück zum thema, die schwäche der argumentation, der statistik, des gemüts, die verlassenheit, von allen guten geistern, ja, die verzweiflung angesichts des verschwindens von personen, arten, gewissheiten, ja, des sommers im regenloch, erschüttert. man turnt an abgründen, under the vulcano, man traut seinen augen kaum. man reibt sich die augen, hat man dies oder jenes wirklich gehört oder nur geträumt. gestern habe ich vom gespräch mit einer mongolischen frau geträumt. das liegt an meiner lektüre. Sombrun, Tesson, Bortoletto, Urbansky. es gibt starke bilder, die verfolgen einen in den schlaf. geschichten des schwindens von seen, flüssen und illusionen.

der café kommt aus äthiopien, der regen fällt vom himmel, die gewässer schwellen an, die tomaten faulen auf dem strauch, die dahlien lassen die köpfe hängen, das gras spriesst, die bäume tropfen.

geschäfte werden abgeschlossen, wälder abgeholzt, flächen versteppen, die provenienz des holzes mit der bezeichnung „von hier“ ist sehr fraglich. im regen keine elstern, keine raben und keine tauben. der regen rauscht, beharrlich. jeder kann das sagen, das ist nichts besonderes.

gestern war mein gemüt wie beton, erst abends taute es etwas auf. manchmal ist man vielzuviel mit sich selber beschäftigt, als sei man in ein brunnenloch gestiegen, das ausgetrocknet ist. man findet nicht einmal gerümpel. aber es riecht nach moder. manchmal fühlt man sich innen nicht sehr lebendig. manchmal vergisst man, dass jemand tot ist und argumentiert mit ihm. warum er so lange wegbleibe und was er denn dort treibe. manchmal spielt es keine rolle, ob jemand tot ist, denn er ist noch immer gegenwärtig. was heisst schon innen oder aussen.

im frühling 2017 war M. alleine in Portugal. um zu verstehen, was sie dort erlebt, habe ich gleichzeitig bei Pessoa herum geblättert. nun höre ich sie, wenn ich bei Pessoa lese. als sei es ihr buch, mit ihren sprüchen und beobachtungen. als sei sie für eine zeit in Portugal geblieben. jedenfalls stelle ich mir das probeweise vor. sie hat da einiges erlebt und es hat ihr spass gemacht, zu empfinden wie es ist, wieder einmal alleine zu reisen. dass man das noch kann, hat sie gesagt.

aber es ist noch was anderes, alleine zu reisen, wenn jemand tot ist, der sonst zu hause wäre oder mitreisen würde, der zum beispiel am strand tanzt und glücklich dreinschaut wie damals in südafrika. ich gestehe, ich schaue mir das foto, auf dem sie tanzt, gerne an. beim betrachten von fotos wird der tod etwas unwirklich. aber man weiss natürlich, dass die gestalt aufgelöst ist. andererseits bleibt sie, wenn auch nicht mehr so fest umrissen, sogar grösser, flächiger, bewegter. im gefühl.

als Baron von Teive schreibt Pessoa in „Die Erziehung zum Stoiker: „Ich schreibe meine Tragödie mir selbst zu. Ich leide unter ihr, doch von Angesicht zu Angesicht, ohne Metaphysik und ohne Soziologie. Ich bekenne mich als vom Leben besiegt, aber nicht vom Leben geschlagen.“

(Werkausgabe S. 53 Baron von Teive, Die Erziehung zum Stoiker.)

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