les invasions barbares

 

wenn eine kultur zusammen bricht, dann ist das gemeinhin in den geschichtsbüchern nachzulesen. aktuell scheint man das phänomen in den usa beobachten zu können (das buch, an das ich gerade denke, werde ich mir nicht antun), aber dann sage ich mir, dort wird bloss der schleier vor der barbarei weggezogen.

(das ist gewiss ein ungerechtes urteil, denn ich weiss ganz gut, dass es inseln hoher kultur gibt, das andere amerika, das nicht in den schlagzeilen vorkommt.)

ungerecht werde ich, weil ich gerade den zusammenbruch einer privaten sechsunddreissigjährigen kulturblüte erlebe. wie schnell das geht, wie schnell geht ein gleichgewicht, eine ordnung in unordnung über, chaos breitet sich aus, weil der/die andere, die mit mir diese privatkultur, die ich immer als grosse welt empfunden und gedacht habe, unter spannung hielt, so dass sie funkelte in ihrer prekären schönheit (was konflikte, widersprüche und dissonanzen mit einschliesst), plötzlich verschwunden ist. Vor vierundzwanzig tagen, als das, was von ihr körperlich übrig war, es war nicht mehr viel von dem, was sie einmal war, vor meinen augen in die holzkiste gelegt wurde, wusste ich, das ist das ende und ich wusste es noch nicht.

Wie jede Kultur, so beruhte auch unsere auf einzelheiten, alltaggsverrichtungen, kleinen und grossen vereinbarungen, die wenigstens den anschein von ordnung und stabilität erweckten, es existierten sogar rituale, wenn veränderungen, gar umstürze fällig waren und von weitem sich eine revolution ankündigte, wie es sich für jede ordentliche kultur gehört. Sogar das unvorhersehbare hatte seinen platz, dem unbekannten gott gewidmet.

ich finde gar keine worte für das, was sich nun in mir und ausser mir abspielt. rette sich, wer kann. les invasions barbares, denke ich, die hunnen kommen, die teutonen und andere noch wildere völkerstämme, mongolensturm.

fassungslos stehe ich vor den trümmern, ich fühle mich ausserstande, diese kultur, dieses gemeinsame projekt aufrechtzuerhalten, wie sollte ich auch, ohne sie, ihre unglaublich lebendige, anspruchsvolle, schöne, strenge  (was mein selbstmitleid anbelangt) grossherzige präsenz geht das gar nicht. wie sollte es und auch das wilde, fauchende, das sie zuweilen urplötzlich und zu meinem geheimen vergnügen, an den tag legte, war ein kulturelles faktum von höchster bedeutung, es würzte als möglichkeit den alltag und schasste die langweile, die jede stabilere kultur bedroht. und wie sie über die familie regierte, souverän und entschlossen, aber so, dass alle gewürdigt waren.

Ich hielt mich hier eher heraus, war zuschauer von ferne, überliess ihr gerne den vortritt, chaosmanagment war nie so meine sache. ich bin meist zu nah oder zu fern, wohne in extremen und habe genug mühe meine eigenen widersprüche zu verwalten.

und nun ist der schutzschild zusammengebrochen und ich fühle mich wie in star trek, deep space 9, die klingonen greifen mit einer übermacht an.

104a
Karl Ballmer

natürlich ist das lächerlich, eine kultur lebt von der individuellen färbung, unsere ganz gewiss und ich bin genauso diese kultur, wie sie es war, die nun geschichtsbuchreif ist in meiner persönlichen geschichtsschreibung.  ich werde die angelegenheit studieren müssen, methode und flexible vorgehensweise, tricks und kniffe, vielleicht werede ich fremden göttern wenigstens nach aussen hin eine zeitlang huldigen müssen, um an mein ziel zu gelangen, den frieden im imperium zu wahren. paris vaut bien une messe, was kann ich, wo sind meine grenzen, schwächen in stärken verwandeln, der imperialismus ist ein papiertiger, wozu habe ich dialektik studiert, die geschichte der klassenkämpfe und Sun Tsu’s kunst des krieges.

im ernst, der psychologe, den ich gelegentlich stundenweise zu verwirren suche mit jeanpaulschen digressionen, lässt sich nicht aufs glatteis führen, er bringt mich höflich, zuvorkommend und bestimmt auf den punkt, den nagel auf den kopf, nägel mit köpfen zuerst, meinte in usnerer letzten sitzung, mein trauermarathon sei überzogen, die ansprÜCHE AN MICH SELBER viel zu hoch angesetzt, ich solle mir zeit lassen, ich hinterbliebener, überlebender einer untergegangenen kultur.

daraufhin habe ich aufgeatmet, die barabaren horden verschwanden vom schirm, der kapitän betritt soeben wieder die brücke, deep space nine, die nächste episode.

 

 

 

 

 

Die Parallelen zwischen Digitalisten und den Fanatikern anderer Religionen sind auffallend | NZZ

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/der-neue-radikale-maschinenkult-ld.1333707?mktcid=nled&mktcval=107&kid=_2018-1-8

 

097
Karl Ballmer

liebe kommentare

das ist einfach nur schön zu sehen, dass jemand die selbstentblössung, die ich aus mir selber nicht ganz einsichtigen motiven hier betreibe, wie gesagt, im zeitgeist bin ich keine ausnahme, zur kenntnis nimmt.

vielleicht wird es zeit, etwas ganz und gar positives und aufbauendes zu sagen.

das haus, das heute so viel von marie z. hat, dass es keine einzige ecke gibt, die nicht von ihr spricht, unser haus, an dessen schönheit wir wuchsen, um es noch schöner zu machen, jedes zimmer sprach und spricht eine andere sprache und nun, dreiundzwanzig tage nach Maries tod geht es in die veränderung, kindergeschrei, lachen und weinen schallt durchs haus, meine tochter ist mit ihrer familie eingezogen und ich habe mich unterm dach neu eingerichtet, mein lieblingsort im haus, dort höre ich nachts den wind und der regen trommelt aufs schieferdach und das ist das gestein, auf dem ich aufgewachsen bin, der raum ist weit und hoch, die balken reden von einer grossen kunst und ich fühle mich, trotz Maries abwesenheit zuhause.

das haus ist nicht leer, es ist voll von uns und beginnt sich zu füllen mit dem Neuen, wie es Maries wunsch vor ihrem Sterben war.

ich brauche nicht mehr so viel platz und die dinge sortieren sich von selber aus, manches, wenn nicht vieles, hat seine bedeutung verloren. manchmal sage ich mir, nichts hat mehr die bedeutung, die es einmal hatte, noch vor ein paar monaten, als unsere welt noch in ordnung schien.

gut, im garten müssten die blätter vom rasen, der eher einer altertümlichen Öslinger kuhwiese am waldrand ähnelt, und die kinder haben einiges nach ihrem gusto neu arrangiert, die amseln picken an den äpfeln, die ich ihnen gerne gebe, und die goldfische sind bei dem milden wetter noch nicht auf tauchstation im tümpel. ich gehe noch immer genau so gerne wie ehedem mit nackten füssen zum komposthaufen und dabei stelle ich fest, dass mir in meiner trauer einiges entgangen ist.

mir sind haus und garten ans herz gewachsen und ich fühle mich durch Maries tod keineswegs vertrieben, es ist meine höhle, in die mich verkrieche, wenn mir trauer und welt zu viel werden. und was die welt anbelangt, weckt sie wieder langsam mein interesse.

114
Karl Ballmer

im ernst bin ich etwas erstaunt, dass noch alles beim alten zu sein scheint, wo doch in meinem leben ein erdbeben alles umgeworfen hat. die sozialdemokraten laborieren an ihrem langsamen verschwinden, weil sie aus der neoliberalen falle nicht mehr herauskommen, „stabile genies“ tun so, als regierten sie die welt, auf der linken pflegt man die alten klischees, die zur fatalen gewohnheit geworden sind, die alten marxisten merken noch immer nicht, dass die materielle grundlage, die alles bestimmt, auch nur eine idee ist, die ihre ansichten bestimmt, und auf der rechten ist man siegesgewiss, weil man sich auf der „richtigen“ seite weiss, ohne dass man sich gedanklich noch weiter bemühen muss. es gibt keine alternative, so hört man, und ohne moral ginge es noch besser, wie einer jüngst in der zeitung deklarierte, der es zu wissen glaubt, und Juncker torkelt heiter weiter über den roten teppich.

die erde hat demnach nur bei mir gebebt. und ich frage mich, manchmal gelassen, manchmal verzweifelt, was aus meinem leben noch werden soll. es steuert, wie bei uns allen, wie bei allem in dieser welt, auf den tod zu. ich frage mich, ob ich daraus noch einen funken schlagen kann…

ein leichter wind wind wiegt die birken unten im garten, das vogelfutterhäuschen schwankt ein wenig, wenn der kleine vogel mit der gelben brust hastig hin- und hersaust, vom futter zum tuja des nachbarn und zurück, blitzschnell, so dass ich ihn gelegentlich übersehe. die zweite katze, die ältere mürrische, die geht und kommt, wenn sie will und nett ist und mir um die beine streift, wenn sie hunger hat, ist von einem längeren ausflug in der städtischen wildnis wieder aufgetaucht. die kinder hörten heute morgen beim spielen zu meiner verwunderung die nussknacker suite von tschaikowski auf meinem alten kofferradio und vertieften sich anschliessend, nach dem aufräumen ihres kinderzimmerchaos in Lotta, einen kinderfilm, der zu meiner befriedigung mit einem regenguss beginnt.

heute nacht hatte ich einen vertrackten erotischen traum, der mich aufgerüttelt hat, so dass ich ein neues notizbuch angelegt habe, um dem nachzugehen, was von meinem sexleben übrig geblieben ist. Da ich nicht möchte, dass eines meiner kinder einblicke in mein leben bekommt, die es nicht haben will, habe ich das notizbuch mit einer warnung versehen. ich werde vor mir selber kein blatt vor den mund nehmen, das habe ich mir geschworen. tabula rasa. es gibt innere zimmer und speicher, die ich noch nicht aufgeräumt habe. wie kinder es tun, liebe ich aufräumen und chaos gleichermassen.

überhaupt scheine ich manchmal in meine kindheit zurück zu fallen. oder ist es nicht vielmehr so, dass ich in vielem ein kind geblieben bin, gottseidank, ich glaube weder an den lieben gott noch an den nikolaus, das meine ich nicht, aber meine spiellust, meine lust diesem und jenem und dem noch ganz anderen und wieder einem neuen nachzugehen, wie ich an kindern und enkelkindern beobachtet habe, das steckt auch ganz tief in mir und da ich kaum noch verpflichtungen habe, ausser der, aus der zeit, die mir bleibt, ein kunstwerk zu machen, regelrecht und unordentlich, wie ich bin, zerstreut und wach, von einem zum andern springend, ohne grund, einfach nur, weil es spass macht, und der tod gar nicht mehr so wichtig ist. ich stelle mir vor, Marie sieht mir bei allem zu und schüttelt amüsiert den kopf über mich kindskopf, und selbst das leben scheint mir manchmal überbewertet, jedenfalls, was die „stabilen geniusse“ anbelangt, und wenn wir, trotz unserer fähigkeit zu bewusstem tun, zu denken, verantwortung zu übernehmen, endlich, für die welt, in der wir leben, und vernunft nicht nur zu definieren, sondern zu manifestieren, vor allem aber zu lieben, was in meinen augen kein blosses gefühl ist, sondern eine welthaltung, wenn wir, trotz alledem, uns als irrläufer der evolution herausstellen sollten, dann kann ich auch nichts machen ausser spielen bis zum ende.

How a hackneyed romantic ideal is used to stigmatise polyamory | Aeon Ideas

 

https://aeon.co/ideas/how-a-hackneyed-romantic-ideal-is-used-to-stigmatise-polyamory?utm_source=Aeon+Newsletter&utm_campaign=6ea324bcba-EMAIL_CAMPAIGN_2018_01_03&utm_medium=email&utm_term=0_411a82e59d-6ea324bcba-69069133

 

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der einzige sinn

 

tagebuch eines wahnsinns, werde ich das hier nennen, tagebuch nach dem tode von marie z., tagebuch wozu. nun so langsam, langsam beginne ich mich leer zu fühlen, selbst das sagen, das aussprechen hilft nicht, nichts hilft und doch gibt es in mir einen, der schreibt, manisch schreibt er am rande der depression, was für ein wort, schreibt er, er fragt nach jedem wort, was sagt es, was vermag es zu sagen, druckabfall also, am rande des druckabfalls in der kabine, die sauerstoffmasken fallen, erwachsene setzen sie zuerst auf, danach kommen die kinder dran, hat einer die kabinentür geöffnet, den notausstieg betätigt über den alpen und die wasserrutsche ist bereit, fertig aufgeblasen und nun fällt der druck, das aufgeblasene weicht, zurück bleibt ein häufchen elend, wimmernd in einer ecke?

so ist es nicht.

113
Karl Ballmer

aber einer schreibt, als schreibe er bis zum letzten atemzug an einem seltsamen werk, einer endlosen wortmelodie, einen endlosen wortstrom aus sich heraus setzend, schreibend wie einer, der sonst nichts mehr kann, hinaus gehen ist gefährlich, die luft tut so gut, die frische, aber er verkriecht sich am tisch hinter der maschine und haut in die tastatur, schon gleich nach dem aufstehen sitzt er da und schreibt und schaut nicht hinaus und sieht keinen vorbei gehen, sieht nur die tastatur und den schirm, vor allem die tastatur, die abfolge der buchstaben und das resultat interessiert ihn nicht. nichts kann ihn aufhalten, wortungetüme hinaus zu spucken und nie mehr aufzuhören, weil er dann nicht da sitzten muss in der unerträglichen stille, in dem haus, das sie so ausfüllte, als sei sie in wirklichkeit so weit und so gross wie das haus und noch viel weiter und grösser, dann muss er nicht die wände betrachten, die bilder, die er für sie aufgehängt hat, noch etwas höher, noch mehr nach links, ja, so ist es gut. wenn zwischen den sätzen eine stille entsteht, eine atemlose pause, dann ist es, als falle er in einen stummen wortlosen raum, der schlimmer ist als die hölle, von der der pfarrer sprach, als er klein war auf dem dorf, in dem seltsamste sachen passierten, noch schlimmer als im letzten roman von julie zeh, überhaupt das dorf, aus dem sie ihn endgültig befreit hat, du sahst nicht so aus, als kämst du von da, sagte sie, du sahst ganz anders aus, und er haut in die tastatur, um noch ein wenig von iher präsenz herauszuhauen und gerade dann, wenn er die wörter setzt, entfernt sie sich immer mehr.

sie entfernt sich, das ist normal, sagt er sich, sie ist schliesslich jetzt die welt, mit jedem tag, jeder stunde, jeder minute, jeder sekunde immer mehr, aber er weiss nicht, wie er mit der welt reden sollte und wie die welt nun redet zu ihm.

schau dich um, hört er einen anderen sagen, hör dich einfach um, spüre hinein, dann geht es von selber, als ob das einfach sei, einfach hören und fühlen und sehen und all das andere, das spüren auf der haut, in den fingerspitzen, in den haaren und an brust und bauch, da spürte er sie, wenn sie aneinander geschmiegt einschliefen, nicht einschliefen, weil der andere einen atemlos machte, weil der andere als anderer, als gänzlich fremder körper, als nicht der eigene körper mit haut und haar so aufregend war, dass er ausser atem geriet und nächtelang wacher lag als an irgendeinem tag.

nun kommt es langsam heraus, er hätte ihr noch stundenlang antworten mögen, auf ihre immer völlig überraschend kommende aufforderung, sag mir was liebes, mitten in einem gespräch über gott und die welt sagte sie das, was ihn dermassen überrumpelte, dass er gar nichts zu sagen vermochte, er war mit stummheit geschlagen, wie gelähmt die stimmbänder, er konnte nichts sagen und lenkte ab, lenkte um und nun möchte er auf alle verpassten gelegenheiten zehnmal am tag nur noch antworten, ich liebe dich, selbst wenn du toter als alle toten wärst, das ist mir egal, ich liebe dich, ich liebe dich, nur noch ich liebe dich, als gebetsmühle, als lebendige gebetsmühhle, ich liebe dich verdammt noch mal, scheiss drauf, ich liebe dich.

und das, so schreibt der schreibbesessene einmal für allemal, und das, so schreibt er zehnmal, hundertmal, tausendmal und weiter ohne überhaupt irgendwann aufzuhören, das ist das einzige, was überhaupt noch zählt, der einzige sinn, den es jemals in meinem leben gegeben hat, und sonst keinen.

buchstäblich, die worte hingeknallt, auf den tisch gehauen, wütend, wahnsinnig und völlig durchgeknallt einfach nur noch ich liebe dich schreiben bis ans ende.

scheiss auf das ende und noch darüber hinaus, überhaupt nicht mehr aufhören wie chaplin in modern times zuckend obsessiv gar nicht mehr aufhören, ewig weiter machen, weil es der einzige sinn ist, den ich jemals hatte.

ich als produkt

 

was für ein wort ungetüm! und doch beschreibt es annähernd genau, was ich bin, das produkt einer gemeinsam mit marie z. geschaffenen kultur, geschaffenen Seele, überhaupt erst Seele, denn wir glaubten nicht an den aristotelisch-katholischen unsinn der eingeborenen seele. Und als solchermassen entstandener, geschaffener, ein reines zufallsprodukt. nicht geplantes, nicht kausal herleitbares produkt. welche funken aus unserm zusammentreffen schlagen würden, stand nicht fest, nicht von vornherein, es war eine seltsame auswahl aus möglichkeiten. wir hätten unsere mitgebrachten muster ins endliche fortsetzen können, die kindheitsverletzungen von kriegsversehrten älteren, die es auch nicht besser wussten (was in unsern augen nach dem satz „denn sie wissen nicht, was sie tun“ zwar eine erklärung, keine anklage, aber auch keine entschuldigung war/ist), die kindlichen folgerungen daraus, die überlebensstrategien und daraus abgeleiteten „spiele für erwachsene“. was wir auch solange taten, bis uns langweilig wurde. „ehehölle“, „scheidung“, „kaukasischer kreidekreis“ waren uns keine besonders attraktiven optionen.

uns war bewusst, dass in der zunehmenden kälte beziehungen mit ansprüchen überfrachtet werden, so dass sie daran kaputt gehen.

der erkannte schatten des andern als der eigene schatten; ich komme mir selber als der andere unentwegt entgegen, das hatten wir uns zur devise gemacht.

wie?

das gemeinsam geschaffene, die eigene kultur=seele hielt uns, hielt selbst im härtesten konflikt.

einmal bin ich abgehauen, für wochen, gab kein lebenszeichen. sie freute sich, als wir uns wieder trafen, in den bergen der alpes maritimes, ich hatte mich im hause eines bildhauers am hang von sospel eingenistet, und sie hat es mir in der woche danach gebührend heimgezahlt. Es schien mir gerechtfertigt, ich hatte keine einwände.

ich muss gestehen, ich mochte es, als sie wild fauchte und mir das gesicht zerkratzte.

069
Karl Ballmer

was mich zu meinem eigentlichen thema bringt.

die anatomie sagt eindeutig, wie männlich und weiblich in unserer kultur verteilt waren.

in wirklichkeit war es eine fluktuierende sache, männlich/weiblich und alles dazischen war eine tastatur, auf der wir spielten. wer war der vater, wer die mutter der kinder, auch das war nur äusserlich klar, im alltag variierte es.

manchmal erlagen wir den geschlechterklischees, aber eine illusion kann man nicht lange aufrecht erhalten, also blieb es beim fluktuieren, beim hin und her auf der skala menschlicher möglichkeiten.

das ergebnis: mit klasifikationen und schubladendenken, mit dem ich bin dies, nein, ich bin jenes, kann ich endgültig nichts mehr anfangen.

Vieles von dem, was in unserer absteigenden Zivilisation als eigenstes, urpersönlichstes und individuellstes betrachtet wird, ist oft nur eine manifestation von Testosteron und Oestrogen, insbesondere die extreme auf beiden polen der skala. feststeht, dass die betonierten kategorien und zuweisungen viele menschen unglücklich gemacht haben, darunter auch zum beispiel die monogamie, die sogenannte monogame ehe usw.

Da ich eine sechsunddreissige erfahrung damit habe, kann ich eine für mich evidente these formulieren. Die monogame ehe funktioniert nur als hochbewusste willenswahl, als neigung (ganz sicher nicht als kantscher imperativ oder kulturelle gewohnheit oder religiöse verordnung) und als hochbewusste alltägliche übung, in die man sein ganzes Kapital investiert (Intellekt, Vernunft, Gefühl, Wahrnehmung, Sinneserfahrung, Sinnlichkeit, Eros und Sex inklusive der Bereitschaft, den Schatten zu investigieren und in den diversen Rumpelkammern aufzuräumen und in der Entschlossenheit auch in sehr stürmischen Gewässern zu navigieren).

Mir war die Polyamorie (https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Polyamory) als reale alternative und alltägliche übung immer sympathisch (auch die realpolitischen versuche darin, die ich immer mit höchstem interesse verfolgt habe, um davon zu lernen).

wahl beruht eben nicht auf dem schlechtmachen der alternativen sondern auf ihrem geltenlassen und ihrer würdigung. Das war das salz in unserer monogamen beziehung. monogamie ist in meinen augen ein abenteuer, dem man gewachsen sein muss (wenn man es aushält, wird man ihm gewachsen), dessen wert sich an seinen produktionen zeigt.

zu den risiken, die man einzugehen hat, gehört in meiner erfahrung auf jeden fall die investigation der geschlechterklischees. wenn monogame zweierkultur nicht auf die metagender ebene gelangt, wird sie zur hochlangweiligen misskultur, flachland ehehölle sozusagen.

 

ihre miese laune

 

„Der Mond heut Nacht –

sogar ihre miese Laune

vermisse ich irgendwie“

Issa / Haiku / Fischer Taschenbuch 2016 / S. 154

 

134
Karl Ballmer

Blindflug -Tunnelblick

zum briefkasten mit nackten füssen, die nasse kälte auf den pflastersteinen, körnige streu vom letzten schneefall, ein wind geht heute morgen und schüttelt den Garten, sehe ich überhaupt noch was, ich nehme es am rande wahr. der zeuge hat sich nicht vôllig davon gemacht, aber das ritual bleibt leer, ich trinke den Kaffee und merke zerstreut, er ist zu lehmig, zu bitter für die bialetti, der knoopes fehlt mir und die zeitung blättere ich durch, als sei ich blind geworden, die üblichen gesichter auf den fotos, schlagzeilen, die meine aufmerksamkeit nicht bekommen, es kratzt nur am äussersten sehfeld, was sonst den anfang eines gesprächs ausmachte, das nach drei sätzen abbrach: „hatten wir doch schon“ und „alles längst gesagt“, der „herr der gecshichte“, so pflegten wir festzustellen bei allem undurchsichtig offenbaren, „spielt im verborgenen mit verdeckten karten“ und „die durchgeknallten sind an der macht“.

manchmal sagte dann einer von uns, es wechselte, wie auch sonst die rollen wechselten, mann/frau, wer was gerade war, wahr oder nicht wahr, das war wenigstens mir nie ganz klar: „die macht ist launisch, wie die geschichte zeigt, setzt sie sich fest für einige zeit und zieht weiter, hinter sich die trümmerfelder der illusion und das leiden der vielen“.

so hofften auch wir …

093a
Karl Ballmer

heute morgen ist, wie gesagt, alles anders, tunnelblick-blindflug denke ich, als ich die rauen Pflastersteine an den Füssen spüre, die Kälte tut gut, ich lebe noch, denke ich, aber das ritual ist leer, ich hole die zeitung aus gewohnheit, eigentlich nur, weil ich  die bilder der gestorbenen sehen möchte, das sterbealter bedenkend, neunzehnhundertdreiundsechzig geboren, neun jahre jünger als sie, „nach langer krankheit“, und ich frage mich, warum tue ich mir das an, bis ich auf ihren namen stosse, marie z., und ich sitze vor meinem kalt gewordenen kaffee und denke gar nichts mehr.

der rest der zeitung ist  kalter kaffee und das virtuelle blättern fällt ganz weg. draussen schüttelt der wind den Tuja des nachbarn und der Kirschbaum wackelt mit, neben mir auf dem stuhl am küchentisch schnurrt neuerlich eine katze, sie geht und kommt, wann sie will, sie streicht mir um die füsse und verschwindet im keller; ich wollte nie haustiere, nun lausche ich nachts, wenn ich aufwache und nicht mehr einschlafen kann, ihrem tappsen im treppenhaus, ihrem maunzen, ihrem rascheln und sanften scharren, ihrem teppichkratzen und ich weiss, morgen werden die enkelinnen mich überreden, eine neue folge von simon’s cat anzusehen.

seit sie weg ist, hat sich die welt verkleinert, obwohl ich noch immer den unmut in mir hochsteigen fühle, wenn ich gewisse transatlantische facies beim umblättern der morgenzeitung mit dem blick streife. ich höre dann ihre stimme, „dazu haben wir schon alles nötige gesagt“.