trauernder witwer, die tragikomische oper

 

 

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der satz meiner enkelin am grab, wir haben winterblumen gebracht, geht mir nicht aus dem sinn, sie war kurz davor, in tränen auszubrechen, da sagte sie plötzlich: „können wir die oma nicht einfach vergessen, dann sind wir nicht mehr traurig.“ das kam so überraschend, ich habe lachen müssen, das war ein satz, er hätte marie gefallen (wie die masstäbe sich doch ändern).

ich weiss natürlich nicht, was für ein bild ihrer oma die enkelin hat, aber so wie ich marie kannte, wird es wohl ein starkes sein.

wenn ich mich frage, was ist nach einem jahr, so lautet die antwort, dazwischen ist gar keine zeit, kein erleben von einem jahr und ich habe dies gemacht und jenes und daran dekliniere ich das jahr, kein zeiterleben demnach, ein bleibendes gefühl, das wirkt im hintergrund und vergessen habe ich gewiss einiges und anderes tritt plötzlich hervor, je nach lichteinfall und stille, erinnern ist eine fähigkeit meines körpers wie vergessen und trauern.

was marie betrifft und die zeit seit ihrem tod, so ist das keine zeit, nur ein moment, er hat gar nicht aufgehört, ich könnte auch sagen, ein raum, aber auch keiner.

die leute wollen immer weiter, es müsse weitergehn, so lese ich, ich frage dann, wohin geht die reise und was geht mich das an, nur weg von. weg wovon und wie soll ich das wollen?

es ist jenseits davon.

seit sie tot ist, bin ich immer wieder in diesem raum, diesem ereignis könnte ich auch sagen, wenn das nicht so missverständlich wäre, weil darin wieder zeit steckt, dann und wann und wie lange. keine dauer, ein aufhören, ein anfang, kein stillestehn, eine ausdehnung der stille, des horchens. wie es sich ausdehnt. und wohin. der raum heisst: der fünfzehnte im dezember 2017.

da ich mich manchmal kneife (mein realitätssinn), ist dort nichts stehen geblieben (realiter habe ich tatsächlich einiges getan wie heute morgen schnee geräumt und gestern blätter gefegt und lange dem regen zugehört und die sonne in städten auf der haut gespürt und  im meer bin ich geschwommen und begegnet bin  ich diesen und jenen) und ich also auch nicht.

ins alleinsein habe ich mich begeben und in die vereinsamung (die angst gefühlt und die verlassenheit und die abgründige schwäche), das allein schon ist eine reise sui generis.

dort, das meine ich, ist keiner hängen geblieben und keiner spielt trauernder witwer, die tragikomische oper, dort war ein beginn, dort hat etwas angefangen, dort ist etwas aus der zeit gefallen, malgré moi, dort dehnt etwas sich aus und ich tue gar nichts dazu, ich halte bloss ein, kein weg von, nichts anderem zu (was das wäre ist mir unerfindlich), es hat sich ergeben, es ergibt sich und es hält an. es ist keine trauer, kein schmerz (obwohl es das gibt), es ist jenseits auch davon.

es ist eine freude (keine sehr bekannte).

zum beispiel war sie gestern am grabe, sie kam wie von aussen heran, in diesem geschichteten licht unter hohen bäumen im wind, winterkahl, in der kälte von unten her, auch seitlich. vergessen ist gar nicht nötig.

denn, das war kein tod, der einmal aufhört, und es ist kein erschrecken, keine angst. niemand ist an einem sarg sitzen geblieben, keiner hält totenwache zur verkehrten zeit, es gibt einen nicht-raum, einen nicht-ort, dort bin ich jederzeit, kein wimpernschlag.

manchmal sage ich mir, auch dies ist eine erinnerung.

vielleicht ist es ein fingerzeig.

ein denk daran.

ein ordnungsruf.

der eine ton.

und du erwachst.

andererseits, ich mache keine hehl daraus, dass ich mich langweile ohne marie, richtig, ordentlich langweile, im alltag, jederzeit, sogar beim café trinken, sogar beim treppengehen, ich hole etwas nur für mich selber, welche langeweile. und die welt ohne unsern kommentar, deinen vor allem, marie, deinen mund dabei, deine augen, ich kann es nicht fassen.

marie hätte gesagt, du gibst doch wohl das wort „idiot“ nicht in die suchmaschine ein.

 

 

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malou, die geliebte

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nur stilles da sitzen/ keine bewegung, nicht einmal draussen/ kein mann mit hund spät nachts / nur die stille / sie ist nicht da, die marie/ wie war sie immer jung / und heute nacht vor einem jahr ist sie gestorben / so tot wie nur irgend möglich, kaum wiederkennbar / malou, meine geliebte / ohne sie? nichts vorstellbar / kein leben, keine noch so kleine freude und unsere gefechte, in allen städten, in denen wir gingen / monumental diese  geste: / ich streichle noch jetzt deine wange und der tod: ein intermezzo / und ohne deine schönheit, dein sein / keine wirklichkeit / deshalb / ich liebe dich / wie immer / T.

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bitte keine reklame für kukident haftcrème und wackelzahniges gebrabbel

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heute morgen, die kälte unter den füssen, was macht das mit einem oder der rauhreif im garten und die kalte erde. das entblätterte geäst, ein bild des innen.

passend zu meiner stimmung, beim lesen gestern abend die frage: „was macht der tod?“ antwort: „der tod reduziert“, die very important person zerstäubt, die ganze konstruktion von jahren und die geschichten, die mühe, die arbeit an einem konsistenten bild einfach gelöscht mit einem schlag.

ein kurzes, aber heftiges erschrecken beim lesen des satzes.

andererseits: eine erleichterung, ich muss nichts sein, ich bin nicht.

und fast gleichzeitig: schon wieder die unruhe von irgendwoher, die bemühung etwas zu sein, irgendeine bedeutung, wichtig, es muss einfach was auf den schirm, und sei es nur für eine stunde wenigstens.

wenn nichts mehr hilft, ein kramen in erinnerungen, aber die zerkrümeln langsam, schatten in einer schattenwelt, langsam verblassende bilder, gelegentlich geschönt, angereichert durch wunsch und sehnsucht.

nichts ist schlimmer als das vorher nachher und das schwelgen im vorher, dazu die von der zeit bearbeiteten gesichter, die grauen haare und was ist dazwischen passiert (zufällig habe ich erst jetzt die doku von A. Bausch über 68 in LU angesehn): ich war erschrocken bei dem konveniatgerede und das gefühl: vergeblichkeit, als der film zu ende war, schien die vergangenheit endgültig begraben. und ich war entsetzt über die altersgenossen, neckische anekdoten, ohne biss, kein jetzt gefühl, ist das altersheim abgebrannt, dass die da herum sitzen und das „es war einmal“ feiern (am fittesten noch die musikalische fraktion).

plötzlich ist dann die kontinuität futsch, filmriss, schwärze.

für mich war es ein aufbruch (und Grosskleinstein eine sehr ferne ahnung), überhaupt aufbrechen ins unbekannte, immer wieder von neuem und wäre es auch in das nicht und nichts von allem, aber bitte keine reklame für kukident haftcrème und wackelzahniges gebrabbel.

vielleicht bin ich auch nur deswegen aufgebracht, weil vor einem jahr um diese zeit marie noch zwei tage hatte, in der nacht des dritten hat sie aufgehört zu atmen und ich sass da und hielt den mund, ein schweigen hat sich in konzentrischen kreisen ausgebreitet und alles zum verschwinden gebracht, was sonst wichtig tat und bedeutend. es war nur noch das, dieses schweigen und erst länger danach eine welle von schmerz  und darauf  heftigere, sie schlugen über einem zusammen.

daraus hervor kommen als ein anderer? als derselbe? man muss nicht mehr um jeden preis etwas sein, dies oder das und es scheint austauschbar? oder man findet sich ab mit der kantigen widersprüchlichen erscheinung, zu der man geworden ist, leicht ironisch, spöttisch manchmal, etwas weggerückt, keineswegs weise? aber in der tiefe das barocke gefühl der eitelkeit des meisten, es bleibt nicht und wiegt nicht schwer auf der waage.

nur das eine bleibt.  als wirkendes ereignis, als wirkliches jetzt, als substanz.

diese sortierung, wem verdankt man sie: dem tod und einer toten.

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marie höre ich sagen: „das allerletzte“

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wenn es regnet, es regnet seit gestern abend unaufhaltsam, ich bin aufgewacht und eingeschlafen und wieder hochgeschreckt und immer noch das laute, das leise trommeln auf dem dach und die böen von wind, der dachstuhl ächzt. geborgenheit? ausgeliefertsein! beides. ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die flut steigt, jakob van hoddis, weltende, jeden augenblick und es hebt wieder an.

gelegentlich frage ich mich, welchen einfluss stimmungen, gestimmtheiten, seelische wetterlagen, einzelne oder allgemeine, auf wetter und klima haben. oder ist diese frage zu abseitig, also: ob sie wirken und wie dann, denn sie bestimmen doch mit anderem, wünschen, sehnsüchten und süchten unseren tag. gottseidank sage ich mir dann, dass man nicht alles wissenschaftlicher inquiry unterwerfen kann, dass es noch bereiche gibt, die liegen jenseits davon.

und doch, wenn ich morgens mit nackten füssen auf den nasskalten steinen die zeitung hole (weswegen eigentlich? antwort: wegen den gesichtern, den körperhaltungen und, nicht zuletzt, den fotos von gerade verstorbenen: daraus lese ich den aktuellen weltzustand ab und wenn es nicht regnen würde, könnte ich weinen), dann spüre ich von unten nach oben, wie sehr ich verbunden bin, ein wesen der erde und deren stimmungen sind mir wohl bewusst. wenn etwas mich am leben hält ist es das, der wind im gesicht und die steine unter den füssen, sie sind kalt und nass und riechen nach untergang heute morgen: wieder eine illusion futsch, ein kleiner tod jeden tag, damit das ende nicht zu schlimm wird.

aber diese sinnliche empfindung, auf den steinen, in regen und wind, die geht durch und durch, wie das gehen, wie das hantieren am briefkasten, wie das aufrichten, das umher schauen und das zurück ins haus und ich spüre, wie ein lachen aus dem bauch hochsteigt und dass ich noch am leben bin, jetzt.

heute nacht, da morpheus sich fern gehalten hat, ich vermutete ihn in einer ecke des raums, aber näher kam er nicht, habe ich mir die zeit vertrieben (dabei eilt sie) mit geschmacksentgleisungen (tatsächlich captain america, avengers und andere retter und heroen):  unsere kollektive sehnsucht  nach weltrettung durch irgendeine kraft, aber nur nicht wir selber, wir, also ich und du und die andern.

statt auf dem kopf stehen, auf die füsse kommen, ein  seltsames wesen der erde, ganz eingetaucht in sie (die atmosphäre gehört dazu) und untrennbar ein teil davon und noch dazu eines mit verantwortung, geistigen werkzeugen, stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind?

lese ich jedoch die zeitung — das tue ich jeden morgen, ich führe mit nackten füssen keinen eiertanz am briefkasten vor, es geht tatsächlich um die zeitung, ein ritual zu ehren das andenken von marie und jeden morgen das exerzitium der todes anzeigen, der jungen gesichter heute und eine ferne ahnung vom schmerz, der sich breitmacht und ich wünsche den richtigen trost und eine gute reise auf den wegen der toten — dann sehe ich, leider, viel konfusion und wenig einsicht, zum beispel in die denkvoraussetzungen des aktuellen zustands, vielmehr des rutschens, gleitens in etwas unsägliches hinein (vergiftete tote böden zum beispiel, die tiere machen sich aus dem staub, wir aber züchten monstruöses, nehmen gebirge von unvorstellbarem unnötigem leiden in kauf (auch ohne unser zutun gäbe es schon genug) und meinen, wir müssten keine schuld zurückzahlen?).

es regnet, zu meinem trost und ich trinke den café aus, er schmeckt bitter, wenn ich den nasskalten boden unter den füssen nicht spüren würde, was würde ich dann noch tun und denken? dass alles recht ist und richtig? oder das, was wir unter objektivität verstehn, eine einsinnig sture bahn in die verwüstung, nicht aber ein schauen von allen möglichen standpunkten und ein vorsorgliches tun?

ich gehe, wie gesagt auf bilder, und dann das(1), diskret fünf frauen im hintergrund, daneben, dazwischen die weniger wichtigen (?) männer und der vordergrund dann, breitbeinig (vom gestus her), selbstzufrieden, die anzüge mehr oder weniger fesch, meist weniger, wir sind die hoffnungsträger, fragezeichen, noch ein fragezeichen und eine ganze reihe von fragwürdigkeiten, das aber ein ausrufezeichen, dieses foto, und kein schmeichelndes. das gegenteil einer gelungenen inszenierung und das erste hick und ein programmatisches.

marie höre ich sagen: „das allerletzte“. und: „hast du von denen wirklich etwas anderes erwartet?“ „ja“, würde ich sagen und naiv wie ich bin, wieder einmal enttäuscht: „dieses signal ist ein rückfall, fünfziger jahre, finster, eng und geschmacklos.“

ein geschmackloseres foto habe ich in letzter zeit selten gesehn.

punktum.

(vom programm reden wir nicht. noch nicht. hoffnung? erwartung? vielleicht, vielleicht sage ich, aus der zweiten reihe, vielleicht. und wir?)

(1) das foto der neuen regierung

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tango mit marie

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schon lange jahre,  inzwischen ein dutzend, schreibe ich einleitungen zu geschichten und darüber hinaus geht es nie, die geschichten werden nicht erzählt, die einleitungen gelöscht (einige habe ich aufbewahrt) und ich beginne von neuem.

anfangs dachte ich, es liegt daran, dass ich mich schnell langweile und die lust verliere, es liegt daran in wirklichkeit und ehrlich, ich erfinde nichts, dass das leben mich ablenkt, mit einer kräftigen dosis von diesem und von jenem, von allem ganz offen gesagt, ich mache fast keine unterschiede mehr, was mich leidenschaftlich beschäftigt, beschissen fühle ich mich oder sehr glücklich.

jüngst habe ich mich wieder an einer einleitung versucht, immerhin so zehn zwanzig a4 dinger aufeinmalund ich musste mich mehrmals widerrufen, am dritten tag sank das interesse unter null und einige tage später begann ich von neuem, die ultimative einleitung für eine geschichte, die es noch nicht gibt.

nicht geben kann, weil die umstände so bemerkenswert chaotisch und daneben sind? nein, weil ich keine ausdauer habe?

marie zuliebe habe ich mehrere geschichten zu ende geschrieben, so hundert bis zweihundert  seiten und mehr, sie fand die sachen mau und zusammengestrichen wurden sie auch nicht besser. die ruinen sind im archiv virtuell aufgehoben, ich finde das schön, ein druck auf eine taste und weg sind sie, im orkus verschwunden.

woran lag es? die eine war zu sehr vergangenheit, eine alte geschichte, aufgewärmt und nur halb verdaut, eigentlich unappetitlich, die zweite zuviele geschichten aufeinmal, so dass einem übel wird, wie nach zuviel dessert, aber bittersüss, das mag auch nicht jeder, marie jedenfalls hat gestrichen und ich sah mein werk schwinden und ohne substanz.

regelrecht verfolgt werde ich von der folgenden idee, die angeblich aufgeschrieben werden will: ein haus, gross, viele zimmer, jedes anders und überraschend und darin zwei leute zuerst, dann drei, dann mehrere, die zimmer füllen sich langsam, noch am anfang nomadisieren die bewohner im haus, mal hier mal da, männer und frauen, nein, wesen aller art, aber menschen, eine katze  noch, weil die niemand gehorcht und angehört, nur sich selbst, und ein garten wie im kloster, ein asyl vor dem ansturm der welt (nachts reisst das haus sich vom boden los und segelt davon) und nun die komplexen figuren, die sich ergeben, tango natürlich und keineswegs festgelegt, sehr beweglich und morgen  wieder ganz anders, aber diese fürchterliche sehnsucht nach einer art heil, aber frag mich keiner, was das heisst, ein sog, eine anziehung über alles hinaus und eine freude, aber das „trotz allem“ auch darin. wohin so ein haus segelt, weiss nun keiner mehr.

ich wollte diese geschichte erzählen, bis mir klar wurde, es ist mein leben mit marie und die personen, das sind wir beide, unsere spiele, unsere verkleidungen, unsere maskeraden über die jahre,  unsere vielen gesichter, eine multitude und einige davon liefern sich gefechte und andere fallen sich in die arme und… ich werde nichts offenbaren von all den andern, denn nun ist das haus  fort, am horizont untergetaucht in eine parallele welt,  nachts geistere ich darin mit marie,  es ist verschwunden  und auch wieder nicht, oft denke ich, es war nicht, es ist jetzt, jedenfalls bin ich übrig  und marie sagt, so viele  leute bist du, möglicherweise alle, die dir jemals über den weg gelaufen sind und noch laufen, ich jedenfalls und alle, die du freundlich angeschaut hast.

wir haben nicht genug tango getanzt, sage ich, einfach nur, weil ich zu perfektionistisch war, und trotzdem, improvisation hat auch  einiges für sich. jedenfalls, fragte man mich, wie es war, sags in einem wort, dann würde ich antworten: tango.

und das haus?? in meinen träumen suche ich es, werde ich es finden, manchmal eile ich von zimmer zu zimmer und eben war sie noch da, ein hauch in der luft, ein parfüm, eine farbe, eine bewegung ihrer hand, unsichtbar nun und sie: schon weiter, viel weiter.

schreibs auf, sage ich mir am morgen, schreibs auf und ich beginne von neuem, die einleitung zu einer geschichte, die geschichte von einem haus und leuten in jedem zimmer und immer andere und stimmen, manchmal laut, manchmal leise, ein kichern, ein lachen, sie reden gerade von einem ganzen leben in einer ganzen welt, aber das ist wieder eine andere geschichte und dies nur eine einleitung dazu.

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vom schenken

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bei der frage, was wäre ein adäquates weihnachtsgeschenk (oder geschäft,  ist das nicht das gleiche, liebesersatz, daumenlutschen des festivus festivus und weihnachten, was ist das) komme ich auf … roboter, er geht, ja, er springt, tanzt tango (die grundschritte) und sagt dazu, echt robotisch: fuck humanity (in mehreren sprachen, russisch, amerikanisch und mandarin, neuerdings auch französisch).

abgebrüht bin ich nicht, leide eher an sentimentalem gefühlsüberschwang, aber keineswegs himmelhoch jauchzend zu tode betrübt. ich weiss nicht, was mich am montagmorgen gepackt hat, dabei regnet es doch und also die schöpfung (in meinen augen) wieder einmal rundum gelungen (an solchen tagen bin ich ein gläubiger mensch und lausche den regengebeten, sanftes beginnen und steigerung, allmählich, zum trommeln und orgeln auf dem dach und meine andacht, meine meditation, im sommer dachte ich einen augenblick lang, und wenn es der letzte wär).

ich bin diffus aufgebracht, vorweihnachtlich sozusagen.

die verwandlung der welt in eine commodity ist nicht schön, aber real, und selbst die liebe, die liebe, sie ist eine himmelsmacht, ist am wanken, ich gebe dir, du gibst mir und wehe die balance ist gestört, die blosse vorstellung, man liebt und kriegt nichts zurück, ich meine, man fragt nicht danach, läuft in einem anderen modus, kein geschäft auf gegenseitigkeit, kein kantsches zum gegenseitigen gebrauch der geschlechtswerkzeuge (ein haupteinwand gegen kantsche filosofie), nur ein geben und kein gedanke an einen retour. ich meine, die erfahrung zeigt, es gibt einen, aber nur, wenn man nicht hinterher jagt wie eine verlorene seele.

geschenke habe ich besorgt, manchmal war es wie eine messe, die freundlichen sätze, „hier haben wir noch“, und „das modell ist sehr schön“,  feierlich die griffe in regale und an kleiderständern genestelt,  der kritische seitenblick auch: ist es wirklich ein reuiger käufersünder oder nur ein“ich überleg’s mir noch“, endlich dann der klimax an der kasse, der preis wird genannt, die karte gezückt, es ertönt der heilige stillschweigende gesang des passcode, sesam öffne dich an den virtuellen kassen, der austausch der zettel, „wollen sie…“, „brauchen sie den beleg…“.

(der regen  inzwischen gesteigert zur symphonie (ich muss das erwähnen), ein deutliches orgeln darunter, anhaltend, anhaltend, das reine glück)

die überreichung der einkaufstüte sodann, das lächeln und „einen schönen tag noch“ und „kommen sie bald wieder“ (dies unausgesprochen natürlich).

mich erinnert das, entschuldigung, an das hin und her vor dem altar, die gesten und beugungen und der höhepunkt, die wandlung von geld in ware und umgekehrt, die heilige transubstantiation des sich verwertenden kapitals, der gott tritt in erscheinung und vor der tür schon die zweifel, die fragen. meine enkelinnen zögern keinen augenblick, die stirne zu runzeln, fassungslos in tränen auszubrechen, denn der schenkende hat völlig daneben gegriffen. man rät richtig, wenn man sagt, marie fehlt dem, sie hatte den treffenden geschmack, den praktischen sinn, wusste dies und das, ich dagegen bin nur ein geschenkeignorant und ich glaube nicht an weihnachten, ich weiss schon, der funke in der finsternis, aber das ist noch was ganz anderes (meine frühe kindheit kannte noch keine strassenbeleuchtung, aber richtige nacht und dämmerung und sterne und funkeln am himmel und die schrecknisse der finsternis und das gruseln um den friedhof in der mitte des dorfs (von einem der auszog) und die freude am (sie lesen richtig, kein versprecher bitte sehr) heiligen licht und der weihnachtsbaum brennt, mein vater hatte ihn im walde mitgehn lassen und es fragte keiner danach).

von nostalgie, gar weihnachtlicher, nicht die spur, nur die hoffnung oder besser der gedanke, nachdem wir die regale leer geräumt haben, ich meine die welt, kommt vielleicht wie aus dem nichts, aus dem nichts also, die besinnung, dass es etwas gibt, das zählt, aber seelisch, gedanklich und körperlich, richtiges sinnliches in der welt sein als gefühl für die welt und verantwortung statt warenausweichmanöver und schiefe umschichtungen in seelenhaushalten.

einfach: zählt vielleicht  sowas wie: zusammen sitzen und reden, erzählen (das auch) und lachen  (meins und das deine (das ich vermisse, aber im regen noch ahnen kann): das  geschenk an und für sich  und geschenke überhaupt: der anblick von freude auf dem gesicht des beschenkten.

eine woche vor weihnachten letzten jahrs ist marie gestorben.

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von einem anderen planeten, eine lesung mit Maryse Krier

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dann wollte marie nicht mehr hin, sie las tod in den augen und erschreckten gesichtern der andern, sie selber im rollstuhl und ich schob, sie sah den tod, den die andern an ihr sahen und der arbeitete sich vor, unaufhaltsam.

wenn man es einmal gesehn hat, kann man die augen der menschen in der onkologie nicht vergessen, sie suchen in den deinen einen halt, denn sie rutschen ab und du kannst ihnen keinen geben, aber hinschauen kannst du, ohne die augen abzuwenden.

marie wurde es schliesslich zuviel, sie wollte keine todes- und totenschau mehr, und die nebenwirkungen machten alles nur noch unerträglicher.

man versteht schon, warum die krankenhäuser so riesig geworden sind, eine kosten- und effizienzfrage, aber der preis ist eine konzentration von leid, leiden und schwere, eine düstere schwere, sie lastet über allem und alle handhabungen sind helfend und zugleich distant. das ist kein vorwurf, nur eine erfahrung, meistens sind die handhabungen kompetent, ohne zweifel, aber mit deiner krankheit, deinem leiden bist du allein in diesem raumschiff des leidens.

marie hat sich dann auch geweigert, es war noch etwas drauf auf dem, was schon reichte für sich.

wir lebten bis zu maries tod auf einem andern planeten, lichtjahre weg vom planeten der gesunden. es hatte nur eines kleinen rucks bedurft,  der hiess diagnose. der effekt war instant und brutal, unsere gedanken und gefühle liefen nun in ganz anderen bahnen, die neue welt ähnelte der alten in allem äusseren, das innere jedoch war so verschieden, dass es ans unbeschreibliche, nicht mitteilbare grenzt.

warum ich das schreibe?

gestern abend las  Maryse Krier aus ihrem roman „die verbleibende zeit“ und Anaïs Lorentz spielte saxophon (seit Stan Getz mein lieblingsinstrument, ich bin hingerissen nach den ersten drei tönen und spüre wie ich anfange zu wippen, es beginnt im fussgelenk und steigt aufwärts, unwiderstehlich).

zu meiner verblüffung stellte ich fest (ich habe den roman vorher nur vom klappentext gekannt, ich hätte ihn gar nicht lesen können, rein körperlich hätte sich alles dagegen gesperrt), dass ich ein zynisches verhältnis zu krankheit entwickelt habe, aus selbstschutz natürlich, und obwohl Maryse Kriers einführung in ihr buch bei mir den eindruck wachrief, es handle sich um leben, um realistischen bericht, zuerst jedenfalls, stellte sich wegen ihrer guten stimme, ihrer festigkeit und ihrer ganzen art (eine angenehm pädagogische, die mich anfangs erstaunt, je mehr die lesung fortschreitet jedoch ihren platz und sinn gewinnt) eine gewisse distanz ein, ich konnte mir sagen, es ist eine geschichte, eine realistische, aber doch eine erfindung.

natürlich sah ich auch mich, aber in einer sicheren entfernung, ich hatte schon mit dem gedanken gespielt, obwohl ich mich angemeldet hatte, ich geh doch lieber nicht hin, was ist, wenn ich die fassung verliere, das thema ist mir zu nah, wird mir auf den leib rücken und ich kann mich nicht wehren.

die diagnose wirft die menschen um die hauptfigur rücksichtslos in eine andere realität, die ärzte verkaufen hoffnung und man traut ihr nicht ganz, man ist nicht mehr in der welt der gesunden, lebenden, man lebt auf abruf nun (aber tut man das nicht immer), man leistet widerstand (er ist zwecklos), man verzweifelt (aber das ändert auch nichts), man fährt alle geschütze auf, die man hat (tut mir leid diese kriegsmetapher, aber krankheit entfesselt kriege, oft sind sie verloren, bevor sie begonnen haben), man bekommt angst, man fleht, man betet (ich habe damals das beten wieder gelernt, man braucht dazu keinen gott,  man verhandelt mit einer unbekannten kraft, wie wäre es mit meinem leben gegen ihres, aber sie, marie, fand, das sei keine alternative), dann findet man sich ab (vorher gibt es noch einige kurzschlüsse), nun ändert man sein leben.

ich sah plötzlich marie, allein, sie redet nicht, sie ruft mich nur wegen einer handhabung, einer medizin, dem licht oder wegen einem glas wasser, einer frucht, sie schweigt, ich berühre sie sanft und gehe, nun meinerseits allein im ungewissen und je schwächer und schmaler sie wird in der gewissheit, sie wird gehn und dann … und jedes mal, wenn ich in die erinnerung abzudriftete, kam die musik, die kräftigen töne de saxophons und ich atmete wieder tiefer und der impuls schnell den raum zu verlassen ging weg und ich hörte weiter zu.

Maryse Krier hat es schon genau getroffen, wie sie das gemacht hat, weiss ich nicht, vielleicht habe ich dazu, wie gesagt, ihre stimme gebraucht und die musik der Anaïs Lorentz. zuerst verengt sich der raum, er heisst krankheit und krankenhaus und arztbesuch und die welt verschwindet im schmerz und er drückt dir den hals ab und langsam, langsam taucht etwas anderes auf, vielleicht dank der musik, sie geht durch den text des romans und die lesung … dies ist keine rezension, um himmelswillen … und versöhnt, wie weiss ich auch nicht, vielleicht weil die worte rund herum gesetzt und die töne, selbst die imaginierten, wie ein trost sind, ein eingebildeter nur, ich weiss es wirklich nicht, aber als ich ging, fühlte ich mich nicht mehr so wund.

darf man das von einer lesung und einem buch sagen? ich habe keine ahnung.

ich konnte von meinem zynismus lassen, weil das buch so fein und einfühlsam ist, es redet von krankheit und hoffnung und tod und einem anderen leben, das vergessen wir so schnell, ein intensiveres, schmerzlichschönes, darin zeigen die menschen ihr gesicht.  das finde ich mutig im zeitalter des amüsements, durch das ich mich auf dem nachhauseweg schiebe, ein gewoge von menschen und ein stimmengewirr auf einem novemberweihnachtsmarkt, ein gedudel und geplärre und der geruch von glühwein und kartoffelpufferfett  und ich bin von einem andern planeten hier gelandet.

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