Aufbruch

nun kommen andere zeiten, nun riecht der sommer nach regen und ein wenig schon nach herbst. der himmel ist grau und einige blaue flecken und die kühle erst, die erinnert an die sehr heissen tage.

vom sein kann nicht gesprochen werden, vom werden hingegen schon. manchmal unmerklich, manchmal sprunghaft. manchmal entsteht so das gefühl, ich bin gar nicht da oder doch nur ein traum. man lebt in provisorien, kaum hier, geht es weiter nach schon dort. und das hier wird blasser, undeutlicher, es ist noch meine umgebung, fast noch und schon ist sie weg.

ich rede nicht nur von umzug und verreisen, ich rede von der reise, die man selber ist. vielleicht lassen sich sogar festere fluchtlinien ausmachen, muster auf jeden fall, aber es ist ein aufbruch, schon der tag ist eine wanderung wenigstens, eine recht ungefähre und daraus macht man dann: das ist mein leben, oder weiter noch: das bin ich. und nichts ist ungewisser als das.

erwachen, langsam als bewusstsein im körper auftauchen, fragen, wann aufstehn, sofort oder noch ein wenig in dieser wohligen zwischenwelt weilen, dann schon energischer, decke umschlagen, füsse auf den boden, aufrichten, erste schritte, erste gewissheiten, morgentoilette, café brauen, ein wenig aufräumen, wischen, katzen füttern, irgendein viech hat in den katzenteller draussen geschissen, die konkurrenz, es sieht nicht nach fuchs aus, oder ist es ein protest, jedenfalls den dreck beseitigen, danach wegen dem festtag keine papierzeitung, hingegen online gazetten, skandale, die sogenannte prominenz, wenig besonderes und nichts herausragendes, das übliche, das banale, gewöhnlich ist noch auffallend dagegen, gelangweiltes weiter, café trinken: ein tageshoch und ein wenig schreiben, nichts bedeutendes.

was ich sagen will, bin ich das? dieses hin und her, nun dies, dann das und schliesslich jenes. jedenfalls vom bewusstsein begleitet, meistens würde ich sagen, einiges geht auch ohne, so nebenbei, so mit links.

schauen, über die stadt, in die wolkendecke, zu den baumkronen hin, spüren, die luft, die kühle, hören, das rauschen. langsam, merke ich, entstehe ich daran, bekomme eine morgenkontur, und gleichzeitig die tiefe melancholie, wenigstens hilft sie sortieren, ist das wichtig, richtig wichtig oder wieder nur eine miniprotuberanz im laufe der ereignisse, des tages, der woche.

das beste ist noch die Fantasie, wenn man sich ein längeres gedankenspiel (es gibt auf dem gebiet mehrere meister) zusammen fantasiert, manchmal mehr fantasie als gedacht. das spiel mit alternativen, möglichkeiten. verrammelt man türen, wenn man möglichkeiten ausschliesst.

ich zum beispiel ist ein prozess. ichsagen also eine fähigkeit des körpers. das ist oft als substantiell verstanden worden.

ich sehe darin eine möglichkeit, vom ich sagen zum ich werden. wobei man immer das ist, was man gerade tut, also ich soeben ein schreibender, zugleich ein café trinkender, ein tastaturenhauer, ein fenstergucker, ein autorauschen hörender, sehr selten übrigens heute, nichts umwerfendes, aber ich, was sonst. aber ich bestehe nicht drauf.

und dann die rabenkrähen, besonders laut und unverschämt grell heute.

und erst die doppelte wolkendecke, schäfchenwolken zuoberst und darunter vom wind angetriebene kolosse, die ziehn und ziehn unaufhaltsam.

keine schwarzweissmalerei

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ich sage ja nicht, das ist normal, dass jemand das vertrauen verliert in den existentiellen grund und dass in der mitte des seins (eher des werdens) ein loch klafft, eine leere gähnt, eine ungeheuerliche, die allen sinn verschluckt, gefrässig, unersättlich und gierig.

ich übertreibe?

nein, ich erlebe es so, jeden tag, jeden morgen vor allem, wenn ich aufwache und mich frage, soll ich aufstehn, und es kommt keine antwort, nur die leere in der mitte von allem wird sichtbar, eine dunkle, die mich foppt.

das wirft die frage des urvertrauens auf, es soll leute geben, die sowas haben, ich kenne es als abwesenheit, jetzt, und als ein vergangenes. dort hat es zu tun mit Marie.

ich komme natürlich von irgendwo her, ich habe vorfahren, aber keine wurzeln, ich spüre sie nicht, fühle mich mit dem vorher nicht recht verbunden, es gibt da allerhand gerüchte, aber keine verbindlichen fakten, und hier möchte ich die geschichte nur andeuten, nicht ausbreiten, sie tut zu dem, worauf ich hinaus bin, nichts wesentliches hinzu.

weshalb ich mich nicht mehr wundere, warum ich am liebsten eine wand im rücken aufsuche, statt die mitte des raums.

Vertrauen habe ich erst gelernt, manchmal mühsam, manchmal schmerzlich.

ich gestand mir allmählich ein, dass eine liebesbeziehung zwar kein ersatz für das fehlende urvertrauen in den grund der existenz ist, dass aber auf einer ganz anderen ebene, wenn man sich einlässt – halbe sachen bringen immer nur schäbige resultate -, in dem durchaus prekären gleichgewicht einer beziehung,  in der mitte von einem ungewissen, letztlich unsicheren, ja, beweglichen und sich bewegenden so etwas wie vertrauen wachsen und gedeihen kann. selbst im bewusstsein, dass es ein ende gibt.

und dann der absturz, weil die bewegung aufhört, wenn der andere stirbt, jedenfalls im sinnlichen, mit den sinnen wahrnehmbaren, man lernt nun sehr schnell, dass man das alltägliche, einfache, ja gewöhnliche nicht unterschätzen sollte, denn hört es urplötzlich auf, ist die stimme des andern nicht mehr hörbar, ist er nicht mehr spürbar (seine haut)), dann stürzt man ins bodenlose.

der prozess, das werden, die spannung, die herausforderung, die entwicklung haben einen gehalten, sie waren das verlässliche, das grund gebende und sinn schaffende. und nun stoppt der tod den prozess (man braucht lange, um zu merken, dass er weiter geht, anders, ganz anders, fast unerkennbar zuerst, frustrierend und schmerzlich anders, zuerst eine reine pein).

ich habe seiltänzer immer gemocht, ihre haltung übertragen auf das leben, ihre achtsamkeit, ihre geschicklichkeit, ihre körperbeherrschung, ihren esprit eingeführt in den alltag, das leben als seiltanz gewissermassen. ohne netz, das versteht sich, der tod ist das ohne netz.

es ist einfach und immer der ernstfall und kein stillhalten und bequemes ruhekissen, denn langeweile gähnt sehr schnell und geistlos routinierte bezieherei, das sagte sie auch manchmal zu meinem erschrecken, du bist langweilig geworden, sie war schamlos darin, und ich sprang auf, so sagt man doch, wie von der tarantel gestochen. daraus eine kunst zu entwickeln, überhaupt das leben als kunstwerk, ein gleichgewichtsakt auf dem seil.

ich idealisiere? das frag ich mich gerade.

nein, Marie war viel zu unbequem, selbst viel zu verletzt und geschüttelt, um eine bequeme begleiterin auf dem weg zu sein, den wir eine ganze weile zusammen gingen, das war nicht ideal, aber lustig, lebendig, abenteuerlich und intensiv, bis zum ende.

(und woanders sitzen und gehen wir noch immer zusammen, und reden und streiten und lachen, immer öfter. und auch das ist eine präsenz als der ernstfall.

aber dieser geheime ort und die besuche dort, so subtil und tröstend sie sein mögen, sie ersetzen nichts, denn hier ist sie nicht, ich meine, sie geht hier nicht herum, kein körper unter körpern, sondern eine leere mitten in allem umtriebigen lebenslärm.)

und selbst wenn ich versuche mir alles auszureden, man kennt dieses vokabular des falschen trosts, ich empfinde es so, wenn ich mir erzähle, beharrlich, mein lieber, es geht woanders weiter. vielleicht, sage ich dann, aber wie lange und keine ahnung, und was machst du daraus, bei der frage spüre ich meinen zähen widerstand, ein abwinken fast, so gut wie das war, und kopfschüttelnd sich ins unvermeidliche fügen, in die fakten, so ist es, da sage ich ja, da sage ich nein, zwei vor und wenigstens einen zurück, es ist nun oft eine zähe sache mit kleinen freuden, die ich aber keineswegs mies machen will.

was ich liebe: den regen noch immer und lange gänge im wald und stadt flanerien, im café sitzen und gar nichts denken,  scharf tranchierende sachen lesen und stille und fremde orte und tagträume und in den garten schaun und einfach da sein, so wach es nur irgend geht und gestern abendd habe ich mir mad max wieder angesehen und dear white people und den easy rider nicht, ich kann den schluss nicht leiden, und mir ein paar essays von Lukas Bärfuss reingezogen.

über intimeres schweigt man vornehm (belustigt), das hat mit dem alter zu tun, pflegt heimlichkeiten, verqueres und queeres und schönheiten aller art (ich seh mir inzwischen filme vor allem wegen den menschen an, wie sie sich zeigen, wie sie reden,  sich bewegen, wegen ihren händen, ihren gesichtern und darüber verpasse ich meistens den plot).

seit kurzem spreche ich mit Marie auch über die weniger gelungenen dinge und werfe die Frage auf, gibt es noch offene rechnungen und wie sind sie zu begleichen.

ich stelle fest, um weiter zu gehn muss das unabgeschlossene, widerborstige, ungeklärte gewürdigt sein, wenigstens angeschaut werden als unvollendete gestalt.

und dann denke ich an die lustigen sachen und ehrlich, wenn ich es noch könnte, ich hätte sie gerne öfter zum lachen gebracht, ich schaute so gerne die freude auf ihrem gesicht und hörte so gerne ihre stimme dazu.

warum ich ausgerechnet das erwähne, weil ich für meinen geschmack noch zu oft  am wege stehen bleibe und zögere, soll ich weiter gehn, weil ich über ein unerledigtes vergangenes gestolpert bin, das wird nun der stein des anstosses und mir zur last. es gehört zum ade und machs gut einfach dazu.

natürlich liebe ich den regen und den wald und die gemächlichen tage im august und die melancholischen sonntage, wenn alles fast still steht, natürlich liebe ich die freundlich gesprochenen worte, den herzlichen kuss auf der wange und arm in arm mit jemand zu gehn, den ich mag; und den wind, wenn er sich einigermassen zähmt und nicht wut wird, und die langen gespräche über gott und die welt, heisst, über alles und jedes, das erfreuliche und das ausgesprochen abgeschmackte.

und natürlich möchte ich mit dafür sorgen, dass die welt ein guter ort zum leben bleibt oder dort, wo er es nicht ist, endlich wird oder wieder. und deshalb und wie schon vorher ist mir jede perspektive recht, die  zur erkenntnis beiträgt.

und natürlich liebe ich musik und tanz und fest, mir ist das lachen nicht vergangen und die freude nicht, und dazu braucht es nicht viel.

und doch ist in der mitte von allem eine tiefe melancholie.

dann sitze ich da und spüre den  riss, der mitten durchs leben geht. und  hören tu ich geschrei und aufruhr.

nur eine stufe tiefer ist es still.

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die kleine sommerprovokation: The HU

 

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nachwehen des sturms und helikopter über favelas und schüsse, sonstwo wird abgeholzt und das wasser wird knapp. kaum passiert etwas, wird schon an legenden gestrickt. aber die realität zerlegt sie auch wieder sehr schnell. das grobe herrscht und es ist beileibe nicht nur geschmacklos und vulgär, die macht zeigt ihr hässlichstes gesicht.

weshalb ich am liebsten die zeitung nicht mehr aufschlagen würde, ist macht nicht von vornherein missbrauch, frage ich, jedenfalls mute ich mir mehr als die schlagzeile nicht zu, vielleicht noch eine längere zwischenüberschrift, aber keine fotos der machthaber bitte, denn darin möchte ich ganz gewiss nicht lesen.

ich möchte auch keinen minister sehn, der sich auf den sommerlochseiten der zeitung spreizt, denn selbst wenn dort allerhand konstruktives ausgebreitet wird, geht mir der satz nicht aus dem  sinn: leute, zieht euch warm an, es kommen stürmische zeiten.

es sieht allgemein nicht so gut aus, aber die hyazinthen blühn blau, weiss und rosa und der garten hat sich von den hitzestrapazen erholt, die katze verteidigt ihr revier und wenn sie was von mir will, sie überlistet mich, bin ich gerne zu diensten und wenn ich ganz altmodisch die zeitung hole, erfreut mich die frische luft und die fassade blüht knallig rotorange, campsis radicans, klettertrompetenblume.

der café ist stark und ich verreise bei jedem schluck für momente nach peru, von woher er zu mir kommt, geröstet, wie ich es gerne habe, von Knopes (dies ist eine unbezahlte reklame).

der wind bewegt campsis und gesträuch und ich kann mich noch nicht entschliessen, den montagsgeschäften nach zu gehn, weil es so auguststill ist und die autos, die vorbei rauschen, klingen verirrt, nicht am rechten platz jedenfalls.

ich sitze in einem stillen zimmer, alle sinne hochaufmerksam ausgefahren, in der ferne tickt eine uhr, der raum ist eine insel, eine oase, eine höhle, die mich birgt und behutsam hält und für momente sehe ich keinen unterschied zwischen den dingen rings und mir selber, ein körper neben anderen körpern und diese sind mindestens so rätselhaft wie ich mir.

und drausen wolken, draussen klart es auf und draussen verhüllt sich wieder, der august steht fast still, fast bewegungslos, wie verzaubert.

und dann, mitten  drinn, packt es mich und ich bringe die stille zum tanzen, es muss schon kräftig sein und wild, aber geformt und so wie: The HU.

P.S.: jaja, ich weiss schon, ich weiss: was singen die da, die ahnen, die ehre, die nation … politisch uncorrect, ja doch, rechts, aber die musik und die stimmen. darf man das gut finden?

ein wind, der einen beunruhigt

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wiederholung, ich hole wieder in mein bewusstsein die fliegenden dächer, die videos in endlosschleife des einheimischen tornados, da wird man stumm. da wird man klein und duckt sich. das war haarscharf vorbei. das war kein vorgeschmack, das war keine warnung. das war die sache selbst. nicht wie kriegsverwüstung und die leute stehen fassungslos davor, nein, krieg, ganz einfach krieg.

das lachen, das unsere sonstigen seltsamen anstrengungen begleitet, ist ein bitteres.

c’était un cas de force majeure.

sind sie versichert, gegen hagel, sturm, tornado, hurrikan, erdbeben, weltuntergang?

in der nacht begegne ich mir selber und einer von uns beiden sagt, wir sind wieder einmal heil davon gekommen. das ist nicht selbstverständlich.

nachts die sorge um haus und hof und kind und kegel. nachts liegt man wach. keine geräusche im haus, kein knacken der holztreppen, überhaupt nur stille.

man ist sprachlos.

man erholt sich sehr schnell und redet zu viel, wie man noch einmal davon gekommen ist. überhaupt sagt man sich jeden tag, du bist noch einmal davon gekommen. nicht erst nach diesem sturm, nicht erst nach diesen bildern.

nachts fliegende dächer.

das erschüttert einen, diese verletzlichkeit, diese brutale gewalt, diese zerstörungswut; denn die ist es selber. als hätte sie sich von uns losgelöst und sei als solche erschienen, zehn minuten nur. das reicht völlig.

ich seh darin keine personifikation, das war nicht persönlich, obschon es persönlich trifft, dein haus, ihr haus, das war allgemein und zufällig und dann auch wieder nicht.

man ist sehr klein, das zur erinnerung.

ich stelle keine vergleiche an, ein existentieller tornado oder ein perönliches erdbeben meinetwegen. ich schwelge auch nicht in sturmvisionen.

aber sehr beeindruckt bin ich schon.

am besten sagt man nicht zuviel, am besten lässt man sowas auf sich wirken; still, man wird still. man schaut, man sagt gar nichts, man kann beschreiben, aber die beschreibung wird dem ding nicht gerecht.

man geht in deckung.

am nächsten tag scheint die sonne, aber es ist ein wind, der einen beunruhigt.

am übernächsten tag scheint die sonne und es ist windstill, es ist sonntag mitten im august und ganz still, mitten hinein läuten glocken, unbeschwerte stimmen vor dem fenster, ein auto, ich halte das fest zu meiner beruhigung.

die normalität ist eine scheinbare, sie reisst manchmal auf und  und erschüttert den festen grund, auf dem man gerne stehen würde.

das unerwartete sitzt in einer ecke, geduldig, meine zeit kommt.

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seelenuntergrund

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alles ganz langsam angehen, zeitlupig fast, dann ist schon jemand, der schnell auf der strasse vorbei geht, ein rennfussgänger und ich gewöhne mich allmählich ans sehen, streife die dinge behutsam mit meinem blick, als könnten sie jederzeit verschwinden und sie erscheinen mir gerade heute morgen so kostbar, so flüchtig, so bedroht.

aber unter dieser leicht grostesken behutsamkeit, ich schliesse zwischendurch immer wieder die augen, weil es des guten fast zuviel ist, lauert eine mir noch nicht so bekannte angst, als drohe mir eine offenbarung, der ich nicht gewachsen bin, wenn ich mit meinem blick verweile.

so als würde ich in eine wahrheit sinken, wenn ich alle vorbehalte lasse, mein anschaungsgrid nicht einschalte, kein weltanschaulicher rahmen ist dieser wahrheit gewachsen.

ich habe manchmal angst, ich sei in diesem universum ganz allein, aber wenn es mir gelingt, darunter zu tauchen, und das ist nicht besonders leicht, denn statt angst könnte ich auch panik sagen, eine art existentieller konfusion, in der alle fragen durcheinander schrein und gestikulieren und ich flüstere nur noch, hört auf bitte, kann denn niemand diesen schrillen cacophonischen lärm hier abstellen.

so als gebe es direkt neben und unter der angst oder ist es sie etwa selber, eine schicht chaos, durcheinander, erratische blöcke von unverständnis, die poltern und krachen übereinander und durcheinander.

sehr oft lasse ich mich beeindrucken. (weshalb mir dann das leben – und der garten allein ist doch so weit und so tief und reicht bis in ein jenseits aller vorstellung – sehr eng vorkommt, ein käfig und an die wände gemalt des images d’Epinal, schreiend falsch und flach und komisch, habe ich das nicht schon öfter angedeutet?)

man könnte es auch das procedere der meditation oder verwandter zustände bei mir nennen, das sinken zuerst, endlos manchmal und quälend, bis eine schicht grösserer ruhe erreicht ist, nach heftigen turbulenzen und durchgerüttelt und selbst diese ruhe ist anfangs gar nicht zum aushalten, ich spüre den fast unwiderstehlichen impuls aufzuspringen und weg über berg und tal (manchmal in stilleren zeiten ist es auch die süsse versuchung ins lallen zu geraten, ins wegdämmern, ins nichtmehrwissen), kann ich dem frieden traun und ist nicht auch dort, nicht sehr weit entfernt, ein schmerz, der dich krümmt und bricht, die erfahrung, das leben tut weh und es gibt kein vernünftiges mass, so dass unter dieser ersten eher trügerischen ruhe vermutlich noch eine andere, eine ganz andere verfasste sich lagert, in der gibt es kein verlassensein, keine trennung, keine art von  zerbrechen sondern nur dies: unversehrtheit, uranfang eines friedlichen, stillen und schönen, wie  sommerbrise im frühen garten, wie  vogelflattern und federnspreizen am tümpel und tränke , wie  blaues glitzern von libellen über dem gründelteich, wie fernes lächeln von allem, wie geborgenheit.

sommermittagstraum

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zu sagen, das ist mein leben, und die zäune darum zu sehn oder sagen wir die begrenzungen und dann die leben der andern, die weite darin, mehrmals um den planeten und doch weiss ich diese weite ist unerreichbar, all diese leiden und freuden, diese aussichten auf berge und meer und in endlose ebenen hinein unter einer unfreundlichen sommersonne, schon die blosse vorstellung ist überwältigend und andererseits bin ich keineswegs scharf darauf, das alles zu prüfen und zu erfahren.

ich sage das auch bloss, weil es gerade hier so still ist, kaum ein laut, wie gesagt, manchmal ein sommerauto, etwas erschlafft, und eine stille, die vor stille schon wieder klingt, und ich darin, ganz allein, ganz für mich. ich steh dann manchmal auf und ordne die bücher im regal oder ich höre den geräuschen und den  nicht-geräuschen zu für eine weile, ich bin nicht beschäftigt, so als beurlaube der sommer mich fast vom leben.

und wenn es mir zu eng wird in mir – es hat nichts mit der weite draussen zu tun, die ist da, ich weiss es, aber ich gehe weder in den wald noch in die stadt, ich fahre auch nicht weg, was ich jederzeit könnte, ich schaue nicht einmal in den garten, ich bin einzig und allein damit beschäftigt, dass ich manchmal eine enge verspüre, sie hat mit all den dingen rings zu tun, den farbigen und den grauen und dem fahlen himmel darüber, so dass ich mich in der falle spüre, so dass es keine tür hinaus gibt, so dass es nur dies hier gibt,  – dann stelle ich mir vor, ich habe einen geheimen ausgang gefunden, dort treffe ich mich mit ihr, dort ist es frei und weit und  mitten in all diesen oberflächen gibt es einen spalt, eine ritze, dort zwänge ich mich durch und bin schon woanders und wir gehen einfach weg.

so erfinde ich mir einen trost, der kein trost ist.

haben Sie auch solche träume, wollte ich schon fragen.

aber dann lasse ich das fragen doch sein.

wenn man allein ist, kann die stille ohrenbetäubend sein und trotz der ganzen sachen ringsum wirkt alles ganz leer.

dann muss ich schon länger hinaus sehn, bis die oberfläche der hecke gegenüber im sonnenlicht zu leuchten anfängt, ein strahlen von innen heraus fast, so dass ich wieder daran glauben kann, dass es hier nicht nur oberflächen gibt, an denen der blick abgleitet, an denen gar nichts dich hält.

so dass ich dann aufeinmal nicht völlig fremd bin.

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terre à terre, aber wenigstens lustig, ein nachtrag

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das verfahren ist alt, ich praktiziere es seit langem, aber es ist unzweifelhaft äusserst riskant, besonders dann, wenn der erste adressat  abhanden gekommen ist, der einem unweigerlich und sehr deutlich sagte, ob das, was man gerade von sich gab,  unausgereift war oder geradezu schwachsinnig.

ich rede von meinen verstreuten lektüren, die keinem klaren prinzip folgen, sondern eher lust und laune und hinweisen am weg.

ich probierte das angelesene immer zuerst an Marie aus, die mich dann schräg ansah und spöttisch feststellte: „aha, du hast wieder was gelesen.“

es ging – nun eben ohne vorprüfung durch Marie und das heisst, meine argumentation ist noch halbgar und grün – um die klimakrise und die allenthalben vernehmbaren appelle an reduktion, verzicht und downsizing des ressourcen fressenden lebensstil, den wir so lieb gewonnen haben. dass er zuviele ressourcen frisst, ist wohl kaum anzuzweifeln, so dass wir seit geraumer zeit beharrlich an unserm ast sägen.

die autoren meinten nun, die ressourcen reichten eben nicht für alle, wir seien zuviele und eine reduktion, eine kräftige beschneidung unserer lebensweise auch zum zwecke der herstellung sozialer gerechtigkeit und umverteilung laufe auf eine vergeselllschaftung des elends, der kargheit und öde hinaus. sie bestritten nicht, dass unsere wirtschaftsweise an sich schon zu viele ressourcen unnötig verbrauche, obwohl dieser aspekt eher am rande auftauchte, betonten aber vor allem den bevölkerungsaspekt, das heisst die überbevölkerung und die notwendige reduzierung unserer zahl.

„nur wer im wohlstand lebt, lebt angenehm“, ich habe den spruch von Brecht bemüht, aber als ich mich reden härte, vernahm ich gleichzeitig eine leise stimme, die mir mitteilte, du redest wie ein privilegienreaktionär.

aber eines steht fest, wenn eine einigermassen friedliche, also wenigstens nicht katastrophale  wandlung gelingen soll, dann kann sie nicht allein auf einen verzicht hinaus laufen, auf eine art klimawandel puritanismus, auf eine strenge askese allein und eine schwarzgraue enthaltsamkeit, sondern …

innehalten, tief luft holen.

vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich einer puritanischen katholischen familie entstamme, dort herrschte eine asketische strenge vor, ora et labora, das einfache leben beruhte auf harter arbeit, heute würde man eventuell von armutsgrenze reden, es gab genug zu essen, man hatte eine ordentliche hose an, ein bett und ein dach überm kopf, die freuden waren rar und sehr einfach und die moral wurde von der höllendrohung gestützt. es war von allem genug da, aber es war nicht lustig, es war keine sinnliche, freudige feier des lebens, es war beschwerlich, aber stolz. dort habe ich nicht gelernt, wie das leben auch spass machen kann, wie es eine lust zu leben ist.

und genau das fehlt mir auch in allen klimawarnungen und untergangsszenarien. mit angst und schreckensverkündigungen wird sich voraussichtlich nichts ändern und vermutlich wird es dann doch auf eine vergesellschaftung des minimums und eventuell des kargen öden elends für die vielen und einige verbleibende oasen für privilegierte hinauslaufen. ich denke an den ausdruck, das leben fristen, so recht wie schlecht, nichts zum lachen eben.

vielleicht sollten wir uns eher ausmalen, wie wir wieder etwas zu lachen hätten, wie gute alternativen aussähen, eine vernünftige produktionsweise, eine menschenfreundliche arbeitswelt, eine intaktere natur, statt stadtblechlawinen ein geselligeres leben in den strassen, fussgänger, radfahrer und flaneure stattdessen, schönheit, aber nachhaltigen konsum, dauerhaftere dinge, kurzum ein würdigeres besseres lustigeres leben.

„Let’s talk about the dream, not just the nightmare. Imagine the cities and towns of the future: clean, green, with decent air quality, hospitable to walking and cycling, powered by renewables, with green space, not concrete jungles, and rewarding jobs in green industries. That isn’t just a conceit for the imagination but a tangible vision of the future produced today by Common Wealth, the thinktank of which I am a board member.“ Ed Miliband im Guardian vom 4.Juli

so in etwa.

sonst sehe ich schwarz.

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BUG

ES GIBT NOCH: dies und jenes zu tun, wie rechnungen bezahlen, aufräumen und in den garten gehn, wie katzen füttern und sträucher schneiden, wie morgens aufstehn und in den spiegel schaun. aber es gibt keinen zusammenhang, keinen gefühlten und keinen gedachten. Oder soll ich sagen, das ist mein leben, wenn ich über die strasse geh, wenn ich freundlich grüsse, wenn ich die zähne putze: über diese besonderheiten komme ich nicht hinaus.

Ich sage ja nicht, das ist mein alltag und dort, etwas ferner, gibt es den bedeutenden hintergrund.

Natürlich gibt es die weitere umgebung, ich höre sehr wohl die geräusche der autobahn, von fern, von sehr fern, natürlich gelangen die todesnachrichten in meine klause, und selbstverständlich bekomme ich – täglich – allerhand nachrichten von bedrohlichen vorgängen, wandlungen, strukturellen untaten und es lässt mich keineswegs kalt, wenn ich frohere botschaften vernehme.

Und irgendeine Erklärung, und sei sie noch so mau oder halbherzig, fällt mir auch immer ein und ich greife schon noch nach der weiteren orientierung.

Aber ich kann den zusammenhang nicht spüren, mir fällt alles auseinander in dieses oder jenes, wovon café kochen noch am meisten sinn macht oder wörter suchen für meine verquere verfassung:

Also subjektiv heraus gefallen aus einem, naja, ich schreibs mit widersträubender tastatur, aus sinn, aus meaning und tieferer bedeutung.

Aber das ist es nicht allein, der objektive sinn: so in etwa, das ist das leben, es will gelebt werden, vom gierigen gen wollen wir hier schweigen, ist auch nur so eine halbgare floskel, am frühen morgen, wenn ich mein verstreutes mühsam zusammenklaube, wenn die frage mich ungehobelt anrempelt, was mache ich hier, entlockt sie mir nicht einmal ein angewidertes ha!

Und im grunde, 19 monate nach ihrem tod und zu ihrem 65. Geburtstag, ist es noch immer die gleiche lapidare feststellung, sie ist nicht mehr da. und die so entstandene leere fülle ich durch nichts auf, das mehr bedeutung hätte, als in den garten schaun:

Und vielleicht ist das ja gerade die heilsame reduktion auf das wesentliche.

Und was bin ich, in alldem, so mitten in klimawandel, massshootings und stadtstrassen animation: ein alter, in den garten starrender fatzke, der soeben café kocht.

Aber die dinge in ihrem herzen sind seltsam leer.

Und weil ich weiss, wie sie laufen, die dinge, bin ich’s wohl selber.