„the opposite of grimdark is hopepunk“

es war, als hätt der himmel
die menschheit endgelagert. – Wulf Kirsten, Zur Weltordnung

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langsames heranpirschen an den tag, der wind jagt die wolken, den regen, wirft ihn aufs dach, der kamin tönt – erstaunt fast (ich), der café ist vom zeitungslesen bitter geworden, manchmal frage ich mich, ist dies hier eine simulation und jemand amüsiert sich köstlich, unser zappeln im netz, unsere linkischen gesten, unsere skurrilitäten, unser jagd nach glück und unser unglück, und was wir angerichtet haben und wohin wir den laden steuern, wieder ein bericht über den katastrophalen zustand der erde. und, wenn ich die jüngsten entscheidungen betrachte, die der letzten zehn jahre allein, und jemand verwendet den begriff eliten, dann stösst es mir sauer auf, (deswegen ist der café auch so bitter geworden, dumm(pf) wie bohnenstroh, sagte man bei uns zuhause (man muss kein prophet sein, um das zu sehen)). das klima, denke ich weiter, ist auch nicht politisch korrekt, aber die animosität, mit der man heute aufeinander losgeht, bewegt sich auf den rand zu, wo es knallt. langsam baut sich in der strukturellen konstruktion eine spannung auf, wann reisst das ding. in extremen situationen zeigt sich sehr schnell, was aus dem sozialen kitt wird, der zivilisatorische lack ist dann schnell ab.

das kann man an sich selber studieren. man hat ein gepflegtes bildungsbürgerliches kapital, poetisch umrandet, filosofisch verziert, dann aber kommt ein einbruch, wie der tod der geliebten zum beispiel, belastungsprobe, das ding reisst, nichts hilft, man wird zurück geworfen auf elementare lebensreflexe, die zeigen, dass die eigene stunde noch nicht geschlagen hat. aber auch das ist sehr relativ, wenn ich bedenke, welch eisernen willen marie z. bis zuletzt manifestierte, wie sie noch kurz vor dem ausgang so überzeugend plante und voraus schaute, ich musste ihr einfach glauben, ich wollte es (mein ausweis für meine erfahrungen).

das allerschlimmste ist, alle, die hätten wissen können, was ihre entscheidungen für folgen hatten, sie haben versagt, sie haben sich in ihrer eigenen konfusion (ihrer gottverdammten position in diesem kapitalistischen …, (ein hühnerhof dagegen ist eine ganz rationale angelegenheit) verheddert, was wir nun sehen ist das kollektive stolpern, und dann wird die frage, wer marschierte vorne (eine reine façon de parler, der generalstab ist noch nie vorne marschiert, mais s’est planqué en lieu sûr, während das kanonenfutter…) und wer trottelte nur mit, halbbewusst, ahnungslos oder schon unter anästhesie, völlig belanglos.

deshalb. was bleibt einem. die frage wieder einmal 

deshalb. was bleibt einem. die frage wieder einmal nach der lektüre der gazetten, meist die gleichen schlagzeilen mit leicht variierender interpretation, untermischt gelegentlich von nicht so gewissen fakten, dann hilft man ein wenig nach, aber die blindheit und beschränktheit der tonangebenden kreise? morgens anhaltendes kopfschütteln. die börsen in leichtem aufwind, die unfehlbarkeit des papstes macht schule, es gibt immer mehr anwärter auf reinen wahnsinn, zum unfehlbaren dogma erhoben (denkfaulheit en gros oder sind die einfach so …) aber die maschine läuft, der markt, die preise steigen und wer soll davon leben?

wenn man wissen will, wie heute in gewissen kreisen gedacht wird, studiert man am besten die reaktionen auf die gelbwesten. gewalt? furchtbar. brennende autos, der weltuntergang, aber die alltägliche gewalt gegen leute, die noch immer in dem alten kampf ums dasein gefangen sind, das ist normal. mehr als normal, das gehört sich so?

es ist obszön.

ich denke mir dann, es hat mit einem mangel an emotionaler intelligenz zu tun, trotz viel geschrei, an einfachster sensibilität (das eigentliche schwarze loch, um das wir uns drehen), von fürsorglichkeit, von zugewandtheit, me first und der rest in den untergang, nur einer kann gewinnen? banale klassenreflexe! wer hat, beisst jeden habenichts weg, hat das endrennen begonnen, jeder gegen jeden? oder einfach nur grimdark, aschengeschmack im mund?

the opposite of grimdark is hopepunk. – Alexandra Rowland

dazu/ alles, was man wissen will/kann: ich setze den link ihres letzten essays her (auf einer gamerseite), ehrlich, ich finde es gar nicht so blöd, was die Rowland sagt, auch wenn meine eigene lesart vielleicht radikaler ist, sein ding tun, angesichts dessen, was läuft, ohne illusion, aber ziemlich entschlossen, selbst wenn es ganz und gar hoffnungslos ist, eine art von sturheit bis zum ende (ich nenne sie nicht mal heroisch, es ist einfach das, was zu tun ist und dass eine menschenfreundlichere zukunft möglich ist, daran festzuhalten und selbst, wenn es erfolge gäbe, die sind immer nur vorläufig, und resignation ist einfach nur langweilig.)

was bleibt uns (mir) denn anderes übrig.

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M.B.

 

„musiche varie a voce sola“

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le reste du monde / le monde d’après, 3 tomes,bande dessinée apocalyptique, je ne voudrais pas être de ceux-lä qui survivent dans des conditions atroces.

das sage ich laut in den raum hinein und der blick in den blauen himmel mit wolkenrand ist eine reine erleichterung.

noch läuft alles „normal“, man freut sich, man isst, man redet, draussen ist es nun heller, ein gran optimismus ist willkommen.  es gibt keinen escape pod richtung mars und wenn es ihn gäbe, dort möchte ich nicht leben. die käseglocke von lu reicht mir vollkommen.

aber heute: keine beschwerden, keine lästereien, keine reaktionäre hargne, der rauch aus dem schornstein folgt folgsam dem wind und der entfernt die wolken und die nacht war ein holpriger weg, noch durchgeschüttelt bin ich und nicht gerade frisch, aber die stimmung hat sich etwas gehoben, was so eine katastrophendarstellung doch bewirkt.

jemand hat mir den Kontertenor Philippe Jaroussky ans Herz gelegt, die stimme ist verstörend schön, Benedetto Ferrari, Musiche varie a voce sola, sie schwebt sanft  und erhaben über eindrücken einer unvorstellbaren zerstörung, ziehe ich mir sowas an. sind das innere bilder, ohne zweifel, ich folge einer spur und nun stehe ich vor mir selber. aber es gibt auch die ungeteilte freude an dem weiss gesprenkelten blau, ich muss keine stimmung erfinden.

manchmal wünsche ich mir eine sprache, die nicht sagt du hier und die dinge dort, wie diese stimme im raum und sie verwirrt die genres, sondern nur das hören ohne hörer, ohne „ich“, und das blau reines sehen, sonst nichts in sicht.

 

was ist erinnerung

1 „er redet immer soviel…“

über Er redet immer so viel … ¨

Verhoovens Tagläufe, Clemens Verhooven

M.B.

und im anschluss : noch mehr reden, lesen, in sozialen medien ganz verschwinden

SICH IN DEN ANDERN ERKENNEN?

WENN MAN NICHT AUFPASST, WIRD DIESER SATZ DURCH FB UND INSTAGRAM, TWITTER, WAS AUCH IMMER, ZUR absurden FARCE, DENN DORT SIEHST DU AUF EINMAL WIE gestreut AUS, tausend SPLITTER, BELIEBIGe und beliebig ANZUORDNEN, keine erkennbare ordnung, DU ZERSPRINGST IN HUNDERTTAUSEND facetten und verschwindest darin, verloren, verschollen im nichtssagenden, denn sofort, bevor du es ganz gelesen, hinlänglich betrachtet hast, ist es schon überholt, du bist und wirst überholt und bist schon wieder ganz anders, aber unkenntlich, bist du das oder jenes oder doch …,

es flimmert, bist du noch mehr als ein flimmern.

das ist ein anderes verschwinden als im sommer in der hitze am meer und du breitest dich aus bis zum horizont, du weitest dich, du wirst zum panorama, halb träumend.

hier wirst du elektrisch automatisch und irrst in langen fluchten, durch endlose korridore, türen überall  (und dahinter nichts ausser weiteren türen) du jagst  hinterher und kriegst nichts zu fassen. du erkennst dich nicht mehr, zerbröselt, gibt es dich überhaupt noch. ein albtraum gewissermassen.

ausser atem, schnappatmung.

ich fühle mich hinterher nicht nur leer, überfüllt, aber leer, vor allem entsteht das gefühl, mich gerade wieder verpasst zu haben, immerhin luge ich noch durch etliche lücken herein und sei es auch nur in dem frustrierten ton, in dem ich anschliessend darüber rede.

in wirklichkeit rede nicht ich, sondern die zerstreuung, die auflösung ins beliebige.

kein focus, kein ich.

meine eltern hatten keinen fernseher bis ende der siebziger, das reden drehte sich um alltägliche dinge oder um schule, der vater idealisierte schule und uni, auf die er gerne gegangen wäre, er war auf details gespannt, die man sich als junger nicht gerne entlocken liess, das leben drehte sich um realien, fernsehsendungen in schwarzweiss gab es, sehr selten, in der kneipe nebenan, doch die kneipenbesucher waren noch mehr am gespräch interessiert als am glotzen und in der kindheit gab es gelegentlich den sandmann bei einer freundin. die natur war so beeindruckend, dass blosse bilder und wenn sie auch liefen nicht dagegen ankamen und die fernseheindrücke waren einsprengsel, bedenkenswerte, aber sie überfuteten nichts, sie waren noch nicht so aufdringlich eindringlich. man bekam die leute noch mit, später musste man sie hinter wiedergaben von fernsehgeschichten mühsamer erraten, sie waren sozusagen allgemein geworden, das besondere, und betreffe es auch das banale, das übliche, den alltag und die einfachen befindlichkeiten, schien sich langsam zu entziehen. ich erinnere mich noch an meine irritation, wenn jemand von seinem fernsehabend berichtete, im fernsehen haben sie gesagt …

nun ist alles so? nur noch dies und das und jenes und immer bist du zu spät, jetzt hast du aufgeschlossen, sagt mein instagram account und ich hänge in diffusen eindrücken, kein einziges foto von minimalisten, die ich mag, habe ich ausführlich betrachtet. ich merke es an meiner hast. an meiner ungeduld, meiner irritation.

und weiter, und noch mehr.

beim lesen und schreiben hingegen die gegenteilige erfahrung, focus, versammlung des zerstreuten, es erscheint wieder so etwas wie ich, ein gefühlter halt, nur ganz am rande das nagende, etwas zu verpassen, abgehängt zu werden. aber keiner kann sagen, wohin der zug fährt, manchmal vermute ich, wir sind schon in dürrenmatts tunnel verschwunden, auf einige zeit schon.

es gibt noch jemand, der weiss, was er will. oder hat er es schon vergessen.

immerhin, ich folge ein paar blogs, die ich lese, meist ausführlichere sachen, wie den hier angeführten, und ich merke dann meine anfängliche ungeduld, ich bin schon so eingestimmt auf das hastige checken von  bildern und textfluchten und die nächste und was jetzt, schon so gewöhnt an das kurze schreiende, in schneller abfolge, dass ich mich bewusst einstimmen muss, die hast herunterschalten auf sorgfältiges bedächtiges einlassendes lesen. das sich lohnt. bis ich weiss, ich verpasse nichts, ICH LESE.

was will ich wissen und lesen.

eine längere buchlektüre, die braucht zeit, schon das hinsetzen ist behäbiger, ich sage nicht behäbig, in der vorfreude, im betrachten des umschlags, wenigstens kurz, das aufschlagen sodann, den anschluss finden und sich erinnern an das schon gelesene, das eintauchen in eine welt von differenzierten eindrücken, sehen, hören, gelegentlich schmecken, es gibt tatsächlich einen kulinarischen aspekt des lesens, man nimmt etwas in sich hinein, immerhin ein intimer vorgang, man schaut nicht nur in die welt eines anderen ichs, man  richtet sich dort ein für eine weile ein, manchmal wird man verscheucht oder verzieht sich.

was will ich.

2 erinnern

damals, gestern, vorgestern, so sagt man und meint jetzt, weiter im raum entfernt steht ein stuhl, darauf sitzt sie und redet, um den tisch leute, zugewandte gesichter.

und sofort jenes andere bild, sie sitzt auf dem sofa, in ihrer ecke, und vor sich das ipad und konzentriert, so konzentriert, dass sie mich fast nicht eintreten hört und hallo, zerstreut, absorbiert, und ich betrachte sie ausführlich dabei, sie lässt sich nicht ablenken.

überhaupt erlebe ich sie konzentriert, focussiert, deutlich.

oder sehe ich nur meine eigene konzentration, alles sonstige nebengeschäft, zwar nicht unbedeutend, aber in ihrer anwesenheit abfallend in der gewichtung oder nur wichtig, hauptsächlich, auf sie hin orientiert, auf ihre anwesenheit.

nachträglich wird es sichtbar, erlebbar, für mich. ich erkenne die linie nicht mehr, nicht mehr so gut, nicht mehr so schnell, das jeweilige gewicht, die notwendige abfolge.

abends ist zwar einiges gemacht, aber es ist nicht so genau erkennbar, wie wichtig es ist, sagen wir, für den tagesablauf, die notwendigkeiten, sagen wir im hinblick auf rechnungen, die unbezahlt bleiben und sie betreffen so elementares wie gas, elektrizität und wasser. ich weiss, wie elementar es tatsächlich ist, wenn es fehlt, ich vergesse es nicht, ich ignoriere es, als sei eine skala, ein mass verloren.

der andere ist ein rhythmus, ein paradigma, an dem ich alles messe, eine regel, was ist wichtig und was weniger.

ist das eine erinnerung oder ein fehlen und nun erinnere ich mich mühsam daran, was eine bedeutung hat und welche.

erinnern tu ich mich an einzelheiten, wie sie etwa sagt, darf ich probieren und ohne die antwort abzuwarten hat sie den bissen schon auf der gabel und die zum mund geführt und erst jetzt sage ich ja und lache.

teilen ist der oberbegriff.

und was ist allein?

in der erinnerung gibt es die geheime kammer, du schaust hin und wenn deine augen nicht mehr glänzen, dann öffnet sich keine tür.

„wenn jemand mich fragte, wer war sie, ich würde kein wort sagen.“ich selber, jetzt

im allgemeinen trage ich ein sehr allgemeines bild von ihr herum, frag mich keiner nach einzelnem, wie sie ging, wie sie redete, wie sie sich durchs haar strich, wie sie sich setzte oder wie sie aufstand.

das wie ist geheim.

fotos von ihr erstaunen mich, so wie jetzt haben sie noch nie erzählt.

ich habe alles/vieles verkehrt gesehen, auf dem kopf, nun kommt es auf die füsse, rückt sich von selber zurecht.

„so war das also. so war sie also.“

ich müsste sagen, so ist das also.

im ende erkenne ich den anfang, das, was ein leben aufzehrt, was an ihm nagt, eine art des leidens und der freude, eine begabung dafür, eine bestimmtheit und eine bestimmung, die sich im sterben und im tod offenbart.

in der stille, die nun eingekehrt ist.

in der erinnerung ist immer noch ihre stimme, es war deswegen nie ganz still, die möglichkeit, dass sie spricht, war anwesend, deshalb ist die stille abgeflacht, nicht mehr voller erwartung (ich hörte sie gerne reden)?

die stille selber ist nun eine erinnerung: an ein nichtmehr. nun ist sie damit geladen.

im erinnerungsraum höre ich ein entferntes flüstern, eine stimme, die sich entfernt, bis sie unhörbar ist.

3 was ist erinnerung?

vergessen, erinnern, die hellen tage mit marie am meer, marie reisefertig vor der tür und ich zögerlich, kaum weg bekomme ich schon heimweh und auch das, dieses so bekannte gefühl sucht mich jeden tag auf und ich lebe im exil. ein untergegangener kontinent, eine verschollene insel. sie haben sich vor meinen augen aufgelöst, aber auf der inneren karte sind sie fest verzeichnet. sagt man das nicht immer von erinnerungen, fest in unserem herzen, unvergesslich und schon, wenn man den friedhof verlässt, weiss man nicht mehr, wen man zurück gelassen hat. diese angst.

aber auch das gefühl beim betrachten von fotos mit ihr, nicht bloss eine ahnung wie sie war in corpore, nein, die illusion, so prall, so voll, so ganz berührbar sei sie noch, gerade dort um die ecke und eine einzelheit vergessen wie ein verrat.

erinnerung ist erratisch, provisorisch, geh weiter in den raum hinein und du findest sie, gebückt über ein buch, nestelnd an einem kleid und eine frage an dich, du kommst von weit.

aber woher komme ich eigentlich, in wartestellung bin ich, ich warte auf nichts besonderes, aber ich warte, als werde alles wieder so, wie es war, als sie die tür aufmachte und ich hörte ihr hin und her im flur, den mantel auf den bügel, die schuhe ins fach, die tasche an ihren ort und: ich bin wieder da. das sind keine träume, nicht einmal wachträume, es sind einsprengsel in das übliche, das aufstehn und ein innehalten plötzlich, oder beim blick aus dem fenster in den garten. eine färbung, ein ton, manchmal einfach nur eine oberfläche, die lücken im rasen noch von dem letzten sommer.

dann kommt hinzu: sie ist nie zuverlässig, wenn ich es recht bedenke, fliessen in dem inneren bild die frühesten zeiten mit späteren zusammen, gerade jetzt kommt sie sehr jung auf mich zu und ich erblicke gleichzeitig zimmer, möbel, aber die schon wieder aus einer anderen zeit. und immer rätsle ich, wer war es, der eben noch neben mir sass und fragte, du bist so still oder war sie es, die still war, und ich fragte.

es ist immer ein verlorenes paradies, ein goldenes zeitalter. selbst wenn es war wie das jetzt, also gemischt mit dem allerhand des üblichen.

manchmal halte ich gar nichts von erinnerung, ich gehe über die strasse und tue so, als sei alles normal, als käme ich gleich nachhause und sie … in einem der zimmer ist sie bestimmt.

ohne erinnerung ist angst.

erinnerung ist nicht nur bild, film, abfolge.

ich war kurz weg, eine besorgung zum beispiel, es könnte aber auch die rückkehr von einer reise sein, du kehrst nicht an einen ort zurück, aber in das sichere gefühl, es wartet jemand auf dich und wenn er auch nicht wartet, so ist er doch da.

erinnerung funktioniert schlecht mit mangel, sie fehlt mir ist kein erinnerungssatz, darin entfernt sie sich sehr schnell und entzieht sich am ende ganz. ich weiss das ziemlich bestimmt.

abwesenheit, das denken davon, aber auch das einfache gefühl der leeren stelle ist hingegen erinnerungsafin.

manchmal bin ich selber nur erinnerung, als habe es einmal einen anderen gegeben. das ist das resultat des sich erinnerns an sie.

erinnern ist nicht so sehr ein denken an, es ist ein gewahrwerden im gleichen raum. auch wenn es räumlich weiter weg ist.

ich warte, aber auf nichts bestimmtes, ich halte den atem an, um besser zu hören.

es ist nicht jetziges leben, aber es ist ein zweites, ein paralleles. in dem einen bin ich still, rede ich, sitze ich, fahre ich mir mit der hand durchs haar, in dem andern bin ich ein horchen, schritte, ob sie näher kommt.

wenn ich sage raum, gäbe es ihn nicht, würde ich ihn schaffen, ihn ins wirkliche denken und sie dorthin einladen, ein raum so gedacht, dass sie ihn betreten kann. manchmal frage ich mich, war er schon immer da oder habe ich ihn erfunden und erforsche ihn nun, gestalte ihn aus, ist er so, dass es sich für sie lohnt. einladen heisst vorkehrungen treffen.,

deshalb schaut sie auf fotos so lebendig aus. ich weiss, es hat mit meinem schauen zu tun, aber nun schaut sie auch zurück, aber nicht wie man eben so schaut, soeben, sondern ihr leben sieht mich an und es hat viele gesichter.

als zeige sich nun ein ergebnis, eine summe. also etwas unbekanntes. neues. kein bloss subjektives, weil es sich mir zeigt, nein, etwas objektives.

 

 

 

 

 

„Qu’on est les locataires des situations, jamais les propriétaires.“

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mit Subutex 3  (V.D.  lockt einen gerne auf abwege und bist du erst im hinterhalt, dann bist du verloren) eine (zumindest am anfang angenehme) lesenacht, aber, wie gesagt, immer drauf gefasst, dass du in was hinein gerätst, das gar nicht so lieblich ist, und die geschichte von vero, einer ex lehrerin, die im suff ihrem vorgesetzten einen tollen brief schreibt, mit allem, was sie dem typen schon immer sagen wollte, und dann rausfliegt. (spoiler alarm). das sage ich neidlos, ich habe die passage bewundert, die bemerkungen über vorgesetzte trafen bei mir einen sensiblen nerv und auch wenn es gelegentlich richtig weh tut, ich bin hingerissen von dieser direktheit, keine langen umschweife, eine watsche und die sitzt. und sie teilt einige aus. (vero (die beschreibung) erinnert mich an die alkoholiker bei Frank Schulz, Ouzo Orakel und ähnliches)

gleichzeitig Eiscafé Europa von Enis Maci, sie ist mit den Mitwisser n bekannt geworden und eine wucht. die essays: ich bin hingerissen und sage gar nichts darüber. nur soviel: wie sie schreibt, mich zieht das hinein und ich habe doch noch mehrere andere eisen im feuer und das angelesene, noch nicht gelesene stapelt sich.

wie lebt es sich mit buchmenschen, erfundenen, und autorinnen und von allen habe ich nur das geschriebene? die frage am frühen morgen, inzwischen erspüre ich klimatische variationen mit nackten füssen, noch im einviertelschlaf an den briefkasten und ich schwanke zwischen weiterlesen und hinausgehen in das nasskalte (schweinewetter wollte ich sagen und bin dann in einer meditation über den ausdruck hängen geblieben).

bei Enis Maci der begriff widerstand und ich drifte ab, selbst wenn ich nur noch einen tag hätte, was neues anfangen, widerstand gegen die resignation. (die doch auch vorhandene lust, aufzugeben, sich tot zu stellen vor dem abgang. manchmal stelle ich mir vor, ich erfinde noch ein paar rituale, die den tag ausfüllen und ziehe sie jeden tag durch, kein raum für irgendeinen neuen gedanken und nur routine, bis ich ganz ausgetrocknet bin?)

deshalb die vorfreude auf das schweine wetter, die feuchte kalte luft, den regen, die nässe auf baumstrünken und gehsteigen, ich werde so tun, als strebe ich eilig einem ziel entgegen (überhaupt: ziele setzen, die richtige verfassung dazu erfinden, sich ins ziel hinein locken lassen (die rabenkrähe im tiefflug überm dach ist offensichtlich mit mir einverstanden)). ich bin auf seltsame beggnungen gefasst, die meisten leute sind, wenn man das oberflächlich-glatte einmal weglässt, mit ihren geschichten und individuellen prägungen immer interessant. meist ist es nicht einmal das, was sie sagen, sondern was sich darin ausdrückt, beweggründe, motive, seinsformen tout court. das hilft missverständnissen auszuweichen.

ansonsten ein satz, den ich mag: „Qu’on est les locataires des situations, jamais les propriétaires.“ (Virginie Despentes, Vernon Subutex 3). woran ich dabei denke, ist kein rätsel, aber der ausweis für diesen blog: ich packe karten in umschläge, darauf marie, ein kurzer text, den ich vor ein paar monaten gecshrieben habe, hier ein foto davon, zu ihrem gedenken.

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des journées moroses

 

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grummelig, grantig: identitätsspiele: faute de mieux, man hat keine identität, ausser dem üblichen, ein paar banalitäten, einige vorlieben und abneigungen, selbstverständlich, meist weiss man genauer, was und wen man nicht mag, als wen man schätzt und was man will: das übliche. die öffentlichen identitätsangebote in warenhäusern, fernsehsendungen und sozialen medien, was für ein begriff, daneben noch, lieber „belsch plaasch“ als „koot dazür“ oder lieber doch ganz weit weg? und wenn man kritisch ist und sich gerne öffentlich aufregt, irgendeinen dumbass, „trëllert“, tolpatsch, der sich mit unzumutbarem outet, findet man immer. umgekehrt, wenn man unbedingt aufsehen erregen will, um jeden preis, irgendeinen scheiss, von dem man weiss, er wird ein aufschrein verursachen und die wellen schlagen hoch, für einen tag oder mehrere, bis der aufschrei seine runde gemacht und verebbt, bis zum nächsten.

vor allem die frage (selbstkritisch): bin ich auch nur um einen deut besser?

man läuft immer irgendwas hinterher?

ich zum beispiel, interessanten gesichtern, meinetwegen die geburtsdaten fantasie, aber das leben darin.

vergebens oder umständlicher allerdings verläuft die suche nach „positiven“ meldungen, berichten über gelungenes, konstruktives, am ehesten findet sich das noch unter der rubrik kultur, wie heute morgen, die üblichen gesichter, die üblichen desolaten äusserungen, politik hat mehr mit sagen als mit tun zu tun, der rest ist wirtschaft und die läuft, wie üblich.

neuerdings was für die „seele“, freunde seien wichtig für das wohlbefinden, vorgestern gab es zwei seiten ichweissnichtmehrwas und mitten im winter ein wintereinbruch und in island zwanzig grad, angeblich, in griechenland eine weisse decke und hier? irgendwo schaufeln sie schnee und reisende stecken fest: das muss doch spannend sein, endlich passiert was und nicht nur ein riss im strumpf oder ein klecks auf der krawatte.

was ich habe? was mich heute angeht?

beim allmorgendlichen zeitunglesen, ich hole sie noch selber vom briefkasten ab (auch das wie üblich), heute morgen mit nackten füssen (ein spleen wie ein anderer) auf dem von der letzten streu auf schnee körnigen boden und kalt sind sie schon die steine, aber das gehört zum aufwachenwollen wie das langsame vortasten über zeitungsseiten in die welt, während die cafétasse zum mund wandert, der sich wundert und feixt, der premier minister beim aufschlagen eines dossiers.

es ist januar und nichts los, ausser ungebauten texmex mauern und treinens koranübersetzung in das lu-idiom kommt zu ehren.

ich kapituliere und schreibe seichtes zeug auf, das ich mich gar nicht zu veröffentlichen traue.

die tage im januar ohne marie sind irgendwie leer und manchmal ist es ohne sie zu still und mir fällt nichts ein, so ganz ohne sie. und die lektüre im Vernon Subutex, dem letzten band macht es auch nicht besser.

des journées moroses. keine gelesenen sexszenen, bei denen mir kalt wird. keine äusserungen über alte männer im Subutex 1, den ich gestern wieder aufgeschlagen habe, nicht zu meinem vorteil, aber immerhin ein masochistisches grinsen, halbwegs gelungen, daneben altersnostalgie und melancholie zuhauf.

wir hatten uns vorgestellt zusammen alt zu werden und nun das, wie sage ich immer, es ist gar nicht lustig.

heute morgen verordne ich mir eine dosis optimismus, positiver gestimmtheit und fasse den unerledigten haufen papiere auf meinem schreibtisch ins auge, ich habe ihn wochenlang mühsam übersehen, wie wäre es mit einer mutigen tat, rechnungen bezahlen (sonst wird das telefon abgestellt (eine offizielle drohung) und das internet mit (eine erholsame vorstellung) und formulare ausfüllen, danach der aufrechte gang zur post und ein kurzer blick in den shop voller bd’s zur belohnung?

und nun erst die erinnerung an den gestrigen gang vom bahnhof her über den boulevard und körniges jagt dir der eisige wind ins gesicht,  der slalom um eilige in der anderen richtung, das lärmen der autos und busse und plötzlich die unerhörte stille unter der brücke, das eintauchen in das frühabendliche zwielicht des parks und vor dem dunkel schimmernden teich eine kohorte von qietschenden vögeln und das gehen erst und die beschleunigung auf der geraden auf dem weg nachhause.

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„männer ticken einfach einfacher.“ 

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eigentlich habe ich mir geschworen, vor allem frauen zu lesen, aber dann debattieren ausgerechnet die frauen wie wild, façon de parler, über das neue buch von h. (ich mache ungern reklame und der sorgt selber dafür mit seltsamen ausfällen) und soll man es lesen, nicht lesen, ich habe es angelesen und bin schon über die serotonin geschichte gestolpert, die ein wissenschaftliches schwarzes loch ist.

ich frage mich seit gestern, warum ich nicht in das gespräch einsteige. habe ich angst vor frauenwatschen, aber nein, sage ich mir dann, das kann erfrischend sein.

wenn ich mich beteiligen würde, was würde ich sagen?

„männer ticken einfach einfacher.“ (fussnote 1)

wie bei h.? das innenleben einer mülltonne, aber belesen, aber immer die gleichen fantasmen, aber neoliberalkritisch, die aprikosen der picardie, soweit bin ich nämlich in der lektüre gekommen. gleich nach dem erwerb des buches war ich zum essen nebenan in die traditionskonditorei auf abruf, en déclin, aber charmant und sagte mir, wenn schon baufällig, muss das so eng sein, so fantasielos, so armselig und überhaupt verbitte ich mir solche verallgemeinerungen „die männer“. sind alle männer sediert?  muss sowas wie sensibilität und empathie erst erfunden werden?

das ist keine selbstreklame.

H. hat sich ja mal als entführten filmisch inszeniert, das war noch irgendwie lustig und damals schon kam es mir vor, als räche der gute mann sich für sein aussehen an seinen lesern/zuschauern (ironisch natürlich, sehr ironisch) und ich glaube, er thematisiert das auch irgendwo oder doch nicht, ist solche selbstreflexion, solch schonungslose, nur bei Virginie Despentes zu haben? (fussnote 2) von ihr lasse ich mich übrigens gerne abwatschen und wenn schon baufälliges, dann den „Vernon Subutex“ doch lieber als diesen verdünnten „männlichen aufguss“ von h., ich möchte nicht deutlicher werden.

gut, Virginie Despentes hat mit zipfelträgern nichts am hut, wenn ich den rezensionen von h.s neuestem erzeugnis vertrauen darf, ich habe eindeutig zu viel davon gelesen, kann ich das auch verstehn und ich schliesse mich dem satz aus der nzz an, man muss das buch nicht lesen.

bleiben die männer. es gibt gewiss eine menge macho jerks, die sind nun in der evolutionskrise, ich merke es auch an mir selber, aber soweit ich gelesen habe, gibt es auch andere männliche verfassungen. was h. darstellt ist sozusagen die deprimierende endphase, neubeginn fängt immer mit dem tod an.

fussnote 1: liebe M. T., ich hoffe du verzeihst mir die verletzung des copyrights.

fussnote 2: siehe den anfang der King Kong Theorie, Virginie Despentes

was kann ich noch für dich tun, diese frage

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der himmel ist milchig, er redet vom regen heute nacht, ich vermute marie z. hatte den geschickt, nur für mich das leise trommeln auf dem dach, damit ich mich doch noch geborgen fühle.

ich erinnerte mich dann auch, weil ich mich schon in ein von anfang an verlorenes gefecht stürzen wollte,  was sie in solchen fällen sagte, wenn du die argumente des andern angreifst (sie sind austauschbar, man kann ihnen weitere zur seite stellen, gegensätzliche) bestärkst du ihn nur. also frieden, ich spiele bei dem spiel nicht mit:  so bin ich heute morgen erwacht, apaisé.

der raum, in dem ich mit marie rede, ist ein geistiger raum, man könnte auch sagen ein gedanklicher, eine gefühlsgedankenraum, herzlich (auch wenn ich manchmal wütend werde, weil ich  hilflos bin).

dieser raum ist keine feste angelegenheit, er erweitert sich (ich bin traurig, aber gefasster, die fassung verliert sich gelegentlich, das heisst oft und ich höre dann, ganz marie z. mässig, pass gut auf dich auf, nimm es nicht zu schwer. dann stelle ich mir vor, wie ein gläubiges kind, dort, wo sie sich jetzt aufhält, hat sie es leicht) und verändert sich dementsprechend, er ist in wirklichkeit eine flucht von räumen, in denen ich mich häuslich einzurichten beginne, ich gebe zu, manchmal bin ich ein ungeschickter anfänger. habe ich heute schon festgestellt, was ich wäre ohne marie z.  (hätte ich sie nie gekannt): verschollen, und nun: verloren und langsam finde ich mich wieder.

die welt ist dort durchlässig.

habe ich schon gesagt, dass marie z. mich ins leben schubst.

ohne sie hätte ich nicht ernsthaft angefangen zu schreiben.

als angenehme pflicht.

marie z. hält mich nicht vom leben ab. nur am anfang, lange zeit also, hatte ich eine unbändige lust ihr zu folgen und tot zu sein. aber das hätte sie mir nie verziehen, das weiss ich genau. wer richtet mich morgens auf, die treppe hiunter gehn und café machen ist eine gedenkfeier.

warum schreiben leute? schreib es auf, ich rufe marie nicht als zeugen auf, seltsamerweise höre ich es anders, als frage, was kann ich noch für dich tun, sehr lange, sehr reiflich überlegt, und die antwort, schreib es auf, erzähl die geschichten, wie wir lachten und weinten, und die versöhnung mit allem, dem tod zum beispiel, dem sterben, das einverständnis mit dem skandal. und das als interne befragung: immer wieder. und kein generalverdacht gegen irgendjemand.

aber alles sehr provisorisch, keine verkündigungen, nichts apodiktisches, eindrücke, vorläufige, immer vorläufige.

wie sagte jüngst einer, er ist über achzig, ich verstehe es nicht.

aber aufhören es verstehen zu wollen, niemals.

inzwischen nach dem roten, dem schreienden zimmer der schrecken und leidenschaften, das weisse, das grüne und blaue, der geistige raum ist entgegen landläufigen vorstellungen in farbe und mehrdimensional und mit dem fortschreiten wird es kühler und friedlicher. gestern abend bin ich urplötzlich, für mich selber ein schock, in tränen ausgebrochen, weil mir der verlust so klar und deutlich, fast kühl entgegen kam.

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