dass man das noch kann ( provisorische anmerkung)

im grunde würde ich am liebsten eine ganz andere geschichte erfinden, nicht die geschichte einer grossen schwäche, als ob schwäche ein makel wäre in einer welt der machtdemonstrationen. also schlage ich einen anderen begriff vor, der heisst verlassenheit. als gepäck, gefühl, wahrnehmungsfilter, tendenz: verkriechen. kein zu fester tritt, auftritt zurückhaltend, vielleicht übernett.

es ist eine art provisorischer realität, man hofft, dass sie vorüber geht.

und selbst wenn es nicht so wäre, ein verlust hinterlässt narben, selbstverständlich.

heute morgen las ich die todesanzeige für eine junge frau, 91 geboren.

auch zu ihrem 67 geburtstag bedauert man sich nicht. das leben ist etwas kompliziert, aber das ist es meistens.

es ist ein regentag mit gewitter. regen beruhigt, aber nicht zu sehr, regen ist eine zweischneidige sache. covid spaltet die gemüter, sie brauchen einander, aber die zukunft des demokratischen macht einem sorgen, das neue normal ist nicht sehr verlockend. einige sind schon ganz ausgeflippt. ich sage nicht, auf welcher seite. inzwischen gibt es seltsame koalitionen, auch auf beiden seiten.

man möchte sich dort befinden, kein ort, nirgends, wo dieser widerspruch negiert ist.

ich habe gerade eine zeitung abbestellt, sie erschien mir aufeinmal sehr provinziell. die neunormale übereinstimmung ist nicht lustig. man sehnt sich geradezu nach anderen standpunkten, ansichten, meinungen, wasweissich.

zurück zum thema, die schwäche der argumentation, der statistik, des gemüts, die verlassenheit, von allen guten geistern, ja, die verzweiflung angesichts des verschwindens von personen, arten, gewissheiten, ja, des sommers im regenloch, erschüttert. man turnt an abgründen, under the vulcano, man traut seinen augen kaum. man reibt sich die augen, hat man dies oder jenes wirklich gehört oder nur geträumt. gestern habe ich vom gespräch mit einer mongolischen frau geträumt. das liegt an meiner lektüre. Sombrun, Tesson, Bortoletto, Urbansky. es gibt starke bilder, die verfolgen einen in den schlaf. geschichten des schwindens von seen, flüssen und illusionen.

der café kommt aus äthiopien, der regen fällt vom himmel, die gewässer schwellen an, die tomaten faulen auf dem strauch, die dahlien lassen die köpfe hängen, das gras spriesst, die bäume tropfen.

geschäfte werden abgeschlossen, wälder abgeholzt, flächen versteppen, die provenienz des holzes mit der bezeichnung „von hier“ ist sehr fraglich. im regen keine elstern, keine raben und keine tauben. der regen rauscht, beharrlich. jeder kann das sagen, das ist nichts besonderes.

gestern war mein gemüt wie beton, erst abends taute es etwas auf. manchmal ist man vielzuviel mit sich selber beschäftigt, als sei man in ein brunnenloch gestiegen, das ausgetrocknet ist. man findet nicht einmal gerümpel. aber es riecht nach moder. manchmal fühlt man sich innen nicht sehr lebendig. manchmal vergisst man, dass jemand tot ist und argumentiert mit ihm. warum er so lange wegbleibe und was er denn dort treibe. manchmal spielt es keine rolle, ob jemand tot ist, denn er ist noch immer gegenwärtig. was heisst schon innen oder aussen.

im frühling 2017 war M. alleine in Portugal. um zu verstehen, was sie dort erlebt, habe ich gleichzeitig bei Pessoa herum geblättert. nun höre ich sie, wenn ich bei Pessoa lese. als sei es ihr buch, mit ihren sprüchen und beobachtungen. als sei sie für eine zeit in Portugal geblieben. jedenfalls stelle ich mir das probeweise vor. sie hat da einiges erlebt und es hat ihr spass gemacht, zu empfinden wie es ist, wieder einmal alleine zu reisen. dass man das noch kann, hat sie gesagt.

aber es ist noch was anderes, alleine zu reisen, wenn jemand tot ist, der sonst zu hause wäre oder mitreisen würde, der zum beispiel am strand tanzt und glücklich dreinschaut wie damals in südafrika. ich gestehe, ich schaue mir das foto, auf dem sie tanzt, gerne an. beim betrachten von fotos wird der tod etwas unwirklich. aber man weiss natürlich, dass die gestalt aufgelöst ist. andererseits bleibt sie, wenn auch nicht mehr so fest umrissen, sogar grösser, flächiger, bewegter. im gefühl.

als Baron von Teive schreibt Pessoa in „Die Erziehung zum Stoiker: „Ich schreibe meine Tragödie mir selbst zu. Ich leide unter ihr, doch von Angesicht zu Angesicht, ohne Metaphysik und ohne Soziologie. Ich bekenne mich als vom Leben besiegt, aber nicht vom Leben geschlagen.“

(Werkausgabe S. 53 Baron von Teive, Die Erziehung zum Stoiker.)

krach

morgens früh um sieben beginnt der tag der krachmacher, der motor gehört zu einem von hier aus unsichtbaren mäh- und stutzgerät der gemeindeverwaltung in der nähe der parkanlage. sonst ist es friedlich, eine amsel singt in der birke, eine taube gurrt, eine elster keckert, zwei blaumeisen tollen herum, im hintergrund rattert und kanttert es, dazu in den intervallen qietschende drehgeräusche vom bau kran. café im garten. man gewöhnt sich an alles, denkt man, man gewöhnt sich an garnichts, die antwort.

selbstverständlich darf der krach um sieben losgehn, alles legal und ordnungsgemäss, wo kämen wir sonst hin, aber eben krach, man ist wider willen wach und grantig, besonders weil man wegen irgendwelcher insekten nicht schlafen konnte, es juckte. man lag da und es juckte. man war müde, aber es juckte, die salbe half wenig bis gar nicht. man lag wach und wartete. morgens wusste man endlich, worauf man gewartet hatte, auf das morgengeknatter um sieben. legal, alles legal. so kommt man wider willen in die gänge.

da man sonst kein fachmann ist und also gebeten ist, fachleute zu zitieren, ist man auf einige aussenbereiche verwiesen, poesie, lektüren , zeitunglesen, impressionen, gefühle und eben krach, morgenkrach, man wird nach kuzer zeit spezialist für morgenkrach, dieses an- und abschwellende geknatter an wegrändern, legales gerassel, gerappel und ordnungsgemäss, das muss betont werden. krach macht wütend, krach bringt auf, erhitzt und man kann nicht sitzen bleiben, der café wird lau, tun ist angesagt, krachmachendes tun, blechcontainer herumwirbeln, rasenmähen, auto fahren, einfach geknatter, man kriegt, sobald der ärger verflogen ist, lust auf eigenes geknatter, selbst produziertes, COzwei produktion auf der grossen zufahrtsstrasse zur stadt, dazu ein reiner wutfurz, wenn es ans stocken kommt, man erspart sich ein paar unanständige gesten und verbale ausfälle.

ist das ein ordnungsgemässer tagesbeginn, aggressionsstau im morgenverkehr, die radiomusik dudelt, die bremsen funktionieren, es staut, danach warten, immerzu warten, man schafft es höflich und zuvorkommend zu sein, reissverschlusstaktik. der ärger legt sich, verfliegt.

früher, sagt der kommentator, habe man sich gefragt, warum die leute nicht zur wahl gehen, heute müsse man fragen, warum sie gehen sollten. aber der präsidentschaftskandidat fühlt sich legitimiert. die wahlen, sagt der kommentator, sind undurchlässig für die anliegen sehr vieler bürger geworden. in der zentrale zelebrieren sie rituale.

premier Bettel ist zuhause, er ist nicht schwerkrank, aber positiv, man nimmt an, es geht ihm gut? im film wirkte er etwas aufgeregt. er hat niemand angesteckt.

da man kein fachmann ist, kommentiert man nicht.

von weither kommt die frage, wie es einem geht. das geschieht jedes mal, wenn man auf das foto einer frau schaut, die man zum letzten mal im dezember 17 gesehen hat. die frage hat tradition, es war das morgenbriefing: wie geht es dir? ich höre im radio, dass die stimmung auf die mimik wirkt und umgekehrt. die frage erscheint mir heute morgen sehr komplex, das vor der nase liegende, das kurzfristige, die lange sicht. das vermischt sich, da ein geburtstag ansteht, wird das längerfristige relevanter. man rechnet nicht unbedingt damit, man ist vorsichtig umsichtig, man hält sich mit plänen zurück, es gibt genug durchkreuzende umstände, das leben zum beispiel.

auch flugzeuge machen im übrigen einen höllenkrach, aber sie verschwinden meist schnell, wogegen die spritbetriebenen rupfgeräte krachmässig länger andauern.

krach überhaupt, man sehnt sich nach stille. aber die kann man sich abschminken, oben an der zufahrtsstrasse zur stadt sind fast hundert meter abrisshäuser eingezäunt, unten fuchtelt der kran, rechts knattert es. ordnungsgemäss alles, wachstumsmässig auch völlig in ordnung, wohnkästen, menschenhaltung, die rente bitte sehr und die mauer.

man müsste aufs land ziehen. die stadt wird aufdringlich.

was ist mit der antwort? ausweichend, seitlich, man übt, wie behält man im krach die fassung, wird still, sagt gar nichts, weil man auf krach keinen krach häufen will.

amen.

über patriotische gefühle

man kann vieles erzâhlen, zum beispiel über die diskrete kleinformatige fahne in einem wohnzimmerfenster vor der zugezogenen gardine, oh, ich insinuiere gar nichts, auch nichts über die reduzierten feierlichkeiten, die leute in den strassen der stadt spätabends, die leicht erkältet wirkenden prominenten, aber immerhin hat die regierung des landes sich aufgerafft mit einigen andern regierungen gegen reaktionäre gesetze in einem EU land zu protestieren, während die EU noch immer herum eiert, laviert wollte ich sagen. dass so etwas nicht geht wie das infame ungarische gesetz, das müsste im EU europa doch glasklar sein.

tatsächlich habe ich mir ein fussballspiel wenigstens teilweise angeschaut, tschechien gegen england, auf lange strecken ein herumgestocher und getrete neben einem brillanten torschuss. dazu habe ich frisuren begutachtet und physiognomien in gedeckten anzügen mit dunklen kravatten. nebenher liefen im rund unablässig sich abwechselnde reklamen, so dass klar war, es ist nicht nur spiel, sondern das spiel ist ein geschäft.

was ist nicht geschäft oder nützlich oder was bringt es, wir sind in unserer denke so sehr darin befangen, dass eine andere sichtweise uns „volapück“ vorkommt, zum beispiel dass irgendein ritual einfach nur sagt, so ist es oder wie ein zenmönch auf die frage, was bringt die meditation, antwortete: nichts. so dass man sich angeleitet fühlt, dinge zu machen, die nichts bringen. aber inzwischen bringt ja alles etwas, zum beispiel „waldbaden“. dass man sich völlig sinnlos im wald, an einem hang herum treibt, dass man auf dem rücken liegt und die weite bestaunt, dass man sprachlos in einem blumengarten sitzt und schaut, dass man still da sitzt mit geschlossenen augen, dass man schreibt, wie gerade jetzt, ohne sagen zu können, wozu das gut ist, ob es tatsächlich nützlich ist oder völlig „überflüssig. und wenn man gerade das liebt, das überflüssige, nutzlose, was sich nicht monetarisieren, verwerten, ausschlachten lässt.

aber ist nicht längst alles gerastert, auf verwertbarkeit ausgeleuchtet, so dass sogar das nichtstun seinen platz in der regenerierung der arbeitskraft hat und ebenfalls das sonstige nutzlose, wenn es das noch gibt.

es muss doch was bringen! ja was denn? irgendwas. mehr von diesem oder jenem. kann man noch anders denken? wozu ist das gut: immer gleich die werkzeugkiste.

eine geschichte ohne inhalt? und das klima? die weltrettung? gestern las ich bei jemand, künstlerisch sei das thema untergang reizvoll.

um zu. damit. wegen.

wenn ich vor den müllbehältern mit diversen etiketten stehe, plastik, papier, glas und noch mehr in die einzelheiten gehend, fester plastik, verpackungsplastik, waschmittelbehälterplastik, überkommt mich ein bodenloses ohnmachtsgefühl, ausgerechnet dort, wo es sinnvoll zugehen soll, wo man annimmt, man tut was, redet nicht bloss, wird aktiv. dann denke ich jedes mal: die sache ist verloren. nicht nur, weil der strom an plastik nicht nachlässt, immer wieder stehe ich vor diesen behältern, nein, sagt der mann im overall, nein, das kommt nicht hier hinein, und es hört gar nicht auf, sondern, weil mir das ausmass bewusst wird, die produktion plötzlich vor augen steht, die interessen, die gewohnheiten, die bequemlichkeiten, die gewinne. dann ist das bewusstsein, etwas sinnvolles zu tun, wie weggewischt. und das gute gewissen stellt sich erst garnicht ein.

aber der keller ist wenigstens leer, die kartonagen abgeräumt, es herrscht wieder ordnung. habe ich etwa am nationalfeiertag meinen keller aufgeräumt, den wagen vollbeladen, um gleich am nächsten tag loszufahren?

wo ich sowas wie patriotische gefühle entwickle, völlig kritiklos dazu noch, das geschieht in meiner lieblingslandschaft (sofern sie noch einigermassen intakt ist! geht das überhaupt?) und im wald, da ist es ein ausgesprochener baumpatriotismus, da ist es freude über den verlauf der hügel, die farbpalette, die anordnung der flächen, die ausblicke, das gefühl einer intimen vertrautheit auf gegenseitigkeit, ein liebesverhältnis ohne zweifel. wieso das patriotismus ist? tut mir leid, es ist der einzige kompakte, unentzweite, unbezweifelte, den ich aufbringen kann, ansonsten gibt es unterschiedliche beleuchtungen, widersprüche, gegensätze, die einen ganzen, fraglosen patriotismus verunmöglichen. man lebt in diesem land halt im zwiespalt, man sagt sich, nicht ich provoziere die kritik, die mich fast wie überkommt. und die gemischten gefühle erst, die sich erst im wald entmischen oder an meinem lieblingshügel und abhang und pfad.

aber ich verrate nicht, wo mir so ausgesprochen zuhause zumute ist. denn so möchte ich nicht erwischt werden, so ganz einverstanden. so ganz bejahend. freudig, lächelnd, diskret überschwänglich und entschlossen.

über Paris kein wort

über Paris kein wort, denn das kann nur schiefgehn.

vielleicht doch dies, der provinzmensch erfährt eine erweiterung seines horizonts, was, als metaphorisches sprechen paradox klingt, denn man schwimmt in einem häusermeer. man muss, da aus einem nest (vergleichweise) kommend, aufpassen, dass man nicht ins gaffen gerät. die taxifahrer sind zuvorkommend, putin hat neben dem neuen russischen kulturzentrum eine orthodoxe kirche mit drei goldenen kuppeln errichten lassen, der eiffelturm nebenan. etwas übertrieben, eventuell geschmacklos. wenn man viele leute antreffen will, geht man ins Marais. leider war das restaurant auf dem dach des Institut du Monde Arabe geschlossen, bei Finkelsztain aber gab es delikatessen und in der rue de sicile trank man korsisches bier.

berluti schaufenster

abends stellt man fest, flanieren macht müde, flanieren, dass wir uns recht verstehn, ist zielloses herumschlendern und schauen, leute auf terrassen beobachten, café trinken, weiter flanieren, bei berluti am Elysée kostet ein paar sneakers achthundertfünfzig euros, die lederjacken, grün und rot und glänzend tragen keinen preistag, einer der herren am eingang begleitet und erklärt wortreich die waren. Er möchte verkaufen, das ist klar, und man ahnt, wenn man etwas anprobiert, ist man verloren, er wird sagen, sie sehen in der jacke gut aus, nein, er wird sagen, sie steht ihnen exzellent, wie für sie gemacht. da man nicht so farbig aussehen aussehen will, ganz abgesehen davon. dass die preise nicht in frage kommen, entfernt man sich höflich und dankt. da die ausstellung gelungen ist, die ware postpostmoderne ikone und der ton samtig, fühlt man sich erleichtert beschwingt.

um die residenz stehen polizisten in schwarz mit maschinenpistolen, aber keine clochards. rue de rivoli schmeckt der café ordentlich, in den jardins des tuileries herrscht jogging verkehr, hingegen ist die pyramide umlagert. man geht weiter.

spontanes reisen und museumsbesuche schliessen sich neuerdings aus, die bourse de commerce, in der man die schmelzende wachsskulptur besehen wollte, ist im juni ausgebucht. ebenso das orsay. aber zum trost ist die stadt selber museal, darf man das sagen?

abseits, also etwa im 17e am bd Pereire, blühen die rosen, im parc monceau déjeuner sur l’herbe, verfielfältigt und angezogen, natürlich. hier merkt man, Paris ist eine ansammlung von dörfern, ausser an den repräsentativen stellen. man flaniert und entdeckt, auch das, was man nicht gesucht hat.

manchmal denkt man, hier möchte man leben, manchmal denkt man, hier möchte man auf keinen fall leben.

zuhause stellt man fest, es hat sich wenig getan, ausser dem üblichen gekabbel. hier ist es noch immer klein und provinziell, aber man fühlt sich nicht mehr so beengt. man weiss nun, man kann jederzeit wieder weg, als hätte man das vergessen.

In Paris liefen fast alle mit maske herum, abends juckt das ganze gesicht, die lippen sind trocken, deshalb sucht man öfter terrassen auf, trinkt mehr café als nötig, so dass man denkt, man wird nicht schlafen können, aber nachts in Paris wach liegen und an die stadt vom vortag denken, ist äusserst befriedigend. Das hotel liegt, wie gesagt abseits im 17e, es hat einen garten mit bäumen und sträuchern, morgens sitzt man dort und zittert leicht, weil die Sonne noch nicht herein scheint, und vögel zwitschern. es ist ziemlich still. von hier aus braucht man anderthalb gehstunden bis zur place des vosges etwa, aber flanieren kostet viel mehr zeit, man wird immer durch irgendeine wahrnehmung aufgehalten, betritt läden und schaut, begutachtet fassaden und strassenzüge. und geht absichtlich in die irre, weil an der nächsten ecke der ausblick neues verspricht.

da man jemanden kennt, der hier wohnt, fühlt man sich nicht so durch und durch touristisch.

man macht sich keine illusionen, wie es in dem land aussieht, von dem paris das zentrum ist, sozial und wirtschaftlich, meine ich, die politischen nachrichten sind beunruhigend.

viele fassaden sind frisch geputzt, das fällt auf.

bd pereire

zuhause kommen erinnerungen hoch an vergangene parisbesuche.

mit M.

M. kannte sich in Paris aus. ohne sie, so dachte man, wird man in Paris nicht so gut zurecht kommen, aber das hat nicht gestimmt. es ist ziemlich einfach herum zu gehen. man lässt sich überraschen, wo die neugier einen hintreibt oder der hunger, zu Finkelsztain zum beispiel, aber eben nicht zum Institut du Monde Arabe, wo man vielleicht Jack Lang begegnet wäre, der einem mit seinem gefolge entgegen kommt. ich erwähne ihn, weil er jüngst bei einer dokumentation über Mitterand, den Bauherrn, dermassen geliftet aussah. damals mit M. auf der dachterrasse hat er noch nicht so sonderbar ausgesehen. aber damals war die dachterrasse geöffnet und man freute sich auf die tajine, weshalb man Jack Lang nicht so beachtet hat. Man kam damals von einer ausstellung über das schicksal der jüdischen gemeinschaften im osten europas.

In paris fühlt man sich über dem gehen wie jemand, den man vorbei gehen sieht, so leicht fühlt man sich, so unbeschwert von sich selber. fast möchte man lachen, es gibt immer wieder den anfang eines lachens. dabei passiert gar nichts besonderes, man ist ganz zufrieden mit der identität des gehenden, das genügt einem völlig. das ganze brimborium, das man sonst mit sich herumschleppt, ist gar nicht anwesend. das macht so einen Parisaufenthalt sehr angenehm.

mit B. war sowieso alles neu. wie man so eine Parisreise anpackt, im ganzen, meine ich, wo man hingeht, was einen anzieht. wie man auf die dinge schaut, entscheidet sich auch an der frage der begleitung, ob die funktioniert, ob man zusammen zurecht kommt, das stellt sich schnell in einer nebenstrasse zum beispiel heraus. ohne dass erinnerungen hochkommen, wie es einmal war. das kommt später und man vergleicht seltsamerweise nicht.

im übrigen muss ich sagen, die kombination stimmte, was mir an begeisterungsfähigkeit fehlt und bei B. überreichlich vorhanden ist, so dass man mit ihr anders sehen lernt, mache ich wett durch flanierende trägheit, sich treiben lassen auf grosstädtischem pflaster, ein reiner genuss.

fiebriges

Your result Covid19 PCR: positive (24.03.2021, Ref. …, T. F.) Online access: covid19-test.lu – For questions please contact your family doctor

I

man sitzt etwas ratlos da und fragt, was ist in den letzten vierzehn tagen geschehen, man war da, aber woanders, jedenfalls nicht hier, nicht in dieser realität. dort waren die wälder anders, die wege sowieso, die berge, ein schleier von kaumgewusstwie über allem, man hat keine besonders konsistente substanz, man traut sich nicht einmal zu, ganz fest zu sein, man ist sehr wackelig, was die anwesenheit betrifft, man bewegt sich in landschaften, über die man keine festen angaben machen kann, es ist vor allem gefühlt hügeliges, es schwankt. die nächte sind wie andere tage, man ist ungefähr, jedenfalls nicht sehr deutlich. hat man fieber, schmeckt man etwas eisenartiges, riecht man noch, man will gar nicht erwachen, man kneift sich, aber das hilft auch nichts, man sagt sich, wenn ich erwache, dann finde ich wörter für den zustand, ausserhalb ist er, wie ausserhalb, farblos, geräuschlos, etwas wiederholt sich, man kriegt es nicht zu fassen, es gibt vor eine form zu haben, man sieht sogar andeutungen davon, aber wenn man sagen soll, wie sie waren, die formen, die einen bedrängt haben, dann weiss man es nicht.

manchmal erinnert man sich, wie es begonnen hat. da waren die symptome schon da, zerschlagenheit, zunehmende müdigkeit, am besten hinlegen, nicht essen, nicht viel, da hiess es, man sei positiv, sie sind positiv getestet worden, dann rief jemand an und stellte fragen, man gab noch leute an, mit denen man kurz zuvor zu tun hatte, es waren sehr wenige, man hat das noch als spiel empfunden anfangs, aber diesen anfang hat man schnell vegessen, man schleppte sich herum, war nicht ganz da, immer mit einem fuss woanders. in einer nebelhaften welt, in die der körper seltsame bilder hinein warf, die man nicht fassen kann, alles entzog sich ins unwirkliche, man dämmerte unter nebelhaften figuren und formen, alles löste sich schnell auf, entstand neu, obsessiv, quälend. manchmal erwachte man nass geschwitzt und brachte es gerade noch fertig sich umzuziehen. an manchen tagen stand man gar nicht auf, ass nichts, trank tee, schlürfte wasser, gelegentlich musste man husten. nichts dauerte lange, die zustände wechselten sich fiebrig ab, rasten, wurden sehr langsam. an einem tag war einem kotzübel, essen war irreal, man dachte gar nichts dazu.

manchmal fühlte man sich sehr allein. durch das fenster sah man die sonne und der strahlende forsythia des nachbargartens war ein trost und laute stimmen aus den gärten versicherten einem, da sind noch andere.

nichts ergab einen sinn, alles fühlte sich verkehrt an, nicht richtig, das dachte man, was stimmt hier nicht. man beklagte sich nicht, man unterzog sich dem, nolensvolens, es hörte nicht auf. ein paarmal setzte man sich in die sonne vor den leuchtend gelben busch und neben die lauten stimmen. der körper fühlte sich fremd an, ja, man schreckte davor zurück, die stoppeln im gesicht waren nur widerlich, die haut klebte eklig. als kenne man sich nicht. alles roch etwas süsslich, leicht metallen. man lag da und es gab keinen impuls etwas zu verändern, man wartete darauf, dass man vielleicht doch aufstehen würde, aber es dauerte sehr lange, bevor das geschah. plötzlich überraschend tat es sich, man war fast nicht drauf gefasst. das aufstehen und herumgehen war genauso sonderbar wie das liegenbleiben.

flüchtige lektüren, ein film von Tavernier mit Philippe Noiret und Sabine Azéma in den farben verwüsteter träume, „la vie et rien d’autre“. verdämmerte tage, wo war man, was dachte man, man wartete nicht einmal? man war en suspens…

II

es ist ein abtauchen. wortlos. jemand dreht den rücken und geht. wie hinter einer wand. un écran invisible mit einer art von fast greifbarer nichtanwesenheit. überhaupt nicht ganz anwesend, selbst beim schauen meilenweit entfernt, ein gefühl von distanz zu allem. kein wunsch genau hinzuschauen, flüchtiges sehen, meist inwärts gekehrt, selbst im augenblick deutlicherer präsenz.

leicht gequältes lächeln, sogar manchmal lachen über einen unmöglichen zustand. geschmacksverzerrungen, schiefer geruchssinn, überlagerungen von fremden. zerflatterte aufmerksamkeit, am liebsten reglos wo sitzen, gedankenfetzen driften vorbei, nichts sehr bedeutendes.

wenn lesen, dann ganz abtauchen in selbst oberflächlichstes, nachrichtenmässiges. ein gewisser dégôut vor der aktualität. lesen, aber kaum ernstnehmen. es perlt ab. es ist lächerlich. wortwolken zerstäubt. was für selbstinszenierungen. die leute: manövriermasse. der zustand draussen zunehmend grotesk, unhaltbar, aber er hält. noch immer die zahlen.

meist in sich gekehrt. entrückt. weit weg, abgereist und nun irgendwo, wolkenstrand, verwischtes baumgestreife, sonnenflecken, geahnte kälte, erfrorene frühlingsblumen, leichte trauer. schwäche in jeder geste, keine beschwerden beim treppensteigen, nur eine allgemeine müdigkeit. am liebsten in einem buch abtauchen, sich an wortlandschaften haltend, worte streichelnd. keine realität bitte, kein wunsch die tür aufzumachen und den park aufzuchen? kein schritt vor die tür, das haus als schützende höhle, halte mir die dinge vom leib, lass mich in ruhe, sage nichts, schweigen wir am besten.

III

abrücken, aber nicht freiwillig, alles ist weiter weg, man möchte hin, aber es gibt diese unsichtbare wand. dann ist man müde, will auch gar nichts wissen. trotzig. macht euren scheisskram, aber lasst mich raus. ich bin raus. erbittert lesen, in bruchstücken, was ist. aber was ist und was ist nur gerede, wortkram, liest man, sagt Goethe. man hält sich an handfestes. kein besonderer grund aufzustehen. auch dort: lasst mich in ruhe. unfreiwillig eingesponnen in einen cocon. man sieht übergenau die eigene unzulänglichkeit, die ichschwäche an zentraler stelle. als hätte man flügel, versucht man sich zu erheben und scheitert, etwas kläglich. warum nur ist man soweit entfernt, hat sich entfernt, wurde weggerückt. man ist ganz inwendig beschäftigt sich wieder aufzurichten. eine genesung, die gar kein ende nimmt. man ist nicht einmal nur körperlich angeschlagen, man ermüdet auch geistig sehr schnell. aber der wunsch oder die sehnsucht sich über die schwäche wenigstens im geist zu erheben. aber in welchen räumen/sphären befindet man sich nun. neblig trübe hochebene. schnelle verwandlungen, nirgendwo fest sein, wolkiges, es zieht sehr schnell…weg. manchmal ein ganz unwahrscheinliches glücksgefühl. erinnerungen aber auch an vernichtungsängste, verschwinden in ritzen und fallen. oder quälende kreisläufe nachts, halb körperlich halb bilder, eine wiederholungsmühle, crushed. zermahlen so das aufwachen. das naheliegende, das bett, der stuhl, ders essel, die wände halb durchsichtig, als ob, kein beschreibbares. als fliege man in alle richtungen davon.

Intermezzi von nüchterner wirklichkeit. man isst wieder, bereitet essen, geschmack und geruch noch immer verzerrt, der café ist ein bitteres gesöff, man trinkt ihn nur schlückchenweise wie zur erinnerung an ein rundes erlebnis auf zunge und gaumen. unangenehme synthetische geruchsanwandlungen, desinfektionsmittel den halben tag. die symptome waren nach zehn, zwölf tagen fast ganz weg, geblieben ist das gefühl einer entfernung von allem plus eine unbekannte schwäche, ein unwillen zu längerer bewegung: ich sitze, ich verschwinde in einer lektüre, am liebsten weit weg von dem aktuellen gerede, weit erhoben, eine landschaft, in der man schwebt, wörter tanzen, man geht dem einzelnen nach, hört klänge, farbnuancen von begriffen, hoffnung bestimmend. bleibt mir vom leibe mit euren pandemieobsessionen. es geht mir ganz am a…vorbei. jetzt weiss man, was angeödet heisst. ich möchte in keiner statistik als ziffer vorkommen. wo haben sie sich angesteckt. man hat kein gefühl von angestecktsein, man sieht keinen verdächtigen um die ecke huschen, den covid-anstecker, man denkt gar nicht in solchen kategorien, man will still sein, man regsitriert symptome, man horcht in sich hinein, staunt, ist unangenehm berührt, zuerst fieberte man, dann wollte man nichts mehr essen, essen war nun sehr weit weg, man lag da und drehte allem den rücken.

das sitzt noch jetzt in den gliedern.

was ist das für ein gefühl von unwirklichkeit? gottseidank ist man nun seit zwei tagen eingehüllt in regen, nachts liegt man wach und ist ganz ohr. man muss nichts tun. gelegentlich schaltet man auf praxisbetrieb, erledigt dies und das, es ist genau so fremd und entfernt wie alles andere, die strasse ist kampfgebiet, man wendet sich ab, wenn ein auto zu laut wird. man träumt, überall schiessen bäume aus dem boden und wachsen sehr schnell, die strasse ein wald, autos überwuchert von seltsamen blühenden gewächsen , befriedigt, befriedet, revanche auf asphaltgrau und blech.

keine gewissen erinnerungen: wie hat es angefangen, vage grippenartiges, zerschlagen, fiebrig, eher bilder, aber verwischt, ahnungen von formen, wirbel, wie energien, die aus einem heraustreten und man bleibt erschöpft zurück. anfälle eines schneidenden alleinseins, scharf, ja dies schon, sehr kantig schmerzlich ganz auf sich zurückgeworfen, mit sich konfrontiert, allein, keine geborgenheit in fiebrigen anfällen, kann man sein leben vertreten, fast so, wie ein inneres tribunal. später ist man wie verflogen, aufgelöst, .

langsam findet man jemand wieder, sammlung. da man doch immer wieder gelesen hat, taucht man auf in einem ganz und gar verrückten, was stimmt hier alles nicht. womit sind alle beschäftigt.

man denkt plötzlich, nach einem lese dégôut (über das neueste), ist ein neospiessertum imgange und anderswo verflüchtigung von welt und wirklichkeit in abstraktestem? aber kein halt. der blick fängt sich wieder im anblick von frühlingsblumen, gelb vor allem, blau auch und rot tulpiges, erstes zartes grün, segelflug von raben, gezirpe von rotkehlchen, schrilles von elstern und behäbig tauben im gras, wackelköpfig, das beruhigt, die welt ist noch da. am griff der anschaung, nichts machbares, nur wieder anwesend im schauen, im hören, aufatmen frische luft, kühl regennass. uff.

warten Sie auf was?

nach ein paar wochen des tuns: dies und das, praktische sachen, nägel mit köpfen, termine, absprachen, fragen und schnelle entscheidungen, aber wenig wörter im grunde. ein kontext ist gegeben, in dem agiert man. wenn man den verlässt, entsteht eine art vakuum. der kontext ist das, was getan werden muss oder getan wird, getan werden kann. aber danach und vorher und dazwischen, eine art leere ohne sprache. so dass die angst auftaucht, es gebe gar keine mehr. keine beschreibung möglich. wo schwebt man herum? ist man noch da? oder schon aufgelöst in ein unsagbares. man kann so tun, beim hören und lesen von nachrichten, man sei noch irgendwo, irgendwie verankert. manchmal träumt man von einer grossen reise nach sizilien , die durchquerung des italienischen stiefels von oben und nach unten und zurück übers meer. oder nach japan oder einfach nur ans meer. und gar nichts besonderes denken, auch nicht über den möglichen weltuntergang, weil die spezies einfach zu borniert ist, auch nicht über eine teilapokalypse, weil dann vielleicht belehrung möglich. gar nichts denken, ausser vielleicht, wie bereitet man optimal eine exquisiten café zu. darf ein weisser mann, älter, sechzig, aber noch gutaussehend, um es genau zu sagen, das gedicht einer jungen schwarzen poetin übersetzen? oder eine weisse frau. dasselbe auch anscheinend nicht, so liest man. anderswo liest jemand aus einem casting einen ganzen film heraus und unterzieht den erdachten film einer heftigen kritik. das ergibt minutenkontexte. in den pausen dazwischen: die frage, was ist existenz und was ist tod. man redet mit einer toten, als sei sie anwesend; die lebendigen werden rätselhafter jeden weiteren tag. die andere frage nebenbei, wieso kippt der kran auf der baustelle weiter unten nicht um bei heftigem wind, von hier aus, scheint er unbeweglich. die weitere frage, warum werden mit der unfasslichkeit der umstände die eigenen umstände ebenfalls unfasslicher. die frage auch bei einem kommentar im radio, wieso hat dieser gerade redende, dezidiert redende mensch es dahin gebracht, wo er sich befindet, und zu solchen aussagen. genauer: was für ein profil befähigt einen an die spitze zu gelangen, jedenfalls hoch hinaus. keine antwort, aber die schlimmsten vermutungen. auch die schlimmsten vermutungen über die vorschläge, würden sie realisiert. die ansicht alter fetische, lösungen von vorgestern, überhaupt vorgestriges, die prognose ist nicht gut.

schaltet man alles aus, keine nachrichten, nur hören, sehen, fühlen, das gesamte programm, vor einer garten aussicht und mit dem geräusch der müllabfuhr, was ist dann. abgesehen von dem dramatischen blaugrauweiss und einem regionalwind? ja, um himmelswillen, was denn. langsame erinnerung: es ist nur montag, der kran ist unbeweglich, auf existentielle fragen keine antwort aus dem garten, daselbst immer mehr gelbe tupfer, ein blauvioletter, ein paar andeutungen von knospengrün, vier elstern auf erkundung, ein bisschen beweglichkeit in baumkronen. keine antwort auf die frage, was mache ich hier, wie ist es hier und wer ist ich. ein nochnichtgeimpfter, ein nochzuimpfender, ein in gedanken ans meer reisender, ein worte anhäufender, um zu überdecken, dass das glas leer ist, dass der himmel halbblau und halb grauweiss ist, dass der garten auf den frühling zutreibt, dass es in der nacht geregnet hat, dass man an alles mögliche und an nichts gedacht hat. dass man fragt und keine antwort hört, dass man wenigstens ein fragender ist, dass der garten sich bewegt, wenn auch nicht wie ein gehender, dass man die bewegung wahrnehmen kann, wenn man will, dass der wind vielleicht von weither kommt und gar nicht regional ist, dass sprachregelungen einem moralischen imperativ unterliegen, der nicht meiner sein muss, dass fundamentalistische attitüden modisch sind, dass man gerne rechthaben möchte, aber an seinen zweifeln scheitert, dass man mehr rätselt als weiss, dass man glauben liebt und zugleich verabscheut.

heute nacht hat es in den wänden geknackt, als höre man eine sprache, an der man die weitere nacht entziffert. man hört fast seine ängste, man stösst sich an unsichtbaren wänden, man hat sich noch immer nicht an die neuen anordnungen gewöhnt, man hat den verdacht, dass man sich nie daran gewöhnen wird.

man wundert sich, dass alles so lebendig ist.

man fragt sich, wie es weiter geht.

man nimmt alles ernst, man nimmt nichts ernst.

man ist neugierig und schaut sich alles an. man gibt sich mühe, man ist fundamental nicht einverstanden. man denkt sich, kann das gut gehen. man wartet mit einer antwort. man will gar nicht wissen, wie es weiter geht. man informiert sich. man zweifelt. man sucht nichts hinter den erscheinungen. entweder ist der geist in den dingen oder er ist garnicht. einige sind von allen guten geistern verlassen; jemand sagt, er habe wohl unter einem stein gelebt, dort war es sehr animiert. einige erfinden die welt neu. andere wissen, wohin es geht. der skeptiker steht am wegrand und winkt nicht.

warten Sie auf was?

sonntagmorgen: gewissheit

natürlich beginnt man irgendwann zu schreiben, jeden morgen tut man das, jeden morgen wartet man auf das erste wort, das auftaucht, und folgt ihm, selbst wenn es in die schwärze irgendwelcher schwarzer gedanken führt, wie heute morgen, da die nacht von seltsamen träumen einen trockenen rhythmus erhielt, etwas war ausgetrocknet in den träumen, die fantasie seltsam hölzern, uninspiriert, beängstigend klotzig, verdammt eckig, farblos, wie standardisiert.

vielleicht ist es auch die kälte, sie friert selbst gedanken ein, macht träume viereckig sperrig und sonst sind sie doch vielgestaltig und farbenfroh.

immerhin scheint die sonne, ist reges leben am futterhaus und die birken haben ein wärmeres licht.

aber man weiss nicht so recht, wie man leben soll, wie man zurecht kommen soll. mit sich selber. man ist wie vergessen und innerlich kalt. als dünne man aus, verliere an substanz, gerade im helleren licht erscheint man durchsichtiger als sonst. es ist nicht viel übrig von dem leben einstmals.

man schaut sich um, auf den höhen weht ein eiskalter wind, rüttelt an allen gewissheiten. was ist das für ein wort, ein klang, mehr ist es nicht, gewissheit. denn das war das erste wort.

man hält sich fest an nichts, man spürt die wärme einer tasse, in der der kaffee noch dampft. man hat den bitteren geschmack im mund.

dabei war gestern nacht der himmel so klar wie nie und übersäht von leuchtenden punkten. das ist der und der und so heisst dieser, sagten wir uns, bevor es zu kalt wurde und wir zurück drängten in die warme stube.

manchmal fragt einer, wo bist du gerade und bekommt keine antwort. aber er ahnt und sagt sich, du bist in der nähe. so redet er mit dem foto auf einem regal, während er an einem tisch sitzt und keine angst hat.

das licht ist um diese zeit blass, das blau ein blassblau winterlich. aber man kann sich auf garnichts verlassen. und aus den schornsteinen flattert rauch nach süden und einen augenblick lang ahnt man, wie der frühling sein könnte.

aber es gibt keine hoffnung.

es gibt hingegen herumgehen wie in einem verlassenheits traum und verrichtungen ohne freude. man tut so, als gehe das leben weiter. man meutert gegen den ernst. man lacht trotzdem. man beobachtet die amseln und stare im gras. sie höhlen einen apfel aus und picken unsichtbare körner. sie fliegen herum, als sei gar nichts anders als sonst.

dabei weiss man, es ist alles anders seit heute früh, seit man aus diesem labyrinthischen traum erwacht ist, in dem man versuchte, gewohntes weg zu scheuchen, aus hölzernem funken zu schlagen und man war noch dabei, als man auffuhr aus dem schlaf und sich fragte, geht das jetzt immer so weiter, so ohne änderung, so bekannt, so gewohnt. und da war es schon anders. da war es schon völlig auf den kopf gestellt. da musste man lachen. man wusste nicht einmal weshalb, aber man lachte. man freute sich auch. ohne grund. sagte man laut, ich freue mich. auf dem tisch standen rote rosen. man tat so, als stehe dort ein grosser straus roter rosen. man tat so, als werde es gleich frühling, als taue die innere kälte auf. als entfroste man sich, als beginne man endlich zu leben.

im garten liegt rauhreif überm gras und die langen schatten der bäume stricheln die fläche und weiss auf grün sieht annehmbar aus. man denkt gar nicht winter. man schaut nur.

vielleicht vergisst man sich am besten, wielleicht vergisst man sich selber wenigstens ein stück weit, vielleicht ist es besser, man ignoriert alle angaben in pässen und ausweisen, dort und so geboren und nun so alt und nun schon dies und das und auf dem wege woanders hin. vielleicht ist das gar nicht wichtig. man erinnert sich noch an wege einen hügel hinab unter bäumen. aber diese erinnerung stört nicht, denn der weg führt noch immer an der zigsten biegung in die grössere welt. am meisten stört noch der versuch, sich selbst loszuwerden, denn einer geht überall mit und ist nicht zu verjagen. man schaut ihn am besten einmal kurz nebenbei an und nickt ihm zu und blickt dann wieder geradeaus oder ringsumher. dann wird alles leichter. aber das soll doch gesagt sein, auch die welt ist keine einfache sache. dazu muss man nicht einmal das radio aufdrehen, um es zu wissen. das ist zum lachen und zum weinen ist das. aber das kann man doch sagen, wenn man sich genügend umgesehen hat, dass es ist, wie es ist. das muss ja nicht so bleiben. wenn es denn eine gewissheit gibt.

blaue schafe an der mosel

aber ich schreibe doch keine schüleraufsätze über einen moselspaziergang, sage ich mir und schreibe dann doch brav einen kleinen aufsatz, in dem an einigen stellen die verben fehlen.

von einem parkplatz zwischen zwei orten aus an der sonst (sonst?) viel befahrenen moselstrasse, auf dem fussgänger und fahrradweg, leichter gegenwind, an den überschwemmungsrändern allerhand unrat mit braunem schaum, gequirlte mosel, denn die hat fast die gleiche hellbraune farbe und fliesst schnell, hat ausmasse wie ein strom, sonst ist es doch ein eher bescheidener fluss, sandsteinwände rechts, hie und da ein radfahrer (im ganzen drei), ein jogger in orangenen kniestrümpfen (das sei als fast einziger (mobiler) farbtupfer in der landschaft erwähnt) überholt uns und kommt uns irgendwann wieder entgegen. ich fotografiere die schaumigen wasserrandstellen mit allerhand plastikabfall, das fliessen des wassers hingegen lässt sich nicht richtig festhalten, zwei enten schwimmen schnell mitten in der strömung und fliegen plÖtzlich auf und kreuzen ganz nahe an der wasseroberfläche, fast keine geräusche, auf bäumen, die vom wasser umspült werden, hocken weitere enten. es wird kälter, sagt meine begleiterin. die feuchte kälte beisst im gesicht. das gehen tut gut. ich sage, bei dem strassenschild kehren wir um. das tun wir dann auch.

die esplanade in R. ist noch überschwemmt, wir werden durch enge gassen umgeleitet. in B. fahren wir am hause von bekannten vorbei. ich sage, du erkennst das haus an zwei blauen schafen neben der eingangstreppe.

die spaziergangsszenerie hat ehrlich gesagt nicht besonders einladend ausgesehen. aber das macht einem nichts aus, der über die ufer geratene fluss ist imposant genug, um einen am gehen zu halten.

es gelingt nicht, irgendetwas davon zu relativieren, zum beispiel zu sagen, es ist eben winter, da sieht alles etwas trostlos aus oder das ist nur die jährliche überschwemmung. denn es fühlt sich an, als müsse es genau so sein. ich hätte auch schreiben können, das wasser wälzt sich schnell dahin. es gibt strudel und die enten auf den bäumen im wasser sehen aus wie geier, die auf eine tote kuh warten, die nicht vorbei schwimmt. die tote kuh fällt mir wegen meiner gestrigen lektüre* ein, in der friesische kühe und schafe vorkommen. dabei ist mir kein vorbei schwimmendes totes schaf eingefallen. der ziemlich verrückte krimi, den ich spät nachts fertig gelesen habe, hat mich irgendwie an die bande dessinée Les bijoux de la Castafiore erinnert, in der es auch drunter und drüber geht. aber in der mosel schwimmen weder tote kühe noch tote schafe, sie fliesst einfach nur ziemlich schnell dahin und ein paar sträucher sehen aus, als ob sie sich gleich losreissen und mitschwimmen würden, während die enten, von denen wir zuerst dachten, es sei eine kolonie fischreiher, ganz still in den ästen der bäume hockten. einmal kam eine davon ziemlich niedrig angeflogen und liess sich auf einem baum neben den andern nieder und da konnte man sehen, dass es enten sind statt fischreiher. von geiern keine spur mehr.

der winter an der mosel ist eine schmutzige jahreszeit mit verwaschenen braun- und grautönen. man würde sonst gar nicht auf den gedanken kommen auf dem fahradweg an diesem moselabschnitt spazieren zu gehen wegen dem verkehr, weil jedoch die strasse in R. am wasser aufhört, gibt es kaum verkehr. man hat den weg fast für sich. aufgefallen ist mir noch, dass ich während des gehens kaum an etwas gedacht habe, man ist zu sehr mit der grossen hellbraunen wasserflut beschäftigt. dieser moselabschnitt ist so besonders, weil es eben die sandsteinwände auf der anderen strassenseite gibt mit einer kuriosen gedenkstätte, zu der von der strasse aus eine breite treppe hinauf führt, diverse pergolen erheben sich links und rechts von einer hellen steinmauer, auf der in grossen lettern der name Paul Eyschen steht. Lepisma saccharina, silberfischchen, die am monument leben sollen, haben wir keine gesehen, es war wohl zu kalt.

ich habe heute keine zeitung gelesen, deshalb ist beim schreiben von der sanitären krise nicht die rede. wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch lieber mit der mosel beschäftigt und nebenher über Paul Eyschen nachgeschlagen. er soll sich um den weinbau verdient gemacht haben, deshalb das monument am Primerberg.

da wir die mosel ehren wollten, haben wir uns anschliessend einen Crémant rosé von Sunnen-Hoffmann (unbezahlte reklame) reingezogen. dabei kam die idee auf, den Crémant bei unserm nächsten moselspaziergang mitzunehmen und an ort und stelle zu verkosten. oder doch vielleicht einen Pinot gris Primerberg? das ist nun eine delikate gewissensfrage, deren erörterung hier zu weit führen würde.

nach reiflichem abwägen kommen mir am ende doch zweifel, ob enten wirklich gerne in bäumen sitzen und übers wasser schauen, vielleicht waren es doch reiher.

* Jan Willem van de Wetering, Rattenfang