battle star galactica

ein paar grosse wattebäusche im blau, die hitze steht, der schatten kühlt nicht, manchmal die halluzination einer brise. keine bewegung, einmal huscht ein spatz zur tränke, manchmal taubenflattern in einer baumkrone, aus dem kopfhörer moon duo, killing time.

ich sollte, ja, ich sollte und daran scheitert der gedanke, an diesem einen wort, erstickt im keime oder so: alles rebelliert, kein sollen, allerhöchstens wechselt ein arm die position, ein bein rutscht ein paar zentimeter nach rechts, ein fuss scheint einmal fast zu wackeln, ein halb geschlossenes auge blinzelt auf rote blumenstrahlen, das ist fast schon zu mühsam, fast schon zuviel, dösen, ripples verscheucht alle gedanken. eine kleine wespe läuft emsig über einen arm, ripples. eine hand greift nach einem glas, ein mund öffnet sich leicht, trinken, schlucken.

im blau hängen wattebäusche. die wetterapp sagt 34 gefühlt 37. niemand kommentiert. niemand denkt, dass es einfach zu heiss ist.

einer geht mit nackten füssen durch nasses gras, lächelt, leichter regen, einer schaut ins grau, nässe auf dem gesicht. das ist wie ein anderes, früheres leben.

noch immer ripples. imaginierte kühle schatten, wasserflächen an waldsäumen, keine nachrichten bitte, keine lifestyle propaganda.

viel später, da scheint es tatsäachlich kühler zu werden, fragt man sich, welche wesen wohl resistenter sind, visionen von cacteengärten, gewächsen an steinen, eidechsen, moosen und flechten, palmen.

eine taube gurrt, rabenscharen fliegen hoch am himmel in südöstlicher richtung, eine fledermaus blitzt schwarz vorbei, da ist es fast schon dunkel.

danach battlestar galactica bis um zwei.

geburtstag

kein wort über die umstände, keine silbe auch über prognosen, die schiessen wie pilze im herbst aus dem boden. die aussichten trüb. in frankreich wird generell maskiert, irgendwas ist mit der aerosol theorie, aber alle sind sich einig, dass.

der hochsommer bleicht den rasen, blätter fallen, leichter wind in den baumkronen, sonntag, es ist still, meistens, aus den nachbargärten kein ton. am futterplatz manchmal ein flattern, hornissen schwirren. man sitzt und redet. alles scheint weiter. warum, so fragt man sich, kann man sich nicht in der landschaft auflösen, bald baum, bald strauch oder tümpel und wind. dazu platschen von fröschen.

heute denke ich an sie, denke, du denkst doch nicht nur heute an sie, aber heute besonders, heute wäre sie sechsundsechzig geworden. ich sitze da und weiss nicht, was ich sagen soll. sie ist nicht mehr hier. dazu ist nichts zu sagen. ihre stimme? und ich gerate ins grübeln.

aufeinmal wirkt alles farblos, abstrakt, entleert, auch die erinnerung, als sei sie ein traum von einem ehemals farbigen leben. aufeinmal ist das bild schwarzweiss, aufeinmal ist alles wie 19. jahrhundert, barbarisch, technisch, fasziniert von sogenanntem fortschritt, bieder, zugeknöpft und kalt. retro, steam punk, aber nicht lustig. ein roboter piepst unbeholfen, ein paar knöpfe flackern rot-orange-grün. nichts singt, kalte strahlung irgendeiner der vielen sonnen.

ist das eine stimmung? eine haltung? oder beides?

kühlung. denn:

die stimmung ist zu aufgewühlt für einen kommentar zur weltlage, aber das eine entspricht dem andern, die entsprechung ist der kommentar. sonst ist alles ruhig.

ausgerechnet heute frage ich mich, was ist zuhause. ich probiere eingänge, ausgänge. aber wo ist das haus. die träume entsprechend, eine tür führt nirgendwohin.

man darf nicht mit antworten rechnen, man lebt mit den fragen, ist dazu verurteilt. fühlt sich so: verurteilt.

dabei ist es nicht zu heiss, die brise kühlt, es gibt blau mit wolken.

man kann einiges wegschieben, aber es kommt wieder.

heute ist der zweite august, sie wäre heute sechsundsechzig geworden.

zunehmende unordnung

leicht bewegtes grau und eine kleine aufhellung auf den horizont zu. es nieselt. gegen halbacht ist alles noch sehr still.

die wundersame geschichtes des engländers, der den Japanern die Kirschblüte zurückbrachte„. eine abseitigere lektüre ist fast nicht auszudenken, wie ein traum von insel und meer, so entfernt, aber die beschreibung von Naoko Abe führt ins zentrum der dinge zurück, zu einer verbohrten aggressiven ideologie, die in eine katastrophe mündet.

und selbst die bande dessinée, die ich (fast) zufällig) in dem neuen laden heraus gegriffen habe, erzählt von viren, einer neuartigen impfung, in die adn eingebaut, welche die spezies schliesslich fast ausrottet, aber dann doch einige kinder verschont und diese, da nun allein, fallen zurück in alte zeiten.

das war als evasion igemeint, wurde aber schliesslich zur begleitmelodie der „zweiten welle“, die, wenn mich nicht alles täuscht, gerade rollt und leichte panik in die stimmen bringt.

gestern nacht gröhlte und lärmte eine bande jugendlicher in der nachbarschaft für kurze zeit und auch sonstwo gibt es anscheinend ein wenig jugendanarchie und unbotmässigkeit,

die ruft wohlmeinende auf den plan.

das durchschnittsalter lag vor tagen noch bei 44, hat aber nun die 35 erreicht. auf der strasse hat mich eine jüngere passantin etwas kritisch gemustert, so à la „was macht der greis denn noch hier draussen“, in der freien wildbahn multiplizieren sich die maskenträger, die maske hängt unter dem kinn, des öfteren auch – leicht obszön – unter der nase. die grenzen schliessen sich wieder um den hotspot, die urlaubsreise wackelt, auf den balearen haben sie bars und lokale dicht gemacht. einer kommentiert hämisch, die weissen letzeboia dürften nun nicht mehr im suv ins nahe ausland vorstossen, er findet, sie verdienten eine demutslektion.

langsam geraten wir in mythische gefilde, corona pandemie, die geissel gottes.

einige versuchen sich in der debatte über die gefährdung von grundrechten und demokratie. aber die fallzahlen steigen, der verstand schaltet auf sicherheit und kontrolle, der tonfall wird giftig. es war sogar wieder vom pranger die rede und von kennzeichnung der gefährdeten. die frage, ob die polizei nicht doch zuhause nachsehen darf, hängt in der luft.

das wörtchen „nur“ hat konjunktur. und dessen kusine „aber“.

die selbstverständlichkeiten fallen.

die unordnung, die sich als ordnung gebärdet, nimmt zu. das ist kein gutes zeichen. die zahl der gläubigen schwillt an, seltsame kulte werden zelebriert. die sprache wird heimgesucht von kurzschlüssen, einfachste welterklärungen haben trumpf.

wir leiden an einer seltsamen zahlenkrankheit. das mysterium wird undurchdringlich.

was uns noch vereint ist die sehnsucht nach bewegung, am besten weit weg, und weiter noch, dorthin, wo keine hiobsbotschaften uns erreichen, zu fernsten kontinenten, die es nicht mehr gibt.

der traum von der insel hält sich, an ihrem gestade landet keine unruhe an und kein nachricht von irgendwelchen übeln. deshalb lese ich entferntestes, aber auch das wird von kriegen heimgesucht, von beben und konflikten aller art. vom tod auch. wir geben uns gerne vornehm menschlich, mitfühlend, solidarisch, mit gefühl für schönheit. doch wie schnell der lack abblättert und hässlichstes sich breitmacht.

deshalb lese ich die symptome an der einen stelle als repräsentativ für andere stellen, zum beispiel dass diversität abnimmt und nur in schönen reden gewürdigt wird, dass alle zustimmend nicken und im gleichen atemzug mit „aber“ kommen. dass eine denkschiene bevorzugt wird und alles andere suspekt erscheint und gleich verdächtigt wird. dass abweichungen von der linie beschrien werden wie ehemals.

und wundere mich, dass es in den gärten noch blüht in allen erdenklichen farben, grössen und arten, dass grün grün ist, aber mit grossen abweichungen von der norm und vögel zwitschern, dass der himmel grau ist, aber von wolken grauer noch gesprenkelt und die ziehn eilig und dass es regen gibt im nieseln und dann im stärkeren aufklatschen auf dem pflaster, dass hunde bellen und der garten ganz still da steht und die bewegung, wenn es welche gibt, im wind, fast unmerklich ist.

dann sitze ich still da, und selbst wenn ich unter bäumen geh, kann ich es nicht vergessen, denn die unordnung nimmt zu.

ein mörderischer satz

das rätselhafte geräusch des regens auf dem dach, es ist wie – und für einen augenblick vergesse ich, dass es regen ist und bin nur noch ein lauschen – es ist tatsächlich ein KNistern, ein anhaltendes elektrisches knISTern.

das versetzt einen wohin?

in so etwas wie zeitlosigkeit? so hat es immer schon geregnet, so hat es sich immer schon angehört und manchmal war es auch nur ein sachtes trommeln in der nacht, ein rauschen und die frische davon wehte durch das geöffnete fenster herein.

meine älteste enkelin ist zehn geworden. wie war das, als meine tochter zehn wurde und ihre brüder, wie war das, als ich zehn war, als meine schwestern zehn wurden.

manchmal scheint es, als sei der regen das verbindende, sein knistern, dachtrommeln und rauschen führt überall hin. erinnerung ist ein raum und das älteste ist auch das fernste.

wenn es regnet wird nach und nach ein leben sichtbar. enfin als empfindung, als läge es vor mir als panorama, das man begehen kann.

bist du zufrieden, heisst es dann.

und ich: manches jagt mir noch jetzt einen schrecken ein. manches ist gelungen, manches nicht, im ganzen ist es gemacht wie ein werk, ein kunstwerk, nur: von wem und wie kam es zustande und woher kam die gestalterische kraft. zwar gibt es einen, der ich sagt, er ist allerdings mehr ein zusammenschauer, ein überschauer als sonstwas, das subjekt des handelns liegt in den beziehungen, in dem dazwischen. so scheint es mir.

wieviel freiheit, wieviel notwendigkeit liegt in dem werk.

jüngst habe ich an das fürchterlich deterministische Andorra von Max Frisch denken müssen. denn Andri, der Protagonist ist mir in gestalt eines jungen Mannes begegnet, der nicht stühle herstellt, sondern dächer in form bringt und erzählte, er habe kürzlicht in Cl., im norden des landes gearbeitet und den Satz zu hören bekommen: „nous, on ne travaille pas avec les houere judd“. seither verstecke er den sternanhänger, aber unterschreiben tue er immer noch: Rozenblum.

während ich das niederschreibe, denn dieser satz war die motivation der heutigen übung, spielt Ivo Pogorelich Beethoven, die Sonate 24 in f-sharp major op. 78.

ein starker trost, der gegen den satz nicht ankommt. nichts wischt den weg.

an solchen tagen wünsche ich mir angesichts des erwähnten panoramas, ich hätte mehr bewirken können. zumindest mehr mithelfen können, damit solche sätze wie der oben nicht mehr möglich sind.

un chapelet de noms

das neue, das kommen könnte – und ich meine nicht irgendein altes, das als neues verkleidet daher kommt, sondern eine tatsächliche wende und umkehr – stelle ich mir vor als eine stille invasion mit vorhut und haupttross, so etwas wie ein friedliche besetzung mit einer anderen denkart. überhaupt, ich gebe es zu, glaube ich keinen augenblick daran, dass mit der alten denke, die das problem erzeugt hat, das problem gelöst werden kann.

das neue wie ein zeichen am himmel, wie ein pfeil, der vorstösst ins bekannte, ein leuchten, das unsere irrwege grell hervor hebt, so dass wir nicht lange an seiner berechtigung zweifeln müssen.

keine osterhasen geschichten.

woher dieses, na sagen wir, bild, diese imagination aufgetaucht ist? (aber frag mich keiner wieso ausgerechnet dort)

wir hatten die zugegeben sehr naive vorstellung, die Belgier, die gerade aus dem hausarrest aufgetaucht sind, würden dies festlich begehen, und machten uns auf, über autoleere strassen und demnach mit ersten nagenden zweifeln, zu einer vorgestellten Brocante auf der nachbarlichen Knippchen (do sin di weiber frou, di eng di drenkt eng schlippchen, …).

aber, wie man es so oft in diesen fatal gekrönten zeiten feststellen konnte, die websites, die ankündigen, sind weder aktuell noch correct und natürlich gab es keine Brocante als festliche erleichterung nach dem restez chez vous. das Städtchen war leer, verlassen und trostlos. es gab, von ferne, 5 (fünf) leute, darunter die person, die wir, wieder von ferne, wie es sich gehört, interviewten, sie zeigte sich höchst amüsiert über unsere grenzenlose naivität.

graue gassen, durch die der wind pfiff, nur oben, ganz oben auf der Knippchen, Koeppchen ein paar sonnenflecken. haben wir die angst gespürt? warum sonst war keine(r) auf der strasse?

man weiss, hinter verschlossenen türen sitzen menschen. aber die stadt ist tot. nicht einmal gespenstisch, nein, grau und tot und weil niemand sie angeschaut hat während zu langer zeit, heruntergekommen auch, oder wenigstens vernachlässigt, verfall an manchen ecken, gesichtslose fassaden, keine schritte, kein lachen, kein reden.

und doch das leicht unheimliche gefühl, die stadt selber sieht einem aufmerksam zu.

als pioniere des stadtbegehens, so kamen wir uns vor. etwas illegal fürwitzig auch, unbefugt und invasiv.

wir haben uns danach in den ardennen verfahren, verirrt, haben uns gerne verloren, sind herum flaniert, automässig, auf autoleeren strassen durch menschenleere wälder und dörfer.

suivant un chapelet de noms, qui vous enivrent – und da müssen wir auch hin, alleine schon … wegen dem namen – und landeten dann, nach Habay, Aulier, Louftemeont, Behême, Rancimont, Léglise, Habaru, Chevaudos, Lavaux, Naleumont, Mellier, Marbehan, Rulles, Houdemont, Mortinsart und Etalle auf der E25, avec un léger vertige des noms, des noms, sacrebleu, et quels noms, aber kaum ein mensch, nicht einmal ein hund, ein huhn, doch, ein paar kühe und ein ganzer hang, tief violett, von digitalis, fingerhut. und wälder, mensch, nicht enden wollende tiefgrüne dunkle wälder.

grenzüberschreitend: wenn die menschen wieder zum leben erwacht sind, wollen wir zurück, das steht fest, aber nun in eine westlichere richtung, Orval, Avioth, Torgny, Montmédy en frôlant Saint-Mard, Dampicourt, Couvreux, Montquintin, Rouvroy, Lamorteau, Sommethonne, Limes, Bazeilles-sur-Othain, Iré-les- Près et j’en passe.

nach Robelmont, Meix-devant-Virton und Belchive fahre ich nicht mehr.

Marie, so sage ich mir, hätte kein nostalgie besäufnisse gemocht.

freundlich sein

I

„Je m’appelle Antoine Duval“

ça commence quand-même à peser, muss man das noch sagen? die maskierten überall und man muss raten, wie sie drauf sind, keine handshakes, von umarmungen, akkoladen etc gar nicht zu reden und jedesmal, wenn ich eine maske überziehe, beginne ich an unerwarteten stellen zu schwitzen. einige murmeln papieren oder stoffmässig unverständliches, stimmen gedämpft, leicht verzerrt, der alltag ist komplizierter geworden.

voreilige reisepläne sind schon wieder unter, der schengenraum, also ich, darf erst am 15. Juni in die schweiz, vorerst keine hüttenromantik mit holzfeuer und eiskaltbad in der holztonne und nachts kein mäuse gewisper und kein rauschen des bergbachs und keine ausflüge an steilhängen, keine freundlichen gespräche und keiner sagt, was solls.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

bin ich frustriert?

gestern hatte ich den richtigen zettel nicht dabei et je rentrai bredouille, selber erstaunt über meinen unmutsanfall, der, ich hätte es wissen können, sich tagelang vorbereitet hat, angestaut hinter forcierter höflichkeit. die andern können ja auch nichts dafür und ich bin nicht der einzige, der sich unwohl fühlt mit den neuen riten.

ich fotografiere schönheiten. lese die eintragungen letzte jahre von Lou Andreas-Salomé. auf dem vorsatzblatt steht handschriftlich, bleistiftig ein datum: july 1993 und ein name: Marie Z.. ich stand vor einigen tagen unschlüssig vor dem regal, habe buchrücken betastet und eben dieses kleine graublaue bändchen, schon etwas verblasst , herausgenommen und als fingerzeig aufgefasst, ich kann ja von den dingen halten, was ich will, manchmal ist der begriff zufall nur eine ausrede.

schon länger habe ich nicht mehr den namen Marie Z. hin geschrieben, aber Marie denke ich jeden tag und dann, jedes mal, betrete ich  eine andere landschaft, gehe anders herum, für eine weile, bin ich ein fremder, bin ich gar nicht hier. 

jeden tag gibt es wenigstens eine frage an sie. 

manchmal frage ich und kenne  nicht einmal die frage. 

manchmal lautet sie, was wird aus uns. 

manchmal sage ich nur, verstehst du das.

manchmal gibt es kein fragen. 

manchmal sitze ich da mit ihr, ohne sie, dann braucht es keine bewegung und keine gedanken.

manchmal frage ich, gehe ich nicht in die irre.

manchmal höre ich sie. sie sagt, du verbietest dir, noch für eine weile zu leben.

inzwischen, sage ich ihr, liebe ich die rosen.

manchmal sage ich ihr, sieh die schönheit, die nicht lange bleibt.

einmal hörte ich sie sagen, noch im halbschlaf am frühen morgen war das, ich habe dir jemand geschickt.

manchmal ist es so, als erlebe ich mein ganzes leben.

manchmal habe ich angst. 

manchmal mache ich mir gar keine sorgen.

manchmal gehe ich ins dunkel und gehe ich ins helle.

aber das dunkel schreckt mich nicht mehr.

sehr oft frage ich sie, wie könnte eine umkehr geschehen.

wir sind noch immer am reden. 

Inzwischen, sagt sie,  wie wäre es, du tust das naheliegende. 

freundlich sein, sagt sie, wie wär es damit.

manchmal rufe ich meine drei Säulenheiligen an, den Simplizissimus,  den Candide und Jacques, le fataliste. 

unweigerlich höre ich eine bekannte stimme sagen: „Je m’appelle Antoine Duval“.

II

VERGNÜGUNGEN 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein

B.B.

III

der bittere rand

unten motort es rasenmähernd in die stille? letzte scharmützel von raben, staren und spatzen am nachbarlichen kirschbaum, in den pausen. aufgeregt, animiert, eindeutigbegeistert, entzückt. selbst die raben krähen wollüstiger, rabenzart. es windet ein wenig, das bekannte birkengewoge oder wiegen, dazu: ein paar kecke wölkchen hängen im blau.

ich habe von „den drei“ geträumt, abstract und sinnlich zugleich, fühlbar, sehr angenehm, ein bewegtes, sich veränderndes, proteisches. damit wache ich auf, damit liege ich noch eine weile mit geschlossenen augen.

beim ersten café setzt ein gerede über wirtschaft ein und ich sehe vor mir heillose manöver, in der sackgasse. der wechsel der radiostation ändert nur die sprache, der inhalt auf allen kanälen ist trostlos, als sei das denken in alternativen verloren gegangen. das Ganze gerät wieder aus dem blick.

wir stecken, nach einer kurzen pause, knietief in den alten mustern, aber schlimmer noch. c’est désolant.

was ein failed state, ein crumbling imperium für die menschen bedeutet: minneapolis. seit jahren wird die polizei dort militärisch aufgerüstet. die das getan haben, sind staatsvertreter. es schmerzt, sich das anzusehen.

darüber wird der café kalt und bitter.

im kirschbaum tschilpen und schnarren. der rasenmäher ist verstummt.

samstagsfrieden mit bitterem rand.

zwischenphase, äusserst sprunghaft

festessen mit plastikvisier, bei bedarf hochklappbar, leichte hemmung im zwischenmenschlichen verkehr, herumgehen wie mit maulkorbdÄMPFUNG, so das ladenleben.

HABEN SIE DIE HäNDE AM EINGANG DESINFIZIERT. UND ICH, JA ODER NEIN, JE NACH LAGE, MEIST NEIN, MIR GEHT ES WIE DEM ADEPTEN, DER DIE NEUEn RITUALE NOCH NICHT BEHERRSCHT UND SICH IM ABLAUF heillos verHEDDErt, peinlich berührt.

der soundsovielte präsident, lese ich, futtert chloroquin, täglich. 30 millionen sind auf arbeitssuche und ohne sozialversicherung, regierung und eliten rüsten sich für mögliche aufstände, riot gear wird angeschafft.

viele haben gewicht zugesetzt.

in krankenhäusern, höre ich, ist die rede von den „sauberen“ und den „schmutzigen“, „di knaschteg“.

sofort denkt man an eine dosis eau de javel. die neue putzsucht.

während meiner lektüre über die geschichte unseres verhältnisses zum wald rücke ich ab und betrachte uns mit wachsendem befremden, bewildered wie ich bin, zugegeben, und schockiert. obschon ich uns doch ein paar jahrzehnte kenne. unsere bedenkenlosigkeit, wenn etwas machbar ist, es dann auch zu machen. die leichtigkeit, mit der wir alles, was uns trägt und leben lässt, zu einem ding machen, mit dem man nach belieben umgehen kann. wirtschaften wird zum unbegriff. das wörterbuch des unmenschen. wie „herdenimmunität“.

misanthropische zwischenphase. was für ein wunderliches geschlecht wir doch sind. wüste gedanken in der richtung.

aber dann doch verwunderung und unbehagen, als die stadtstrassen leer sind, verlassen, als seien alle ausgewandert oder geflüchtet. unwillkürliche sehnsucht nach mehr menschentrubel, wie schön es doch war im gedränge angerempelt zu werden, pardon, excusez-moi.

die erleichterung, im stadtpark hingelagerte menschengruppen anzutreffen, kinder laufen herum, väter und mütter spielen fangen, einige lesen, zeigen pektorale und bleiche haut.

man verschmilzt mit dem bild, vergisst sich und das weiterziehn.

zwischenphase von zwei zu drei, übergang mit trennwand und plastikbarriere, nochmal: Monsieur, s’il vous plaît, veuillez désinfecter vos mains. ich sehe meiner neuen waschmanie zu.

provisorisches.

aber ist das nicht ein gemeinplatz, ist es nicht immer ein provisorium, ein übergang zu etwas anderem. oder ist der begriff übergang ganz schief und was stattfindet ist vielmehr eine rückkehr ins alte, also eine verschlimmerung. tatsächlich kriegt man erste erste anzeichen mit, steigendes elend allenthalben.

kein gartenintermezzo, kein birkenflimmern? etwas hält den atem an und horcht genauer. rosenblühn, wie passt das hier hinein. und sonnenschattenflimmern, spatzenschimpfen, dösen.

elstern sind ein vogelpack, fressen den amseln die jungen weg.

von der front nichts neues

man dreht etwas im kreis, man wiederholt sich.

nach einiger zeit geht einem das gerede auf den wecker. corona hier corona da und alles ein bissel eng und mechanistisch und wie krieg gegen die bad guys und als kirsche auf dem cocktail ein häppchen angst. ich bin müde mir das für und wider anzuhören und die gescheiten sprüche, die dazu geklopft werden und die abkanzelungen und überhaupt, ich weiss alles sowieso besser.

seit wochen schon lese ich mich kreuz und quer durch alle erdenklichen sachen, stellungnahmen, gegendarstellungen, polemiken, statements, meinungen, forschungsergebnisse, abweichende stimmen, politische verlautbarungen, habe mir auch eine meinung gebildet, aber ich muss am ende doch sagen: ich weiss es nicht.

ich stelle fest, es ist nicht einfach, dabei zu verweilen (tägliche meditation).

am unerträglichsten sind die besserwisser aller couleur. (auch nichts neues)

(und zwischen allen meldungen geht fast unbemerkt die realpolitische abdankung der grünen durch: ceta heisst sie und die altbekannten argumente für die kehrtwendung: abdankung auch da.)

die reduktion äussert sich nicht bloss im hausarrest. alles gesagte wirkt aufeinmal allzu einfach.

jemand hat am anfang des confinements gemeint, krankheit und leiden hätten keinen sinn. nach ein paar wochen des abgesondertseins ist das eine erfahrung. auch ein gefühl. irgendwann lösen sich die gründe, die es gibt, vom erleben ab und man tut halt, was man tut und müsste sich jedesmal erinnern, warum man es tut. es hat den sinn eingebüsst, ich erlebe es so, als völlig absurd.*

ja, doch, es gibt gründe.

aber die erscheinungen (die massnahmen in den einzelnen ländern) sind sehr unterschiedlich, ja, widersprüchlich, und auch das hat gründe und es ist ein bunter chor davon. einige bedienen das ding (das corona dingsda) schon pfaffenhaft, rufen zur ordnung, werden herablassend, ausfällig, verfolgen ketzer, abtrünnige, ungläubige.

natürlich gibt es gründe, die sicherheit, die gesundheit.

was bleibt ist der eindruck, in einem unsichtbaren gefängnis zu leben von müssen und sollen und so ist es eben nun.

andererseits ist es eine mollig dumpf komfortable art zu leben, wenn man gesagt bekommt, was zu tun ist und was zu unterlassen, les gestes barrières und komm mir nur nicht zu nah. die kleine paranoia der alltäglichen begegnungen. die choreographie der phobie.

manche sätze kann man gar nicht mehr sagen, zum beispiel sätze über den tod. aber vielleicht, so sage ich mir, ist es unter umständen vielleicht eine gute idee, das eigene leben von seinem ende her zu betrachten.

ich habe mir spasseshalber erlaubt, über einen ausweg nachzudenken, aber „die möglichkeit einer insel“** besteht nicht. wohin man auch blickt, es gibt keinen ausweg. man kann sich nicht aus der veranstaltung stehlen, ausser man verabschiedet sich endgültig und, ehrlich gesagt, danach ist mir nicht zumute, denn: die verdauung ist gut, der schlaf tief, die träume interessant, ich habe genug menschliche nähe, ich lästere und lache, manchmal bin ich traurig, bin gefasst oder angriffslustig, dann suche ich nach einem hebel, mit dem sich die corona maschine geistig aushebeln lässt, denn einiges daran schreit nach dekonstruktion, also auch dieser appetit stimmt und wenn ich richtig depressiv bin, gehe ich in den wald, häng mich in die sonne und bei regen verwandle mich in einen begnadeten hörer.

die entdeckung der symphonischen qualitäten eines regengusses.

und ausweg trotzdem.

indem ich das ende erinnere, spüre ich den inneren an- und auftrieb. was morbide klingen mag ist in wirklichkeit mein täglicher lebenskick.

deshalb, verzeihung, wenn ich jemand zu nahe trete, mutet mir einiges ziemlich schlapp an, sackgassenmodell sozusagen, und sinnlos.

zur wahrung des lebens die reduktion des lebens?

ja, das ist, weil…

ich weiss.

ausserdem gibt es ein innen.

eine innenseite des erlebens und erfahrens.

zumindest gibt es nun andere innere wege oder verfahren und landschaften. man hat sie (wieder oder neu) entdeckt? eine art religio gar?

nein?

doch.

„haben sie eine vertiefung ihres seelenlebens erfahren und wie wirkt sich diese erfahrung in ihrem täglichen leben aus.“ (frage in einem alternativen blatt).

?

??

???

die birken unten am weg nicken den drei vor meinem fenster zu, dazwischen baumwipfelgetuschel, von hellgrün zu dunkelgrün, von rostbraun zu gelbgrün.

morgens um sieben klauen die raben das vogelfutter, krächzen und keifen. der himmel ist makellos blau. ich trinke noch einen expresso.

am montag, gewiss, am montag, ist alles schon wieder anders.

?***

??

???****

*“il faut imaginer Sisyphe heureux.“ alles Nötige bei Albert Camus, Le mythe de Sisyphe

**Houellebecq natürlich und Defoe; die Robinsonade bei ihm misanthropisch antisozial und kolonial, auch meine vorgestellte Robinsonade hatte etwas misanthropisches, ich gebs ja zu, dem kram den rücken zuwenden und sich in die büsche schlagen / Schnabel, die Insel Felsenburg / Schmidt, Die Gelehrtenrepublik / Raoul Schrott, Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde / Annette Pehnt, Insel 34 / Die Inseln. Idylle und Desaster, so ein Essay von H.R. Brittmacher / eben: kein ausweg, man ist mitgemeint

***Houellebecq sieht hier keine Frage; es wird wie vorher sein, sagt er, nur schlimmer.

****Augen auf und durch? man übt sich, hat sich in gelassenheit geübt, mit unwilligem zwischenrufen, natürlich