was ist melancholie

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und dann beginnen wir von neuem. fangen den tag an, als ob nichts wäre, lesen nachrichten und tun so, als erschräken wir nicht, trinken kaffee und denken nicht an die, die ihn angepflanzt haben, wir gehen die strasse entlang und haben alle vergessen, die diese häuser einst bauten. leute gehn mit hunden vorbei, manchmal bücken sie sich, kramen in plastiktüten,  katzen streunen herum, an einer ecke  der stadt sitzt einer, sitzt eine und bettelt und der himmel ist grau, in der nacht hat es geregnet, oder die sonne scheint und manchmal fahren autos vorbei, das ist schon verwunderlich, aber es ist sonntag. und überall diese seltsame ruhe vor dem montagssturm.

ich finde das alles nicht selbstverständlich, nicht einmal alltäglich, sowieso halte ich es nicht für normal, was ist normal, frage ich, was ist selbstverständlich.

wenn ich mit anderen menschen bin, dann spüre ich die fremdheit ihres lebens, sie sprechen, sie bewegen sich, sie gestikulieren und was sie sagen und wie sie sich geben, deutet darauf hin, dass sie jüngst, ich meine in den letzten jahren, vielleicht dem letzten jahrzehnt, keine unterbrechung erlebt haben, kein aus ihrem gewohnten hinaus gesetzt werden, kein hinaus geworfen werden, sondern einen kontinuierlichen fluss.

ich spüre es an dem gefühl, das in ihren wörtern und sätzen steckt, in ihrer art zu sitzen, in ihren erzählungen; es ist ihr gefühl, das anders ist, ihr optimismus, ihr impetus, ihr antrieb.

und was haben sie für pläne? habe ich pläne? wenn es einen unterschied gibt, ich meine einen unterschied von bedeutung, dann mache ich ihn fest an diesem unterschied, einem unterschied, den ich als welt erlebe, dort draussen, bei den andern, die, offensichtlich, das spüre ich, denn es trifft mich, eine andere welt bewohnen, eine welt des ohne wesentliche unterbrechung fortlaufenden lebens, von gewohnheiten, fest installierten, und einer bestimmten art zu plaudern, einer art zu lachen, zu lächeln, geschichten zu erzählen, geschichten ihres anderen lebens, die alle, aber auch alle darauf hinaus laufen, dass keiner von den redenden, gestikulierenden, lachenden und lächelnden, niemand von den geschichten erzählern aus seiner welt der selbstverständlichkeiten hinaus befördert wurde. gegen seinen willen meine ich, ungefragt meine ich, gewaltsam also und unter protest. manchmal verstehe ich alles, was sie sagen und doch verstehe ich gar nichts. denn ich fühle mich, gegen meinen willen, ausgeschlossen. und ich weiss sehr genau, dass keiner von den anwesenden mich ausschliessen will, im gegenteil und ihre freundlichkeit ist ohne gleichen.

nie spüre ich dermassen, dass ich in einer anderen welt gelandet bin, als wenn ich mit menschen zusammen bin, die auf eine kontinuität ihres lebens setzen können.

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ich habe nämlich keine pläne, ich beginne so langsam mich in einer neuen welt zu orientieren, in die ich gegen meinen willen geraten bin, ich habe kaum orientierungspunkte, ich bin desorientiert, ich schwanke, ich zögere, ich lebe für den tag, in den tag hinein, hinter mir klafft ein abgrund, ich kann nicht zurück, ich kann nur nach vorne, hinter mir ist dunkelheit und oft erblicke ich vor mir ein zwielicht. es ist das zwielicht eines gloomy jahrhunderts, erfüllt von tausend und abertausend schreien und stimmen, manchmal will ich nur noch weg, manchmal bin ich nur fremd in dem fremden, manchmal will ich nichts hören, nichts sehen, nichts spüren, manchmal scheint die sonne, manchmal leuchtet das wintergrün unter den bäumen.

wenn man mich fragte, wer bist du, was das gleiche wäre, wo bist du, dann würde ich von einem ort reden, der verlust heisst, von einem schwarzen loch, das ein leben, das meine pläne verschluckt hat, ich erinnere mich noch an das gefühl dieser pläne, an das, was ich tun wollte, an das gefühl freudiger erwartung, an die neugier, was noch kommt, an die bereitschaft, vor allem das, ich war bereit, mich einzulassen, mich zu stellen.

aber es ist nur eine erinnerung und die verschwimmt zusehends.

wenn die frage gestellt ist, und was haben sie für pläne, nicht erst dann habe ich die gesellschaft schon verlassen, ich meine, alles lief schon von beginn an auf diese frage zu, was haben sie für pläne, bei allem was gesagt und erzählt wurde, waren die plâne anwesend, alles, was schon getan war und alles, was noch getan werden würde und ich sitze noch da, nicke, sage auch einige sätze, sage, ich habe keine pläne, da bin ich schon um die nächste ecke, während ich noch da sitze und gleichzeitig ist schon das meiste von mir hinaus und alleine in der kalten luft und immer weiter weg, während ich noch, etwas verloren, so tue, als sei alles normal. alles wie üblich und alles geht weiter, wie normal, mit diesem anschein.

manchmal habe ich den eindruck, morgens beim erwachen, ich fange bei null an, jeden tag fange ich wieder bei null an.

man könnte auch sagen, objektiv gesprochen meine ich, mit einem gewissen neutralen abstand betrachtet, seelisch hängt der ja in der luft, der verspürt das altvertraute gefühl einer kontinuität nicht mehr, der hat sich  verloren in einem niemand- und nirgendsland.

man könnte auch sagen, es ist eine reduktion, ich sitze da und spüre wie ich in eine tiefe gerate, eine schwere eines innen, das mich stumm macht, in einem stillen zimmer allein. dieses zimmer ist gefüllt mit abwesenheit. weil man das halt so tut, gehe ich hinaus, gehe ich in den wald, gehe ich zum bäcker, in den laden gehe ich, zum café trinken gehe ich, manchmal stehe ich auf und gehe in die stadt, betrete läden, befühle stoffe, blättere in büchern, sitze am fenster eines cafés und sehe hinaus, sehe den passanten zu, schaue auf hosen, auf jacken, denke, der hat einen guten geschmack, hat keinen, hat einen seltsamen.

ich gebe meinem zustand einen namen, nenne ihn exterritorial, nenne ihn neue welt, nenne ihn melancholie, eine ganz andere, eine allumfassende.

du siehst so aus, als hätten die hühner dir das brot weggepickt, sage ich dann zu mir selber, du siehst bei den andern alles, was du nicht mehr hast, sage ich dann zu mir. ist es neid, frage ich mich dann, und die antwort ist, nein, aber es ist etwas ganz fremdes, das mich entfernt, sofort bin ich tausend kilometer weit weg, in einem anderen land, dort scheinen andere sterne, dort sind die tränen getrocknet, dort sitze ich mit meiner melancholie.

ich vermisse keineswegs die intensität, es ist die gleiche wie vorher, jedenfalls ist es eine verwandte, nur hat sie sich umgesetzt in eine neue verlust melancholie, eine abwesenheits melancholie, eine das ganze vorherige leben ist weg melancholie.  wir

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leben in der gleichen umgebung, denke ich dann, erlebe ich dann,  und doch in ganz verschiedenen ländern des lebensgefühls. bei jedem gesagten satz wird das deutlich, beijedem nicken und lachen und lächeln, die kommen aus einem ganz fremden land, denke ich dann, fühle ich dann und dort kann ich nicht hin. selbst wenn ich wollte.

das ist kein gefühl, das man liebt, so auf anhieb und nimmt es mit, gerne nimmt man es nicht mit und wenn man läuft, es ist immer schon da, wenn man das ziel erreicht.

haben sie pläne und welche, wenn sie welche haben. keine, bin ich versucht zu sagen, es sei denn … aber das ist kein plan, das ergibt sich, das hat sich ergeben, nun ist es so, dass  ich mit ihr sitze,  mit ihr gehe und  stehe, mit meiner melancholie und sie ist tief,  unergündlich, meine melancholie.

 

 

 

egoismus?

Ich lese gerade was über die boomer, die angehörigen meiner generation. die, nicht alle, kommen nicht gut weg, waren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt, selbstwirklichung und so und individuell, natürlich.

Wennn es denn so wäre. individuell, darunter verstehe ich was anderes, und  selbstverwirklichung, jedem sein kleines licht, das langsam dämmert,  ist in die selbstoptimierung gemündet, jeder sein eigener unternehmer und stromlinienförmig in die aktuellen strukturen hinein und die spiegeln sie, gleichzeitig, und me first, das kann man auch besichtigen, mit allen folgen.

Andererseits, erstens, dass veränderung auch den veränderer selber angeht, scheint doch seit längerem evident, oder? A weng introspektion mitten im getümmel, ist das so abwegig?

Andererseits, zweitens, ich halte das moralinsaure gefuchtel mit dem begriff egoismus für ziemlich unproduktiv, was wäre, wenn wir zugeben würden, dass wir egoistische wesen sind, dass jeder:jede seine:ihre (1) interessen verfolgt. die frage ist doch nur, ob dieses egoistische interesse sich in einem sehr kleinen kreis bewegt und also kleinlich, kleinkariert und letztlich destruktiv ist  oder ob ich die welt zu meiner angelegenheit mache, ich meine nicht macht und kontrolle, sondern interesse für die welt und an der welt und allem darin, allem leben,  also eine art geistiger investition in die welt und keine spekulation auf baisse, also den untergang, an dem man noch verdienen kann.

was dieses weltinteresse anbelangt: mich haben in letzter zeit zwei Menschen nachhaltig beeindruckt und ihre ausführungen haben mich zutiefst erschüttert:

1. (Das ist keine rangwertung) Jean Zieglers aufenthalt auf Lesbos und das Buch, das er über diese europäische schande geschrieben hat (sollen die lagerzustände etwa migranten abschrecken und lager: der begriff ist so aufgeladen, dass eine katastrophe von alleine darin aufscheint).

2. Die  „2020 Clark Lecture in English Literature instituted by Trinity College, Cambridge“ vonArundhati Roy. darin die Entwicklung in Indien und Kashmir.

https://lithub.com/author/arundatiiroy/

3. „ich dachte zwei menschen.“  ja schon, aber die dritte will ich nicht auslassen, wegen dem lachen über dem weinen, Claire Bretécher.

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(1) er:sie meint sie, sie alle, wir, vielfältig eigenartig, different ähnlich, menschen halt

Jetzt ist es soweit

ist man tatsächlich auf einem anderen planeten oder sagen wir einfach in einem anderen raum und der wird einem zugewiesen, kulturell meine ich, wenn man alt ist (und das beginnt spätestens ab 70). was das hiesse kann jeder sich ausmalen, der den satz kennt, sie sehen aber noch jung aus.

?

jungsein als messlatte für alles und also ab siebzig ist man quasi exterritorial. so bernard pivot in seinem buch vieillir: c’est chiant, in dem kleinen auszug, den ich jüngst gelesen habe.

es gibt tatsächlich in den sprüchen, die man zu hören kriegt, wenn die falten stimmen und das haar weiss ist (sofern man noch welches hat), eine art trost, die man nur als hohn empfunden kann. da steckt oft das wörtchen „noch“ drin, eine frage der zeit also, wenn man nicht mehr ist, was auch immer. ihnen würde man das alter nicht geben ist von der nämlichen qualität. und höflichkeit und manieren hin oder her, das erste mal, als jemand mir im bus (ein lieber mensch zweifelsohne) seinen platz angeboten hat, habe ich gedacht, jetzt ist es soweit, es war ein leichter schock, gemischt mit heftigem ärger, so musste es ja kommen und ich habe abgelehnt, so wackelig bin ich „noch“ nicht.

vor ein paar tagen habe ich meine gefaltete visage, etwas mitgenommen muss ich zugeben, im spiegel erblickt und gedacht, es war doch erst gestern, da sah dein grossvater genau so aus, etwas mitgenommen vom leben. er war ein monument. ich komme mir trotz ähnlicher furchen, falten und fältchen wie ein leichtgewicht vor, etwas durch die mangel gedreht, aber doch oft noch ahnungslos, ja, naiv.

erst jetzt zum beispiel scheine ich zu erwachen und zu realisieren von welcher art wir sind, quels choix faisons-nous sous quelles conditions, unsere geschichte ist ein abgrund, wie gequält muss ein tier sein, damit es andere dermassen quält.

wenn ich mir das vor augen halte, dann falle ich mit, wenn ich sehe, dass einer dem andern auschwitz um die ohren haut, dann graut mir.

aber ich kann inzwischen auch wieder sehen, was wahre menschlichkeit ist. in diesen tagen gedenke ich meiner lektüre von Imre Kertész, Primo Levi und Jacques Lusseyran. Lusseyran: ist mit acht erblindet, hat darüber geschrieben und über Buchenwald, dahin war er als Widerständler geraten: et la lumière fut.

selbst wenn wir verloren wären, die geistige substanz dieser leben halte ich für ewig.

also, noch mal, was ist altwerden.

ich schneide mir kein stück ab vom heldentum, dem wirklichen und dem vermeintlichen anderer. dazu habe ich kein recht (weswegen unsere lokale geschichte als lokaler mythos so sonderbar entgleist ist, was sich langsam zeigt, aber spät und gegen zähes wegsehen). wie ich gehandelt hätte? das ist aktuell die frage, wie handele ich jetzt, was sehe ich jetzt, von uns, wie denke ich jetzt, wie verhalte ich mich jetzt. es ist sehr leicht und leichtfertig, sich auf die gute seite zu schlagen, was hätten sie damals gemacht? es gibt menschen, bei denen zeigt sich unter bestimmten umständen das beste und bei anderen das schlimmste. und es gibt grauzonen und wechselfälle.

also zum letzten, was ist altwerden.

jedenfalls nichts vermeidbares, wie es heute oft scheint, nichts abwendbares. muss man angst davor haben. mehr denn je wird deutlich, dass die kultur, die westliche keine verwendung dafür hat, keine modelle bereitstellt, ausser infantilität und angst, man muss jetzt profitieren, denn wenn man erst alt ist, dann… also hektische aktivität dagegen, antiaging aus der tube?

ich gebe zu, jüngst hatte ich einen einbruch und fragte mich wie so oft, wenn jemand das, so ein leben halt, erfunden hat, dann war es entweder ein unvergleichlicher stümper und nichtskönner aus der dritten reihe oder ein grauenhafter dämon oder beides, das gibt es, dachte ich. so eine absurde, sinnlose angelegenheit kann ein normaler mensch sich nicht ausdenken. natürlich frage ich mich bei solchen einbrüchen regelmässig, warum ich noch da bin. der (eventuell zweifelhafte) vorteil des alters: man weiss inzwischen, die seelische achterbahn gehört dazu, man hat es zich mal erlebt. allerdings war der einbruch diesmal ernster denn je, keineswegs das übliche gehört nun mal dazu. so tief empfunden habe ich selten, wenn überhaupt, dass es keinen sinn macht, ein empfindendes wesen in solcher lage, das ist doch bloss quälerei. das würde man niemand antun wollen. wie gesagt, ich gebrauche dafür den begriff „fallen“ und es hört eine ganze weile nicht mehr auf. und wie mühsam ist es erst, der sache wieder einen sinn zu erfinden. das ist eine art sisyphus arbeit, man baut eine hütte und sie stürzt ein und wieder von vorne, und nochmal, ein bedrohter bau und eine gefährdete insel des sinns mitten in einem meer von unsinn.

und dann macht man sich doch wieder dran.

wieso ist das möglich.

es hat etwas mit heraus gefallen sein aus allem zu tun und wiedergefundener verbindung. es ist nichts grosses, es ist sehr einfach.

wann ich die verbindung wieder gefunden habe?

im wald, bei einem kurzen spaziergang,

ich schaute auf und erblickte plötzlich die wunderbare schönheit des orts, den hang mit bäumen, kahl, graubraun und flechtengefleckt, laub, braunrot,  erde, moos leuchtend grün auf gestürzten stämmen, licht dazwischen, etwas fahl, noch war der himmel grau, eine viertelstunde später blau, blassblau winterlich und der regen funkelte, kleine funkelnde edelsteine überall an den ästen, in der luft.

das „fallen“ hörte auf.

ich war wieder „drin“.

alles bewegte sich von daher, ich selber auch, gehen kam von daher, die hand heben, schauen, riechen, den regen, die aufgeweichte erde, die funkelnde luft.

anmerkung: sorry, mir unterlaufen immer wieder fehler, grammatische, rechtschreiberische, etwas in mir will mich demütig machen, denn mir sind fehler, trotz alter übrigens, peinlich, deshalb also. auch sogenannte flüchtigkeits-. waren immer peinlich. weshalb ich immer wieder welche eingebaut habe. unterlaufen sind sie. eben.

wenn jemand sich am satzbau stört, ich nehme mir gewisse freiheiten, bewusst. etwaige „inkorrektheiten“ sind mir schnurz. inzwischen. oder absichtlich. 

das sollte mal festgehalten werden.

ich will gar nicht vergessen oder „rat für die ratlosen“

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sind sie zufrieden, fragte der mann von der firma „rat für die ratlosen“ und ich, wie aus der flinte geschossen, nicht aggressiv etwa, sondern nur überzeugt, als hätte ich schon lange auf die frage gewartet: nein. ganz sicher nicht: nein.

gar kein zögern möglich.

dabei hatte die situation mir gar keine andere wahl gelassen, als zu antworten.

in meiner antwort steckte die nächste frage, das wusste ich und niemand anders als ich selber stellte sie.

überhaupt war es so, dass ich mit mir selber redete. kind of.

was brauchen sie? wieder der mann von „rat für die ratlosen“.

ich bin dann wie die katze um den heissen brei, aber näher will ich im grunde gar nicht.

wieso? er wieder, er lässt nie locker.

und ich, leidlich genervt: weil bei solchen fragen mein ganzes leben erscheint, als lebensgefühl, als bilanz, und auch, sofort, der verlust, sie also, ihr gesicht, unser austausch, ihr geist, ihr körper, was für die meiste zeit dasselbe war (was sowieso dasselbe ist).

die frage ist eine scheissfrage und ein schmerz. natürlich weiss ich, was ich brauche (und manchmal weiss ich es eben nicht), ich bin doch kein idiot (zu dem mann von „rat für die ratlosen“), auch wenn ich mich sehr dumm stellen kann. jetzt spürte ich meinen ärger, spitz, unbequem.

seltsamerweise merke ich in den  tagen danach, dass auch ohne antwort die frage ihre kraft entfaltet. zuerst verkrieche ich mich, dann flitze ich einen ganzen tag herum, ohne mich zu beschweren, ich rede gern mit leuten, stelle dumme fragen, sage sachen wie, ab einem gewissen alter ist alles geschenkzugabe. wenn ich bei einer auftauchenden schwierigkeit nichts machen kann, meditiere ich meine ohnmacht, meine hilflosigkeit. wenn ich eine lösung habe, mache ich, ohne états d’âme. es gibt zumutungen, die haben hingenommen zu werden.

es gibt die gnade des vergesssens, aber in dem hier angesprochenen fall kommt diese gnade nicht zum zuge. was man braucht und ersehnt ist durch das vergangene erleben und dessen qualität geprägt und ein waches auge auf sich werfen bedeutet gleichzeitig den verlust zu sehn. wie das? er wieder, lästig, aber nötig. man spürt es im leibe. habe ich doch schon gesagt.

ich funktioniere so. ich nehme das zur kenntnis, sagte ich.

der mann von „rat für die ratlosen“ nickte. das macht er öfter, wenn er mich listig ansieht und eine bemerkung platziert, kurz, klar und präzise. die mich schachmatt setzt.

ich will gar nicht vergessen.

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ich sehne mich nach schnee, hier, nicht dort und mindestens 1 (einen) meter hoch

 

(„Rat für die Ratlosen“ ist der Titel eines Buches von E. F. Schumacher, des frühesten Vertreters einer Postwachstumsökonomie)

doch sowas wie ich

und dann eilen die tage dahin, es regnet, es hört wieder auf, ein bus fährt vorbei, in einer wohnung steht jemand auf und braut einen café, der himmel ist, versteht sich, grau, zuverlässig grau.

am liebsten würde man sich in irgendwelchen tätigkeiten verlieren. man stellt fest, heute nacht gab es keine erinnerten träume, nur den vagen eindruck von bilderfetzen, schwarzweiss.

was passiert, wenn innere konflikte gelöst sind? oder tiefer gestapelt, wenn man sich diesen konflikten zuwendet? man findet sie gespiegelt im aussen. die erfahrung von unsicherheit und ungewissheit, existentiell, geht sehr tief. und der wunsch nach schutz und aufgehobensein auch. man entdeckt die schutzbedürftighkeit und einen, der schutzbedürftig ist, das reicht sehr weit in die vergangenheit hinein. man hat den eindruck, als habe man den im stich gelassen. und dass es einigermassen dauerte, bis man die intensität des gefühls, eines dauerhaften, nicht bloss wie früher vermutete, danach deutlicher ahnte sondern nun spürt, als eine art von offenheit und eine art von fallen und nichts hält. wie kann man so in der welt sein, fragt man sich, was ist das für eine art von anwesenheit, eine gefährdete natürlich. man tut so, als ob. man verbirgt sich vor sich selber. man schiebt weg. wie kann man mit dieser schwäche leben, mit dieser  wehrlosen offenheit, mit der überzeugung, als gefühl drapiert, man kann sich nicht wehren.

man schaut zurück und sieht genau das in einer schmerzlichen deutlichkeit. und wie man es bekämpfte.

man lehnt den begriff determination nicht ab, es ist schliesslich eine erfahrung, die man sich nicht ausgesucht hat, die man sich bewusst nicht wählen würde. der grund? braucht es gründe? dann zum beispiel den, dass es einen erschöpft, es laugt einen aus.

wenn ein grösserer ansturm erfolgt, wird die schwäche (die, unter anderen umständen, eine interessante veranlagung sein könnte, weil eine empfänglichkeit und ein sensorium für das feine, erahnte, verhüllte) nun manifest. 

ein erheblicher verlust zum beispiel. er erspart nichts. er konfrontiert. man sieht sich nackt, man weicht aus, möchte es jedenfalls und kann es nicht, nicht mehr, gerade jetzt nicht.

es ist eine der existentiellen gelegenheiten, an denen entsteht so etwas wie ich, erst jetzt.  ich wäre so betrachtet eine art erwachen. kein geschenktes. gewalt hat auch dieses gesicht. alles wird an die oberfläche gezerrt, fast alles. kein big bang, ein quälender prozess.

ich ist in dem fall nichts zum renommieren. kein ego juwel.

man sinkt schon noch auf den grund, um ein mittel zu finden. um in sich auch den zu entdecken, der diese wehrlosigkeit erträgt und hält.

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ (Patmos, Hölderlin)

das zitat ist für die kleinere gelegenheit natürlich sehr gross, aber dieser liegt wenigstens die erfahrung zugrunde, dass das rettende nicht, in diesem fall, von aussen geschieht, sondern innen, durch genaues hinsehen und ertragen des gesehen-gefühlten.

man beschliesst, weder sich noch andere im stich zu lassen.

vielleicht erst jetzt.

vielleicht gibt es doch so etwas wie ich.

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zuhause

 

abends gar keine bestätigung von nichts: ausser verrücktheiten. auch die schimpansen führten ausrottungskriege.

schreiende dissonanzen. aber abends ist es friedlich in den strassen um diese zeit. eine einsame spaziergängerin in gelber warnjacke, sonst niemand, nicht einmal ein verirrtes auto.

bergauf bergab, nachts fahren ist wie kino, nur besser.

überhaupt, manchmal zwicke ich mich, es ist alles wie traum.

einmal habe ich geschrieben, man gewöhnt sich daran. aber das war nur eine art zu sagen, es ist immer da. verlust geht nicht weg, wird nicht stumpfer. es gibt jahreszeiten und tage, da ist es eine eben geschlagene wunde.

du wusstest nicht, dass vergangenheit einem so unbarmherzig in den dingen entgegenkommt und jedesmal fühlst du, es ist nicht mehr. was heisst das  eine erinnerung, die dir teuer ist. sie trifft und …

das, was wirklich stumpfer wird, das sind die wörter, mit denen man es sagen kann. irgendwann kann man es nicht mehr sagen. aber es ist da, genauso lebhaft und schneidend wie eh.

zwei jahre sind in der hinsicht gar keine zeit. gegen dieses eine ereignis kommt sonst nichts an, es verblasst, kaum erlebt, kaum geschehen. nichts ausserdem sticht besonders hervor.

man sagt, diese person, und meint, ein ganzes leben.

und man denkt das, man fühlt das, nicht etwa, weil die tage so kurz sind und die nächte so dunkel. es ist nicht wegen der zunehmenden kälte. wenn der tag blau ist und die sonne kräftig, ist alles noch schlimmer.

in den klarsten momenten überfällt es dich. wenn du es nicht spürst, spürst du auch sonst nicht viel. das ist am schlimmsten.

irgendwann bist du der, der diese variationen wie eine statistische kurve registrierst. du merkst, kein willensentschluss kommt dagegen an. während einer zeit wirfst du dir das vor, machst dir beine mit allgemeinen weisheiten, versuchst es wenigstens mit einem sollen, einem müssen. dann lässt du es sein.

irgendwann nimmst du zur kenntnis, du bist jetzt ein anderer. kein besserer oder zufriedener oder reiferer. du bist keiner, der etwas dazu gelernt hat, das vergangene leben ist kein kapital, das sich vermehren liesse um zins und zinseszins. es ist ein paralleluniversum und dort lebt einer mit deinem namen. aber hier ist nichts vergleichbar.

du bist noch ein zeuge, du legst zeugnis ab, dass gut weiter geht, was sie angelegt mit einem zusammen, der hiess einmal wie du selber.

du wunderst dich über die fotos, die dich zeigen und sie, als seien sie nachrichten von einem fernen planeten.

und dann steckst du den schlüssel ins schloss und bevor du die tür öffnest, denkst du, mehr noch fühlst du, gleich werde ich ihr erzählen, was ich gerade erlebt und du spürst sofort die  dringlichkeit deines impulses. es ist nicht einmal so sehr die vergeblichkeit deiner hinwendung, die dich trifft, es ist das  impulsive  der regung selber. das hast du nicht mehr erwartet.

an dem abend ist die regungslose stille ein zuhause.

 

 

 

 

 

 

zum gedenken

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+15.12.2017

es war klar, es würde eine verfinsterung geben, seit tagen kündigte sie sich an. man braucht nicht lange zu rätseln. keine lust, wortreich über schmerz zu reden. nur weiss man, nach einiger zeit, man erträgt ihn, man lernt das oder man gewöhnt sich dran. man denkt, soviel hält man also aus.

man kauft einen grossen strauss lilien, die sie so mochte, und stellt sie auf den weissen tisch. man sucht ihren lieblingsort auf. man denkt besonders an sie an diesem tag, aber wann denkt man nicht an sie. an diesem tag sagt man nicht ich, wer ist das schon ein ich ohne das du. man träumt in der nacht vorher von ihr, sie sei geheilt und sie sieht so aus im traum, als sei sie nie krank gewesen und gestorben ist sie auch nicht. wenn man aufwacht, will man nicht aufstehn, man will die augen nicht auftun und den traum verlassen, aber dann tut man es doch und fühlt sich ein wenig deplaziert.

das foto ist kein besonderes foto von ihr, es ist ein foto, auf dem sie zu sehen ist, sonst ist keine absicht damit verbunden.

man könnte noch sagen, dass man einiges ungerecht findet, darunter, dass sie weg ist. aber dann liest man irgendwo den satz, das leben schuldet einem nichts, es gibt auch keine entsprechende beschwerdestelle. jedenfalls erinnert man sich daran, dass man den satz kürzlich erst angetroffen hat.

als ich am vorabend in dem wochenblatt lese, dass jemand die neue zeit in grosskleinstein als „biedermeier“ reloaded bezeichnet, entsteht bei mir der sehr starke wunsch, das sofort mit Marie zu besprechen, „ruhe“ als politisches ziel und erste bürgerpflicht, das hätte sie gewiss stark interessiert, zumindest während der zeit des ersten cafés. aber das geht wohl nun nicht mehr.

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der hans aus dem märchen

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ich sage mir, so oder so sitzt du am tisch und schaust aus dem fenster in die lücke zwischen den beiden häusern gegenüber auf sträucher, rasenstück, rostrote hecke und baumkronen, wovon eine zu einer pappel gehört, aber jetzt in der sonne, da sehe ich genauer, es ist doch eine von zwei birken und dazwischen eine tanne, keine mickrige wie jüngst im wald, als ich mich fragte, wieso hat man diesen baum gecshlagen, es ist doch angeblich ein naturreservat.

die sonne teilt die hausfassade in eine hell beleuchtete seite mit dem schatten eines regenabfallrohrs und eine schattige, fahlere, aber die grenze ist fahrig, sonne an der eingangstür, aber nicht im fenster daneben, sondern in dem darüber.

keine geräusche ausser denen, die ich selber mache mit der tastatur, und ich huste einmal, sonst ist es still, fast still, ich höre andeutungen des bekannten stadtlärms, skizzen, aber nichts fertiges, das kompakt daher kommt, sich aufbläht und verschwindet.

das erste telefonat ist geführt, die mails abgesucht nach wichtigem, ich bleibe für kurze zeit hängen bei einem essay über die gründe, warum jemand die welt der akademischen filosofie verlassen hat, die grossen fragen könne sie auch ausserhalb stellen, sagt die verfasserin,  und leichter. die argumentation leuchtet mir ein. In diesem zusammenhang frage ich mich, was ist bildung und vor allem wozu.

„So habe ich Bildung seither verstanden, als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, der anders ist und diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht. Deshalb missfallen mir Entwicklungen, die Bildung standardisieren und Leistung vergleichbar machen wollen.“ (L. Bärfuss, Stil und Moral, btb Verlag 2018, S. 18)

Habe ich schon irgendwo erwähnt, dass ich mir des öfteren vorkomme wie der Hans im Märchen, das ist der, den man zuletzt fragt, wenn die andern gescheitert sind, der anscheinend dumme, naive, der meint, die welt sei ein netter freundlicher ort und der dann das gegenteil schmerzlich erfährt, dem es aufeinmal wie schuppen von den augen fällt, der zu sehen beginnt, wie machtverhältnisse funktionieren, seilschaften agieren, wie man massen beherrscht, in einen bann zieht, am narrenseil führt, wie die angeblich so mächtigen ihrerseits nur puppen an schnüren sind und mein heimlicher held wurde allmählich der mann mit eule, spiegel und schellenkappe.

mit illusionen lebt es sich leichter; wenn man wissen will, bettet man sich nicht so bequem. wenn man fragen stellt, landet man unweigerlich bei der frage, wer bin ich und in dem gleichen augenblick splittert der spiegel in tausend facetten und man ist auch der andere, der fremde, dem man an der ecke begegnet und der nicht grüsst, sondern sich eilig davon macht.

andererseits sehe ich durchaus das ganze, unteilbare, identische einer existenz, ihren skulpturalen charakter, wenn ich auf das foto von Marie schaue, das genau gegenüber von meinem sitzplatz am morgen auf der fensterbank steht, sie schaut, ich weissnichtwohin an mir vorbei in die ferne und ich erblicke im gleichen moment so etwas wie ein abgerundetes geschlossenes wesen, eine essenz, ein selbst, das bestand hat und sich noch immer wandelt, in meiner welt auf jeden fall.

das tut auch weh. dass sie aber daneben steht und mir beim schreiben über die schulter guckt, ist schon fast eine selbstverständliche erfahrung. hält es stand, frage ich dann. oder lass ich es dort, wo es gut aufgehoben, im speicher des laptops. da gibt es eine schöne sammlung; darüber steht am eingang: „dass du kein Tolstoi bist, das weisst du ja selber.“ (Marie, so gar nicht spöttisch)

ich arbeite im geheimen an einem opus, das dort vermutlich einzug halten wird, so eine art entretiens dans le boudoir, mit meinen spärlichen mitteln, aber es macht spass und während ich daran bastle, fällt mir ein, was dringend erledigt werden müsste und andere aufbauende gedanken, wie, ist das dein ernst, für die schublade zu schreiben.

ich habe nichts zu sagen, ausser einer ausstellung von unerheblichkeiten und einer freude am schreiben. wenn das nicht der fall wäre, würde ich mich morgens umdrehen im bett und weiter träumen. und um dieser beschäftigung nachdruck zu geben, veröffentliche ich es dann, es ist wenigstens potentiell zugänglich.

ansonsten schaue ich zu und flaniere.

politiker stehn in einer reihe und lächeln, das zeigt mir die abonnierte gazette. die kosten explodieren, sagt einer, aber wir haben alles richtig gemacht und alles ist zum besten in der besten aller hauptstädte und sie wird schöner mit jedem tag. da kann ich beruhigt in meinen alltag gehn. sorgen mach ich mir keine, alles ist doch in guter hand und die macht alles richtig, dagegen ist es doch unerheblich, dass die victoriafälle keine fälle mehr sind oder doch nur noch welche aus felsgestein.

ich beschwere mich nicht, ich nehme zur kenntnis, stelle dinge nebeneinander und sie werden beredt und auf ganze sätze fällt dann ein anderes (zwie)licht.

und während ich diese unmassgeblichen dinge notiere, bemerke ich langsam, allmählich wollte ich sagen, gemächlich also, die stille in mir. das kann irritierend sein, wenn man einen gedanken zum aufschreiben sucht, aber es präsentiert sich keiner, windstille dort, wo öfter chaos ausbricht, ein seltsamer einfall am nächsten, ein wirrer haufen und nun, flaute, ein auto fährt vorbei, die sonne hat den oberen teil der hausfassade gegenüber erreicht und das haus, das in die lücke lugt, während der himmel dahinter nach regen aussieht.

der Müllwagen kreuzt auf, gerappel nebenan, und entfernt sich.

sonst passiert nichts.

ich werde dann doch meinen bürokram erledigen müssen.

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