kompliziertes aufwachen: so ist das leben doch gut

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langsam taste ich mich an meine träume heran, rede ich nicht schon lauter mit mir, erfinde dramen und ängste, um mich zu unterhalten, schrecke mich auf, schrecke mich hoch, aber unter allen manövern nur dies: da war eine, sie ging mit mir herum, sie war… nun muss ich auf mich selber aufpassen und merke, ich habe kein vertrauen.

da ist diese alte angst, die kontrolle zu verlieren… und würde das wirklich passieren, was würde ich tun? alle leute freundlich grüssen, pennern zuhören und bettlern, nur noch lachen, nur noch weinen? meine sehnsüchte würde ich von der leine lassen, meine ängste würden davon stieben. so aber halte ich sie sehr nahe bei mir, als sei das meine letzte substanz und ohne sie würde ich das fliegen lernen, meine gedanken würden leicht, meine tage hell, keine dunkle bewölkung mehr.

ich frage mich, was hängt alles an den ängsten, die mir den alltag versauern, die mich in die ecke treiben, wenn ich allein bin, wenn ich an die abwesende marie denke, an das leben, das nicht mehr ist und ich stelle fest, ich fühle mich schutzlos, verlassen, verletzlich und vermisse sie, alles vermisse ich.

ist das der letzte rest eines trümmerhaufens, von dem ich nicht lassen kann, krame darin herum, als könnte ich das alte noch einmal zusammen kleistern, als würde ich sonst weggeweht werden ins nichtsein, ins bedeutungslose.

„nimm dich nicht so wichtig.“, sagte marie des öfteren. das fehlt mir nun, dieser nasenstüber für meine eitelkeit.

ich würde leichter, ich würde herum gehn, einer von vielen, kein ringen mehr ums da sein dürfen, um jeden preis, also lieber verängstigt, verflucht, ausgesetzt als gar nicht.

deshalb übe ich nun das langsame verschwinden, die diskretion und noch einfacher den freundlichen blick. ich lache, ich lächle und meinetwegen auch ein ironisches grinsen über unsere beschränkheit (hat der kapitalismus die grundlegenden fragen gelöst oder ist er schon fatalst gescheitert?), aber kein verkriechen mehr hinter ängsten, als sei ich nur dort sicher, als sei das mein einziger, mein  verlässlichster besitz.

heute morgen schien mir, beim ersten erwachen, ich halte die augen geschlossen und hinter den geschlossenen lidern eine welt und das zweite erwachen, die aufforderung von irgendwoher: schlag die augen auf und schau und das nun, dieser anblick, der zieht mich aus der horizontalen, ich richte mich auf und frage mich, was ist das für eine kraft, die mich hoch zieht fast wider willen.

es muss das licht sein, das aufrichtet und dort ein freundliches gesicht, eine ausgestreckte hand, eine freudige erwartung: heuer gibt es nur gute überraschungen und ich bin gespannt wie ein kind, ich muss einfach lächeln, fast lache ich schon  und im gleichen augenblick, etwas schmerzlich ist es noch, denke ich, ganz überrascht, ganz ofguard, wehrlos erwischt bei meiner sanftheit, bei meiner wildheit, und wenn das marie wär. dann wär ich erlöst.

nun muss ich tatsächlich lachen.

und dann bin ich schon in gedanken draussen, gehe die baumallee entlang und strebe eilig der stadt zu.

so ist das leben doch gut.

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eine neue koalition? marie. aber ungläubig.

 

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o, die vertrauten steine wieder unter den füssen, das gras, es ist fast zuhause, wenn das nicht anderswo wär, irgendwo ganz am rande ein waldsaum, eine lichtung, ein hügel, das gras verbrannt und die sonne, der wind und der regen. oder, wie gesagt, das meer, die dunklen fluten und dazwischen die flecken azur, das flimmernde licht und der dunst, der zum horizont weist.

sonntag früh, mitte august, der garten ist schon kühler und die brise am fenster ein kuss. natürlich denke ich an marie.  vergiss deine träume und fantasmagorien, was sagten dir jüngst die steine am meer und die steine vor deiner tür, porphyr, rötlich, braun und manchmal fast grau? das war ihre frage.

und heute morgen nach dem regen, die feuchten pflastersteine und meine fusssohlen wie freunde oder vielmehr noch geliebte. und der duft erst, als hätte der himmel die erde geküsst (und das hat hat er doch auch).

die steine erzählen mir von einem anderen land, das gras sowieso und die erde. die widersprüche in allem werden uns nötigen in die stille zu gehn und zu fragen, wollen wir tatsächlich auf dem wege weiter gehn?

selbst in der tiefe des sommerlochs, wenn die dinge auf ihren grund kommen, wenn es still wird, wenn die hektik an den stränden der welt, an den entfernstesten küsten ihren höhepunkt hat, beginnt mein luzides träumen, ich hebe die tasse mit dem café, führe sie zu den lippen und schon der erste schluck reisst mich weg an einen anderen ort, dort nehmen die leute ihr schicksal selber in die hand, die mittel dazu stehen längst bereit und die gedanken ebenfalls.

heute morgen stosse ich in der zeitung, online und offline, auf die gesichter von politikern im sommerloch, posieren statt argumentieren, denke ich, das ist der stand der dinge und stimmung ist noch längst keine demokratie und tauschen wir doch die protagonisten, wozu? damit alles beim gleichen bleibt?

meine ungeduld wächst, die analgesika, die stimmungsaufheller werden nicht mehr in apotheken verkauft, geistige umnachtung ist nicht auf die spezialisierten institute beschränkt. rennen wir nicht schon kopflos, gedankenlos und leicht verwirrt umher, in supermarkthallen sitzen ältere herum und starren ins leere.  vom neon verfärbte toten gesichter.

das fortwährende flimmern oben verdeckt die krankheit der tiefe, sein oder haben ist heute das gleiche, wer hat, der ist.

ist was? du verlierst dich, so sagt marie, in konjekturen, spekulationen sind keine fakten und diese sind prekär, was ist mit dir heute morgen nur los?

ich übersehe den fortschritt nicht, sage ich, ich geniesse ihn sogar, ich mag gut angezogene regierungschefs lieber als solche in schlecht sitzenden anzügen und ernstes reden ist mir lieber als die modisch gewordene grossmäuligkeit. aber ich glaube nicht an wachstum, geldvermehrung (geld heckt geld) und die anhäufung von sogenanntem reichtum.

rede doch endlich wirklich von dir, marie wird neuerdings schnell ungeduldig (und ich gebe es zu, ich rede seit längerem mit einer toten, sie lächelt auf dem porträt neben mir, sie ist schön, die marie und sie bewacht meinen schlaf und mein wachen).

was sagt das lächelnde politikerpaar auf dem foto vom fest am see über dich, das ist doch die frage, sagt marie, sie wird nun energisch und ich kann nicht mehr ausweichen.

von draussen ein wind und der geruch des regens im gras, die wolkenränder zerfetzt, zerfieselt und das augustblau erst.

zur sache, sagt marie.

ich werde still.

sie lächeln, sage ich, sie strahlen optimismus aus, sie könnten irgendwer sein, ein glückliches paar, sie sind nicht unsympathisch. andererseits spüre ich einen sog, etwas scheint mir verdeckt, eine absicht, sie spielen mit meinem gefühl, was wollen sie? die wollen an die macht, das sagt sich so gemeinhin, aber die macht liegt doch längst wo ganz anders und es geht bestenfalls um die verwaltung, subalternes, ein gesicht gegen das andere; ich gebe zu, die gerade regierenden sind etwas träge geworden, feist im nacken und rundere wangen, vom zuvielen sitzen in wichtigen sesseln, vom andauernden lächeln auf fotos und in nachrichtenvideos und die entscheidungen sind längst woanders gefällt. charaktermasken.

kaum habe ich das wort ausgesprochen, prostestiert marie.

bleib bei dir. was fühlst du?

ich stehe nun vollends an der wand. was soll ich nur sagen?

beklemmung, sage ich, wenn mein herz sich mit meinem denken verständigt, immer nur mehr beklemmung.

was willst du, sagt marie.

sie lässt mir keinen ausweg, die marie.

ich möchte sehen, was ist, sage ich. tacheles will ich, keine phrasen und ausreden und wortgirlanden, reinen wein will ich eingeschenkt, ich möchte sehen, was wirklich hier läuft.

schweigen… stille…

unterdessen wandert mein blick zu dem tisch quer gegenüber, der sessel steht bereit, das buch liegt auf dem tisch, der einband leuchtet rot und auf dem deckel steht: Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie.

und dort findest du, fragt marie.

auch eine beschreibung meiner komplexeren seelischen zustände, wenn ich die fotos sympathischer politiker im sommerloch erblicke, lächelnd, strahlend, denke ich: aber nicht überzeugend.

was schlägst du vor, fragt marie.

ziemlich leise höre ich mein murmeln.

eine koalition, das sage ich tatsächlich.

eine neue koalition? marie: aber ungläubig.

ja, sage ich, eine koalition von mumm, punch, herz und vernunft.

nicht ohne die marder, die frettchen, die antilopen, die nashörner, sage ich, nun nicht mehr aufzuhalten, die armen, die elenden, die verlassenen, die unglücklichen, die leidenden, die wütenden und aufgebrachten, die proleten im geiste, die internationalisten, die weltbürger in rotweissblau, die füchse, die eichhörnchen, bienen, wespen, pappeln und birken, nicht zu vergessen die hollunder, die wilden rosen, die artisten, die verräckten, die spinner, die gut angezogenen, die freunde des scharfsichtigen denkens, die buchen und eichen, die sehnsüchtigen, die meeresliebhaber, die wale und die quallen, das gras und die vögel alle, die storche und alle papageien, die pfauen und die eichelhäher und last but not least alle vergessenen und die toten, die es fast nicht mehr ertragen, was wir mit der erde und dem himmel tun.

gut, höre ich marie sagen, sehr gut, befriedigt klingt das und ich grinse frech und unverschämt.

habe ich jemand vergessen?

das unkraut.

 

 

 

beforter texte 2: für einen moment bin ich glücklich.

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man schlägt sich in die wälder und verschwindet an hängen und hügeln, wenn man am meer sitzt, stellt man sich vor, man schwimmt hinaus und kommt nicht mehr wieder; im schatten ist es zu heiss, das denken hört fast ganz auf, man hört nur, man sieht, wenn denn die augen sich öffnen,  das fühlen wird weit, manchmal mitten in der stille, keine zikaden, keine autos, für einen moment nur ein innehalten von allem und man spürt, wie die gegennsätze einen zerreissen. dass man es überhaupt aushält, dass man noch lachen kann.

wer ist man, fragt marie, frage ich, im sommer wird es unwichtig, man verschwimmt mit bergen und meer, es gibt die steine, das wasser, den horizont, das grün ächzt in der hitze, der rasen ist hellbraun, eine hand hebt sich und fällt, dösen.

an der anderen küste machen welche sich auf, hier werden die grenzen bewacht, leute stehen herum  in uniform und in waffen. wann rächt es sich, dass die einen alles haben und die anderen gar nichts.

im sommer, in dieser hitze bekomme ich den eindruck, dass die gegensätze  aus uns heraus ans licht geraten und uns überfallen. unsere ungesehene, ungefühlte zerrissenheit zerreisst die welt.

manchmal steht die zeit still oder bewegt sie sich rückwärts, aber ich erinnere mich nicht, wer ich meine zu sein.

eine leichte brise am hang, die luft bewegt sich für einen augenblick, das gefühl lebendig zu sein und die lust daran. wer, wenn nicht wir, trägt die verantwortung für armut und elend und wer ist schuld, wenn nicht unsere seltsamen gedanken. unser egoismus wäre gut beraten, die ganze welt zu seiner domäne zu machen, stattdessen aufgeblasenheit, warme luft, wer sich für bedeutend hält, muss es nicht sein.

manchmal bin ich es müde, manchmal will ich nur weg, manchmal finde ich wolken wichtiger als uns und bäume sowieso, manchmal ist das meer eine heimat und der ort, an dem ich wohne, liegt auf dem mond. noch mehr für uns und alles eifersüchtig bewahren? der missmut in unsern gesichtern, die unzufriedenheit um augenwinkel und mund spricht gegen uns, wir sind satt, übersatt, aber deshalb nicht klüger, denn der kluge kümmert sich um die welt. bei soviel leiden und elend, wie kann man da glücklich sein, und wenn doch, ist es nur ein sehr kleines glÜck.

ich werde sowas nicht vorlesen, sage ich mir, und tue es doch, es ist nicht literarisch, aber es entspricht meiner permanenten stimmung. ich fühle mich zerrissen, aufgespannt auf der folter der gegensätze, oft ist es des guten zuviel. und mein zorn erst, meine wut auf mich, weil ich nichts daran zu ändern vermag, meine kleinheit, meine kleinlichkeit, wenn ich mich öffne für die wirklichkeit hier, spüre ich den widerstand, den krassen widerspruch, den streit zwischen tun und sagen. vielleicht hilft ein wenig fürsorglichkeit, aber eine sehr weite, eine, die keine distanzen kennt, eine, die sich von allem betroffen fühlt.

ich empfinde es als glück, dass wir nun fast schon in der minderheit sind, die wolken an unserm himmel sind nicht rotweissblau, aber wir sollten, das sage ich mir, wir sollten uns mehr darum kümmern, was hier geschieht, statt zu warten, dass wieder ein paar krümel vom tisch fallen und wir streiten uns darum. wann werden wir erwachen.

in der hitze döst die katze auf der mauer, der hund hechelt im schatten, der grosskleinsteiner denkt an seine pension und wird blass, hält sich die wachstumsrate, wann steigen die zinsen wieder oder sollen wir nicht doch im risikokapital und was wird aus unsern kindern, fonds manager, trader oder geschäftsadvokaten, im zweifelsfall geht er/sie zum staat und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. ich finde, wir sind etwas dröge, hocken in althergebrachtem und denken wie beton, er wird schnell starr. man bewegt sich, drei vor und zwei zurück und immer in die richtige richtung. wir sehen etwas gelangweilt und langweilig aus; ich rede nicht von wirklichen sorgen und schicksalsschlägen, nicht alle sind so gesegnet wie es in farbe und auf grossschirm erscheint, aber …

im sommer versickern auch meine gedanken schnell in einem unhörbaren grummeln, in fast nicht faltig zusammengezogener stirn, aber tief unten spüre ich einen groll.

man hat mir böse mitgespielt? nein, ich vermisse marie, sie geht nicht neben mir im schatten der bäume, sie schwimmt nicht im meer und auf den später angeschauten bildern kommt sie näher, steigt aus dem wasser, stolpert, die grossen kiesel tun den füssen weh und sie legt sich neben mich, ich liebe diese nähe, die marie ist ein wunder von mensch und ich vermisse sie: ist das wahr? sie ist weg, das ist wahr, in die unsichtbarkeit, und seit sie weg ist, spüre ich eine trauer, ein unglück und sehe nun, es war immer schon da, eine hilflosigkeit, eine verzweiflung. und ich vermisse sie doch, vieles war schöner, nicht, dass es nichts schönes mehr gibt, aber die hälfte des pläsiers und der lust ist das teilen; ich sage ihr, ich habe genug und zuviel, ich kann noch was abgeben, es ist nicht alles für mich, die hälfte mindestens ist für dich und nun …

im sommer brechen die sätze weg, sie hören in einem flimmern auf, der horizont ist weit und dunstig, dort drüben, an dem gleichen meer, in dem ich schwimme mit lust und bedacht, machen welche sich auf, es sind menschen.

wann haben wir endlich genug, zum teilen, zum feiern und zum gedenken.

die gesichter auf den todesanzeigen in der morgenzeitung sehen aus wie ein versprechen, als hätten sie etwas begriffen.

ich schwimme weit hinaus und vergesse das land, ein sanftes gleiten, ein glitzern, ein leuchten aus tiefen, für einen moment bin ich glücklich.

 

 

 

 

 

erwarten wir sie?

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foto M. Langlotz

wenn ich versuche, etwas ganz besonders zu sagen, etwas ganz besonderes besonders zu formulieren, fliegen die wörter davon, in wirklichkeit habe ich bedenken, angst habe ich keine, ich bin im aufbruch, die koffer gepackt, die schuhe für jede gelegenheit, ich sehe mich unterwegs zu einem felsigen strand, das geflimmer des lichts auf dem wasser, die bucht aller möglichkeiten und das meer früh am morgen, bevor man hinein taucht und anschliessend zieht man sich an und geht weg, bevor der ansturm kommt. man installiert sich in hängematten, horcht auf die zikaden, die olivenbäume schimmern silbern, der rasen ist braun, der horizont weit, von dort drüben kommen sie und fordern unsere wirkliche gesinnung heraus, wie an der grenze.

manchmal denke ich, hier wohnt marie im geheimen und schickt mir botschaften von meer und gebirge. hier verdichtet sich erinnerung so sehr, dass sie herum geht und wir reden über das alltägliche. am anfang dachte ich, (ist der tod in wirklichkeit ein anfang), es ist das wesentliche, das fehlt, unser reden über die konfiguration der welt, über finanzpolitischen wahnsinn,  das leben nach dem tod und die wiederkehr, nun muss ich mir eingestehn, es ist das alltägliche, die ganz praktischen dinge und das aneinander vorbei gleiten, unter einer tür treffen wir zusammen und ich umarme marie, ich küsse sie auf den hals, ich berühre sie… (wo genau, das ginge jetzt hier zu weit). zufällig beim zubereiten eines gemüses, zucchini, auberginen, poivrons? reicht sie mir ein gerät, ich streife ihre hand mit meiner oder sie schaut mich zweifelnd an, ich habe gar nichts darüber gesagt, wer ich in wirklichkeit bin, aber sie weiss es nun sowieso, ich bin, was einordnungen anbelangt, ein unsicherer kantonist, ich mag feigen, äpfel und pfirsiche gleichermassen.

marie lacht, marie ist ernst, marie war manchmal unendlich traurig und manchmal konnte ich sie trösten und manchmal nicht; bevor ein mensch ganz zerbricht, muss man ihm schon heftig zusetzen. wir waren zäh in unserer robusten zuneigung, das scheint mir übrigens der adäquatere begriff für die befristete verbindung von menschen. und über den tod hinaus? ich muss zugeben, ich fühle mich stärker zugeneigt als je, stärker verbunden. erinnerung hat damit gar nichts zu tun.

abends sitze ich am meer und horche hinaus (ich sehe mich so), über den horizont hinein in die länder des südens, wo sie gerade ihre bündel packen und sich aufmachen. erwarten wir sie?

der tod hat es mir gesagt

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heute hat marie geburtstag, wir haben ihr blumen gebracht, so sagt man doch, aufs grab haben wir sie gestellt, von marie ist nur die asche übrig, in einer schwarzen urne mit einem goldenen band. auf dem grab steht ihr namen, die blumen sind weiss und rot und vertragen die hitze gut.  ich zupfe noch hier und da und stehe dann etwas hilflos herum, ich kann mich nicht entschliessen zu gehen.

ich gehe dann doch, auf friedhöfen unter bäumen ist es so schön still und kühl um die mittagszeit am zweiten august.

irgendwann nach maries tod wurde mir klar, das würde marie gut gefallen, nur noch über eigenes würde ich reden, keine verkündungen demnach, keine angelesenen wahrheiten und weisheiten, das eigene auch nur dort, wo es mich fremd macht, wo ich einen erstaunten blick werfe auf mich und die welt.

ich meine, ich verstehe uns nicht. ich verstehe nicht, warum wir das tun, was wir tun. der tod lacht darüber, er lacht es weg, ich sage nicht, was bleibt, ich sage nur, es ist nicht viel, nachts erwache ich, weil etwas weint in mir, etwas ungehörtes und ich liege still und lausche.

wenn ich nach draussen schaue, sehe ich auch meine gier, meine angst, meine fremdheit, mein hartnäckiges bemühen, die welt in einen hässlichen platz zu verwandeln.

verzweifelt suche ich überall die schönheit, manchmal auf der strasse möchte ich jemanden in den arm nehmen, weil er geschlagen aussieht, und manchmal möchte ich mich hinknien, weil jemand so umwerfend schön ist. natürlich tue ich das nicht, ich will niemanden erschrecken, aber ich tue es in gedanken, der tod sagt mir, du hast keinen grund dich zurück zu halten, etwas aufzusparen für später, ein geizling deiner gefühle.

der tod hat mich auf eine höhe geführt und vor einen abgrund gestellt, ich habe mich nicht hinein gestürzt, aber ich kenne die anziehung nur zu gut, zu zersplittern, nicht mehr zu wissen, wer man ist, sich ganz zu vergessen, sich wegzuwerfen einfürallemal.

der tod, den meine augen gesehen habe, fordert  hingabe, seither kann ich mich nicht mehr verstecken, wenn einer, ein mensch, mich wirklich ansehen würde, würde ich mitgehn ohne zu fragen.

ich habe mich gegen den tod gewehrt, er ist noch nicht im haus, habe ich marie gesagt, aber er hatte schon alle räume besetzt und meine kleine welt verging und ich mit.

ich hatte angst verrückt zu werden und nur noch zu schrein.

seither verstecke ich mich nicht mehr vor mir selber, lasse keine ausreden zu, nicht die altbewährten sprüche, die  in den abgrund führen, nachts liege ich da und erwarte nichts, ich erwarte alles.

was sagt mir der tod und ich nehme an, er heisst marie, er ist ein freund, sie ist eine geliebte, er geht neben mir jeden tag, sie erinnert mich, jage nach allem, ich lösche es aus, ausser vielleicht oder gewiss, und das sagt mir marie, eine hand berührt sanft eine wange, einer reicht einem gestürzten die hand, einer hört einem zu und der ist alt und die spuren des lebens in einem schönen gesicht,  die erinnerung an sommernächte und deine haut und jedes gute wort und jeder freie gedanke und jedes gran an bewusstsein mehr,  jedes spiel und das lachen, das weinen und die freude, der schmerz.

der tod hält mir einen spiegel vor, siehst du dich und mich, siehst du die leer geräumten kategorien, die gedankenzellen und das leben ist eingesperrt.

an maries grab steht ein haselstrauch, ein hollunder, dort ist der eingang in einen anderen raum, dort ist alles möglich.

nur eines nicht, einzugreifen in den willen eines andern. man kann es, man büsst es mit tausend toden. woher ich das weiss, der tod hat es mir gesagt.

und lächeln musst du, das gehört unbedingt dazu

einer geht, einer steht im schatten herum, einer wartet auf den kühleren abend, einer döst, halbträume von einer frau, die einmal den garten bevölkerte, das haus, die lachte, die weinte (manchmal), die ein geheimnis war.

der sommer ist eine gute zeit, um eine langsame geschichte zu beginnen, an einem hang, das gras braun und vertrocknet, die hitze flimmert, so sagt man doch und menschen sind noch nicht aufgetaucht. ich rede nicht von denen, die sich nach dem sûden, nach dem meer verzogen haben, ich kann sie verstehn, aber trotzdem ist mir der schatten lieber, der schatten im garten der geträumten frau, sie sagt nicht viel, aber ich spüre sie ist da, auch wenn meine augen… es ist ihr garten, den gibt es nicht ohne sie, und das haus hört nur auf ihren namen, sogar im keller ist es so, als sei sie eben um die ecke gegangen, der luftzug… das parfüm des sommers.

langsamer gehen, die hand heben in zeitlupe, die lippen öffnen sich zu keinem laut. in meiner, ihrer geschichte gibt es noch keinen menschen, nur die schatten unter den bäumen des gartens, die sonnenflecken, das ausgetrocknete gras.

im sommer kommt einem leicht das ich abhanden, nur schauen, nur riechen und die samtene haut der erde und nur hören, wenn ein auto vorbei fährt, ist das kein harmonisches geräusch. es spricht von unserem wahnwitz, wenn wir erst … so reden wir und wenn das wenn eintritt, ist wieder eine illusion geplatzt.

langsam treten in unserer geschichte die ersten leute auf, sie sind selten im sommer um diese mittagszeit ist die strasse leer, keiner sagt etwas, eine tür geht und ein auto fährt weg, dann wird es ganz still.

in der stille beginnt eine welt.

die frau liegt im garten unter dem schirm eines strauchs, neben ihr ein glas, gefüllt, neben dem glas ein buch, der titel verwackelt, viele autoren sind möglich, kein lesezeichen, vielleicht auch noch eine zeitung, ein teller und die schale einer wassermelone, der hauch einer griechischen insel in den gedanken, die frau räkelt sich, streckt den arm aus und greift nach dem glas. ich höre sie sagen, sie meint mich wohl, holst du noch von dem eistee, und ich träume, ich gehe durch den garten, immer in den schatten entlang, die treppe hoch, um die ecke der hecke und noch eine treppe hoch ins haus, alles ist kühl hier.

ein zögern, bewegungen, langsam, wie im traum sehe ich das gesicht der frau, sie ist auch im haus, geht durch zimmer, steicht über vorhänge, steht an der ecke des schranks und lehnt den kopf an das holz.

sie sitzt in einer ecke des zimmers und liest.

in einer anderen szene klappt sie die violette hülle eine ipads auf, wischt mit dem finger über den schirm, bilder erscheinen, ein strand, das gesicht eines mannes, das bin ich, und ihr gesicht, wie sie aus dem wasser steigt, wie sie näher kommt, wie sie sich über mich beugt.

ich weiss, die bilder schmerzen. sie reden von einer unerreichbaren perfektion, von einer schönheit, die man vielleicht erahnen kann. man hört das geräusch der wellen, das meer ist sanft hier, manchmal wird es wild.

in der geschichte passiert gar nichts, sie geht nicht voran, sie läuft auf keinen höhepunkt zu und dann fällt die spannung ab. irgendwann gegen abend ist der strand leer, die dunkelheit fällt schnell, die frau steigt aus dem meer und liegt nächtelang am strand und schaut auf die sterne, hört auf die wellen, ein sanftes geräusch, sie lächelt, im sommer kommt einem das ich abhanden, man verschwimmt mit garten und meer und ich träume, die frau steigt aus dem meer und ich sehe sie, wie sie lächelt, wie sie weggeht , wie sie sich auflöst in einem flimmern der luft, eben war sie noch da, eben sah ich sie lächeln, eben habe ich ihre berührung gespürt und nun…

jemand liegt im garten und träumt im schatten der bäume und sträucher, die luft flimmert schon am morgen vor hitze und aus dem haus eine stimme, die ruft, ich warte auf dich, wartest du auch auf mich.

der garten der frau liegt in der stille wie ein sanftes tier.

ich träume, sie geht um die ecke, nun steht sie oben auf der treppe, nun steigt sie die treppe herunter, nun geht sie am tümpel vorbei…

einmal in diesen tagen träumte ich, sie geht vor mir durch eine stadt, es ist sie, ganz bestimmt ist es sie, sie dreht sich nicht um, sie geht zwischen den hin und her eilenden passanten hindurch, ich sehe sie noch immer, dann ist sie um eine ecke verschwunden, es muss sie gewesen sein; ich hätte so gerne, dass sie es war.

der garten döst, in der ecke plätschert etwas im tümpel, die geschichte hat noch gar nicht begonnen; einer sitzt im garten und es ist, als gebe es sonst keine menschen,  aber oben auf der treppe steht eine frau und sagt, eine geschichte hat soeben begonnen, kommst du endlich, wir gehen, der abend ist kühler, wir gehen einmal ums viertel und du nimmst mich in den arm und lächeln musst du, das gehört unbedingt dazu.

ein blau blühender strauch am weg

allein ist allein oder etwa nicht; manchmal eine enge, eine weite.

nichts zu imaginieren, kein virtueller raum, keine bilderwelten, nicht einmal eine lesewelt und ich bevölkere sie mit meinen inneren figuren, nicht einmal träume, nicht einmal schlaflose nächte und tags eine fürchterliche melancholie; alles endet jeden augenblick und settzt wieder ein.  so ich, so dieses provisorische ich, diese annäherung an einen schönen gedanken, noch unrealisiert.

wo ist marie? irgendwann tagsüber in all dem getue und gefuchtel, in all diesen aufbrüchen, keine heimkehr, sie kommt nicht, sie hat sich nicht verspätet, sie hat mich nicht verlassen und ich, ich warte nicht auf sie, und doch ist es ein warten auf ein zeichen, eine geste von weitem aus einem anderen raum.

DSC01489man kann mir sagen, was man will, vernunft, mein lieber, verstand, ratio bitte, heute morgen als ich an dem blau blühenden strauch vorbei ging, ein blau, fast ein veilchenblau in grossen üppigen blüten, da freute ich mich, lassen wir endlich diese superlative weg, ich freute mich, es war eine ganz einfache freude, eine genügsame, eine bescheidene, und in dem augenblich wurde mir klar, dass ich auf dieses zeichen gewartet hatte, die blumen, so umwerfend blau und diese einfache freude an einem ort und da wusste ich, so ist marie.

nun wird es einfacher mit jedem tag? nein, das allein leben ohne marie ist kein einfaches, ich suche sie in jeder ecke und weiss doch, ich finde sie nicht, aber etwas in mir gibt sich nicht geschlagen und sucht weiter und hält ausschau in allen frauengesichtern, ist sie etwa marie.

ich kann nicht sagen, ich sei nun getröstet. das nicht. aber etwas ist zurückgekehrt zu mir, etwas vergessenes: was kommt als nächstes, ich nehme den augenblick nicht mehr als selbstverständlich hin, es ist ein geschenk, ein richtiges geschenk.

marie lächelt auf dem foto und hört gar nicht mehr auf.