„All or nothing“: von einer Reise

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Da ich von subjektiven Stürmen heimgesucht werde, finde ich Zuflucht in einer wissensschaftsgeschichtlichen (was’n Wort) Studie über Objektivität (nicht bloss ein Begriff, vor allem eine recht rezente Praxis. (Lorraine Daston, Peter Galison bei Suhrkamp).

Dann schaue ich in den Garten; der Vorwurf, den ich spüre, hat mit den Katzen zu tun, die Organisation hat während meiner kurzen Abwesenheit nicht ganz geklappt und es gab einen Tag Katzenfrühlingsfasten; der Garten sieht leicht beschneit sehr schön aus und ich beginne an meinem Begriff von Schönheit zu zweifeln, denn die Magnoliablüten lassen alle die Köpfe hängen und haben bräunliche Flecken, den Forsythien geht es nicht besser, aber das Gelb hält sich und Weiss auf Grün sieht fantastisch aus. Wie gesagt, ich nehme an, mit meinem Schönheitsbegriff stimmt etwas nicht, die Apfelbäume blühen und die Kirschbäume und Kälte und Schnee sind Gift für sie.

Bin ich dabei Tod und Untergang und Vergehen zu ästhetisieren. Da ich so meine Zweifel habe, auch mein Gefallen an leicht morbiden Gefühlen (ein leichtfertiges Kokettieren mit bröckelnden Gebäuden, Mauerrissen und eine gewisse Langeweile vor  geleckten Fassaden und Vorgärten in Reih und Glied, ganz abgesehen von meiner Neugier für interkulturelle Friedhofsgestaltung und meine Genugtuung angesichts des Zyklus von Werden und Vergehen und in dem Zusammenhang die doch kurze Haltbarkeitsdauer von Imperien) macht mich stutzig, lese ich ebenfalls einen Essay über japanische Ästhetik von dem Japaner Tanizaki Jun’ichirō. Sein Buch im Manesse Verlag trägt den bezeichnenden Titel „Lob des Schattens“. Auf Seite 45 stosse ich auf folgenden Satz: „und man fragt sich verwundert, wie sich an einem so dunklen Ort nur eine derart intensive Lichtstrahlung konzentrieren konnte.“

Und in dem dritten Buch, das ich auf meiner kleinen Stadtkreise in einer bemerkenswerten  Buchhandlung erworben habe, begegnet mir die Aussage: „I have no shame when it comes to love: I give everything, and the more I give, the more pain is inflicted on me at the end. …All or nothing.“ Und dies in dem Buch der Psychoanalytikerin Jeanette Fischer über und mit Marina Abramovič.

Damit ist der dunkle Ort bezeichnet, an dem ich mich des Öfteren aufhalte und ich merke jetzt, dass der Schmerz am Ende keineswegs die Sache, das heisst das über drei Dekaden dauernde Leben mit Marie relativiert, im Gegenteil von dort geht eine „intensive Lichtstrahlung“ aus und erhellt plötzlich blitzartig noch die dunkelste Anwandlung. Das würde ich wohl selbst dann noch sagen, wenn der Schmerz mich langsam aber sicher kaputt machen würde.

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Was er gewiss auch tut. Es ist auch der Schmerz darüber, dass ich es fertig gebracht habe, ihren Tod zu überleben. Man lebt damit in einem Raum, in dem es keine Zeit zu geben scheint. Man ist auch zu einem Teil aus allem heraus genommen, da es eine eher gewaltsame Weise war, ist das Wort „gerissen“ wohl angemessener. Der Abstand zu allem wird grösser, das ist ganz und gar unfreiwillig, es hat sich so ergeben und manchmal erschreckt es mich und manchmal finde ich es ganz angemessen.

Das Buch von Jeannette Fischer und Marina Abramovič berührt mich von meinen Lektüren am tiefsten, keine Versteckspiele beim Lesen, ja, selbst beim Lesen gehe ich manchmal in Deckung, will mich nicht anrühren lassen, will mich nicht sehen in dem Gelesenen, will mich flüchten ans Ende der Welt und mich nie mehr preisgeben, nie mehr öffnen, weil der Schmerz des Endes so furchtbar ist und andauert und wohl nie weggeht. Wer den Schmerz der Amputation schon vorher kannte (ich habe bei einem Unfall mit dem Rasenmäher den Mittelfinger der rechten Hand verloren und dachte für einen furchtbaren Moment, ich kann nie mehr in meiner Handschrift schreiben (und mit Stäbchen essen)) weiss, dass Trennung (durch den Tod) einer Amputation gleich kommt. Man ist nur noch ein Schreien, aber lautlos. Und die Schnittstelle erinnert einen, immer und wenn man nicht erinnert werden will. Und diese Hilflosigkeit ist ebenfalls furchtbar, sie geht so weit, dass man denkt, so kannst du nie mehr vor die Tür geh’n, jeder Blick eines andern wirft dich um. Zugleich ist das Gefühl, sich gar nicht und überhaupt nie mehr helfen zu können, auch befreiend, die Machtspiele, die man auch kennt, werden durchscheinend.

Man gibt sich auf, nicht weil man will, sondern weil es geschieht und im Davonfliegen wächst man über sich hinaus, man hat trotz aller Ängste keine Angst mehr.

Obwohl ich das nun alleine erlebe, rechne ich mir das nicht an, es ist eine Gabe (keine, die man freiwillig bezahlen würde) und darin erlebe ich die abwesende Marie, ich kann gar nichts dafür, ich suche es nicht auf und selbst,wenn ich das täte, ergäbe es nicht dieses Resultat, man kann die Toten nicht zwingen. Manchmal frage ich mich, ob ich es verdient habe, aber diesen Gedanken verwerfe ich sofort, er macht keinen Sinn, das Erleben ist jenseits von Verdienst und Versagen.

Ja, die Magnolienblüten leuchten orange, selbst im Verblühn sind sie schön.

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hohe lebenskunst

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Drinnen: ich, sehr nachdenklich.  von draussen vogelgezwitscher, das gibt es noch und sonst die stille.

Die intervalle zwischen geräuschen…

Kein wort gesagt und keines gedacht.

Das knistern von papier.

Dann ein auto, vielmehr ein kurzes aufrauschen und weg.

Der garten ganz für sich, ich wage mich gar nicht hinein.

Heute mein beitrag zur weltrettung: schweigen.

Oder café trinken, die halbe welt in einem schluck, bitter, kräftig und belebend.

Ich bin auf dem rückmarsch aus einer mir gänzlich unbekannten gegend. Nicht so wie es einmal war, so wie es sein könnte.

In Deutschland lese ich, kaufen „die chinesen“ ganze wälder auf und wenn man hier nachfragt, wohin die gefàllten bäume abtransportiert werden, dann hört man, nach china, sie werden zu essstäbchen gespalten. Nichts gegen chinesen und esstäbchen, aber dann schüttele ich doch den kopf und wundere mich: hier ist wirtschaft, in dem falle forstwirtschaft offensichtlich ein anderes wort für geld in den sack, möglichst viel und die freiheit, soviel bäume zu fällen, wie einem in den kram passt.

Das ist alles geschäft und davon versteht der laie nichts, besonders wenn es um wald geht und abholzen und bauen.

Mein mitgefühl, aber ich denke doch im ernst und kein zynismus bitte, so eine kultur ist dem untergang geweiht. Und dem zusehen, ohne hilflose empörung, das ist heute hohe lebenskunst.

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das leben der marie z.

 

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am ende kein theater, nicht mehr so tun, als wüsste man eine antwort, vielleicht besteht der neuanfang gerade darin.

diese müdigkeit, die aufkommt, wenn nach dem warum in einem leben gefragt wird. es war, es war genau so, wie es war, mit allem drum und dran, am ende bleibt ein lächeln. das ist die antwort.

überhaupt diese aussagen, so lebt man, am besten, so ist es richtig, denn …

und überhaupt die wenn …, dann … konstruktionen. dann … wenigstens das ewige leben oder ein sehr langes. eine belohnung jedenfalls, am besten eine garantie.

gegen den tod natürlich, diese unangenehmste aller überraschungen.

und der antwortet nie auf die frage warum.

wir aber rätseln, wollen erklärungen, verlangen auskunft, das ist eine folge von …

wenn jemand zuhört und sich in dienst stellt, gibt er nichts von sich preis? wir kennen ihn nicht und nun hat er sich davon gemacht? und dies ohne geschichten? er hat niemand hinein sehen lassen in sein streben, sein sterben und seinen tod?

ich rede von ihr, von marie und dass sie ihre freunde ausschloss von ihrem letzten gang. sie duldete nur noch einen sehr kleinen kreis um sich herum, mich und unsere kinder. sie zog sich aus allem heraus und behielt ihre kraft für die letzten verrichtungen. sie sammelte sich. sie redete wenig. sie klagte kaum, sie bat um das allernötigste. langsam verging sie.

ich habe nicht gefragt, warum, und bekam dann allerhand antworten.

das leben funktioniert nicht so.

wie funktioniert es?

so, wie ich es mit ihr erlebte. es war ein wunder, tauchte auf wie aus dem nichts und verschwand wieder, der rest ist eingegraben in mich. alles also, alles ohne irgendeine ausnahme. das warum ist anzuschauen in dem wie.

aber sie hat so gesund gelebt, so achtsam, so aufmerksam.

sie hat gerne zugehort, sie hat gerne aus dem zuhören heraus einen rat gegeben.

nun weiss man nichts von ihr?

man träumt von mehr  kontrolle: wenn man dies tut oder jenes, dann … aber das leben ist nicht so. das leben ist einem nichts schuldig. wenn es eine belohnung gibt, dann ist es das, dieses leben genau so, von anfang bis zum ende. mit genau diesem ende.

gibt es vorbehalte? einwände?

das leben der marie z. war so, genau so, wie es war und ich durfte dabei sein für eine weile. soll ich reklamieren, die zeit habe nicht gereicht, sie habe noch pläne gehabt, noch eine aufgabe gesehn. sie wurde aus dem leben gerissen?

maries leben ist unvollendet und doch hat es eine abgeschlossene gestalt. sie lächelt, das ist mein bild ihres lebens, sie lächelt.

auch die frage, warum das mir, warum wird sie aus meinem leben gerissen, warum hatten wir keine zeit mehr, beantworte ich mit meinem leben. jedenfalls weiss ich so langsam, so mühselig langsam, was sie in meinem leben war und jetzt gerade ist.

ich sehe ihr lächeln.

und lächle zurück.

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ein foto von einem baum

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langsam legt sich die aufregung, ich sitze mit geschlossenen augen am tisch und horche nach innen nach aussen. zuerst: muss gar nichts gesagt werden, keine wörter gottseidank drängen sich auf, wollen nach draussen und keiner muss sie lesen und es ist still. die ruhe eines waffenstillstands, keine inneren spannungen und kein streit zwischen parteien, nur die ahnung einer art gemurmel, einer innerlichsten konsultation, eines fast geheimen austauschs und keine ungeduld.

auf dem schieferdach rumort eine rabenkrähe, scharrt, hört auf, scharrt weiter, ein auto, ein bus fährt vorbei, sonst: stille.

nun von ferne ein flugzeug.

kein besonderer impuls nach irgendwo, bald werde ich aufstehn von hier und meine geschäften nachgehn, das, was man hier halt so tut.

gestern oder war es vorgestern bin ich angekommen, man gewöhnt sich schnell an das hier, es ist durchsichtig. der reisende steht noch am bahnquai, in der flughafenhalle oder steigt meinetwegen schon aus dem taxi und weiss sofort, was hier los ist. was ist von einem binären system schon zu erwarten, dass es die verrücktesten dinge kreiert und irrtum auf irrtum häuft oder dem glück nachrennt und das unglück auf den fersen hat. so komme ich mir vor, frisch gelandet, und ich bin gleich im bild, weiss das meiste und den rest kann ich beobachten, folge den eigenen händen und füssen, dazu allerhand gedanken.

das meiste dreht sich um reine notdurft, darauf gehäuft ein riesiger betrag von unsinn und verrückte gedanken, was alles nötig ist.

es gibt eine pyramide der bedürfnisse, man findet sie in dem wust kaum wieder, aber selbst in den verbiegungen, verrenkungen ist sie sichtbar, während sie anderswo auf dem planeten krasser zu tage tritt, dort ist die elementarste grundlage kaum gewährt, eine dauernde mühselige bewegung, die nicht höher hinaus gelangt, weil andauernd kraft abgesaugt wird und in den regionen, wo sie hingelangt, reine konfusion und fast schon irrsinn.

träume von einer trilogie, ziemlich hoch oben in der hierarchie, wenn anderes, elementares abgedeckt ist wie hier: sinn, bedeutung und aufgabe.

ich weiss nicht, wer mich hergeschickt hat und ich rätsele um die aufgabe. sinn erkenne ich in den einfachen naturdingen, bebauung des landes, werkzeugherstellung, bewegungsmaschinen, sonst viel kokolores, leeres getue und viel gerede um des kaisers bart, eitelkeiten. was ist natur. verwechslungen mit freizeitparks.

ich weiss noch immer nicht, warum ich da bin, delegiert, exiliert oder auf forschungsmission, going native.

ich lasse die eindrücke wirken, vieles ist selbstverständlich und ist es gar nicht. als anthropologe kommt man aus dem wundern nicht heraus (dies ist nun wirklich ein traum, aber ein handfester). und das ist es: forschungsgegenstand? man selber in dieser umgebung, wechselwirkungen, emotionale reaktionen, konditionierungen, notwendigkeiten, wenig freiheitsspielräume sind erkennbar, noch weniger, wenn alles selbstverständlich scheint. die konflikte und kriege aussen deuten auf die inneren hin und diese verursachen jene. teufelskreise. die von allem sonstigen abgeschlossene menschengesellschaft, eingeschlossen in ihre träume, was welt ist. natur ist ein bild auf einer wand, ein foto von einem baum.

plötzlich die einsicht von irgendwoher, ich träume, bin noch gar nicht erwacht.

war ich es schon jemals.

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marienblumen*

„You can turn your back and go, right now.“ Black Sea Dahu, White Creatures

https://youtu.be/TlHTNyx9DQI

 

eine dunkle wolke schiebt sich unter die grosse weisse, flockig ausgebeulte, der ich schon eine weile zugesehen habe und alle verziehen sich miteinander nach süden, du blickst auf, da sind sie schon wieder ein stück weggerückt, das optimistische blau zeigt sich und etwas weiter östlich beleuchtet die sonne scharf die wolkenränder,  sie strahlen hellweiss und das dunkle verwischte daneben bekommt einen bräunlichen schimmer.

so vertreibe ich mir meine zeit, ich bin ausgeschlafen und doch müde, eine art müdigkeit, die zum tagträumen verführt, von einer klause in den entlegensten hügeln einer fernen landschaft auf einem planeten, der nicht von sich reden macht wie dieser hier.

inmitten der  künstlichen erregungen in virtuellen räumen rette auch ich immer wieder die welt mithilfe der tastatur, das erzeugt diese wärmende zugehörigkeit und eine deutliche meinung. und immer von vorn jeden tag, eine sisyphusarbeit, die schlaff macht.

im allgemeinen weiss ich ungefähr, wo ich stehe, aber es gibt grössere fluktuationen und ich bin offen für widerlegungen und argumente eher als für laute entrüstung und druck  und shitstorms beweisen rein gar nichts, nur dass eine wilde meute sich auf eine beute stürzt. aber minderheiten, selbst sympathische, sind auch anstrengend, plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich die taste drücke und die stallwärme stellt sich ein, also deswegen etwa? ich gerate mit mir selber in streit und sehe zu, wie ich gute gründe herbei hole, nur deswegen und keineswegs wie du glaubst.

nun stelle ich fest, die tastendruck bekundungen  verfestigen sich zu einem profil, einer eindeutigkeit, die mir zu berechenbar scheint, zu zementiert und ich bin schon am laufen und will mich entziehn, keine meinungen mehr bitte sehr, keine ansichten, sie sind doch vorläufig, experimentell, provisorisch und nun bin ich gefangen. man meint, nun wisse man, wer ich bin und sowieso bin ich dies und das, aber auch jenes. ich sehe den käfig schon vor mir, in den ich mich selber sperrte. ich habe nichts gegen stellungnahmen, überdeutliche meinetwegen auch, aber wo bleibt bitte die biegsamkeit (nicht der hahn auf dem turm, er dreht sich mit dem wind), wo sind die ausgänge um himmelswillen, die notwendigen fluchtwege, wo sind die möglichkeiten, das alles noch ganz anders zu sehn, nicht so mit der nase drauf und dann sieht man rein gar nichts, aber man meint, dabei sein ist alles. wenn sich beton im denken breitmacht, kriege ich die panik.

müde bin ich auch mit mir selber, ich kenne die geschichten, die mich heimsuchen in schleifen, im überdruss auch die wunden und narben, die man so abkriegt, wahr  oder vermeintlich, bist du dir ganz sicher und doch und nein, auch hier dieses ungefähre, das sich entzieht und doch da ist und nagt, selbst der kritische geist geht mir mitunter auf den geist, ganz gründlich, dieser reflex, wenn es mainstream ist, muss es falsch sein und andere ideosynkrasien, die einem im jugendalter etwas wie identität verschafften.

oder brauche ich jemanden, der mir mit der hand durchs haar fährt und sanft sagt und  zugeneigt: „ist ja schon gut, mein lieber“.

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vielleicht hat es mit dem frühjahr zu tun. ich erblicke vor allem übergänge, zwischenstationen, vorläufiges. die bäume und sträucher stehen noch kahl, aber erste knospen treiben hervor, noch die bräunlichen, schwärzlichen winterfehlfarben an stämmen und kahlem geäst, gleich daneben, darunter jedoch farbliche offenbarung, flammendes gelb, zartes noch zurückhaltendes rosa, warmes  rot mit  orangenem einschlag, das den blick hält, zarte blauweisse sterne und erstes kräftiges grün. und unten drunter die fahlen töne alten laubs und die erde ist noch kühl.  nichts ist aufdringlich, alles selbstverständlich rätselhaft und am himmel  kämpfen  licht und wolken, windgejagt, nichts festes, nur stark fluktuierendes, vibrierend lebendiges.

um das betagte zur erde gebeugte schneeballenbäumchen (Viburnum opulus ‚Roseum‘) herum breitet sich ein teppich von winzigzarten marienblumen aus, emigriert von dem ort, an dem der über achzigjährige pflaumenbaum stand, und der junge neu gepflanzte hat noch nicht die gleiche anziehungskraft aufgebracht. ich sage marienblumen, es sind marie’s blumen. das bild zeigt marie, wie sie lächelnd in dem blauweissen teppich kniet und glücklich ist. wenn jemand mich heute so anlächeln würde, wär ich verkauft.

standhaft ignoriere ich den botanischen namen* der zarten gewächse (zur mitte zu weiss und die schmalen blütenblätter blau), sie erscheinen im frühjahr und berichten von veränderung, wärme und festtag, sie erzählen nur geschichten von ihr.  es sind marienblumen. wenn ich sie erblicke, sehe ich die marie, wie sie dort lächelnd kniet und es ist glück und weh und übergang und eins mit gras und blumen und baum.

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*Chionodoxa luciliae

„zahltag“, sagte marie

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ist das eine freude, wenn man sich an der eigenen nase fassen muss, besichtigung der eigenen unzulänglichkeit als masochistisches vergnügen: wir hängen alle drin und unsere versäumnisse können wir jetzt bewundern. ob wir wollen oder nicht.

zum samstagsauftakt also eine virtuelle ohrfeige, gefolgt von beschämtem (etwas hilflosem) grinsen, die kolumne der Kleinen Zeitzeugin im LL (Dazu ist die Jugend ja da, Michèle Thoma) von gestern (erst heute morgen gelesen, die cafétasse wäre mir fast aus der hand gefallen, danach noch leichtes vibrieren und die amüsierte, betretene miene erst). wir kommen da nicht so schnell raus und es geht gar nicht um die politikerin, die jüngst in einem interview verärgert bekannte, auch sie habe sich nun ein „SUVchen“ geleistet.

Es lief ja auch alles irgendwie, immer mit einem ausgefransten rand von anfällen schlechten gewissens und halbherzigen rechtfertigungen.

seit dezember 2017 habe ich keinen führerschein mehr, und ich frage mich eingehend, wie ist es so ohne auto, das tägliche leben.

besser?

ja, bewusster.

erstens alles bewusster, wohin gehe ich, wie komme ich dahin, am liebsten noch gehe ich zu fuss, durch die stadt, mein DADA sind treppen und ausser atem finde ich bedenklich und forciere das tempo. jüngst hat mich eine über siebzigjährige einen steilen hang hinauf gehetzt (gehetzt? um gotteswillen, es war das reinste pläsier) und als wir wieder hinunter gingen, machte sie mich auf das beachtliche gefälle aufmerksam und ich war dann doch von mir selber beeindruckt :).

also zweitens, alles ist etwas komplexer geworden, einkaufen mit dem fahrrad, herum strampeln, blaue flecken vom fahren auf waldwegen (ich schaffe es immer wieder unmögliche zwischenfälle zu provozieren, aber umgefallen bin ich nicht), bus und tram sind aufregend wegen der anderen leute, auf bahnfahrten lese ich und schreibe unerhebliches auf, anfangs fühlte ich mich eingeengt, nun freue ich mich und wenn ich mit dem schweizer freund auf seiner hütte bin ohne elektro und fliessendes wasser nur draussen in einem holzfass und morgens feueranzünden, aber mittendrin in etwas urtümlichem, dann bin ich gewiss, dann bin ich überzeugt, wir können ohne weiteres den laden etwas (viel) herunterfahren ohne schaden zu nehmen und der gewinn ist eine ungeahnte qualität des erlebens.

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stattdessen, wenn ich die zeitung aufschlage, auch virtuell, ist die welt zerstückelt, anzeigen, die schreien, kauft, alles, alles, was es so gibt,  das gerade versteigerte G5 netz wird gepriesen, der fachmann strahlt fortschrittfortschrittfortschritt ohne ende aus, toll, dass jetzt mein kühlschrank mit mir redet und die tür aufgeht, wenn ich bÄÄh sage, die heizung schon im voraus weiss, dass ich nachhause komme (so extrem persönlich maschinell) und die sinnliche stimme mich grüsst („oh, mein lieber wie delikat, dass du nun zuhause bist“), aber sonst alles geleckt leer und am ende unvermeidlich auch der klimawandel, die amseln und meisen, die sich rar machen (vielleicht ist es doch nur ein (vorübergehender) streik), in eine mittlere kolumne gequetscht und gleich daneben das nette kleineklitzige „SUVchen“, sie müssen es einfach haben und der diskrete hinweis auf ein paar immobilienschnäppchen.

ein durcheinander, gerührtes, kraut und rüben, nichts passt. (und doch alles, wie man sich am besten etwas vormacht).

Ich habe keine ahnung, wer auf die idee gekommen ist, die welt so zu zerstückeln, wir machen weiter, ungebremst, aber alles muss sich ändern und das meiste soll bleiben, wie es ist, kauftkauftleute, bedenken gestaucht am ende des artikels in einem winzigen abschnitt und als nachbarn die ganzseitigen annoncen der finanzfonds. und es findet sich immer einer, der sagt frank und frei, das ist kein kapitalismus, das ist doch bloss marktwirtschaft und die paar auswüchse.

die gesamtsicht?  ist einer verantwortlich?  und überhaupt, lernt man das doch in der schule,  eine ordentliche ansicht zu bilden.

jo, watgelifft und anhaltendes bösartiges kichern.

es scheint hoffnungslos und lästern erleichtert.

ob es auch hilfreich ist.

die negation mit der negation bekämpfen, ein beliebtes mittel von marie, ich sehe die methode nun deutlicher, in meinem fall irritierte sie ungemein (ihr erstes ziel) und im zweiten anlauf war sie wirksam.

die wirkung einer toten.

kann man über tod „sensationslustig“ reden (in der gleichen zeitung ein artikel über eine veranstaltung mit dem titel „leben und tod“) und wie geht das; auch hier wäre downsizing empfehlenswert, bescheiden, bescheiden und endlich einmal normal (nicht hysterisch, angstgepackt oder zynisch) darüber reden, dass ein leben, in dem der tod kein inklusiver teil ist (gedacht, gesehen, gelebt) kein leben ist, nur eine schreiende reklame mehr, wie man allem ausweicht, was zählt.

„zahltag“, sagte marie eines tages, als wir das thema streiften.

 

„was hast du noch zu verlieren“

Anouar Brahem, Blue Maqams gestern abend in der philharmonie. die musik löst bei mir einen ansturm von gefühlen aus, widersprechenden, streitenden, langsame beruhigung, magisch, es kommt mir hinterher vor, als sei ich stundenlang dort gesessen. versunken.

meine sehnsucht nach einer anderen welt, einer schöneren, einer wiederhergestellten, einer ohne kriege, ohne elend, aus dem dann noch gewinn geschlagen werden kann, ohne laissées pour compte, einer welt, in der die differenz (das anderssein, der andere, der fremde) als kostbarkeit betrachtet wird und endlich diese furchtbare tortur an tieren und natur aufhört. ich stelle mir eine welt im fluss vor und die braucht gegensätze, widersprüche, aber wie werden probleme gelöst, da gerade jetzt die lösung oft schlimmer ist als das ursprüngliche problem.

das kam hoch, bei den klängen, kein wunder.

The astounding eyes of Rita.

und dann die dummheit und verblödung, die zunehmende. man sollte sich nichts vormachen, diejenigen, die heuer von schulschwänzen reden, haben die in der schule was gelernt oder war das nur eine bestätigung von dumpfheit und denken bis zur nasenspitze. Oder ist das jetzt der in gerade dieser schule gebildete mündige Bürger, der sich aufgerufen fühlt, zu sagen, was sache ist, je beschränkter desto besser.

beim betrachten der fotos von der freitagsdemonstration der jungen überkommt mich eine gewisse schadenfreude, auch,  neben einer grossen genugtuung und einem etwas peinlichen impuls zur gewissenserforschung: was ist mit verantwortung, meiner, perönlichen und meiner leichtfertigkeit (die bizzare ungerechtfertigte hoffnung, das wird schon noch). mir fallen dann immer die blockbuster von jenseits des grossen teichs ein, darin retten ein paar helden die welt oder einer allein/eine allein, die sehnsucht nach dem erlöser nimmt immer verquerere formen an und man* kann weiter als zuschauer den sesselfurzer geben.

ganz frei bin ich nicht davon.

Waking State

wird die welt langweiliger (so Slavoj Zizek jüngst in der nzz), weil die frauen immer deutlicher und mutiger werden (sie nehmen sich etwas heraus und sie tun es nicht, um die männer aus ihrer krise zu holen, die eine allgemeine ist).

ich gebe zu, auch ich gerate ins schwimmen. aber was ist daran schlecht (oder gar langweilig).  „Mitunter wurde mir nämlich beim wilden Schwimmen in der Dunkelheit ein Licht aufgesteckt.“ (Laura in Irmtraud Morgners Hexenroman „Amanda“).

For no apparent reason

lasse ich mich auf ‚halsbrecherische‘ experimente ein (einfach die dinge zur kenntnis nehmen, zeuge sein, nicht abhauen (ein fast unwiderstehlicher drang, sich aus dem staube zu machen, so oder so) wenigestens den blick nicht abzuwenden, auch den in den abgrund der menschlichen (also auch eigenen) dummheit nicht / überhaupt: abgründe)

überhaupt freies denken (die grenzen des eigenen), und die weigerung, aus angst und verunsicherung denkzäune aufzurichten. von wegen ins schwimmen geraten: die lust daran. trotz allem und immer wieder.

Souvenance

und dann sehe ich mich aufeinmal als kind, und weil ein kind dazu gehören will, lernt es, ein junge, ein mädchen, oder was sonst, das ist dann schnell entschieden? ist es das wirklich? das leiden an diesen zwanghaften zuordnungen, mädchen sind so und jungen ganz anders? und dann läuft einem beim lesen so jemand wie Paul B. Preciado (Un appartement sur Uranus) über den Weg und das ist sofort wie schwimmen im meer und der horizont ungeheuer weit und die luft belebend und das licht kommt von ganz allein.

tief einatmen.

Toi qui sait (Le pas du chat noir)

„Endlos / von neuem anfangen“ (Rose Ausländer, Alt und neu, in: Im Aschenregen die Spur deines Namens, s. 198)

„was hast du noch zu verlieren?! also …“ („sieh“, marie)

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als rede ich von einem andern

 

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von einer reise.

man redet wenig, man macht, man arbeitet sich hänge hoch im schnee, ohne stöcke wäre es noch mühsamer, man schaufelt schnee vom rost, entfacht ein feuer, kocht kartoffeln, stellt die schwere pfanne auf und das ding fängt an laut zu brutzeln, danach sitzt man da und isst und blinzelt in die sonne, die berge sind dunkelblau und eisig.

man macht am besten, „man kann nicht immer reden.“ sind männer so?

hingegen mit einer frau unterwegs, der gleiche jahrgang, natürlich macht man nun auch, man geht einen steilen hang hinauf, zügig, man bleibt stehen und bewundert die aussicht, immer wieder zeigen und sagen und benennen, das passt mir, und unterwegs schliesslich die frage , was nach dem tod kommt, wie ich das sehe.

Ich beobachte mich, fast amüsiert, was wirst du sagen oder wirst du schweigen, es ist ein raues terrain und das, was ich „weiss“, was manchmal, in kostbaren momenten, aus der stille auftaucht, bewegt sich jenseits von worten, es liegt davor, in der schwebe zwischen empfindung und gedanke. ist zerbrechlich, mit vorsicht zu handhaben und ich spreche das aus, weil jemand, eine frau, aufmerksam zuhört und, so fühle ich, tatsächlich wissen will, wie ich das sehe, nicht bloss so zum reden und um  pausen zu füllen mit worten.

ernstfall also,  was wir gerade tun, es ist ernstfall, es gibt keinen zweiten versuch. ich gebe zu, ich bin etwas aufgeregt, als ich sage, dass in manchen momenten eine präsenz wahrnehmbar ist, aber nicht mit dem üblichen sensorium.

und während ich das schreibe, soll ich mehr sagen und nein, wird mir klar, diese präsenz will von mir, vielmehr „für mich“. beharrlich und stur dreht sie mich dem leben zu, „auch wenn es schmerzt“ und  „du schaust zuviel in den tod.“

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dass ich nicht höre und sehe und spüre oder nur halb, nur widerwillig irgendwie.

das richtige wahrnehmen ist eine erinnerung, sage ich, dort am berg, aus einer zeit vor ihrem tod. seither teile ich die zeit in dieses vorher und nachher  und das nachher war seltsam leer und kalt.

es muss schon sehr kräftig zugehen, damit  das erleben mich überwältigt wie  eben an diesem steilhang im schnee, dann schiesst eine freude am blossen da sein hoch, ja, so gewaltsam und  aufgestaut und zurück gehalten,  urtümlich, roh,  explosiv. während ich vor anstrengung keuche.

so auch als die frage kam, und wie siehst du das, das danach, da war ich  am hecheln und  keuchen und zwang mich zu ganz tiefen zügen.  nun kam  die fremde kreatürliche freude. und erst beim abstieg.

es hat nichts mit glauben zu tun. in diesem augenblick wendet mich eine kraft dem leben zu. dort, wie an einer grenze erwischt sie mich und ich kann nicht mehr ausweichen.

nachts höre ich wieder willig auf die geräusche, die nacht ist wie samt und ich versinke darin.

vielleicht liegt es  an dem kleinen ort, der eingebettet in einem bergrund gehalten ist und beschützt. in nebel und regen, oder sinken die wolken herunter, wird die landschaft durchsichtig, man blickt in eine andere welt. dort ist man verletzlich und muss  nichts verbergen.

vielleicht lag es an der begegnung. der andere, selbst der freund, ist der fremde zuerst und wenn er bekannter wird, wird man sich selber der fremde.

man, schreibe ich.

als rede ich von einem andern.

wenn einer eine reise tut.

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