fröhliche weihnachten

vergeblich, sage ich, träumen die leute nicht,. von einer einfacheren welt? von weniger mühen? leiden wowieso! aber nur spass oder freude würde die freude fad machen, weswegen die idee des ewigen lebens mit ewigem halleluia singen so wenig attraktiv scheint. aber selbst die ewigkeit kommt nicht ohne ewige verdammnis aus, sie braucht das höllenbraten, um sich engelsgleich abzuheben vom feuerpfuhl. daraus bezieht sie ihren appeal. der verblasst ist über die jahrhunderte. und heute kann man den allerhöchsten fanatismus von leuten, die sich als gottes interpreten wähnen, aus ziemlicher (medien) nähe mit ansehen. so war es auch einmal hier. es roch nach verbranntem menschenfleisch. sorry, ich lese gerade das buch von Helmut Lethen, Der Sommer des Grossinquisitors. Oder die Faszination des Bösen. ich war schon immer beeindruckt von der Passage bei Dostoïewski (sag mal, wie schreibst du das? Baer, der mir soeben über die schulter geschaut hat. wie denn, ich. so auf keinen fall, Baer). und im Faust ist Mephisto eindeutig die interessantere figur. Faust ist dagegen fast ein intellektueller Langeweiler, ernst, zu tiraden geneigt, auch wenn sie was haben. das sieht man vor allem sofort auf dem theater, etwa in der Steinschen inszenierung in ganzer länge, I und II.

nicht verstanden, sage ich, als Baer darauf aufmerksam macht, dass meine these, verlängert in die gegenwart, mörder und kriegstreiber zu interessanten figuren erhebt. nein, wirklich, sage ich, das ist eine unterstellung. ich rede gerade von literatur. ja, sagt Baer, typisch, wenn es hart auf hart kommt, reden sie sich mit Literatur heraus. ich rede mich nicht heraus, sage ich, ich rede von literarischen figuren, weder von P., noch von X, noch von den bärtigen unholden am Hindukusch und nebenan.

das solltest du aber, sagt Baer.

ich bin sprachlos.

dann lenke ich ein oder tue wenigstens so. dieses böse, sage ich, wie es von den wenigen fernsehbildern herüber kommt, zeichnet sich durch eine fürchterliche inszenierung aus. P. auf besuch beim nachbarn: mir stellen sich die nackenhaare auf, die grässlichen lokalitäten, die uniformen, die gesichter, männer, keine einzige frau sichtbar, die kochen wohl gerade und wickeln die babys oder sie beten, der oberpope segnet die patriarchalische bescherung ab, während die herrschaften über den noch effizienteren tod reden. von welchen dämonen sind die besessen?

Baer: dämonen? von der geilheit der macht und zerstörung sind die besessen. jemand sagte in einem interview, ein spezialist natürlich, die seien von realitätsfernen obsessionen besessen.

sind die analysten und strategen auf der „guten“ seite ganz frei davon, von deiner realitätsfremdheit, sage ich.

Baer ist empört.

ich versuche eine diversion. von unten betrachtet, sage ich, also aus meiner perspektive, lernen wir allmählich die rechnung kennen, sie ist gesalzen. „europa wird verarmen.“ kernsatz. es wäre allerdings verblendung zu behaupten, das käme nur vom krieg in der Ukraine. mir fällt in dem zusammenhang 2008 ein. und nun sagen die wirtschaftler, nicht sparen, raus mit dem geld, konsum. und gleichzeitig heisst es, auf keinen fall, das ruiniert uns ökologisch. woraus ich schliesse, wir haben ein strukturelles problem, ein systemisches. nur, dass der krieg, den es die ganze zeit irgendwo gegeben hat, nun an unsere grenze gerückt ist, also kein irgendwo mehr. das erinnert mich im übrigen an das kleinbürgergespräch über den krieg in der Türkei in Faust I.

(die gewisse agressivität, die sich im gespräch mit Baer zeigt, hat mit dem winter zu tun, mit der dunkelheit, meist löst sich die spannung um die wintersonnenwende, auch wenn es nur wenig mehr licht gibt. manchmal explodiert auch die aggressivität um den familienweihnachtstisch, so dass mit weihe und friedensfest nicht viel ist. und in diesem jahr kommen zur winterdunkelheit, dem grau und regen noch die diversen krisen dazu. man müsste zum weihnachtsessen alle potentiellen hieb- und stichwaffen verbannen und in kluger voraussicht mit den fingern essen.)

Baer schaut mir noch immer über die schulter, registriert, dass ich unser „gespräch“ aufgezeichnet habe und schüttelt unwillig den kopf; ich sehe es, denn ich habe mich zu ihm umgedreht.

ja, sagt Baer, man sucht nach feinden und feindseligkeiten. man ist irritiert. jedesmal, wenn ich abends um acht nachrichten schaue oder höre oder lese, brauche ich zwei stunden wenigstens, bevor ich zu bett gehen kann. lesen hilft nicht. die explikationen kommen einem oft spanisch vor. die experten pflügen ihr feld und ihre furche und man vermisst das ganze, das zusammendenken, wenn ich das höre, wir brauchen jetzt verstärkten konsum, sonst schlittern wir in die stagnation und rezession. ist das nun wissenschaft oder ideologie. von den internationalen ökokongressen erschallte eine ganz andere melodie. das weihnachtsgecshäft ist mies, heisst es. was denn nun. und ich wette mit dir, dass die expertInnen auch darauf eine verzwickte antwort hätten. etwas relativierendes, sophistisches.

ist das der festton, sage ich. du wirst ein gesprächsgefecht verursachen, wenn du in dem geiste…

jajaja, sagt Baer. ich mache übungen, gehe viel und schnell durch die stadt, in wald und flur. ich meide nachrichten seit einigen tagen. aber gewiss wird ein gast sich nicht an meinen vorsatz halten, keine fehde vom zaun zu brechen. es gibt einige hitzköpfe unter den geladenen.

deseskalation, sage ich. du kennst mich schlecht!, sagt Baer. es braucht nur einer den richtigen einstieg vorzulegen und ich steige auf den zug. dann fliegen die fetzen, sage ich. ja, zumindest verbal. meine mutter hat letztes jahr einen ihrer schönen teller auf den boden geschmissen, weil es ihr reichte. die streithähne waren beschämt. die, die bisher den mund gehalten hatten, haben danach zivilisiert miteinander geredet. wir streithähne geschwiegen. sie hätte uns sonst aus dem haus gewiesen. teller schmeisst sie nicht jeden tag.

singt ihr weihnachtslieder? jemand hat mich das vor kurzum gefragt. ich habe nicht lange nachzudenken brauchen: wir haben noch nie weihnachtslieder gesungen, weder in der herkunftsfamilie noch in der aktuellen. wir haben musik gehört, Bachs weihnachtsorratorium und den Thomaner Chor mit den Klassikern. aber wenn die kinder mit ihren kindern ankamen, war es mit dem weihevollen sowieso vorbei, dann herrschte kinderchaos. weihnachten ist chaos, ein freundliches muss ich sagen, manchmal gibt es ein geschrei, weil einer die spielsache nicht hergeben wollte oder weil eine hingefallen ist. aber auch das war im rahmen des friedlichen. manchmal gab es wüste diskussionen, aber auch erst, wenn die vieille prune aufgetischt worden war. es gab genecke, aber keinen krieg. es lag an den rollen, die von den beteiligten gewählt worden waren. das war eine verlässliche sache, man wusste jederzeit, woran man war, die repliken waren fast vorgegeben. spät in der nacht flaute die fechterei ab, die beteiligten waren ermattet vom schnaps, schliesslich wurde die versammlung aufgelöst.

nun sind die jungen dran, sie haben familiäre diplomatie drauf, ecken und kanten werden elegant umrundet. man freut sich, dass man zusammen ist, das chaos hat sich ausgeweitet und vertieft. neun enkelkinde sind zugange.

Baer hatte sich kurz entfernt. nun steht er wieder hinter mir und schaut mir über die schulter.

ja, was feiert ihr denn, sagt er.

das kind, sage ich, das neue licht, den funken in der dunkelheit. also heidnisch, sagt Baer. was heisst hier heidnisch, bist du etwa einer von den weihnachtskatholiken, für die waren alle andern heiden, götzenanbeter und schlimmeres, mit feuer und schwert. wir feiern den frieden und das friedliche zusammenleben. den neuanfang, wenn du so willst.

entschuldigung, sagt Baer.

das geistige, sage ich, ist auch das sinnliche. wenn wir den geist überall und in allem sehen würden, hätten wir die suppe, die wir nun auslöfeln müssen, nicht angerichtet. wir haben irgendwann begonnen, uns in der menschenwelt abzuschotten und nur noch den nutzen zu sehen. dass die dinge ausser uns ihren eigenen wert und ihre eigene schönheit haben, fällt uns etwas spät ein, wenn es uns überhaupt einfällt. die dinge ihrer selbst wegen zu achten ist unserer grapscherökonomie völlig fremd. und ökologie vertreten wir ja nur deshalb, weil uns der arsch auf grundeis geht, weil der ausgesandte boomerang uns nun von hinten trifft. und wir tun auch noch überrascht. die meisten fernsehsendungen zum thema haben auch etwas unheimlich verlogenes, vorgetäuschte überraschung und nun panik, angst und depression. selbstlüge ist eine starke eigenschaft der spezies. rational geplante irrationalität, könnte man fast sagen. mathematisiert. digital. nach den grossen kongressen nun die botschaft, spart nicht, schmeisst euer geld hinaus, das system braucht es, sonst …

du bist mir vielleicht in einer stimmung, sagt Baer. ist doch wahr, sage ich. wirst du dieses menü beim weihnachtsessen auftischen, sagt Baer. umhimmelswillen, sage ich. du kommst garnicht zu wort. ausser wenn gegessen wird, herrscht kinderchaos mit eltern ermahnungen. X hat Y eine ohrfeide verpasst, X wird beiseite genommen und beredet. Z schreit, weil sie nicht bekommt, was sie will. tröstliches eingreifen des zuständigen erwachsenen. lachen und toben und geschrei. ich schaue amüsiert zu, versuche es jedenfalls, ich habe es mir vorgenommen. ich versuche vor allem, durch meine einfälle das chaos nicht zu vergrössern. vielleicht, wenn es denn gelingt.

geschenke? fragt Baer. bücher, sage ich, nur Bücher.

also bücher und keine weihnachtslieder?, sagt baer.

ja und zwei menüs, sage ich, vergan und fleischlich. und das verträgt sich, sagt Baer. friedliche koexistenz, sage ich, kein kalter krieg.

na denn, sagt Baer.

fröhliche weihnachten, sage ich.

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