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about zum dritten: was treibt mich an, diesen blog zu bloggen und mir die seele aus dem leib zu schreiben, ich meine, mich blosszustellen und wer hat angst wenigstens an den rand der lächerlichkeit zu geraten? die ausgangsfrage ist einfach, was wäre eine kultur, die des todes eingedenk ist. da ich diese frage nur stellen, aber nicht beantworten kann (oder will, wer bin ich denn), erlaube ich mir immerhin, zu fragen, was macht mein leben ohne todesphobie (eine hypothese). wie verändert mich der tod von marie, was heisst es mit dem tod zu leben. was heisst todesbewusstsein. was ist das dann für ein leben. und was geht das einen blog an.

an erster stelle, maries tod hat meine angst vor lächerlichkeit verjagt, sonst könnte ich nicht ungeniert schreiben. zugegeben, ich wollte schon aufhören, es langweilte mich aufeinmal, ich funktioniere nach dem flut-ebbe prinzip und gehe nicht mehr dagegen an, ich habe aufgehört, das zu pathologisieren. ich schwanke zwischen schreibeuphorie und schreiben geht mir am arsch vorbei, ich bin leicht zu begeistern und leicht wieder gelangweilt, so kann man die welt nicht retten. wie sagte schon der mann mit der obsessiven neurose, nach der therapie, es macht mir nichts mehr aus: das ist eine wirkung von marie und ihrem abgang, dem ich zugesehen habe, viel konnte ich nicht tun, ich hätte wenigstens sie gerne gerettet, aber das ging auch nicht, nichts hat sie retten können.  marie ging vor meinen augen zugrunde.

nach ihrem tode habe ich das gemacht, was ich vorher nur einmal ernst betrieben habe und sonst immer wieder nebenbei, ich habe nie damit aufgehört, ich habe geschrieben, weil das das einzige war, was noch richtig gut ging, jeden tag seither, auch wenn ich nur bruchstücke davon auf den blog bringe. ich habe keine ambitionen, jedenfalls nicht die, ein schriftsteller zu sein oder so was ähnliches, natürlich will ich keinen bockmist produzieren, davon gibt es übergenug. ich beschreibe meine erfahrung, die sich zusammenfasst in dem satz, marie ist tot. frage mich keiner, warum ich das auf einem blog tue, irgendetwas treibt mich dazu, ich habe mir selber einen fatalen hang zum exhibitionismus vorgeworfen, eine umfangreichere narzistische störung diagnostiziert, aber das hat nicht geholfen, beziehungsweise den schreibimpuls nicht weiter gestört, er hat sich nicht verlaufen, aber es könnte sein, dass ich übermorgen aufhöre und auf eine kleine insel emigriere, weil mir in meinem kaff die autos und die autofetischisten immer mehr auf den geist gehen. dann würde ich sicher einen blog über das krasse inselleben anfangen, weil ich die einsamkeit nicht aushalte und mich nicht mehr über die autoidioten beschweren kann (in meinem kaff hat jüngst ein idiot im auto einen fahradfahrer, velozyklisten, velozypeden mit einer schreckschusspistole bedroht, (was dieser nicht wusste, natürlich nicht, dass es keine echte knarre war) weil der ihn am rasen hinderte. fahrradfahren ist jedenfalls die zukunft).

über den tod maries beschwere ich mich, das haben clevere leser bestimmt schon herausgefunden, und insgeheim beschwere ich mich bei ihr, dass sie mit dem tod abgehauen ist.

ihre krankheit hat mich in angst und schrecken versetzt, nicht nur weil sie marie dahin gerafft hat, sondern weil sie maries körper so schlimm entstellt hat, dass ich marie auf ein haar nicht mehr darin wieder erkannt hätte, sie hat sich so schnell so furchtbar verändert, diese krankheit ist ein selbstmordattentäter. ich hatte am anfang der krankheit schwierigkeiten die krankheit und marie auseinander zu halten und marie als marie zu behandeln und nicht als eine mir nun unbekannte person, weil sie diese krankheit erwischt hat; als ich mir dessen bewusst wurde, nach kurzer zeit gottseidank, das muss ich sagen, habe ich marie wieder anfassen können.

jeder weiss, dass er sterblich ist. aber das ist so lange theorie, wie kein sehr nahestehender mensch stirbt (was das wieder für ein blöder ausdruck ist, ein mir nahestehender mensch: ich suche noch immer nach einer sprache, die meine beziehung mit marie, wieder so ein unding von wort, beziehung, also, ich suche nach wörtern, die “marie und ich” beschreiben, einigermassen nahe, so nahe es geht, weil es der grösste teil meines lebens ist).

trotzdem behaupte ich, ich tische hier keine erinnerung auf, denn damit gehe ich sehr vorsichtig um. ich erlebe erinnerung als eine attacke ohne warnung, die ausgelöst werden kann durch etwas beliebiges, mal dies und mal das. fotos zum beispiel sind tückisch in der hinsicht, selbst wenn marie nicht drauf zu sehen ist.

aber nicht deswegen bin ich zurückhaltend mit den erinnerungswesen. wenn sie kommen, sind sie eben da, ich stelle mich dem, sehe aber keine veranlassung mich dabei aufzuhalten, ich will nämlich nicht darin untertauchen und das leben verpassen. ich habe keine memoiren vor oder sowas, ich beschreibe meine erfahrung, die ich jetzt mache.

ich habe gemerkt, ich bin kein geschichten erfinder, dazu habe ich weder die ausdauer noch das interesse, noch vor allem das talent, aber ich merke doch auch, dass ich am geschichtenerzählen nicht vorbei komme. zugleich hebe ich mir  noch verborgene geschichten (ich verberge sie vor mir) ins bewusstsein. ich merke, ich bin eine geschichte, nun eine mit ohne marie und doch ist sie dabei, es ist ganz vertrackt, die anwesende abwesenheit eines toten oder die abwesende anwesenheit, wie auch immer, marie ist weiterhin eine präsenz.

sie ist da und nicht da, wenn ich meine neugeborne enkelin in augenschein nehme und mich freue und gleichzeitig an marie denke und traurig bin, beides zusammen und untrennbar, die realität ist die wirklichkeit des widerspruchs, das meine ich, deshalb halte ich den begriff das leben der toten nicht für blödsinn, was ich aber nicht annehmen kann, dass die toten bloss in der erinnerung weiter leben sollen. erinnerung ist auch nur eine geschichte. aber ich erzähle mir jetzt-geschichten, marie erzähle ich sie und mir und noch einigen leuten wohl und das freut mich.

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foto: marie z.