das lächeln des verschwindenden: kleine sommerchronik

dorfidylle, drapiert um einen bach (mit furt, kunstvoll angelegt) mutet einen unwirklich an; der nachbachort mit bahnanschluss liegt gleich den hügel hinunter. das alte leben ( sehr kleine, kleine und grössere landwirtschaft in fast allen häusern) ist natürlich (?) weg, die häuser sind bewahrt, weiss, schiefergedeckt und nun fand dort ein kleines fest statt, ein rummel, wollte ich sagen, in der ankündigung stand was von kunst. vor allem ging es um die kunst, grillwürste zu besorgen und kühles bier. naja, es gab schon ein paar interessante sachen, kurioses vor allem und kitsch, eine menge. das eigentliche (?) kunstwerk jedoch war das dorf, das sich zeigte und regte, eine durchaus lebendige entität, auch wenn der begründete verdacht besteht, dass viele der kräftigen häuser von auswärtigen bewohnt werden, einigen auch, die nur am wochenende kommen und die woche über verschwunden sind… mit kunstwerk meine ich, in eine senke hineingepasst, als gehöre es dahin und umgeben von steilen hügeln. ein reiner genuss dort auf und ab zu gehen.

hinterher ist man erschöpft von den vielen menschen, den geräuschen und der sonne (trotz hut und leichter bekleidung).

ich wundere mich, beim hinschreiben und beim plötzlichen erinnern, dass mich der besuch dermassen beeindruckt hat.

weil mich der anblick des dorfs in meine kindheit gestüzt hat? oder weil einmal wenigstens eine dorfarchitektur nicht misshandelt und verschandelt wurde und wie jemand bei anderer gelegenheit sagte, sites et monuments, die zuständige behörde, dabei weggeschaut hat. wenn ich heute über die dörfer fahre, leide ich. nicht nur, weil man nicht mehr so recht weiss, was für lokalitäten das eigentlich (da ist es wieder) sind, sondern wegen dem sammelsurium an kuriosen baulichen erscheinungen.

manchmal hat man den eindruck, irgendeine kraft lege es darauf an, dass jeder sinn für kontinuität verloren geht, ich meine für geschichtliches gewordensein, so dass dieser neukoloniale anschein entsteht, als ei es schon immer so (hässlich funktional kastenförmig gewesen), vor allem, als müsse es so sein, als gebe es kein konzept, vor allem als gebe es nicht die abwesenheit davon, als seien wir gerade ganz neu auf einem (natürlich unbewohnten) M class planeten nach star trek manier gelandet und hätten gleich begonnen, in unserer unnachahmlichen manier einen ganzen planeten zu verunzieren.

dabei ist das keineswegs die grösste unserer untaten und unterlassungen. man vergisst sehr schnell, dass an anderen orten, zum beispiel in Uganda und im Congo menschen noch immer im stadium des reinen überlebens gehalten werden, während korrupte und unfähige „eliten“ sich den reichtum aneignen (darin äusserst fähig) und westliche konglomerate sich billig bedienen. (beim anblick des dortigen lebens gestern abend war ich wegen meinem eigenen vergessen geschockt.) nicht nur der blosse anblick des unnötigen elends tut weh, sondern auch der kontrast. und dass die menschen dort herzhaft lachen, trotz allem, versöhnt zwar nicht, aber es ist erstaunlich auf dem hintergrund des hiesigen griesgrams.

ansichten und überlegungen teste ich persönlich gerne auf die wirkung, die sie bei mir auslösen. war es bei RCE von Sybille Berg ein gelegentliches boshaftes gelächter und (meist) eine abart von depressiv schwarz gefärbtem höhnischem grinsen (das sich ungebührlich in den alltag fortsetzte, bei allen möglichen und unmöglichen gelegenheiten, auch meine eigene befremdung auslösend), bei Jakob Heins Hypnotiseur sympathetisches lächeln (entspannt gespannt, leichte sommerlektüre mit reminiszenzen eines memorablen besuch in einem verschwundenen staat) ist es nun bei der vita contemplativa von Byung-Chul Han tatsächlich eine grosse stille freude über die rechtfertigung gepflegter untätigkeit, die nicht infiziert ist von der tätigkeit, sondern im gegenteil diese erst inspiriert. ich werde ruhiger, stelle ich fest, die innere aufgeregtheit der letzten zeit legt sich etwas, ich lege das buch mehrmals zur seite, schaue mich um und denke an nichts; es ist still, von den wänden sehen mich bilder an; ich sage nicht, die dinge werden lebendig, aber sie scheinen kurz davor zu stehen.

der maler verschwindet in seinem bild, diese geschichte wird im buch erzählt, und das lächeln des verschwindenden.

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