eine schöne frau

Blumen stehen auf dem tisch, rot, rosa, umgeben von grün, das brennholz ist eingebracht, die bücher liegen zum lesen bereit, in einer tasse noch der café von gestern, auf der couch ein breiter streifen licht auch auf der roten kommode  und auf den grünen zungen der zimmerpflanze neben dem kleinen tisch, der stuhl ist beiseite gerückt, draussen knattert und kreischt ein helikopter, mal ferner mal näher, an einem der fenster, das nach westen geht, noch schlieren der nacht feuchtigkeit.

es sieht aus, als sei vor kurzem noch jemand da gewesen, als sei er vom tisch aufgestanden, habe den stuhl etwas zur seite geschoben und sei hinaus gegangen. die bettdecke ist halb zur seite geschlagen, das laken noch nicht glatt gezogen, der café nicht ausgetrunken, auf dem rücken der couch liegt aufgeschlagen ein buch, die poetik vorlesungen von Felicitas Hoppe, mitten in der zweiten vorlesung über seltsame amerika reisende.

es gibt keinen hinweis darauf, wohin die bewohner gegangen sind; war es ein vorläufiger aufbruch, ein überstürzter (der nicht ausgetrunkene café, das aufgeschlagene buch, aber das kann auch schon am vorabend an der stelle weggelegt worden sein, der leicht seitlich weggerückte stuhl, das ungemachte bett und zwei kleidungsstücke nachlässig über ein sofa drapiert) oder ein schon lange geplanter. und: werden sie zurückkommen, sich an den tisch setzen, einen frischen café auf den tisch stellen, werden sie vor allem in dem aufgeschlagenen buch weiterlesen oder bleibt das buch so liegen, wie es ungelesen da liegt, eine diskrete einladung auf dem frühlingsgrün der couch halb in der morgen sonne.

es ist still, auf dem schieferdach kratzt (sehr leicht) eine rabenkrähe, der helikopter kommt näher, fliegt jetzt über das dach, es dröhnt, die sonne hat nun die halbe westwand des raums erreicht und wirft ein geometrisches muster,

auf dem kleinen braunen holzregal neben der roten kunststoffkommode steht das foto einer lächelnden frau, auf dem weissen bücherregal an der hohen weiss gestrichenen ostwand schaut die gleiche frau, etwas jünger, im profil fotografiert nach norden, das foto ist verblasst. es ist eine schöne frau.

und sie läuft wohl mit

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(aus den poetik vorlesungen von Felicitas Hoppe entnehme ich den rat (sie gibt ihn nicht, sie beschreibt bloss „hoppe“), zum er überzugehen, zur gewinnung einer distanz und wer ist er eigentlich, von dem ich die ganze zeit schreibe, als wär er ein ich.)

was tut man in einem kleinen wind wie diesem und unter dem fast weissen oder sehr blassblauen himmel, rauch steigt kaum sichtbar aus dem schornstein gegenüber, gleich  neben dem baumwipfel, der sich im wind wiegt (und wieder still hält).

und dann vergisst man sich.

er schaut hinaus und sieht eine ebene, gras und bäume, er wandert über eine heide, keine hügel, überhaupt ist er meist unterwegs (so stellt er sich vor, eine fantasiereise mehr oder weniger).

man kann nicht erzwingen, dass die alten wieder wahrgenommen werden, die gesellschaft will jung sein, ab einem gewissen alter fällt man vom rand, ausgelagert, ausser sichtweite und wenig zu sagen, altersgebrabbel höchstens und warum sollte man denen zuhören, ausser man will was wissen über altwerden, niederlagen und tod und wer will das schon oder über die schönheit von bäumen und wäldern und parks?

eine scheinfrage. pas de suite logique dans les idées.

er sagt: unser leben erinnert mich an das kreuzfahrtschiff gestern in der zeitung und was wallace darüber schrieb, lustig, lustig, aber wie horror.

er geht manchmal in den garten und verschwindet dort an einem haselstrauch oder einem hollunder, dann taucht er für tage nicht mehr auf, er sucht nacht marie und kommt stumm zurück, hat er sie wirklich getroffen?

der baumwipfel, der tanzt im wind zwischen schornstein und lifthäuschen auf dem dach gegenüber, es ist ein wogen, ein sanftes hin und her, ein sehr elegantes, das kann er denken. aber was gerade vorgeht, in den köpfen von entscheidern, sogenannten, und politikern, das kann er sich nicht vorstellen, denn abwege kennt er nur in der form von holzwegen, plötzlich enden sie und du schlägst dich durch, da ging noch keiner oder nur wilde tiere, füchse und rehe und vielleicht ein wildschwein, eine bache mit den lustig gestreiften jungen, wenn es darauf ankommt, macht man sich am besten aus dem staub.

wahrscheinlich ist er in einer höhle am hang gross geworden, eine art erdloch zum teil in den schieferstein gegraben, mit holzpritschen um den zentralen stützpfeiler, ein knorriger eichenast, länger lebte er dort mit einer freundin, im sommer liefen sie unbeschwert umher und waren still, wenn oben, hoch oben auf dem pfad jemand vorbei kam, nur zum essen gingen sie nach hause, was man so nachhause nennt und es ist keins, und zum schlafen schlichen sie heimlich hinaus und trafen sich am hang, wer will schon sowas glauben, oder sie lagen unten am fluss und es wurde ihnen nicht kalt. sie erfanden eine eigene zivilisation und wörter bedeuteten noch etwas, fast waren sie eins mit den dingen.

hier ist das meiste nur schein, denkt er.

zwischen all den häusern und mitten unter den autos wird alles irreal, er würde sich gar nicht wundern, würden die strassen plötzlich aufhören und enden im nichts, nur schwärze.

weiss man inzwischen noch, was ein lächeln wert ist? er stellt sich vor, die wahlkandidaten lächeln den ganzen tag, auch auf dem klo oder allein in einem zimmer, selbst im schlaf lächeln sie weiter, ein dauerlächelkrampf.

deshalb geht er sehr ernst unter leuten, er lächelt nur noch heimlich, der katze zu oder dem eichhörnchen, unter bäumen lächelt er grundsätzlich, aber nur, wenn sonst niemand in der nähe ist.

er stellt sich vor im wald zu leben, am rand einer lichtung, denn es hat sich noch jemand gefunden, wie marie und doch ganz anders, oder auf einem berg, ziemlich allein, aber zugänglich, wenigstens  an einem hang, um zu tal gehen zu können und wieder hinauf, überall wo er ist, vergleicht er gefälle mit dem der kindheit, ist es steiler oder weniger steil.

es gibt keine echte wiederholung, denkt er. aber den wald , in dem er mit ihr leben würde (warum eigentlich kein er? wegen dem fehlenden kontrast?) oder sie mit ihm, kann er sich gut vorstellen, demnach keinen mit vielen pfaden, aber sicher mit hängen und schluchten, wenigstens einem fluss, einen tag zu fuss abseits, wegen den motorengeräuschen. wegen der nacht auch, der richtigen nacht.

gewiss, er hat zuviel robinson gelesen, immer wieder, er erinnert sich noch genau an das bild auf dem umschlag, aber man braucht die anderen augen und gesichter, sonst vergisst man sich und wird wie stein und flechten und moos, er träumt nicht von verwilderung.

er würde in der nahen stadt gehen wie in einem urwald, auf der hut und überwach, aber dahin würde es ihn immer wieder ziehen, auch wegen dem kontrast, den man braucht, wie ein ihm bekannter weitgeher bestätigte.

von marie würde er ein foto mitnehmen oder zwei, er würde sie nicht vergessen wollen und im grunde, das heisst, wenn er es recht bedenkt, ist er noch immer mit ihr unterwegs, das hat gar nicht aufgehört.

und einer hat auch gesagt, wenn man ihn unterwegs erblicke, habe man immer den eindruck, es gehe noch jemand unsichtbar neben ihm, so sehe er aus. nur er selber habe es noch nicht richtig bemerkt. aber dass er anders geht, das ist ihm schon klar.

immer mehr denkt er daran, wie jung sie war, für ihn war sie immer jung, mitten in der ganzen veränderung. es hatte mit gesten und bewegungen zu tun, die nur sie beide kannten. bei einer wie ihr, da will man, auch wenn man noch leben will, mitgehn, wenn sie weg geht. man spürt das jeden tag. man ist einfach so, wenn jemand wie sie tot ist. man hat vergessen, was es ist, wenn von sinn geredet wird und ziel. man sitzt in der sonne und geht im garten und man ist nun so, hier geblieben und mit weg gegangen.

man entfernt sich ein stück von allem, wenn eine wie sie nicht mehr da ist, das wollte er sagen.

deshalb wechselt er die strassenseite, wenn er an den schrillen gesichterwahlwänden vorbei kommt, wenn ihn auf der andern seite nicht weitere, aber diesmal überlebensgrosse gesichter anstarren würden, deshalb geht er schneller als ihm lieb ist, denn gerade scheint ihm die sonne ins gesicht und an der ecke stehen leute und er hört ihr reden fast nicht, weil er sich so beeilt, an diesem überlebensgrossen lächeln oder ist es nicht schon mehr ein zweideutiges grinsen, vorbei zu kommen. er hat fast keine zeit zum grüssen, so schnell geht er, fast ist es schon ein laufen.

und sie läuft wohl mit, wie er sie kennt.

am ende ist spinnen das eigentlich subversive

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gerade fährt der laster der müllabfuhr vor, klappern der container, das rollen auf  strasse und gehsteig, stimmen, lachen, ein geräuschfest am dienstagmorgen, noch mehr geklapper und rasseln, es ist kälter geworden und das ist mir vielleicht eine wichtige soziale tätigkeit (sollte ich beschreiben müssen, was passiert, wenn …).

der himmel ist so vertraut grau, ich habe mich vor dem ansturm der stimmen in den medien in meiner klause verkrochen, wenn der versprühte nebel des wahlgeschäfts sich verzogen hat, wird sichtbar werden, neoliberaler und neo-neoliberaler feschismus (e nicht a!), das ist in und man müsste unbedingt den begriff des populismus um diesen aspekt ergänzen (sozusagen die vorstufe davon): die reduktion von politik auf die darstellung von körpern in räumen, zum beispiel geneigt über babys mit müttern und auch das betatschen der kleinen finger und tirilli und tütata. gut angezogen oder salopp oder modisch verirrt, plump oder völlig geschmacklos, aber der gesichtsausdruck, ein kreuzchen oder zwei an meinem namen auf der liste. aber freundlich, lächelnd, entspannt, routiniert, was hat er/sie gesagt? nichts, small talk, sympathisch, was hat er/sie gemacht, hände geschüttelt, gegrüsst, politik als verführung, das balzen der kandidaten auf wald-und wiesenfesten, im profil, mit anhang oder allein, auf dem motorrad oder sportlich mit dem fahrrad unterwegs, braun gebrannt, mag lieber diesen als jenen maler, was liked er/sie, er/sie hat einen gewissen spröden appeal, auf jeden fall und für jeden geschmack etwas. worum gehts? business as usual, wirtschaft, neoliberal und bei dem wort reform zuckt man zusammen.

darf man noch sagen, dass man das reaktionär findet, eine entleerung, eine nullpunkt bewirtschaftung, und das finale: eine langweilige welt, der spass künstlich, die erregung autoerotisch, keine dürre prosa, nicht einmal das, sprachlosigkeit unter leerem gerede, das wesentliche: weiter so.

meine frage: was ist die triebkraft hinter all dem?

wenn ich in mich hinein höre (also die tägliche meditative nabelschau), ist es die angst vor der auflösung ins nicht und alles war eitel, das leben verpasst, versaut, platt gewalzt wegen dieser angst vor dem tod und der körperlichen auflösung in humus und was bleibt.

vor der urne mit maries asche habe ich mich das gefragt, man passt am ende in einen sehr kleinen raum und von dort ein licht auf das leben: die art von verdrehtem unsterblichkeitswahn, die die maschine antreibt, diese spürbare art sich festzukrallen, überall, das lebensvernichtende darin, der darin verborgene heimliche hass auf alles lebendige, körperliche, die reduktion des lebens auf wirtschaft, arbeit und sogenanntes vergnügen, die kompartimentierung von allem, bis in das denken hinein und dort vor allem, ist auch furchtbar lächerlich und erschreckend real. das ist heute das eigentlich numinose.

für einen alten spinner wie mich ist es auch furchtbar öde und langweilig.

ich träüme noch immer, unablässig eigentlich, von der infiltration einer aufsässigen, frechen, freudigen, subversiven … kunst in alle lebensbereiche, ohne ausnahme, wohlverstanden, ohne eine einzige ausnahme. damit das furchtbare gähnen aufhört: arbeit,effizienz, erfolg, optimierung, zum laufen ist das, zum lachen, himmelherrgottsakra, ist das ein leben? und die belohnung (nicht für alle, um gotteswillen, nur das nicht, plackerei also und sorge und man kommt zu nichts, sozialdarwinismus und augenstreuerei, damit die tretmühle auch weiter gutläuft): kauf du Arsch.

als marie tot war, habe ich endgültig gemerkt, dass ich das, was das leben zu einer runden sache (mit einigen ordentlichen zacken) macht, eben nicht kaufen kann. es ist nicht unter den möglichen anschaffungen registriert: dumm gelaufen.

und dann denke ich, am ende ist spinnen das eigentlich subversive.

 

 

 

Déi Lënk! Liste 8 demnach

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der morgen ist eine einbuchtung in den beginnenden tag, sie ist gerade gross genug, es reicht für einen ersten gang zu zeitung und café und einem ersten nichtverstehn. ich sehe nur noch einen haufen partikularismen, einzelinteressen, sie werden wütend verteidigt oder siegessicher und politiker aller couleur um einen behälter und die gesichter erwartungsvoll in die kamera und was passiert so aufregendes, wenn ich euch wähle.

ich bemerke zwischen dem, was ich sehe, medial vermittelt, zeitung, internet fotos und statments, und spüre (es macht mich ratlos) und dem, was ich gerade lese (eine studie über das moderne subjekt und die pornografie (die dissertation von svenja flasspöhler, „der wille zur lust“) und das gerade erschienene buch von charles eisenstein, „climate, a new story“) eine riesenkluft, um nicht zu sagen einen abgrund, unüberbrückbar (abgrund auch in der anhörung im amerikanischen kongress, die ich mitverfolge aus freundschaft und wegen dem, was sich darin zeigt, ein riss mitten durch die realität).

demnach, eine runde von politikern um eine grundsteinlegung, die gesichter heiter, freundlich und erwartungsvoll (wahlzeiten eben) oder zahlenspiele mit nicht existenten steuerlichen yoghurtgrössen (auch wahlkampf) und ich traue dem frieden nicht, es ist ein frivoles spiel und die erde bebt doch gerade?

nabelschau, wenn ich rückfrage bei mir, wie sich das anfühlt?

es macht mich ratlos, ich steige in dem fall lieber aufs rad und fahre dem wald entgegen, meist am morgen, um keine hundebesitzer beim waldgang zu erschrecken, ich bremse dann ab und sage manchmal sogar schuldbewusst: entschuldigung und füge hinzu, kleinlaut: guten morgen.

ich weiss nicht wieso, aber der wald beruhigt mich, ich habe das deutliche gefühl, willkommen zu sein, menschen erschrecken mich manchmal, die gesellschaft ein hüh, ein hott und kein plan (die betonung, wir haben doch einen, weist auf das gegenteil ist wahr). ich kann nicht sagen, ich lebe in panik, ich weiss, es gibt methoden der sortierung und standpunkte, vielfältige, und eine analytische fähigkeit und erklärungsansätze und eingreifnde ideen, welche die realität durchsichtiger machen, aber ich falle trotzdem über mein unverständnis wie jüngst mit dem rad über einen baumstamm an einer wendung des pfads und meine übersetzung war zu klein, kleinarbeit verlangt präzision, sagte ich mir, als ich da lag und das blut über die schuhe rann. im wald rapple ich mich dann auf und fahre weiter, inzwischen bin ich alt genug, um etwas wegzustecken, aber diese frivolität, die mir neuerdings entgegen kommt, die deklarationen mit leichter hand und fester stimme, die behauptungen und das rumoren rechts und dann links oft auch nur hilfloses fuchteln, das verstört mich.

wohin treibt der laden? und ich merke, er liegt mir doch am herzen, ich mag die gegend, aber sie ist weit und reicht über grenzen und ich liebe die sprachenvielfalt und was heisst es denn, wenn plötzlich alle erklären, sie liebten das land so sehr? was hat die zuneigung und liebe für konsequenzen und warum muss das ausgerechnet jetzt so hervorgehoben werden, diese unbändige liebe.

soweit ich weiss, schaut liebe genau hin, übersieht nichts, macht keine faulen kompromisse, ist wahr (bis zu den tränen), scheut abgründe nicht, kennt oder ahnt wenigstens, der andere hat auch ein dunkle seite. manchmal denke ich, unsere hauptantriebskraft ist die zerstörungslust, der natur, der sprache, des fühlens, der empathie, der einfühlung vor allem, der allerelementarsten, und der selbstreflexion, denn man sitzt ja nicht aussen von allem, man ist selber affiziert, hass ist ja nicht bloss auf der anderen seite, von wegen nabelschau).

der ausdruck eines guten bekannten als kommentar auf diesem blog hat mich, ich pflege eine gewisse ehrlichkeit, wütend gemacht oder sagen wir zornig, also, der hat doch gar keine ahnung und um das klar zu machen dies:

manchmal sitze ich da, schaue mir die realität an, die kleine, meine also, und die grosse und erkenne keinen sinn, beim besten willen nicht, ausser: eine maschine jagt sinnlos vor sich hin  (was sie tut ist kalt, sie zermalmt auf ihrem vorbeiziehn), dann sehe ich auch nicht ein, warum das sitzen noch sinn macht, das gehen, dann erfasst mich ein weh, das ein abgrund ist. irgendwann, keine zeit, nur das licht im zimmer hält mich noch, erscheint sie, marie, eine gedanklich sehr deutliche präsenz (auch gefühlt) und weckt mich auf von den toten, so dass ich im ernst sage, die kraft, die mich am leben hält ist sie, so einfach ist das und dann erst kann ich einen blick nach aussen werfen in diese sinnlos gewordene welt und fasse langsam fuss, behutsam, und traue der erde und sehe , dass es noch gutwilligkeit gibt und denkernst und schwarzen humor und dann sage ich trotzdem, ein trotziges trotzdem.

gestern ist der briefwahlzettel angekommen, heute morgen noch bringe ich ihn zum briefkasten, ich mache keine geheimnis daraus, in gewisser weise versteht es sich von selber, wir können uns gerne über meine gründe unterhalten (und meine einwände): Déi Lënk, Liste 8 demnach.

 

lichtspitzen

 

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ganz hinten irgendwo in einem lichtstrahl, sie, wenn ich die augen schliesse, ich lasse mich auf spiele ein, springe von einer lichtinsel zur nächsten. heute morgen war es schon schweinekalt, dafür das licht klarer, eckiger, geometrischer als je und reiner. glasklar demnach alles?

Langsam, behutsam.

die augen hatte ich noch nicht auf, da spürte ich schon das licht, das auf mich zukommt, nein, warte, in dem ich bin. aufklarung in meinem bewusstsein, sodann erste schritte, noch zögernd, alles verschwommen noch, lichtflecken, der bekannte raum, die umgehung, elegant, aller hindernisse (wie ich doch aus erinnerung bestehe, wie meine gedanken springen von einem ufer zum andern, wie ich sonst leer bin, dazwischen meine ich).

das chaos breitet sich aus, wenn ich die treppen hiuntergehe, ich liebe treppen, endlose treppensteige nach unten, wird alles unbekannter und chaotischer (in mir, draussen ist es geordnet wie immer).

länger weiss ich nicht, was ich heute soll, ich könnte nach oben gehen, zurück, aber der zustand des flackerns, bewusstsein aus , dann ein, die schritte um dinge herum? nein, ich gehe weiter, steuere auf eine öffnung zu in der wand und stehe vor einem tisch, darauf töpfe, tassen und bald der duft von café, bald eine zeitung, der tag beginnt sich zu ordnen, keine ausflüchte, alles fest, deutlich, keine rückkehr zu ihr und sie steht ganz hinten im licht.

aber das begleitet mich nun, durch den tag und sonstwohin, keine ausflüchte vor den üblichen notwendigkeiten, der schwerkraft zum beispiel und ich möchte doch fliegen wie ehedem, dabei bin ich, ohne es zu merken, alt geworden, ein gesicht, das davon redet, der körper sagt es auch, er verlangt licht und ruhe, ja, er schreit: still. ich entferne mich von wahlplakaten und lächelnden gesichtern, die mich anstarren, aufdringlich, und die geschichten erst, die sie erzählen. weg von dem lärm der strasse, den unnötigen autos, wieso eigentlich kein postkutschentempo, wieso eigentlich weg vom körper in die technologie, die unsterblichkeit des wahnsinns.

im süden vier wolkentürmchen, so harmlos sie scheinen, sie lassen an deutliches denken und eine spitze, eine weisse spitze am blassblauen himmel, dieses herbstblassblau, das ich so liebe.

und dann zieht das flugzeug vorbei und ich denke an den süden, aber diesmal das meer. als sei ich dahin gerannt, meine sehnsucht jedenfalls, zu sitzen auf den steinen und das wellengeplätscher und in der ferne, die feine linie des horizonts, um diese zeit würde ich dort schwimmen, ich empfinde es als schweben, als fast schwereloses gleiten weg von allem in etwas, das ich noch gar nicht kenne. wie ich die alten entdecker beneide, immer weiter weg von allem bekannten in ein anderes licht.

so kehre ich doch zurück und schliesse die augen und das blassblaue herbstlicht in mir und erste schritte auf dem kalten stein und die kälte, die glasklare, weckt mich auf:

der alternative nobelpreis für baumerwecken und -pflanzen und menschenrechtsaktivismus in der diktatur.

 

durchschreiten von räumen mit marie

 

 

 

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heute morgen in einem seltsamen traum aufgewacht, menschliche beziehungen und geometrische formen, komplex ineinander verschachtelt, und ich suche nach einem schlüssel und es zeigt sich ein haus wie das von eileen gray an der felsigen küste der bucht von cabbé und der schlüssel ist in miniatur wie das haus, eine weisse komplexe struktur und ich bin, im traum, der einzige, der die tür aufschliessen kann, halbtraum oder ganzer, ich weiss es nicht mehr, aber dann gelange ich ins haus und zuerst öffnet sich nur ein raum, den der mensch, der neben mir geht, bewohnt hat und nun einfach nur, weil wir  zusammen da sind, öffnet sich ein weiterer raum, er ist nicht von sich aus so gestaltet wie er nun erscheint, es ist unser beider innerstes nach aussen gestülpt und im ersten augenblick erschrecken, ist es auch schön, wohnlich, heimelig oder wars wieder nichts, das denke ich nicht allein, so als sei der mensch neben mir, es ist eine frau, schon öfter enttäuscht worden und nun würde unser beginnen zusammen weitere räume erschliessen, ein haus innen grösser und weiter als die äusseren dimensionen, eigentlich endlos erweiterbar in alle richtungen, aber immer eine art spiegelung dessen, was zwischen uns vorgeht und weder die eine noch der andere allein kann dies bewirken.

wie gesagt, ich weiss nicht mehr, wo ich aus meinem traum hinausgetreten bin in das halb geträumte, es war ein stufenloser übergang und ich lande bei den lektüren der letzten wochen, virginie despentes, siri hustvedt, ursula k. le guin, agnes heller und svenja flasspöhler (das hat angefangen bei julia kristeva und alenka zupančič) und der erwähnung fouriers in einem video (seine imagination der geschlechterbeziehungen hat viel von der geometrie meiner träume). oder das eckige des robert kurz, als platzten luftballons en série.

seither fühle ich mich als existentielles, ja was, loch, nichts, vide, eine stelle, wo doch/etwas/sein/sollte: navigieren auf sicht und ich lasse mich von gedanken gerne verführen, selbst wenn ich zerzaust wieder erscheine und geleert) und seither so seltsam verschachtelte träume, ein beginnen, ein rätselhaftes, eher als ein ankommen.

auch meine lektüren gehen seltsame wege, folgen synchronizitäten und der wirkung von fotos, videos, gesichtern, bewegungen, augen und, ich gebe es zu, kleidungsstücken, eindrücken, wer empfiehlt wen und wie bin ich gerade drauf und was geht mich an.

dann sage ich mir, etwas konfusion oder etliche fragezeichen kann ich mir leisten, ich meine sogar, ich geniesse es, mich verwirren zu lassen von gesichtern, gesten und gedanken, es ist ein lustvolles promiskuöses ineinander.

à propos, gestern bei der betrachtung eines wahlplakats, ein übergrosses, lächelndes gesicht, sagten die augen nicht was anderes als der mund?, kam ich mir vampirisiert vor, angesogen und dirigiert und ich sah mich schon neben einem namen ein kreuz machen und das war keine nette erfahrung.

dann lasse ich mich schon lieber in ein buch hinein locken,  ein delikates sinnliches erlebnis, ich spüre gute gedanken körperlich, ich sage nicht wo, denn es ist nicht eindeutig lokalisierbar, eher das panerotische einer brillanten gedankenwelt und ich muss nicht alles gut finden, aber mehrmals hatte ich das gefühlsbild, ich gehe mit der betreffenden person an einem fluss unter bäumen entlang oder sitze an einem meer auf steinen, der wind und die wellen, manchmal auch an einem hang unter einem baum, das gras braun und trocken und der duft, das summen und sirren eines sommers: wir reden, denn ich empfinde im guten fall lesen als reden eines andern und ich höre zu, spüre meine inneren regungen, fragen tauchen auf, werden beantwortet oder bleiben in der schwebe, gedanken bekommen langsam aber gewiss einen körper, eine stimme, eine bewegung, ins leere oder ins bedeutende. ich werde selten enttäuscht, wenn ich solche wege gehe und eine/einer neben mir.

eine weile verschwinden und anderswo auftauchen, an flüssen und meeren der erinnerung, seltener ist es ein raum und zwei espresso tassen und gemurmel am nebentisch und gelegentlich blicke.

ein verschwinden in einen traum und sie erscheint, marie, kein genaues bild, nichts fotografisches, das leben mit ihr ein komplexes arrangement, eine durchsichtig feine funkelnde tönende struktur und gleichzeitig ein sinnliches (auch ein schmerz).  die erschliessung immer weiterer räume und deren farbe und landschaft (das hat nicht aufgehört, aber nun abstrakter: wie ein bild von  leger oder malevitch oder lieber doch klee?), eine nicht endende erkundung, ein gleiten, ein driften auch, einmal angedacht läuft es von selber.

 

 

dies angemerkt zur ehrung von marie

die oktoberwahlen nahen heran und ich fühle mich unwohl, heute morgen beim brötchenholen alle diese gesichter von den plakaten und mir ist doch ganz privat und persönlich und ich weiss genau, ein gespräch über bäume ist ganz sicher kein verbrechen.

aber dann die sprüche, bei denen ich gottseidank nicht dabei war, diese verschiebung in eine perfide richtung, dieses rutschen von begriffen ins unsägliche und die scheinen genau zu wissen, was sie wollen, während auf der anderen seite diskutiert wird, ziemlich schroff für meinen geschmack, ob das noch normal rechts ist oder schon rechtsradikal, gar schon faschistisch. als ob es auf jener bahn nicht ein gleiten gäbe, in abgründe.

Agnes Heller, und sie muss es ja wissen, erinnert (in der ungarischen situation) an die wichtigkeit von humor, gerade in zeiten wie diesen und angst ist vielleicht keine gute beraterin.

was gibt es denn noch ausser dem neoliberalen block (zu dem auch das rechtere zählt, was auch immer die sonst noch erzählen von drohendem sprachverlust und flüchtlingsflut und identität, natürlich aufgrund gewisser vorkommnisse in der vergangenheit etwas subtiler und scheinbar geschliffen-harmloser), in den auch die grünen regierungshalber und natürlich mit argumenten abgewandert sind (tatsächlich ist eine gute trambahn gut und gute fahrradwege und stadtparks und sauberes trinkwasser, aber daneben …)?

sozialdemokraten! (ich meine nicht jene, die längst neoliberal konvertiert und seither schrumpfen, ich weiss, ich weiss, es gibt noch soziale forderungen), ich meine jene, die aussehen (programmatisch) wie sozialdemokraten noch vor etlichen jahren (dort nannten sie sich sozialistisch und arbeiterpartei). das wird übrigens heute linksradikal gescholten, so gleiten begriffe auch auf dieser seite …

natürlich weiss ich, ich tauge nicht für partei und eine einzige meinung und abweichungen für den nächsten kongress, aber dann fehlt mir doch der gesprächszusammenhang, der versuch die dinge zu vertiefen, statt bloss argumente zu verschiessen, man weiss schon, die eingreifende, verändernde idee. und das reden zusammen, die umkreisung des themas. das war mit marie möglich, wenn es in den schlagabtausch abrutschte, bremste sie mich aus, es passte nicht zu unserer vereinbarung. dazu gehörten auch gefühle, ja, diese bildeten oft den ausgangspunkt und ich habe es schon mal geschrieben, das private und das öffentliche war nicht zu trennen, wir gingen nicht davon aus, dass unsere befindlichkeiten privat waren statt ein phänomen der welt, in der wir lebten und zu der wir gehörten.

und ich muss sagen, mein gefühl ist, naja, mulmig, unbehaglich, queasy, uneasy, bedenklich und weiter auf der rutsche der bedeutungen:

keinen wirklichen grund sehe ich, meine/unsere einsicht zu wahlen in der jetzigen konjunktur der kapitatistischen entwicklung zu revidieren, jedesmal in den letzten jahrzehnten fragten wir uns, marie und ich, ob wir uns den urnengang, den sogenannten (als begriff ist urne nicht schlecht, da geht angeblich meine willensbekundung hinein und  wird danach offensichtlich begraben), nicht ersparen sollten. seltsam, die leute, die zu den urnen schritten, sahen immer so sonntäglich erwartungsvoll und bedeutungsschwanger aus, als stehe wirklich etwas auf dem spiel und diesmal was? einige rechte und ultrarechte stimmen mehr und einige schrumpfungen und ansonsten business as usual, und das heisst eine menge ungewissheit mit rechtsdrall.

ich muss doch auch gähnen, entschuldigung, und sehe mich jetzt schon zögern und rumlavieren und am liebsten schriebe ich mist gross über das grau kartonierte ding und fuck. aber das ändert bekanntlich auch nichts.

und doch gab es, an den rändern des wahlkampfs, ein highlight, ein regelrechtes, ein wirtschaftsführer (o pardon, ist das eine angemessene terminologie?) stellte klar, wirtschaft hat mit moral nichts zu tun (nachdem bekanntlich schon die gewaschene lüge zum legitimen politischen instrument erklärt wurde und der wirtschaftsminister dasselbe gesagt hatte, souverän ungeniert). es gab übrigens keinen aufschrei, weder aus der wirtschaft noch von den obermoralisten der nation. unter moral wird offensichtlich was ganz verschwurbelt feierabendliches verstanden, also trampel nicht im vorgarten des nachbarn herum, aber die wirtschaft eignet sich immer mehr lebensbereiche an, verwandelt quasi alles in eine profitable dienstleistung und ethik hat damit nichts zu tun? ich finde ein solch kompartimentiertes denken äusserst interessant, wenn man das noch als denken bezeichnen kann und nicht als reinen zynismus und hohn, der als das normalste der welt daher kommt. soweit ich das verstehe, regiert dort ein gott, der heisst deregulierter markt, jenseits von gut und böse.

natürlich ist das keine neue erkenntnis, ich lese gerade im Renert folgende passage (das buch ist ziemlich identitätsstiftend und ein sprachfänomen erster rangordnung übrigens auch, echt patriotisch):

„an no der priedegt gunge / wi englen s’all eraus / mä schuns beim weihwaaschkessel / fängt kuoder sech eng maus.

de wollef frësst e lämmchen / den tiger zraisst eng kouh, / den huer de plèckt eng pöllchen / an nach eng dauf derzou.“ (Michel Rodange, Renert. Oplag 1968, erausginn vom J. Tockert, S.39)

und dass der drecksack, der moralisch unbedenkliche, eine politische karriere machen kann, ist dort auch nachzulesen.

Nicht dass ich meine, kapitalismus sei je eine moralische angelegenheit gewesen.

dies angemerkt zur ehrung von marie und unsern regelmässigen erörterungen der lage.