geschüttelt und gerührt

interessant, wie ein kleiner zwischenfall einen aus dem gleis haut. ich bin mit dem linken fuss beim letzten treppenabsatz in den garten (während ich telefonierte und meine vierjährige enkelin kommentierte, „endlich rufst du sie an“, kurz vorher hatte sie entschieden erklärt, „ich bin gar nicht dumm, ich bin ziemlich schlau.“) ,zack, umgeknickt und zuerst hats nur ein wenig geschmerzt, aber zwei stunden später konnte ich kaum noch auftreten (in der nacht keine schmerzen, also alles nur halb so wild, habe ich gedacht, während ich schlaflos wälzte und natürlich der chaotische angriff aller möglichen sorgen, flankiert vom ringen um die contenance, negation der negation).

alles nur halb so wild, dachte ich beim ersten augenaufschlag, aber dann spüre ich schon die erschütterung, sie steigt aus dem ganzen körper auf und hat längst gefühl und bewusstsein besetzt, ich stehe, obwohl gar nicht viel passiert ist, neben allem und bin befremdet, verstört könnte ich auch sagen, während ich gestern noch die selbstverordnete ruhe genoss, um die Hegel biografie zu ende zu lesen, als sei das ein krimi. (ist auch einer und die protagonisten: geist und begriff). dabei ist meine Hegel kenntnis äusserst bescheiden, um nicht zu sagen inexistent.

gestern hat die lektüre mich gehalten, aber heute fühle ich mich wie aus der welt gefallen, durchgewalkt, verunsichert, um mein vertrauen betrogen. zwischen seelisch-geistigem und körperlichem nicht der geringste gegensatz. also wacklig, in jeder hinsicht.

als sei ich mitten in den herbst gepurzelt, ohne übergang und alles verschmiert grau und der garten leblos.

die fassung ist weg, der café überhaupt noch kein trost. ich lese bei Sun Tzu über direkten und indirekten angriff und komme zum schluss, der direkte ist eine klare sache und trifft (noch nicht wirklich), aber in der nacht, indirekte attacken und hinterhalt und morgens eben wie geschüttelt und wie umgerührt ebenfalls. ausgesetzt.

der erste café, wie zum beweis fade, berührt mich nicht.

dann erst, langsam, sehe ich den helleren streifen am horizont, höre stimmen aus den gärten und das rauschen und hämmern von der nahen baustelle und als sei die ganze szenerie aufgewacht, aufgetaut, schnippelt der nachbar eifrig, hingegeben an rosensträuchern und ich hole humpelnd, versteht sich, noch einen café.

aber normal ist alles noch längst nicht.

man geht dann sehr vorsichtig, schaut sich um, als sehe man alles (alles!) zum ersten mal und man ist nicht begeistert, sondern sehr unangenehm berührt, als sei etwas unwiederbringlich dahin. und die melancholie schwappt über.

ablenkungen? pah! schon lange habe ich keine solche lust mehr verspürt mich wach zu halten, vertrackte lektüren zu pflegen (danach, nach dem Hegel buch von Jürgen Taube, Slavoj Zizeks « Hegel im verdrahteten Gehirn », obwohl oder gerade, weil ich den verriss gelesen habe). mich erinnert die prozedur an den Freiherrn, der sich am eigenen zopf oder geist aus dem sumpf gezogen hat.

denn wo, wenn nicht in der republik des geistes, aber kontrovers, durchaus, und gegensätzlich, ist noch eine paradoxe gewissheit und also sicherheit gewährleistet, denn hier betreibt man die verunsicherung selber, man setzt sich freiwillig aus, man erschüttert sich mit lust und die erfahrung, sie heisst „wird erschüttert“, ist nicht bloss fremde einwirkung , sondern von mir selber in bewegung gesetzt.

so räsoniere ich beim dritten café und nun schon belebter.

langsam gewinne ich wieder die oberhand.

für wie lange.

im garten sitzt man kühl

rosa streifen auf grau, gegen sechs, dunkelgrau getupft am horizont, östlich natürlich, breitet sich nach westen aus, triumphal, der tag ist frisch, nicht einmal ein windhauch, aber rauschen, ununterbrochen, ein ferner strom, reisst nicht ab. erster café, auf den zehenspitzen geholt. das haus schläft noch. gegen halbsieben ist nur der himmel bewegt, der garten wie erstarrt, grüner stillstand.

ein flugzeug zieht eine gerade linie durch den horizontstreifen, den weisslichen aufstrich im wolken sandwich. manchmal schwillt das rauschen an, wird fast ein dröhnen. selbst das wolkengrau wirkt dunkel eingeblaut morgens gegen sieben und in der ferne rauscht es, anhaltend, nachdrücklich, wellenförmig. am horizont und in den wolkentupfern andeutungen von gelb.

wohin fahren sie nur alle. aber klar, sie sind unterwegs to make a living. oder fahren sie weg, kommen sie zurück.

noch ist august, der sonderbarste seit langem, noch ist alles zwischen klammern, zwischen anführungszeichen, aber wie auf dem sprung schon.

es ist windstill, das fällt plötzlich auf, nach dem reissen und anrennen der letzten tage, etwas verstörend.

und es regnet noch immer nicht, fast ist regen schon eine ferne fantasie und noch reden die wolken nicht einmal andeutungsweise davon.

an café terrassen ecken fallen menschen plötzlich um und bluten. abends liest man, wie der Schwitters langsam verlöscht.

Odilon Redon hat himmel gemalt wie den eben entstandenen und mitten hinein fährt ein sehr hell ausgeleuchteter kondenstreifen.

gestern abend eine kurze gesprächsrunde über wirtschaft, so kurz, dass die beteiligten sehr schnell reden, sich verhaspeln und wörter verschlucken, relance, croissance, chômage, épargne, état, consommation, eine wirtschaft ganz in klammern und akkoladen gesetzt, ganz für sich, wie eh und je, ganz abgeschottet vom rest, als rede man über den mond, so fern (und doch so nah), so kühl auch. während der debatte vergesse ich den redeinhalt und schaue in gesichter, versuche darin zu lesen, chômage, relance, consommation.

inzwischen hat der tag sich etabliert, kiwitt im garten, rauschen wie gehabt, hell beleuchtete wolken, gelb auf blau wie rauch und schwaden.

der café ist kalt geworden, ich denke ans exil des Schwitters, nach dem krieg bleibt er da, zieht aufs land und ist ins brauchen eingeklemmt, ewig klamm und knapp, aber aktiv in seiner letzten MERZ barn.

eine erste taube gurrt, spatzenzwitschern, elsterkeckern auf rauschen, nun blasst der himmel sich ein, aber sonne auf birken, deren köpfe etwas müde hängen.

ein dachfirst wippt elstern.

wer war Abraham Lincoln?

gegen viertel vor acht sieht es dann fast nach regen aus, beim aufblicken staunen, eben noch, aber nun, dunkelgraues auf hellgrau, erinnert an regen, fast, wie schnell der himmel sich ändert, kaum, und schon. der garten bewegt sich nicht, manchmal ein tschilpen auf rauschen, wie gehabt.

etwas ratlos sitze ich da, erfinde mir sorgen, etwas ist mit seinem latein am ende, anglerlatein, jägerlatein. nein, ein traum von einem blog über latein, aber was, view, nicht edit.

Schwitters arbeitet in der MERZ barn, wenn er nicht im abfall stöbert, ich habe im Schwitters zurück geblättert, denn gelegentlich eile ich vor, ich weiss nicht warum, vielleicht weil ich den stillstand fürchte, das ende, so nehme ich es vorweg, die MERZ wand wird aus der scheune gelöst, verfrachtet und … ich, ich bLätter, wie gesagt, zurück und Schwitters arbeitet noch immer an seiner wand.

die regenhoffnung ist wieder verflogen, eine elster, weisschwarz, landet elegant auf dem baum überm futterplatz und huscht nun, ein lautloser schatten, an die tränke.

eine baustelle wacht auf.

kann nicht jemand das rauschen abstellen.

es wird zeit für einen zweiten café.

im garten sitzt man kühl.

Ulrike Draesner, Schwitters. das bleibt die nächsten tage so, vor blättern und wieder zurück in der Schwitters welt.

synchron.

battle star galactica

ein paar grosse wattebäusche im blau, die hitze steht, der schatten kühlt nicht, manchmal die halluzination einer brise. keine bewegung, einmal huscht ein spatz zur tränke, manchmal taubenflattern in einer baumkrone, aus dem kopfhörer moon duo, killing time.

ich sollte, ja, ich sollte und daran scheitert der gedanke, an diesem einen wort, erstickt im keime oder so: alles rebelliert, kein sollen, allerhöchstens wechselt ein arm die position, ein bein rutscht ein paar zentimeter nach rechts, ein fuss scheint einmal fast zu wackeln, ein halb geschlossenes auge blinzelt auf rote blumenstrahlen, das ist fast schon zu mühsam, fast schon zuviel, dösen, ripples verscheucht alle gedanken. eine kleine wespe läuft emsig über einen arm, ripples. eine hand greift nach einem glas, ein mund öffnet sich leicht, trinken, schlucken.

im blau hängen wattebäusche. die wetterapp sagt 34 gefühlt 37. niemand kommentiert. niemand denkt, dass es einfach zu heiss ist.

einer geht mit nackten füssen durch nasses gras, lächelt, leichter regen, einer schaut ins grau, nässe auf dem gesicht. das ist wie ein anderes, früheres leben.

noch immer ripples. imaginierte kühle schatten, wasserflächen an waldsäumen, keine nachrichten bitte, keine lifestyle propaganda.

viel später, da scheint es tatsäachlich kühler zu werden, fragt man sich, welche wesen wohl resistenter sind, visionen von cacteengärten, gewächsen an steinen, eidechsen, moosen und flechten, palmen.

eine taube gurrt, rabenscharen fliegen hoch am himmel in südöstlicher richtung, eine fledermaus blitzt schwarz vorbei, da ist es fast schon dunkel.

danach battlestar galactica bis um zwei.

geburtstag

kein wort über die umstände, keine silbe auch über prognosen, die schiessen wie pilze im herbst aus dem boden. die aussichten trüb. in frankreich wird generell maskiert, irgendwas ist mit der aerosol theorie, aber alle sind sich einig, dass.

der hochsommer bleicht den rasen, blätter fallen, leichter wind in den baumkronen, sonntag, es ist still, meistens, aus den nachbargärten kein ton. am futterplatz manchmal ein flattern, hornissen schwirren. man sitzt und redet. alles scheint weiter. warum, so fragt man sich, kann man sich nicht in der landschaft auflösen, bald baum, bald strauch oder tümpel und wind. dazu platschen von fröschen.

heute denke ich an sie, denke, du denkst doch nicht nur heute an sie, aber heute besonders, heute wäre sie sechsundsechzig geworden. ich sitze da und weiss nicht, was ich sagen soll. sie ist nicht mehr hier. dazu ist nichts zu sagen. ihre stimme? und ich gerate ins grübeln.

aufeinmal wirkt alles farblos, abstrakt, entleert, auch die erinnerung, als sei sie ein traum von einem ehemals farbigen leben. aufeinmal ist das bild schwarzweiss, aufeinmal ist alles wie 19. jahrhundert, barbarisch, technisch, fasziniert von sogenanntem fortschritt, bieder, zugeknöpft und kalt. retro, steam punk, aber nicht lustig. ein roboter piepst unbeholfen, ein paar knöpfe flackern rot-orange-grün. nichts singt, kalte strahlung irgendeiner der vielen sonnen.

ist das eine stimmung? eine haltung? oder beides?

kühlung. denn:

die stimmung ist zu aufgewühlt für einen kommentar zur weltlage, aber das eine entspricht dem andern, die entsprechung ist der kommentar. sonst ist alles ruhig.

ausgerechnet heute frage ich mich, was ist zuhause. ich probiere eingänge, ausgänge. aber wo ist das haus. die träume entsprechend, eine tür führt nirgendwohin.

man darf nicht mit antworten rechnen, man lebt mit den fragen, ist dazu verurteilt. fühlt sich so: verurteilt.

dabei ist es nicht zu heiss, die brise kühlt, es gibt blau mit wolken.

man kann einiges wegschieben, aber es kommt wieder.

heute ist der zweite august, sie wäre heute sechsundsechzig geworden.

zunehmende unordnung

leicht bewegtes grau und eine kleine aufhellung auf den horizont zu. es nieselt. gegen halbacht ist alles noch sehr still.

die wundersame geschichtes des engländers, der den Japanern die Kirschblüte zurückbrachte„. eine abseitigere lektüre ist fast nicht auszudenken, wie ein traum von insel und meer, so entfernt, aber die beschreibung von Naoko Abe führt ins zentrum der dinge zurück, zu einer verbohrten aggressiven ideologie, die in eine katastrophe mündet.

und selbst die bande dessinée, die ich (fast) zufällig) in dem neuen laden heraus gegriffen habe, erzählt von viren, einer neuartigen impfung, in die adn eingebaut, welche die spezies schliesslich fast ausrottet, aber dann doch einige kinder verschont und diese, da nun allein, fallen zurück in alte zeiten.

das war als evasion igemeint, wurde aber schliesslich zur begleitmelodie der „zweiten welle“, die, wenn mich nicht alles täuscht, gerade rollt und leichte panik in die stimmen bringt.

gestern nacht gröhlte und lärmte eine bande jugendlicher in der nachbarschaft für kurze zeit und auch sonstwo gibt es anscheinend ein wenig jugendanarchie und unbotmässigkeit,

die ruft wohlmeinende auf den plan.

das durchschnittsalter lag vor tagen noch bei 44, hat aber nun die 35 erreicht. auf der strasse hat mich eine jüngere passantin etwas kritisch gemustert, so à la „was macht der greis denn noch hier draussen“, in der freien wildbahn multiplizieren sich die maskenträger, die maske hängt unter dem kinn, des öfteren auch – leicht obszön – unter der nase. die grenzen schliessen sich wieder um den hotspot, die urlaubsreise wackelt, auf den balearen haben sie bars und lokale dicht gemacht. einer kommentiert hämisch, die weissen letzeboia dürften nun nicht mehr im suv ins nahe ausland vorstossen, er findet, sie verdienten eine demutslektion.

langsam geraten wir in mythische gefilde, corona pandemie, die geissel gottes.

einige versuchen sich in der debatte über die gefährdung von grundrechten und demokratie. aber die fallzahlen steigen, der verstand schaltet auf sicherheit und kontrolle, der tonfall wird giftig. es war sogar wieder vom pranger die rede und von kennzeichnung der gefährdeten. die frage, ob die polizei nicht doch zuhause nachsehen darf, hängt in der luft.

das wörtchen „nur“ hat konjunktur. und dessen kusine „aber“.

die selbstverständlichkeiten fallen.

die unordnung, die sich als ordnung gebärdet, nimmt zu. das ist kein gutes zeichen. die zahl der gläubigen schwillt an, seltsame kulte werden zelebriert. die sprache wird heimgesucht von kurzschlüssen, einfachste welterklärungen haben trumpf.

wir leiden an einer seltsamen zahlenkrankheit. das mysterium wird undurchdringlich.

was uns noch vereint ist die sehnsucht nach bewegung, am besten weit weg, und weiter noch, dorthin, wo keine hiobsbotschaften uns erreichen, zu fernsten kontinenten, die es nicht mehr gibt.

der traum von der insel hält sich, an ihrem gestade landet keine unruhe an und kein nachricht von irgendwelchen übeln. deshalb lese ich entferntestes, aber auch das wird von kriegen heimgesucht, von beben und konflikten aller art. vom tod auch. wir geben uns gerne vornehm menschlich, mitfühlend, solidarisch, mit gefühl für schönheit. doch wie schnell der lack abblättert und hässlichstes sich breitmacht.

deshalb lese ich die symptome an der einen stelle als repräsentativ für andere stellen, zum beispiel dass diversität abnimmt und nur in schönen reden gewürdigt wird, dass alle zustimmend nicken und im gleichen atemzug mit „aber“ kommen. dass eine denkschiene bevorzugt wird und alles andere suspekt erscheint und gleich verdächtigt wird. dass abweichungen von der linie beschrien werden wie ehemals.

und wundere mich, dass es in den gärten noch blüht in allen erdenklichen farben, grössen und arten, dass grün grün ist, aber mit grossen abweichungen von der norm und vögel zwitschern, dass der himmel grau ist, aber von wolken grauer noch gesprenkelt und die ziehn eilig und dass es regen gibt im nieseln und dann im stärkeren aufklatschen auf dem pflaster, dass hunde bellen und der garten ganz still da steht und die bewegung, wenn es welche gibt, im wind, fast unmerklich ist.

dann sitze ich still da, und selbst wenn ich unter bäumen geh, kann ich es nicht vergessen, denn die unordnung nimmt zu.

ein mörderischer satz

das rätselhafte geräusch des regens auf dem dach, es ist wie – und für einen augenblick vergesse ich, dass es regen ist und bin nur noch ein lauschen – es ist tatsächlich ein KNistern, ein anhaltendes elektrisches knISTern.

das versetzt einen wohin?

in so etwas wie zeitlosigkeit? so hat es immer schon geregnet, so hat es sich immer schon angehört und manchmal war es auch nur ein sachtes trommeln in der nacht, ein rauschen und die frische davon wehte durch das geöffnete fenster herein.

meine älteste enkelin ist zehn geworden. wie war das, als meine tochter zehn wurde und ihre brüder, wie war das, als ich zehn war, als meine schwestern zehn wurden.

manchmal scheint es, als sei der regen das verbindende, sein knistern, dachtrommeln und rauschen führt überall hin. erinnerung ist ein raum und das älteste ist auch das fernste.

wenn es regnet wird nach und nach ein leben sichtbar. enfin als empfindung, als läge es vor mir als panorama, das man begehen kann.

bist du zufrieden, heisst es dann.

und ich: manches jagt mir noch jetzt einen schrecken ein. manches ist gelungen, manches nicht, im ganzen ist es gemacht wie ein werk, ein kunstwerk, nur: von wem und wie kam es zustande und woher kam die gestalterische kraft. zwar gibt es einen, der ich sagt, er ist allerdings mehr ein zusammenschauer, ein überschauer als sonstwas, das subjekt des handelns liegt in den beziehungen, in dem dazwischen. so scheint es mir.

wieviel freiheit, wieviel notwendigkeit liegt in dem werk.

jüngst habe ich an das fürchterlich deterministische Andorra von Max Frisch denken müssen. denn Andri, der Protagonist ist mir in gestalt eines jungen Mannes begegnet, der nicht stühle herstellt, sondern dächer in form bringt und erzählte, er habe kürzlicht in Cl., im norden des landes gearbeitet und den Satz zu hören bekommen: „nous, on ne travaille pas avec les houere judd“. seither verstecke er den sternanhänger, aber unterschreiben tue er immer noch: Rozenblum.

während ich das niederschreibe, denn dieser satz war die motivation der heutigen übung, spielt Ivo Pogorelich Beethoven, die Sonate 24 in f-sharp major op. 78.

ein starker trost, der gegen den satz nicht ankommt. nichts wischt den weg.

an solchen tagen wünsche ich mir angesichts des erwähnten panoramas, ich hätte mehr bewirken können. zumindest mehr mithelfen können, damit solche sätze wie der oben nicht mehr möglich sind.

un chapelet de noms

das neue, das kommen könnte – und ich meine nicht irgendein altes, das als neues verkleidet daher kommt, sondern eine tatsächliche wende und umkehr – stelle ich mir vor als eine stille invasion mit vorhut und haupttross, so etwas wie ein friedliche besetzung mit einer anderen denkart. überhaupt, ich gebe es zu, glaube ich keinen augenblick daran, dass mit der alten denke, die das problem erzeugt hat, das problem gelöst werden kann.

das neue wie ein zeichen am himmel, wie ein pfeil, der vorstösst ins bekannte, ein leuchten, das unsere irrwege grell hervor hebt, so dass wir nicht lange an seiner berechtigung zweifeln müssen.

keine osterhasen geschichten.

woher dieses, na sagen wir, bild, diese imagination aufgetaucht ist? (aber frag mich keiner wieso ausgerechnet dort)

wir hatten die zugegeben sehr naive vorstellung, die Belgier, die gerade aus dem hausarrest aufgetaucht sind, würden dies festlich begehen, und machten uns auf, über autoleere strassen und demnach mit ersten nagenden zweifeln, zu einer vorgestellten Brocante auf der nachbarlichen Knippchen (do sin di weiber frou, di eng di drenkt eng schlippchen, …).

aber, wie man es so oft in diesen fatal gekrönten zeiten feststellen konnte, die websites, die ankündigen, sind weder aktuell noch correct und natürlich gab es keine Brocante als festliche erleichterung nach dem restez chez vous. das Städtchen war leer, verlassen und trostlos. es gab, von ferne, 5 (fünf) leute, darunter die person, die wir, wieder von ferne, wie es sich gehört, interviewten, sie zeigte sich höchst amüsiert über unsere grenzenlose naivität.

graue gassen, durch die der wind pfiff, nur oben, ganz oben auf der Knippchen, Koeppchen ein paar sonnenflecken. haben wir die angst gespürt? warum sonst war keine(r) auf der strasse?

man weiss, hinter verschlossenen türen sitzen menschen. aber die stadt ist tot. nicht einmal gespenstisch, nein, grau und tot und weil niemand sie angeschaut hat während zu langer zeit, heruntergekommen auch, oder wenigstens vernachlässigt, verfall an manchen ecken, gesichtslose fassaden, keine schritte, kein lachen, kein reden.

und doch das leicht unheimliche gefühl, die stadt selber sieht einem aufmerksam zu.

als pioniere des stadtbegehens, so kamen wir uns vor. etwas illegal fürwitzig auch, unbefugt und invasiv.

wir haben uns danach in den ardennen verfahren, verirrt, haben uns gerne verloren, sind herum flaniert, automässig, auf autoleeren strassen durch menschenleere wälder und dörfer.

suivant un chapelet de noms, qui vous enivrent – und da müssen wir auch hin, alleine schon … wegen dem namen – und landeten dann, nach Habay, Aulier, Louftemeont, Behême, Rancimont, Léglise, Habaru, Chevaudos, Lavaux, Naleumont, Mellier, Marbehan, Rulles, Houdemont, Mortinsart und Etalle auf der E25, avec un léger vertige des noms, des noms, sacrebleu, et quels noms, aber kaum ein mensch, nicht einmal ein hund, ein huhn, doch, ein paar kühe und ein ganzer hang, tief violett, von digitalis, fingerhut. und wälder, mensch, nicht enden wollende tiefgrüne dunkle wälder.

grenzüberschreitend: wenn die menschen wieder zum leben erwacht sind, wollen wir zurück, das steht fest, aber nun in eine westlichere richtung, Orval, Avioth, Torgny, Montmédy en frôlant Saint-Mard, Dampicourt, Couvreux, Montquintin, Rouvroy, Lamorteau, Sommethonne, Limes, Bazeilles-sur-Othain, Iré-les- Près et j’en passe.

nach Robelmont, Meix-devant-Virton und Belchive fahre ich nicht mehr.

Marie, so sage ich mir, hätte kein nostalgie besäufnisse gemocht.

freundlich sein

I

„Je m’appelle Antoine Duval“

ça commence quand-même à peser, muss man das noch sagen? die maskierten überall und man muss raten, wie sie drauf sind, keine handshakes, von umarmungen, akkoladen etc gar nicht zu reden und jedesmal, wenn ich eine maske überziehe, beginne ich an unerwarteten stellen zu schwitzen. einige murmeln papieren oder stoffmässig unverständliches, stimmen gedämpft, leicht verzerrt, der alltag ist komplizierter geworden.

voreilige reisepläne sind schon wieder unter, der schengenraum, also ich, darf erst am 15. Juni in die schweiz, vorerst keine hüttenromantik mit holzfeuer und eiskaltbad in der holztonne und nachts kein mäuse gewisper und kein rauschen des bergbachs und keine ausflüge an steilhängen, keine freundlichen gespräche und keiner sagt, was solls.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

bin ich frustriert?

gestern hatte ich den richtigen zettel nicht dabei et je rentrai bredouille, selber erstaunt über meinen unmutsanfall, der, ich hätte es wissen können, sich tagelang vorbereitet hat, angestaut hinter forcierter höflichkeit. die andern können ja auch nichts dafür und ich bin nicht der einzige, der sich unwohl fühlt mit den neuen riten.

ich fotografiere schönheiten. lese die eintragungen letzte jahre von Lou Andreas-Salomé. auf dem vorsatzblatt steht handschriftlich, bleistiftig ein datum: july 1993 und ein name: Marie Z.. ich stand vor einigen tagen unschlüssig vor dem regal, habe buchrücken betastet und eben dieses kleine graublaue bändchen, schon etwas verblasst , herausgenommen und als fingerzeig aufgefasst, ich kann ja von den dingen halten, was ich will, manchmal ist der begriff zufall nur eine ausrede.

schon länger habe ich nicht mehr den namen Marie Z. hin geschrieben, aber Marie denke ich jeden tag und dann, jedes mal, betrete ich  eine andere landschaft, gehe anders herum, für eine weile, bin ich ein fremder, bin ich gar nicht hier. 

jeden tag gibt es wenigstens eine frage an sie. 

manchmal frage ich und kenne  nicht einmal die frage. 

manchmal lautet sie, was wird aus uns. 

manchmal sage ich nur, verstehst du das.

manchmal gibt es kein fragen. 

manchmal sitze ich da mit ihr, ohne sie, dann braucht es keine bewegung und keine gedanken.

manchmal frage ich, gehe ich nicht in die irre.

manchmal höre ich sie. sie sagt, du verbietest dir, noch für eine weile zu leben.

inzwischen, sage ich ihr, liebe ich die rosen.

manchmal sage ich ihr, sieh die schönheit, die nicht lange bleibt.

einmal hörte ich sie sagen, noch im halbschlaf am frühen morgen war das, ich habe dir jemand geschickt.

manchmal ist es so, als erlebe ich mein ganzes leben.

manchmal habe ich angst. 

manchmal mache ich mir gar keine sorgen.

manchmal gehe ich ins dunkel und gehe ich ins helle.

aber das dunkel schreckt mich nicht mehr.

sehr oft frage ich sie, wie könnte eine umkehr geschehen.

wir sind noch immer am reden. 

Inzwischen, sagt sie,  wie wäre es, du tust das naheliegende. 

freundlich sein, sagt sie, wie wär es damit.

manchmal rufe ich meine drei Säulenheiligen an, den Simplizissimus,  den Candide und Jacques, le fataliste. 

unweigerlich höre ich eine bekannte stimme sagen: „Je m’appelle Antoine Duval“.

II

VERGNÜGUNGEN 

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen

Das wiedergefundene alte Buch

Begeisterte Gesichter

Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten

Die Zeitung

Der Hund

Die Dialektik

Duschen, Schwimmen

Alte Musik

Bequeme Schuhe

Begreifen

Neue Musik

Schreiben, Pflanzen

Reisen

Singen

Freundlich sein

B.B.

III

der bittere rand

unten motort es rasenmähernd in die stille? letzte scharmützel von raben, staren und spatzen am nachbarlichen kirschbaum, in den pausen. aufgeregt, animiert, eindeutigbegeistert, entzückt. selbst die raben krähen wollüstiger, rabenzart. es windet ein wenig, das bekannte birkengewoge oder wiegen, dazu: ein paar kecke wölkchen hängen im blau.

ich habe von „den drei“ geträumt, abstract und sinnlich zugleich, fühlbar, sehr angenehm, ein bewegtes, sich veränderndes, proteisches. damit wache ich auf, damit liege ich noch eine weile mit geschlossenen augen.

beim ersten café setzt ein gerede über wirtschaft ein und ich sehe vor mir heillose manöver, in der sackgasse. der wechsel der radiostation ändert nur die sprache, der inhalt auf allen kanälen ist trostlos, als sei das denken in alternativen verloren gegangen. das Ganze gerät wieder aus dem blick.

wir stecken, nach einer kurzen pause, knietief in den alten mustern, aber schlimmer noch. c’est désolant.

was ein failed state, ein crumbling imperium für die menschen bedeutet: minneapolis. seit jahren wird die polizei dort militärisch aufgerüstet. die das getan haben, sind staatsvertreter. es schmerzt, sich das anzusehen.

darüber wird der café kalt und bitter.

im kirschbaum tschilpen und schnarren. der rasenmäher ist verstummt.

samstagsfrieden mit bitterem rand.