ich will gar nicht vergessen oder „rat für die ratlosen“

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sind sie zufrieden, fragte der mann von der firma „rat für die ratlosen“ und ich, wie aus der flinte geschossen, nicht aggressiv etwa, sondern nur überzeugt, als hätte ich schon lange auf die frage gewartet: nein. ganz sicher nicht: nein.

gar kein zögern möglich.

dabei hatte die situation mir gar keine andere wahl gelassen, als zu antworten.

in meiner antwort steckte die nächste frage, das wusste ich und niemand anders als ich selber stellte sie.

überhaupt war es so, dass ich mit mir selber redete. kind of.

was brauchen sie? wieder der mann von „rat für die ratlosen“.

ich bin dann wie die katze um den heissen brei, aber näher will ich im grunde gar nicht.

wieso? er wieder, er lässt nie locker.

und ich, leidlich genervt: weil bei solchen fragen mein ganzes leben erscheint, als lebensgefühl, als bilanz, und auch, sofort, der verlust, sie also, ihr gesicht, unser austausch, ihr geist, ihr körper, was für die meiste zeit dasselbe war (was sowieso dasselbe ist).

die frage ist eine scheissfrage und ein schmerz. natürlich weiss ich, was ich brauche (und manchmal weiss ich es eben nicht), ich bin doch kein idiot (zu dem mann von „rat für die ratlosen“), auch wenn ich mich sehr dumm stellen kann. jetzt spürte ich meinen ärger, spitz, unbequem.

seltsamerweise merke ich in den  tagen danach, dass auch ohne antwort die frage ihre kraft entfaltet. zuerst verkrieche ich mich, dann flitze ich einen ganzen tag herum, ohne mich zu beschweren, ich rede gern mit leuten, stelle dumme fragen, sage sachen wie, ab einem gewissen alter ist alles geschenkzugabe. wenn ich bei einer auftauchenden schwierigkeit nichts machen kann, meditiere ich meine ohnmacht, meine hilflosigkeit. wenn ich eine lösung habe, mache ich, ohne états d’âme. es gibt zumutungen, die haben hingenommen zu werden.

es gibt die gnade des vergesssens, aber in dem hier angesprochenen fall kommt diese gnade nicht zum zuge. was man braucht und ersehnt ist durch das vergangene erleben und dessen qualität geprägt und ein waches auge auf sich werfen bedeutet gleichzeitig den verlust zu sehn. wie das? er wieder, lästig, aber nötig. man spürt es im leibe. habe ich doch schon gesagt.

ich funktioniere so. ich nehme das zur kenntnis, sagte ich.

der mann von „rat für die ratlosen“ nickte. das macht er öfter, wenn er mich listig ansieht und eine bemerkung platziert, kurz, klar und präzise. die mich schachmatt setzt.

ich will gar nicht vergessen.

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ich sehne mich nach schnee, hier, nicht dort und mindestens 1 (einen) meter hoch

 

(„Rat für die Ratlosen“ ist der Titel eines Buches von E. F. Schumacher, des frühesten Vertreters einer Postwachstumsökonomie)

doch sowas wie ich

und dann eilen die tage dahin, es regnet, es hört wieder auf, ein bus fährt vorbei, in einer wohnung steht jemand auf und braut einen café, der himmel ist, versteht sich, grau, zuverlässig grau.

am liebsten würde man sich in irgendwelchen tätigkeiten verlieren. man stellt fest, heute nacht gab es keine erinnerten träume, nur den vagen eindruck von bilderfetzen, schwarzweiss.

was passiert, wenn innere konflikte gelöst sind? oder tiefer gestapelt, wenn man sich diesen konflikten zuwendet? man findet sie gespiegelt im aussen. die erfahrung von unsicherheit und ungewissheit, existentiell, geht sehr tief. und der wunsch nach schutz und aufgehobensein auch. man entdeckt die schutzbedürftighkeit und einen, der schutzbedürftig ist, das reicht sehr weit in die vergangenheit hinein. man hat den eindruck, als habe man den im stich gelassen. und dass es einigermassen dauerte, bis man die intensität des gefühls, eines dauerhaften, nicht bloss wie früher vermutete, danach deutlicher ahnte sondern nun spürt, als eine art von offenheit und eine art von fallen und nichts hält. wie kann man so in der welt sein, fragt man sich, was ist das für eine art von anwesenheit, eine gefährdete natürlich. man tut so, als ob. man verbirgt sich vor sich selber. man schiebt weg. wie kann man mit dieser schwäche leben, mit dieser  wehrlosen offenheit, mit der überzeugung, als gefühl drapiert, man kann sich nicht wehren.

man schaut zurück und sieht genau das in einer schmerzlichen deutlichkeit. und wie man es bekämpfte.

man lehnt den begriff determination nicht ab, es ist schliesslich eine erfahrung, die man sich nicht ausgesucht hat, die man sich bewusst nicht wählen würde. der grund? braucht es gründe? dann zum beispiel den, dass es einen erschöpft, es laugt einen aus.

wenn ein grösserer ansturm erfolgt, wird die schwäche (die, unter anderen umständen, eine interessante veranlagung sein könnte, weil eine empfänglichkeit und ein sensorium für das feine, erahnte, verhüllte) nun manifest. 

ein erheblicher verlust zum beispiel. er erspart nichts. er konfrontiert. man sieht sich nackt, man weicht aus, möchte es jedenfalls und kann es nicht, nicht mehr, gerade jetzt nicht.

es ist eine der existentiellen gelegenheiten, an denen entsteht so etwas wie ich, erst jetzt.  ich wäre so betrachtet eine art erwachen. kein geschenktes. gewalt hat auch dieses gesicht. alles wird an die oberfläche gezerrt, fast alles. kein big bang, ein quälender prozess.

ich ist in dem fall nichts zum renommieren. kein ego juwel.

man sinkt schon noch auf den grund, um ein mittel zu finden. um in sich auch den zu entdecken, der diese wehrlosigkeit erträgt und hält.

„Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“ (Patmos, Hölderlin)

das zitat ist für die kleinere gelegenheit natürlich sehr gross, aber dieser liegt wenigstens die erfahrung zugrunde, dass das rettende nicht, in diesem fall, von aussen geschieht, sondern innen, durch genaues hinsehen und ertragen des gesehen-gefühlten.

man beschliesst, weder sich noch andere im stich zu lassen.

vielleicht erst jetzt.

vielleicht gibt es doch so etwas wie ich.

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zuhause

 

abends gar keine bestätigung von nichts: ausser verrücktheiten. auch die schimpansen führten ausrottungskriege.

schreiende dissonanzen. aber abends ist es friedlich in den strassen um diese zeit. eine einsame spaziergängerin in gelber warnjacke, sonst niemand, nicht einmal ein verirrtes auto.

bergauf bergab, nachts fahren ist wie kino, nur besser.

überhaupt, manchmal zwicke ich mich, es ist alles wie traum.

einmal habe ich geschrieben, man gewöhnt sich daran. aber das war nur eine art zu sagen, es ist immer da. verlust geht nicht weg, wird nicht stumpfer. es gibt jahreszeiten und tage, da ist es eine eben geschlagene wunde.

du wusstest nicht, dass vergangenheit einem so unbarmherzig in den dingen entgegenkommt und jedesmal fühlst du, es ist nicht mehr. was heisst das  eine erinnerung, die dir teuer ist. sie trifft und …

das, was wirklich stumpfer wird, das sind die wörter, mit denen man es sagen kann. irgendwann kann man es nicht mehr sagen. aber es ist da, genauso lebhaft und schneidend wie eh.

zwei jahre sind in der hinsicht gar keine zeit. gegen dieses eine ereignis kommt sonst nichts an, es verblasst, kaum erlebt, kaum geschehen. nichts ausserdem sticht besonders hervor.

man sagt, diese person, und meint, ein ganzes leben.

und man denkt das, man fühlt das, nicht etwa, weil die tage so kurz sind und die nächte so dunkel. es ist nicht wegen der zunehmenden kälte. wenn der tag blau ist und die sonne kräftig, ist alles noch schlimmer.

in den klarsten momenten überfällt es dich. wenn du es nicht spürst, spürst du auch sonst nicht viel. das ist am schlimmsten.

irgendwann bist du der, der diese variationen wie eine statistische kurve registrierst. du merkst, kein willensentschluss kommt dagegen an. während einer zeit wirfst du dir das vor, machst dir beine mit allgemeinen weisheiten, versuchst es wenigstens mit einem sollen, einem müssen. dann lässt du es sein.

irgendwann nimmst du zur kenntnis, du bist jetzt ein anderer. kein besserer oder zufriedener oder reiferer. du bist keiner, der etwas dazu gelernt hat, das vergangene leben ist kein kapital, das sich vermehren liesse um zins und zinseszins. es ist ein paralleluniversum und dort lebt einer mit deinem namen. aber hier ist nichts vergleichbar.

du bist noch ein zeuge, du legst zeugnis ab, dass gut weiter geht, was sie angelegt mit einem zusammen, der hiess einmal wie du selber.

du wunderst dich über die fotos, die dich zeigen und sie, als seien sie nachrichten von einem fernen planeten.

und dann steckst du den schlüssel ins schloss und bevor du die tür öffnest, denkst du, mehr noch fühlst du, gleich werde ich ihr erzählen, was ich gerade erlebt und du spürst sofort die  dringlichkeit deines impulses. es ist nicht einmal so sehr die vergeblichkeit deiner hinwendung, die dich trifft, es ist das  impulsive  der regung selber. das hast du nicht mehr erwartet.

an dem abend ist die regungslose stille ein zuhause.

 

 

 

 

 

 

zum gedenken

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+15.12.2017

es war klar, es würde eine verfinsterung geben, seit tagen kündigte sie sich an. man braucht nicht lange zu rätseln. keine lust, wortreich über schmerz zu reden. nur weiss man, nach einiger zeit, man erträgt ihn, man lernt das oder man gewöhnt sich dran. man denkt, soviel hält man also aus.

man kauft einen grossen strauss lilien, die sie so mochte, und stellt sie auf den weissen tisch. man sucht ihren lieblingsort auf. man denkt besonders an sie an diesem tag, aber wann denkt man nicht an sie. an diesem tag sagt man nicht ich, wer ist das schon ein ich ohne das du. man träumt in der nacht vorher von ihr, sie sei geheilt und sie sieht so aus im traum, als sei sie nie krank gewesen und gestorben ist sie auch nicht. wenn man aufwacht, will man nicht aufstehn, man will die augen nicht auftun und den traum verlassen, aber dann tut man es doch und fühlt sich ein wenig deplaziert.

das foto ist kein besonderes foto von ihr, es ist ein foto, auf dem sie zu sehen ist, sonst ist keine absicht damit verbunden.

man könnte noch sagen, dass man einiges ungerecht findet, darunter, dass sie weg ist. aber dann liest man irgendwo den satz, das leben schuldet einem nichts, es gibt auch keine entsprechende beschwerdestelle. jedenfalls erinnert man sich daran, dass man den satz kürzlich erst angetroffen hat.

als ich am vorabend in dem wochenblatt lese, dass jemand die neue zeit in grosskleinstein als „biedermeier“ reloaded bezeichnet, entsteht bei mir der sehr starke wunsch, das sofort mit Marie zu besprechen, „ruhe“ als politisches ziel und erste bürgerpflicht, das hätte sie gewiss stark interessiert, zumindest während der zeit des ersten cafés. aber das geht wohl nun nicht mehr.

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der hans aus dem märchen

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ich sage mir, so oder so sitzt du am tisch und schaust aus dem fenster in die lücke zwischen den beiden häusern gegenüber auf sträucher, rasenstück, rostrote hecke und baumkronen, wovon eine zu einer pappel gehört, aber jetzt in der sonne, da sehe ich genauer, es ist doch eine von zwei birken und dazwischen eine tanne, keine mickrige wie jüngst im wald, als ich mich fragte, wieso hat man diesen baum gecshlagen, es ist doch angeblich ein naturreservat.

die sonne teilt die hausfassade in eine hell beleuchtete seite mit dem schatten eines regenabfallrohrs und eine schattige, fahlere, aber die grenze ist fahrig, sonne an der eingangstür, aber nicht im fenster daneben, sondern in dem darüber.

keine geräusche ausser denen, die ich selber mache mit der tastatur, und ich huste einmal, sonst ist es still, fast still, ich höre andeutungen des bekannten stadtlärms, skizzen, aber nichts fertiges, das kompakt daher kommt, sich aufbläht und verschwindet.

das erste telefonat ist geführt, die mails abgesucht nach wichtigem, ich bleibe für kurze zeit hängen bei einem essay über die gründe, warum jemand die welt der akademischen filosofie verlassen hat, die grossen fragen könne sie auch ausserhalb stellen, sagt die verfasserin,  und leichter. die argumentation leuchtet mir ein. In diesem zusammenhang frage ich mich, was ist bildung und vor allem wozu.

„So habe ich Bildung seither verstanden, als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, der anders ist und diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht. Deshalb missfallen mir Entwicklungen, die Bildung standardisieren und Leistung vergleichbar machen wollen.“ (L. Bärfuss, Stil und Moral, btb Verlag 2018, S. 18)

Habe ich schon irgendwo erwähnt, dass ich mir des öfteren vorkomme wie der Hans im Märchen, das ist der, den man zuletzt fragt, wenn die andern gescheitert sind, der anscheinend dumme, naive, der meint, die welt sei ein netter freundlicher ort und der dann das gegenteil schmerzlich erfährt, dem es aufeinmal wie schuppen von den augen fällt, der zu sehen beginnt, wie machtverhältnisse funktionieren, seilschaften agieren, wie man massen beherrscht, in einen bann zieht, am narrenseil führt, wie die angeblich so mächtigen ihrerseits nur puppen an schnüren sind und mein heimlicher held wurde allmählich der mann mit eule, spiegel und schellenkappe.

mit illusionen lebt es sich leichter; wenn man wissen will, bettet man sich nicht so bequem. wenn man fragen stellt, landet man unweigerlich bei der frage, wer bin ich und in dem gleichen augenblick splittert der spiegel in tausend facetten und man ist auch der andere, der fremde, dem man an der ecke begegnet und der nicht grüsst, sondern sich eilig davon macht.

andererseits sehe ich durchaus das ganze, unteilbare, identische einer existenz, ihren skulpturalen charakter, wenn ich auf das foto von Marie schaue, das genau gegenüber von meinem sitzplatz am morgen auf der fensterbank steht, sie schaut, ich weissnichtwohin an mir vorbei in die ferne und ich erblicke im gleichen moment so etwas wie ein abgerundetes geschlossenes wesen, eine essenz, ein selbst, das bestand hat und sich noch immer wandelt, in meiner welt auf jeden fall.

das tut auch weh. dass sie aber daneben steht und mir beim schreiben über die schulter guckt, ist schon fast eine selbstverständliche erfahrung. hält es stand, frage ich dann. oder lass ich es dort, wo es gut aufgehoben, im speicher des laptops. da gibt es eine schöne sammlung; darüber steht am eingang: „dass du kein Tolstoi bist, das weisst du ja selber.“ (Marie, so gar nicht spöttisch)

ich arbeite im geheimen an einem opus, das dort vermutlich einzug halten wird, so eine art entretiens dans le boudoir, mit meinen spärlichen mitteln, aber es macht spass und während ich daran bastle, fällt mir ein, was dringend erledigt werden müsste und andere aufbauende gedanken, wie, ist das dein ernst, für die schublade zu schreiben.

ich habe nichts zu sagen, ausser einer ausstellung von unerheblichkeiten und einer freude am schreiben. wenn das nicht der fall wäre, würde ich mich morgens umdrehen im bett und weiter träumen. und um dieser beschäftigung nachdruck zu geben, veröffentliche ich es dann, es ist wenigstens potentiell zugänglich.

ansonsten schaue ich zu und flaniere.

politiker stehn in einer reihe und lächeln, das zeigt mir die abonnierte gazette. die kosten explodieren, sagt einer, aber wir haben alles richtig gemacht und alles ist zum besten in der besten aller hauptstädte und sie wird schöner mit jedem tag. da kann ich beruhigt in meinen alltag gehn. sorgen mach ich mir keine, alles ist doch in guter hand und die macht alles richtig, dagegen ist es doch unerheblich, dass die victoriafälle keine fälle mehr sind oder doch nur noch welche aus felsgestein.

ich beschwere mich nicht, ich nehme zur kenntnis, stelle dinge nebeneinander und sie werden beredt und auf ganze sätze fällt dann ein anderes (zwie)licht.

und während ich diese unmassgeblichen dinge notiere, bemerke ich langsam, allmählich wollte ich sagen, gemächlich also, die stille in mir. das kann irritierend sein, wenn man einen gedanken zum aufschreiben sucht, aber es präsentiert sich keiner, windstille dort, wo öfter chaos ausbricht, ein seltsamer einfall am nächsten, ein wirrer haufen und nun, flaute, ein auto fährt vorbei, die sonne hat den oberen teil der hausfassade gegenüber erreicht und das haus, das in die lücke lugt, während der himmel dahinter nach regen aussieht.

der Müllwagen kreuzt auf, gerappel nebenan, und entfernt sich.

sonst passiert nichts.

ich werde dann doch meinen bürokram erledigen müssen.

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ça bouge dehors

 

Ed Ruscha 1963

es regnet, hecken und bäume tanzen dazu, zwei autos rauschen eher sanft vorbei, es ist sonntagmorgen, ferne geräusche im haus, noch ferner alle gedanken an irgendwas nützliches tun, am besten ist es unnütz. gestern abend mitten in der lektüre von „Stille“, eines schmalen büchelchens des norwegischen abenteurers Erling Kagge, der wissen muss, wovon er redet, er war zum südpol und nordpol, zum everest und in den untergründen von ny unterwegs, spüre ich den steigenden drang mich auf den laptop zu werfen und weg mit irgendeinem unerheblichen scheiss.

mich inspiriert das kleine büchelchen, einfacher weisser einband, insel verlag und keine dummen sprüche, keine meinungen über irgendwas, keine sogenannte geschichte, die irgendein drame sordide enthalten muss. darunter geht es offensichtlich nicht mehr. dabei sind es die kleinen „dramen“, die das leben ausmachen und darüber entscheiden, wie man lebt oder das leben eben verpasst. aber der drang sich abzulenken, weg von sich, nur weg weg weg, das kommt mir vertraut vor, da ist die rede über uns über mich. und dann das seltsame experiment mit 15 minuten stille in einem raum ohne irgendeine ablenkung, ruhig auf einem stuhl, anscheinend halten die meisten das gar nicht aus, flüchten lieber vor sich selber, haben angst vor sich oder der leere ihres lebens, dem memento, das in der stille aufsteigt, lebst du oder schmeisst du dich gerade weg. und dann: aus der distanz sehen viele unserer allerwichtigsten tätigkeiten belanglos aus, unwichtig. sodann die langeweile…

heute morgen erwache ich mit einem verstörenden anziehenden traum von einem stärkeren leben, nicht unbedingt einem, das gefüllt ist mit allem möglichen, nicht mehr von diesem oder jenem, jenem vielleicht doch, vor allem aber mit stille, „die welt aussperren“ nennt Erling Kagge das, er meint nicht weltflucht, er meint eher die ablenkung, die zerstreuung, die flucht vor sich selber und deshalb vor dem moment présent.

nein, hat etwa jemand gemeint, es sei ein beratungsbuch, nein, er redet über sich und deshalb über uns, über mich vor allem, ich mische mich nicht gerne in das leben anderer ein.

stille kostet ein wenig mühe, die stille in sich suchen, das strebt er an und wenn ich sein buch lese, dann breitet sie sich aus – in mir.

zuerst der eindruck, wenn man sich dem eigenen zuwendet, man fällt ins nichts, die fülle sucht man lieber ausserhalb, in den hunderttausend dingen der welt, aber in sich? das chaos der random und weniger random gedanken, die gefühle, die habits, die schlechten und die guten, die ganze konfiguration, die wahrnehmung des körpers, die aussengeräusche, der impuls, weg davon, hin zum schirm, zu den nachrichten, zu irgendeinem belanglosen streifen auf nixflitz, das habe ich überdeutlich gestern gespürt. dazwischen gedanken an den eigenen tod, an die verpassten momente, das bewusstlos vergangene leben, die leeren tage, ausgefüllt mit automatismen, das bedauern, die angst letztendlich nicht ohne angst sterben zu können, weil alles wesentliche verpasst.

 

es ist tatsächlich mühe, es geht nicht von selber, das wegwerfen liegt einem offensichtlich mehr, fällt einem leichter, es ist arbeit, vielleicht die einzig wichtige.

und dann, ein zipfel frieden, beruhigung, l’accès de panique se dissipe comme un brouillard qui a caché le paysage interne, das leben mit sich selber, keine ausflucht, dort sei sowieso nichts zu finden.

das herz klopft, in den händen prickelt es, die beruhigung treibt die schönheit hervor, ein strauch mit gelben bLättern im wind, das rostrot einer hecke, grüne rasenflecken davor, schritte in der treppe und das abgefederte zuklappen der haustür, ferne glockenschläge, das geräusch von fingern auf einer tastatur, besänftigung durch das schreiben, sätze, die niemand zu lesen bekommt, das gewiss.

jemand fragt mich, ob längeres sprechen über tod, krankheit und sterben mich zu stark berührt.

zwischendurch denke ich an Marie, die vor zwei jahren noch sieben tage zu leben hatte und dann erlosch wie eine kerze im wind, flackernd.

ich denke daran, ob ich gerade meine leben verschwende; mit wievielen regrets ich mich herum schleppe, ob ich Marie genug geliebt habe, ob ich überhaupt noch zu lieben fähig bin, ob ich müde werde, überdruss empfinde, wenn ich die zeitung aufschlage.

ich halte mich auf dem laufenden, aber vieles ist bloss noch affairismus, mode, kurzlebig, sprücheklopferei, geräuschvolles getue über innerer leere.

ich stelle fest, wie wichtig kunst mir ist, wie sehr ich nach schönheit dürste und oft in der stadt am verdursten bin vor dem egalwas, das mir entgegen kommt.

ich werde jetzt ein wenig weiter lesen in meinem buch über stille, ich schätze abenteurer sehr, leute, die es wissen wollen.

danach werde ich den wald aufsuchen und mit den bäumen reden.

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„ma soeur, mon épouse“

 

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vermissen, to miss someone sadly, im französischen finde ich nicht sofort ein entsprechend starkes verb, das mein gefühl auch nur annähernd erfasst, ressentir l’absence de quelqu’un klingt ein wenig fade, tu me manques trifft allerdings den punkt, du fehlst mir, nicht nur hier und da, manchmal oder gelegentlich, nein, du fehlst grundsätzlich und in allem und ich sinke, mein schiff voller regrets, voller ich vermisse dich, und wie gesagt, nach zwei jahren ist man (ich) über gar nichts hinweg.

man tut sachen, hält sich einigermassen fit, fängt nicht an zu trinken, man kokst nicht, man kifft nicht und haut sich trotzdem weg und zerstreut sich in alle winde.

dass man nach all den jahren noch immer nicht weiss, wer man ist, dass man zögert, wenn man den namen hört, aber trotz aller einwände der neurowissenschaft gegen selbst und ich hat man den eindruck, man ist etwas auf der spur, das heisst etwa ich oder jemand, auch wenn man nach all den jahren doch rätselt, wer ist es denn.

man schimpft sich manchmal: alter sack, vieux reptile, vieille charogne, man ist gelegentlich wütend, weil man die gesellschaft schon so lange erträgt und sich noch immer nicht wirklich gewöhnt hat, man wäre immer noch gerne anders, besser, weiser und witziger, aber eins hält man sich jedenfalls zugute, dass man ihr begegnete und wie elektrisch das leben plötzlich war, wie es funkelte, wie es schön war und intensiv, wie es schmerzte, so schön war es, so intensiv, so überhaupt nicht alltäglich, so aussergewöhnlich und unerwartet.

gewohnt, nicht gewöhnlich wurde ihre anwesenheit, sie blieb: spannend, farbig und intensiv, ein schmerz manchmal und meist eine freude, aber eine, die  in die knochen fährt, und die herausforderung, was kommt als nächstes, die freudige überraschung als eine person und dann der schmerz des weggehens ebenfalls  als eine person und der abschied und das ende sowieso.

vor einigen tagen fiel mir beim umräumen meiner kleinen bibliothek ein buch in die hand, dessen titel mich unerwartet traf. Es handelt sich um die Lou Andreas-Salomé biografie des Literaturwissenschaftlers H. F. Peters aus dem Jahre 1962, zuerst auf englisch erschienen.

die ausgabe, die vor mir liegt, trägt auf dem vorsatzpapier den vermerk Marie Z., 15.1.79in der gallimard taschenbuchausgabe ist der druck so winzig, dass ich nach wenigen zeilen mit dem lesen passen muss. 

ma soeur, mon épouse.

auf dem rückdeckel wird Lou Andreas-Salomé zitiert, sie schreibt (über ihre Beziehung zu Rilke):

„Je fus ta femme pendant des années parce que tu fus la première réalité, où l’homme et le corps sont indiscernables l’un de l’autre, fait incontestable de la vie même (…). Nous étions frère et soeur, mais comme dans ce passé lointain, avant que le mariage entre frère et soeur ne devienne sacrilège.“

Muss ich sagen, dass Lou Andreas-Salomé in der galerie der frauen, die Marie verehrte, einen besonderen platz einnahm.

Ich habe mir  das buch antiquarisch in der originalausgabe (mit grösserem druck) bestellt.

bedauern tu ich mich nicht.

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von Françoise Giroud, Fayard 2002 (aus Marie’s Bibliothek)

infinity royal oder Marie

unaufhaltsam der fortschritt, infinity royal belval, expansion, ausdehnung, landfressend, wachstum, markt, dynamisch, jung, das neue Grosskleinstein. vor allem aber infinity, hoch hinaus und ewig, das vor allem, ewig und unsterblich.

ich lese zeitung und die namen stossen mir später auf. et je les régurgite. das schiesst aus dem boden wie pilze, das vermehrt sich so schnell wie geld, das geld heckt. konkurrenz sodann, das hatte ich ganz vergessen, markt, überhaupt markt und frei.

mich beeindruckt seit gestern das pamphlet von François Sureau, Sans la liberté  (trotz seiner ausblendung wirtschaftlich-sozialer gegebenheiten).

so hier, royal belval infinity, kein widerspruch bitte, widerspruch ist nicht dekorativ, sondern: unbequem, überhaupt die toleranz für widerspruch, denn ohne den widerspruch kann freiheit nicht existieren, risiko, abenteuer, das sind die eigentlich belebenden begriffe, die mit freiheit verschwistert sind, es sei denn unter freiheit versteht man nur noch die freiheit, seine haut  möglichst teuer zu markte zu tragen und die freiheit zu kaufen, alles, soweit das geld reicht, sonst drückt man sich halt die nase platt an den schaufenstern der warenwelt.

der staat, so lese ich bei Sureau, ist immer eine freiheitsfressende, einschränkende instanz, sicherheit vor freiheit, nur kein risiko, der bürger und wähler verwandelt sich in einen kunden, der allerdings die natur des staates verkennt. es ist nicht der staat, der die freiheit verteidigt.

ich denke nur so nebenbei an die vermehrung von cameras, kompatibel mit software fûr gesichtserkennung, man lauscht sehr lange in die politische landschaft hinein, bevor man einen protest hört, sicherheit vor freiheit, es dürfe die arbeit der polizei nicht einschränken, sagte kürzlich einmal der polizeiminister, da war ich perplex, soll das gesetz nicht gerade das tun, dieser arbeit einen rahmen geben, der den bürger vor übergriffen schützt, es wäre fûr die polizeiarbeit sicher einfacher, über jeden bürger eine datei anlegen zu dürfen. (inzwischen gibt es bei uns allerdings mehr einwohner als bürger, mehr angestellte als einwohner etc., also auch für die? und alles andere eine einschränkung?)

mir wird echt bange bei solchen verbalen ungenauigkeiten. was ist eine einschränkung? und welche einschränkung der freiheit ist gerechtfertigt?

ich höre, es wird angeraten, sich mit kritik zurück zu halten, gewisse fragen bitte nicht zu stellen, das stört die kommunikative landschaft, hier ist doch alles einschaltquote, kein markt für kritik, zu spitze, es darf nicht weh tun. es ist nicht dekorativ, nicht royal belval infinity. solange das geschäft läuft, was kann man mehr wollen.

er ist dagegen, das steht fest.

nein, er ist nicht dagegen, und was heisst schon dagegen, das würde erstens nichts an den tatsachen ändern, die gerade geschaffen werden, und weil es doch nichts ändert, trägt es zu meinem wohlbefinden nichts bei, im gegenteil. aber ich beobachte, schaue zu und verständige mich mit mir selber über das wahrgenommene, ich will immer noch wissen, wo ich lebe, prüfe sätze aus meiner lieblingsserie, je mehr sich alles ändert, desto mehr bleibt dasselbe, es ist tatsächlich previsibel und schön ist dann doch noch eine andere kategorie, die sich gerade entzieht.

da ich in einem eher ruhigen teil meines stadtviertels lebe, dessen expansives profitpotential sehr begrenzt ist, denke ich nur jeden tag zweimal daran, ob ich nicht doch lieber aufs land ziehen soll, wo ich mit den bäumen reden kann, beim aufstehen schon.

es tut mir auch nicht leid zu sagen, dass ich beim anblick der neuen royal belval infinity jedes mal unweigerlich an Marie denken muss, die es am ende nicht mehr in der stadt ausgehalten hat, sie wollte aufs land, da hat infinty noch eine andere qualität, da kann man nachts noch in den sternenhimmel schauen und sich vorstellen, dass man keineswegs einsam in der weite herum schwebt, was danach einiges hier unten, besonders den gewinnverengten scheuklappenblick, doch enorm relativiert. sie hat dem umzug an den waldrand dann doch die infinity vorgezogen.

was ist dann mit schmerz.

ich kann nicht behaupten, dass das neoexpansive grosskleinsteinstein keine eher unangenehmen, also doch etwas schmerzlichen gefühle hervor ruft. ich schaue mich dann immer um, als sei Marie noch da, der ich zunicken kann, worte sind schon gesagt, das komplizenhafte kopfnicken genügt, die intime kumpanei fehlt mir enorm. im zweifelsfall wurde sie mit ausführlicheren gedanken unterfüttert. auch das fehlt.

jüngst stand ich am fenster in unserem alten haus und erblickte aufeinmal die runde schönheit unseres gemeinsamen lebens in haus und garten und sträuchern und bäumen und ihr wesen kam mir als das entgegen, was ich erblickte. es ist ein fragment geblieben und doch rund und eine reine freude. und dann kam der schmerz, dass es das nun nicht mehr gibt. aber man kann es sagen.

und auch das ist schon gesagt und  besser und deshalb setze ich den text und die vertonung hierher:

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Friedrich Schiller