„zahltag“, sagte marie

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ist das eine freude, wenn man sich an der eigenen nase fassen muss, besichtigung der eigenen unzulänglichkeit als masochistisches vergnügen: wir hängen alle drin und unsere versäumnisse können wir jetzt bewundern. ob wir wollen oder nicht.

zum samstagsauftakt also eine virtuelle ohrfeige, gefolgt von beschämtem (etwas hilflosem) grinsen, die kolumne der Kleinen Zeitzeugin im LL (Dazu ist die Jugend ja da, Michèle Thoma) von gestern (erst heute morgen gelesen, die cafétasse wäre mir fast aus der hand gefallen, danach noch leichtes vibrieren und die amüsierte, betretene miene erst). wir kommen da nicht so schnell raus und es geht gar nicht um die politikerin, die jüngst in einem interview verärgert bekannte, auch sie habe sich nun ein „SUVchen“ geleistet.

Es lief ja auch alles irgendwie, immer mit einem ausgefransten rand von anfällen schlechten gewissens und halbherzigen rechtfertigungen.

seit dezember 2017 habe ich keinen führerschein mehr, und ich frage mich eingehend, wie ist es so ohne auto, das tägliche leben.

besser?

ja, bewusster.

erstens alles bewusster, wohin gehe ich, wie komme ich dahin, am liebsten noch gehe ich zu fuss, durch die stadt, mein DADA sind treppen und ausser atem finde ich bedenklich und forciere das tempo. jüngst hat mich eine über siebzigjährige einen steilen hang hinauf gehetzt (gehetzt? um gotteswillen, es war das reinste pläsier) und als wir wieder hinunter gingen, machte sie mich auf das beachtliche gefälle aufmerksam und ich war dann doch von mir selber beeindruckt :).

also zweitens, alles ist etwas komplexer geworden, einkaufen mit dem fahrrad, herum strampeln, blaue flecken vom fahren auf waldwegen (ich schaffe es immer wieder unmögliche zwischenfälle zu provozieren, aber umgefallen bin ich nicht), bus und tram sind aufregend wegen der anderen leute, auf bahnfahrten lese ich und schreibe unerhebliches auf, anfangs fühlte ich mich eingeengt, nun freue ich mich und wenn ich mit dem schweizer freund auf seiner hütte bin ohne elektro und fliessendes wasser nur draussen in einem holzfass und morgens feueranzünden, aber mittendrin in etwas urtümlichem, dann bin ich gewiss, dann bin ich überzeugt, wir können ohne weiteres den laden etwas (viel) herunterfahren ohne schaden zu nehmen und der gewinn ist eine ungeahnte qualität des erlebens.

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stattdessen, wenn ich die zeitung aufschlage, auch virtuell, ist die welt zerstückelt, anzeigen, die schreien, kauft, alles, alles, was es so gibt,  das gerade versteigerte G5 netz wird gepriesen, der fachmann strahlt fortschrittfortschrittfortschritt ohne ende aus, toll, dass jetzt mein kühlschrank mit mir redet und die tür aufgeht, wenn ich bÄÄh sage, die heizung schon im voraus weiss, dass ich nachhause komme (so extrem persönlich maschinell) und die sinnliche stimme mich grüsst („oh, mein lieber wie delikat, dass du nun zuhause bist“), aber sonst alles geleckt leer und am ende unvermeidlich auch der klimawandel, die amseln und meisen, die sich rar machen (vielleicht ist es doch nur ein (vorübergehender) streik), in eine mittlere kolumne gequetscht und gleich daneben das nette kleineklitzige „SUVchen“, sie müssen es einfach haben und der diskrete hinweis auf ein paar immobilienschnäppchen.

ein durcheinander, gerührtes, kraut und rüben, nichts passt. (und doch alles, wie man sich am besten etwas vormacht).

Ich habe keine ahnung, wer auf die idee gekommen ist, die welt so zu zerstückeln, wir machen weiter, ungebremst, aber alles muss sich ändern und das meiste soll bleiben, wie es ist, kauftkauftleute, bedenken gestaucht am ende des artikels in einem winzigen abschnitt und als nachbarn die ganzseitigen annoncen der finanzfonds. und es findet sich immer einer, der sagt frank und frei, das ist kein kapitalismus, das ist doch bloss marktwirtschaft und die paar auswüchse.

die gesamtsicht?  ist einer verantwortlich?  und überhaupt, lernt man das doch in der schule,  eine ordentliche ansicht zu bilden.

jo, watgelifft und anhaltendes bösartiges kichern.

es scheint hoffnungslos und lästern erleichtert.

ob es auch hilfreich ist.

die negation mit der negation bekämpfen, ein beliebtes mittel von marie, ich sehe die methode nun deutlicher, in meinem fall irritierte sie ungemein (ihr erstes ziel) und im zweiten anlauf war sie wirksam.

die wirkung einer toten.

kann man über tod „sensationslustig“ reden (in der gleichen zeitung ein artikel über eine veranstaltung mit dem titel „leben und tod“) und wie geht das; auch hier wäre downsizing empfehlenswert, bescheiden, bescheiden und endlich einmal normal (nicht hysterisch, angstgepackt oder zynisch) darüber reden, dass ein leben, in dem der tod kein inklusiver teil ist (gedacht, gesehen, gelebt) kein leben ist, nur eine schreiende reklame mehr, wie man allem ausweicht, was zählt.

„zahltag“, sagte marie eines tages, als wir das thema streiften.

 

„was hast du noch zu verlieren“

Anouar Brahem, Blue Maqams gestern abend in der philharmonie. die musik löst bei mir einen ansturm von gefühlen aus, widersprechenden, streitenden, langsame beruhigung, magisch, es kommt mir hinterher vor, als sei ich stundenlang dort gesessen. versunken.

meine sehnsucht nach einer anderen welt, einer schöneren, einer wiederhergestellten, einer ohne kriege, ohne elend, aus dem dann noch gewinn geschlagen werden kann, ohne laissées pour compte, einer welt, in der die differenz (das anderssein, der andere, der fremde) als kostbarkeit betrachtet wird und endlich diese furchtbare tortur an tieren und natur aufhört. ich stelle mir eine welt im fluss vor und die braucht gegensätze, widersprüche, aber wie werden probleme gelöst, da gerade jetzt die lösung oft schlimmer ist als das ursprüngliche problem.

das kam hoch, bei den klängen, kein wunder.

The astounding eyes of Rita.

und dann die dummheit und verblödung, die zunehmende. man sollte sich nichts vormachen, diejenigen, die heuer von schulschwänzen reden, haben die in der schule was gelernt oder war das nur eine bestätigung von dumpfheit und denken bis zur nasenspitze. Oder ist das jetzt der in gerade dieser schule gebildete mündige Bürger, der sich aufgerufen fühlt, zu sagen, was sache ist, je beschränkter desto besser.

beim betrachten der fotos von der freitagsdemonstration der jungen überkommt mich eine gewisse schadenfreude, auch,  neben einer grossen genugtuung und einem etwas peinlichen impuls zur gewissenserforschung: was ist mit verantwortung, meiner, perönlichen und meiner leichtfertigkeit (die bizzare ungerechtfertigte hoffnung, das wird schon noch). mir fallen dann immer die blockbuster von jenseits des grossen teichs ein, darin retten ein paar helden die welt oder einer allein/eine allein, die sehnsucht nach dem erlöser nimmt immer verquerere formen an und man* kann weiter als zuschauer den sesselfurzer geben.

ganz frei bin ich nicht davon.

Waking State

wird die welt langweiliger (so Slavoj Zizek jüngst in der nzz), weil die frauen immer deutlicher und mutiger werden (sie nehmen sich etwas heraus und sie tun es nicht, um die männer aus ihrer krise zu holen, die eine allgemeine ist).

ich gebe zu, auch ich gerate ins schwimmen. aber was ist daran schlecht (oder gar langweilig).  „Mitunter wurde mir nämlich beim wilden Schwimmen in der Dunkelheit ein Licht aufgesteckt.“ (Laura in Irmtraud Morgners Hexenroman „Amanda“).

For no apparent reason

lasse ich mich auf ‚halsbrecherische‘ experimente ein (einfach die dinge zur kenntnis nehmen, zeuge sein, nicht abhauen (ein fast unwiderstehlicher drang, sich aus dem staube zu machen, so oder so) wenigestens den blick nicht abzuwenden, auch den in den abgrund der menschlichen (also auch eigenen) dummheit nicht / überhaupt: abgründe)

überhaupt freies denken (die grenzen des eigenen), und die weigerung, aus angst und verunsicherung denkzäune aufzurichten. von wegen ins schwimmen geraten: die lust daran. trotz allem und immer wieder.

Souvenance

und dann sehe ich mich aufeinmal als kind, und weil ein kind dazu gehören will, lernt es, ein junge, ein mädchen, oder was sonst, das ist dann schnell entschieden? ist es das wirklich? das leiden an diesen zwanghaften zuordnungen, mädchen sind so und jungen ganz anders? und dann läuft einem beim lesen so jemand wie Paul B. Preciado (Un appartement sur Uranus) über den Weg und das ist sofort wie schwimmen im meer und der horizont ungeheuer weit und die luft belebend und das licht kommt von ganz allein.

tief einatmen.

Toi qui sait (Le pas du chat noir)

„Endlos / von neuem anfangen“ (Rose Ausländer, Alt und neu, in: Im Aschenregen die Spur deines Namens, s. 198)

„was hast du noch zu verlieren?! also …“ („sieh“, marie)

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als rede ich von einem andern

 

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von einer reise.

man redet wenig, man macht, man arbeitet sich hänge hoch im schnee, ohne stöcke wäre es noch mühsamer, man schaufelt schnee vom rost, entfacht ein feuer, kocht kartoffeln, stellt die schwere pfanne auf und das ding fängt an laut zu brutzeln, danach sitzt man da und isst und blinzelt in die sonne, die berge sind dunkelblau und eisig.

man macht am besten, „man kann nicht immer reden.“ sind männer so?

hingegen mit einer frau unterwegs, der gleiche jahrgang, natürlich macht man nun auch, man geht einen steilen hang hinauf, zügig, man bleibt stehen und bewundert die aussicht, immer wieder zeigen und sagen und benennen, das passt mir, und unterwegs schliesslich die frage , was nach dem tod kommt, wie ich das sehe.

Ich beobachte mich, fast amüsiert, was wirst du sagen oder wirst du schweigen, es ist ein raues terrain und das, was ich „weiss“, was manchmal, in kostbaren momenten, aus der stille auftaucht, bewegt sich jenseits von worten, es liegt davor, in der schwebe zwischen empfindung und gedanke. ist zerbrechlich, mit vorsicht zu handhaben und ich spreche das aus, weil jemand, eine frau, aufmerksam zuhört und, so fühle ich, tatsächlich wissen will, wie ich das sehe, nicht bloss so zum reden und um  pausen zu füllen mit worten.

ernstfall also,  was wir gerade tun, es ist ernstfall, es gibt keinen zweiten versuch. ich gebe zu, ich bin etwas aufgeregt, als ich sage, dass in manchen momenten eine präsenz wahrnehmbar ist, aber nicht mit dem üblichen sensorium.

und während ich das schreibe, soll ich mehr sagen und nein, wird mir klar, diese präsenz will von mir, vielmehr „für mich“. beharrlich und stur dreht sie mich dem leben zu, „auch wenn es schmerzt“ und  „du schaust zuviel in den tod.“

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dass ich nicht höre und sehe und spüre oder nur halb, nur widerwillig irgendwie.

das richtige wahrnehmen ist eine erinnerung, sage ich, dort am berg, aus einer zeit vor ihrem tod. seither teile ich die zeit in dieses vorher und nachher  und das nachher war seltsam leer und kalt.

es muss schon sehr kräftig zugehen, damit  das erleben mich überwältigt wie  eben an diesem steilhang im schnee, dann schiesst eine freude am blossen da sein hoch, ja, so gewaltsam und  aufgestaut und zurück gehalten,  urtümlich, roh,  explosiv. während ich vor anstrengung keuche.

so auch als die frage kam, und wie siehst du das, das danach, da war ich  am hecheln und  keuchen und zwang mich zu ganz tiefen zügen.  nun kam  die fremde kreatürliche freude. und erst beim abstieg.

es hat nichts mit glauben zu tun. in diesem augenblick wendet mich eine kraft dem leben zu. dort, wie an einer grenze erwischt sie mich und ich kann nicht mehr ausweichen.

nachts höre ich wieder willig auf die geräusche, die nacht ist wie samt und ich versinke darin.

vielleicht liegt es  an dem kleinen ort, der eingebettet in einem bergrund gehalten ist und beschützt. in nebel und regen, oder sinken die wolken herunter, wird die landschaft durchsichtig, man blickt in eine andere welt. dort ist man verletzlich und muss  nichts verbergen.

vielleicht lag es an der begegnung. der andere, selbst der freund, ist der fremde zuerst und wenn er bekannter wird, wird man sich selber der fremde.

man, schreibe ich.

als rede ich von einem andern.

wenn einer eine reise tut.

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Abschied von R.

 

 

DSC00731Nach R. würde er nicht zurück kehren. Das stand fest. Er hatte ein paar Mal gesagt, noch nicht, vielleicht später einmal, wenn er gefragt wurde, ob er nicht nach R. fahre.

Nun stand der Satz am Morgen beim Aufwachen da und war nicht weg zu wischen.

„Nach R. werde ich nicht mehr zurück kehren.“

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie sehr er den Ort und vor allem das Meer geliebt hatte.

Nach ihrem Tod war er noch zweimal für ein paar Tage in R. gewesen. Zweimal in Begleitung, es war nicht mehr das Gleiche gewesen. Das alte Gefühl zuhause zu sein war weg. Er fühlte sich nicht nur fremd, er wusste gar nicht, was er diesem Ort abgewonnen hatte. Im Winter war alles erschreckend hässlich, am Meer störte der unaufhörliche Autoverkehr, die Promenade hatte man mit Bausünden vollgestellt, die Restaurants waren drittklassig, beim Flanieren fiel man über Rentner und Pensionäre. Schön war allein das Hinterland, das nach wenigen Kilometern begann, der Trubel war auf einen schmalen Streifen begrenzt, über dem ein Abgasschleier lag. Helikopter flogen hin und her und beförderten die Ultrareichen von einem Hotspot zum nächsten. Im Sommer hielt man sich am besten fern, dann gab es die Invasion der neuen übervorsorglichen, etwas hysterischen Eltern mit ihren überbehüteten Kleinkindern, deren Geplansche am seichten Ufer argwöhnisch beobachtet wurde, bei dem geringsten Quietscher griffen die von Panik gepackten Eltern  ein. An einem der Lieblingsstrände dieser unbegreiflichen neuen Erzieher hatte er es gewagt, mit seiner Enkelin in ihrem kleinen Schlauchboot weit hinaus zu schwimmen, was ihm argwöhnische und wütende Blicke und deutliche Missbilligung  eingetragen hatte. Das war also die Zukunft, dass sie auch so aussah, wusste man nun, aber weitere Besichtigung war unnötig.

 

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Das war natürlich nicht der Grund, warum R. ihm verleidet war. Nach zweiunddreissig Jahren war Schluss. Irgendwann war immer Schluss. So funktionierte das eben.  Mit R. war er fertig.

Die Wahrheit über R. liess sich in einem Satz zusammen fassen: Dort hatte er gemerkt, dass Marie nicht mehr gesund werden würde. In R. hatte er sich nichts mehr vormachen können, Marie würde sterben. Im Oktober waren sie noch im Auto hingefahren, es war etwas beschwerlich für sie gewesen, aber es hatte geklappt und er hatte sich von dem Aufenthalt erhofft, dass sie sich erholen würde, dass es ihr besser ging.

R., das war nun das letzte Mal mit ihr am Strand, fürs Schwimmen hatte die Kraft nicht mehr gereicht. Sie hatte ihm dabei zugesehen.

Sie hatte auf der Terrasse in der Sonne gelegen, er hatte sie mit allem versorgt, sie hatte gelesen und gedöst und geschlafen und sie lächelte oft. Aber zusehends wurde sie schwächer und dünner, sie ass immer weniger, wurde durchsichtiger mit jedem Tag und er wusste nun, sie würde sterben, und auf der Rückreise schaffte sie es nicht mehr ohne Rollstuhl.

In R. hatte er gesehen, dass er Marie verlieren würde und er konnte gar nichts machen, ausser ihr noch jeden möglichen Dienst zu erweisen und ihr seine Verzweiflung am besten gar nicht zu zeigen, was er dann mit mässigem Erfolg schaffte.  Als er im November einmal die Fassung verlor und heftig zu schluchzen begann, sagte sie trocken, das hast du nun einmal gehabt, aber lass es in Zukunft sein.

Es gab Sachen, die vergass man nicht.

Er hatte den Ort trotz aller Hässlichkeit geliebt, aber nun war sie tot und R. ohne sie, das ging gar nicht, das war unmöglich, R. ohne sie, das war leer und hässlich, öde und fremd, ohne sie war R. kein Zuhause mehr.

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Kühl schaut sie mich an

 

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Ich schaue dem Regen zu, denke über meine seltsamen Träume nach, der Café schmeckt anders, erdiger, kräftiger und langsamer, ich brauche mehr Zeit, um die Geschmacksnuancen auseinander zu halten.

Was tut der Regen mit mir, beruhigt er die aufgewühlte Oberfläche der Seele, heilt er Wunden, beim Schreiben besänftigt er jedenfalls (ich sehe noch immer das Foto der marschierenden uniformen Kolonnen dunkel gekleideter junger Männer auf einer Pekinger Strasse und frage mich, was geht in denen vor, was setzt sie in Bewegung). Mir fällt „Otherland“ ein, das Riesenopus von Tad Williams und dessen verschachtelte Welten, davon einige schauerlich.

Gestern Abend meine Lektüre über unser Verhältnis zu Tieren, unser Unverhältnis vielmehr, unsere Ambivalenz, unser Versagen, das rätselhaft Andere und doch Verwandte. Während dem Lesen spürte ich meine Beunruhigung. Das klang nach, in meinen Träumen Tierbegegnungen.

Wenn es stärker regnet, schwankt das Haus gegenüber, verschwimmt es, die Ränder bewegen sich, als beginne es wegzufliessen. Regen inzwischen wie Nadelstiche auf dem Fenster, sehr fein, sehr hell der Ton. Dazwischen ein grobes Baugeräusch. Ein weisser Fleck segelt schnell in dem Grau nach Osten.

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Soeben ist Siri Hustvedts Essay Band eingetroffen: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Ich habe zu wenig Ahnung von Naturwissenschaften, um mir keine Zurückhaltung aufzuerlegen. Siri Hustvedt finde ich deswegen so umwerfend interessant, weil sie eine echte, sehr gut informierte Brückenbauerin ist (Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft, sie ist in dem UND zuhause), auch wenn ich ihr nicht in allem fromm folgen kann. Sie argumentiert sehr kühl, so empfinde ich ihre Prosa.

(Ins kühlere Element, bei heftigen seelischen Turbulenzen (wenn sie einen nicht lahm legen) eine Medizin / eine durchgängige Erfahrung: das Leben als Turbulenz / die Tage nach der Intensität der Erschütterungen unterscheiden / geringfügige Ausschläge: fast schon das grosse Glück, jedenfalls Balsam auf Wunden: apaisement, die Kühle).

Wenn Marie mich kühl anschaute, wenn sie einen Augenblick auf Distanz ging (der Blick und der Ausdruck in einem ganz andern Gesicht), wurde ich auf mich selber zurück geworfen (was im ersten Moment sehr unangenehm ist, aber es ernüchtert), fast sofort kriegte ich mich wieder ein, nach ein paar Sekunden des Beleidigtseins, es blieb mir gar nichts anderes übrig.

Nun folge ich gerne der Spur dieses kühleren Wesens, wenn es mir begegnet (nicht zufällig meist bei Frauen).

Inzwischen der Regen: streichelt fast das Fenster, rieselt sanft, rieselt körniger dann, hüllt alles ein und unbekümmert nebenan das Metall auf Stein des Baggers im Bauschutt an der Kreuzung, ein Wohnhaus abgeräumt und dem fehlte gar nichts, aber der Gewinn, das Geschäft, es klingt nach dem metallischen Scharren und weg damit, hopp und ex. (Die Unbedenklichkeit verwundert mich dann doch immer von neuem, was ich als Zeichen deute, dass ich noch nicht ganz kaputt bin.)

Natürlich sehne ich mich nach einer Wärme, von der ich manchmal meine, sie ist mit Marie weggegangen. Nach kräftigem Besinnen erst wird der Verdacht haltlos.

Aber heute nagt der Bagger am Gemüt, Schutt kracht auf die Ladefläche des Lasters, schweres Motorengedröhn, Hupen, Ungeduld, die Strassenecke sieht verwaist aus, enthüllt Hinterhöfe, glänzende Abluftröhren, winterliche Gärten, roh aufgeworfene Erde. Spekulation sieht so aus, hört sich genauso an, denke ich, die Spezies hat einen ausgeprägten Sinn für Hässlichkeiten, Ratzfatzgesten und wir fackeln nicht lang.

Ich übe mich in einem mittleren Gemütszustand, weder zuviel noch zu wenig. Die Rabenkrähe hat ihren Schornstein aufgesucht, wippt elegant lässig, verwandelt sich im regentrüben Fenster, bläht sich auf und schrumpft wieder, bald rund und länglich, bald  spitz und verdreht, dann ist sie weg, mit energischem Flügelschlag, und krächzt zwei – dreimal / kraax, kroaax.

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„sei wenigstens freundlich“

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inzwischen trinke ich café aus afrika, mein lieferant führt den peruanischen nicht mehr. ich fühle mich verpflichtet, dem café anbau und sonstigem in Uganda nachzugehn.

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schweres grau, windgetrieben, bäume fallen auf strassen. die katzen wollen nicht hinaus. die ältere schaute mich länger an heute morgen, als wir uns auf dem treppenabsatz begegneten, und sagte was auf katzisch, ich nickte ihr zu, tatsächlich war die nacht unruhig, heimgesucht wie ich war von gespenstern und geistern und eine traumfigur wollte unbedingt einen kostbaren blaublauen stein aus canada (ich sah ihn funkeln).

das ist mein ausweichmanöver heute morgen, ich pirsche mich langsam heran, über nachtgeröll und unbestimmte trauer.

die bestimmung erfolgt erst später am morgen.

das brausen des windes als willkommene ablenkung, hingebungsvolles lauschen.

in mir eine festgefahrene stelle, ich will sie nicht genau sehn, die angst, marie nun ganz zu verlieren, sie mit nichts mehr festhalten können, kein bild mehr, keine einigermassen konturierte vorstellung, ja, auch keine erinnerung an eine gestalt, einen gang, eine haltung und nur sehr fern noch eine stimme.

aber das ist nur meine nächtliche angst.

wenn ich auf dinge von ihr stosse, wie heute morgen zum beispiel, ertrinke ich in den bildern und sinke,  schnappe nach luft und schlage fast um mich, in einem zimmer ganz allein.

der sturm braust heran, in unregelmässigen wellen, das dachgebälk antwortet prompt.

wieviel ist mir gleichgültig seither, wieviel erreicht mich nicht, berührt mich nicht, lässt mich kalt. das erschreckt mich manchmal, wie sehr meine welt auf ihre bezogen war, ausschliesslich, und was war ausgeschlossen, wieviel von dem Grösseren war darin und was kam gar nicht in frage.

das flache.

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während sie sich zurück zog und wegrückte von hier, bin  ich in die zwischenwelt geraten, weder hier noch dort, traumartig, enthoben, ihr tod hat das radikalisiert, noch immer lebe ich nicht ganz hier, nicht in der erinnerung, in einem dazwischen, einem spalt zwischen tod und hier.

und mir wird klar, schon immer war ich nicht ganz ansässig, sondern zugereist, fremd,  geraten ich weiss nicht wie ins unverständliche.

umso mehr jetzt.

mein rätseln über tod und leben.

mehr denn je merke ich bei meinen lektüren, wie sehr man sich bemüht, in einem rahmen zu bleiben, wer darüber tritt hat jegliche zustimmung verloren. irgendwo lese ich den satz, seit sich herum gesprochen hat, dass die die erde rund ist, ist das denken allmählich abgeflacht. zu dem heutigen.

ich lebe in der zone der rätsel.

seit geraumer zeit meide ich das allerneueste vom tage,  kein massenaufschrei,  die ungeheuerlichkeit gibt sich normal.

lauschen auf die stimme des sturms: ich entziffere die tonalitäten des windgebrauses, zähle den ansturm der böen, vermesse das schwanken der baumwipfel, sage  knacken oder ächzen der balken zuverlässig voraus und daraus folgere ich zwingend, marie will mir unbedingt etwas sagen.

ganz deutlich: „sei nicht kleinmütig, sei wenigstens freundlich.“

das reicht in meine lektüren.

Andrea Camilieri, Certi Momenti.

Hiromi Kawakami, Die zehn Lieben des Nishino.

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„communication“, was ist das denn?

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„communication“, mehrmals und kurz hintereinander am nebentisch bedeutend ausgesprochen und ich gehe nach dem hastig ausgetrunkenen expresso sehr schnell wieder, ziehe die jacke im aufstehen mit schwung über und bin schon draussen und folge der sonne, zuerst ins gewühl am bahnhof und dann schnell in fast stille strassen, wer träumt, die häuser oder ich, aber das ist nur ein kurzer gedanke, bald kommen die eiligen vom dienstschluss an mir vorbei, hasten treppen herunter und hinauf auf den fussgängerstreifen zu über die autobahnzufahrt und ich sehe, dass ich möglichst schnell weg komme.

was ist das für eine „communication“ (amerikanisch ausgesprochen), wenn ich meinen café so hastig hinunter stürze und keinen zweiten bestelle; es war mir zu eng, zu nah, wenn leute so laut reden, dass ich gegen meine willen zuhören muss, nein kein theater, das auch, aber es ging wirklich nur um ein wichtiges seminar (und das alles mit diesem breiten akzent, eigentlich sympathisch dachte ich) und die frau gleich nebenan, die ihr baby stillte, wollte ich auch nicht stören.

dabei liegt das café fast versteckt in einer nebenstrasse und es gibt nur ein paar tische, aber der expresso ist exzellent und eigentlich redet nie jemand sehr laut. ich gehe auch dahin zum nachdenken und manchmal schreibe ich mir sachen auf.

die leute, so fiel mir an diesem seltsamen februar sommertag auf, waren fast aufgeregt oder war ich es, aber einen zweiten expresso hatte ich tatsächlich nicht getrunken, fast wäre ich schon woanders eingekehrt, aber die tische draussen lagen schon im schatten.

im park sassen leute am weiher auf decken und ich habe dann doch besorgt einen blick auf die wettervorsagen geworfen, ich will eine ordentlich behutsame annäherung an den frühling, keine frühzeitigen überraschungen im garten und dann friert es und schneit hinein.

andererseits merke ich, seit maries tod bin ich auf einiges gefasst. auf anomalien, meine ich, obwohl ich weiss, dass der tod keine ist.

dann denke ich, mit unserm weltbild und dem davon geprägten erleben muss etwas nicht stimmen.

wenn alles  seinen gewohnten gang ginge, keine anomalien also, dann gäbe es wenig einsichten. ich meine damit nicht einmal den klimawandel oder so, sondern was gründlicheres, tieferes.

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aber darüber will ich nicht reden, ich meine aus scheu nicht, und auch, weil die meisten mainstream ansichten seit geraumer zeit nicht mehr meine sache sind. maries tod hat das noch erheblich verstärkt, aber ich habe heute gerade keine lust, fremde meinung vor den kopf zu stossen, obwohl ich das eigentlich gerne tue. die meisten verteidigen ihre nicht weniger seltsamen ansichten, als ginge es um ihr leben, und das tut es wohl auch. ich respektiere das meistens, es sei denn ich nehme an, der „communication“ partner verträgt  einen kleineren oder grösseren stoss.

die meisten leute, so merke ich, haben mehr glauben, als sie annehmen. es gibt autoritäten, denen kaufen sie alles ab.

„communication“ ist dann einfach nur selbstbestätigung, männer vor allem haben da oft eine schlagseite.

das letzte argument ist die technik, das funktioniert doch, mit erhobenen brauen und mahnend. ich sage dann immer, na klar und wie.

ist „communication“, ich rede nicht vom austausch von banalitäten, das kann auch sehr schön sein, nicht hauptsÄCHLICH DAS, gemeinsam FRAGEN ZU STELLEN STATT SICH ANTWORTEN UM DIE OHREN ZU HAUEN,  die meist auch bloss meinungen sind, vom hörensagen kommen, ungeprüfte glaubensartikel samt und sonders.

dann flüchte ich am liebsten, es sei denn ich bin an dem tag gerade streitlustig und möchte die heftigeren tonlagen meiner stimme exerzieren.

„communication“ wovon also. einer meiner lieblingsorte ist das stille café, man trinkt in aller ruhe seinen expresso und geht wieder, kein geräuschvolles gerede.

reden tu ich abends mit marie, ich erzähl einfach alles ohne worte, ich setz mich hin und stell mir vor, für sie bin ich durchsichtig, vor ihr kann ich gar nichts verbergen, wenn ich ehrlich bin, und sie würde jeden schwindel sofort entdecken: das ist für mich ein ungeheuer erleichternder gedanke, dass jemand mich anschaut und sieht, ohne irgendein urteil. so’ne fähigkeit wÜNSCH ICH MIR SCHON LANGE.

AM BAHNHOF KANN MAN SIE GUT EXERZIEREN, DESHALB GEHE ICH SO GERNE HIN.

ABER HEUTE, ECHT, DAS MIT DER „COMMUNICATION“, DAS WAR RICHTIG des guten ZUVIEL.

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so etwas wie wahrheit

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sonnenflecken auf stuhl und tisch und buchstapel (die noch ungelesenen, angelesenen) die frische luft, noch kühl gegen zehn, aber eindeutig frühlingshaft  – eine graue taube auf dem kamin (und schon wieder weg) – „ich ist ohne du und wir eine tonnenschwere last, kollabierend“ (so ähnlich gestern abend gehört) – ein wenig verzweiflung in einer ecke, in einer andern ein wenig erleichterung, in einer dritten verspieltes, in einer vierten erwartung (unbestimmt), in einer fünften (die gibt es) ist alles ganz anders – „Das wortlose, blinde Verstehen ist … ein fester Topos der Liebeslyrik “ (gelesen bei Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste im kapitel über Sapphos Liebeslieder, S. 128), ist gelebte erfahrung und weltriss, wenn es zu ende ist – „Nicht eins und doch“ (Christian Enzensberger, titel seiner „Geschichte der Natur“) – „Später, als er wieder fragen konnte, hat er die Steine gefragt“ (ebendort, S. 121) – er fragt sie jeden tag, um etwas heraus zu finden über ihren jetzigen aufenthalt – „I cannot say, and I will not say / That he is dead- . He is just away!“ ( James Whitcomb Riley): ein bekannter schickte mir das gedicht „away“, das „he“ ersetzt durch „she“ und ich merkte beim lesen, wie es alles noch schlimmer machte und einfacher, erträglicher, sie, allein unterwegs wo ganz anders und mir unerreichbar (und das gab natürlich wieder hieb und  stich) – trösten wollen ist so eine sache, man trifft immer irgendwo ganz daneben, jedenfalls bei weiterem bedenken – die violette orchidee auf dem tisch: ich erwische mich dabei, wie ich bei allem und jedem (blumen sind nie „alles und jedes“) frage, was hat es mit ihr zu tun (eine ganze menge) – die menschen sind so fern, sage ich, und im gleichen augenblick, ich bin so fern „von allen“, aber ihr bin ich nah (ich halte mich fern, denn ich befürchte verluste) – dopamin wird auch ausgeschüttet bei negativen gedanken, also auch bei schmerz? (der suchtcharakter davon) – die goldfische im tümpel sind aufgetaucht, ich erhasche vom wohnzimmerfenster aus eine orangenen fleck – heute nachmittag werde ich im garten arbeiten (so tun als ob, in wirklichkeit wird es ein besuch bei alten bekannten), die meiste zeit verbringe ich mit hinhocken und schauen – ohne marie ist der garten gar nicht denkbar – überhaupt: was verdanke ich marie ( versinken in gefühlen und gedanken eines eigenartigen lebensinventars) – es gibt keine tätigkeit, die keine erinnerung enthält, jeder hüftschwung, jede körperdrehung ist voller erinnerung – was ist schönheit – bei wem habe ich schönheit gelernt – bei wem sonst – die boutade über den jogginganzug ist keineswegs abwegig (Karl Lagerfeld): es ist ein anzeichen der flächendeckenden verlotterung  – in der stille des samstagmorgens ensteht so etwas wie wahrheit.

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