das lächeln des verschwindenden: kleine sommerchronik

dorfidylle, drapiert um einen bach (mit furt, kunstvoll angelegt) mutet einen unwirklich an; der nachbachort mit bahnanschluss liegt gleich den hügel hinunter. das alte leben ( sehr kleine, kleine und grössere landwirtschaft in fast allen häusern) ist natürlich (?) weg, die häuser sind bewahrt, weiss, schiefergedeckt und nun fand dort ein kleines fest statt, ein rummel, wollte ich sagen, in der ankündigung stand was von kunst. vor allem ging es um die kunst, grillwürste zu besorgen und kühles bier. naja, es gab schon ein paar interessante sachen, kurioses vor allem und kitsch, eine menge. das eigentliche (?) kunstwerk jedoch war das dorf, das sich zeigte und regte, eine durchaus lebendige entität, auch wenn der begründete verdacht besteht, dass viele der kräftigen häuser von auswärtigen bewohnt werden, einigen auch, die nur am wochenende kommen und die woche über verschwunden sind… mit kunstwerk meine ich, in eine senke hineingepasst, als gehöre es dahin und umgeben von steilen hügeln. ein reiner genuss dort auf und ab zu gehen.

hinterher ist man erschöpft von den vielen menschen, den geräuschen und der sonne (trotz hut und leichter bekleidung).

ich wundere mich, beim hinschreiben und beim plötzlichen erinnern, dass mich der besuch dermassen beeindruckt hat.

weil mich der anblick des dorfs in meine kindheit gestüzt hat? oder weil einmal wenigstens eine dorfarchitektur nicht misshandelt und verschandelt wurde und wie jemand bei anderer gelegenheit sagte, sites et monuments, die zuständige behörde, dabei weggeschaut hat. wenn ich heute über die dörfer fahre, leide ich. nicht nur, weil man nicht mehr so recht weiss, was für lokalitäten das eigentlich (da ist es wieder) sind, sondern wegen dem sammelsurium an kuriosen baulichen erscheinungen.

manchmal hat man den eindruck, irgendeine kraft lege es darauf an, dass jeder sinn für kontinuität verloren geht, ich meine für geschichtliches gewordensein, so dass dieser neukoloniale anschein entsteht, als ei es schon immer so (hässlich funktional kastenförmig gewesen), vor allem, als müsse es so sein, als gebe es kein konzept, vor allem als gebe es nicht die abwesenheit davon, als seien wir gerade ganz neu auf einem (natürlich unbewohnten) M class planeten nach star trek manier gelandet und hätten gleich begonnen, in unserer unnachahmlichen manier einen ganzen planeten zu verunzieren.

dabei ist das keineswegs die grösste unserer untaten und unterlassungen. man vergisst sehr schnell, dass an anderen orten, zum beispiel in Uganda und im Congo menschen noch immer im stadium des reinen überlebens gehalten werden, während korrupte und unfähige „eliten“ sich den reichtum aneignen (darin äusserst fähig) und westliche konglomerate sich billig bedienen. (beim anblick des dortigen lebens gestern abend war ich wegen meinem eigenen vergessen geschockt.) nicht nur der blosse anblick des unnötigen elends tut weh, sondern auch der kontrast. und dass die menschen dort herzhaft lachen, trotz allem, versöhnt zwar nicht, aber es ist erstaunlich auf dem hintergrund des hiesigen griesgrams.

ansichten und überlegungen teste ich persönlich gerne auf die wirkung, die sie bei mir auslösen. war es bei RCE von Sybille Berg ein gelegentliches boshaftes gelächter und (meist) eine abart von depressiv schwarz gefärbtem höhnischem grinsen (das sich ungebührlich in den alltag fortsetzte, bei allen möglichen und unmöglichen gelegenheiten, auch meine eigene befremdung auslösend), bei Jakob Heins Hypnotiseur sympathetisches lächeln (entspannt gespannt, leichte sommerlektüre mit reminiszenzen eines memorablen besuch in einem verschwundenen staat) ist es nun bei der vita contemplativa von Byung-Chul Han tatsächlich eine grosse stille freude über die rechtfertigung gepflegter untätigkeit, die nicht infiziert ist von der tätigkeit, sondern im gegenteil diese erst inspiriert. ich werde ruhiger, stelle ich fest, die innere aufgeregtheit der letzten zeit legt sich etwas, ich lege das buch mehrmals zur seite, schaue mich um und denke an nichts; es ist still, von den wänden sehen mich bilder an; ich sage nicht, die dinge werden lebendig, aber sie scheinen kurz davor zu stehen.

der maler verschwindet in seinem bild, diese geschichte wird im buch erzählt, und das lächeln des verschwindenden.

kleine chronik der laufenden ereignisse

aber nun ran an die bouletten! und: zögern sie etwa mit ihrer meinung? an die öffentlichkeit zu gehen? gar nicht oder doch? doch schon. (kleinlautes gemurmel)

der erste irakkrieg hat 60 milliarden dollar gekostet, war ziemlich kurz, der zweite dauerte und kostete über 1000 milliarden. der autor, der das anführt, sagt, so ein moderner krieg sei nicht zu gewinnen. der andere sagt, die Nato habe Putin dazu gebracht. die dritten sagen, die Ukraine gibts wirklich und die Ukrainer auch und die wollen Selbstbestimmung. man muss waffen liefern, sagen die einen, und sie sagen auch, tue man das nicht, lasse man leute im stich, die auf ihrer selbstbestimmung bestehen. die andern sagen, auf keinen fall, das verlängere nur den krieg. interessant ist (ein unangenehmer ausdruck in diesem kontext), dass in mehreren argumentationen die Ukrainer nicht vorkommen. was die denn nun wollen. wollen die was? einige sagen, die liberalen in der US regierung wollten den krieg so lange am laufen halten wie nur möglich. die andern weisen auf die kriegsgräuel der russischen armee. die dritten reden von jungem kanonenfutter, das unter gefahr alle hemmungen verliert. die vierten führen an, der krieg setze das tötungstabu ausser kraft und öffne damit für alle gräuel tür und tor. die fünften fordern eine diplomatische lösung. die sechsten sagen sleepy Joe habe das aufgegeben. die siebten reden von propaganda (auf beiden seiten) und zensur. sie sagen, die lügen seien recht, wenn sie von der richtigen seite vorgebracht werden.

ist pazifismus tatsächlich mehr als eine sehr schöne moralische attitüde, also tatsächlich wirklich praktikabel, das frage ich mich.

man hat gut argumentieren, wenn man weit vom schuss sitzt. nun gibt es aber den krieg und menschen werden getötet, orte in schutt und asche gelegt und die zivilisten leiden, werden umgebracht, sterben unter bomben. es gibt einen aggressor, das steht fest. es gibt vorwände und es gibt die realität.

ich sage nicht, dass wir hier im westen die guten sind. wir sind grau, auch wenn wir gerne weiss wären. wir reden gerne und viel und einige, so höre ich, lernen heimlich russisch. jemand sagt, auch wir handeln nur nach unseren interessen und die ukrainer sind nur eine nummer in dem spiel. leider.

fest steht, ein autokrat ist ein autokrat, das wort klingt nach mehr und es sieht doch nach diktatur aus. und krieg ist krieg.

dann gibt es noch die geschäfte. sie stehen der eindeutigkeit ein bischen im weg.

ich stelle mir vor, es ist krieg und ich stehe vor der wahl, bleiben oder flüchten und stelle mir dann flüchten vor und exil oder ich stelle mir vor, das haus, in dem ich lebte, gibt es nicht mehr. man muss gestehen, solche vorstellungen funktionieren nicht, ich meine, es sind bloss vorstellungen. für andere hingegen ist das kein vorstellungsspiel.

man möchte doch, dass alles anders wird und sich nichts ändert, nichts wesentliches an der bequemlichkeit. nun fühlt man sich bedroht und aufgescheucht. beim überflug von jagdfliegern zuckt man zusammen.

und dann gibt es noch das ende der welt, das ist, wie ich lese, eine männerdomäne, die den frauen von männern erklärt werden muss, mensplaining im katastrophenmodus. männer als experten des endes, das versteht sich von selber. gerede bis zum ende. das verstehen sie ganz falsch, es ist doch folgendermassen …

inzwischen ist der frühling ausgebrochen und morgens früh tatsächlich noch vogelkonzert in den gärten hinterm haus und sonne, tatsächlich sonne. man schämt sich fast. aber es ist nicht leicht zu vergessen, dass die unordnung gerade zugenommen hat. das ist keineswegs eine gute nachricht.

wenn man den ausdruck taktische atomwaffen hört, stellen sich einem die nackenhaare auf.

dazu diese breitbeinige attitüde und dieser besondere männertyp auf den bildern im fernsehen, da kriegt man ausschlag um den nabel und der kopf beginnt zu jucken. man fragt sich, wie ist es möglich, dass solche typen ans steuerruder gelangt sind. die antwort: eben weil es solche typen sind.

im nachbarland geht es auch gerade wieder um macht, da rudert einer sehr und redet sich um kopf und kragen und rennt, dass die jackenschösse flattern. man kann schon das flattern kriegen, wenn man an die alternative denkt. aufeinmal ist alles fürs volk gemacht worden und auf der andern seite wird alles, aber auch alles fürs volk gemacht werden. das erinnert mich an die zeiten, in der noch als witz und schelmerei betrachtet wurde, wenn man die kinder in den laden schickte, auf ein kilo haumichblau. man versichert mir, dass das neoliberale nicht nur vestimentär eleganter ist. aber die zweifel nagen doch sehr.

sonst wie gesagt, keine schöneren aussichten und nachrichten, ausser dem frühling, wie gesagt, mit allem drum und dran, farbenexplosion und das unnachahmliche frühlingsgrün, da wird mir im wald weich in den knien, und das vogelgezwitscher beim aufwachen und die laueren abende, aber wie gesagt mit beklemmung, ob das nochmal gut geht.

nicht nur bei der ostereiersuche im frühlingsgarten.

aha, sie haben noch nie an den osterhasen geglaubt? ich schon, als kleiner junge habe ich dann gemerkt, in den legenden der grossen ist das der eigentliche schwachpunkt, da ist im gefolge das ganze gebäude der schönen fabeln eingestürzt. eine desillusionierung ohnegleichen, aber ein beglückender erkenntniszuwachs. die erste süsse frucht vom baum der erkenntnis.

ich habe tatsächlich angst, mich in meinem urteil zu irren.

ist menschlich oder?

aber kein trost. ( das war das schlusswort von Baer)

„menschen, die sich selber als nebenfiguren betrachten“*

man ist doch wie vor den kopf geschlagen. man hat gedacht, krieg das ist der aus den geschichten. aber gerade der ist noch gar nicht so lange her. jedenfalls dachte man, es ist der letzte, wenigstens hier vor der tür. hauptsache, so dachte man heimlich, nicht nochmal vor der tür.

und dann regen sich die va-t-en-guerre.

dass mit atomwaffen gedroht wird, hat man schon gar nicht für möglich gehalten.

man hat sich auch nicht wirklich für den osten interessiert. man hat gar keine ahnung, wie es in ungarn, rumänien und polen ist. man hat das nur vom hörensagen. die sind rechts, das hört man, die wollen nur das EU geld, sonst weiss nichts. man weiss auch, dass die dividenden von Rheinmetall, dem rüstungsgüter produzenten um 60 prozent gestiegen sind. es wird also spekuliert, auf den tod und die zerstörung. wie man auch hört, dass die jüngsten preissteigerungen keinen ökonomischen, sondern einen spekulativen charakter haben.

sonst sieht man zu. man ist ziemlich fassungslos und sieht zu. ausser, dass man auch verstehen will. natürlich wünscht man sich lösungen. aber man wünscht sich auch die gründe zu verstehen. man möchte schon wissen, wie die verantwortlichkeiten verteilt sind. wenigstens das wünscht man sich.

man weiss nicht, wie es weiter geht.

man findet nicht, dass die Russlandpolitik des westens, des sogenannten, ein erfolg ist. man hat keine ahnung von russland, ausser dass der osten des ostens nicht so gut dran ist, das weiss man aus der lektüre eines reisebuchs von jemand, der tatsächlich dort war und einen aufmerksamen blick hat.**

die nachrichten abends sind eine zumutung. nicht weil man sie nicht hören will oder in seiner gemütlichkeit aufgestört ist, sondern weil ein ton hysterie und propaganda hereinspielt.

jemand sagt, wenn man in Moskau oder St. Petersburg auf die strasse geht, ist man ein held.

nun ist alles anders, sagt Baer.

unwirklich, sage ich, hier ist es unwirklich. es sind nur bilder hier.

dort aber. flucht ist das schlimmste. nun werden städte plattgemacht. leute, die nicht mehr rechtzeitig fortkommen, umgebracht. kollateralschäden.

nicht nur Putins kriegführung ist brutal, sagt Baer.

kriegführung überhaupt ist brutal.

jetzt merkt man, sage ich, wie wenig man mit worten ausrichten kann.

wenn man die nachrichten vom kriegsschauplatz mitansieht, hat man den anschein eines tuns. man verfolgt gespräche im fernsehen. man liest alles, was einem unter die finger kommt. dann tut man wenigstens etwas.

das ist die neue lage und die neue lage ist ein geschichtlicher rückfall, sagt baer.

sagen sie doch was, sagt baer.

ich sage garnichts mehr.

stellen wir uns auf das schlimmste ein, sage ich. aber was ist das schlimmste.

ist es der beginn einer katastrophe.

für die leute dort ist es eine katastrophe, da beginnt nichts, da ist es voll im gange.

„männer, die geschichte machen“, mein gott, sage ich. lassen wir den lieber ganz aus dem spiel, sagt Baer.

das gespräch komm nicht vom fleck. der café hilft nicht. die sonne auch nicht. es ist kalt morgens. man übersieht fast die krokusse und die ostersterne. die angst geht um. es sind verrückte zeiten. die worte klingen hilflos. in der zeitung wird so getan, als habe jemand den durchblick.

gestern morgen haben wir meist geschwiegen.

Baer hat mir das Du angeboten. wegen allem und im besonderen unserem ausflug am meer. fast war mir das zu nahe. aber nähe, das bleibt uns doch. man denkt, da gab es doch mal ruhigere zeiten. die ruhigen zeiten liegen schon länger hinter uns. vor uns die unsicheren zeiten.

als wir auseinander gingen, haben wir uns umarmt.

*A. Kluge, Fontane, Kleist …S. 23

**Sören Urbansky, An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland.

die andere konfiguration

ich fahre eine weile, bis ich den ort erreiche. er hat sich gewandelt, die mountain biker nennen ihn „bunker trail“. ade die pfade von gestern. in der tat sind zwei gruppen von mountainbikern unterwegs. der pfad ist an manchen stellen verschlammt. als ich an einer gruppe vorbei komme, sage ich: „aha, sie sind wieder unterwegs, um die pfade zu ruinieren.“ dabei bin ich gelegentlich selber mit dem rad im wald. aber aus der perspektive des wanderers oder bescheidener, des spaziergängers sieht die sache völlig anders aus. man fühlt sich belästigt.

ich gehe rasch an einer freundlichen frau mit drei kleinen kindern vorbei. als ich den steilen part des pfades hinter mir habe und nicht mehr so stark auf meine schritte achten muss, fällt es mir aufeinmal auf. heute erlebe ich die umgebung, die ich sehr gut kenne oder zu kennen glaube, anders, ja, ich erlebe sie garnicht, es ergibt sich kein kontakt, ich empfinde nichts, weder die sofortige intime vertrautheit noch die freude, die ich deswegen spüre. nichts.

bis mir aufeinmal aufgeht, die natur um mich herum, die ich schon in meinem exclusiven besitz wähnte, denn ich kenne sie seit meiner kindheit, verweigert sich oder vielmehr, sie ist abgekehrt und in sich gekehrt. kehre ich meine wahrnehmung nach innen. vielleicht begegne ich meiner landschaft dort. aber das ging mir erst später auf.

die bezeichnung „bunker trail“ hat mir bestätigt, es ist ein beliebter ort geworden, für mountainbiker enthält er einige herausforderungen, die spuren in den verschlammten teilen des pfads deuten auf zahlreichere besucher. zuerst dachte ich, ich habe den ort an den lärm verloren, es ist nicht mehr mein ort. aber dann, in der bewegung nach innen, fand ich die landschaft wieder.

„nennen sie das, wie sie wollen.“, sagte ich, als Baer ein paar ironische bemerkungen von sich gab. „es ist keine landschaft, die sich einfach erschliesst.“, sagte ich, „selbst im frühjahr und sommer nicht. an der stelle fällt die schlucht sehr steil ab, im winter kann man bis hinunter aufs wasser sehen und merkt erst, wie steil der abhang ist. mein erleben an dem tag hatte nichts mit der vermehrung der besucher zu tun. im allgemeinen ist es noch immer still. aber diesmal hatte ich sofort die frage, was machst du hier. als werde ich auf die probe gestellt, als müsste ich meine anwesenheit rechtfertigen. und ich habe überm gehen nach antworten gesucht und erst als ich meine aufmerksamkeit von der umgebung abzog, gab es eine antwort meinerseits, die der landschaft standhielt. so in mich gekehrt war ich dort noch nie unterwegs.“

wenn ich fragen habe, auf die ich keine antwort finde, gehe ich an den ort. inzwischen haben sich offensichtlich neue erlebnisschichten darüber gelegt, die nun „trailartig“ sind. machen sie den ort unkenntlich? es gibt orte, die verweigern sich einer oberflächlichen inbesitznahme.

das dachte ich, weil ich aufeinmal angst bekam, es sei nicht mehr mein ort, sondern ein allerweltsort, als sei meine spezielle beziehung aufgehoben. und ich ein alter mit einer verlorenen ortsobsession, der etwas sucht, was es längst nicht mehr gibt. so dass der reale ort einen zurückweist, er hat nichts mehr mit einem gemein.

„sie sind sich bewusst, dass sie einen kindheitsort zu einem lebewesen machen?“, sagte Baer.

für mein erleben ist er das, ein lebendes wesen, mit dem ich eine geschichte teile, nämlich seine revolutionäre veränderung, wobei der veränderte zustand schon viel länger dauert als der ursprüngliche, aber ich habe noch deutliche bilder der ersten periode, ich behandle sie als kostbarkeiten.

meine tiefe irritation führte an dem tag beim café dazu, dass ich Baer dinge sagte, die mir unter normalen umständen als vertrauensbruch vorgekommen wären. als entwickle eine landschaft auch gefühle oder empfindungen, die sich meiner eifersucht annähern könnten. denn seit der kindheit habe ich fremde dort als eindringlinge empfunden. „was habt ihr hier zu suchen, es ist mein ort.“ so dass ich geneigt war, mein neuerliches erleben auf meine kindlichen ideosynkrasien zurückzuführen.

in gedanken ging ich später den pfad zurück, um die stelle ausfindig zu machen, an dem ein bewohner des orts vor einigen jahren tödlich verunglückt ist, man hat dort ein kleines monument errichet und ich mache jedesmal einige zeit halt, um seiner zu gedenken. es ist eine art scheu, gedankenlos vorüber zu gehen. genau dort ist mir aufgegangen, dass der ort sich diesmal verweigerte.

von da an begann ich langsam zu begreifen, dass ich mich schon immer durch eine innere landschaft bewege, wenn ich dort bin. man kann mich gehen sehen. was man nicht sieht, ich bin nicht nur ein teil der landschaft,wenn ich dort gehe, sondern ich bin diese landschaft, es gibt gar keinen unterschied. und in dem augenblick emfand ich eine art von tiefer befriedigung, die nicht von mir auszugehen schien. als sage etwas oder wer, jetzt hat er es begriffen. denn mir scheint diese landschaft eine unverwechselbare person zu sein.

es ist keine art von schulterklopfender beziehung, muss ich sagen, es ist vielmehr eine kraft, die mir über ist. ich merke dort, wie klein ich bin, wie winzig, und sobald ich dessen inne werde, verschwinde ich und es gibt nur noch den ort und das gehen. und innen und aussen ist dasselbe.

an dem tag habe ich gemerkt, wie sehr die verhältnisse sich geändert ahben, wie anders gedacht wird, anders geredet, und ich meine es ernst, wenn ich sage, dieser ort zeigt jedem, was er bereit ist zu sehen.

die stadt kam mir danach vor, als liege sie tausend kilometer abseits. dort hat man angst, wo keine angebracht ist, und wo sie dringend nötig wäre, herrscht unbedenklichkeit. man sagt das eine und tut das andere. inzwischen hat man türen geöffnet und bevor man sich versieht, kriegt man sie nicht mehr geschlossen. das geht vorüber, sagt man, und dann bleibt es.

„sie reden in rätseln.“, sagt Baer.

„soll ich genauer werden.“, sage ich.

Baer: „unbedingt.“

„die massnahmen, die man in der jetzigen krise getroffen hat, sind ein vorschein auf die massnahmen in den nächsten krisen. es sieht nicht nach mehr demokratie aus.“

„und sonst?“, sagt Baer.

„unbedenklichkeit ist eine charakteristik der sogenannten freien marktkräfte.“

„haben sie auch eine positive botschaft?“, sagt Baer.

„botschaft?“, ich, sieben fragezeichen.

„wo sehen sie möglichkeiten.“, sagt baer, „die uns hinaus führen in eine andere konfiguration.“

„ich vertraue darauf, dass wir mit kräften umgehen, die uns letzlich überlegen sind. allerdings ist der ausgang offen.“

darüber gingen wir auseinander.

„ich wollte deine stimme hören.“

jedes jahresende läuft auf das datum zu, man sitzt da mit fragen, man fragt sich, was sind das für gefühle und irgendwo, man erinnert sich kaum, hört man den satz:“ich wollte deine stimme hören.“ am telefon sagt das jemand zu jemand und der satz trifft einen.

wir reden lieber nicht von wunden stellen, von traumata und seelischen blows, das leben ist so, life is a bitch. und das, was passiert, ist dann scheisse. es ist so. aber der satz hilft nicht.

was man feststellt ist die erstaunliche tatsache, dass man es erträgt. man lernt langsam es zu ertragen, obschon es unerträglich ist. man kann das offensichtlich. man taucht in den alltag ein, tut dies und jenes, aber die zeit heilt nicht. den satz sollte man vergessen. die bilder rund um das datum vergehen auch nicht. man stellt sich vor, wie ihre stimme war. man weicht dem schmerz aus, das macht ihn nicht kleiner. das leben rollt darüber weg. krisen lenken ab, man hat andere sorgen, aber genau in diesen sorgen ist das ganze erleben präsent. nun vermisst man sie noch mehr.

ich versuche, mir rechenschaft abzulegen, ob mein leben angesichts dieser einen erfahrung standhält. und manchmal bezweifle ich das.

Baer sagte kürzlich: „es geht ihnen besser, das freut mich.“ manchmal habe ich deswegen ein schlechtes gewissen.“, sagte ich. das sei keine nette dekoration für den alltag, sagte Baer.

„ich habe mich verändert.“, sagte ich einmal und es klang verzweifelt. „seit sie nicht mehr da ist, verändere ich mich jeden tag.“ Baer: „was ist daran auszusetzen. Herr Keuner erbleichte, als der bekannte sagte: sie haben sich aber garnicht verändert.“ „sie haben recht.“, sagte ich, „aber ich habe mich ohne sie verändert, ihr TOD hat mich umgekrempelt. ich tue nichts besonderes und freue mich über jeden kleinen fitzel. sogar mitten im verkehr an einer kreuzung schaue ich ringsum und empfinde eine genugtuung, die erschreckend ist.““ also hat sie doch mit der veränderung zu tun;“, sagt Baer. „ich möchte, dass sie es sieht.“, sagte ich. „ihr abgang war auf der höhe ihres wesens. ich war da sehr klein.“ Baer ist diskret, er fragt nicht nach, wenn es zu persönlich wird. „das ist mir zu persönlich.“, sagte er bei einer gelegenheit.

„sie sehen mitgenommen aus.“, sagt Baer. wenn ich antworte, „ich bin versackt, seit tagen versacke ich und zwar so tief, dass ich denke, da gibt es keinen ausgang“, will Baer gar nicht wissen, was es mit dem versacken auf sich hat.

„das datum macht es.“, sage ich. „danach gab es eine stille und einen frieden, der jenseits von freude und leid liegt. aber daran kann man sich nicht erinnern, entweder man erlebt es oder es ist blosses geschwätz.“ wenn ich so rede, schweigt Baer.

„man kennt ja , was um tod und trauer herum gesagt wird. ich habe einiges darüber gelesen.“, sage ich, „im ernstfall hilft es nicht. manchmal denkt man, es ist ein anderer, der das erlebt. man kneift sich, manchmal fühlt man buchstäblich nichts. die gefühle sind so erdbebenhaft, dass sie sich selber ausschalten. kurzschluss. buchstäblich.“

„um die toten muss man sich keine sorgen machen. das schlimmste ist, wenn man realisiert, vielleicht habe ich sie nicht genug geliebt, aber man kann das nicht mehr ändern, selbst man es sehr stark will, es geht jetzt nicht mehr, sie mehr zu lieben, als man es getan hat. es gibt eine grenze. das erfährt man erst nachher. niemand hat es einem sagen können. die leute sind , wenn ich das so sagen darf, ahnungslos, was den tod anbelangt. das habe ich an einigen reaktionen feststellen können, auch an den eigenen. das ist recht erbarmungslos als erfahrung.“

„man prüft dann auch sätze wie, die trauer hat nichts mit dem toten zu tun, die überlebenden betrauern sich selber. der satz setzt die erfahrung herab, insinuiert, es sei eine verstärkte form von selbstmitleid. gewissermassen eine schwäche. und schwäche ist nicht gut, oder?“ ich schaue Baer an, aber er sagt nichts. „ohne zweifel“, sage ich, „werden alle schwachpunkte getriggert, alle knöpfe werden gedrückt. wie geht das allein weiter, geht das überhaupt, das habe ich mich auch gefragt. es geht. es ist vielleicht kein schöner anblick, sich so klein zu sehen, aber es geht, man erträgt das. man ist halt nicht der held, für den man sich hielt.“

„wer war sie.“, sagt Baer. ich denke, ich habe nicht richtig gehört. wer war sie? sie war eine schöne frau, die körperliche entstellung durch die krankheit hat sie nur noch schöner gemacht. ich war ja ahnungslos, als ich sie kennen gelernt habe. das meiste habe ich erst mit ihr gelernt, fast alles ist das.

„warum sagen sie dann, sie ist weg.“, sagt Baer. die frage setzt mich schachmatt. ich sage, „lassen wir es gut sein.“ Baer nickt. sie war eine ganze welt, denke ich. jedesmal denke ich das, wenn ich an ihrem foto vorbei komme, also jeden tag.

„nostalgie“, sagt baer, „hat etwas rückwärtsgewandtes.“ „ich bin kein nostalgiker.“, sage ich. „ich bin nicht auf der suche nach der verlorenen zeit. der raum, in dem alle vergangenen dinge sind, hat eine tiefe und weite und einiges ist eben weiter weg, aber präsent, in einem gewissen sinne ist man dieser raum, jetzt.““ ich habe“, sage ich, „den Zauberberg immer vorgezogen. wenn man den roman zu ende gelesen hat, weiss man, dass Castorp die ganze zeit schon mit aufgepflanztem bajonett über das schlachtfeld des ersten weltkriegs stolpert. dazu hört man Schuberts vertonung: am brunnen vor dem tore. die chauchaterien des zauberbergs münden direkt in die katastrophe.“

Baer fragt nicht nach der persönlichen anwendung. das tue ich selber und Baer nickt, als ich sage: „vor lauter angst, den andern zu verlieren, kann man ihn verpassen.“

„ich wollte deine stimme hören.“, das denke ich schon die ganze zeit.

Baer und die Romantik

Für ein paar tage war ich verreist, wegen kollateralschäden musste die abreise um einen tag verschoben werden. einige haben gemeint, ich sei waghalsig. nun liegt die schweiz nicht am nordpol und ist per bahn oder auto schnell zu erreichen (na gut, ich werde die pflanzung von ein paar bäumen veranlassen, aber ich habe mich tatsächlich an eine gewisse flexibilität gewöhnt, manchmal muss man eben sehr plötzlich weg, für alle fälle also…).

die Schweiz? ich sehe meinen bekannten Baer die brauen hochziehen, „ausgerechnet die schweiz, die schisaison hat noch nicht angefangen, die wandersaison ist zu ende, was also machen sie in der schweiz.“ Baer ist alte schule, müssen sie wissen, wir siezen uns auch noch nach längerer bekanntschaft.

ich besuche im prinzip jedes jahr einen freund, der eine stunde von zürich wohnt, er hat einen berg direkt vor der haustür und eine hütte in einem eng geschnittenen tal ohne elektrizität und warmwasser, duschen tut man in einer holztonne draussen, das wasser stammt von einer quelle weiter oben, die wassertemperatur ist der sonstigen angepasst, erfrischend muss ich sagen. geheizt wird per holzofen, eine moderne version des alten küchenherds. die sonne ist da um zwölf und geht um halbvier. man kann in der sonne sitzen.

Holz sägen ist angesagt und haselruten schneiden, die haselsträucher drohen sonst die matten zu überwuchern. sonst kann man noch den hang hoch auf die nächste matte und von dort noch höher hinauf. das essen ist frugal. abends liest man oder schreibt oder redet. die abende sind lang, denn es wird schnell dunkel.

der noch so kurze aufenthalt an einem solchen ort, den ich in der zwischenzeit ein wenig kenne, mit den geräuschen der wildwasser zu beiden seiten, den bäumen, den hängen, den bergen gegenüber, an denen die ersten sonnenflecken zu sehen sind und die letzten abends, macht einen süchtig nach alleinsein. ich meine nicht die ganze zeit. sowieso kann man auch unter menschen allein sein und nicht nur das, einsam. ich meine das bedürfnis nach stille und einklang mit der umgebung. ich kann dort lange sitzen und schauen, sonst nichts tun und nichts denken. manchmal, aber selten werde ich dort redselig. zum beispiel sagte mein freund irgendetwas über den „innersten kern“ oder sagte er „mitte“, einer seiner lieblingsausdrücke, und wollte auskunft von mir, über mich. ich war etwas in verlegenheit, „mein“ innerster kern oder „meine“ mitte, was ist das? ist das überhaupt ein etwas, das sich beschreiben liesse. eben deshalb war ich in verlegenheit. angenommen, es gäbe den, wenn auch kurzen moment, in dem man durch alle äusseren schichten hindurch zur mitte vorgestossen ist, was passiert da? denn etwas passiert eher, als dass es ist. stille breitet sich aus, ruhe wächst, das ist der augenblick, in dem man „weg“ ist, man ist das: alles was man sieht, hört und wahrnimmt, da ist kein ich und der herrsoundso oder die frau dingsda oder sie, aber alle, nein, die sind garnicht da. da ist nur anwesenheit, kein besitz von so etwas wie ich.

vielleicht ist das ja ich.

ich habe meinem freund dann einen satz gesagt, der unter umständen missverständlich sein könnte: “ da ist nichts“. wenn ich es erfahre, was ein glücksmoment ist, dann ist so etwas wie „mitte“, oder „mein“ ganz hinfällig, gar nicht da, dann fliesst das alles weg, was man meint zu „sein“, da ist nur noch die bewegung des wegfliessens hin zu allem, was gerade vorgeht.

seltsamerweise denkt man/ich an der hütte wenig an „das leben im tal“, den üblichen alltag. hier ist der alltag auch nicht ungewöhnlich, nur, er findet statt in einem anderen universum mit anderen masstäben und anforderungen. es ist für wenigstens einen moment elementar. hier überwiegt die landschaft, die „umgebung“, man wird sehr schnell ein teil davon.

was soll man schon gross sein? wenn man zurückfindet zum elementaren, dann stellt sich heraus, es ist eine verbindung, die so selbstverstândlich ist, dass sie keiner worte bedarf. es ist eine stelle, besser ein vorgang ohne worte. wenn man keinen widerstand leistet, ist man sehr schnell darin und fliesst mit der bewegung mit.

es ist nicht vermessen zu sagen, statt bewegung, dass das universum singt, ich meine, etwas zurückhaltender als pop/rock, aber mit momenten sogar das. wenn man den gesang nicht hört, so sieht man ihn. alles ist das, genau das. selbst in der hütte bei spärlichem licht, im dämmerlicht ist es genau das, ein anhaltender diskreter gesang. vielleicht liegt es an den bergen rings, die hier sehr nahe rücken. so empfindet man es, es ist sehr wenig bewegung und doch ist es eine stetige, die hänge und felsen sind selber eine, die bäume, hell und schwarz bemoost, die überwachsenen steinbrocken des hangs, das gefallene laub fliesst den hang hinunter. seltsamerweise ist die landschaft nicht statisch, nicht nur wegen dem spiel von licht und schatten. die schatten hier sind gewaltig, sie weichen nie ganz, die eine seite des berghangs liegt auch tagsüber immer im schatten, das dorf weiter unten ebenfalls, für monate. die schatten weichen für wenige stunden und rücken wieder vor, wie eine armee, nicht aufzuhalten, die schatten sickern auch in die lichtseite ein, nisten in senken, an sträuchern und graten.

abends verschwindet das licht überm grad gegenüber der hütte zu allerletzt, dann scheint die dunkelheit vollkommen, aber weil vollmond war, zeigt sich aufeinmal die ganze schneewand in gedämpftem licht. der schnee hat sich schon ziemlich tief herunter gewagt, bald hat er das tal und die hänge für sich.

hier geht man fast sofort ganz in der landschaft auf, sie ist so überragend mächtig, dass man sich gerne darauf beschränkt ein wahrnehmender zu sein, man hantiert vielleicht und doch ist man ganz wahrnehmungsorgan. die berge sehen sich an, vielleicht so. wenn ich etwas ist, dann ist ich die ganze landschaft. man fühlt sich deswegen erhoben und doch ganz hinein getaucht. hier erlebt man es sehr deutlich, dass man ganz hinein getaucht ist.

um es noch deutlicher zu sagen, hier träumt man nicht vom „trek to mars“. man ist hier ganz hiesig.

das alles habe ich Baer, meinem bekannten angedeutet, um meinen Schweizer aufenthalt zu „rechtfertigen“. „da haben sie aber was erlebt“, sagte Baer und ich, „wie meinen sie das“. „na so eins sein mit der natur.“, er. etwas spöttisch. ich: „um himmelswillen, wie kommen sie denn darauf.“ „na, sie haben doch.“ „gar nichts habe ich;“, ich kann baer schon mal das wort abschneiden, wenn er spöttisch daher kommt, „ich war auf der hütte meines freundes in der Schweiz, was soll schon da gewesen sein? alles dort ist ganz normal und steil ist es auch und da das laub weg ist, ist die kleine schlucht am pfad schroff, ja, schroff ist die landschaft auch, nicht lieblich.“ „wissen sie, mein lieber Baer“, habe ich gesagt, „die leute gebrauchen worte und denken romantik und haben gar keine ahnung, alles ist dort normal, selbstverständlich. was die gesellschaft und kultur eben nicht ist. das ist der unterschied und mit einer sehr durchschnittlichen sensibilität können sie genau das erleben, was ich angedeutet habe. sie müssen nur ihren persönlichen quatsch zu hause lassen, ihre geschichten und das muss so sein, und dies darf gar nicht sein. verstehen sie, alles gewöhnlich, berge, bergbäche, steinbrocken, schneegrate, täler, matten, wälder, sonne, rauschen, stille.“

Baer sagte dann garnichts mehr.

haben die leute eine ahnung, was romantik ist. das denke ich. Baer ist schon weg. „Tschüs“ hatte er noch gemurmelt, schien nachdenklich, der gute alte Baer.

das plagiat

die toten haben den vorteil, sage ich meiner Enkelin, als wir Blumen aufs Grab bringen, dass man bei ihnen keine maske tragen muss und keinen passierschein braucht. sie kichert. wir säubern das grab arbeitsteilig, die vergoldeten buchstaben haben an farbe verloren, ich sage ihr, wer was in der abfolge der generationen war und verhaspele mich, denn ich habe mich selber ausgelassen und sie lacht, opa, das ist doch mein urururgrossvater und ich frage mich ernstlich, was ich mir gedacht habe dabei, habe ich mich etwa um eine generation jünger gemacht? die bäume rings stehen stumm, aber farbig, stimmen wispern, es ist nur der wind, ich sehe fotografien vor mir und beschreibe sie und mich mit im bild. das liegt wohl an sense 8 der wachovskis, der serie, die ich mir gestern viel zu lange reingezogen habe. dazu höre ich klänge von Pärt aus dem stück anima, für einen augenblick höre ich die töne tatsächlich, wirklich ist es aber doch nur der wind in den bäumen, dann frage ich, nachdem ich die blumentöpfe hin und her geschoben habe, ist doch passabel so oder nicht, sieht doch gut aus, das sage ich zweifelnd und meine enkelin kuckt kritisch hin und sagt dann, ja. wir gehen.

in einer literaturzeitschrift stosse ich auf einen satz von Terésia Mora aus tagebuchaufzeichnungen und bin sofort elektrisiert. „Ich bin vermutlich gekränkt, dass auch ich von der Sinnlosigkeit angefochten werden kann.“ Kann man auch eindrücke und gefühle plagiieren? jedenfalls sehe ich den satz als eigenen an, sofort, mit anführungszeichen natürlich.

so frage ich mich schon einige zeit, ob ich nicht gänzlich auf pump lebe und mir mein leben und meine gefühle von allem möglichen einflüstern lasse, von sätzen, wie eben, von gesichtern, die jäh wie ein blitz die anwesenheit von schönheit bestätigen, überhaupt, nämlich das prinzip davon, von dingen, die mich in trauer stürzen, von waldspaziergängen und hängen, die unversehends ein glücksgefühl auslösen, das fast erschreckend ist.

da braucht es nicht viel. man verschwindet in einer landschaft und fühlt sich doch deutlicher und klarer als je. man ist, wenn man sich keine rüstung zulegt, durchlässig und die aussengrenzen sind gar nicht fest. alles geht durch einen durch. was ist man dann?

genauso wie irgendeine meldung in der zeitung einen anfall von sinnlosigkeit hervorrufen kann. man sagt eben noch: was soll das, meint aber schon alles und sich selber mit. und im gleichen augenblick schaut man auf und das zimmer mit allen gegenständen darin ist rätselhaft fremd.

dann aber sagt man sich, das alles ist doch nur geborgt, gefühle, eindrücke, man ist viel zu leicht affiziert und das ich nur ein plagiat. gottseidank, dass keiner einem auf die spur kommt. man schreibt doch unentwegt irgendwo ab, ist eine zitatensammlung ohne fussnoten, eine gestohlene photothek, ein bündel entwendeter musiknoten, mehre bands spielen zugleich.

hoffentlich, sagt man sich, ist die szene nur weit genug, reicht die landschaft bis an den horizont und immer weiter, hoffentlich, so flüstert man sich zu, ist die aussicht nur nicht zu eng. hoffentlich, so denkt man, hat man auch genug abgekupfert und ist schon auf der suche nach dem noch unbekannten, das man um keinen preis verpassen will.

der satz von Terésia Mora über die Sinnlosigkeit erfüllt mich mit einer sonderbaren genugtuung, ich fühle mich erkannt und durchschaut, ja, ertappt, und der effekt ist sinn, ja, das macht sinn, sage ich mir und fühle mich keineswegs leer und auch nicht irritiert, seltsam, dass mit dem satz etwas in mir zum halten kommt. kein schwindelanfall von wegen leere und dunkelheit.

auf friedhöfen jedenfalls ist es sehr friedlich und heiter um die zeit, selbst nachmittags in leichtem nebelschleier. man fühlt sich nahe und geht unbeschwert weg.

dass man das noch kann ( provisorische anmerkung)

im grunde würde ich am liebsten eine ganz andere geschichte erfinden, nicht die geschichte einer grossen schwäche, als ob schwäche ein makel wäre in einer welt der machtdemonstrationen. also schlage ich einen anderen begriff vor, der heisst verlassenheit. als gepäck, gefühl, wahrnehmungsfilter, tendenz: verkriechen. kein zu fester tritt, auftritt zurückhaltend, vielleicht übernett.

es ist eine art provisorischer realität, man hofft, dass sie vorüber geht.

und selbst wenn es nicht so wäre, ein verlust hinterlässt narben, selbstverständlich.

heute morgen las ich die todesanzeige für eine junge frau, 91 geboren.

auch zu ihrem 67 geburtstag bedauert man sich nicht. das leben ist etwas kompliziert, aber das ist es meistens.

es ist ein regentag mit gewitter. regen beruhigt, aber nicht zu sehr, regen ist eine zweischneidige sache. covid spaltet die gemüter, sie brauchen einander, aber die zukunft des demokratischen macht einem sorgen, das neue normal ist nicht sehr verlockend. einige sind schon ganz ausgeflippt. ich sage nicht, auf welcher seite. inzwischen gibt es seltsame koalitionen, auch auf beiden seiten.

man möchte sich dort befinden, kein ort, nirgends, wo dieser widerspruch negiert ist.

ich habe gerade eine zeitung abbestellt, sie erschien mir aufeinmal sehr provinziell. die neunormale übereinstimmung ist nicht lustig. man sehnt sich geradezu nach anderen standpunkten, ansichten, meinungen, wasweissich.

zurück zum thema, die schwäche der argumentation, der statistik, des gemüts, die verlassenheit, von allen guten geistern, ja, die verzweiflung angesichts des verschwindens von personen, arten, gewissheiten, ja, des sommers im regenloch, erschüttert. man turnt an abgründen, under the vulcano, man traut seinen augen kaum. man reibt sich die augen, hat man dies oder jenes wirklich gehört oder nur geträumt. gestern habe ich vom gespräch mit einer mongolischen frau geträumt. das liegt an meiner lektüre. Sombrun, Tesson, Bortoletto, Urbansky. es gibt starke bilder, die verfolgen einen in den schlaf. geschichten des schwindens von seen, flüssen und illusionen.

der café kommt aus äthiopien, der regen fällt vom himmel, die gewässer schwellen an, die tomaten faulen auf dem strauch, die dahlien lassen die köpfe hängen, das gras spriesst, die bäume tropfen.

geschäfte werden abgeschlossen, wälder abgeholzt, flächen versteppen, die provenienz des holzes mit der bezeichnung „von hier“ ist sehr fraglich. im regen keine elstern, keine raben und keine tauben. der regen rauscht, beharrlich. jeder kann das sagen, das ist nichts besonderes.

gestern war mein gemüt wie beton, erst abends taute es etwas auf. manchmal ist man vielzuviel mit sich selber beschäftigt, als sei man in ein brunnenloch gestiegen, das ausgetrocknet ist. man findet nicht einmal gerümpel. aber es riecht nach moder. manchmal fühlt man sich innen nicht sehr lebendig. manchmal vergisst man, dass jemand tot ist und argumentiert mit ihm. warum er so lange wegbleibe und was er denn dort treibe. manchmal spielt es keine rolle, ob jemand tot ist, denn er ist noch immer gegenwärtig. was heisst schon innen oder aussen.

im frühling 2017 war M. alleine in Portugal. um zu verstehen, was sie dort erlebt, habe ich gleichzeitig bei Pessoa herum geblättert. nun höre ich sie, wenn ich bei Pessoa lese. als sei es ihr buch, mit ihren sprüchen und beobachtungen. als sei sie für eine zeit in Portugal geblieben. jedenfalls stelle ich mir das probeweise vor. sie hat da einiges erlebt und es hat ihr spass gemacht, zu empfinden wie es ist, wieder einmal alleine zu reisen. dass man das noch kann, hat sie gesagt.

aber es ist noch was anderes, alleine zu reisen, wenn jemand tot ist, der sonst zu hause wäre oder mitreisen würde, der zum beispiel am strand tanzt und glücklich dreinschaut wie damals in südafrika. ich gestehe, ich schaue mir das foto, auf dem sie tanzt, gerne an. beim betrachten von fotos wird der tod etwas unwirklich. aber man weiss natürlich, dass die gestalt aufgelöst ist. andererseits bleibt sie, wenn auch nicht mehr so fest umrissen, sogar grösser, flächiger, bewegter. im gefühl.

als Baron von Teive schreibt Pessoa in „Die Erziehung zum Stoiker: „Ich schreibe meine Tragödie mir selbst zu. Ich leide unter ihr, doch von Angesicht zu Angesicht, ohne Metaphysik und ohne Soziologie. Ich bekenne mich als vom Leben besiegt, aber nicht vom Leben geschlagen.“

(Werkausgabe S. 53 Baron von Teive, Die Erziehung zum Stoiker.)