sonntagmorgen: gewissheit

natürlich beginnt man irgendwann zu schreiben, jeden morgen tut man das, jeden morgen wartet man auf das erste wort, das auftaucht, und folgt ihm, selbst wenn es in die schwärze irgendwelcher schwarzer gedanken führt, wie heute morgen, da die nacht von seltsamen träumen einen trockenen rhythmus erhielt, etwas war ausgetrocknet in den träumen, die fantasie seltsam hölzern, uninspiriert, beängstigend klotzig, verdammt eckig, farblos, wie standardisiert.

vielleicht ist es auch die kälte, sie friert selbst gedanken ein, macht träume viereckig sperrig und sonst sind sie doch vielgestaltig und farbenfroh.

immerhin scheint die sonne, ist reges leben am futterhaus und die birken haben ein wärmeres licht.

aber man weiss nicht so recht, wie man leben soll, wie man zurecht kommen soll. mit sich selber. man ist wie vergessen und innerlich kalt. als dünne man aus, verliere an substanz, gerade im helleren licht erscheint man durchsichtiger als sonst. es ist nicht viel übrig von dem leben einstmals.

man schaut sich um, auf den höhen weht ein eiskalter wind, rüttelt an allen gewissheiten. was ist das für ein wort, ein klang, mehr ist es nicht, gewissheit. denn das war das erste wort.

man hält sich fest an nichts, man spürt die wärme einer tasse, in der der kaffee noch dampft. man hat den bitteren geschmack im mund.

dabei war gestern nacht der himmel so klar wie nie und übersäht von leuchtenden punkten. das ist der und der und so heisst dieser, sagten wir uns, bevor es zu kalt wurde und wir zurück drängten in die warme stube.

manchmal fragt einer, wo bist du gerade und bekommt keine antwort. aber er ahnt und sagt sich, du bist in der nähe. so redet er mit dem foto auf einem regal, während er an einem tisch sitzt und keine angst hat.

das licht ist um diese zeit blass, das blau ein blassblau winterlich. aber man kann sich auf garnichts verlassen. und aus den schornsteinen flattert rauch nach süden und einen augenblick lang ahnt man, wie der frühling sein könnte.

aber es gibt keine hoffnung.

es gibt hingegen herumgehen wie in einem verlassenheits traum und verrichtungen ohne freude. man tut so, als gehe das leben weiter. man meutert gegen den ernst. man lacht trotzdem. man beobachtet die amseln und stare im gras. sie höhlen einen apfel aus und picken unsichtbare körner. sie fliegen herum, als sei gar nichts anders als sonst.

dabei weiss man, es ist alles anders seit heute früh, seit man aus diesem labyrinthischen traum erwacht ist, in dem man versuchte, gewohntes weg zu scheuchen, aus hölzernem funken zu schlagen und man war noch dabei, als man auffuhr aus dem schlaf und sich fragte, geht das jetzt immer so weiter, so ohne änderung, so bekannt, so gewohnt. und da war es schon anders. da war es schon völlig auf den kopf gestellt. da musste man lachen. man wusste nicht einmal weshalb, aber man lachte. man freute sich auch. ohne grund. sagte man laut, ich freue mich. auf dem tisch standen rote rosen. man tat so, als stehe dort ein grosser straus roter rosen. man tat so, als werde es gleich frühling, als taue die innere kälte auf. als entfroste man sich, als beginne man endlich zu leben.

im garten liegt rauhreif überm gras und die langen schatten der bäume stricheln die fläche und weiss auf grün sieht annehmbar aus. man denkt gar nicht winter. man schaut nur.

vielleicht vergisst man sich am besten, wielleicht vergisst man sich selber wenigstens ein stück weit, vielleicht ist es besser, man ignoriert alle angaben in pässen und ausweisen, dort und so geboren und nun so alt und nun schon dies und das und auf dem wege woanders hin. vielleicht ist das gar nicht wichtig. man erinnert sich noch an wege einen hügel hinab unter bäumen. aber diese erinnerung stört nicht, denn der weg führt noch immer an der zigsten biegung in die grössere welt. am meisten stört noch der versuch, sich selbst loszuwerden, denn einer geht überall mit und ist nicht zu verjagen. man schaut ihn am besten einmal kurz nebenbei an und nickt ihm zu und blickt dann wieder geradeaus oder ringsumher. dann wird alles leichter. aber das soll doch gesagt sein, auch die welt ist keine einfache sache. dazu muss man nicht einmal das radio aufdrehen, um es zu wissen. das ist zum lachen und zum weinen ist das. aber das kann man doch sagen, wenn man sich genügend umgesehen hat, dass es ist, wie es ist. das muss ja nicht so bleiben. wenn es denn eine gewissheit gibt.

blaue schafe an der mosel

aber ich schreibe doch keine schüleraufsätze über einen moselspaziergang, sage ich mir und schreibe dann doch brav einen kleinen aufsatz, in dem an einigen stellen die verben fehlen.

von einem parkplatz zwischen zwei orten aus an der sonst (sonst?) viel befahrenen moselstrasse, auf dem fussgänger und fahrradweg, leichter gegenwind, an den überschwemmungsrändern allerhand unrat mit braunem schaum, gequirlte mosel, denn die hat fast die gleiche hellbraune farbe und fliesst schnell, hat ausmasse wie ein strom, sonst ist es doch ein eher bescheidener fluss, sandsteinwände rechts, hie und da ein radfahrer (im ganzen drei), ein jogger in orangenen kniestrümpfen (das sei als fast einziger (mobiler) farbtupfer in der landschaft erwähnt) überholt uns und kommt uns irgendwann wieder entgegen. ich fotografiere die schaumigen wasserrandstellen mit allerhand plastikabfall, das fliessen des wassers hingegen lässt sich nicht richtig festhalten, zwei enten schwimmen schnell mitten in der strömung und fliegen plÖtzlich auf und kreuzen ganz nahe an der wasseroberfläche, fast keine geräusche, auf bäumen, die vom wasser umspült werden, hocken weitere enten. es wird kälter, sagt meine begleiterin. die feuchte kälte beisst im gesicht. das gehen tut gut. ich sage, bei dem strassenschild kehren wir um. das tun wir dann auch.

die esplanade in R. ist noch überschwemmt, wir werden durch enge gassen umgeleitet. in B. fahren wir am hause von bekannten vorbei. ich sage, du erkennst das haus an zwei blauen schafen neben der eingangstreppe.

die spaziergangsszenerie hat ehrlich gesagt nicht besonders einladend ausgesehen. aber das macht einem nichts aus, der über die ufer geratene fluss ist imposant genug, um einen am gehen zu halten.

es gelingt nicht, irgendetwas davon zu relativieren, zum beispiel zu sagen, es ist eben winter, da sieht alles etwas trostlos aus oder das ist nur die jährliche überschwemmung. denn es fühlt sich an, als müsse es genau so sein. ich hätte auch schreiben können, das wasser wälzt sich schnell dahin. es gibt strudel und die enten auf den bäumen im wasser sehen aus wie geier, die auf eine tote kuh warten, die nicht vorbei schwimmt. die tote kuh fällt mir wegen meiner gestrigen lektüre* ein, in der friesische kühe und schafe vorkommen. dabei ist mir kein vorbei schwimmendes totes schaf eingefallen. der ziemlich verrückte krimi, den ich spät nachts fertig gelesen habe, hat mich irgendwie an die bande dessinée Les bijoux de la Castafiore erinnert, in der es auch drunter und drüber geht. aber in der mosel schwimmen weder tote kühe noch tote schafe, sie fliesst einfach nur ziemlich schnell dahin und ein paar sträucher sehen aus, als ob sie sich gleich losreissen und mitschwimmen würden, während die enten, von denen wir zuerst dachten, es sei eine kolonie fischreiher, ganz still in den ästen der bäume hockten. einmal kam eine davon ziemlich niedrig angeflogen und liess sich auf einem baum neben den andern nieder und da konnte man sehen, dass es enten sind statt fischreiher. von geiern keine spur mehr.

der winter an der mosel ist eine schmutzige jahreszeit mit verwaschenen braun- und grautönen. man würde sonst gar nicht auf den gedanken kommen auf dem fahradweg an diesem moselabschnitt spazieren zu gehen wegen dem verkehr, weil jedoch die strasse in R. am wasser aufhört, gibt es kaum verkehr. man hat den weg fast für sich. aufgefallen ist mir noch, dass ich während des gehens kaum an etwas gedacht habe, man ist zu sehr mit der grossen hellbraunen wasserflut beschäftigt. dieser moselabschnitt ist so besonders, weil es eben die sandsteinwände auf der anderen strassenseite gibt mit einer kuriosen gedenkstätte, zu der von der strasse aus eine breite treppe hinauf führt, diverse pergolen erheben sich links und rechts von einer hellen steinmauer, auf der in grossen lettern der name Paul Eyschen steht. Lepisma saccharina, silberfischchen, die am monument leben sollen, haben wir keine gesehen, es war wohl zu kalt.

ich habe heute keine zeitung gelesen, deshalb ist beim schreiben von der sanitären krise nicht die rede. wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch lieber mit der mosel beschäftigt und nebenher über Paul Eyschen nachgeschlagen. er soll sich um den weinbau verdient gemacht haben, deshalb das monument am Primerberg.

da wir die mosel ehren wollten, haben wir uns anschliessend einen Crémant rosé von Sunnen-Hoffmann (unbezahlte reklame) reingezogen. dabei kam die idee auf, den Crémant bei unserm nächsten moselspaziergang mitzunehmen und an ort und stelle zu verkosten. oder doch vielleicht einen Pinot gris Primerberg? das ist nun eine delikate gewissensfrage, deren erörterung hier zu weit führen würde.

nach reiflichem abwägen kommen mir am ende doch zweifel, ob enten wirklich gerne in bäumen sitzen und übers wasser schauen, vielleicht waren es doch reiher.

* Jan Willem van de Wetering, Rattenfang

?

keine referenzen, kein geländer, on est suspendu dans un ailleurs, kein genau definierbarer kontext, im ungefähren, vagen, man rätselt, man fragt sich, von welchen schatten ist man umgeben, ist es eine heimsuchung aus der zukunft oder sind es einfach nur gespenster des vergangenen. es ist nicht einmal nachts, dass man schwebt, jedenfalls abhebt fûr eine weile wie in einem vakuum, am besten extraterrestrisch, also in einem traumareal, und selbst bei simplen verrichtungen wie vorsichtig die treppe vor dem haus hinuntergehen oder die zeitung aus dem briefkasten fischen, weil das schloss zugefroren ist oder beim ansetzen der espresso tasse und dem ersten schluck am morgen oder beim innehalten danach, wegen dem bitteren geschmack auf der zunge, hört man die stille. ein knacken irgendwo im haus macht sie noch hörbarer. ein sanftes rauschen und sonst ist es still, einfach nur still. und in der stille keine weiteren gedanken.

blass kalt der horizont und sonst ein sehr leichtes grau, fast eine antwort auf das weiss unten und der garten wirkt erstaunt.

es ist nicht einmal der schnee, der auch, man hat ihn herbei gewünscht, hat magische mittel eingesetzt, skrupellose rituale, abends, vor dem einschlafen, bitte herr und frau schnee, es ist vor allem die stille, in der alles geräusch so plastisch hervor tritt, auch das ganz unerwünschte.

anrufung: die stille überm land an einem samstagmorgen.

der schwarm stare am futterhaus. die spuren der katze im schnee. die zugefrorene dachluke. das vereiste fahrzeug vor der tür.

und wieder die stille. eine autosirene schrillt hinein und stoppt, abrupt.

die stille, vor allem die stille.

als käme alles zur ruhe.

da hinein kräht ein verspäterer hahn aus der kindheit herauf, tropft eine regenrinne, gleissen eiszapfen am schuppen, bellt in der ferne ein hund. dazwischen breitet sich eine stille aus, die nach innen treibt, in die dunkleren zimmer, in denen unerlöstes, groteskes haust.

der grosse vorteil des schnees: alles hässliche verschwindet.

die lautlose bewegung eines vogels in schwarzen ästen, betupft mit weiss, ein schwarzer fleck durchquert die baumkronen und verschwindet.

ich nehme mir vor, musik zu hören, aber die vorstellung kapituliert vor der stille. nichts lautes bitte.

gestern abend die kinder verliessen den kleinen hang neben den häusern erst, als die dämmerung kam.

man lauscht auf die hausmusik, singende heizungsrohre, die wasserleitung rauscht fern.

les immobiles du jardin. arrêt sur image. mit dem bild könnte man gehen.

aber man lebt. denkt plötzlich in die stille hinein, kein vergleich, nur ein sprung in eine verschiedene realität, wie die heutigen lieferketten ihren anfangsort verbergen, zudecken, herkunftsbezeichnungen sehr vage, ein land, nicht einmal eine region, ein ort, keine spur von produktionsbedingungen und sonstigen fussabdrücken, keine spur der beteiligten menschen, keine gesichter, keine freuden, kein leiden, keine anderen leben, alles magisch verwandelt in ein abgepacktes produkt, abstrakt, dem Nichts entnommen wie in einem tour de passe-passe, legerdemain, kapitalistische verwertung als transsubstantiation, in der zweifelhafte ursprünge verschwinden und folgen verwandelt sind in glattes, glänzendes.

wie schnee, denke ich, aber schwarz. (also doch eine art vergleich)

das zu den befindlichkeiten.

ansonsten? spielt das „panikorchester“ das immergleiche stück „overkill medial“.

Jazz Review 2020

Was ein Jahr, sowohl als auch – von der Pandemie bestimmt, eingeengt und überbestimmt, sämtliche Zielvorgaben verfehlt. Ich wollte und wollte und …

Jazz Review 2020

Lieber Clemens,

nun stehe ich vor einer echten herausforderung. andererseits muss ich mich nicht mehr fragen, was ich im neuerlichen lockdown tun kann. gar nichts!!! nur hören, sitzen und noch mehr hören, gehen und hören, laufen, tanzen und hören. lesen und hören, essen und hören, nachts schlaflos hören, meditativ hören. HÖREN!!!!!

Wunderbar.

ich bin Dir dankbar.

nochmal wunderbar.

T.

auch das: Kintsugi

die frage ist einfach: gibt es an ihrem dritten todestag irgendetwas erhebliches zu sagen, etwas hilfreiches. keine bekannten sprüche, die halbwahr in der gegend herumstehen und die man sagt, um die ratlosigkeit zu verdecken. je mehr man redet, desto undeutlicher wird der tod. so hält man ihn sich vom halse und man kann ihn doch nicht überlisten.

das sage ich mir eingangs. im fensterkino zeigt sich ein trüber tag, gärten schwarz gestrichelt mit kahlen bäumen. dazu das orangene gefieder eines strauchs, der sich erst im entblättern zeigt. im garten die farben von tod und leben.

da etwas entzwei ist, endgültig zerbrochen, gibt es keinen billigen trost. es gibt gar keinen.

früher oder später wendet man sich, wenn man aus der erstarrung auftaut, allmählich, den alltagsdingen zu. man tut sie möglichst gut, das hilft. es ist kein geheimnis.

das geheimnis besteht in der erfahrung, dass man fortan kostbares mit sich trägt, das sich wandelt jeden tag und eine festigkeit verleiht, obwohl alles rundherum prekär und unbestimmt ist.

es gibt dunklere zeiten.

aber das stärkende bleibt. man hat überlebt. der schlag ist immer noch spürbar, aber man weiss wieder, wie freude sich anfühlt. sie ist leiser geworden, einfacher, das ja, aber es ist freude. denn sie schien verschwunden zu sein.

man ist zurecht gestutzt. das ja.

aber das ist nicht unangenehm. zu sehn, zu erleben, dass verhaktes sich gelöst hat, dass es ein wegrücken gegeben hat, manches hässlicher und vieles schöner geworden ist. das ist nichts besonderes. die katastrophen treten deutlicher hervor, illusionen sind zerstoben, man ist pessimistischer und optimistischer in einem.

man hat etwas gehabt, das sich entzogen hat und weiss nun, man hatte es nie, aber ein glanz davon strahlt ins trübe und klärt es auf.

das ist keine aufhellung, die man auf diesem wege suchen möchte.

in Japan gibt es die tradition des Kintsugi, die stücke einer zerbrochenen schale mit harzlack und goldpuder zu kitten. die bruchstellen bleiben sichtbar und doch ist man versöhnt, es gibt keine verhüllung, keine beschönigung und darin liegt die schönheit, man schaut auf den bruch und sagt ja.

widerstrebend.

sterben und tod sind skandalös.

man macht sich nicht mehr soviel vor. man ist ein anderer und ist doch der alte, man erkennt sich an fehlern und macken wieder. vielleicht ist man sogar gelassener und toleranter und manchmal ist man auch gleichgültiger. weil anspruchsvoller.

man weiss, dass selbstmitleid eine der schlimmsten versuchungen ist.

was trauer bedeutet steht in keinem ratgeber. was freude ist ebenfalls nicht. das eigene erleben weist den weg, den es noch nicht gibt.

manches ist wieder möglich. aber die zurückhaltung ist gewachsen. man mutet sich einiges zu und vieles nicht mehr. man weiss, wo grenzen am besten nicht überschritten werden. man hat sich kennen gelernt.

man weiss nun, es gibt aufbrüche aus dem nichts heraus. immer wieder. man hält das für ein wunder.

dass noch ein leben möglich ist.

auch das, so sagt man sich, verdankt man ihr.

im dunkeln geht ein lichtlein an

jedes mal der schreck, wenn ein name irgendwo untergetaucht ist, weil er nicht wichtig ist. jedes mal die prüfung, jedes mal das gleiche amüsierte schulterzucken. inzwischen muss ich mich zwingen, manche dinge noch interessant zu finden, ich meine jenseits von birken selbdritt, sträuchern und bäumen in gärten (entblössten) und blumen, lilien zum beispiel in vasen oder büchern ohne aufdringlichen plot oder essays, die mich ärgern, aber unwiderstehlich anziehen, wie gerade die aufsätze von Karl-Heinz Bohrer, Kein Wille zur Macht. edition akzente bei hanser. mit dem begriff reaktionär sind gedanken nicht erledigt. sage ich mir und beim lesen entbrennt ein streit, den ich vermisse. natürlich frage ich mich auf den wegen von allerhand kulturkritischen erkundungen, ob nicht auch ich, wie jemand kürzlich schrieb, zur reaktionären Romantik neige. der betreffende machte sich sorgen, dass standpunkte heute so leicht vereinahmbar seien, dass man dazu neige, keine mehr zu beziehen.

„ich lasse mir das wildern in fremden gefilden nicht verbieten.“ meine trotzreaktion und: einiges kann gedacht, aber es muss nicht alles ausposaunt werden.

demnach, so nehme ich an, sind quer durchs ländle konspirative weihnachtstreffen in planung. mit gedenkminute, selbstverständlich, an die regierungsdirektive, wonach einkaufen und festefeiern keinen spass zu machen haben, dem verantwortlichen bürger. nur strengste askese bitte (freudlos lustlos der neueste pandemie puritanismus) und feste auf gar keinen fall, auf gesicherter wissenschaftlicher basis (was haben Sie denn gedacht) . ich meine, die miesepetrigen visagen bei den verhuschten beschleunigten emplettes sind bürgerpflicht.

„nun gehen Sie aber zu weit in der frivolität, denn menschen sterben und andere sind totkrank.“

die zurechtweisung wäre berechtigt, wenn ich nicht jeden morgen, die zeitung holend, mein memento denken würde, gefolgt vom exerzitium der todesanzeigen, gesichter von toten, namen, daten, la famille éplorée, er/sie fehlt uns nun. und glauben sie mir, ich weiss, wovon ich rede.

der dezember ist selber ein exerzitium, im dezember ist sie gestorben, vor drei jahren, an einer krankheit, von der kaum noch die rede ist und die zahl der toten wird nirgendwo genannt.

gewiss, ich setze gegen das panische, das sich mir in der einkaufsdirektive offenbart, bewusst das frivole, lieber scherzen als bibbern, vor angst.

das problem des vertrauens und der angst, das sich heute stellt, entwickelt sich entlang der frage, was man weiss und was man nicht weiss und ob man es, das wissen wie das nicht-wissen kommuniziert.

die theater sind geschlossen, die konzerte auch. mich dünkt, das absurde theater hat die strasse erobert. konzertiert wird das traurige schauspiel der öffentlichen mitteilungen. als ersatzreligion, denn es muss geglaubt werden. die umwertung des bekannten spruchs, wenn ihr nicht werdet wie die kinder, dann machen wir euch dazu.

das widerstreben schon morgens beim erwachen, wenn man sich die situation vergegenwärtigt, nach einer nacht von orgiastischen träumen mit entblössten gesichtern, handschuhlosem händeschütteln , libertinen wangenküssen, streng verhüllten hugs und accolades, die neue erotik.

der neuartige akzent bei der verwischung von öffentlich und privat.

wie lässt sich feststellen, ob einkaufen (von trotzigen geschenken) nur pflicht, nicht aber auch spass ist. es darf – nicht – gelacht werden. gesichtserkennung?

da das (tragikomische) theater verboten ist infiziert es nun die politik.

das private seinerseits, das die öffentliche sphäre infiltriert, wird zum politikum in form von morbidem. nimmt noch jemand an, im ernst, er könne massregeln ins private hinein, in bewegungsfreiheit undsoweiter, abschreckend in die seelen hinein wirken, ohne die privaten verfasstheiten zu deregulieren, so dass sie heftig aus dem lot geraten.

aber reden wir lieber nicht von nebenwirkungen, als seien sie exterritorial, nicht zur wirkung gehörig. gäbe es keine, sagte der herr doktor, wäre an der wirksamkeit zu zweifeln.

wie von furien gejagt hiess es früher, in altmodischen zeiten ging man von dämonischen gewalten aus, die angst und paranoia schüren. heute gibt es den technischen begriff des social ingeneering. man bewegt sich auf dünnem eise, die geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los. und: die geister der unbotmässigkeit sind nie sehr weit.

so, in dem sinne schöne weihnachten: im dunkeln geht ein lichtlein an.

ein monument für Katzie

gerade hat mich im gefolge der irrungen und wirrungen meiner lektüren (zum beispiel Sylvain Tesson, L’énergie vagabonde) die frage beschäftigt, wie salaud, crapuleux die menschen sein können, und die antwort lautet, natürlich und nicht verwunderlich, sehr, sehr sehr.

obwohl weitere beweise dafür keineswegs nötig sind, fand wieder jemand vor ein paar tagen das gegenteil und inszenierte deswegen den qualvollen tod einer mir gut bekannten, ja, befreundeten Katze.

vergiftet, sagte die tierärztin, die das arme kleine zitternde bündel einschläferte.

Katzie, so wurde das tierchen gerufen (es liess sich nach katzenart natürlich nicht rufen und erschien nach gutdünken, hauptsächlich zur futterzeit) hat niemand je etwas zuleide getan, nicht einmal das, was katzen so zu tun pflegen, weil sie eben katzen sind.

im gegensatz zu Blimmi, der viel jüngeren, machte sie keine jagd auf vögel und deponierte auch keine ziemlich toten mäuse an der haustür, um sich erkenntlich zu zeigen (? – eine kühne hypothese). sie war auch nicht so aufdringlich wie die traumatisierte Blimmi, die unaufhörlich gestreichelt werden will und dazu ausgiebig sabbert. nein, Katzie war diskret (abgesehen von den sehr gelegentlichen häufchen, die sie auf teppichen hinterliess, was ich als protestaktion interpretierte, obwohl mir auch der gedanke nicht fremd ist, dass ein teppich eine luxuriösere bedürfnisanstalt sein kann als ein triviales katzenklo aus plastik mit deckel, immerhin, im Louvre hoben die anscheinend den teppich auf, um danach die geschäfte diskret festzutreten).

Katzie war mir zugetan, nicht nur, wenn es futter gab.

der feige katzenmörder, der Katzie ein qualvolles sterben beschert hat, ist mir unbekannt. irgendjemand nettes aus der nachbarschaft, nehme ich an.

zuerst, das gebe ich ohne weiteres zu, habe ich mir einen raffinierten vergeltungsschlag nach klassischer chinesischer vorlage (孫子, Sūnzi), Die Kunst des Krieges (孫子兵法) vorgestellt. ich habe jedoch schnell von einem rachefeldzug abstand genommen (gegen wen auch?), weil die wut nur die trauer verdeckte.

trauer auch wegen uns, und überhaupt.

(ich verdanke dem katzenmörder nebenbei die erkenntnis, zu welchen rachevorstellungen (inklusive mittelalterlicher daumenschraube) ich fähig bin. ich war etwas erstaunt, andererseits, ich gehöre der gleichen spezies an und wozu die imstande ist, ist bekannt.)

Katzies tod hat mich auch deshalb erschüttert, weil meine enkelinnen nicht verstehen können, dass man katzen vergiften kann. einfach so.

wer sowas tut und ein liebes katzenvieh wie Katzie qualvoll umbringt, muss doch eine sehr arme sau sein. eine sehr sehr arme.

du dumme sau!

das wollte ich doch hier gesagt haben.

S. Tesson, L’énergie vagabonde, p. 1064

doch völlig nutzlos

man kann selbstverständlich grau scheusslich finden, man kann daran herum mäkeln, aber hier, in unserm fall, kommt letztes rostbraun und gelb erst richtig zum vorschein und die feinheit von birkenkronen sowieso. die sind meditationsgegenstand.

seit tagen finden ausweichmanöver statt.

vorbemerkung: nichts gegen ordentliche information. genug jedenfalls, um zu wissen, gründlich, was läuft. zuviel hingegen schlägt aufs gemüt? ja, inzwischen, geht das zuviel auf den geist. auch gründlich.

noch weiter: wiederholungen überhaupt, ohne unterscheidung, mit ausnahme von persönlichen ritualen, gewohnheiten (leicht argwöhnisch beäugt, no complacency please). erste allergische reaktionen.

erschwerend: alle wiederholungen oder variationen auf dasselbe: anzeigen, sprüche, verkündungen, wörter: bei bestimmten wörtern findet ein zusammenzucken statt, wenigstens ein anheben der augenbrauen, ein wegsehen, das auch als weghören gemeint ist, ein virtueller ohrenverschluss, augen zu.

man beobachtet seit tagen das anziehen der dramatik, die steigerung, wenn nicht, dann undsoweiter. das drehbuch kommt einem bekannt vor. weswegen der enthusiasmus sich in grenzen hält.

sehr engen.

(muss man das sagen?).

auf der rechten wird eine sequestrierung der alten gefordert, das wörtchen freiheit flattert hinterher, entgeistert.

entgeisterung ist das zeichen der stunde.

„angst essen seele auf.“

wo und wann war das schon mal: ars moriendi?

mit oder an?

vor den gegebenheiten des lebens will ich nicht weglaufen, und doch verstärkt sich der wunsch abzutauchen jeden tag, nicht vor dem leid, vor dem gerede.

allergische reaktionen: sobald der teil crise sanitaire auftauchte, online, offline, tv mässig kam zuerst ein seufzen, resigniert, mit der zeit die amplifikation und vor einer woche unüberhörbares stöhnen, seit ein paar tagen nun protestschreie, kurz und spitz, ansteigend, wegklicken, zusammen knüllen und weg damit, in den runden ordner, umschalten zack und zack.

exemplarischer ablauf: zur arte doku nämlich, das leben der insekten, angenehme langeweile versprechend, dann aber spannend, käfersex (funkelnd), das paarungsverhalten der gottesanbeterin (bdsm), anschliessend das dramatische schicksal der drohnen (erschütternd) oder elefantensex (gigantisch), das liebesleben von eichHörnchen, mehlwürmern (verwirrend) und kakadus (angekündigt).

zwischendurch: seitengespräch bei abstellen des tons ( unterdessen, unhörbar: anhaltendes hirschröhren.

„da ist ein hirsch!

wo?

dort!“ ) über männerhass und dessen legitimität, wegen der anstehenden lektüre von „Moi, les hommes, je les déteste“, Pauline Harmange und der am schicksal von drohnen und gottesanbetern auftauchenden erinnerung an Valérie Solanas (in einem essay von Houellebecq: „À quoi servent les hommes“).

zugegeben: das sind starke ablenkungen, in denen man fast ungestört abtauchen kann.

ungestört verstört.

rechtzeitig: beim doch noch umschalten, um die sonstigen (!) nachrichten nicht zu verpassen, gerät man , ob man es will oder nicht, in die letzten sätze der crise sanitaire heute, morgen und übermorgen lockdown oder nicht.

entsetztes umschalten, wegklicken, zackzack, mehrfach nötig bis zum haarsträubend schlechten kriegsfilm auf einem unbekannten englischsprachigen sender. (die gezeigte gewalt verschafft eine gewisse erleichterung, weswegen dann schäm dich und schuld).

beschluss: keine nachrichten mehr im fernsehen. provisorisch oder definitiv?.

nur noch: das paarungsverhalten sämtlicher tierarten auf sämtlichen kontinenten, weswegen auch prärien, savannen, karste, wälder, darunter verbleibende ur- und bergwelten, reisesehnsüchte mitten hinein in die menschlichen verwüstungen und hoffnungsvollen fälle eines anderen umgangs mit tieren und bäumen undundund.

der garten tut so, als sei alles normal. eine amsel dekoriert das feine geäst der birken und sturzflug, weg getaucht. in der ferne tritt der waldrand aus dem nebel , darüber ein leuchten.

gestern bin ich dort gegangen, à un rhythme soutenu, brauchte eine halbe stunde, um die unruhe loszuwerden, das innere maulen und aufbegehren verwandelte sich in eine schon lange nicht mehr gekannte festigkeit. gespräch mit jemand ohne worte. das gefühl von allen guten geistern umgeben zu sein. leichter nieselregen zur bestätigung.

warum sowas aufschreiben, es ist doch völlig nutzlos.

eben deswegen.