dies angemerkt zur ehrung von marie

die oktoberwahlen nahen heran und ich fühle mich unwohl, heute morgen beim brötchenholen alle diese gesichter von den plakaten und mir ist doch ganz privat und persönlich und ich weiss genau, ein gespräch über bäume ist ganz sicher kein verbrechen.

aber dann die sprüche, bei denen ich gottseidank nicht dabei war, diese verschiebung in eine perfide richtung, dieses rutschen von begriffen ins unsägliche und die scheinen genau zu wissen, was sie wollen, während auf der anderen seite diskutiert wird, ziemlich schroff für meinen geschmack, ob das noch normal rechts ist oder schon rechtsradikal, gar schon faschistisch. als ob es auf jener bahn nicht ein gleiten gäbe, in abgründe.

Agnes Heller, und sie muss es ja wissen, erinnert (in der ungarischen situation) an die wichtigkeit von humor, gerade in zeiten wie diesen und angst ist vielleicht keine gute beraterin.

was gibt es denn noch ausser dem neoliberalen block (zu dem auch das rechtere zählt, was auch immer die sonst noch erzählen von drohendem sprachverlust und flüchtlingsflut und identität, natürlich aufgrund gewisser vorkommnisse in der vergangenheit etwas subtiler und scheinbar geschliffen-harmloser), in den auch die grünen regierungshalber und natürlich mit argumenten abgewandert sind (tatsächlich ist eine gute trambahn gut und gute fahrradwege und stadtparks und sauberes trinkwasser, aber daneben …)?

sozialdemokraten! (ich meine nicht jene, die längst neoliberal konvertiert und seither schrumpfen, ich weiss, ich weiss, es gibt noch soziale forderungen), ich meine jene, die aussehen (programmatisch) wie sozialdemokraten noch vor etlichen jahren (dort nannten sie sich sozialistisch und arbeiterpartei). das wird übrigens heute linksradikal gescholten, so gleiten begriffe auch auf dieser seite …

natürlich weiss ich, ich tauge nicht für partei und eine einzige meinung und abweichungen für den nächsten kongress, aber dann fehlt mir doch der gesprächszusammenhang, der versuch die dinge zu vertiefen, statt bloss argumente zu verschiessen, man weiss schon, die eingreifende, verändernde idee. und das reden zusammen, die umkreisung des themas. das war mit marie möglich, wenn es in den schlagabtausch abrutschte, bremste sie mich aus, es passte nicht zu unserer vereinbarung. dazu gehörten auch gefühle, ja, diese bildeten oft den ausgangspunkt und ich habe es schon mal geschrieben, das private und das öffentliche war nicht zu trennen, wir gingen nicht davon aus, dass unsere befindlichkeiten privat waren statt ein phänomen der welt, in der wir lebten und zu der wir gehörten.

und ich muss sagen, mein gefühl ist, naja, mulmig, unbehaglich, queasy, uneasy, bedenklich und weiter auf der rutsche der bedeutungen:

keinen wirklichen grund sehe ich, meine/unsere einsicht zu wahlen in der jetzigen konjunktur der kapitatistischen entwicklung zu revidieren, jedesmal in den letzten jahrzehnten fragten wir uns, marie und ich, ob wir uns den urnengang, den sogenannten (als begriff ist urne nicht schlecht, da geht angeblich meine willensbekundung hinein und  wird danach offensichtlich begraben), nicht ersparen sollten. seltsam, die leute, die zu den urnen schritten, sahen immer so sonntäglich erwartungsvoll und bedeutungsschwanger aus, als stehe wirklich etwas auf dem spiel und diesmal was? einige rechte und ultrarechte stimmen mehr und einige schrumpfungen und ansonsten business as usual, und das heisst eine menge ungewissheit mit rechtsdrall.

ich muss doch auch gähnen, entschuldigung, und sehe mich jetzt schon zögern und rumlavieren und am liebsten schriebe ich mist gross über das grau kartonierte ding und fuck. aber das ändert bekanntlich auch nichts.

und doch gab es, an den rändern des wahlkampfs, ein highlight, ein regelrechtes, ein wirtschaftsführer (o pardon, ist das eine angemessene terminologie?) stellte klar, wirtschaft hat mit moral nichts zu tun (nachdem bekanntlich schon die gewaschene lüge zum legitimen politischen instrument erklärt wurde und der wirtschaftsminister dasselbe gesagt hatte, souverän ungeniert). es gab übrigens keinen aufschrei, weder aus der wirtschaft noch von den obermoralisten der nation. unter moral wird offensichtlich was ganz verschwurbelt feierabendliches verstanden, also trampel nicht im vorgarten des nachbarn herum, aber die wirtschaft eignet sich immer mehr lebensbereiche an, verwandelt quasi alles in eine profitable dienstleistung und ethik hat damit nichts zu tun? ich finde ein solch kompartimentiertes denken äusserst interessant, wenn man das noch als denken bezeichnen kann und nicht als reinen zynismus und hohn, der als das normalste der welt daher kommt. soweit ich das verstehe, regiert dort ein gott, der heisst deregulierter markt, jenseits von gut und böse.

natürlich ist das keine neue erkenntnis, ich lese gerade im Renert folgende passage (das buch ist ziemlich identitätsstiftend und ein sprachfänomen erster rangordnung übrigens auch, echt patriotisch):

„an no der priedegt gunge / wi englen s’all eraus / mä schuns beim weihwaaschkessel / fängt kuoder sech eng maus.

de wollef frësst e lämmchen / den tiger zraisst eng kouh, / den huer de plèckt eng pöllchen / an nach eng dauf derzou.“ (Michel Rodange, Renert. Oplag 1968, erausginn vom J. Tockert, S.39)

und dass der drecksack, der moralisch unbedenkliche, eine politische karriere machen kann, ist dort auch nachzulesen.

Nicht dass ich meine, kapitalismus sei je eine moralische angelegenheit gewesen.

dies angemerkt zur ehrung von marie und unsern regelmässigen erörterungen der lage.

diese erlaubnis eines eigenen lebens

manchmal fühle ich mich verfolgt, wörter und sätze scheuchen mich aus meinem versteck, meiner ruheecke und werden ungemütlich. ich lasse mich auf solche drohungen nicht ein, nun werden sie frech und unverschämt, versuchen den schrecken an die wand zu malen, treiben mich in die ecke und ich will doch nur meine ruhe haben. krawallmacher, sage ich dann und, eine zumutung. ich lasse mich von solchen gesellen nicht erpressen, so grummele ich und bewege mich schon eilig auf den tisch zu (die frage ist an welchen, ich habe drei zur auswahl, je nach stimmung und verfassung. diesmal bleibe ich sitzen, aus trotz und überhaupt, hänge weiter auf dem sofa herum und bequeme mich zu nichts; ich stelle fest, die tastatur des laptops sieht vermüllt aus, das mauspad klebt, aus dem haus dringen seltsame geräusche auf mich ein und draussen krächzt eine rabenkrähe, fährt ein auto in den sonnabend und der himmel leuchtet hellblau und hellbraun, dann wird es still und ich zögere noch immer, dem wortdrang nachzugeben und habe es visiblement schon getan).

es war ein schuss vor den bug, ich setze zur  eindeutigen definition der sache die erste suchseite her, nein, nicht google, duckduckgo, es ist die letzte warnung also und die aufforderung zur bedingungslosen kapitulation. herrje, sagt man da, mein lieber, und was ist geschehn.

ich habe mails gekriegt und ich war unterwegs in eine eindeutige richtung, da bin ich sofort umgekehrt, habe mir einen höheren standort gesucht und da gesessen, wie heute an der springfontäne im stadtpark vor dem schilfwall sass ich da und habe ins licht geblinzt und mich gut gefühlt und nun dies: einkehr und heftig, auf der ferse kehrt gemacht, umgedreht.

seither sitze ich da und gehe in mich und selbst, wenn ich gehe, bin ich in mich gekehrt.

also? eine alte freundin hat geschrieben und mich mit dem folgenden satz erwischt (während eine andere meinte, sie vermisse in meinem geschreibe die dankbarkeit und ein freund meinte, es werde grauer, nicht das klima, das auch, sondern mein blog oder meine mails):

„(ich weiss nicht, ob ich das hier sagen/fragen darf, frage trotzdem, weil es mir unendlich wichtig erscheint: für mein empfinden ist es so, als ob du mit marie durch marie hindurch gehen würdest. wohin???? )“

sie ist sehr vorsichtig, die freundin, sie klammert das ein und dann erst die fragezeichen, die frage, ob sie fragen darf, das hat mich in die falle gelockt und es sass.

es war ein schlag, seltsamerweise habe ich keinen widerstand geleistet, ich habe den satz sehr ernst genommen, denn mir schien, ich habe genau verstanden, was sie meinte, intuitiv, schlag-artig also.

kurz vorher hatte ich woanders gelesen, wirklichkeit erfahre man als begrenzung von aussen, durch den andern. im alltag.

ich war demnach vorgewarnt (ich glaube an synchronizitäten).

marie, so wie ich sie kannte/ so kenne ich sie, hätte es nicht genauer, präziser, treffender, umwerfender  sagen können: wohin reist du gerade, du benutzt mich, um dich hinein zu wühlen in einen fast unerträglichen schmerz und wenn ich etwas wollen könnte, dann wäre es dies, deine freude. stattdessen: du füllst dein dasein mit meiner abwesenheit, meiner halluzinierten, bloss bildlichen präsenz und vergisst – zu leben, zu sehen, zu fühlen, es gibt im unglück ein glück, eine freude neben dem schmerz.

ich habe tatsächlich in der stille diese rede gehört, diese aufforderung aufzuatmen, diese erlaubnis eines eigenen lebens.

demnach, so scheint es mir, kann ich als antwort geben auf das wohin der frage: bei mir, ich wache gerade auf, oh, es ist nicht eitel sonnenschein, aber immerhin ging ich schon beschwingter, durchquerte das tal, treppensteige diesseits und jenseits und durch stille strassen dem nächsten (guten) espresso zu, tatsächlich habe ich mich gefreut, an den rändern eine gewisse zurückhaltung, die scheint mir angemessen.

(dort, an diesem genauen punkt erlebe ich ihre reale präsenz.)

reine gegenwart

IMG_0534

sich selber als vorgang beschreiben, aber was für einen, experimentell annehmen, es ist im grunde einer wie andere auch, anfang dort, an dem tag, zu der stunde, nun auf der schiene, bewegt sich nach süden, kehrt um, aber nicht mehr an den ort der ersten schritte, der ersten laute, wörter und sätze, ein erinnerungswesen, ohne diese weiss es gar nicht, was es ist. wenn es eine freiheit hat, ich meine, wenn der vorgang, den ich ich nenne, eine freiheit hat, dann ist es im denkwillen, aber sonst? das ist nur eine rhetorische frage.

der vorgang ist aufgespannt zwischen schmerz und lust und seine bestrebung zur lust hin wird immer konterkariert, das leiden ist unausweichlich, dafür muss man keine masochist sein. machmal ist es trübe, manchmal heller, heute gerade wieder dies bekannte grau, aber es leuchtet noch vom sonnigen gestern und ich sehe hinein in den dunklen gang an einem haus vorbei gerade auf eine mülltonne zu, vor einem baumstamm steht er und daneben ein fenster, aber da sind wir schon in der nächsten strasse. wenn ich nun stadt denke, fliege ich sozusagen hindurch dem tal zu mit dem einbetonierten rinnsal, dorthin zieht es mich immer wieder, unter die bäume, die wege hinan, die treppensteige, dort ist es im sommer kühl und freundlich und der herbst flamboyant, dort vergesse ich alle übel und denke mir, du bist nicht nur erinnerung, manchmal gelingt dir schon, wenigstens augenblicksweise, ein moment realer gegenwart und die zeit steht still, dann siehst du marie, wie sie vor dir geht und du folgst ihr, immer wieder gibt es solche stunden, da steht die zeit still, sie ist aufgehoben, wie damals, als sie starb und du in eine raum gerietst, der ist anders gestrickt und es war die hölle und es war auch ein versprechen, denn mit der zeit, das sterben zog sich hin, es schien nie zu enden, wurde dieser raum immer realer, dort warst du mit ihr wie sonst noch nie und es war nicht nur qual.

ich denke mich als vorgang, denn mit all den konditionierungen, wie auch immer sie waren, kamen entscheidungen, nennen wir sie so aus höflichkeitsgründen, es waren in wirklichkeit fast reflexe, schnell zu sein in allen bedrohungen (eingebildeten, vor allem, und realen und eine harte schale und eine distanz, eine kühle, eine unnahbarkeit). das erste mal, dass ich jemand wirklich hinter die kulissen schauen liess … da hiess sie marie und sie wusste schnell, weil ich es zeigte, dass indianer doch weinen und die angeblich harte schale eine lange gewohnheit wegen zu grosser weichheit und körperlich schon gehörte ich nie in die kategorie der toughen männer und toughen sprüche und die frauen burgen, die man stürmte.

so ist der andere bald ein zuhause und die eigene geschichte um eine geschichte gebaut, eine verletzlichkeit, und wenn ich zurück schaue, ist es wie ein unausweichlicher vorgang, wenig freiheit darin oder freier wille, am freiesten war ich, als ich die rüstung und panzerung vor einem andern abzulegen mir erlaubte und sie mich nicht fortschickte, von dem augenblick an tat ich für sie, was sie wollte. ich hatte nicht den eindruck, dass es selbstaufgabe war, sondern eher ein hin zu einem andern, freieren. sich in den dienst stellen von einem andern verletzten verletzlichen hat eigene freuden und leiden. ich behaupte nicht, es sei einfach gewesen oder es habe keine dunkelheit gegeben und nur licht.

aber seit ich sie sterben gesehen habe, ich habe noch nie eine grössere gewalt erlebt als diese, wie eine aus dem leben weggerissen wird, noch nie eine grössere pein, eine folter jeden tag sie so weggehn zu sehen und nichts, aber auch gar nichts half, lasse ich sätze in der schwebe, rede ich anders, sehe ich eher die leere in unserm beginnen, die automatismen, die reaktionen, das spiel mit dem niedrigsten in uns und schon fangen einige an unartikuliert ihren hass hinaus zu brüllen, gehn sie in die enge, in die angst, schrumpft der verstand, toben klassenkriege wie eh und je und die ungehobelsten gelangen an die macht.

nur hier tut man noch fein, noch höflich und rücksichtsvoll, aber ich weiss nicht mehr, ob man dem noch trauen soll, aus dem anderen raum betrachtet, sehen alle dinge anders aus und wenn ich nun gesichter sehe,  überlebensgross von beleuchtungsmasten auf mich herab, so erscheinen mehr fragen als antworten.

und ich bleibe bei dem fragen, es macht uns aus, das fragen auf eine antwort, ist sie nicht schon gegeben.

IMG_0309

nicht nur in träumen

IMG_1168

ihren tod habe ich erlebt als einbruch der ganz fremden gewalt in eine normalität, die war wie ein friedlicher, freundlicher fluss, eine landschaft mit hügeln und bäumen und darin ein haus am hang und eine wiese, unser leben. als habe sie mich nicht mehr gewollt und in meinen träumen streiten wir so und es tut weh: aber das ist nicht der begriff, der die sache trifft.

sie ist in meinem leben und ist es nicht. sie entzieht sich und nähert sich und ist geheimnisvoll nah. so jüngst, ich irrte im traum in bruchstücken eines alten lebens und plötzlich in der ferne trat sie hinter einer mauer hervor, in einem langen grünen gewand, es war sie und ich rief, fast zu spät, da war sie schon wieder zurück in die unsichtbarkeit und ich rief doch weiter und sie antwortete, ich hörte es genau.

manchmal möchte ich die gesichter der lebenden gar nicht mehr sehn und nur noch nach innen schaun, die augen umgekehrt in die andere richtung, ins unsichtbare hinein und horchen, ob ich ihren schritt hören kann. ich weiss, so kommt sie nicht wieder, dass ich sie an der hand nehmen kann und weggehn mit ihr, irgendwohin, das war mir fast immer egal, wohin die reise uns führte, ich war für alle richtungen offen, nur sie musste dabei sein. natürlich weiss ich, ihre wange werde ich nie mehr berühren, aber dass sie da ist, irgendwo da ist und dass es eine tür dahin gibt, wenigstens sie von weitem zu sehen, wie sie davon geht und im davongehen mich sieht und dann wäre es kein fortgehen mehr, wenigstens kein ganzes.

ich weiss, es ist hoffnngslos und ich bin doch voller hoffnung. manchmal ist es trauer und manchmal ist es zorn. das, was man so seele nennt, ist ein furchtbar widersprüchliches ding. manchmal schmerzt es, dem zuzusehn und noch die fassung zu bewahren.

inzwischen aber warte ich und das, was mich umgibt, ist nicht realer als die welt, in der ich sie vermute; in meinen träumen gehe ich dort ein und aus und wir streiten uns und versöhnen uns und dort denke ich mich nicht ohne sie, dort fühle ich mich nur mit ihr.

sowas kann man nicht schreiben, sage ich mir und ich schreibe es doch und es ist mir egal und ich weiss, die wand ist dünn, die uns trennt. nicht nur in träumen.

marie schüttelte den kopf

wir waren auf der schobermesse, dem jährlichen stadtrummel, meine zwei ältesten enkelinnen und ich. da ich uns kenne, hatten wir klare vereinbarungen getroffen, ein versprechen ist ein versprechen. ich habe mich ziemlich leicht überreden lassen, obwohl ich die veranstaltung als attacke auf alle sinne betrachte, zu laut, zuviel krach, der sich mischt zu einem gehörchaos, zuviel eindrücke aufeinmal, alles schreit nach aufmerksamkeit, will dich anlocken und dann das manövrieren durch die menschenmenege und es liegt ein geruch in der luft, bevor dir klar ist, was da alles zusammen kommt, bist du schon wieder draussen.

wenn ich dran denke, dreht sich wieder alles im kopf, ich habs erlebt als den grossen quirl und du bist mitten drin und wirst rumgewirbelt, geschubst, gerempelt, dann klebt der riesenlutscher mit der ganzen palette von lebensmittelfarben an allen händen und die pommes frites stossen dir auf.

die älteste erklärte, sie wolle die „wilde maus“ ausprobieren (dabei kannte sie das ding schon vom letzten jahr, ihre schwester allerdings nicht und ich bin in solchen fällen völlig vertrauensselig) und verglichen mit den diversen hämmern und superspeedkarussellen schien mir die achterbahn mit diesem niedlichen namen, eine maus ist eine maus und sei sie noch so wild, ganz harmlos.

am ende war ich völlig verwirrt, die jüngere enkelin heulte, als sie sich beruhigt hatte, erklärte sie, das ding ist zu rabiat, verboten für kinder, ich werde mamma sagen, dass sie auf keinen fall mit dem baby da rauf darf und opa, du versprichst, dass wir das nie mehr machen. natürlich tat ich das und ich musste ihr recht geben, die kleine kabine raste in die haarnadelkurven, so dass ich beim zweiten mal schon die augen geschlossen hatte, ich riss sie nur unter grossen mühen wieder auf, um zu sehen, ob meine enkelinnen noch neben mir sassen, ich hörte mich schreien, da war wirklich der grosse quirl über uns gekommen, denn am ende wurden wir nochmal richtig durchgemixt, so dass, wie gesagt die pommes frites fast hochkamen, aber sie hatten nicht genug zeit dazu, so schnell und rabiat war das. als ich meiner älteren enkelin sagte, das war aber heftig, sagte sie, ich wollte nur wissen, wie das ist. wir drei wissen das nun.

ich habs zwar versprochen, aber nächstes jahr ist noch weit und … wegen dem namen sollte man die „wilde maus“ nicht unterschätzen, natürlich ist das nichts gegen die grossen schobermesshämmer, aber …

auf dem riesenrad war es fast schon still, die wirbelhämmer sahen klein aus von da oben,  der jüngeren enekelin tropften die reste des riesenlutschers vom kinn und die andere sah ganz zufrieden aus. mir drehte sich die welt noch ein wenig und meine sinne waren ziemlich überlastet, wir sind dann doch noch auf die wasserachterbahn gegangen und wurden ein wenig nass, aber wir haben alle drei furchbar lachen müssen.

auf dem heimweg wurde es immer stiller, das war nach dem trubel und den riesenhämmern fast unheimlich. aber wie man so eine achterbahn „wilde maus“ nennen kann, ist mir ein rätsel. Opa, sagte die jüngere unterwegs noch einmal, das war wirklich nichts für kinder.

nee, sagte ich und dachte an marie und marie hörte gar nicht auf mit kopfschütteln.

2013-09-14 13.37.37

 

wie ich marie gewisse weltereignisse erkläre

IMG_4027

an guten tagen, ich habe heute den aufwind erwischt, erkläre ich marie das neue album „hunter“ von anna calvi und rechtfertige meine lektüre von king kong théorie (marie wäre das zu krud, aber nun weiss sie, was eine kraftvolle schreibe ist und die direktheit, die krasse direktheit). das, was virginie despentes über die männer sagt (ich weiss, das ist ungerecht, es gibt die und solche andere, ich möchte auch nicht in einen topf mit … geschmissen werden), leuchtet mir ein (sie würde den ausdruck beschissen finden) und die despentes imponiert mir.

ich sage marie auch, dass die schwarzen horden in chemnitz und anderswo mir ein ziemlich mulmiges gefühl verschaffen, das sind verwerfungen, die auf ungutes aus der tiefe der kapitalistischen verfassung schliessen lassen, ich hätte gerne mit marie darüber geredet, vor allem um einen klaren kopf zu bewahren.

heute schreibt eine auf fb, wenn man den leuten erklären würde, dass das gehirn eine app ist, vielleicht würden sie die dann gebrauchen.

ich nehme nicht an, dass man den schwarzen brüllern mit rationalen argumenten und schönen reden beikommen kann. wie man sieht, haben gewisse politiker erklärungsnöte, sie verwenden zu oft  verneinungen und dementis und die polizei hat abgrenzungsschwierigkeiten. am beunruhigendsten ist, dass inzwischen ja bekannt ist, was faschismus ist (es ist tatsächlich keine meinung).

alle fangen jetzt an das land zu lieben, die nation wieder zu entdecken, die sprache, die einwanderungskontingente, als ob damit das phänomen aufzuhalten wäre, das mitten in unserer gesellschaft entstanden ist, nicht auf dem mond. und plötzlich wird deutlich, dass es eine internationale geschichte und aktualität von ausbeutung, ausplünderung und gewollten ungleichgewichten gibt, die keiner kennt, obschon es schulen gibt und erklärungsansätze, die aber in der feinen bourgeoisen gesellschaft, die wir sind, nie sehr populär waren. wir haben unsere lauwarmen modelle, um die welt unverständlich zu reden und wenn dann eine völkerwanderung beginnt (sie hat nie aufgehört) dann tun wir erstaunt und machen die schotten dicht.

im zentrum europas haben wir lieber die probleme an der peripherie, in ungarn zum beispiel oder in griechenland (man wundert sich gar nicht, dass  linke regierungen bedrohlicher sind als rechte und rechtsradikale, die griechen hat man fertig gemacht, bei den ungarn eiert man delikat herum), richtige philister sind wir, als ob die mulmigen dinge nicht näher rücken würden.

das sage ich marie, wir haben ähnliches beredet, sie hat den versuch von sarah wagenknecht beachtlich gefunden, mit gewissen konzessionen potentiell rechte wähler wieder zu gewinnen. ich bin nun etwas skeptisch, ob das hilft und lege ihr meine gründe dar. wenn grüne und linke rechtzeitig vor den nächsten wahlen treuherzig versichern, wie sehr sie das land lieben, dann muss die rechnung nicht unbedingt aufgehen, den rechten stimmen abzujagen; oder, so frage ich marie, ist es modisch geworden, nun rechts zu tragen, weil das klima sich erwärmt und der hahn auf dem turm dreht sich auch nach dem wind und der ostwind riecht nun mal etwas braun.

natürlich, gebe ich marie zu, in unserer strasse ist alles beim alten, die glocken läuten wie immer abends und morgens, die rabenkrähen kächzen und fiepen auf dem dach und ein geraschel und kratzen über den schiefer, die autos fahren nach hause um diese zeit und der garten liegt träge da, ich habe mich gewundert, dass der grüne bewuchs an der fassade dermassen gewuchert hat und ich habe endlich die katzentüren eingebaut.

aber eine der figuren der ganz rechten bei uns hatte doch putzige erklärungen dafür, dass in seiner partei sich immer wieder ultrarechte einfinden und gab der linken presse die schuld, das ist nun auch modisch geworden.

du siehst, sage ich marie, die katze kann das mausen nicht lassen und die welt ist doch grösser als mein garten und ich denke an den inder, der in hartnäckiger arbeit eine insel wieder bebaumt hat und die tiere folgten nach. überhaupt, sage ich marie, gibt es leute, die tun gute sachen, aber von denen hört man nicht so viel und es gibt leute, die sagen und denken gute sachen und ich freue mich, wenn ich wieder jemand aufgespürt habe. daran nährt sich meine hoffnung.

während ich das aushecke, sitze ich in dem zimmer, in dem sie gestorben ist und ich denke an sie und trotzdem es weh tut, freue ich mich über die lange gute zeit, in der wir zusammen gingen. was für einen inneren reichtum habe ich da angehäuft, marie, ohne dich wäre das gar nicht drin gewesen.

wie gut, sage ich marie nach der lektüre des essays von virginie despentes, dass wir die mann/frau sache im endeffekt nie so ganz ernst genommen haben.

einfach weiter ins unbekannte hinein

IMG_0271

wie es mir ergehe, fragte jüngst einer, ich sage nicht mehr viel darüber, poste deshalb aber deutlichere fotos von ihr.

marie.

ja dann, sagte ich, und der schmerz wird nicht geringer, wenn man sich zu sehr mit sich selber beschäftigt. das ichichich kann einem auf den wecker gehn. und: in der welt (im anderen) erkennt man sich besser.

was nicht heisst, dass es mir nicht dreckig geht, dass ich nicht durchhänge, dass ich wie einen abhang hinunter gleite und es gibt nichts, das hält, ausser dass der anblick, der sich mir bietet von mir selber, mir ganz und gar nicht gefällt.

demnach: alle versuche eine art neuer identität zu konstruieren sind gescheitert, immerhin gab es versuche, es gibt keine vorbilder, nachahmen oder -äffen möchte ich niemand. als ich merkte, worauf es hinaus lief,  setzte ich mich hin, von meiner höhe aus, ich meine die wohnhöhe, hört man bei richtiger windrichtung das geschrei und gedröhne der jährlichen schobermesse (eine heimsuchung sui generis), sah meine nichtigkeit und wichtigkeit rasseln, besichtigte meine schöneren und dunkleren seiten, meine gaubenssätze tauchen immer unvermutet auf und ich staune, diesen mist glaubst du über dich selber (und die andern, die welt) und es ist nichts dahinter. wie schnell man die gebote der kindheit über bord geworfen und durch neue ersetzt hat, blinkende, scheppernde, wie die dosen am auto, just married.

nun muss ich persönlich werden. ich bin neunundsechzig, habe heftige attacken von kindischem benehmen, fordere mich selber heraus wie ein achzehnjähriger, bin enttäuscht von mir selber wie ein ehrgeiziger fünfunddreissigjähriger, der den richtigen aufflug am finanzplatz wieder einmal haarscharf verpasst hat, bin ein abgebrühter vierzigjäjriger, der vermeint, die sache kapiert zu haben, er ruht sich auf seinen lorbeeren aus, sammelt verdienste und glaubt allen schmeicheleien, er hat heimlich angst vor alter, krankheit und tod, der fünfzigjährige steuert bewusst in die katastrophe, am besten man reisst beizeiten alles ein und fängt wieder von vorne an, hat man noch den mumm und die schuzpe, scheiss drauf, ich will es nicht mehr so (und im ernst es ging gar nicht mehr, neuorientierung: ohne marie? unvorstellbar, wär es sicher nicht gelungen), der sechzigjährige hatte sich mit marie zusammen auf einige altersabenteuer eingelassen (da plant man, da denkt man und zack, da zieht etwas den vorhang weg und das zimmer ist leer) und nun? ich bin noch immer das kind, das staunt und das herz auf den händen trägt (irgend ein arschloch wird es wegschlagen wollen, aber mein starrsinn ist ebenfalls gewachsen, ich bestehe darauf, das herz trage ich weiter auf den händen). vor marie dachte ich, wenn die richtige nicht kommt, dann bleibe ich eben allein, aber aus alleinseinsgründen lasse ich mich auf nichts ein, nun, nach marie ( und mit ihr, denn alles, aber auch alles ist von ihr erfüllt) denke ich noch immer so, vielleicht läuft mir noch einmal einer (ein mensch) über den weg und wir gehn  eine weile zusammen, eine gemeinsame wegstrecke, aber es ist auch in ordnung, wenn das nicht passiert, sage ich mir, dann geh ich eben allein.

der rabe am dach vorbei hat gerade zustimmend gekrächzt, so höre ich das, es tut mir manchmal leid um mich selber, aber verdammtnochmal, ich kann andere nur mögen wegen ihnen selber, nicht weil ich gerade so bedürftig  bin und einen leeren raum zu füllen habe, in dem ich wohne mit der abwesenheit.

ehrlich, ich kann nun fotos von marie ansehen und nichts krümmt sich mehr vor schmerz, aber ich liebe sie und dann sind alle vergangenen räume aktuell, wir waren zum beispiel im quebec, da sitzt die marie auf dem stein und sinnt. oder marie drapiert sich auf dem orangenen quai von christo  am lago d’iseo, die sonne brennt, ich fühle sie auf meiner haut. und neben mir marie, nun ist sie ein windhauch an meinem hals.

das ist keine nostalgie, aber ein teil meines lebens. der hat aus mir gemacht, was ich bin. immer unbeschwerter. wie eine gemeint hat, der schmerz wird mit der zeit fast ein freund.

wenn ich mich frage, welche kraft mich zurück reisst vor dem steilen abfall, dann merke ich, es ist nun was ganz anderes in der luft, ich beginne anders zu denken, anders zu sehen und zu hören, es ist wahr, die haut schmerzt noch immer von soviel nicht da sein und doch da sein, aber sonst, durch atmen und weiter, einfach weiter ins unbekannte hinein.