?

keine referenzen, kein geländer, on est suspendu dans un ailleurs, kein genau definierbarer kontext, im ungefähren, vagen, man rätselt, man fragt sich, von welchen schatten ist man umgeben, ist es eine heimsuchung aus der zukunft oder sind es einfach nur gespenster des vergangenen. es ist nicht einmal nachts, dass man schwebt, jedenfalls abhebt fûr eine weile wie in einem vakuum, am besten extraterrestrisch, also in einem traumareal, und selbst bei simplen verrichtungen wie vorsichtig die treppe vor dem haus hinuntergehen oder die zeitung aus dem briefkasten fischen, weil das schloss zugefroren ist oder beim ansetzen der espresso tasse und dem ersten schluck am morgen oder beim innehalten danach, wegen dem bitteren geschmack auf der zunge, hört man die stille. ein knacken irgendwo im haus macht sie noch hörbarer. ein sanftes rauschen und sonst ist es still, einfach nur still. und in der stille keine weiteren gedanken.

blass kalt der horizont und sonst ein sehr leichtes grau, fast eine antwort auf das weiss unten und der garten wirkt erstaunt.

es ist nicht einmal der schnee, der auch, man hat ihn herbei gewünscht, hat magische mittel eingesetzt, skrupellose rituale, abends, vor dem einschlafen, bitte herr und frau schnee, es ist vor allem die stille, in der alles geräusch so plastisch hervor tritt, auch das ganz unerwünschte.

anrufung: die stille überm land an einem samstagmorgen.

der schwarm stare am futterhaus. die spuren der katze im schnee. die zugefrorene dachluke. das vereiste fahrzeug vor der tür.

und wieder die stille. eine autosirene schrillt hinein und stoppt, abrupt.

die stille, vor allem die stille.

als käme alles zur ruhe.

da hinein kräht ein verspäterer hahn aus der kindheit herauf, tropft eine regenrinne, gleissen eiszapfen am schuppen, bellt in der ferne ein hund. dazwischen breitet sich eine stille aus, die nach innen treibt, in die dunkleren zimmer, in denen unerlöstes, groteskes haust.

der grosse vorteil des schnees: alles hässliche verschwindet.

die lautlose bewegung eines vogels in schwarzen ästen, betupft mit weiss, ein schwarzer fleck durchquert die baumkronen und verschwindet.

ich nehme mir vor, musik zu hören, aber die vorstellung kapituliert vor der stille. nichts lautes bitte.

gestern abend die kinder verliessen den kleinen hang neben den häusern erst, als die dämmerung kam.

man lauscht auf die hausmusik, singende heizungsrohre, die wasserleitung rauscht fern.

les immobiles du jardin. arrêt sur image. mit dem bild könnte man gehen.

aber man lebt. denkt plötzlich in die stille hinein, kein vergleich, nur ein sprung in eine verschiedene realität, wie die heutigen lieferketten ihren anfangsort verbergen, zudecken, herkunftsbezeichnungen sehr vage, ein land, nicht einmal eine region, ein ort, keine spur von produktionsbedingungen und sonstigen fussabdrücken, keine spur der beteiligten menschen, keine gesichter, keine freuden, kein leiden, keine anderen leben, alles magisch verwandelt in ein abgepacktes produkt, abstrakt, dem Nichts entnommen wie in einem tour de passe-passe, legerdemain, kapitalistische verwertung als transsubstantiation, in der zweifelhafte ursprünge verschwinden und folgen verwandelt sind in glattes, glänzendes.

wie schnee, denke ich, aber schwarz. (also doch eine art vergleich)

das zu den befindlichkeiten.

ansonsten? spielt das „panikorchester“ das immergleiche stück „overkill medial“.

Jazz Review 2020

Was ein Jahr, sowohl als auch – von der Pandemie bestimmt, eingeengt und überbestimmt, sämtliche Zielvorgaben verfehlt. Ich wollte und wollte und …

Jazz Review 2020

Lieber Clemens,

nun stehe ich vor einer echten herausforderung. andererseits muss ich mich nicht mehr fragen, was ich im neuerlichen lockdown tun kann. gar nichts!!! nur hören, sitzen und noch mehr hören, gehen und hören, laufen, tanzen und hören. lesen und hören, essen und hören, nachts schlaflos hören, meditativ hören. HÖREN!!!!!

Wunderbar.

ich bin Dir dankbar.

nochmal wunderbar.

T.

auch das: Kintsugi

die frage ist einfach: gibt es an ihrem dritten todestag irgendetwas erhebliches zu sagen, etwas hilfreiches. keine bekannten sprüche, die halbwahr in der gegend herumstehen und die man sagt, um die ratlosigkeit zu verdecken. je mehr man redet, desto undeutlicher wird der tod. so hält man ihn sich vom halse und man kann ihn doch nicht überlisten.

das sage ich mir eingangs. im fensterkino zeigt sich ein trüber tag, gärten schwarz gestrichelt mit kahlen bäumen. dazu das orangene gefieder eines strauchs, der sich erst im entblättern zeigt. im garten die farben von tod und leben.

da etwas entzwei ist, endgültig zerbrochen, gibt es keinen billigen trost. es gibt gar keinen.

früher oder später wendet man sich, wenn man aus der erstarrung auftaut, allmählich, den alltagsdingen zu. man tut sie möglichst gut, das hilft. es ist kein geheimnis.

das geheimnis besteht in der erfahrung, dass man fortan kostbares mit sich trägt, das sich wandelt jeden tag und eine festigkeit verleiht, obwohl alles rundherum prekär und unbestimmt ist.

es gibt dunklere zeiten.

aber das stärkende bleibt. man hat überlebt. der schlag ist immer noch spürbar, aber man weiss wieder, wie freude sich anfühlt. sie ist leiser geworden, einfacher, das ja, aber es ist freude. denn sie schien verschwunden zu sein.

man ist zurecht gestutzt. das ja.

aber das ist nicht unangenehm. zu sehn, zu erleben, dass verhaktes sich gelöst hat, dass es ein wegrücken gegeben hat, manches hässlicher und vieles schöner geworden ist. das ist nichts besonderes. die katastrophen treten deutlicher hervor, illusionen sind zerstoben, man ist pessimistischer und optimistischer in einem.

man hat etwas gehabt, das sich entzogen hat und weiss nun, man hatte es nie, aber ein glanz davon strahlt ins trübe und klärt es auf.

das ist keine aufhellung, die man auf diesem wege suchen möchte.

in Japan gibt es die tradition des Kintsugi, die stücke einer zerbrochenen schale mit harzlack und goldpuder zu kitten. die bruchstellen bleiben sichtbar und doch ist man versöhnt, es gibt keine verhüllung, keine beschönigung und darin liegt die schönheit, man schaut auf den bruch und sagt ja.

widerstrebend.

sterben und tod sind skandalös.

man macht sich nicht mehr soviel vor. man ist ein anderer und ist doch der alte, man erkennt sich an fehlern und macken wieder. vielleicht ist man sogar gelassener und toleranter und manchmal ist man auch gleichgültiger. weil anspruchsvoller.

man weiss, dass selbstmitleid eine der schlimmsten versuchungen ist.

was trauer bedeutet steht in keinem ratgeber. was freude ist ebenfalls nicht. das eigene erleben weist den weg, den es noch nicht gibt.

manches ist wieder möglich. aber die zurückhaltung ist gewachsen. man mutet sich einiges zu und vieles nicht mehr. man weiss, wo grenzen am besten nicht überschritten werden. man hat sich kennen gelernt.

man weiss nun, es gibt aufbrüche aus dem nichts heraus. immer wieder. man hält das für ein wunder.

dass noch ein leben möglich ist.

auch das, so sagt man sich, verdankt man ihr.

im dunkeln geht ein lichtlein an

jedes mal der schreck, wenn ein name irgendwo untergetaucht ist, weil er nicht wichtig ist. jedes mal die prüfung, jedes mal das gleiche amüsierte schulterzucken. inzwischen muss ich mich zwingen, manche dinge noch interessant zu finden, ich meine jenseits von birken selbdritt, sträuchern und bäumen in gärten (entblössten) und blumen, lilien zum beispiel in vasen oder büchern ohne aufdringlichen plot oder essays, die mich ärgern, aber unwiderstehlich anziehen, wie gerade die aufsätze von Karl-Heinz Bohrer, Kein Wille zur Macht. edition akzente bei hanser. mit dem begriff reaktionär sind gedanken nicht erledigt. sage ich mir und beim lesen entbrennt ein streit, den ich vermisse. natürlich frage ich mich auf den wegen von allerhand kulturkritischen erkundungen, ob nicht auch ich, wie jemand kürzlich schrieb, zur reaktionären Romantik neige. der betreffende machte sich sorgen, dass standpunkte heute so leicht vereinahmbar seien, dass man dazu neige, keine mehr zu beziehen.

„ich lasse mir das wildern in fremden gefilden nicht verbieten.“ meine trotzreaktion und: einiges kann gedacht, aber es muss nicht alles ausposaunt werden.

demnach, so nehme ich an, sind quer durchs ländle konspirative weihnachtstreffen in planung. mit gedenkminute, selbstverständlich, an die regierungsdirektive, wonach einkaufen und festefeiern keinen spass zu machen haben, dem verantwortlichen bürger. nur strengste askese bitte (freudlos lustlos der neueste pandemie puritanismus) und feste auf gar keinen fall, auf gesicherter wissenschaftlicher basis (was haben Sie denn gedacht) . ich meine, die miesepetrigen visagen bei den verhuschten beschleunigten emplettes sind bürgerpflicht.

„nun gehen Sie aber zu weit in der frivolität, denn menschen sterben und andere sind totkrank.“

die zurechtweisung wäre berechtigt, wenn ich nicht jeden morgen, die zeitung holend, mein memento denken würde, gefolgt vom exerzitium der todesanzeigen, gesichter von toten, namen, daten, la famille éplorée, er/sie fehlt uns nun. und glauben sie mir, ich weiss, wovon ich rede.

der dezember ist selber ein exerzitium, im dezember ist sie gestorben, vor drei jahren, an einer krankheit, von der kaum noch die rede ist und die zahl der toten wird nirgendwo genannt.

gewiss, ich setze gegen das panische, das sich mir in der einkaufsdirektive offenbart, bewusst das frivole, lieber scherzen als bibbern, vor angst.

das problem des vertrauens und der angst, das sich heute stellt, entwickelt sich entlang der frage, was man weiss und was man nicht weiss und ob man es, das wissen wie das nicht-wissen kommuniziert.

die theater sind geschlossen, die konzerte auch. mich dünkt, das absurde theater hat die strasse erobert. konzertiert wird das traurige schauspiel der öffentlichen mitteilungen. als ersatzreligion, denn es muss geglaubt werden. die umwertung des bekannten spruchs, wenn ihr nicht werdet wie die kinder, dann machen wir euch dazu.

das widerstreben schon morgens beim erwachen, wenn man sich die situation vergegenwärtigt, nach einer nacht von orgiastischen träumen mit entblössten gesichtern, handschuhlosem händeschütteln , libertinen wangenküssen, streng verhüllten hugs und accolades, die neue erotik.

der neuartige akzent bei der verwischung von öffentlich und privat.

wie lässt sich feststellen, ob einkaufen (von trotzigen geschenken) nur pflicht, nicht aber auch spass ist. es darf – nicht – gelacht werden. gesichtserkennung?

da das (tragikomische) theater verboten ist infiziert es nun die politik.

das private seinerseits, das die öffentliche sphäre infiltriert, wird zum politikum in form von morbidem. nimmt noch jemand an, im ernst, er könne massregeln ins private hinein, in bewegungsfreiheit undsoweiter, abschreckend in die seelen hinein wirken, ohne die privaten verfasstheiten zu deregulieren, so dass sie heftig aus dem lot geraten.

aber reden wir lieber nicht von nebenwirkungen, als seien sie exterritorial, nicht zur wirkung gehörig. gäbe es keine, sagte der herr doktor, wäre an der wirksamkeit zu zweifeln.

wie von furien gejagt hiess es früher, in altmodischen zeiten ging man von dämonischen gewalten aus, die angst und paranoia schüren. heute gibt es den technischen begriff des social ingeneering. man bewegt sich auf dünnem eise, die geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los. und: die geister der unbotmässigkeit sind nie sehr weit.

so, in dem sinne schöne weihnachten: im dunkeln geht ein lichtlein an.

ein monument für Katzie

gerade hat mich im gefolge der irrungen und wirrungen meiner lektüren (zum beispiel Sylvain Tesson, L’énergie vagabonde) die frage beschäftigt, wie salaud, crapuleux die menschen sein können, und die antwort lautet, natürlich und nicht verwunderlich, sehr, sehr sehr.

obwohl weitere beweise dafür keineswegs nötig sind, fand wieder jemand vor ein paar tagen das gegenteil und inszenierte deswegen den qualvollen tod einer mir gut bekannten, ja, befreundeten Katze.

vergiftet, sagte die tierärztin, die das arme kleine zitternde bündel einschläferte.

Katzie, so wurde das tierchen gerufen (es liess sich nach katzenart natürlich nicht rufen und erschien nach gutdünken, hauptsächlich zur futterzeit) hat niemand je etwas zuleide getan, nicht einmal das, was katzen so zu tun pflegen, weil sie eben katzen sind.

im gegensatz zu Blimmi, der viel jüngeren, machte sie keine jagd auf vögel und deponierte auch keine ziemlich toten mäuse an der haustür, um sich erkenntlich zu zeigen (? – eine kühne hypothese). sie war auch nicht so aufdringlich wie die traumatisierte Blimmi, die unaufhörlich gestreichelt werden will und dazu ausgiebig sabbert. nein, Katzie war diskret (abgesehen von den sehr gelegentlichen häufchen, die sie auf teppichen hinterliess, was ich als protestaktion interpretierte, obwohl mir auch der gedanke nicht fremd ist, dass ein teppich eine luxuriösere bedürfnisanstalt sein kann als ein triviales katzenklo aus plastik mit deckel, immerhin, im Louvre hoben die anscheinend den teppich auf, um danach die geschäfte diskret festzutreten).

Katzie war mir zugetan, nicht nur, wenn es futter gab.

der feige katzenmörder, der Katzie ein qualvolles sterben beschert hat, ist mir unbekannt. irgendjemand nettes aus der nachbarschaft, nehme ich an.

zuerst, das gebe ich ohne weiteres zu, habe ich mir einen raffinierten vergeltungsschlag nach klassischer chinesischer vorlage (孫子, Sūnzi), Die Kunst des Krieges (孫子兵法) vorgestellt. ich habe jedoch schnell von einem rachefeldzug abstand genommen (gegen wen auch?), weil die wut nur die trauer verdeckte.

trauer auch wegen uns, und überhaupt.

(ich verdanke dem katzenmörder nebenbei die erkenntnis, zu welchen rachevorstellungen (inklusive mittelalterlicher daumenschraube) ich fähig bin. ich war etwas erstaunt, andererseits, ich gehöre der gleichen spezies an und wozu die imstande ist, ist bekannt.)

Katzies tod hat mich auch deshalb erschüttert, weil meine enkelinnen nicht verstehen können, dass man katzen vergiften kann. einfach so.

wer sowas tut und ein liebes katzenvieh wie Katzie qualvoll umbringt, muss doch eine sehr arme sau sein. eine sehr sehr arme.

du dumme sau!

das wollte ich doch hier gesagt haben.

S. Tesson, L’énergie vagabonde, p. 1064

doch völlig nutzlos

man kann selbstverständlich grau scheusslich finden, man kann daran herum mäkeln, aber hier, in unserm fall, kommt letztes rostbraun und gelb erst richtig zum vorschein und die feinheit von birkenkronen sowieso. die sind meditationsgegenstand.

seit tagen finden ausweichmanöver statt.

vorbemerkung: nichts gegen ordentliche information. genug jedenfalls, um zu wissen, gründlich, was läuft. zuviel hingegen schlägt aufs gemüt? ja, inzwischen, geht das zuviel auf den geist. auch gründlich.

noch weiter: wiederholungen überhaupt, ohne unterscheidung, mit ausnahme von persönlichen ritualen, gewohnheiten (leicht argwöhnisch beäugt, no complacency please). erste allergische reaktionen.

erschwerend: alle wiederholungen oder variationen auf dasselbe: anzeigen, sprüche, verkündungen, wörter: bei bestimmten wörtern findet ein zusammenzucken statt, wenigstens ein anheben der augenbrauen, ein wegsehen, das auch als weghören gemeint ist, ein virtueller ohrenverschluss, augen zu.

man beobachtet seit tagen das anziehen der dramatik, die steigerung, wenn nicht, dann undsoweiter. das drehbuch kommt einem bekannt vor. weswegen der enthusiasmus sich in grenzen hält.

sehr engen.

(muss man das sagen?).

auf der rechten wird eine sequestrierung der alten gefordert, das wörtchen freiheit flattert hinterher, entgeistert.

entgeisterung ist das zeichen der stunde.

„angst essen seele auf.“

wo und wann war das schon mal: ars moriendi?

mit oder an?

vor den gegebenheiten des lebens will ich nicht weglaufen, und doch verstärkt sich der wunsch abzutauchen jeden tag, nicht vor dem leid, vor dem gerede.

allergische reaktionen: sobald der teil crise sanitaire auftauchte, online, offline, tv mässig kam zuerst ein seufzen, resigniert, mit der zeit die amplifikation und vor einer woche unüberhörbares stöhnen, seit ein paar tagen nun protestschreie, kurz und spitz, ansteigend, wegklicken, zusammen knüllen und weg damit, in den runden ordner, umschalten zack und zack.

exemplarischer ablauf: zur arte doku nämlich, das leben der insekten, angenehme langeweile versprechend, dann aber spannend, käfersex (funkelnd), das paarungsverhalten der gottesanbeterin (bdsm), anschliessend das dramatische schicksal der drohnen (erschütternd) oder elefantensex (gigantisch), das liebesleben von eichHörnchen, mehlwürmern (verwirrend) und kakadus (angekündigt).

zwischendurch: seitengespräch bei abstellen des tons ( unterdessen, unhörbar: anhaltendes hirschröhren.

„da ist ein hirsch!

wo?

dort!“ ) über männerhass und dessen legitimität, wegen der anstehenden lektüre von „Moi, les hommes, je les déteste“, Pauline Harmange und der am schicksal von drohnen und gottesanbetern auftauchenden erinnerung an Valérie Solanas (in einem essay von Houellebecq: „À quoi servent les hommes“).

zugegeben: das sind starke ablenkungen, in denen man fast ungestört abtauchen kann.

ungestört verstört.

rechtzeitig: beim doch noch umschalten, um die sonstigen (!) nachrichten nicht zu verpassen, gerät man , ob man es will oder nicht, in die letzten sätze der crise sanitaire heute, morgen und übermorgen lockdown oder nicht.

entsetztes umschalten, wegklicken, zackzack, mehrfach nötig bis zum haarsträubend schlechten kriegsfilm auf einem unbekannten englischsprachigen sender. (die gezeigte gewalt verschafft eine gewisse erleichterung, weswegen dann schäm dich und schuld).

beschluss: keine nachrichten mehr im fernsehen. provisorisch oder definitiv?.

nur noch: das paarungsverhalten sämtlicher tierarten auf sämtlichen kontinenten, weswegen auch prärien, savannen, karste, wälder, darunter verbleibende ur- und bergwelten, reisesehnsüchte mitten hinein in die menschlichen verwüstungen und hoffnungsvollen fälle eines anderen umgangs mit tieren und bäumen undundund.

der garten tut so, als sei alles normal. eine amsel dekoriert das feine geäst der birken und sturzflug, weg getaucht. in der ferne tritt der waldrand aus dem nebel , darüber ein leuchten.

gestern bin ich dort gegangen, à un rhythme soutenu, brauchte eine halbe stunde, um die unruhe loszuwerden, das innere maulen und aufbegehren verwandelte sich in eine schon lange nicht mehr gekannte festigkeit. gespräch mit jemand ohne worte. das gefühl von allen guten geistern umgeben zu sein. leichter nieselregen zur bestätigung.

warum sowas aufschreiben, es ist doch völlig nutzlos.

eben deswegen.

glaubensartikel

am besten, man bleibt im banalen, normalen, man übersieht es gerne. zum beispiel die farbigen blätter vor der tür, die vereinte birkenkrone selbdritt, kahl, aber eigen, ein feines geflecht und gestrichel, elegant und sofort überzeugend.

man hält am besten den mund, wenn das geschrei zunimmt. (wer sagt das?)

gäbe es eine stampede zum beispiel, würde man sich zur seite ziehen, das versteht sich von selber. aber nun in zeiten einer kollektiven psychose, wie einige diagnostizieren, was tut man am besten da.

man liest gedichte, naturbeschreibungen, man studiert, man rätselt über seele, man detektiert synchronizitäten, man meditiert. es ist eine besondere erfahrung, wenn alle ängste und sorgen kurz zu besuch kommen, manche etwas monstruös ausstaffiert, andere schmeichelnd, aufmerksamkeit heischend, und man selber, mitten drin, ein beobachter. impassible.

in der krise merkt man meist sofort, dass man nicht gerüstet ist, dass man nicht rechtzeitig anstalten dazu gemacht hat, und nun, unter erschwerenden bedingungen, ist es keineswegs selbstverständlich gelassen zu bleiben.

kein zorn, keine resignation, sondern: gelassenheit, gleichmut.

heute morgen hüllt einen der nebel ein. mitfühlend, hellgrau, fast weiss und still.

in der nachbarschaft scheucht jemand die blätter knatternd vor sich her und bläst sie auf einen haufen.

gegen kollektive psychosen hilft was? kontextualisierung? rationalität gegen irrationale anfälle?

eine weltbrille gegen selbstbezogene sichtbehinderung?

wenn jemand fragen stellt (online irgendwo), lese ich gerne die kommentare darunter, sie zeugen immer öfter von einer leisen oder lauten hysterie. hier kann man nicht helfen, denke ich sofort, dagegen ist kein kraut gewachsen.

wir (alle?) scheinen vergessen zu haben, was in unserem (planetaren) rundherum vor sich geht. sehen wir noch (weit), denken wir noch (gründlich)? sind fragen gefährlich geworden, zweifel verwerflich? schon gefährdung der volksgesundheit?

(„wir“: kein rhetorischer trick, der den schreiber ausnimmt.)

das licht wird kräftiger, die weisse wand leuchtet, die übernächsten häuser tauchen auf, im radio reden sie noch immer.

november farbskala: von gelb, grün zu gelbgrün und rostbraun, orange , in den übergängen hartnäckiges grasgrün, weisses und schwarzes an stämmen in einem verwischten licht. die blätterblasmaschine schweigt.

der café ist kalt geworden.

als ich vom schreiben aufblicke, hat das licht abgenommen, der nebel ist ins graue vor gerückt und die blättermaschine knattert wieder.

beim lesen ist mir der folgende satz untergekommen:

„Auf halbem Weg zwischen Glaube und Kritik liegt die Herberge zur Vernunft. die Vernunft ist der Glaube an etwas, das man ohne Glauben verstehen kann, doch bleibt es noch immer ein Glaube, denn verstehen setzt voraus, dass es etwas Verstehbares gibt.“ (Buch der Unruhe, 182)

manchmal rüttelt die welt an meinem glauben.

oder so? (einen tag früher)

Am besten, man liest gedichte

leicht beunruhigt schaut man in den garten. retour: es gibt kein stabiles bild vor dem fenster, an dem ich sitze, und selbst auf dem tisch, an dem ich schreibe, verschiebt sich die unordnung jeden tag.

entblätterung, aber auch offenbarung von feinen verästelten strukturen an birken, selbdritt, die nach unten hin deutlicher werden, strammer und schliesslich, aber dazu muss ich aufstehn, sich zeigen als drei weisse stämme, wogegen sonst, rundherum, alles dunkler ist, aber nicht weniger reizvoll. letzte blätterresistenz.

„grammar is back“, tweetet jemand.

man schwankt zwischen grauer hoffnungslosigkeit und leuchtender zuversicht, versucht schon morgens die balance zum helleren hin zu verändern, stellt schon beim erwachen einige fragen, beantwortet sie beim ersten café, bei der feststellung, der himmel ist tatsächlich blau, am horizont lungern wolkenschwaden herum, ein rabe fliegt durch die szenerie, von unten radiogeräusche.

jemand erinnert daran, dass es noch andere gesichtspunkte gibt, als geld in einen wahlkampf zu pumpen.

ein marienkäfer wuselt auf gewundenenen wegen über die fensterscheibe. bleibt stehen, dreht sich im kreise.

so ebenfalls ich: orientierung und keine wegzeichen.

man stellt sich einen lesewinter vor, aber es gibt fragezeichen.

jemand redet von „psychose collective“.

natürlich kann man jederzeit vom rand rutschen, aber …

die ersten anzeichen, ja, die seriösen symptome einer collectiven psychose sind unübersehbar.

wenn man mich fragen würde (man tut es nicht), was die basis unserer (ja, unserer oder?) kultur ist, dann würde ich antworten, jedenfalls ist es das recht ungehindert zu fragen. und an einigen stellen bekommt man den eindruck, dass genau dies, das ungehinderte fragen schon als gefährdung der volksgesundheit angesehen wird.

inzwischen hat die wolkendecke sich ausgebreitet, schäfchenhafte formationen, gerundet und grau betupft, sonst leuchtend, streifiger gegen den horizont, aber auch blau, zaghaft. das gestrichel der vereinheitlichten birkenkrone leicht bewegt und elegant, keineswegs kahl. der herbst ist eben kein mangel an, nicht nur ein ent-, sondern ein eigenes, um nicht zu sagen eine offenbarung.

aber keineswegs beruhigt ob des obigen statements. (bei einer stampede zieht man sich am besten zur seite an einen sicheren ort oder?).

aufstehen, langsam, herum gehen, zeitlupig: das blätterwunder vor der tür (noch).

am besten, man liest gedichte.

zeichen des protests

alles ein bisschen entblättert bei der rückkehr von der reise, die am zweiten october begann und zwischen hier und dort fast welten. nicht nur, dass dort die sonne schien, meistens, das licht die dinge belebte und die menschen selbst in ein besseres licht rückte, nicht nur, dass die häuser älter und reizvoller waren, selbst noch im verfall und die plätze von einem unvergleichlichen gefühl für proportionen und formen zeugten, nein, der ton war am zweiten noch anders als am 28. october, als man schon unterwegs war, weil sehr stark vermutet wurde, es werde gleich dicht gemacht.

der ton: als sei es „nur“ eine frage von milliarden.

ich gehe nicht in die details, das sujet ist bekannt, überbekannt. ich stelle auch nicht nochmal bedauernd fest, dass die polarisierung (überall) zunimmt, die gräben breiter werden und dass das gastland in der tourmente ist.

das ist im angesicht der vielfältigen landschaften gar nicht verständlich.

die erinnerung an einen café am marché aux fleurs an einem sonnigen samstag. und ein paar tage darauf eine tragödie.

jemand macht sich in einer literaturzeitschrift über eine verflossene „neue innerlichkeit“ lustig und bei mir entsteht der eindruck, genau dahin drängt nun alles, in eine neuneue innerlichkeit und , meinetwegen, ein neobiedermeier, aber bitte ohne biederleute, denn einige fühlen sich nun aus allerhand gründen berufen den blockwart zu geben und an allerhöchster stelle wird über „schwarze schafe“ diskuriert, die wohl im bunde mit dem virus ihr unwesen treiben.

die zeichen stehen auf sehr vereinfachte weltbilder, keine nuancen bitte, keine differenzierungen sowieso, vor allem nichts mehrdeutig schwimmendes, nein eindeutigkeit, und bitte keine humorvollen subtilitäten und keine ironie auch. denn: wir haben den sinn dafür ganz verloren.

ich gestehe: ich habe mir die interventions 2020 des Michel Houellebecq zu gemüte geführt – ich weiss, ich weiss, es gibt inzwischen genügend leute, denen die nennung eines namens genügt, um zu wissen, was im nicht gelesenen buche steht. als er feststellt, dass wir doch eine sehr „bescheidene“ zivilisation sind, wie sich an der hiesigen „architecture modeste“ zeigt, modeste im erweiterten sinne von: médiocre, un peu pauvre, insignifiant, eher simplistisch, einfach gestrickt, beschränkt , kann ich mir ein zustimmendes nicken nicht verkneifen, fast malgré moi.

mich hat eine passage aus einem essay von 1992 besonders beeindruckt, weil sie genau beschreibt, was ich auf der reise gleich zu beginn (zuerst in den Vogesen, danach aber vor allem in diesem hameau der Dordogne erfahren habe, nämlich allem (allem!) den rücken kehren zu wollen, weil die landschaft genau das ausdrückte, nämlich dass sie allem den rücken kehrte, dass sie in ihrer stille und bewegungslosigkeit eine einzige abkehr war, eine erlebte neoneueinnerlichkeit als aussen und im aussen. etwas war weg und der wunsch wuchs, dies zu einem endgültigen zustand zu machen, in den worten Houllebecq’s:

„Chaque individu est cependant en mesure de produire en lui-même und sorte de révolution froide, en se plaçant pour un instant en dehors du flux informatif-publicitaire. C’est très facile à faire; il n’a même jamais été aussi simple qu’aujourd’hui de se placer par rapport au monde, dans une position esthétique: il suffit de faire un pas de côté. et ce pas lui-même, en dernière instance, est inutile. Il suffit de marquer un temps d’arrêt; d’éteindre la radio, de débrancher la télévision; de ne plus rien acheter, de ne plus rien désirer acheter. Il suffit de ne plus participer, de ne plus savoir; de suspendre temporairement toute activité mentale. Il suffit, littéralement, de s’immobiliser pendant quelques secondes;“ (S. 43f.)

dabei war es bei mir, wenigstens während der ersten tage in dem kleinen hameau der südöstliche ecke des Périgord noch ein innerliches rennen, ein flüchten als körperliche sensation, nicht nur in den beinen, als sei ich noch nicht angekommen in dieser landschaft, in der gar nichts passierte, alle sieben stunden bellte ein hund, alle fünf fuhr ein auto vorbei, vögel zwitscherten ja, hunde streunten, ja, aber sonst passierte gar nichts, es war ruhig und still, während ich noch immer weg wollte. während die landschaft mir einflüsterte, ich will weg, ich will der sache den rücken kehren. sie war genau das, eine einzige abkehr.

hier hielt ich es gar nicht so abwegig, zum zeichen des protests Mörikenhaft lampen anzudichten (O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!) oder moose an burgmauern und kunstvoll skulptierten buchs oder pflasterwege und nussbäume oder flüsschen, die auf den namen Ceu hören oder die bewegungslose stille und in dieser stille ein hundebellen, eine stimme auf der strasse, aber nur jeden zweiten tag während drei sekunden.

selbst in den bergen am meer blieb es so, dort war jedes kleine geräusch eine tonskulptur, die aus der stille trat. und die menschen humorvoll und freundlich und selbst der verlotterte platz von Sospel ein wunder an ästhetischer perfektion.

deshalb die erfahrung bei der rückkehr, das bedrängende gefühl, beim eintauchen in die strassen der stadt, einer barbarischen entgleisung.

demnach neobiedermeierliche meditation vor den gartenfarben, dem langsamen entblättern.

einfach auch als zeichen des protests.