was ist offenbarung?

anlauf I

erinnerung 1

an die vorbereitung einer schulreise nach venedig (das ist mir heute nicht mehr ganz verständlich, aber damals sah man die stadt fast noch zwischen all den leuten), da stand ich mit Marie vor einem sehr kleinen bild, das eine rolle spielt im roman Die Rote von Alfred Andersch (ob der heute noch ganz korrekt ist?)) und vor uns, die sicht definitiv einschränkend steht ein paar und er liest ihr aus dem baedecker vor, was sie zu sehen hat, so klang das nämlich. ich war verwundert, vielleicht bin ich naiv,  ich dachte immer man schaut am besten ein bild und in dem schauen zeigt es sich (vielleicht).

erinnerung 2

der direktor der fondation x führt eine gruppe von prominenten besuchern durch die ausstellung und redet, ununterbrochen, vor jedem bild setzt er neu an, gestikuliert, spricht laut, er geniesst es, ich nehme an, er meint, das ist den bildern angemessen, und was er sagt, ist keineswegs dumm. es sind expressionisten ausgestellt. davor stehe ich stumm und reisse das maul auf, hingerissen.

ich habe, da bin ich ganz ehrlich, noch kaum je vor einem bild den impuls verspürt zu sprechen, allerhöchstens habe ich tief durch geatmet, vielleicht sagte ich laut, schön (das sagt man heute lieber nicht, da ist man schnell ein kunst verbrecher, schön, das ist kein kriterium, schön, das ist der gipfel des banausentums).

dem baedecker bin ich in museen nicht mehr begegnet, dafür den heerscharen kopfhörerbewehrter, vor denen ich eine grosse scheu habe.  die kopfhörer sind die schauprothesen von heute.  in amerikanischen serien ertönt von zeit zu zeit gelächter, damit man weiss, da passiert gerade was lustiges, das ist dann schon eine gesamtwahrnehmungs- oder gehirn und denkprothese (der fortschritt).

ich meine, die rezension, die ich über den lu beitrag zur Biennale in Venedig heute morgen gelesen habe, war keineswegs intellektuell minderbemittelt oder zu eng in der darstellung, nein, im gegenteil, es gab eine reihe  interessanter ausblicke und zitate und verweise. aber zwischendurch hatte ich vergessen, worum  es  ging und da war aufeinmal der unwiderstehliche drang zu sagen: entschuldigung, können Sie vielleicht etwas zur seite treten, damit ich …, so als versuchte ich gerade über irgendwelche baedecker oder kopfhörerbewehrte mitbesucher hinweg die eigentliche sache (vergeblich) zu erspähen.

ich will nicht sagen, dass es mir immer so geht, aber wenn ich eine kunstkritik lese, ich meine richtig zu ende lese, dann habe ich meist vergessen, dass ich vor beginn der lektüre die frage erwog, ob ich nicht das museum oder die galerie persönlich aufsuchen sollte. weil der anschein entstand, mit der ganzen rede, jetzt habe ich das werk  in der tasche.

ich gebe zu, so erging es mir oft mit interpretationen von literarischen werken, die den anschein erweckten, jetzt habe ich die essenz des dings erfasst, jetzt habe ich es in der tasche und dann stellte sich bei der nochmaligen lektüre des romans heraus, dass ich (gottseidank) einer illusion aufgesessen war. das rätselhafte ding war etwas ganz anderes und jeder versuch es redend zu fassen, es mit wörtern zuzudecken, hatte in wirklichkeit ein eigenes genre geschaffen, das mit dem ursprünglichen redeanlass nur eine behauptung gemeinsam hatte. ich begriff, dass es ein eigenes spiel war, aber letzlich ein parasitäres genre, das sich immer an einen wirt anhängen muss (wie ich das gerade tue) und gelegentlich eigene kunststücke hervorbringt.

ich bin dann privat zu meiner jetzt aufgeklärteren ursprünglichen einstellung zurück , dass man, um einen roman zu verstehen, ihn am besten aufmerksam liest.  ich gebe zu, dass mein bedarf an interpretationen nur noch sehr eingeschränkt ist.

ich will auf gar nichts hinaus.

 

anlauf II

das trauern lässt einem keine alternative, es haut einen um oder es haut einen nicht um, man kann, wenn man nicht völlig dumpf ist, auch die eigenen ausweichstrategien und hilfsmittel beobachten, jedenfalls nach einer gewissen zeit, wenn man nicht mehr völlig weggerissen wird. anfangs mag der direkte sprachliche ausdruck des erlebens eine art halt gewähren, man objektiviert das erlebte, rückt es weg, indem man wörter dafür sucht, aber das ist auch immer eine art entfernung.

mit der zeit habe ich gemerkt, dass das schreiben ein legitimes hilfsmittel war, um die wucht des gefühlten abzubremsen, nun geht es mir damit wie mit den kunstkommentaren in der zeitung, ich habe lieber das echte bild, nicht das mit kommentaren bepflasterte, so habe ich jetzt auch lieber das gefühl, selbst wenn ich mich in eine ecke verkriechen muss, wie heute zum beispiel. dann wird plötzlich das ganze ausmass des desasters sichtbar, fühlbar und es dringt langsam in die gedanken, da ist gar nichts zu machen, das hast du nun auszuhalten.

ich habe mehrere sachen über verlust und trauern angeblättert, das meiste habe ich als zumutung empfunden, aha, so ist trauern, und verlust, das geht folgendermassen. einen scheissdreck geht es, das ganze gerede ist ein bluff. ich bin nur einem begegnet, der sagte in der substanz, es bleibt dir nichts übrig, als dich mit deinem ganzen wesen der wucht des verlusts und des todes auszusetzen, das gehört verdammtnochmal zum leben dazu. es ist hart und es macht uns erst richtig lebendig, es reisst dich auf, du merkst erst jetzt richtig, was mit herz gemeint ist. ich meine, wie kann man von liebe reden, wenn man sich dem verweigert.

anlauf 3

das schliesst nicht aus, dass ich lachen muss.

heute morgen habe ich mir das gespräch zwischen einem zen mönch und einem fernsehshow menschen angeschaut. das war sehr peinlich, ich erfuhr fremdschämen in reiner form, schon wie die beiden da sassen (der eine aufrecht, imposant elegant, der andere leicht eingesackt hingeflätzt). im sitzen offenbarte sich die ganze sache, das reden der einen seite war dann nur noch peinlich.

Frage: „was bringt das?“ (das sitzen, die meditation) Antwort: „nichts.“

bei mir gehen die mundwinkel hoch, instant karma.

in diesem fall: hören und schauen.

was ist offenbarung?

 

anlauf 4

also nochmal, was ist ein bild, ein kunstwerk? es ist schauen, im schauen zeigt es sich, im idealfall ist es so, dass das rechte schauorgan im augenblick des schauens durch das geschaute geschaffen wird.

weswegen das reden von der sache wegführt, weil das reden, selbst wenn es von provokation redet, die provokation entschärft, das geschaute ding lahm macht, aha, so ist das.

und es ist gar nicht so.

anlauf 5

trauern ist ganz anders. lachen auch.

woher ich das weiss

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was haben die leute denn gedacht, woher die nahrungsmittel kommen und wie das zugeht in der landwirtschaft und sogenannten viehhaltung oder was autos anrichten oder kreuzfahrten, das geht ja  munter weiter, die finanzindustrie boomt, es wird produziert, wie eh und je und unser ziel ist wachstum (wegen der diversen mauern, ein ponzi scheme ist es in wirklichkeit, wenn vorne gestoppt wird, stürzt die chose ein).

wenn eine einzelperson so funktioniert, erklärt man sie für verrückt und setzt sie auf meds oder bringt sie hinter mauern, andere nun.

die ausgrenzung von vernunft und gefühl und  beziehung (die ein in der weltsein ist und also, aber auch das ist schon hunderttausend mal gesagt worden, zugewandt, fürsorglich) zugunsten einer menschenfernen objektivität, kühl, distant, rational,  so gibt sie sich, sie ist hochabstrakt, der mensch, wie gesagt kommt darin nicht vor, sie funktioniert technisch hervorragend, Mumford hat das produkt aus dieser schizophrenen denkweise schon vor längerer zeit die technische megamaschine genannt, die uns nun überrollt.

ach was, ich lese keine zeitung mehr, ich schlage sie auf, da gibt es das gerede von der klimakrise und dort, wo es drauf ankommt, rollt die maschine weiter, ich sehe, es tut mir leid, ausser gebastel hier und dort, und das war heute nicht einmal vorhanden, nicht einmal am rande, nichts ausser gejammer, hilfloses zum beispiel über den anstieg des populismus. woher der wohl kommt, kein ansatz für eine einkehr, umkehr.

ich weiss, ich weiss, die realität ist nicht die zeitung, und die kirche ist noch im dorf, gerade läutet es nebenan, es hat soeben zehn geschlagen.

vielleicht lese ich nur noch gedichte, sehe mir nur noch kunst an, meide den blick in die nachrichten, mir wird schlecht von unserer eingefleischten doppelmoral.

und jetzt stehen die wahlen ins haus, was mich daran erinnert, dass es in der stadt (wir haben eine, eine kleine) nur 25000 wähler gibt, aber über hunderttausend einwohner, genauer, nach wikipedia, 116.323 (stand 1. Januar 2018). „wir wollen hier bestimmen, was läuft.“, heisst es zur begründung, als ob das nicht lachhaft wär, hier bestimmt doch längst eine andere kraft, aber das bewusstsein hinkt der entwicklung hinterher, wir sind, wie Günther Anders im letzten jahrhundert festgestellt hat, moralisch nicht auf der Höhe unserer erfindungen. wir sind tragikomisch. wir haben eine gespaltene zunge, wir lügen uns gern in die tasche.

ach was, ich sehe mir keine nachrichten mehr an, es bekommt meinem teint nicht, meine laune verdirbt es. früher konnte man wenigstens sagen, ich wandere aus, wenn der ort einem verleidet war, aber heute entkommt man dem schlammassel nirgendwo mehr.

manchmal stelle ich mir vor, jemand sieht uns zu, viele augen schauen uns an, wir merken es nur nicht. stattdessen schauen wir hinaus, einige von uns zumindest, und wir finden nichts, höchstens schwarze löcher.

ich stelle mir vor, jemand sieht das, was wir tun und fragt sich ratlos, was fummeln die dort zusammen, unglaublich.

es gibt keine technische lösung für unsere gemütserkrankung und bewusstseinsstörung. aber in der zeitung sah es heute morgen so aus, zufriedene wirtschaftsgesichter und fondslächeln, jemand hat sich zum zeitvertreib in einen fussballklub eingekauft und in der autoindustrie herrscht vorübergehend erleichterung.

und jetzt wird mir nahe gelegt, europa zu retten. mit meiner stimme, die ist plötzlich sehr wichtig. wegen dem populismus, dem nationalismus, dem brexit und was ist mit den flüchtlingen auf lesbos, in süditalien, in ungarn, in der türkei.

da wird einem so richtig behaglich, weil hier alles so wunderbar in ordnung ist, heute morgen gab es doch tatsächlich einen falter im garten und das gras ist so grün und bald dürfen wir alle kiffen, was das zeug hält und verbrennen dürfen wir unsere überreste auch lassen, was für ein unaufhaltsamer fortschritt.

ich bin ungerecht? unsachlich? das ganz gewiss auch.

ich lese keine zeitung mehr.

andererseits, schon der morgendliche gang zum briefkasten, noch mehr als das antippen und wischen der apps, verschafft mir das nötige adrenalin und erst das umblättern, tut mir leid, wenn die zeitung eine eigene stimme hätte beim aufschlagen, so hörte ich ganz sicher hohngelächter.

ich lese keine zeitung mehr, ich kann dieses stammtischgerede nicht mehr ab, das dann bei mir entsteht, diesen rundumschlag, der einen zerstörerischen impetus hat.

dabei liebe ich diesen flecken und den planeten, auch wenn ich nie nach Papua Neuguinea komme und keine kreuzfahrt in die Karibik machen werde. am ehesten vielleicht noch nach Feuerland, wegen dem wind, der dort weht und wegen dem fabulierer Bruce Chatwin, dessen geschichten ich so sehr mag. überhaupt unsere fähigkeit geschichten zu erfinden, auch zur selbsttäuschung, von der musik ganz zu schweigen und unsere begabung zu hören, richtig zu hören, was jemand sagt und was er meint.

ich denke dann, ganz unstammtischmässig, still sitzen, schweigen und in sich gehen. könnte das uns retten vor uns selber?

Von Jochen Kirchhoff habe ich die geschichte vom garten, in den wir bei der geburt geraten sind, wir haben allerdings die anzeigetafel am eingang übersehen: hier gibt es nur einen ausgang und der heisst tod.

der tod ist der grosse veränderer.

der tod setzt eine menge von dingen in anführungszeichen und hebt andere hervor, das vordenken, das nachdenken, das innehalten, die gelassenheit, das langsame voran, den austritt aus einer falschen und schiefen erzählung, das gran distanz zu uns selber, die freundlichkeit, die fürsorge…

woher ich das weiss?

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nur der anfang eines aufmerksameren hörens

Es ist unglaublich. Plötzlich ist dieser satz da, kaum habe ich den laptop aufgeklappt und mich gefragt, worüber ich schreiben werde, als stünde das schon fest, nur ich wüsste es noch nicht.

Das gras kann sehr aufdringlich sein, wie die wolken übrigens auch, plötzlich rückt alles so nahe, dabei gehe ich nur durch den park und höre H.J. Schmelzer, Barock, ja was, melancholie, mensch gedenke oder carpe diem und ich bin ganz eingetaucht in die klänge und gleichzeitig, wie gesagt auf einmal, rückt alles so nah, das grün leuchtet, während die musik ins blau hebt, in die wolken und es wundert mich, dass wir auf einem planeten leben, der mit ungeheurer geschwindigkeit durch den raum fegt, aufeinmal, wieder dieses wort, ist alles so einfach und klar, aber keineswegs idyllisch, alles inbegriffen.

Ich schreibe das der musik zu und diesem wachen gehen, hören und sehen vergeht nicht dabei, im gegenteil, es wird lebhafter, plastischer, kräftiger und mühelos klingt alles zusammen, keine konkurrenz um den ersten platz.

Und kein vergessen, kein schön empfinden von dem, was durchwachsen ist. Und ich frage mich in solchen momenten, wo ist Marie jetzt und ich gebe zu, so spinnert bin ich meinetwegen, ich spüre sie hinter mir als kraftschub, ich kann auf sie zählen.

Derartig gestärkt scheint mir vieles möglich und im übrigen merke ich nun, das gespräch ist nicht etwa abgebrochen, es geht weiter auf einer anderen ebene, in einem anderen raum, in mir, aber es läuft keineswegs auf wiederholung hinaus oder auf blosse erinnerung.

Ich empfinde es im übrigen nicht als selbstgespräch.

Irgendwann in den letzten wochen fiel mir plötzlich auf, wieviele dinge mich nicht mehr interessierten, das ipad zählte bei einer gelegenheit die schon längst nicht mehr genutzten apps auf, das machte mich stutzig.

Kann man sich so ohne weiteres zugeben, dass alles andere zutaten waren, dass alles andere nur interessant war wegen dem zentrum, um das alles kreiste.

Und dann ist der satz aufeinmal da, den ich ihr ganz am anfang einmal sagte, ich habe keine besonderen interessen oder alles interessiert mich irgendwie, aber eher am rande, denn das, was mich wirklich interessiert, das bist du. (Seltsamerweise entwickelte ich daraufhin einen haufen von interessen.)

Ungenutzte apps? Und andere sehr genutzt (ich meine die eingebauten, mehr oder weniger mühsam entwickelten), aber andere als davor, ein langsames stetiges erwachen, wie aus einem traum,  einem alb grösstenteils, als habe das leben damals aufgehört, aber aussen brach nur das gespràch ab (das leben lebte sich selber weiter) und gespräch das sind auch gesten, blicke und vor allem auch berührungen, schweigen und nebeneinander gehen, durch wälder und städte und hügelan hügelab, und immer neue geistige anregungen, hast du das schon gelesen und dies hier finde ich ausserordentlich interessant und keine scheu und kein respekt vor dem politisch korrekten, aber vor dem selber denken.

das ist wie ein absturz, wenn die stimme nebenan, ganz nah, plötzlich verstummt, die welt wird blind.

lange geht das so, es hört gar nicht mehr auf. es verstört, die welt schrumpft auf das allernächste, das tun ebenso.

bis es sich umkehrt, du tust gar nichts dazu, bis du feststellst:

im innen aber ist das gespräch nicht zu ende, wenn es auch nun ganz anders verläuft, in eine neue gegend, und zuerst vernimmst du fast gar nichts und es  ist mehr ein lauschen, nach innen, jedenfalls kein ende, nur der anfang eines aufmerksameren hörens, eines wacheren wahrnehmens und nicht realitätsfern, eher näher daran, weiter, genauer, grosszügiger.

die welt wächst wieder, du vernimmst andere stimmen neben dir, die haben schon länger geredet, du hast sie nur nicht gehört, die welt wacht wieder auf, hat gesichter, hat freundliches, hat schmerz, du bist wieder da, aber woanders. ich weiss gar nicht mehr, wer das sagte, das Ensemble Masques spielte gerade die Sonata No.9 a cinque von Schmelzer.

aber dir ist doch nichts egal, sagt Marie.

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die luft, die ich atme

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das sonnige kühle element draussen, wie verfahren können menschen in sich selber hineingedreht sein, wie unbewusst, das ist die frage heute morgen, sie betrifft auch immer mich selber.

ein blick in das wogen der baumwipfel gegenüber, eine rotbuche funkelt in der kühlen sonne, die pappeln schütteln und verneigen sich, die tanne, welche art? steht majestätisch still, eine schmale wolkenschliere im hellen frühjahrsblau, dazu lasterdröhnen, baggerscheppern (sehr laut, poltrig, stein auf metall) es wird gebaut, also ist man.

muss man noch über die abgründe im menschen sprechen? ja, ich finde schon, denn wie schnell ist man darüber hinweg, mit worten und ganzen geschichten, erklärungen, statt einfach nur zu sehen. überhaupt die tendenz (meine) sehr schnell in wörter zu gehen, weil die wucht so gross ist. noch beim kleinsten ansturm die hilflosigkeit in die formel gepackt, das ist, weil …

keine nachsicht, keine vorsicht, beim sitzen vor diesem gerät, auf dem ich schreibe, beim umher schauen, weil ich nach dem richtigen wort suche, keine musik, weder beethoven noch mozart, finde ich alles, aber auch alles ohne ausnahme, sehr prekär, sehr leicht, volatil, fast fliegt mir alles davon, vor allem die bezeichnung für den strauch, vielmehr das zur erde geneigte bäumchen mit den weissen kugeln, aah, den schneeballenbaum und plötzlich, das gras ist so prall grün, so saftig, so exuberant, muss ich weinen, ich kann es nicht halten, es entgleitet mir jetzt schon, es löst sich auf vor meinen augen und auch ich werde unsichtbar fûr mich selber, morgens suche ich nach mir, ich habe eine ferne erinnerung an jemand, der trug meinen namen, wenn es denn meiner ist. und die geräusche um mich herum, das rauschen, das kollern und knacken beruhigt mich nicht etwa, war es überhaupt da?

ich wundere mich, dass ich noch lebe, manchmal höre ich mich lachen, manchmal erzählt einer eine geschichte, die ist lustig, und er hört auf meinen namen, manchmal geht einer herum, der fühlt sich an wie ich und ich merke, ich fühle deutlich, er freut sich, er lächelt und manchmal hat er angst, alles hört einfach auf.

Marie ist die luft, die ich atme.

(link zu einem text, der hierher gehört)

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Carla Lucarelli – Histoire 6

BEAUTY WILL SAVE THE WORLD

C’est l’histoire d’une femme miroir aux éclats brisés
qui au lieu de refléter son image
renvoie celle d’un homme cassé
c’est l’histoire d’une femme éclatée
qui reflète un homme en pièces
une histoire d’amour opaline
l’histoire d’une femme qui laisse passer la lumière
kaléidoscope frappé de transparence
avec le reflet d’un homme décomposé

***

Carla Lucarelli (née à Luxembourg en 1968)Dekagonon (Phi, 2016)

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Eggs benedict

Dazu einen doppelten espresso und eine aussicht auf eine kleine gasse,

Quer gegenüber die inschrift dezig.u? Uuh? Neben dem eingang in die noch kleinere leuengasse. Eine taube rennt geschäftig umher, wenig passanten kommen vorbei, frühsonntägler, unten im raum eine unaufhörlich kichernde, lachende, giggelnde junge frau, ihr begleiter scheint amüsant, denn sie legt immer wieder los und prustet und lachgiggelt. Das hebt selbst meine miserable stimmung. Sonst gemurmel, jemand sagt „exactly“ und die café maschine rauscht? Na, eher ein mahlendes gerâusch.

Ich frage mich als sitze ich neben mir, na, wie geht es dir. Croissant mässig, lautet die grummelige antwort, in der mitte etwas von ängsten gebläht, von morgendlichen überfällen in noch unbewachten augenblicken, an den dünneren enden angeregt, nachdenklich, ach scheisse, warum nicht gerade heraus sagen, kurz nach dem aufwachen vermisste ich Marie so sehr, dass ich dachte, wie kannst du damit aufstehn und herum gehn in dieser stadt, und die frage ist im grunde müssig, ich werde es wohl tun ohne vorzugeben ich sei gerade besonders lustig.

Oder es sei alles normal, ich schüttle mich, wenn ich den satz höre, das leben geht weiter (fuck you und rutsch mir den buckel runter, géi der eng orange plecken). Und es tut gerade das, als ob nichts wär?

Gerade stürmt eine grosse gruppe chinesen herein und gleich ist der raum voll von lauten, die ich nicht verstehe, und ich merke mein bemühen, alle krummen vergleiche zu lassen. Dann kommen einige davon die treppe hoch zu meiner empore und es sind nun individuelle gesichter und nichts gruppe, einer dame in blau lächle ich zu, sie lächelt zurück.

Ich sage jetzt nicht mein morgen sei gerettet, vorläufig, aber so ein lächeln hat doch was.

möglicherweise, so erzähle ich mir, bin ich deshalb etwas mühselig drauf, scharf an der grenze zum ordentlichen granteln, weil es gestern abend, auf dem wunderbaren weg den hügel hinunter zu meinem hotel, nicht geregnet hat, nichts geht über ein regenschirm flanieren am abend, also kein gang im regen, aber auch so, das gebe ich widerwillig zu, war es angenehm. Wegen dem alleinsein und wenig geräusche, eine frau führte ihren hund aus, ein paar eilige strebten ihrem vergnügen zu, das nehme ich an, denn unten in der altstadt findet es statt, schön, dass man lokalitäten dafür hat so wie es tees gibt und auf der packung steht glückstee oder klarer geist, ich bevorzuge letzteren, je mehr klarheit desto besser und wie jemand kürzlich gemeint hat, glück ist eindeutig overrated.

Dieser blog ist das unnötigste, was ich seit langem geschrieben und es ergibt: erleichterung.

Ach so, zum frühstück gab es eggs benedict, ich bestelle das, esse es auch auf, aber ich frage mich die ganze zeit, magst du das eigentlich, und warum gehst du immer in das gleiche hotel, wenn alles dich an Marie erinnert.

Und es gibt keine antwort oder: eben deswegen.

Und überhaupt: schmerz hält wach.

Und: ich bin gerne dort.

Ha.

um weiter zu kommen, zurück rudern

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Keine Nachrichten, stattdessen Regen heute früh, während ich da sitze und an nichts besonderes denke. ich denke gar nichts, bin ganz für mich und der Regen hüllt mich ein, sofort das Gefühl, ich bin zuhause, das setzt im Regen sofort ein, dieses heimische Gefühl.

Während noch niemand unterwegs ist.

Und während ich dort sitze, es regnet und der Wind fegt ums Dach, in Wellen, in Anläufen, die verebben, und der Dachstuhl ächzt manchmal leicht, ein Sausen, das ist wie eine sanfte Berührung, taucht von irgendwoher die Frage auf, was ist Ihre Gestalt nun für mich, und damit ist keine Erinnerung gemeint, kein Körper, der sich, wie auch immer, aber elegant drapiert, durch die Welt bewegt und so ihr Denken, ihre Worte, eigenartig fest und rund, nein, ich meine Ihre geistige Form (das müsste präzisiert werden, was das ist), in mir, wo sonst (darüber werde ich keine Auskunft geben, das tue ich allerhöchstens im Gespräch, wenn es sich verlohnt, wenn da ein Gehör ist), jetzt, ihre geistige Form aktuell in mir.

meine Traumbilder deuten auf etwas hin, mehr nicht, sie sprechen es nicht aus, sie geben eine Richtung an. Unter geistiger Form verstehe ich in diesem konkreten Fall auch eine gefühlte Form, nicht etwa ein irgendwo schwebender, abgehobener Gedanke an sie.

Und zwar erscheint diese Form, wenn ich absehe von meiner Sehnsucht nach ihrer körperlichen, sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung. Dies Schmerzliche kann ich nicht beiseite schieben, aber ich kann es an seinem Ort lassen, es muss nicht den ganzen Raum einnehmen. Wie ich auch dieses Andere an seinem Ort lassen muss, das ich nenne: ich bin nicht drüber weg (muss es nicht, will es auch nicht, über den vergeblichen versuch bin ich hinweg, es geht einfach nicht, für mich geht es nicht).

Immerhin überwältigt mich beides nicht mehr, im Sinne von, es streckt mich nicht mehr ganz nieder, immerhin hebe ich nun gelegentlich den Kopf, richte mich auf und gehe. Ich mache die Erfahrung, ich kann mit dem Schmerz leben, ich muss mir das nicht mehr jede Stunde sagen.

Die Konturen Ihrer geistigen Form sind Schmerz, das kriege ich nicht weg, ich kann es bloss ertragen (und mir scheint das eine Aufgabe wie eine andere, ich liebe Futilitäten, aber alles zu seiner Zeit und ich habe, wenn ich mein Alter betrachte, nicht mehr unendlich viel Zeit, wie das ehemals gelegentlich schien).

Und nun das Erleben, Sie ist viel weiter und tiefer, viel mehr in sich ruhend, als ich das je gedacht. es ist, so seltsam mir das auch vorkommt, ein glückliches Lachen dabei, Sie ist beschwingt, ja, ich könnte sagen, Sie tanzt, Sie ist zugewandt in einer Art, die ich erst ausmachen muss, und deshalb scheint sie oft abgewandt, ganz beschäftigt mit etwas anderem und anderen. Während alles herum abgeschattet ist, dominiert in der Form ein strahlendes Weiss oder sagen wir genauer, ein Leuchten, ein reines fühle ich mich genötigt hinzu zu setzen.

Sie ist beredt, sie spricht, sie teilt mit, aber dazu bedarf es auf meiner Seite einer Vertiefung, zu der ich erst fähig werde, in diesem Prozess blitzt Deutliches auf.

Eine Ermahnung, selber deutlicher zu werden, eine Stärke auszubilden sozusagen als Wahrnehmungsorgan. Also keine gedankliche Sache, sondern eine gelebte, eine existentielle.

Deshalb nehme ich Synchronizitäten nicht leichtfertig hin, was voraussetzt, dass ich sie wahrnehme, Korrespondenzen, Aufforderungen, Anrufe und jedesmal eine Prüfung.

Ich besinne mich auf Essentielles. Ihre geistige Form meint demnach eine andere Form des Erlebens.

Es ist eine Frage der Produktivität, Liebe ist in meinen Augen eine Produktivkraft, ich kann mich dazu auf Brecht beziehen, muss es aber nicht, ich habe keine Vorbilder, wie ich mit dem Tod von Marie und nun mit einer Toten umgehen soll, es gibt keine allgemeinen Rezepte, es gibt nur den Einzelfall, gelegentlich treffe ich auf Ähnlichkeiten.

Wie kann etwas, das ein Verlust ist, eine Kraftquelle sein, Stärke produzieren und nicht hilfloses Verfliessen. Ganz gewiss nicht im sogenannten Drüber-weg-kommen und Sich-dem-Leben zuwenden, denn es geht nicht um Verdrängung..

Aber um aushalten lernen, was da ist, Schmerz also, Verlust, Entzug.

Um es bündig zu sagen, ich erlebe die geistige Gestalt als ein (gehalten werden), auch manchmal //angehalten//, also geradewegs //gestoppt werden//, und zwar im dialogischen Umgang mit dem Aussen, und hier insbesondere mit anderen Menschen, hier zeigt sich immer mehr als dann vordergründig gesagt wird oder es wird gar nichts gesagt und es zeigt sich auf einmal, schlagartig unumwunden eine Aufforderung, einen Schlenker zu machen, eine Kurve zu kratzen, die Kraft, die sich im Schmerz zeigt, zu bündeln, zu konzentrieren.

Was sich darin tut ist die schärfere Konturierung des Eigenen, also nicht immer wieder die Frage, wer bin ich,  sondern ich beantworte die Frage mit meinem Leben.

Das nenne ich das Wirken Ihrer geistigen Gestalt im Jetzt.

Dazu erscheint mir nun, in direkter Konsequenz, Facebook nicht mehr der geeignete Ort, um Beiträge anzukündigen.

Woran ich das merke? Ich hatte begonnen, genau das zu tun, auch und vor allem in nicht veröffentlichten Beiträgen, was ich sonst gerne anprangere, nämlich Aufgeschnapptes weiter zu tratschen, und mich bei meiner Unkenntnis ertappt. Selber, im Erleben einer Synchronizität.

Um weiter zu kommen: kräftig zurück rudern, so nennt man das wohl. (Link zu meinem letzten Beitrag)

Wer weiter lesen möchte, was ich schreibe, kann das auf meinem Blog tun, die Web Adresse steht auf meiner Facebook Seite.

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synchronizität

meine kenntnis des tibetischen buddhismus ist denkbar dürftig, um nicht zu sagen gar nicht vorhanden. trotzdem habe ich es gewagt, darüber einen blog eintrag zu schreiben und ein amalgam zu machen zwischen christkatholischer leibfeindlichkeit und einer asketischen richtung des tantrischen buddhismus, der auch der dalai lama angehört. dieser hat tatsächlich eine haarsträubende bemerkung zur homosexualität gemacht. aber die sachlage ist doch wesentlich komplexer, als ich das so nassforsch behauptet habe. die askese im tantrischen buddhismus hat doch ganz andere grundlagen.

ich bin in gewisser weise beschämt – von mir selber. wenige tage nach dem blogeintrag stosse ich auf einen vortrag u.a. über tantrischen buddhismus und hinduismus und stelle gleich meine abgrundtiefe unkenntnis fest. wie sagte ich doch in diesem inzwischen gelöschten eintrag, aufgeschnappt und nach geplappert und keine ahnung.ich habe mir deshalb eine kleine kur verordnet und zwar das Buch von

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