In einem anderen land

draussen geschrei und durcheinander (so hört es sich an), man denkt, da läuft was ganz grosses, aber es ist nur normale italienische unterhaltung. ich bin  an der grenze zum tessin am lago maggiore gelandet, spontan, würde mein freund michael sagen, rein spontan. naja, so spontan dann auch wieder nicht, es ist einer seiner lieblingsorte, wasser und berge oder sagen wir heftigere hügel, bewaldet, um den see, in der ferne dann noch schneebedecktes.

ausser an der wasserfront hat die gegend  etwas uriges, kleine wege schrauben sich die hügel hoch, dörfer wie im bilderbuch, stille, verschlafene nester hoch oben, die dächer sind mit steinplatten gedeckt, man wünscht, sich hier irgendwo fern von allem niederzulassen und in der stille zu sitzen, ringsum hügeliges, bewaldetes grünes getier und kaum menschen,  noch kein erlebnistrecking mit kulinarischen highlights, man weiss genau,  in einigen tagen ist man weg, aber  die vorstellung ist rundherum beruhigend und schön.

nachmittags zuviel expresso auf terrassen am see und hitzige gespräche über nichts und wieder nichts, oder sagen wir: ich bin, so stelle ich fest, hochgradig streitsüchtig, auch hier gibt die welt ihren innersten kern nicht preis, sie ist wie sie ist und stumm ist sie heute auch, sie redet nicht mit mir und am ende unseres redens gebe ich zu, ich befinde mich mitten in einer unsäglichen verwirrung. wenn man mich fragt, worum geht es gerade, dann winke ich ab, ich verstehe nicht einmal die frage. ich schaue aufs wasser, es funkelt und glitzert und fliesst unter meinem blicke weg, es ist von bräunlicher färbung, etwas fahl, wie die hügel, kein saftiges grün, alles etwas verhalten, verwaschen, undeutlich, der blick verliert sich im ungefähren.

ich sage mir, das hat mit deiner allgemeinen verfassung zu tun. ich frage mich gar nicht mehr, was ich hier soll, ich nehme es hin wie die sonne, den wind und die wolken überm see. es gibt nichts weiter zu tun, als da zu sitzen, zu gehen, zu stehn und so zu tun, als hätte das irgendeine bedeutung. was ich gar nicht hinnehmen kann, ist die abwesenheit von sinn.

dabei ist es ganz einfach, ich bin aus meinem traum, von dem ich kaum die schlussszene erinnere, vage gestalten, eine trennung, ein verlust  vielleicht, ohne übergang in einen schmerz hineingeraten, der wie aus einer ungeheuren tiefe aufbrach, er schüttelte mich, ich schluchzte erbärmlich mitten im erwachen und nun frage ich mich, als sei das von irgendeiner wichtigkeit, ob ich laut geschrien habe, denn so schien es mir, im hotel mitten in der nacht. danach rang ich nach luft.

so eine gewalt des schmerzes habe ich noch nicht erlebt, alles bisherige scheint mir dumpf dagegen, ein fortwährendes nagen und manchmal sehr akut, aber noch nie diese unbeschreibliche gewalt von schmerz und weh aus einem bodenlosen untergrund herauf. der tag begann so wund, gewaltsam aufgebrochen und wer mir zu nahe kommt, nach dem schnappe ich. heute kaufe ich mir nichts ab, kein wort, keine behauptung, nichts fällt ins gewicht. etwas in mir schlägt blind um sich.

irgendwann standen wir im tal schon hoch oben auf der brücke und schauten in die tiefe:  riesige brocken geröll aufgehäuft und wildes gewässer, verwachsenes gestrüpp. der anblick antwortete auf mein morgendliches erleben. der schlag, den irgendetwas in mir mir versetzte. es war gegen fünf in der früh, ich brauchte einige zeit, um mich einzukriegen, einschlafen konnte ich nicht mehr,  zerschlagen bin ich in den tag hinein geraten und denke irgendwann, da sass ich wieder am see, so muss sich vertreibung anfühlen und exil.  natürlich habe ich nicht die geringste ahnung, ich habe davon gelesen, aber während die andern gestikulieren, lachen und schwätzen, fühle ich mich in einem anderen land und der see, auf den wir schauen, ist doch der derselbe.

Und dann passierte es in zürich

Seit kurzem sage ich geburten voraus und prophezeie, ob es ein junge oder ein mádchen wird, es waren zwei treffer oder war es einfach nur nach dem motto “eng blann sau fënnt och emol eng eechel”.

Bei steiner lese ich, auch schwachsinnige menschen könnten gelegentlich geniale gedanken äussern, sie saugen sie sozusagen aus der umgebung auf. Ich gerate ins grübeln und beruhige mich mit der durchschnittlichkeit meiner äusserungen.

Jedenfalls bin ich wieder grossvater (inzwischen fünf mal) gemacht worden und habe ein dinner für einen auf der terrasse des storchen geschmissen, mein blick wankt ein wenig beim betrachten von leben limmat kai und brücke und ich sage für mich “prost marie” und “schade ich hätte gerne mit dir in corpere angestossen und anschliessend wären wir in die klinik gefahren um den neugeborenen enkel in augenschein zu nehmen und die neue dreifaltigkeit zu würdigen”.

Langsam gewöhne ich mich daran alleine auf achse zu sein, ich bin seltsamerweise nicht neidisch auf paare und erzâhle marie, was ich erlebe, ich stelle mir vor, sie sieht durch meine augen die welt.

hochnotpeinlich

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I  Eiertanz

de mortuis nihil nisi bene, über tote sagt man NUR GUTES.

ich habe mich heute morgen hochnotpeinlich befragt, woher der zorn kommt, der mich in der nacht überfallen hat. ich bin aufgewacht, keine erinnerung an einen traum und ich war voll zorn, ich bin aufgestanden und habe ein glas wasser ausgetrunken. aber der zorn liess sich nicht vertreiben.

du tust so, als sei deine ehe die reinste idylle gewesen, das habe ich nie behauptet, ich habe eine sehr genaue vorstellung von sämtlichen stürmen und krächen. wir haben uns nicht nur im guten aneinander gerieben.

unsere friedliche koexistenz, die wir endlich etabliert hatten, baute auch auf verzicht auf. wenn ich das wort hinschreibe, entsteht eine frage, ich habe sie hier schon einmal angesprochen in einer anderen form. wir beide waren uns bewusst, dass wir dinge zurück hielten, wir haben, als marie schon arg krank war, darüber geredet, dass es mit uns beiden anders weiter gehen müsse. wir wollten, so habe ich es verstanden, unser leben radikal ändern.

Jeder von uns war dem andern noch etwas schuldig. ich will dich ganz sehen, sagte sie, sagte ich ihr. wir hatten eine vorstellung von uns, wir hatten sie gemeinsam gezimmert, gemeinsam wollten wir sie demontieren, wie ich uns kenne, lief es auf einen umsturz hinaus.

Ich hätte den umsturz sehr gerne erlebt und sie auch, soviel habe ich verstanden.

das gab ihrem tod eine weite, darin ein versprechen, nun uneingelöst.

mein zorn reicht für einen umsturz.

der schmerzliche zug um den mund, während sie lächelt, auf dem foto neben meinem tisch, während ich schreibe.

ich lese darin alle enttäuschungen.

ich sehe den verzicht.

die entschlossenheit, so geht es nicht weiter.

da war doch noch was?

wir hatten noch einiges vor.

warum waren wir manchmal so feige?

warum bist du abgehauen, verdammtnochmal!

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II Tragikomödie

ich stelle mir das grosse existentielle reklamationsbureau für solche fälle vor.

der tod schert sich einen scheissdreck um unsern umsturz.

ich träumte von vollendung – mit marie.

ich gerate in ein längeres selbstgespräch, über das ausgesparte, das, was wir auf die hohe kante gelegt hatten. man sagt sich, eines tages …

nur kommt er nicht, der tag, nun ganz gewiss nicht mehr. wie solche tage es überhaupt in sich haben.

also hat auch mein zorn (es war ein wutanfall mitten in der nacht, über mich, über sie, über uns) etwas tragikomisches (ein lachendes und ein weinendes auge).

ich stelle mir vor, marie schaut mich mit leicht spöttischer nachsicht an.

der leichte spott hat mich immer angeregt.

ich kenne nun schon zwei leute, die eine ausbildung zum clown hinter sich haben, die eine komisch herausfordernd (aggressiv?), die andere komisch (sehr) ernst (verzweifelt?), beide mit (roten) nasen.

da ich eine nase habe (ein ernsthaftes organ), schminke ich mich weiss und gebe den pierrot: der vom tod betrogene liebhaber. sein bild steht bei mir hinterm ofen.

wenn ich mich frage, worauf hast du denn verzichtet, setze ich mich hin und schaue überaus verlegen drein, ich überlege (warum strengt man sich dermassen an, um gemocht zu werden, sie mochte mich auch so. das hat sie mir gesagt. du siehst immer so angestrengt aus. ich mag dich.)

ich setze meinen zorn in nützliche tätigkeiten um (gemeinschaftsfördernde).

ich erschrecke nicht mehr, wenn ich andere frauen toll finde, ich meine anziehend und klug und überhaupt.

allerdings bin ich heute morgen erschrocken, als ich die zeitung aufgeschlagen habe und die permanente aufdringlichkeit erst. was denken die sich, denken die überhaupt? oder denkt sich jemand die aus? ich spüre, wie mir die wut hoch steigt, zu kopf.

man denkt, nur ist die frage, wohin denkt man. wohin mit dem durch(ge)dachten zorn?

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ein reissender fluss

 

 

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zu müde bist du zum denken, zum da sitzen nicht, abendgeräusche registrieren, autos rauschen unten vorbei, ein fernes glockenspiel, eine autotüre klappt zu, ein rolladen rattert, im hintergrund dumpft es, die ganze zeit, jemand hustet. nach den autorauschen ist es so schön still.

du hast im garten gearbeitet, mit dir selber reden, in der zweiten person, fühlt sich bei deiner müdigkeit bequem an, keine grossen emotionen, nur der hintergrund traurig allein, du hast dich gefreut, du warst traurig und manchmal nur der gärtner, also ganz abgetaucht in die arbeit, du hast dir nichts dabei gedacht, du hast es einfach gemacht, hochkonzentriert, nur in einer pause ist dir der trauerrand aufgefallen, sowas wie ein dauerndes hintergrundrauschen.

die stadt war heiss und laut und hat nach abgasen gestunken, nur in der seitenstrasse am bahnhof bis zur post war es ruhiger, an der ecke hat einer vor der kneipe geschnarcht, an der ecke gegenüber war eine frau schon betrunken, du hast erdbeeren gekauft und dir dabei gesagt, es ist noch viel zu früh dafür, vor der italienischen eisdiele eine warteschlange, deine enkelin hat sich nicht für eine sorte entscheiden können und die bedienung war leicht genervt, sie hat sich an den nächsten gewandt, du hast die sorte mit feigen verpasst, stattdessen pistache, wegen der farbe zu mango und citron vert, du denkst natürlich sofort an die grünen éclairs pistache von namur, das war am tag vorher mit der anderen enkelin, als sie plötzlich abgehauen ist wie der blitz und zum spielplatz geflitzt ist, ohne auf dich zu hören, du  sasst eine weile am tisch wie ein hilfloser idiot, ehe dir ein trick eingefallen ist, und die bedienung war nicht in sicht.

du hast geschwitzt, die jacke hättest du zuhause lassen sollen, aber du wolltest das neugekaufte stück unbedingt anziehen, du gehst noch immer gerne durch die stadt, das ist dir nicht aufeinmal abhanden gekommen, das gehen in städten macht angenehm müde und die vielen leute, die richtung  bahnhof gehen, es ist gegen fünf und du hast die zeit vergessen, seit jahren ist es dir egal, was für ein tag, das datum bitte, und die uhrzeit, keine ahnung, das nach-der-uhr-gehen ist lange schon vorbei.

im garten dann das kurven mit dem rasenmäher um die wildeblumeninseln, die du verschonst, du hast dir abgewöhnt in regelmässigen bahnen zu mähen, ein paar mal schrubbst du über liegengebliebene spielsachen und erwischst eine riesenmurmel, der rasenmäher macht ein vermurkstes geräusch und am kirschbaum in dem hohen gras entdeckst du ein gefärbtes ei und vier angeknabberte schokoladendinger, die ostern keiner gefunden hat.

du hast offensichtlich eine spürnase genau die falschen artikel zu lesen, so im guardian nach dem mähen den bericht einer frau, wie sie ihren therapeuten jahrelang das allerwichtigste vorenthalten hat und ihre angst vor dem eigenen tod und ihre panikattacken mitten in einer sitzung, das liest du natürlich zu ende, es ist dein thema, so sagst du dir, und ein teil von dir ist auch traurig und zwar immer.

seit gestern planst du eine gedenkfeier für marie oder eine feier für die überlebenden, die an marie denken wollen, und du entwirfst einen einladungstext und unterdessen wird dir bewusst, du hast den leuten, die ihre anteilnahme bei maries tod bekundet haben, noch immer nicht gedankt und keins von deinen kindern hat dich daran erinnert, es geht dir also nicht alleine so, wie es dir geht, und dir fällt ein, maries kleider hängen auch noch immer im schrank und ihre schuhe stehen noch im regal und wenn du alte fotos anschaust, rein zufällig natürlich, das album mit fotos von sich als baby hatte dein jüngster sohn hervorgekramt, weil er vater geworden ist, dann sagst du schön und empfindest das auch und kurze zeit später, da hast du das album schon weggeräumt, geht es dir aufeinmal furchtbar schlecht. nachdem du den entwurf für eine einladung zur gedenkfeier fertig geschrieben hast, geht es dir noch schlechter und du musst dich eine weile hinsetzen und schweigen.

langsam entdeckst du deine bedürfnisse wieder, du kannst sie dir eingestehen, weil du deinen verwechslungen auf die spur gekommen bist, die andern sind nicht marie und es macht keinen sinn, bei ihnen nach marie zu suchen.

du versuchst deinen therapeuten nicht zu beschwindeln wie die frau im guardian, du sagst ihm, du seist oft in gefühlen wie wolkenauftürmungen und nebelbänken unterwegs und seine sachliche art bringe dir erleichterung, schon alleine weil sie  dich jedes mal überrascht. die sitzungen nehmen dir deine traurigkeit nicht, aber sie bringen ordnung in dein gefühlschaos, das hast du ihm auch gesagt. natürlich weisst du genau, worüber du nicht reden willst, worüber du aber mit marie geredet hast. das fehlt dir, dass marie sagt, hör jetzt auf damit.

 

II

heute entzieht sich die welt allem gerede, du suchst nach wörtern und sie sperren sich, die frauen in deinem traum ähnelten marie, du hast jedenfalls sofort an marie gedacht, im traum meine ich, aber keine der frauen hatte etwas von marie. sie standen um dich herum und sahen eher amüsiert aus, oder hast du dich getäuscht, sie tuschelten untereinander und waren keineswegs geniert; du warst leicht eingeschüchtert, aber frauen beiendrucken dich sowieso immer, du hast ihr reden irgendwie fast nebenbei aufgeschnappt, sie haben offensichtlich über dich geredet, du hattest den eindruck, es werden immer mehr, das war leicht beängstigend. er gibt sich mühe, das glaubtest du zu hören, aber er krampft ein wenig, er strengt sich sich dermassen an, oder hast du dich einfach nur verhört, aber es ging in die richtung. eine sagte, er erholt sich schon noch, das war nicht zu überhören, sie hatte sich über dich gebeugt und schaute dich kritisch an, sie sah marie nun gar nicht ähnlich.

beim aufwachen fühltest du dich richtig schlapp. es war viel zu früh, du hast eine weile der stille zugehört, als die vögel zu zwitschern anfingen, bist du wieder eingeschlafen. an den traum hast du dich beim zweiten erwachen genau erinnert. wegen der frauengesichter. fast warst du dir sicher, du bist denen allen gestern in der stadt am bahnhof begegnet. natürlich hast du dafür keine beweise.

natürlich strengst du dich viel zu sehr an. du willst alles vergessen, dann wieder willst du alles erinnern, sogar deine ablenkungen haben etwas von krampf.

heute morgen hattest du, im garten wenigstens, beim spüren des nassen grases unter deinen füssen, den eindruck, alles läuft auf etwas unbekanntes hin, ein ziel, du fragst dich, was ist mein ziel, und du antwortest, das fällt dir nun aufeinmal ein, es ist doch ein spiel, das hast du eine von den frauen sagen hören, und das sichere gefühl, alles läuft auf ein ziel zu. es war schon immer so, das ist dein leidigster satz, der fluss ist reissender geworden, in deinem innern spürst du den zug auf etwas hin, das dir noch verborgen ist.

der eigene tod ist dann noch etwas anderes, sagst du laut, im garten, der café ist kalt geworden und du trinkst ihn aus und denkst an deine kindheit, die dir nun aufeinmal als robuste fülle erscheint.

da hast du gelernt, dass es keine stelle gibt, bei der du deine beschwerden einreichen kannst. jammern ist zwecklos. aber du steckst deine gefühle nicht mehr weg für bessere zeiten.

das leben hat immer schon einen trauerrand und deine lektüre gestern hat dich darin bestätigt, einer sitzt immer dabei und ist traurig. das glück ist eine amerikanische erfindung, sagt er und ein anderer ist grundlos glücklich und spielt, ein weiterer spürt das leben als reissenden fluss, der nächste lobt das ende, einer hadert damit und marie lächelt,  du lebst seither manchmal in der stille, die ein garten ist.

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ein freund, ein feind

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was sagt mein freund, mein feind mir heute ins ohr, sein flüstern setzte früh ein, da träumte ich noch, er wird mich doch eines tages erwischen. er zeigt mir die dinge der welt und sie werden nicht weniger schön, ihren glanz bekommen sie von ihrer vorläufigkeit.

ich verstehe die hast immer weniger, suche in passanten gesichtern vergeblich eine bestätigung, dass es nicht die angst vorm vergehen ist, die sie antreibt. es ist nicht der tod, der alles so hässlich macht. es ist der unsterblichkeitswahn, der das leben vertreibt.

ob das leben wirklich flach wird und das vergnügen, die freuden und die begeisterung, das frage ich mich, ist es vielleicht nur meine eigene wahrnehmung, weil marie die farben und konturen der dinge mitgenommen hat und meine welt nun verwischt und schwarzweiss, wenn nicht einfach nur grau und neblig geworden ist. und ich mit.

das ist inzwischen mein thema, ich lese nicht nur bei konservativen kulturdiagnostikern, dass das wohlfühlen wollen, um jeden preis, und die jouissance, wie Melman das phänomen nennt, ich habe ihn hier schon zitiert, alles platt macht, weil leiden, leidenschaft, schmerz und alle weiteren unangenehmen affekte nicht mehr in sind, ja, gemieden werden wie die pest, der mensch nicht mehr der sapiens sapiens sondern ein festivus festivus.

immer mehr leute suchen die verlorene intensität im extremen, nebenher, beruf und leben sind zwei getrennte kompartimente und diese trennung treibt die seltsamsten erscheinungen hervor. man rennt durch den wald mit scheuklappen an den ohren und sieht die bäume nicht mehr, man fährt, bis der herzinfarkt einen in den strassengraben kippt, manche rennen in wüsten, im nordpoleis, in den bergen vier- fünffache marathons, rennen mit ihren bikes über grate, dass einem schwindlig vom zusehen wird, laufen felswände schneller hoch als andere hochhaustreppen, klettern an fassaden, schmeissen sich mit brettern schründe hinunter und fallen vom himmel, menschenmeteore.

ich bewundere das, lese interviews solcher leute und bin gespannt, was sie über den gewinn sagen, ein bewusstsein, das keinen augenblick flackern darf, nicht im geringsten. sie deuten mit dem, was sie tun, in die richtung des menschenmöglichen.

andererseits zeigt die zunahme solcher extremen unternehmungen, dass der alltag die intensität vermissen lässt; in todesnähe erst blüht das leben richtig auf.

das ist auch meine erfahrung, maries tod ist pein, manchmal laufe ich weg davon, stürze mich in die bewusstlosigkeit, aber insgesamt, soweit ich es zuzulassen vermag, hat ihr tod die intensität meines erlebens ins vielfache gesteigert. es ist fast immer elektrisch, deutlicher, farbiger auf allen seiten der skala, in freude und schmerz und selbst das abtauchen bleibt qualvoll am rande. und ich empfinde eine grössere freiheit, so seltsam das klingen mag. ich habe genau zugesehen, wie sie starb, ich habe ihren tod meditiert (ich bin, wie gesagt, auch davor weggelaufen), aber diese beschreibung gibt das erleben von maries tod nicht wirklich wieder. ich war ihr näher denn je und ferner, denn den weg der toten geht man allein, ich blieb zurück, habe mich gezwungen stehen zu bleiben, ihr nachzusehen, wie sie im licht verschwindet und ich nun allein, eine folter zuerst, so habe ich es empfunden, ein gefühl, das dich mitten durch reisst. eis und feuer.

inzwischen ist es stiller geworden, ruhiger, aber intensiv und manchmal, sage ich mir, des guten zuviel. dann gehe ich in meinen garten.

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ein bisschen viel?

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natürlich ist mir nicht alles egal, im gegenteil, es geht mir viel zu nah und ich befinde mich in die abwehr der heftigsten schläge verwickelt und laufe gefahr gelegentlich den überblick zu verlieren. keineswegs empfehlenswert sone dünne haut und in welcher scheisswelt lebt man denn. ich meine es ist nicht einfach die schönheit im blick zu behalten, keine gefällige, auch der untergang hat seine ästhetischen qualitäten und ich liebe es, wenn ein schönes mich in meiner spiessigkeit erwischt, meiner kleinlichen nörgelei, meiner kleinbürgerlichen dumpfheit, nichts schätze ich mehr als ein kunstvolles knockout durch die schönheit.

was ist das, wenn ich sage schön? jüngst kam ich an einem dieser seltsamen neubauten vorbei, errichtet, was sage ich, aus dem boden gestampft der beton, dünne wände und viel styrodur, und nun blüht es grün an der fassade, in wolken, in flüssen und kaskaden. natürlich eine durch und durch problematische schönheit, eine hinterlistige, aber mein erster eindruck (nachher kamen  die kritischen anmerkungen zuhauf, das billige bauen und die satten gewinne, gebunkert hinter den steuerfreien mauern eines sogenannten immobilienfonds) war: schön, das grün, dieses algengrün einer blühenden fassade und danach? abreissen, neubauen und noch mehr gewinn, ein verlust in wirklichkeit, eine kleine katastrophe. immerhin. ich fühle mich gezwungen, an dem toten hund der legende das makellose weisse gebiss zu bewundern, sonst käme ich in dem mist nicht mehr auf meine kosten.

dann bin ich wieder grossvater geworden, eher zum vierten male dazu gemacht, und dieses mal wieder die umwerfende wahrnehmung, beim anblick der neuen dreiheit (innewohnend der mathematik des lebendigen: eins plus eins macht drei), von etwas vollständigem, ganzem, äusserst befriedigendem.

nur fehlen eben die anderen augen. die abwesenheit neben mir spür ich im leib, eine schönheit für sich, eine schmerzliche, und was sie erst sagen würde, fühlen würde und was würde ich lesen in ihrem gesicht und ihren augen.

aber dadurch erst, durch  diese andere wahrnehmung, ist der eindruck  komplett,  das winzige neue wesen ein wunderbares rätsel und das lächeln der mutter und das leicht linkische des vaters, das beruhigt mich.

es geht weiter, denke ich, das freut mich sehr, aber es ist ein bisschen viel für einen allein.

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ist mir fast zu intim

man geht gar nicht so weit und denkt ungeheuer wichtige sachen.

morgens beim erwachen, du hast die augen noch gar nicht aufgemacht, ich meine, nichts gesehen, fast nichts gehört, also: ganz innen drin, irgendwo ganz anders und dort wird dir auf einmal bewusst, es tut weh, wie du dich sehnst nach ihrer haut, ihrem körper frühmorgens im halbschlaf und dir fallen keine erinnerungen ein, der körper, die haut erinnert sich von alleine, du tust gar nichts, du liegst bloss da und es schmerzt von oben bis unten hin, du liegst ganz still da und spürst nur das, alles fehlende spürst du.

nun könntest du denken, in dem fehlen ist sie, aber das ist dir schon zu weit gegriffen, du begnügst dich mit der abwesenheit, sie ist ein freund, ein feind, es tut gut, dass der körper so denkt vor sich hin und du musst nichts hinzufügen ausser dem wort sehnsucht und pein vielleicht, die trauer betrifft nicht irgendwelche gedanken über beziehung gar liebe, der körper weiss, da waren hände, eine andere war da und sie war fremd und sie war nah und sie fühlte sich so an, genauso und du liegst fast atemlos da und willst die augen erst gar nicht wieder auftun, nur das willst du spüren, diese schmerzende haut, diese wunde verlassene fläche und dieser plötzliche stechende schmerz im kopf, wenn von überall her die gleiche botschaft eintrifft, sie ist fort, aber es ist noch eine ahnung da, wie es war,  eine sehr genaue, dort hat sie dich so berührt und du sie …dass sie dich überhaupt berührt hat, dass du sie … diese art erinnerung ist ein lassen, sie füllt dich auf, als seist du leer gewesen bisher, sie pfählt dich und du gibst dich ihr hin, ein glühender schmerz und darin keine vergangenheit…

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M.B.

nach der lektüre gestern abend, keinen grösseren kontrast könntest du dir vorstellen, nach dem gefühl, das du kriegtest beim lesen, was ist das für einer, der das geschrieben hat, du kannst nichts dafür, aber das bild ist allmählich antstanden, von alleine, von einem versteckspiel, einem zusammenbrechenden rollenbild, eine lautlose, fast unmerkliche dekonstruktion, das robust männliche als schutzschild zerbröselt vor deinen augen, auch das ein fake, ein fast heroisches, der mann, das unbekannte wesen?, fast ist mir das zu nah, zu forsch, fast ist es mir peinlich, dass ich so einen seltsamen eindruck nach der lektüre habe, einen körperlichen, was mir nun erst aufgeht, nachdem diese buchmenschen mir dermassen auf den leib gerückt sind, nur kaputte typen (nicht unsympathisch) denke ich, eine verrückte ordnung im durcheinander, ein widerstandsnest, ein anarchisches, der mann in der krise, aber kein ordentliches lektorat.

was ich dem hoch anrechne, in der art, wie er den gesellschaftlichen zustand zerlegt in seinem erzählen (nicht überall, wie gesagt das lektorat, aber auf weiten strecken ein grosser und manchmal sehr feiner genuss), wie unter dem ansturm der tiraden (ein trommelfeuer sui generis) die fassade auseinander bricht und das elend sich knall auf fall zeigt, wird ein anderes land sichtbar, gegen alle wahrscheinlichkeit, alleine in dem blick, sage ich mir, erscheint eine alternative.

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