der mann, der nie lacht

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andererseits sage ich mir, wem soll ich es sonst sagen, ich bin doch allein unterwegs und rede die ganze zeit mit ihr und irgendwann war es mir zuviel, die sonne, die flanierende städtische bevölkerung, als seien auf einmal alle zusammen hinaus gestürzt und gingen nun  in trauben, zu zweit und einige wenige allein in die gleiche richtung und ich wollte doch in die andere und die sonne blendete und plötzlich, wie gesagt, überwältigt mich der impuls, weg von hier und möglichst schnell und am opernplatz bin ich schon fast allein und gehe eilig meinem hotelzimmer entgegen und atme auf und denke: entkommen.

dazu muss ich sagen, in der stadt war der beginn der fastnacht und verkleidete musiktrupps mit riesentuben und schlagzeug auf rädern und das wummern und die blechexplosionen, darauf war ich nicht gefasst.

abends in der einbrechenden dunkelheit ging es weiter, aber da hatten die massen sich schon verlaufen und die musik heiterte mich eher auf, die paar besoffenen störten nicht, aber lachen konnte ich noch immer nicht, ich bin eher der mann, der nicht lacht, ehrlich danach ist mir nicht zumute und manchmal erschrecke ich vor dem ernst in meinem spiegelgesicht.

es war keine so gute idee nach dem aufenthalt in der berghütte ohne elektrizität, aber mit ofenfeuer und kaltem wasser draussen zur morgenwäsche, da bist du wach mit einem schlag und der café braucht seine zeit, bevor er getrunken werden kann und überhaupt ist alles klar, einfach und übersichtlich, sogar die leise freude und die leise trauer und alles aufeinmal. das sitzen vor dem holzfeuer draussen zum beispiel bis in die dunkelheit und wegen der fehlenden lichtverseuchung verwirrende sternhaufen über den berggraten und durch die schon entlaubten äste hindurch und das gluckern des wassers und sonst kein laut, vielleicht noch ein rascheln und das knacken der brennenden scheite.

wir fällten einen abgestorbenen baum und hatten bedenken, er springt uns weg, übrigens mit der „drummsee“ und kein sägegeratter in der waldstille am steilen hang und danach zogen wir einen abgebrochenen ast  hinunter, ich schnitt die haselsträucher, die sonst die matte überwuchern würden, schlug eisenpfähle neben dem pfad zur hütte ein, sägte ein wenig und hackte ein paar scheite und sonst: wir schwiegen, wir redeten und schwiegen wieder und bei kerzenschein dann das lesen und in der nähe des ofens ist es fast zu warm und später noch vor dem einschlafen das rascheln von mäusen und siebenschläfern und das gluckern des wassers, das dich in den schlaf wiegt und träume von einer friedlichen welt und tröstungen.

hier sagt niemand, du bist zu ernst. hier hört ein kampf auf, der mich in den letzten jahren manchmal fast zerrissen hat, die anstrengung lese ich vor dem spiegel in einem faltigen gesicht und traurigen augen. Marie sagte mir öfter, warum beendest du den krieg gegen dich selber nicht einfach, da kannte ich noch nicht das wort kapitulation, ich verwechselte es immer mit resignation, ein noch besserer mensch wollte ich immer schon werden. selbst Maries spott machte mich nicht einsichtig und sie war eine meisterin der entwaffnenden bemerkungen. jetzt merkte ich, den gefallen bin ich ihr noch posthum schuldig, aber ich weiss gar nicht mehr wie befreiendes lachen geht, mein heimliches vorbild ist Buster Keaton, der mann, der nie lachte.

erst beim abschied sagte michael plötzlich, jetzt lachst du und ich war fast erschrocken, denn es ging ganz von alleine. ich hatte gar nichts gemacht und ich muss so komisch ausgesehen haben, denn er lachte nun auch und dann stieg ich ins taxi und war eine stunde zu früh am flughafen. ich setzte mich an eine geschützte stelle und begann in der „heimkehr“ zu lesen und liess mich belehren, heimkehr, das geht gar nicht, man kommt immer als ein anderer zurück, es sei denn, man ist ein klotz und am meisten hat mich der freundliche blick einer frau gefreut, da musste ich auch lächeln und das war so ungewohnt, diese betätigung inaktiver muskeln um den mund und deshalb habe ich gemerkt, dass ich lächelte.  ich war noch übermütig bei der landung in L. und bin mit dem gepäckcaddy die rolltreppe hinauf gerannt und habe mich gefreut wie ein kind, aber laut dazu zu lachen traue ich mich noch nicht ganz, denn bei mir liegt lachen gleich neben dem weinen, einem richtigen plötzlichen losheulen und indiander heulen doch nicht, aber sie lachen doch auch oder?

in solchen momenten sehe ich das amüsierte lächeln von marie und ich sage mir dann, besser spät als nie.

einerseits, das gehört ja wohl zum andererseits und ich habe es quasi selbstverständlich vorausgesetzt, liebe ich städte nachts und allein unterwegs, zum beispiel den zürliberg hoch, die treppen und rampen und querstrassen und es geht wirklich stramm bergan und unterwegs nur einige leute, die ihren hund ausführen und einige spätheimkehrer und an einer stelle ein älterer mann, der sitzt auf einer decke und hat vor sich einen plastikbecher und ich lege ihm etwas hinein. der zürliberg ist ein konditionstest und oben bei der ankunft bin ich nicht ausser atem, sondern richtig lebendig und im dunkeln habe ich kein problem mit einem grinsen von einem ohr zum andern.

jetzt nehme ich mir vor, das auch bei tageslicht zu versuchen und oben drüber ein lächeln, ich weiss, es ist das von marie, aber ohne ihr gesicht, nur das lächeln hängt noch in der luft.

als ich ankomme, ist alles verändert, die enkelinnen schreien opa opa und bei dem darauf folgenden ansturm lache ich nur noch.

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der tod des verständnisses

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wie kann man eine wortlose form beschreiben, eher, eine bewegung, die fast nicht sichtbar ist, dem geistigen auge schon, aber, wie gesagt, keine wörter. vielmehr, es beginnt ein fliessen und wortloses sagen, wenn der  redeschwall sich gelegt hat: die letzten wörter verstummen, wie aus der luft gefallen.

was sehe ich dann, was höre ich?

in diesen tagen sind die wände dünn, die mich trennen von meiner toten, ich sage meine, aber sie gehört nur sich selbst, ich nehme an, das erste mal seit langem, einem leben, ist sie ganz für sich, und ohne wunde.

manchmal ganz erfüllt von dieser geahnten vorläufigen rundung durchquere ich parks und wälder, mein geist fliegt, das innere land weitet sich, es ist nicht mein eigentum,  dieses „mir gehört das und jenes“ ist dort lächerlich, als verleihe die anhäufung glück und was für eines und ewiges leben.

spätestens dann, wenn man auch vor dieser leiche kniet, beginnt das, was ich wahrheit nenne.

werde nicht pompös, sagt sie, so höre ich sie sagen, es ist unverkennbar sie, in diesen tagen sind die wände dünn und meine tote tritt mich in den arsch und bläst mir den marsch. ich sehe wieder besser, gerate aus meinem nebel heraus. was liest du am liebsten, fragt sie. und ich, das stärkende. also das unbequeme.

ich habe nichts gegen spiele, im gegenteil, ich nehme stil, erscheinung und innovation absolut ernst. nur habe ich einen einwand, wohin führen sie und, wie ein kind frage ich das, gibt es einen hellen streifen wenigstens am horizont. ich weiss, die welt geht unter, wie leicht geschieht das, wie elegant auch, alles im handumdrehen, legerdemain, in schutt und asche, was man festzustehen glaubte als zivilisatorische errrungenschaft. erziehung, bildung, lernen überhaupt, entwicklung, dass ich nicht lache, und das grosse vergessen breitet sich aus schneller noch als das licht und löscht,  die sprache, sie verstummt und das grosse brüllen beginnt, das unartikulierte, die groben visagen, die drohgebärden und bald auch die taten.

das geht, wie gesagt,  im handumdrehn und wir, was haben wir aufzubieten? ich meine neben differenzierten betrachtungen, postmoderner sagweise und hilflosigkeit.

ich meine das sehr ernst, dass ich sehen kann, wie die sprache verstummt, die wörter fallen aus der luft wie tote vögel. und die, die übrig bleiben sind faustschläge und schlimmeres.

das geht real vor, ich kann noch lesen und sehe die bilder und marie sagt nicht mehr, darüber haben wir schon zichmal geredet und also ist längst nicht alles gesagt, zwischen uns und überhaupt, wir haben zu reden, und das wird sich drehen um: wo ist das stärkende? der halt in den kommenden stürmen?

werde nur nicht pathetisch.

sollte ich grob werden müssen?

mein denken ist dünn, ich gebe sofort zu, die paar sachen, die ich mir zusammen geklaubt habe, sind von gestern, nichts neues darunter? vielmehr, es sind sehr intelligente sachen dabei, einiges davon verstehe ich sehr wohl, ich folge gerne brillanten argumentationsketten und scharfen analysen, differenzierten, keine groben klötze, obwohl …

und am ende habe ich das gefühl, es fehlt etwas, das verstehen flackert und erlöscht und dann sitze ich wieder im dunkeln.

der tod meines verständnisses.

(ich folge allen erklärungen, willig, nicke mit dem kopf, sogar unter halbwahrheiten gibt es manchmal eine perle und sicher liegt es an den besitzverhältnissen und den himmelschreienden sozialen ungleichheiten, dem elend, der enttäuschung, dem ras-le-bol und der verzweiflung manchmal und doch ist es mir ein rätsel, wie jemand mit einer totschlagmentalität…)

es tut mir leid (tut es das?).

ich stehe an ihrem sarg, ich schaue genau hin, ich habe nicht weg geschaut. ich habe gedacht, sie ist tot. das denken, sie ist tot, war nicht das erleben, sie ist tot. das fühlen, jeden tag, den ganzen tag lang. der gedanke, ja, sogar der ausgesprochene satz, war völlig abstrakt, völlig unbegreiflich, ein toter satz, ein toter gedanke, erst nachher erwachte etwas zum leben, das war das fühlende bewusstsein des todes, sehr, sehr langsam erwachte es, ich wusste nun, es kann einen wegtun.

so sitze ich mit meinem unverständnis, das ist der tod, stur sitze ich vor dem sarg. ich komme aus einer gegend, da ist diese sturheit im boden, sie steigt daraus auf, sie ist so schroff wie die landschaft mit hügel, wald, schlucht und felsigem abhang. so sitze ich, so gehe ich herum, der stil ändert daran nichts, nicht die innovative sagweise (nicht meine). ich kann nicht einmal sagen, unsere kultur befriedigt mich nicht, nein, ich nehme mir daraus, was mir passt (wohin es mich zieht), aber immer bleibt dieser rest, neben aller zustimmung und ablehnung (eine hassliebe), und den nenne ich ( stur, wie ich bin, „verbruet“, starrsinnig, widerspenstig (das auch)),  tod meines verständnisses und ich wiederhole, ebenso stur und unnachgiebig, davor sitze ich wie vor deinem sarg, marie.

jetzt.

 

„kindskopf, alter unverbesserlicher narr“

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am ende ist man befreit, von sich, von allem. die schwere fällt ab, man steigt, aber das ging noch nie von selber, man kann sich auch mit allem hinunter ziehen lassen in die erde und nicht mehr denken, kaum noch fühlen, aber lamentieren, sich beschweren und beschwert sein, das geht immer, und sich wieder holen, immer von neuem ansetzen und immer wieder das gleiche alte refrain. ja, man ist sterblich, man vergeht, stellt sich nur die frage in welcher verfassung, ich meine welcher geistigen.

ich habe wieder gelesen, nächte durch, es ging gar nicht anders, diesmal ist mir das mountainbike auf dem von waldarbeiten aufgerissenen schotter einfach weggerutscht, da war gar nichts zu machen und ich habe mir zugesehen, ein zeitlupiges gefühl, wie ich über das rad segle und aufpralle auf der seite und es tut richtig weh, und dann stelle ich fest, der linke bremsgriff ist abgebrochen und die elektromotorschaltung blockiert und ich leicht angeschlagen geistig affiziert von der urplötzlichen realisierung, man kann zwar fahren wie ein sechzehnjähriger, aufprallen tut man als siebzigjähriger und ich hatte glück, nur prellungen, nur ist gut, schlaflose nächte wenigstens, ich komme gar nicht in meine bevorzugte schlafposition und lese, notgedrungen, neben pausen, da höre ich in die nacht, beobachte das fahle licht in den fenstern und ich vernehme ein scharren, als sei ein kleiner nager am werk und seine nachbarschaft beruhigt mich (die hornissen vermisse ich, sie hatten ein nest unter der holzverkleidung gebaut, es waren schöne grosse viecher und vor dem einschlafen hörte ich das summen und feine rascheln, sie sind ausgezogen, meine nachbarn und nun vermisse ich sie).

in dem augenblick, als ich über den lenker flog, meine schmerzhafte rippe  erinnert daran, habe ich fast lachen müssen, auch als ich da lag und der linke oberschenkel sich sehr unangenehm meldete, im gleichen augenblick wie das lädierte handgelenk. während ich das gelenk und den daumen bewegte, um zu checken, ob etwas gebrochen sei, hörte ich marie sagen, „alter kindskopf, was machst du für sachen“ und ich sah ihr kopfschütteln und verzog das gesicht, es wurde ein schmerzliches grinsen und dann rappelte ich mich auf und fuhr weiter, indianer heulen nicht, aber danach lag ich flach, ich merkte, als ich berichtete, denen, die es hören wollten, dass ich mit einem gewissen genuss erzählte (insgeheim fühle ich mich nun eingeweiht)  und im gleichen augenblick fiel mir ein, ich hatte nicht auf mich gehört, es war eine leise stimme, die sagte, heute vielleicht nicht diesen verwüsteten weg.

was mich auf das andere thema bringt. an dem waldweg die hergeschleiften baumstämme aufgetürmt zeugen von einer recht gewalttätigen maschinellen operation, einfach nur grob und klotzig, als gäbe es keine zürückhaltenderen methoden zum beispiel mit ardennerpferden, das würde der waldboden danken und auch die wege und ich, aber das geht wohl nicht ruckzuck genug und es fragt sich dann doch, woher die eile, time is money oder nur beschränktheit und fantasielosigkeit. man wundert sich jedenfalls.

dabei bin ich schon öfter und viel schneller über den lädierten weg gefahren und wollte an dem tag besonders vorsichtig und da lag ich auch schon, verwundert wie schnell alles aufeinmal anders ist.

und ich lese eben wider nachts, wenn die geprellte rippe die richtige position verwehrt und stelle beruhigt fest, in diesem universum gibt es türen in andere und es gibt bei romanen sowas wie welthaltigkeit, sonst klappt für mich die tür schnell wieder zu.

das umwerfende bei diesem erlebnis ist die sehr vertraute stimme, selbst wenn sie schon vor zehn monate verstummt ist, sie meldet sich sofort, ich hätte marie so gerne gehört, als ich angeschlagen die kellertreppe hinauf ins haus hinkte: „kindskopf, alter unverbesserlicher narr“ meinetwegen auch (voller besorgnis) „idiot“ und  „hast du sie nicht mehr alle“, „wie alt warst du noch kurz vor dem sturz?“ und ich hätte geantwortet, etwa sechzehn und die unbändige freude an dem schnellen dahinfliegen unter den bäumen, die auch du so gut kanntest.

und dann sage ich mir, mensch, habe ich wieder schwein gehabt.

marie heisst die rückkehr

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jemand macht die tür auf und schreckt zurück, ein sammelsurium von farben und formen, völlig ungeordnet demnach und alles zuviel und bevor er sich setzt, beginnt er die dinge im raum zu verschieben, in der vorstellung zuerst und dann wirklich in die grössere deutlichkeit, ins einfachere, in die klarheit, das gemütliche auch, aber in massen, keine rumpelkammer der erinnerung bitte.

natürlich wird der stuhl an den tisch gerückt, die bücherstapel inspiziert, die kleidungsstücke in den schrank geräumt, das leinen glatt gezogen, die decke zurückgeschlagen und endlich, mit einem seufzer der erleichterung – die klaren linien, die übersichtliche anordnung der farben, eine gewisse kühle hier und eine leichte wärme dort, der blick klärt sich, es ist nocht nicht ganz zuhause, aber immerhin schon eine annäherung – nimmt er das aufgeschlagene buch vom rücken der couch und beginnt zu lesen, hoppe erklärt hoppe und macht hoppe nur noch mysteriöser, aber das mysterium rückt näher.

marie heisst die rückkehr und sie lächelt, nicht nur auf fotos, von seiner reise hat er die gewissheit mitgebracht, von ihr mehr bekommen zu haben, als es nach seinen früheren vorstellungen vom leben überhaupt zu erwarten gab. wenn er nun fotos von ihr anschaut, fühlt er sich reich beschenkt.

und nun? reden wir nicht mehr von trauer, verlust und sie fehlt mir (und allen, die sie kannten)?

jedenfalls ordnet er sich nach einer weile ebenfalls und erscheint sich selber wieder als ich. es braucht halt immer eine weile.

und die reise? sie war gut. und wohin führte sie?  ins verborgene, unsichtbare, in lesewelten also und keine zeit mehr. morgens um vier, halbfünf  legte ich das ausgelesene buch neben das bett und stellte zerstreut fest, das licht hat sich schon verändert, der morgen kommt, was auch immer das ist und dann schlief ich auf der stelle ein und träumte, ich sei unter seltsamen buchleuten, geistesverwandten in einer skurrilen lesewelt.

es war eine annährung an die gegenwart von weit draussen her (aus  weltraum und tiefe der galaxis), das klärte den blick für kräfte, die gegeneinander und miteinander ringen. im kern der dinge steckt der widerspruch und gegensatz und es gibt keinen weg, ihn zu beseitigen. plötzlich stellte ich fest, das ist ein trost, zugegeben, ein seltsamer vielleicht, aber für mich ist es einer.

zurück gekehrt fühle ich mich befreit, wie von einem bann, wie aus einer trance erwacht.

ehrlich, studien habe ich betrieben über die abnahme im alter, der kognitiven fähigkeiten und der sensorischen, das orientierungsvermögen im raume (auch im gesellschaftlichen) wird schlechter und die unsicherheit steigt, die angst demnach und das unverständnis und nicht verstehen, alles wird zu schnell und eben deshalb die konservativ-bunkernden ansichten, die rückwärtsgewandtheit und früher war eben doch nicht alles besser, die halsstarrigkeit und besserwisserei.

ich gebe zu, die perspektive hat mich nicht erfreut und die suche nach symptomen auch nicht. ich erinnerte mich lebhaft an die beiden bösartig kichernden alten auf dem balkon der muppet show und fragte mich, macht die gegenwart dir noch spass oder siehst du überall nur noch die spuren des nahenden untergangs, grämlich boshafter wahn gram des senilen alten.

ich suchte nach dem kurort und der kur, es gibt mehrere, aber eine davon ist gewiss die bewahrung von offenheit, neugier und  abwechslung (ehrlich nichts ist schlimmer als die wiederkehr des ewig üblichen, dieser grosskleinsteinschen obsession, wir habens immer so gemacht und es hat noch nie funktioniert, denn hat es das leben  lustiger gemacht und nein und also machen wirs lieber nochmal). erwartungen, die sich nicht erfüllen, kein märchenhafter ausgang, aber die fülle des lebens, alles, inklusive der kognitiven dissonanz, sie lebe hoch.

natürlich hört man nicht auf, nach einer aufgabe zu suchen und einem sinn, sonst wäre es ja langweilig öde. was aber, wenn die aufgabe heisst, in der nachbarschaft zu sein und zeuge, am besten ohne allzu grosse schwindelanfälle an den dunkleren stellen?

es ist gut, ein wunder im rücken zu haben und trotz allem das unmerkliche lächeln.

 

 

 

eine schöne frau

Blumen stehen auf dem tisch, rot, rosa, umgeben von grün, das brennholz ist eingebracht, die bücher liegen zum lesen bereit, in einer tasse noch der café von gestern, auf der couch ein breiter streifen licht auch auf der roten kommode  und auf den grünen zungen der zimmerpflanze neben dem kleinen tisch, der stuhl ist beiseite gerückt, draussen knattert und kreischt ein helikopter, mal ferner mal näher, an einem der fenster, das nach westen geht, noch schlieren der nacht feuchtigkeit.

es sieht aus, als sei vor kurzem noch jemand da gewesen, als sei er vom tisch aufgestanden, habe den stuhl etwas zur seite geschoben und sei hinaus gegangen. die bettdecke ist halb zur seite geschlagen, das laken noch nicht glatt gezogen, der café nicht ausgetrunken, auf dem rücken der couch liegt aufgeschlagen ein buch, die poetik vorlesungen von Felicitas Hoppe, mitten in der zweiten vorlesung über seltsame amerika reisende.

es gibt keinen hinweis darauf, wohin die bewohner gegangen sind; war es ein vorläufiger aufbruch, ein überstürzter (der nicht ausgetrunkene café, das aufgeschlagene buch, aber das kann auch schon am vorabend an der stelle weggelegt worden sein, der leicht seitlich weggerückte stuhl, das ungemachte bett und zwei kleidungsstücke nachlässig über ein sofa drapiert) oder ein schon lange geplanter. und: werden sie zurückkommen, sich an den tisch setzen, einen frischen café auf den tisch stellen, werden sie vor allem in dem aufgeschlagenen buch weiterlesen oder bleibt das buch so liegen, wie es ungelesen da liegt, eine diskrete einladung auf dem frühlingsgrün der couch halb in der morgen sonne.

es ist still, auf dem schieferdach kratzt (sehr leicht) eine rabenkrähe, der helikopter kommt näher, fliegt jetzt über das dach, es dröhnt, die sonne hat nun die halbe westwand des raums erreicht und wirft ein geometrisches muster,

auf dem kleinen braunen holzregal neben der roten kunststoffkommode steht das foto einer lächelnden frau, auf dem weissen bücherregal an der hohen weiss gestrichenen ostwand schaut die gleiche frau, etwas jünger, im profil fotografiert nach norden, das foto ist verblasst. es ist eine schöne frau.

und sie läuft wohl mit

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(aus den poetik vorlesungen von Felicitas Hoppe entnehme ich den rat (sie gibt ihn nicht, sie beschreibt bloss „hoppe“), zum er überzugehen, zur gewinnung einer distanz und wer ist er eigentlich, von dem ich die ganze zeit schreibe, als wär er ein ich.)

was tut man in einem kleinen wind wie diesem und unter dem fast weissen oder sehr blassblauen himmel, rauch steigt kaum sichtbar aus dem schornstein gegenüber, gleich  neben dem baumwipfel, der sich im wind wiegt (und wieder still hält).

und dann vergisst man sich.

er schaut hinaus und sieht eine ebene, gras und bäume, er wandert über eine heide, keine hügel, überhaupt ist er meist unterwegs (so stellt er sich vor, eine fantasiereise mehr oder weniger).

man kann nicht erzwingen, dass die alten wieder wahrgenommen werden, die gesellschaft will jung sein, ab einem gewissen alter fällt man vom rand, ausgelagert, ausser sichtweite und wenig zu sagen, altersgebrabbel höchstens und warum sollte man denen zuhören, ausser man will was wissen über altwerden, niederlagen und tod und wer will das schon oder über die schönheit von bäumen und wäldern und parks?

eine scheinfrage. pas de suite logique dans les idées.

er sagt: unser leben erinnert mich an das kreuzfahrtschiff gestern in der zeitung und was wallace darüber schrieb, lustig, lustig, aber wie horror.

er geht manchmal in den garten und verschwindet dort an einem haselstrauch oder einem hollunder, dann taucht er für tage nicht mehr auf, er sucht nacht marie und kommt stumm zurück, hat er sie wirklich getroffen?

der baumwipfel, der tanzt im wind zwischen schornstein und lifthäuschen auf dem dach gegenüber, es ist ein wogen, ein sanftes hin und her, ein sehr elegantes, das kann er denken. aber was gerade vorgeht, in den köpfen von entscheidern, sogenannten, und politikern, das kann er sich nicht vorstellen, denn abwege kennt er nur in der form von holzwegen, plötzlich enden sie und du schlägst dich durch, da ging noch keiner oder nur wilde tiere, füchse und rehe und vielleicht ein wildschwein, eine bache mit den lustig gestreiften jungen, wenn es darauf ankommt, macht man sich am besten aus dem staub.

wahrscheinlich ist er in einer höhle am hang gross geworden, eine art erdloch zum teil in den schieferstein gegraben, mit holzpritschen um den zentralen stützpfeiler, ein knorriger eichenast, länger lebte er dort mit einer freundin, im sommer liefen sie unbeschwert umher und waren still, wenn oben, hoch oben auf dem pfad jemand vorbei kam, nur zum essen gingen sie nach hause, was man so nachhause nennt und es ist keins, und zum schlafen schlichen sie heimlich hinaus und trafen sich am hang, wer will schon sowas glauben, oder sie lagen unten am fluss und es wurde ihnen nicht kalt. sie erfanden eine eigene zivilisation und wörter bedeuteten noch etwas, fast waren sie eins mit den dingen.

hier ist das meiste nur schein, denkt er.

zwischen all den häusern und mitten unter den autos wird alles irreal, er würde sich gar nicht wundern, würden die strassen plötzlich aufhören und enden im nichts, nur schwärze.

weiss man inzwischen noch, was ein lächeln wert ist? er stellt sich vor, die wahlkandidaten lächeln den ganzen tag, auch auf dem klo oder allein in einem zimmer, selbst im schlaf lächeln sie weiter, ein dauerlächelkrampf.

deshalb geht er sehr ernst unter leuten, er lächelt nur noch heimlich, der katze zu oder dem eichhörnchen, unter bäumen lächelt er grundsätzlich, aber nur, wenn sonst niemand in der nähe ist.

er stellt sich vor im wald zu leben, am rand einer lichtung, denn es hat sich noch jemand gefunden, wie marie und doch ganz anders, oder auf einem berg, ziemlich allein, aber zugänglich, wenigstens  an einem hang, um zu tal gehen zu können und wieder hinauf, überall wo er ist, vergleicht er gefälle mit dem der kindheit, ist es steiler oder weniger steil.

es gibt keine echte wiederholung, denkt er. aber den wald , in dem er mit ihr leben würde (warum eigentlich kein er? wegen dem fehlenden kontrast?) oder sie mit ihm, kann er sich gut vorstellen, demnach keinen mit vielen pfaden, aber sicher mit hängen und schluchten, wenigstens einem fluss, einen tag zu fuss abseits, wegen den motorengeräuschen. wegen der nacht auch, der richtigen nacht.

gewiss, er hat zuviel robinson gelesen, immer wieder, er erinnert sich noch genau an das bild auf dem umschlag, aber man braucht die anderen augen und gesichter, sonst vergisst man sich und wird wie stein und flechten und moos, er träumt nicht von verwilderung.

er würde in der nahen stadt gehen wie in einem urwald, auf der hut und überwach, aber dahin würde es ihn immer wieder ziehen, auch wegen dem kontrast, den man braucht, wie ein ihm bekannter weitgeher bestätigte.

von marie würde er ein foto mitnehmen oder zwei, er würde sie nicht vergessen wollen und im grunde, das heisst, wenn er es recht bedenkt, ist er noch immer mit ihr unterwegs, das hat gar nicht aufgehört.

und einer hat auch gesagt, wenn man ihn unterwegs erblicke, habe man immer den eindruck, es gehe noch jemand unsichtbar neben ihm, so sehe er aus. nur er selber habe es noch nicht richtig bemerkt. aber dass er anders geht, das ist ihm schon klar.

immer mehr denkt er daran, wie jung sie war, für ihn war sie immer jung, mitten in der ganzen veränderung. es hatte mit gesten und bewegungen zu tun, die nur sie beide kannten. bei einer wie ihr, da will man, auch wenn man noch leben will, mitgehn, wenn sie weg geht. man spürt das jeden tag. man ist einfach so, wenn jemand wie sie tot ist. man hat vergessen, was es ist, wenn von sinn geredet wird und ziel. man sitzt in der sonne und geht im garten und man ist nun so, hier geblieben und mit weg gegangen.

man entfernt sich ein stück von allem, wenn eine wie sie nicht mehr da ist, das wollte er sagen.

deshalb wechselt er die strassenseite, wenn er an den schrillen gesichterwahlwänden vorbei kommt, wenn ihn auf der andern seite nicht weitere, aber diesmal überlebensgrosse gesichter anstarren würden, deshalb geht er schneller als ihm lieb ist, denn gerade scheint ihm die sonne ins gesicht und an der ecke stehen leute und er hört ihr reden fast nicht, weil er sich so beeilt, an diesem überlebensgrossen lächeln oder ist es nicht schon mehr ein zweideutiges grinsen, vorbei zu kommen. er hat fast keine zeit zum grüssen, so schnell geht er, fast ist es schon ein laufen.

und sie läuft wohl mit, wie er sie kennt.

am ende ist spinnen das eigentlich subversive

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gerade fährt der laster der müllabfuhr vor, klappern der container, das rollen auf  strasse und gehsteig, stimmen, lachen, ein geräuschfest am dienstagmorgen, noch mehr geklapper und rasseln, es ist kälter geworden und das ist mir vielleicht eine wichtige soziale tätigkeit (sollte ich beschreiben müssen, was passiert, wenn …).

der himmel ist so vertraut grau, ich habe mich vor dem ansturm der stimmen in den medien in meiner klause verkrochen, wenn der versprühte nebel des wahlgeschäfts sich verzogen hat, wird sichtbar werden, neoliberaler und neo-neoliberaler feschismus (e nicht a!), das ist in und man müsste unbedingt den begriff des populismus um diesen aspekt ergänzen (sozusagen die vorstufe davon): die reduktion von politik auf die darstellung von körpern in räumen, zum beispiel geneigt über babys mit müttern und auch das betatschen der kleinen finger und tirilli und tütata. gut angezogen oder salopp oder modisch verirrt, plump oder völlig geschmacklos, aber der gesichtsausdruck, ein kreuzchen oder zwei an meinem namen auf der liste. aber freundlich, lächelnd, entspannt, routiniert, was hat er/sie gesagt? nichts, small talk, sympathisch, was hat er/sie gemacht, hände geschüttelt, gegrüsst, politik als verführung, das balzen der kandidaten auf wald-und wiesenfesten, im profil, mit anhang oder allein, auf dem motorrad oder sportlich mit dem fahrrad unterwegs, braun gebrannt, mag lieber diesen als jenen maler, was liked er/sie, er/sie hat einen gewissen spröden appeal, auf jeden fall und für jeden geschmack etwas. worum gehts? business as usual, wirtschaft, neoliberal und bei dem wort reform zuckt man zusammen.

darf man noch sagen, dass man das reaktionär findet, eine entleerung, eine nullpunkt bewirtschaftung, und das finale: eine langweilige welt, der spass künstlich, die erregung autoerotisch, keine dürre prosa, nicht einmal das, sprachlosigkeit unter leerem gerede, das wesentliche: weiter so.

meine frage: was ist die triebkraft hinter all dem?

wenn ich in mich hinein höre (also die tägliche meditative nabelschau), ist es die angst vor der auflösung ins nicht und alles war eitel, das leben verpasst, versaut, platt gewalzt wegen dieser angst vor dem tod und der körperlichen auflösung in humus und was bleibt.

vor der urne mit maries asche habe ich mich das gefragt, man passt am ende in einen sehr kleinen raum und von dort ein licht auf das leben: die art von verdrehtem unsterblichkeitswahn, die die maschine antreibt, diese spürbare art sich festzukrallen, überall, das lebensvernichtende darin, der darin verborgene heimliche hass auf alles lebendige, körperliche, die reduktion des lebens auf wirtschaft, arbeit und sogenanntes vergnügen, die kompartimentierung von allem, bis in das denken hinein und dort vor allem, ist auch furchtbar lächerlich und erschreckend real. das ist heute das eigentlich numinose.

für einen alten spinner wie mich ist es auch furchtbar öde und langweilig.

ich träüme noch immer, unablässig eigentlich, von der infiltration einer aufsässigen, frechen, freudigen, subversiven … kunst in alle lebensbereiche, ohne ausnahme, wohlverstanden, ohne eine einzige ausnahme. damit das furchtbare gähnen aufhört: arbeit,effizienz, erfolg, optimierung, zum laufen ist das, zum lachen, himmelherrgottsakra, ist das ein leben? und die belohnung (nicht für alle, um gotteswillen, nur das nicht, plackerei also und sorge und man kommt zu nichts, sozialdarwinismus und augenstreuerei, damit die tretmühle auch weiter gutläuft): kauf du Arsch.

als marie tot war, habe ich endgültig gemerkt, dass ich das, was das leben zu einer runden sache (mit einigen ordentlichen zacken) macht, eben nicht kaufen kann. es ist nicht unter den möglichen anschaffungen registriert: dumm gelaufen.

und dann denke ich, am ende ist spinnen das eigentlich subversive.