gartenwesen

vielfältig die gartenwesen, von links nach rechts: rosenstöcke, die neuen blätter fast rostbraun und dunkelgrün, weiter weg sträucher, bäume und eine wiese voller wiesenschaumkraut in blüte, eine art kresse, lese ich, konsumierbar, dann rechts drei birken und vorne, nahe am beoabachter ein orangener klatschmohn, wiegt sich im winde. die sonne scheint, es ist warm um neun uhr morgens, vogelgezwitscher von allen seiten, man sitzt hier im grünen. es ist sonst still, weder maschinengeräusche noch menschliche stimmen.

wenn man sich lesend auf dinge einlässt, wachsen sie gross, drängen sich auf, werden lästig. weg damit. sie verstellen die sicht. aufwachen, mein lieber, sagt man zu sich selber.

morgens im bett, wird einem bewusst, dass man über einem abgrund geht (tanzt, wollte ich sagen) hinter allen wahrnehmungen spürt man das fallen und es hört garnicht mehr auf. aber das ist nur ein bild. aus schreibgründen zensiere ich meine schriftlichen ergüsse. der schlimmstmögliche fall, der sündenfall in den kitsch. rede ich mit geistern? abwesenden? gibt es jemanden, der insgeheim zuhört, wenn ich mich morgens beim aufwachen stumm über das fehlen eines festen grunds beschwere. suspendu dans le vide. kein grund zum aufstehen, kein einziger. oder nur vordergründige motive, morgens steht man halt auf. abwesend sind sinn und bedeutung.

B. redet am telefon auf der terrasse mit einem unbekannten. unbekannt für den, der von ferne laute hört, die an sprache gemahnen, artikuliertes, moduliertes, aber von hier aus eine lautfolge ohne sinn. „ciao“, das telefongespräch ist beendet. B. kommt herein und bringt grüsse von D. mit, er kommt gerade von Mauritzius heim, elf stunden flug. B. möchte von solchen reisen absehen: elf stunden schlaflosigkeit, sagt sie.

man sitzt an einem tisch, irgendwo, es könnte auch woanders sein, tausend kilometer entfernt von hier zum beispiel, und schreibt, weil man (fast) jeden morgen da sitzt und schreibt.

Baer sagt, du büsst mit dem schreiben. es ist keine frage. ich büsse fürs weglaufen, wegschauen, für die gleichgültigkeit, die hartherzigkeit, die oberflächlichkeit? das frage ich stumm. ich sage laut (zu Baer gewandt), ich büsse für die oberflächlichkeit meiner tage, die zeitverschwendung.

ich setze mich auf den punkt: ernsthaft, hast du noch zeit zum vergeuden. kein fragezeichen! ein vorwurf. ich werfe mir diesen satz jeden tag mindestens einmal vor. er ist das hindernis des tages. wie verbringt man seine zeit? für einen kurzen moment entsteht ein context, ein rahmen, der zu halten scheint. das nagende gefühl, als müsse man unbedingt, ja unbedingt, zu einer wahrheit vorstossen, zu einer konsistenten. als habe wahrheit attribute, als gebe es mehrere. also gibt es gar keine. aber die bewegung im denken und fühlen ist da, ohne zweifel, zu der wahrheit hin.

bei geschlossenen augen fahndet das bewusstsein nach einer wahrnehmung, irgendwo gibt es eine körpersensation, oben, unten oder in der mitte und das dunkel hinter geschlossenen lidern ist nicht rabenschwarz, es ist beweglich, es flutet hin und her, hat aufhellungen und dunkle ecken. das nichts ist kein aufenthaltsort. man schlägt die augen auf und ist hier, farbig alles, ein wogen an eindrücken, hören, sehen, fühlen, schmecken, der mund trocken oder saftig, man spürt den druck der fusssohlen auf den boden, es gibt einen festen grund. man atmet erleichtert auf. man sitzt in einem zimmer, an einem tisch mit roter tischdecke und schreibt. blickt man auf, zum beispiel nach links zur eingangstüre hin, kommen im moment des augenschwenkens schon wieder zweifel auf, genauer, ein einziger zweifel an der konsistenz. das nagende gefühl, dass der context nicht halten wird. dass man auf einem stuhl sitzt, die lehne spürt, den rücken, die sitzfläche und plötzlich feststellt, wie die realität verschwindet für den bruchteil einer sekunde. eine lücke klafft aufeinmal, die welt am draht oder beim anschauen eines films, aufeinmal, ohne sichtbaren grund, die leere hinter den bildern, der leere schirm, gepixelt, flach. plötzliches erwachen.

geigenklänge von nebenan. eine weibliche singstimme. ablenkung. le jeu des apparences.

im fernsehen, das „weltgeschehen“ als zweidimensionale bildfolge, die „weltelite“ in Rom als image d’Epinal, schein, vorschein und nachschein, bildschirmflimmern, ganz unwirklich, namen, gesten in einem absurden stück. „männer, die geschichte machen“? und noch mehr fragezeichen. man schaltet das fernsehen aus und schaut in den abendgarten (das war gestern, als ob es ein gestern gegeben hätte).

ein Hexenhaus im Wald

sich verzetteln, sich abseits in die büsche schlagen, seine zeit verschwenden,egal was lesen, sagen, aber keineswegs tun. keine sätze wie: die welt sei verrückt geworden. am besten lebt man in einem hexenhaus tief im wald, am besten hört man nicht genau hin, am besten geht man viel zu fuss, am besten. ich meine, zu fuss gehen ist gesund, dagegen ist nichts einzuwenden. am besten redet man nicht über das, was sich als politik ausgibt. am besten besteht man auf seinen rechten. man könnte also theoretisch, rein theoretisch gesprochen, die augen verschliessen, die ohren zustopfen und den mund halten. das könnte man. aber das geschrei ist viel zu laut. nolens volens kriegt man die ganze bescherung mit.

ich sagte zu Baer, hast du etwa schlecht geschlafen. aus seiner tirade war nicht zu schliessen, ob er übermüdet war und zeugs redete oder ob er verärgert war, wegen, na, wegen allem.

die aufregung, sagte Baer, die aufregung wegen allem.

zuerst, sagte baer, haben sie sich hinein ziehen lassen, es wurde gründe angeführt, man weiss nicht, ob es die wirklichen waren und nun stehen sie aufeinmal alleine da.

ich sagte nichts, mich ermüdet die aufregung. hatten die keine ahnung, was auf sie zukommen würde. oder tun sie nur so, als seien sie überrascht. einige fluchen, einige reiben sich die hände. jetzt, wo man langsam und vorsichtig an frühling zu glauben beginnt, da die krokusse gelb und violett den garten sprenkeln, schaue ich lange zu, das müde laub raschelt, ich zähle für mich die variationen von brauntönen auf, versuche mich an wörtern wie fahl, kräftig, verwischt, still, unbeweglich, undsoweiter. ich versuche auszumachen, welche qualität die langsam weichende kälte hat, feucht, spitzig, trocken, windig, sonnig. vorbei die zeit, in der die welt im nebel untertauchte und fast unkenntlich wurde. meine laune variert von völlig niedergeschlagen, gleichgültig, gefasst, moderat optimistisch (ohne weitere gründe), amüsiert (wegen der sinnlosigkeit). man, sage ich dann, fühlt sich gänzlich unbedeutend. nirgendwo ist irgendeine bedeutung zu finden.

ausser vielleicht darin, dass ich nach dem ko schlag der krankheit (welche tut nichts zur sache) aus langeweile wieder mit dem (öffentlichen) schreiben von unerheblichem begonnen habe. viel zeit haben, ohne irgendwelche obligationen, ohne den kleinsten druck : das ist ein zipfel glück. lesen hingegen, über kleinere stücke hinaus, ist noch mühsam, mehrere sachen sind liegen geblieben und haben mich seither noch nicht angelockt. vor zwei tagen bin ich nach wieviel tagen (?einer ewigkeit) wieder im park gewesen und bin lange auf einer bank in der sonne gesessen, reglos wie eine alte eidechse. und nach einiger zeit habe ich mich gefragt, ob ich gerade lächle. ich habe das zuerst für unwahrscheinlich gehalten (an einem tag habe ich mich gefragt, ob die tortur nicht einfach reicht…). ich war ganz in der umgebung drin und gleichzeitig ganz enthoben, ganz leicht und fast schon glücklich. ich habe gedacht, ich möchte mich auch am liebsten hinter zitaten verstecken und ganz erhaben tun, aber dann dachte ich auch, das ist mir zu mühsam. ich habe keine zeit mehr für spielchen.

auftauchen tf

myths and fairy tales

You’re writing your autobiography. What’s your opening sentence?

ich schätze diese art von selbsterfindungsprosa nicht besonders.

dies ist kein gedicht

reflets tf

frage: ob man nicht besser (irgendeine art) gedicht schreiben sollte oder gleich ganz die schnauze halten. mit (lautem) reden tritt man gerne gleich in treibsand, die meisten hören das, was sie hören wollen. man legt grosszügig aus. man „interpretiert“. man setzt „in den context“ und findet immer jemand entfernten, ganz bösen, der auch solche sätze gesagt haben könnte. obwohl den betreffenden niemand kennt. und dann gerät die sache ins rutschen.

aber, es gibt immer ein aber. man muss doch, sagen sie, man kann nicht einfach. schweigen?

das schweigen. dafür möchte ich eine lanze brechen (es ist kein tournier, das weiss ich, es ist viel ernster). in der stille hört man genauer, man hört das ungesagte mit.

im tonfall tanzt die intention. aufeinmal hörst du an allem vorbei die lüge, die halbwahrheit, die auslassung. jemand ist hinter vielen worten ratlos, das hörst du auch.

was man in den letzten tagen hören konnte:

gespielte fassungslosigkeit

wunschrealität

aufrüstung

noch mehr gespielte fassungslosigeit

weiter so

noch mehr aufrüstung

schlaglöcher

gespielte begriffsstutzigkeit

aber wohin

ja wohin

apparition of a sinkhole

noch mehr davon

das grosse strategische loch (die entsprechenden wortanhäufungen darüber)`

ich denke an das wort geistige elefantenfalle.

jemand sagt, das hätten die sowieso machen müssen, das seien nur aushängeschilder, das sei einfach an der zeit denn: die seien erledigt. transatlantisch, meinte der (und zeigte gegen westen).

haben sie schon einmal gesehen, wie ein hund abzieht, mit gesenktem kopf und eingezogenem schwanz, fragt der nachbar.

oder war es Baer.

kann man sich sowas vorstellen? ich meine in der sogenannten menschlichen gesellschaft, in der sowas wie wahrheit, richtig knochenharte, steinharte wahrheit keinen hohen kurs hat. still zu sein.

das geht.

einfach die klappe halten. man muss, im gegensatz zum landesüblichen, nicht gleich, wie sagt man doch, stellung beziehen? im finnisch-sowjetischen krieg gab es einen sniper, der hat über 500 gegnerische soldaten reglos im schnee bei -40 grad liegend ohne visier auf dem gewehr erschossen und wurde nie selber erwischt. es gibt jetzt ein buch dazu: Olivier Norek: Les guerriers de l’hiver.

(vorsicht: schlagloch)

die stellung, wie man so schön sagt, ergibt sich in der stille lautlos. jüngst habe ich beim anhören eines interviewausschnittes sofort die lücke gehört, die längst in die front geschlagene bresche. strategisches ziel fiel mir dazu ein und realismus, abwesend, gähnende leere, seit jahren ununterbrochen eingehämmertes in kurzform. die leichte kruste von sicherheit, gewissheit und entschlossenheit, darunter der LAUTLOSE zusammenbruch einer illusion. wortreiche beschwörungen, ganze wortschwärme über die dächer der kleinstadt SEGELND , schnell , in östlicher richtung.

ich bin es müde, namen zu nennen. ICH LESE KEINE ZEITUNG FÜR ANDERE LEUTE. es hätte IRGENDein anderer die worte sagen können, abends im fernsehen sagten alle dasselbe, haargenau dasselbe, in mehreren europäischen sprachen.

zaghaft hebt einer die hand, er hat keinen namen, es ist irgendeiner, sein gesicht vergisst man sofort, er sagt: frieden möchte er; und er sagt einen schnellen, bitte. es klingt ganz einfach, normal eigentlich, als bestelle er einen espresso, einen doppelten.

ein gedicht schreiben, in dem gesagt wird, dass einer (mit namen) den frieden hier will und dort den krieg antreibt.

ich konnte nie verstehen, wie man menschenleben gegeneinander aufwiegt: einer gegen hundert, zweihundert, dreihundert?

jüngst gab es eine meldung, dass ein menschenleben auf 50.000 von einem gericht festgelegt wurde. das scheint mir äusserst preiswert. aber fassungslos bin ich nicht.

im krieg sinken natürlich die preise gegen null.

dass der zweig vor meiner nase noch immer gelb blüht und sein eleganter schwung, entzückend.

reflets 2 tf

three objects

What are three objects you couldn’t live without?

books, espresso, flowers (are not things)

inzwischen, mit vorbehalt

inzwischen scheue ich mit meinem geschreibsel die öffentlichkeit, inzwischen sieht der junge angesagte autor melancholisch aus, inzwischen ist das schreiben hier überhaupt jünger geworden. da möchte ich mich nicht einmischen. oder überhaupt damit in verbindung gebracht werden.

es geht keinesfalls ums schreiben, sondern ums sagen. was treibt einen an den tisch und warum klappt man den laptop auf. jeden morgen oder fast jeden morgen.

man müsse sich einfach dazu äussern, sagt Robert Reich und Carole Cadwalladr sagt: „it is a coup“. nicht nur sie sagt das im übrigen. früher sagte man nicht teufel, man sprach vom gottseibeiuns. man wollte nicht zutraulich werden. ich auch nicht, deshalb sage ich für mich, der „ichsagnichtwer“, es gibt mehrere von der sorte. auf keinen fall sage ich, wen ich meine. früher gab es solche auch und nicht nur in romanen oder in filmen. heute kommt man zur schlussfolgerung, einen solch schlechten film würde man nicht drehen wollen. schon bei dem blossen gedanken daran, stellt sich ein mulmiges gefühl ein. man könnte geneigt sein, sich aus rein ästhetischen gründen von dem phänomen zu distanzieren, ich meine nicht bloss den anblick, sondern vor allem die wörter, die zu vernehmen sind. dem andern, der ich auch bin, könnte es davon speiübel werden. aus politischen gründen wird man sich in einem gut und streng abgegrenzten rahmen damit beschäftigen wollen. man kann mit gründen annehmen, dass regel und gesetz oder verfassung kein reales hindernis mehr darstellen. man sieht nämlich eine ganz andere geistige anlage am werk.

es ist schon länger nacht und es regnet noch immer. das haus ist eingehüllt in regen. es ist eine hörbare hülle. sonst ist es still.

ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das geschriebene nicht löschen werde. ich kann mir vorstellen, den text bestenfalls unter entwürfe abzuspeichern. mir ist meine meinung auch für mich selbst viel zu persönlich. überhaupt zu viel. vielleicht denke ich heimlich, dass meinungen und ansichten furchtbar peinlich sind und nicht an die öffentlichkeit gehören.

ich gestehe, ich habe mir von einem LLM ein paar texte schreiben lassen, in der anweisung kam James Joyce vor, darunter mache ich es nicht, und ich habe gesagt, sowas wie im Ulysses, Bloomartiges und ich sah zu, wie sehr schnell – in windeseile – eine imitation generiert wurde nach dem zugrunde liegenden statistischen modell. eine plagiatmaschine demnach. ich habe mir garnicht erst den text zu gemüte geführt, sondern war eher geneigt, den Ulysses aufzuschlagen und darin zu lesen. nachher fragte ich mich im ernst, ob es nicht gescheiter wäre, meine zeit mit dem verstehen von Finnegans Wake und dem dilettierenden und unmöglichen versuch einer übersetzung von drei seiten in eine randsprache zu vergeuden, statt mit männern in schwarzen mänteln, die über leere plätze gehen oder in helikopter steigen und befremdliche texte generieren. was wird gerade hinter dem produzieren von wortsalat getrieben, frage ich mich natürlich auch. aber ich gebe zu, ich quäle mich damit.

es gibt nämlich albträume von ähnlicher qualität.

Ein freund hat mir die geschichte der „Herrschaft“ von Tom Holland geschenkt. die lektüre betrachte ich als eine art höherer zeitvergeudung. ich habe nichts gegen zeitvergeudung. neuerdings stelle ich fest, dass selbst die abgelegenste lektüre auf die aktuelle konstellation verweist. vielleicht kann man nun noch einige zeit einigermassen friedlich die endstufe eines imperiums in der realität studieren.

wie sprache verhunzt wird auch. auf den hund kommt. verhunzen scheint tasächlich etwas mit hund zu tun zu haben. ich bin kein hundebesitzer, kann mir aber lebhaft vorstellen, wie hunde einmal behandelt wurden („hunzen“ mundartlich: „wie einen hund ausschimpfen oder behandeln“, nach dem Duden). dabei möchte ich garnicht über aktuelles reden oder über sprache auf einer endstufe oder über politisches oder über putsche und staatsstreiche oder coups.

viel lieber würde ich über garnichts schreiben wollen oder über unerhebliches wie jüngst beim waldgang eine art moos von phänomenalem grün (polytrichum commune, auch goldenes frauenhaarmoos ) mitten unter all den schattierungen von braun und fahl. oder über die feuchte kälte im gesicht oder die sensation von überwältigender lebendigkeit beim anstieg eines hangs oder die stille zwischen buchen und kiefern oder über das rascheln des laubs unter den füssen oder über das vergnügen, dass die windungen des pfades garnicht mehr aufzuhören scheinen.

aus dem Merriam Webster : coup, „a sudden decisive exercise of force in politics and especially the violent overthrow or alteration of an existing government by a small group : coup d’état „. ich gebe das an, weil die übliche recherche im netz neuerdings so gemütlich anmutet (und , so lese ich, weniger ressourcen verbraucht als …).

eine junge marxistin meint in ihrem podcast, dass es beileibe nichts neues sei, wenn machthaber sich auf die seite einer besonderen kapitalfraktion schlagen. mehr als ihre thesen bewundere ich bei der jungen marxistin ihre analytische verve und ihren glauben an das theoretische instrument. ich finde blossen glauben nicht mehr gerechtfertigt. aber die schöne und also gewandte anwendung eines analytischen modells hat jenseits von allem glauben eindeutig eine ästhetische qualität.

andererseits, solange man sein fundamentales unbehagen an und in einer un-kultur noch zu äussern vermag. das ist dann doch noch etwas anderes als reine hilflosigkeit.

verspätete anmerkung: ich habe mich erst nachher gefragt, ob ich tatsächlich imstande wäre, angesichts der verhältnisse einen dermassen versnobt schnöseligen, vielleicht sogar unfreiwillig komischen text selbst -eigenhändig – zu generieren. don’t acte. nach meiner erfahrung handelt es sich um eine allergische reaktion.

otherworldly

ein wenig sonne, juni, frisch, die rosen schaukeln im wind.

was ich gemeint oder geglaubt habe? ich glaube nicht und meine nicht. ich drehe das radio nicht auf, um kleinlaute kommentare zu hören. ich kommentiere nichts. ich bin nicht in einer anderen welt aufgewacht. ich bin aufgestanden, habe die zähne geputzt und geduscht. danach habe ich café getrunken. ich habe nicht gekämpft und nicht verloren oder gewonnen. das wetter ist sehr wechselhaft, aber die rosen leuchten auch, wenn der himmel bedeckt ist. der peruanische café schmeckt interessant. ich bin nicht deprimiert wegen irgendwelchen ereignissen. aber die rechnung von vier geretteten menschenleben und fast dreihundert dafür ausgelöschten, darunter kinder, diese rechnung geht nicht auf. nirgendwo und nie.

das haus des nachbarn verschwindet hinter einem vorhang von grün und violett und rosa und rot und hellblau; man fühlt sich eingehüllt.

hingegen der vorhang vor der wahrheit … die getriebenen, die angeblich souverän die welt gestalten. früher sagte man, „männer, die geschichte machen“, was für eine das war, liest man nach in den entsprechenden büchern.

jemand sagt, ich spüre die unruhe der welt. hier gehen die geschäfte weiter. gewinn, verlust, gewinn, verlust. und das geschrei, das drama. wie in einem traumzustand. jüngst einmal stolperte ich in einem traumstück im finstern durch einen wald, man hörte nichts, nur geraschel und das meist von den eigenen füssen, fast kein licht und man navigierte blindlings zwischen bäumen und sträuchern über unebenheiten, keine angst, schliesslich setzte ich mich an einen grossen baum, den ich vorher abgestastet hatte, raue rinde, moos, flechten und wartete, bis ich meinte, es wird heller, die morgendämmerung, dachte ich und erwachte. es war noch dunkel, vom geöffneten fenster her ein sanfter luftzug. weder einschlafen noch wegrennen, auch nicht totstellen, bewusst bleiben. ich lag noch eine weile und bin dann wieder eingeschlafen. am morgen erstreckte sich der traum so deutlich vor mir wie irgendeine landschaft.

der grüne vorhang vor dem fenster ist in bewegung, schwirrt, flattert, windbewegt.

die rosen wiegen sich, rhythmisch.

sieht man, wohin der zug fährt? an der strecke geschlossene bahnhöfe. irgendwo im niemandsland winkt jemand von einem fenster aus. am rande der bahnstrecke eine wiese mit schwarzbunten kühen („kühe in halbtrauer“), hecken (der bocage normand war nach dem D-Day eine falle), einfahrt in tunnel und immer der gedanke an Dürrenmatts zug, plötzlich ist man nach innen verwiesen, keine aussenprojektionen mehr. im traum sitze ich fast allein im waggon. einmal kommt ein buntgekleideter mann vorbei, der mein billet kontrollieren will. ich sage, sie sind mir aber ein zugkontrolleur und er tischt mir eine unwahrscheinliche geschichte auf. er gehe bunt, das beruhige die passagiere. ausserdem habe er seinen vorgeschriebenen anzug in der waschmaschine verloren. er fragt, haben sie nach dem waschen noch nie eine socke vermisst? doch, sage ich kleinlaut. sehen sie, sagt der kontrolleur, der nicht aussieht wie ein kontrolleur, bei mir ist es ein ganzer anzug gewesen. ausserdem seien alle willig, er brauche nur zu sagen, ihr fahrschein bitte und die leute würden nicht einmal hinsehen. nur einmal bisher habe ein passagier angezweifelt, dass er der kontrolleur sei. er warte lieber, habe die frau gesagt. sie, sage ich. wer sie, sagt der bunte mann. die frau, sage ich, sie ist eine sie. woher wissen sie das, sagt der kontrolleur. ich musste ihm rechtgeben. heutzutage ist das alles fluid, sagt der bunte mann; er lachte nicht. überhaupt war alles völlig ernst. nur die narrenkappe störte etwas. aufeinmal merkte ich, dass der bunte mann hinter vorgehaltener hand lachte, lautlos fast. ach geh doch, sagte er neckisch, ich bin ein narr, kein kontrolleur, von mir aus fährst du, wohin du willst. die frau am anderen ende des waggons hatte sich umgedreht und tippte sich an die stirn. sie erinnerte mich aufeinmal, das war klar, aber an wen oder was? ich rätselte herum, kam aber nicht auf einen grünen zweig. plötzlich rief die frau, es ist ein narrenhaus, ein narrenschiff, ein narrenzug. ich erwachte, erleichtert, muss ich dazu sagen.

fettnapf IV***

why do you do what you do. fataler satz, gelesen in einer newsletter aus dem irgendwoher und ich, häää??? an mich selber gerichtet, das ist schon ziemlich komplex, muss nicht die halbe welt befragen oder etwa nur die wahlkandidaten oder die präsidenten und sonstige Macht haber oder die nachbarskatze, da scheint es einfach, instinkt, heisst es dann. Gregory Bateson befragt von seiner tochter: Was ist instinkt, papa?, antwortete, das ist ein WORt, mein Kind. also ich selber und nun inquisitioniere ich jeden einzelnen der Schritte, die ich heute Morgen getan, inklusive meiner hörerlebnisse am geöffneten fenster beim schreiben, also taubengurren, elstergekecker, Schwalbenschwirren. warum schreibe ich alles klein, ja, warum eigentlich, das meiste ist routine und gewohnheit, wie gähnen bei neueren filmen oder neuester deutscher literatur. darf man das sagen? ich vermeide jegliche wendungen, die gender relevant sein könnten, warum? manche dinge scheue ich wie der teufel das weihwasser, sprichwörtlich. mene tekel. also kreise ich um das warum wie die katze um den heisen brei topf. warum stehe ich heute, ausgerechnet heute, so früh auf, ich habe einen termin um acht uhr angesetzt und wache pünktlich auf mit dem weckerklingeln um sieben (also mitten in der nacht), der reinste terror übrigens, mitten aus meinem traum gerissen oder fing der erst an mit dem weckerklingeln und lief darauf zu, zeitumgekehrt, jedenfalls wachte ich danach wieder um sieben uhr achtunddreissig auf und nun, zackzack ins bad und anziehen und café und schuhe, wo ist der verdammte schlüssel und zwei ungleiche socken und welches hemd und jacke oder nicht jacke das ist hier die frage und also sondieren, es ist frisch und wolken ziehen auf und also jacke und hinaus und gehen, aber rasch, und schneller. also warum tue ich dinge und tue andere nicht. von der frage wird mir schwül, naja, auch die frage, ob ich nicht doch, auch, schwul sei, also an allem interessiert, hat sich auch schon immer gestellt, aber das steht hier eben nicht zur debatte, es ist im übrigen kein gegenstand von debatten, aber sein oder nicht sein. dabei ist mir werden lieber, also im fluss, die ganze zeit, aber nie in demselben, aber am selben ufer, von der anderen seite aus gesehen, ist meine handlungsweise fragwürdig. reflektiert oder impulsiv, aber von welcher beschaffenheit die impulse. ja, stress spielt eine rolle, selbst erzeugt, natürlich, oder sagen wir kindheitstraumata, später rekapituliert, relapse sozusagen, demnach frust als handlungsmotiv oder revenge, gegen mich selber, wegen versagen, damals oder gestern. scheitern, überhaupt, als handlungsanleitung, äh, motiv.

ich gehe schneller, bewege mich zielstrebig auf mein ziel zu, an einem interessanten hauseingang (schwebende treppenstufen, heller stein, grosszügig) vorbei, an weissen, strahlenden blumenköpfen, ich, in den hortensien, efeubewachsene hausfassaden oder sind es weinranken, jedenfalls gutes isolationsmaterial! die schuhe schmerzen nicht mehr, äh, die füsse wie vorgestern noch! dann strasse, autos, kreuzung, kinder mit eltern, haufenweise, letzter schultag, ich gehe, noch schneller und da, da, ist das ziel, erreicht. ich bin eben gerne pünktlich. why? pünktlichkeit ist eine form der höflichkeit? es gibt einfach dinge im leben, die ich, persönlich, als unhinterfragbare (ich lasse mir das adjektiv auf der zunge zergehen) urphänomene betrachte.

bei manchen gelegenheiten bin ich gerne unpünktlich, weil es peinlich ist als erster zu erscheinen und dann verlegen herum zu stehen (gequältes lächeln, small talk, mit panikanflügen, was sage ich um himmelswillen als nächstes, thema? thema? was stand in der zeitung: deshalb erscheine ich auf parties erst dann, wenn das getriebe in vollem gange und sehr laut ist, so dass verbale bekundungen sich von selbst erübrigen und kein bedauern über den klimawandel nötig ist. frage: wie bereitet man sich am besten (?) auf den klimawandel vor? falsche frage? ich gehe zu fuss, sage ich, wenn ich mich im korrekten denken verheddert habe, das hilft immer als ausweg)

Stern* hat soeben Morrison, die kleinstadt, in der er totengräber (croque-mort) war, immer in schwarz wie ein deprimierter rabe und also keineswegs amüsiert, sondern todernst, verlassen, nach einem chaotischen showdown, vom regen in die sternsche traufe.

Aki Kuroda: „octopus thinking“**

bei einigen dingen habe ich die bewusstseinsfrage WHY noch immer nicht geklärt. unbewusste motive, überhaupt unbewusst, wie morgens früh um sieben uhr achtunddreissig kopfüber in den tag und schütteln, schütteln, weil es spass macht? unerhört, als motiv, meine ich.

  • Stern, L’Ouest, le Vrai. Frédéric et julien Maffre. Dargaud 2019
  • Interview in: Tempura N°14, Le silence est d’art
  • die fettnäpfe I bis III harren der publickation