Sommerloch I bis IV

Sommerloch I

abgetaucht im sommerloch, abgesackt, klare gedanken sind rar, selbst der sharpe Mr. Mueller war nicht so gut drauf und die sensation blieb aus.

wie sieht es drinnen aus.

ich gerate von einer neuen lage in die nächste, keine stabilität und ich habe etwas schwierigkeiten das gleichgewicht zu wahren, tauche lieber ab in unbewussten nebel, aus dem ich gelegntlich lädiert wieder auftauche; die kleinen verrichtungen halten mich, café zubereiten, das geht immer, abwasch, wäsche, aufräumen, zeitung lesen, vielmehr beiseite legen.

was die aus der welt machen. wer? die entscheider und -innen, wobei ich meist doch mehr männer als frauen sehe, ich kann nicht behaupten, die orientierung sagt mir zu und die verbalen verzierungen auch nicht, es geht mir nicht um gebelle und die karawane zieht weiter und weil einer die rolle übernehmen muss, nein, ich bin grundsätzlch nicht einverstanden, es geht nicht mal um die prioritäten, die ganze marschrichtung behagt mir nicht und die gesinnung, ja die vor allem, stösst mich ab.

das hat gar nichts mit der hitze zu tun, es ist nicht einmal theoretisch fundierte meckerei und mäkelei, es ist ein grundlegendes unbehagen an dieser kultur, ein tiefgehendes gefühl, so ist es nicht.

allerdings erlebe ich auch das gegenteil, denn etwas anderes ist nicht bloss möglich, es ist im anmarsch und in der mache, aber die einstellung ist ganz verschieden von dem mehrheitlichen gedröhn.

 

Sommerloch II

orientations, so hiess die beratungspraxis meiner frau und solange ich mit ihr zusammen war, orientierte ich mich an und in der beziehung. damit war die orientierung klar, obwohl zwischen durch entstanden immer wieder fragen, grundlegende, nach gender und sexueller „einordnung“, es gibt halt wirklich eine historisch gewachsene, gesellschaftlich eingebettete ordnung, deren aufrechterhaltung mit mitteln disziplinarischer art geschieht, die leute unglücklich macht(e).

und ehrlich gesagt (siehe kleines lexikon meiner floskeln) ich bin der regulierten spiele und anerzogenen oder soll ich sagen eingehämmerten muster müde und leid.

und dann wird auch noch eingebleut, irgendeine studie beweist es garantiert, dass alleinsein schädlich und nicht so günstig und beziehung einfach nur gesund ist. und für alles verhalten hat irgendjemand eine scheisskategorie erfunden und die wird dann solange kolportiert, bis alle dran glauben, wie sie vorher an den nikolaus oder an den lieben gott geglaubt haben. und man muss einfach in eine kategorie hinein, entweder man ist schwul oder lesbisch oder bisexuell oder hetero, am liebsten strenggläubig und der ganze hass und die verachtung und persekution des andersgläubigen, am besten einer minderheit, deutet daraufhin, dass in dem abgrenzungswahn eine tiefsitzende angst steckt, es sei mit den schön abgegrenzten kategorien doch nicht so weit her.

eins ist jedenfalls klar, sobald man ein paradigma ins wackeln bringt wie etwa das patriarchat, gerät die ganze abgrenzung ins wanken und schwimmt weg und wenn nun jemand auftritt und sich noch auf die alten schubladen bezieht und darauf pocht, wirkt er seltsam angestrengt und auch irgendwie komisch.

mir fällt dann immer die parabel von der maus bei kafka ein, die angst bekam vor der weite der welt und sich erst wieder beruhigen konnte, als eine mauer auftauchte und dann eine zweite und schliesslich eine ecke und darin eine katze und die frass die maus auf. das ist ein wunderbares bild für die menschenfressende wirkung der schön gefügten kategorien. den letzen satz -„du musst umkehren“ – hörte die maus und hörte ihn doch nicht mehr, denn da war sie schon im katzenfang und es knackte. was heisst solche einteilungen sind tödlich, sie machen das leben kaputt.

also konkret, zur sache und zu den fragen: sind sie hetero? sind sie schwul? sind sie etwa bi? oder trans oder queer oder sonst eine kategorie, in irgendeine müssen sie doch hinein.

und ich: nein, nein und nochmals nein und ganz nein.

ja, himmelherrgottnochmal, was sind sie denn?

ich muss nicht mal überlegen, ich habe keine ahnung. ich weiss nur eins, intelligenz und herzenswärme finde ich, wenn sie zusammen auftreten, meist sehr anziehend – ich weiss, ich weiss, in der zwischenzeit ist das auch eine kategorie. der sapiens leidet an einteilungswut, sonst gerät er ins trudeln und vor der weite des ungefähren kriegt er den schwindel.

ja, da wird einer siebzig und hat es immer noch nicht herausgefunden. das müsste eigentlich verboten sein.

Sommerloch III

Hier glaube ich gar nichts mehr, ausser an ein paar unübersehbare fakten und dann ist es kein gauben, sondern ein wissen und das bin ich dann. (so ungefähr redet der staller bei hubert & staller, wenn man den beiden zu lange zuschaut, gerät man ins gleiche gerede).

ich meine nicht nur die zeitung und verwandtes, sondern überhaupt, denn wenn es nicht unsäglich seicht ist, dann ist es meist bloss irgendeine halbwahrheit, aber nie der ganze riemen.

denn der sieht doch anders aus. so auch die meisten berichte über den sogenannten klimawandel, der eine zivilisationskrise ist und alle wollen, dass das ding weggeht, und zwar schnell und radikal, aber nichts soll sich ändern an dieser lebensweise und am denken schon gar nicht, au ras des pâquerettes.

eigentlich würde es einem ja gut gehn, meinte jüngst einer, und ich sagte darauf, aber schlag bloss nicht die zeitung auf und dass es einem so richtig gut geht, daran glaubt man ja auch nicht so recht, denn man weiss ja nicht bloss, sondern man ahnt und spürt insgeheim, wie sehr alles aus dem lot ist.

aber das setzt voraus, dass man die eigene sensibilität nicht mit dumpfheit und flachheit anästhesiert.

inzwischen sind die temperaturen von 38 auf 18 abgesackt und es hat ein wenig regen gegeben. ausser dem windet es und der garten atmet auf. am sonntag ist es hier fast still, manchmal eine lautere stimme und die ambulanzsirene in der ferne und das rauschen der autobahn, alles rollt nach süden und ich bleibe hier. das ist schon als vorstellung absolut entspannend und eine erleichterung sondergleichen.

auf der terrasse klirrt die windharfe. ein unsichtbares flugzeug bewegt sich nordöstlich, wenn ich die herkunft des lärms richtig deute, bald nur noch ein fernes rauschen. eine tür in der nachbarschaft klappt zu. die sirene jault wieder kurz, die böen werden, so scheints, stärker und in meiner ecke wird es langsam zu frisch.

Sommerloch IV

abends frage ich mich immer, soll ich oder soll ich nicht, sowas wie ein kleines glück ausprobieren, denn das grosse erwarte ich gerade nicht, es trifft, wen es trifft und ist sehr flüchtig und festhalten wollen, na, das is a schmarrn.

der sonntag ist hier so still wie eine kleinstadt und mehr ist es am sonntag auch nicht oder im sommerloch, das alle hektik verschluckt.

ich frage mich dann immer, was aus der stille als erstes auftaucht und es ist meine sehnsucht nach Marie.

und das sogenannte neue leben ohne sie ist ein ewiger anfang, darüber bin ich garnicht hinaus.

ich träume weder von stränden noch von bergen, vielleicht geht sie dort herum und man muss schon einigermassen einsam sein, um sie dort zu sehn.

man gewöhnt sich an schmerz so gut wie an lust. wenn man die wegschiebt, spürt man gar nichts mehr.

dass es dich umhaut, dass es dich erhebt, dass du fällst und steigst, das habe ich mir unter erleuchtung nicht vorgestellt, als ich noch davon träumte, es ist schon eine weile her. nun merke ich, es geht nur um eine leichte verschiebung, du leidest wie ein hund, du freust dich, du gehst schleppenden schritts, du gehst beschwingt und du sagst dir, das ist es, denn du siehst gleichzeitig zu, es ist das quentchen distanz, das es ausmacht. und du bist der alte und du bist es nicht.

Vogesen 1 bis 8

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Vogesen 1

When nothing matters anymore, what does matter, anyway, et encore et encore.

Wenn ich das wüsste.

Unentwegt einen kontext kreieren, das ist es, was das hirn tut, es kann gar nicht anders, es kreiert eine umgebung, in der sich operieren lässt, wenigstens für kurze zeit, wenigstens für die zeit einer bestimmten verrichtung, einer geste, einer handreichung, zum beispiel schubladen, aufgemacht und zugeschoben, oder nägel,  eingeklopft und krumm gehauen oder dünnbrettbohren.

ich erfinde mir unentwegt zusammenhänge, in dem handeln gefragt ist oder stillsitzen oder herum gehen und blumen bewundern. oder schönheit überhaupt oder das gegenteil davon, da muss man nicht lange suchen. oder musik, rock zum beispiel, oder eine schöne stimme oder eine raue, eine verspielte oder auch gedichte lesen.

gedichte schaffen sofort einen kontext, ein paralleles universum, eine verquere welt oder ein denken um die ecke, ein einigermassen komplex kompliziertes,  verschachteltes wie das gefühl, wenn jemand verloren geht und du findest ihn nicht wieder. überhaupt kunst, bilder, gegenstände, in denen du den letzten rest verstand verlierst und in einer höheren vernunft landest.

Aber abgesehen von alledem,  mein lieblingskontext, die holosuite sozusagen, die ich bevorzuge, liegt  in der frage, was mache ich hier, aber  eine antwort ist nicht zur hand und unterwegs stosse ich auf die weitere frage, ärgerlich, ärgerlich, was wäre ein denken, das man nicht bloss hat, sondern das man ist.

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Am morgen ist es angenehm kühl im mittelgebirge, in der ferne tief dunkelgrüne tannenwälder und dörfer, gedeckt in orange, und hellgrünere flecken von matten und stille, einfach nur stille und die nacht unter dem alten holz des chalets ein geheimes knistern und fast unhörbares wispern von uralten stimmen: was einmal war, kommt so nicht mehr wieder.

Das autoritäre von heute, die diktatorische geste wird immer grotesker, aber keineswegs weniger schlimm.

Dass dieser gedanke sich mir ausgerechnet nachts aufdrängt, als wollten die alten mir sagen, ziemlich vorwurfsvoll: wie konntet ihr sowas zulassen: ich murmele was von mob im gegensatz zu bewusstsein und bildung, nun wird offenbar, warum menschen in unwissenheit gehalten und mit (unsichtbarem) nasenring an der kette (und blumenguirlanden) herumgeführt werden: die mobregenten zeigen an, wo wir hingekommen sind.

Sodann vernahm ich kriegslärm, todesschreie und angst und die welt riss entzwei.

Warum ausgerechnet hier solche alpträume, feldzüge, niederlagen, massaker.

Wie schnell vergesst ihr: die wände wisperten das, und wenn ihr nicht vergesst, dann überseht ihr so leicht, was sich jetzt zusammenbraut.

Morgens setzt man vorsichtiger den fuss auf, im gras eine glockenblume und winzige gelbe sterne und ein gefiedertes kraut, das scharf gemähte gras braun, die nackte erde zeigt sich zwischen den büscheln, hier hört man das treiben im tal fast gar nicht, die andeutung manchmal eines fernen rauschens.

Der traum macht mich still. Einfach lauschen und schaun.

und herumgehn, als sei es das letzte mal, so schmerzlich schön.

Alles nur noch überraschend. Der tüchtigkeit von heute die ruhe verordnen, das stillsitzen und schweigen, das sagt mir der hang und der wald murmelt es weiter.

Die ferne ein lächeln: über allem der segen von marie. Denn unweigerlich, wenn ich mich hinstrecke ins gras und mit geschlossenen augen die wärme der erde erspüre, steigt ihr bild auf und ihre zustimmung.

während ich noch zweifle. Oder zögere ich. Mir scheint, ich bin nicht pressiert, ich nehme mir zeit, selbst wenn ich keine mehr hätte.

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Irgendwann kreuzt man noch eine strasse und schlägt sich dann in die büsche, fern von allem betrieb. So sehr ich es liebe unter leuten zu sein und einer von ihnen, so sehr liebe ich einsame waldwege, felsen und gestrüpp und fast keine wege.

Das alte gefühl, wenn man sich auf der erde ausstreckt und das gras spürt und  keine anderen geräusche als der wind in den tannen und das rauschen wie aus einer geschichte, die man vermisst hat.

Ich erzähle mir meist paralelle welten, in denen es vernünftig hergeht, aber keineswegs perfekt, keineswegs ohne widerspruch im kern der dinge, denn ich habe eine furcht vor stillstand.

Im detail gibt es hier intelligente dinge, aber im grossen herrscht eine wild gewordene beschränktheit und wenn uns was ruiniert, dann ist es kein denken.

Ich habe die erfahrung gemacht, dass kritik nicht erwünscht ist, die, die kritisieren, haben doch auch keine lösung, so heisst es dann und das ist der ultimative mundverschliesser: natürlich habe ich keine lösung, niemand hat sie, aber ich weiss vielleicht einen anfang, er heisst besinnung, er heisst überprüfung der herkömmlichen begriffe. diese neu zu fassen ist keine aufgabe für spezialisten und keine für experten, sondern für alle. 

Das denken, das man nur hat, ist mir suspekt geworden, ich arbeite persönlich auf eines hin, das ich bin.

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Die symbolik der zahlen? Was heisst hier siebzig? Ein menschenalter? Aber ich habe schon länger den eindruck, es ist eine bittersüsse zugabe. Das gefühl? Eine ehrenrunde drehn, catwalk, ehrlich, ich bin leicht amüsiert, so als hätte ich etwas vorausgesehn. Déjà-vu? Nein, eher überrascht, nicht immer angenehm, aber wer wird schon reklamieren bei all den leuten, allen voran Marie, mit denen ich die ehre hatte und noch habe. Machen wir doch einfach ein fest daraus, ein nachdenkliches.

Die welt leuchtet, die dinge treten so überdeutlich hervor. Verwunderung: über die welt vor meinen augen, das etwas müde gras, die pfirsisch schmatzende enkelin, die mich mit seltsamen fragen verfolgt, die katze, die herum schleicht, die bäume, die brise und meine leicht melancholische verfassung: das bleibt nicht und ist deshalb so kostbar?

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Ich versuche zu beschreiben: vor mir ein wiesenhang, elegant nach unten geschwungen, scharf geschnitten das gras und bräunlich verfärbt, spricht vom sommer, dann rostbraun und orange gedeckte chalets und fichten rings und  in die landschaft vorstossende hügel und höhen, dunkelgrün, zackig bepelzt und hellgrün gefleckt mit helleren fenstern und in alles hinein das windsaussen und rauschen und brausen und die tanzenden wogenden äste der fichten und birken und manchmal von unten aus den tälern das explosive geknatter von motoren und über allem eine weissliche himmelsdecke mit bläulichen schlieren.

Im gras ausgestreckt vergeht mir hier jeder pessimismus, hier ist nur ein lauschen und schauen und feines spüren aller unebenheiten und der graspelz und das ameisengekrabbel.

Wind jagt wolken weg und die sonne flackert wieder in alles hinein, nur das sausen des windes den ganzen morgen schon, es erinnert mich an andere zeiten, nicht nur vergangene.

Und  natürlich der wunsch, aus dem menschlichen gewusel und seltsam verfahrenen tun einfach auszusteigen in eine solche umgebung, die heilt.

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Befindlichkeiten: politische, bitte nicht, das wird zu schnell unappetitlich, wie man krisenmanagement nicht macht oder wie die andern einen drankriegen, wenn man regierungsgeil ist,  und sonstige, sonstige vor allem. Was eine gute aussicht bewirkt, eine immer noch harmonische landschaft mit wenigen geräuschen ausser dem wind in den fichten und birken und manchmal ein fernes geknatter von explosiven motoren. So ein ausguck fehlt mir und nun, da ich ihn kurzzeitig habe in diesen sanft geschwungenen hügeln,  bin ich ganz und gar nicht pessimistisch oder negativ. Letztlich ist das meiste (politische) etwas, bei dem ich nur zusehen kann. Es beschäftigt mich, wenn mir etwas auffälliges, etwas ausser der regel, also etwas beunruhigendes unterkommt, das man wenigstens registrieren muss. aber was bewegt sich noch innerhalb halbwegs vertretbarer regeln?

Aber das ist nur ein präliminarium, vielleicht sogar nur eine fussnote.

Ich schaue ins land, das hier sehr nah ist, eine fast greifbare begrenzung des horizonts und dahinter eine unruhige welt, aber für ein paar tage ein wahres zuhause, wenn man im gras liegt und die kräftige brise streichelt und zaust und am waldrand das elegante rauschen, wenn der wind in die fichten fährt, eine kräftige liebkosung, eine handfeste umarmung.

Dann fällt mir unweigerlich Marie ein.

ich wünsche mir ein leben wie diese einfache landschaft und ihre feinen geheimen orte, zum beispiel unten am weg der vertraute fingerhut in kolonie und graugrüne nattern und blindschleichen und darüber  ein kreisender habicht. Der himmel verändert sich hier sehr schnell, aber die farben sind einfach gehalten, ein feines hellgrau mit dunkleren einschüben und nichts gewisses, nichts festes oben und unten die gewissheit, die wälder stehn dunkelgrün wie rätselhafte tiere und die matten sind verlässlich hellgrün bis hellbraun und dazwischen die behausungen der menschen.

Hier singt der wind in den fichtenwäldern und fegt über das plateau und das hektische leben ist fern.

Ein hund bellt, ein hahn kräht, von drinnen vertraute stimmen und gelächter.

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Wolkenschiffe wie besucher aus einer anderen welt, aufmerksame beobachter unseres unsinns. Im wind neigt sich ein baumgesicht dem tale zu und nickt, nickt immer wieder, die sonne um sechs wirft ein verhaltenes licht durch wolkenschleier und der scharf geschnittene hang vor dem chalet glänzt blassgrün, rundum hügel in dunkelgrünem pelz und grasgrüne flecken mit rostbraunen tupfern, dazu  der wind den ganzen tag über, fegt dir den geist blank und klar.

Wie findest du unseren wind, und ich sage, wunderbar.

Beim schwimmen im rabensee, das wasser ist fast schwarz und die kälte prickelt auf der haut, fällt es mir dann doch ein, das unglaubliche manöver zuhause um datenbanken und datenschutz.

un pavé dans la mare aux canards.

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Morgens früh schon der erste aufbruch und das haus leert sich langsam, saubermachen und packen in der morgenfrische nach dem nächtlichen regen, ein melancholisches beginnen.

ein fest flammt auf, entwickelt sich zu einem freundlichen trubel, hält sich eine weile, schafft, mittendrin, ein versprechen von dauer, ja, von ewigkeit, kein gefühltes ende in sicht, obwohl man weiss, es ebbt ab, und hört auf, noch ein winken, zurufe aus autofenstern und dann den hügel hinab und eilig den grossen strassen zu.

nachdenkliche gespräche am morgentisch, wie erzieht man kinder und die notfälle, wenn man nicht mehr weiter weiss, ich höre den jungen zu und wie sie reden erfreut mich.  ich gebe meinen senf dazu und weiss es doch auch nicht besser, ausser dass unsere bemühungen nicht umsonst waren, das kann ich hören, das kann ich sehn und nun klingt das fest aus und  ist, wie das leben, eine stille freude mit trauerrand. Dass Marie dabei war,  mussten wir nicht besonders sagen, liebevoll spöttisch und ein ironisches zwinkern mitunter, in meine richtung.

das habe ich deutlich gespürt, als meine enkelin trocken sagte, „opa hat eine schraube locker, (kurze überlegung), nein, gleich mehrere.“

solche momente lege ich zu den kostbarkeiten.

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sommerfest

 

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man sagt das so leichthin, ich brauche raum, ich brauche zeit, um mich zu sortieren.

das ist die eigene zeit, der innere raum. wenn man ihrer gewahr wird, dann stehen sie schon unter dem ansturm des aussen. es ist kein krieg und doch muss man sie verteidigen, die eigene zeit, den inneren raum. und es gibt tausend angebote sie zu möblieren. an den grenzen  drängeln sich die muss und die solls und unbedingt und dringend.

es ist montag und ich bin auf der defensive. die pflichten, die vorgeben, sie vertrügen keinen aufschub, habe ich in den wartesaal verbannt, dort wird ihre dringlichkeit nochmal geprüft, während ich nicht einmal warte.

die zeitungslektüre hat keinen rechten eindruck ergeben, hinterher hat man immer das gefühl, man sei auf der falschen veranstaltung gewesen. und in dem augenblick erinnere ich mich an meine pessimistische tirade, gestern auf dem privaten sommerfest mit exquisiten gästen, die heftig, aber höflich in der form zurück gewiesen wurde. bis ich die quelle meines pessimismus offenbarte.

was ich schon immer beneidete, ist die bruchlose, fugenlose identifikation mit einem lebensstil: das bin ich, früher hätte ich den begriff und seinen gehalt frontal attackiert, und mit lust und die  risse in der fassade visitiert, nun erfüllt mich eine scheinbar rundum gefestigte identifikation mit bewunderung und mit einer art neid, weil ich mich so gerne, ehrlich, als etwas ganz und gar bestimmtes erleben würde und gleichzeitig weiss, ich kann es nicht, selbst wenn ich, zugegeben, von vielem etwas habe, aber ganz und gar, mit haut und haar dieses oder jenes, dazu fehlt mir einfach das talent. so bin ich, vielleicht, vieles und nichts davon, gleichzeitig.

ich sehne mich, natürlich,  nach einem festen bild von mir, aber es entgleitet mir, sobald ich wörter dafür suche, nicht, dass es nichts festgefahrenes, deutlich sichtbares an mir gäbe, aber wenn man mich fragte, bist du das, würde ich dankend verneinen.

manchmal denke ich, ich kenne mich nicht selber.

gestern noch war ich einer, den ich hätte beschreiben können, aber dann brach alles zusammen, und das meiste verlor seine einmalige bedeutung, ist es wahr, bist du ganz sicher, dass es wahr ist,  unter dem angriff solcher fragen bleibt nicht einmal ein trümmerhaufen. die wirkliche erfahrung und wahrnehmung des „es bleibt nichts“und dazu singt ein barockes sonett, fegt den tisch blank und nicht einmal der tisch bleibt. ich weiss nicht, ob jemand schon die erfahrung gemacht hat, dass der kontext, in dem man operiert, sich auflöst … (kleinere vorläufige kontexte melden sich dann, manche bieten  sorgenerfüllt an zu übernehmen, sie piesacken dich mit ihrer unausweichlichkeit, die notdurft des lebens halt, aber ersetzen können sie den wegfall in nichts, in gar nichts.)

ich meine, eine ganze welt verschwindet von heute auf morgen. ich sage welt und bleibe dabei. das ist kein als ob und alle wörter, die darin eine bedeutung hatten, hinwiesen auf etwas, fallen hinein in dieselbe dunkelheit und verschwinden.

so sitze ich manchmal da und alles ist weg, nicht einmal die frage, was mache ich hier hat noch irgendeinen sinn und selbst das wort sinn entzieht sich, nichts, an das ich mich halten kann.  gelegentlich, nur so zwischendurch, wie aus den augenwinkeln erhascht, erlebe ich eine befreiung und in der substanz ist es ein verlust, ein nicht mehr, ein vorbei und nie wieder. ein funken, nicht mehr, der glanz eines noch unbekannten.

meine ideosynkrasien erlebe ich keineswegs substantiell, sie haben einen gewissen unterhaltungswert, zugegeben, wie ein salto mit einrad auf einem trampolin, wie ein catwalk über den boulevard,  wie ein wiedererkennen in einer menge und du denkst einen augenblick lang, das war sie.

vielleicht, sage ich mir, liegt es daran, dass eine intime freundschaftsbeziehung, die sehr nah ist und manchmal zu nah und manchmal zu weit weg, ein eigenes subjekt hervorbringt, das bist nicht du, das ist nicht sie, es ist ein dazwischen, in allem, ein hin her, ein fliessendes, ein ruhiger see, ein reissender fluss und dann stromschnellen und manchmal ein fall in ein anderes leben, kleine umwälzungen, revolution,  gemächliche evolution. das sinnliche und das geistige und der gefühle wogen.

ich habe mir nie vorstellen können, von wollen ist nicht die rede, dass es ein ende gibt. man weiss das, aber es ist nur ein abstrakter gedanke, wie der tod einer ist, und dann …

wer bist du danach?

un rescapé.

einer der fällt, und im fallen ist das fallen, aufeinmal, das einzige, was noch hält.

und nun, das scheint fast ein trieb zu sein, dieser menschlichen figur ureigen, die suche, das halbblinde tasten zuerst nach einer identität, das bist du doch, das warst du, das möchtest du, aber nichts davon hält.

du sitzt da und wunderst dich, was war das für einer, der hier lebte, was trieb ihn um, welche dinge zogen ihn an, welche lektüren bevölkerten seinen raum, seine zeit. welche wörter sagte er, um seine welt auszustaffieren, wieviele leben hat er schon gehabt, und du kannst sie noch sehn, unglück und glück, eine schöne erzählung und nichts davon hält.

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27. Juni 2017, das letzte foto von Marie

 

 

 

Zerreißprobe

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erst wenn man sich in das unvermeidliche ergibt…

der rasen bräunt sich, sträucher lassen die köpfe hängen, der kirschbaum trauert. die brise am frühen morgen bei café und zeitung, die schon eingefleischten rituale, die ein simulacrum von ordnung vorgaukeln

was kann ich schon gegen meine bedürfnisse tun, die primären und die „hÖheren“, was, als hierarchie gedacht, von einer bestimmten perspektive aus der dringlichkeit nicht gerecht wird.

und dann die wunschmaschine erst, die vorstellungskraft, die mit mir durchgeht, die innere bilderwelt, halb im schatten, halb im licht.

und, wenn es weh tut, die gier nach lust und lustigerem.

die sehnsucht nach …

und nicht nur die zwei seelen in meiner brust, ach …, nein, die vielen …

kenne ich mich überhaupt, frage ich mich dann, wenn es mich hierin zieht und dorthin und hinab und hinan.

zerreissprobe.

test, wieviel hält er aus.

aber wer testet?

heute, nicht nur manchmal = eine schreibgewohnheit, weil das wort mich anspricht = und überhaupt, finde ich, von hier geht eine furchtbare langeweile aus, furchtbar ist sie, und sie  emaniert aus macht und machenschaften, von den kleinsten an, bei denen man so lange herum druckst, bis man nicht mehr anders kann und endlich die sache heraus rückt, wie man örtlich gerade beobachten kann (mit viel gerede und gefuchtel) bis zu den grössten sauereien, bis man sich am ende fragt, wie tief reicht das hinab und hinauf und in welche ecken und ritzen und durchdringt alltag und beziehungen und das intimste.

das nenne ich furchtbar und furchtbar langweilig.

das uralte untote.

dann will ich weg, trete den rückweg an und suche nach einem andern zuhause.

macht und machthaber, und die taten, jämmerlich, armselig, kleinlich und zerstörend, verstörend.

und immer wieder das gleiche in anderer form und immer jämmerlicher, geschichtsbücher voll davon. nicht homo sapiens, homo horridulus.

dass so etwas zu ende geht, das kann doch nur tröstlich sein.

manchmal denke ich, jemand will, dass das experiment mensch scheitert. und in manchem scheitert es jeden tag. und im besten ist es erfolgreich, auch jeden tag, das ist nicht unbedingt das sichtbarste, das aufdringlichste.

kann man sich an mehr halten als an ein freundliches lächeln.

 

was ist zuhause

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traum: ich will nach hause fahren, in einem gedränge von leuten, aber nicht mitten drinn, sondern eher am rande. viele busse, sie sind schon überfüllt, ich spähe nach dem richtigen aus und am ende verpasse ich ihn. neben mir steht noch ein guter bekannter, dem es nicht gelungen ist, aber im gegensatz zu mir, ist er sehr gelassen, was nicht heute gelingt, wird sicher morgen sein.

leer, freudlos, ausgesetzt fühle ich mich, aufgespannt im nirgendwo, weder hier, wo ich nicht sein will, noch dort, wohin ich will.

aber wohin will ich?

gestern wurde ich wütend, weil jemand mich festzurren wollte, „du definierst dich über Marie“, das ist  der gipfel aller missverständnisse, denn wie immer bin ich auf der reise – nachhause.

mir einen weg dorthin schreiben.

wobei: es ist kein ort, es ist eine innere konfiguration, am ehesten noch die ausgestreckte hand und ich weiss sehr genau, wie ich zögere, wie ich mich schneller im kreise drehe, um meine sehnsucht nach diesem ort nicht zu spüren,  die stärke des gefühls macht mir angst. sie haut mich um.

kenne ich mich so wenig.

so wache ich auf.

es war so viel, so leicht vergisst sich, wusste ich noch, wohin ich will.

zuhause ist eine andere stadt in einer  welt, die ist zuhause, dort  muss keiner sein, damit …,  keine persona vor dem gesicht  und nicht die aufführung eines fremden, den ich nicht kenne. hört dort das vergebliche auf, das angestrengte, jemand zu sein, eine rolle, nur ein spiel und ist es dort regsam und eifrig, aber kein stillstand und keine erstarrung. zuhause ist  der geistige ort,  ist der grund des grundes, warum ich dinge tue und denke und fühle,  der nicht-ort, aus dem die kraft fliesst, in dieses zähe hinein, das sich jetzt nennt, ein leuchten zu bringen.

die ersten schritte ins unbekannte, wann komme ich an, ist nicht die frage, sondern: bin ich auf dem weg. oder habe ich schon resigniert und wird es schon kalt.

muss ich noch sage, was das schlimmste wär.

 

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das ist meine wirkliche erbschaft

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im grunde ist alles gesagt, schon lange, wir sind nur variationen und als solche genötigt, alles aus uns heraus zu holen, was in uns steckt. sozusagen unsere individuelle erscheinung zu rechtfertigen. das ist kein easy business, kein job, das ist eine lern- und entwicklungsaufgabe ein leben lang. das ist der sinn, den wir der veranstaltung geben können. das meine ich ernsthaft.

das heisst auch, das, was uns anvertraut wurde, zu würdigen, es „zu erwerben, um es zu besitzen“. wie man heute sieht, geht das nicht von alleine.

(Miet)Hausbesitzer zum beispiel sind oft, nicht immer, so eingestellt, dass sie, wie es früher hiess, die kuh melken, aber nicht füttern, was heisst sie kümmern sich nicht drum, lassen das haus verlottern, lieber maseratti als ein neues dach oder eine gute infrastruktur für Mieter. eingedenk der tatsache, dass sie der gemeinschaft (gibt es das noch?) etwas schulden, weil sie ohne das soziale umfeld, die infrastruktur, die wirtschaftliche umgebung etc. gar nichts wären. also gibt es aus diesen zusammenhängen heraus, die sehr konkret sind, die verpflichtung etwas zurück zu geben, in der form wenigstens eines bedachtseins auf den guten zustand des hauses, wobei haus auch unser aller haus meint, diesen planeten.

wenn ich sehe, dass leute ihren besitz vergammeln und vorkommen lassen, tut es mir weh. das ist kein respekt.

und da wir auch von unseren visuellen eindrücken leben, ist es  ein mangel an respekt, wenn hässliche bauten lieblos zuhauf  hochgezogen werden. man muss nicht denken, diese reinindensackmentalität habe etwas elegantes, ganz abgesehen von dem sozialen und gesellschaftlichen, in der erscheinung manifestiert sich die antisoziale gesinnung.

ich rede pro domo.

es ist klar, dass die verwendung der begriffe verpflichtung, die aus einem konkreten zusammenhang erwächst, also keine aufgesetzte moral ist für den sonntagmorgen, und verantwortung, die sich ebenfalls daraus ergibt, als zurückzahlung einer schuld an die gemeinschaft, nicht sehr postmodern modisch ist. schuld, das ist doch was für betbrüder und -schwestern oder?

sozialer sinn gar? was ist denn das.

er ergibt sich aus einer nüchternen analyse der sozialen und wirtschaftlichen verhältnisse und realen zusammenhänge. das ist keine ideologie. aber die geldsackmentalität ist eine und keine schöne. die anhäufung von unvorstellbarem reichtum auf dem rücken der gemeinschaft ist eine perversion.

wie ich darauf komme?

aus erinnerung, die als eingefleischte lehre sehr präsent ist. Marie und ich, wir haben uns immer gefragt, was für eine verantwortung erwächst aus irgendeiner art von besitz und ich rede hier nicht von philantropie und almosen. ein patrimoine verlangt von sich aus, quasi definitorisch, das umständliche vorsorgliche bemühen. was, bezogen auf haus, die frage einschliesst, was ist gutes wohnen. gehen tatsächlich alle relevanten erkenntnisse ein in das, was wir tun? die styrodur mentalität, die sich als neuester stand ausgibt, spricht dagegen.

heute sind die wörter sozial, verantwortlich, nachhaltig sehr oft einfach nur austauschbare elemente in einem nicht abreissenden gerede, aber nicht die feststellung einer tatsache. wohnen in grosskleinstein ist keine soziale angelegenheit, keine gesellschaftliche, sondern eine rein finanzielle. das recht auf wohnung ist de facto in frage gestellt durch die horrenden preise, die durch gar nichts gerechtfertigt sind und bestandteil der nächsten blase und krise sein werden.

ich kann es nicht ausstehen, wie heute mit worten umgegangen wird, das grosse blabla: wir können nicht, wir dürfen, wir wollen nicht intervenieren in die kräfte des freien markts. wir haben alles dereguliert, nur in den vorgärten wird reguliert.

wenn demnach besitz definiert ist durch verantwortung und verpflichtung und schuld und diese werden nicht wahrgenommen, dann ist es nur logisch, wenn  die abschaffung des privatbesitzes gefordert wird, aber auch dann gelten die gleichen prinzipien, wer in einem der gemeinschaft gehörenden haus wohnt und sich nicht darum kümmert, hat das, was wohnen heisst, nicht verstanden.

die geltenden masstäbe für die private aneignung von dingen, die sich selber gehören und gemeinschatlich genutzt werden, sind absurd. sie führen sich jeden tag selber ad absurdum.

in der art, wie jemand mit den dingen umgeht, zeigt sich, ob er sie schätzt oder hasst und verachtet.

in der art, wie heute mit der erde, unserm haus umgegangen wird, zeigt sich unsere selbstverachtung und unser selbsthass.

die allertiefste ursache ist der tod. unsere zivilisation ist auf weiten strecken als bunker über dem tod gedacht.

wir haben es nicht begriffen, so meine beschränkte erfahrung und auffassung, den tod, das ende, die letzte grenze in unsere lebensweise zu integrieren. der tod ist ein unfall, zu diesem schluss komme ich jeden tag, wenn ich die zeitung gelesen habe und auf die todesanzeigen gegen ende stosse. dass es diese tode gibt, die angezeigt werden, geht nicht einmal aus einem fitzelchen des vorangegangen hervor. der tod ist eine erstaunliche tatsache, ich bin jedes mal verwundert, wenn die ersten fotos der verstorbenen auftauchen; dann denke ich, jedes mal denke ich das, wo kommen diese tode denn her; dann sage ich auch jedes mal, wir leben, als gebe es den tod gar nicht. als gebe es kein ende, bis wir davor stehen.

aber ich kann nur für mich reden.

was definiert mich? meine sterblichkeit. überall sehe ich das ende. ohne dieses ende gäbe es keinen neuanfang. „der tod ist der schöpfer.“, das ist ein provokanter satz des Malers Karl Ballmer. man muss mit diesem satz nichts anfangen können. man kann diesen satz unmöglich finden. man kann sagen, ich habe mit dem tod nichts am hut.

der tod ist eine sehr konkrete sache, er beginnt mit dem sterben, das dauert monate, dann liegt eine leiche da. das war einmal Marie. man sitzt da und geht fast kaputt. man denkt, man hält das nicht aus. ausgerechnet sie. und dann bricht etwas ab, so dass man wimmert.

da ich das erlebt habe, habe ich auch erlebt, dass es kein zurück mehr gibt in eine illusion, als sei der tod nicht immer dabei, als habe er mit dem rest nichts zu schaffen.

wenn der rauch sich verzogen hat, wird in einer klarheit, die es vorher nicht gegeben hat, höchstens für privilegierte augenblicke, deutlich, überhaupt erst sichtbar, was beziehung heisst; das ist immer sehr konkret, wie auch geist sehr konkret ist, die beziehung zu dieser person, und das, was in dieser beziehung hin und her geht, das produkt sozusagen, das aber nie ein endprodukt ist sondern eben eine fliessende lebendige beziehung. das nenne ich geist. man könnte es auch einfacher sagen, das, was eine beziehung interessant macht und die personen füreinander, die gesamtheit davon, inklusive des sinnlich erfahrbaren, wahrnehmbaren, also auch die entwicklung, sie ist ablesbar daran, ob das interesse lebt.

sowas definiert einen, nicht die andere person, sondern die beziehung, sie ist sozusagen das subjekt. sie ist keine addition sondern eine funktion, eine gleichung.

definiert sich auch der grenzübertritt? denn als solchen habe ich ihren grenzübertritt für mich erlebt, als ein definitives definierendes ereignis, hinter das es kein zurück gibt. nolens volens. ich will auch nicht zurück, das wäre nostalgie. aber auch, weil ich das gar nicht kann. das leben danach ist ein anderes, das andere definiert sich als: es ist dir etwas wesentliches genommen. das neue erleben hat seinen preis, zwar ist deine wahrnehmung gereinigt, zwar brennt der schmerz, zwar siehst du alles leichter, ich meine damit, was vorher so bedeutend war, ist es nicht mehr, überhaupt verliert vieles seine bedeutung und das bedeutende entpuppt sich als leer (das betrifft eine ganze lebensweise), aufeinmal schätzt du das vorübergehnde, das vorläufige, das vergängliche in allen dingen, es verleiht ihnen einen dunklen glanz, eine schönheit, die vergeht, die lichtflecken durch baumkronen auf einem waldweg, das lächeln auf einem gesicht und du bist schon vorüber, die schmerzliche schönheit, der reiz, den wolken haben, sie ziehn, verwandeln sich und vergehn auf einem blauen grund ins unendliche.

am tod zerschellt das gerede wie an einer stahlwand.

ich halte es für absolut vermessen, einen satz anzufangen mit den worten, ich definiere mich über… das ist ein lächerlicher satz.

was ist daran so schlimm, dass der tod einen aus seinen definitionen hinaus wirft.

ich denke mir mein leben mit Marie nicht ohne genau dieses ende. in jedem anfang steckt es schon drinnen, man weiss es, insgeheim weiss man es. dass einem das, was man am meisten schätzt,  wieder genommen wird. und doch wird man es zu diesem über alles geschätzten erst machen, man häuft reichtümer auf reichtümer und ihre verwandlung in eine fähigkeit, eine neue wahrnehmung, tut sehr weh. es bleibt einem gar nichts übrig, als genau diese verwandlung zu vollziehn,  sich vollziehen zu lassen.

ich habe schon einige kleinen tode erlebt, aber das ende meiner beziehung zu Marie übertrifft alle um ein vielfaches.

ich komme zurück an den anfang, was für materiellen besitz gilt, gilt umso mehr für geistigen und emotionalen, das heisst eine lifetime erfahrung, auch dort gilt das „erwirb es, um es zu besitzen“, heute sagt man dafür integrieren, einen schatz, einen unendlichen reichtum. ich gehe zur tagesordnung über, so sagt man doch, das tue ich gerade, denn das ist die tagesordnung.

der erlebte tod des andern enthält definitorisch eine verpflichtung, sich seiner würdig zu erweisen, das ist meine wirkliche erbschaft.

ich schwimme hinaus, weit hinaus und lange und schaue manchmal zurück an den strand, wo ich meine sachen abgelegt habe, ganz früh morgens, wenn die welt noch neu ist und dort sitzt sie und winkt, dort sitzt sie nie mehr, ich weiss das und weiss es nicht, ich tue nicht so als ob, ich weiss, ich bin allein und schwimme hinaus und bin zuhause, in einem schmerz und einer freude, dort vorne, ganz vorne auf den steinen, die ich so sehr liebe, sitzt sie und sitzt sie nicht. und was  vorgeht zwischen hier und dort, das bin ich gerade.

 

 

 

 

 

 

 

 

die müden blätter des kirschbaums

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fast schon habe ich mich vergessen.

jemand sitzt im garten und träumt, er sei ein Baum, ein Strauch und das Gras, das seine füsse berühren. und das leben mit ihr, war es wahr, war es überhaupt und nicht auch ein traum von einem miteinander und wer ist sie, das nie aufhörende staunen an jedem tag.  als sie ging, war der garten leer wie das haus, wie die strasse, der ort und die welt wurde stumm, hörte auf, plötzlich war ein loch gerissen in alles und sonst gar nichts mehr. das erinnert er im schatten des gartens und rundherum der lärm der dinge, motoren und sägen und hämmer und dahinter  nichts, jedenfalls nichts von bedeutung. der garten ist still, ein versinken und darin träumt jemand, er sei ihr begegnet.

wenn die vögel nicht zwitschern würden, die tauben in den birken nicht rascheln, ganz flattrig, dann könnte er denken, er sei nicht mehr da, jedenfalls sei er am verschwinden und auch der garten nur ein ferner traum.

nichts ist sehr wichtig, er stellt sich nicht vor herum zu gehn, bedeutende dinge zu tun, lieber verschwindet er zwischen bäumen und büschen im sommertraum einer versunkenen welt und darin sie, mit grossen augen schaut sie ihn an. das ist, so weiss er noch, das allerwichtigste, sie sieht ihn  an und sie sagt seinen namen. überhaupt ihre augen, ihr mund, ihre hände.

ein traum träumt sich ganz von selber, die blumen so gelb, so weiss und die ersten spuren des sommers im gras und die müden blätter des kirschbaums.

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Im Blau einfach weiter reisen

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Die besondere Variante von Grün, die ich gerade erblicke, geht ins Blaue hinein, andeutungsweise, ein Sprenkel auf einem weissen Blatt. Er dient mir als Schlüssel zu einer Tür und die Form auf dem Papier erinnert auch von ferne an einen Schlüssel, wenn auch einen sehr eigenartigen.

Jedenfalls hinaus aus dem, was gerade ist.

Der Garten füllt sich mit Sommergästen zum Sommerfest, ich habe einmal hinaus gesehen und mich dann, unter einem Vorwand diskret entfernt, man kann sich unsichtbar machen und meine Abwesenheit ist eine Weile unbemerkt. 

Unterdessen studiere ich Wolkenformationen auf  makellosem Blau. Der Sonntag erwacht erst, kaum Verkehr, Stimmen nur aus sehr weiter Ferne, Vogelgezwitscher in den nahen Baumwipfeln, eine leichte Brise macht die Rotbuche gegenüber flimmern.

Ich lasse mich langsam hinein sinken.

Motorne Geräusche, Rauschen, anschwellend, da, genau vor mir und es entfernt sich, verstummt und das nächste. Eine Autotür klappt zu, eine Flasche klirrt in einen Container.

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Ich weiss natürlich, warum ich zögere mich unter die Gäste zu mischen.

Gelächter, Scherze, ausführliche Begrüssung, Gespräche, Leute werden einander vorgestellt, wieder Lachen, Lächeln, die Kinder rennen herum und mitten in allem eine Art Riss im Raum, mitten in der Fülle, nur ich kann ihn wahrnehmen, dort ist die Stelle, an der Marie verschwunden ist.

Nun werden es immer mehr Gäste, der Garten füllt sich, überall Leute und Leben und ich bleibe lieber sitzen, schaue hinaus auf die Wolken, die Bläue und ich weiss, dem festlichen Trubel bin ich heute nicht gewachsen.

Der Sonntag erwacht sehr langsam, Kinderstimmen von der Strasse her. Heute trösten mich die Wolken: Du tust etwas, du blickst wieder auf und schon sind sie neu und ganz anders und überraschend, sie sind das Element, in dem Proteus spielt, sie sind die Wechselfälle in reiner Form, wuchtig und federleicht und gleich schon vergangen und ich der Hans-guck-in-die-Luft.

Man ist so sehr gewohnt, geradeaus und hinunter zu schauen, dass es fast Mühe macht, den Blick für eine Weile nach oben zu richten und sich der Weite auszusetzen.

Wenn ich hinaus blicke auf das Wolkengetüm über mir und in die blauen Fenster darin, fühle ich mich fast gehalten.

Nur sehr langsam wird mir bewusst, wie sehr ich ein Träumer bin und wie wenig ich meinen Träumen nachging, oh, es sind ganz einfache Sachen, am Wasser sitzen zum Beispiel oder ein Wolkengucker sein, auf Geräusche lauschen in alle Feinheiten hinein, unter Bäumen flanieren, nachdenkliche bedächtige  Gespräche führen und eins am andern an Waldsäumen, Wiesen.

 

Der Traum ist kein Muss und er ist kein Soll.

Der Traum ist genau und erinnert alles, am Fuss des Wassers jedes kleinste Kräuseln, jede feine Dünung, jedes Glitzern, Aufblitzen, jedes Glucksen, ein Vogel streicht am Waldrand hin, ein Wind legt  Gras in Wellen, von irgendwoher eine Stimme, sehr fern, und in der Bläue oben die Ewigkeit, keine seelenloses Immerweiter, nein, ein Angesprochensein.

Der Traum inszeniert kein Leben. Der Traum vergisst kein Gesicht.

Der TRÄUMER träumt die Welt ins Dasein.

Der Träumer ist ein Teil des Traums.

Der Traum ist der Hund im Kegelspiel.

Der Traum sieht klar, der Traum schaut in jede Ecke, der Traum sieht um die Ecke.

Ich nenne diesen Teil von mir den Träumer, weil er in der gegenwärtigen Bewusstseins – und Seelenverfassung wie ein Träumer vorkommen muss. Er tut für heutige Begriffe noch nicht einmal das, was der Normalmensch (gibt es den?) im Urlaub tut, denn dort wird weiter getan und gemacht und heftig erlebt, und selbst das sogenannte Relaxen geht nicht ohne Anstrengung oder es ist ein Einsacken, ein Zusammenfallen, hinterher muss alles mühsam wieder zusammen geklebt werden.

Mich als Träumenden am Waldrand zu erblicken, nicht erst nachträglich, sondern im gleichen Augenblick, das ist (nicht war) eine überwältigende Entdeckung. Plötzlich steht der Junge auf dem Kinderfoto neben mir, er lächelt verlegen. Das ist ein Glück. Aber keines, das verfliegt, wenn es bewusst wird, sondern dieses Glück ist genau das: es wird bewusst.

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Ein solcher Augenblick singt.

Ein solcher Augenblick  ist eine Öffnung.

Ein solcher Augenblick kann gar nicht angemessen beschrieben werden.

Dagegen ist alles übrige  Anstrengung und Krampf (wenn ich dies haben will, dann muss ich jenes tun, nichts dergleichen, Windstille hingegen, kein Hauch, einen Augenblick gar keine Zeit, schweben, gar nichts bewegt sich, und nun das plötzliche Erwachen von etwas längst Vergessenem, nicht Vergangenem, auch Zukünftigem, aufgeladen mit es ist und es wird).

Es  war etwas angehalten und nun endlich gerät es in Fluss, nun endlich entsteht eine Bewegung, eine ganz andere, im Zickzack, in Spiralen, auf und ab, aber keine bekannte lineare, aber auch die mitunter, also neben der üblichen, auf einem ganz anderen Geleise,  keinem eingefahrenen, einem, das erst entsteht. 

In die Wolken Gesichter hinein schauen.

Im Blau einfach weiter reisen.

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