grundsätzliche leser beschwerde

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es regnet, gestern hat der regen eingesetzt und erst am morgen eine pause gemacht, in dieser: ein fulguranter auftritt der sonne hinter schwarzen wolken, der regen liess sich etwas zeit, dann legte er wieder los und der himmel nun von einem leuchtenden hellen grau und das grün der wiese vor der dunstwand der einzige farbton, der es in sich hat, der horizont beginnt gleich am zaun, hellgrün gelbgrün und dunkel, als sei der regen eigenst dafür inszeniert und die stille.

gestern nacht habe ich meinen (?) roman fertig gelesen und langsam langsam begriff ich, da arbeitet sich behutsam, beharrlich und zäh jemand aus dem schweren stoff einer wunderlichen umgebung heraus, nicht klein zu kriegen, stolz, ironisch (wie sonst dingen beikommen wie den geschilderten), etwas frech, aber, wie schon gesagt, immer elegant (eine fast unausweichliche option) und wird am ende sichtbar (ganz? enfin, sie zeigt sich, soweit sie sich zeigen will, natürlich). emergenz passt als begriff dafür. und da man sie nun kennt, ist auch der ton bekannt, genauer die musik. und das haus und die katze, pardon, der kater, er bringt die sache auf die nötige distanz, die sache? ein leben.

kann man verstehen, dass einige sowas nicht mögen.

ich bin frustriert, wenn eine geschichte aufhört, als enthalte jemand mir sein letztes geheimnis vor, als betrüge er mich darum, als wisse er doch mehr und schweige sich aus, nun definitif, bis er vielleicht eine neue geschichte erzählt und nun das gleiche manöver, als prelle er mich um das wichtigste, als wisse er mehr als ich jedenfalls und nun sitze ich wieder auf meiner ahnungslosigkeit.

nicht er, sie.

und ich war doch so nahe dran, so nah wie nie.

weshalb ich weiter lese, ein völlig hoffnungsloser fall, denn das ende jeder geschichte trifft mich und ich verliere für einen kurzen moment die fassung, das kann sie nicht mit mir machen.

den schluss lese ich besonders sorgsam behutsam langsam, zögere den letzten satz hinaus, lege das buch mehrmals zur seite, nehme es wieder auf, lege es wieder weg …

diesmal, ich gebs ja zu, war ich überrascht, auch frustiert, wie könnte es anders sein, schnöde im stich gelassen, und zugleich, völlig unverständlich: auch befriedigt.

am ende hatte ich eine art epiphanie, so als sei etwas im raum, eine verdichtung der luft, eine einbuchtung.

im ernst.

das war gegen zwölf, da ist alles möglich.

Und die lektüre bis zum schlusssatz: reiner genuss.

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Kater Murr

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da fand gestern einer, ich sähe aus wie ein huhn, ein altes natürlich, ich schaute in der vitrine meinem ungefähren spiegelbild zu und musste ihm recht geben, in der tat gibt es überall physiognomische seltsamkeiten, körperlich auffälliges, ich registriere das, verzichte aber meist auf beurteilungen, die leute haben genug mit sich selber zu tun, ich muss dem nichts hinzufügen.

ich altes huhn also, alter hahn auf meinem mist und das krähen veranstalte ich diskret, wie hier, und das gackern sowieso, Chicken Shack. aber mein profil hat natürlich was davon.

kitsch und kunst sehr nahe beiander gestern,und bei Miró fällt mir aufeinmal der kindliche duktus auf, in einem film bearbeitet er eine platte mit den fingern, das hat mich auf die spur gebracht, und es ist neben den kleinen monstruositäten, die aus seinen bildern schaun, dieses kindlich verspielte in seiner art, auch der garten, ein grosses kind hat ihn gemacht, oder vielmehr mehrere. weshalb kunst mich noch immer fasziniert, wogegen das geschäft einen eher verscheucht und neben schätzen gibt es auch viel mist. so dass die grenze nicht erst dort verschwimmt, wo unsägliches an touristen und ausflügler gebracht wird.

kitsch kommt meist sehr ungeniert daher.

was ist eine gute geschichte?

sie ist elegant, wie …, wie ein eleganter tanz und verspielt, nicht nur in den worten (in dem gemeinten, in der hindeutung), sie gibt dem erzählten, das es vielleicht gab, wie im falle von 4711 (von Anne Schmitt) eine dichte, die es in der realität nicht hatte, eine atmosphäre zum greifen, etwas bedeutsames, selbst im banalen, eine lustigkeit, die dem leben oft abgeht, und eine freude, die eine freude am fabulieren ist. die vergangenheit glänzt noch einmal, und nun versteht man den sockel besser, auf dem das heutige aufbaut. es ist eben nicht nur lustig, aber das schwere doch leicht erzählt, wie nebenbei und dass es eine art schlüsselroman ist, der von real existierenden leuten berichtet, ist im grunde nebensache oder sagen wir so, es ist verwunderlich, dass es leben wie romane gibt. oder schreiberinnen, welche die grenze zwischen beiden durchlâssig machen, ja, aufheben.

vielleicht schwärme ich, denn überm lesen wurde es sehr spät (und überm schauen, denn es gibt bilder, dazu von jemand wie Moritz Ney). und die figuren kamen sehr nah, ich sah hinein in eine verzauberte welt. ein kater erzählt sie, wie könnte es anders sein, eine art Kater Murr: chants et poésie ou bien ponts et chaussées, seine Lebens-Ansichten eben.

wie auch immer.

 

heckenecke III

 

AM LIEBSTEN ALLERHAND UNRUHE, DAS BERUHIGT UNGEMEIN, ALLES RUNDHERUM IN BEWEGUNG UND ICH, STILL UND GELASSEN, TRAUER UND FREUDE ZUGLEICH, WELCH BIZARRE MISCHUNG.

der horizont verschleiert, aber die gewissheit der dunklere streifen ist das meer.

und die geschäftigkeit rings, das unaufhörliche fahren, das tun und machen, die frische brise weht es weg, erfrischend und von neuem setzt es ein und fort.

dann findet man dinge wieder, vertraute, schlägt buchseiten auf und man merkt, wie man lächelt, der gelesene satz ein alter bekannter, immer schon gekannt, aber wie zum ersten mal gelesen.

die botschaft eines freundes über den verlauf seiner krankheit, seiner gesundheit vielmehr, macht mut, bestärkt einen, man möchte ihn umarmen,er sagt dinge, an die man sich halten kann.

meine melancholie vergeht nicht, aber ich kann sie befragen und sie spricht von ihr und mir und ich kann sie ertragen, ja, in mir bewahren als eine kostbarkeit, ein geschenk. so drückt sie mich nicht nieder, sie hebt mich auf, ich kann gehen und manchmal lachen.

und manchmal braucht es gar nicht viel, eine liebe geste, ein wort genügt völlig. es muss gar nichts grosses sein, damit alles sich ändert.

 

 

heckenecke II

 

keine voreiligen schlüsse, keine beschwerden, keine klagen, aber morgens das erwachen hat einen beigeschmack von, was mache ich hier und einmal der gewisse eindruck, ich bin zuhause und beim zweiten wimpernschlag erst das erwachen am meer.

man kann sich hier verlieren, wäre nicht schon ein teil weg. man sieht den resten zu, wie sie davon flattern.

zwischen schwimmen und dösen, lange pausen von nichtstun. soll ich noch ein buch aufschlagen?

was ist melancholie? einige sind schon abgereist, darunter marie, pin und palme. und die frage, die mit der antwort hadert, sie ist zögernd gestellt, zweifelnd, und ich soll alleine da bleiben. selbst freundliche nähe hilft da nicht viel.

du ermahnst dich selber, du lässt dich ermahnen. aber melancholie, eine richtig solide, sitzt tiefer als du mit worten erreichst. lassitude. du stellst dir dies vor und jenes, das alles wäre zu tun und du tust nichts. oder nur widerwillig und du könntest hierhin und dorthin, es gibt hier tausend orte, die dir einmal teuer waren und nun? melancholie lähmt, schleppender schritt (noch nicht), aber die niederlage ins gesicht geritzt.

ich muss mich überwinden, eine schwere in allem, ein zögern, jedesmal ein widerstand zu überwinden, selbst bei dingen, die spass machen sollten.

war ich nicht doch immer so, am liebsten an meinem kleinen ort, höhle, refugium, schutzzone, baumhaus, aber nicht ganz glücklich damit, die neugier stärker als alles, und demnach hinaus und wenn ich das tue, verflattern vorbehalte und ängste.

presslufthammer, abgedämpft, von rechts, jemand bohrt sich in den felsigen grund hier und insistiert und insisitiert und nochmal. presslufthämmer lassen mich an zahnarzt denken.

die sonne verwandelt das meer in einen gleissenden fleck, eine elster keckert bald nah bald fern und eine andere antwortet, kindergeschrei von ganz unten, in der schulpause wie eine explosion von energie in gelächter und rufen.

dann besuch von handwerkern, die abflüsse werden kontrolliert,  lächeln, händeschütteln, erklärung des aufmarschs, ich bin noch im négligé, lassen sie sich nicht stören, ich lasse mich nicht und bitte um nachsicht für meinen pyjamaauftritt.

die brise versöhnt, die hitze septemberlich angemessen, das wasser anfänglich doch sehr kühl. aber ich kann es nicht lassen.

am nächtsen tag ist der himmel melancholisch verhangen, lange gespräche am frühstückstisch über trauma und vision eines angemessenen lebens.

was ist wirkliche anwesenheit.

 

heckenecke

das stachlige gewächs vor mir, eine yucca art (nach meiner app eine Schott), treibt milchweisse traubenblüten, die langen blätter sind unten gebräunt und oben prallgrün, die hecke wuchhert ein wenig und das gartengras, eine wilde art, die sehr zäh und hartnäckig ist, sie hat alle dürren überlebt, während die feinen vornehmen gräser dahin geschwunden sind, das meer vor dem zaun ist tatsächlich blaugrau, aber leicht, nicht das bleierne blaugrau des nordens und der himmel blass blau dunstig, am hügel eine leichte brise und motorengeknatter von unten und von rechts baggert es fern.

wâhrend hier oben libellen auf dem zaun und den grasblüten parken und von links gluckert wasser sanft in einer röhre, die sträucher am hang sind verblüht, nur noch vereinzelt weisse und rote tupfer und der pin trägt reichlich zapfen.

die palme ist weg, wenn ich aufblicke wundere ich mich immer noch über die leere stelle. an der heckenecke breitet eine ganz junge ihre fächer aus, ein kind der alten, die zum bild gehörte, ich rede noch immer von ihr wie von einer anwesenden.

aber die olivenbäume sind noch immer da und in der bucht liegen weisse boote, die luft riecht bekannt,  italien (als ob das auf den hügeln geschrieben stünde) ist noch an seinem alten ort und grimaldi hockt auf seinem felsen, hellbraun, danach die orte wie an einer schnur aufgereiht die küste hiunter, helle flecken in dunklem grün.

die altersgewässer, die man so tatgtäglich befährt, sind mitunter tückisch, eine vergessener name kann panik auslösen und man beoabachtet sich danach misstrauischer, gedächtnistest, bis ich mir eingestehe, dass namen noch nie meine sache waren, eher gesichter. und trotzdem, das misstrauen geht nicht mehr ganz weg.

aber das gefühl, hier ein wenig zuhause zu sein.

 

über die poetik des kratzens

 

frage heute morgen (seit gestern): warum habe ich mich (vorher) nicht frei beim schreiben gefühlt? ich meine, es ging weder damals noch heute darum, dass ich über intimes schreibe (hängt wohl vom standpunkt ab) oder tabu themen angehe, jedenfalls: jetzt erst fühle ich mich so frei. das heisst nicht, dass ich mir keine selbstzensur auferlege.

das habe ich schon gesagt (was eigentlich noch nicht), dass ich ein grosser fan des digitalen abfallkorbs bin and empty bin, es ist endgültig weg. wenn es den nicht gäbe, käme ich gewiss auf die idee, ich sei doch eine art von „schriftsteller“, aber ich schreibe bloss, wie man sich kratzt, wenn es juckt. das ergibt nur eine poetik des kratzens, es klingt etwas vulgär und seicht, ich kann nicht einmal vernünftig erklären, warum es so ist, also, warum tu ich das.

ich will die metapher des kratzens nicht weiter bemühen, denn dann … es scheint spass zu machen, manchmal quäle ich mich damit, finde es nicht gut und drücke doch auf „veröffentlichen“, zur strafe gewissermassen, zum test, ob ich mich traue, einen misslungenen text zu zeigen (oh welcher mut, welche kühnheit, rufe ich mir dann zu.)

ich bin zu diesem blog gekommen, nicht wie die jungfrau zum kind, die sprichwörtliche, sondern durch den tod von marie.

und gleich ist der verdacht da, können öffentlich gemachte gefühlslandschaften eventuell darauf hindeuten, dass sie mehr pose als wahrheit sind. also der grandiose, auch mitgeteilte gestus, die trauer drückt mich nieder, ich werfe mich auf mein sofa und höre de profundis von arvo pärt.

nebenbei festige ich so meinen ruf als schreiber.

es gibt anscheinend leute, die auf dem weg eine kleine literarische karriere gemacht haben, das wird ihnen vorgeworfen, mehr pose als substanz.

das ist eine schwierige sache. je weiter das ereignis sich entfernt, es bleibt im raum und ziemlich nahe, desto klarer wird, das schreiben hat mich vor dem ersticken bewahrt, ohne das schreiben hätte ich keine worte gefunden, es hätte sich angesammelt und mich erdrückt, von innen, also ersticken ist das rechte wort, irgendwann hätte ich unartikuliert (das ist es) auf der strasse geschrien, das wortlose, undifferenzierte gefühl hätte mich verrückt gemacht, so konnte ich es sortieren, benennen und habe ihm die wucht genommen.

ich weiss, dass viele leute ihnen nahestehende menschen verlieren und ich bilde mir nicht ein, ich sei darin ein besonderer fall (jeder fall ist besonders). aber das verhindert die wucht des erlebens nicht, das verhindert den schmerz nicht, kein zynismus schwächt ihn ab, und wenn einer denkt, er sei abgehärtet genug vom leben, um sowas elegant auszuhalten – das habe ich auch gedacht, ich habe mich immer wieder mit tod und sterben auseinander gesetzt – dann wird ihn der konkrete erlebensfall eines besseren belehren, er hat mich jedenfalls belehrt.

Es gibt den alltag, die verpflichtungen, die aufgaben, die gehen nicht weg, weil die frau gestorben ist. natürlich war auch selbstmitleid dabei, ich habe mich immer wieder daraufhin geprüft, aber die ungeheure schwäche, die durch den tod von Marie entstanden ist, eine art wehrlosigkeit, schutzlosigkeit, das verschwinden von festen , sicheren anhaltspunkten, kurzum das geschlagensein, wie in einer schlacht geschlagen werden, am boden liegen, besiegt und nicht wissen, wie aufstehen geht, das alles ging nicht weg, weil ich sagte, allez hop, und weiter mit der karre, so ist das scheissleben nun mal, ce n’est pas une sinécure, es ist kein freizeitpark und wo geht es zu der nächsten attraktion, das habe ich mir gesagt und es hat nicht geholfen. ich bin nur langsam auf die beine gekommen, manchmal gab es den text, den ich schrieb, und das wars für den tag. und ich behaupte nicht, ich funktioniere wieder wie vorher, habe meinen kurs wieder, meine repères und es läuft. ja, aber mitunter läuft es nicht, es ist nicht mehr dasselbe, es ist eine andere realität, vieles ist nur noch stuss, wenn ich es wahrnehme, denn vieles interessiert mich einen feuchten dreck, ich habe nicht vor die positiven seiten der sache auszubreiten, denn ich nehme keine wahr, tut mir leid, ich rapple mich auf, das ist alles.

das schreiben hilft mir, klarheit zu gewinnen, das knäuel zu entknäueln, ich schreibe keine geschichten und wenn es eine wird, dann, weil es spass macht, denn manchmal macht es tatsächlich spass, das leben.

aber sag mir keiner, ich soll jetzt endlich ein loblied auf die veranstaltung singen. weil ich nochmal davon gekommen bin. ich stelle fest, ich bin doch ziemlich zäh, aber auch ziemlich verletzlich. ich habe hingegen keinen grund den harten burschen zu spielen, der alles spielend wegsteckt.

und ich habe keine lust über sachen zu schreiben, die mich nicht berühren.

warum ich das dann veröffentliche? das ist eine gute frage.

„ich bin dann mal weg“

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rentrée, alle sind wieder da, die strassen sind verstopft, wie schön. rechtzeitig ein paar neue baustellen und alte, die nicht enden, das rotlicht unten an der kreuzung funktioniert tagsüber nicht, einfädeln macht richtig spass, man lauert auf ein zögern, eine lücke, die gross genug scheint, und dann, ausgerechnet dann, fährt einer mit elektroroller vorbei. durchatmen, tief, es sieht doof aus, auf einem elektrofahhrad tritt man wenigstens noch in die pedale und bei 25 setzt der motor aus.

ich schreibe bloss, um mich um die einsamkeit herum zu winden, schinde zeilen als mein eigener ghostwriter, erzähle mir selber geschichten, um mich zu trösten.

wenn alle wieder da sind, fahre ich weg, am meer scheint die sonne, sagt meine wetter app, und die touristen sind längst wieder zuhause, der sommer nähert sich dem herbst, ich werde am meer entlang gehen und schwimmen, das wasser wird kühl sein und auf der haut prickeln. ich werde nicht an die wasserqualität denken, ich werde in der sonne sitzen und schweigen, die berge sind nicht weit. wenn das eine land mir nicht passt, besuche ich das andere, grenzen bedeuten gar nichts.

am meer muss man überhaupt nichts sagen, schauen genügt und hören, die brise trägt die gerüche heran, auf den felsen sitzen möwen. das leben geht hier von selber. es ist tragikomisch wie überall. vielleicht werde ich mich sogar freuen.

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aber das gefühl im exil zu sein, ausgeschlossen von dem grossen spass, der überall versprochen wird, wird auch dort nicht vergehn.

in den letzten jahren unseres zusammenseins sind wir erst dann unterwegs gewesen, wenn die andern zurück kamen. das kann ich nicht vergessen.

dieses eigenartige gefühl, zu spät dran zu sein oder zu früh, jedenfalls vor dem strom, vor der grossen welle her. oder gegen ihn, stromaufwärts. der sommer ist dann schon müde und resigniert. man reist in ein abschiednehmen hinein, einen übergang.

ich komme aus dem abschied nehmen gar nicht mehr heraus. zuerst baut man, dann baut man aus, man legt hinzu, man sagt sich, das brauche ich. und nun legt man ab, entledigt sich, lässt zurück und es fällt schwer und fällt leicht, der rest ist das unsichtbare gepäck, das sich leicht transportiert und manches davon hat auch ausgedient, ist nur noch lästig und bleibt zurück. 

man geht dann wege wie zum ersten mal. erleichtert um einiges.

dann schaut man nach vorne, der weg bahnt sich überm gehen, man geht in gesellschaft und strecken geht man allein.

das neue entspricht keiner erwartung, aber es wartet auf einen und wenn es sich zeigt, gleich ist es vertraut, so dass man weiss, es ist für einen gedacht.

„ich bin dann mal weg.“

 

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selbstgespräch zu musik, sprunghaft, unmassgeblich

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Morgens die rekonstruktion geht sehr schnell, keine zweifel daran, wer ich bin, sofort das anknippsen dieser kleinen welt und sofort die ersten verrichtungen, der erste blick aus dem fenster, die meisen am futterplatz, eine reine freude.

keine news (ich lese keine), ausser der ankündigung des neuen buchs von Christian Ferber, this is not economy, und wir hier mitten drin, schon der titel spricht einem aus dem herzen.

der auftakt meines tages. so. als paukenschlag.

flüchtig kriege ich noch den titel eines essays auf Medium mit, 255 massshootings in 251 days, wo schon… genau! ich lese den text nicht.

no doubt, spiderwebs.

eigentlich kann ich keine zeile schreiben, wenn ich musik höre, nur herum hüpfen, heute morgen habe ich währendessen festgestellt, dass es an den muskelbändern im unterschenkel zieht, also ein paar dehnübungen mehr. dabei als thema meine beziehung zu schmerz. ich stelle fest, ich nehme schmerz bildlich wahr, dieser präzise ziehschmerz im unterschenkel hat eine form,eine farbe, wolkig grau zuerst, dann grellrot, spitz. überhaupt in der ersten wachzeit noch nicht die schön säuberliche trennung in der wahrnehmung (die scheinbare), sondern synästhesie, gesamtbilder, farbig, geformt.

Chuck Berry, Johnny B. Goode

dann der erste café. eine symphonie, peruanisch, bio, knopes röstung, sofort taucht der berg auf, der steile hügel, die rötlichen früchte, der ort, die steine am weg, das scharren der maultierhufe, beim ersten schluck verreise ich. wir teilen das, noch jetzt. Marie sitzt irgendwo am pad, visitiert mails und nachrichten, konzentriert, schaut kaum auf, wenn ich was sage, der café, den ich bringe, dampft. vorbei. aber als bild da, unvergänglich.

ich betrachte es als anreicherung, es ist eine nuance in der erfahrung, eine färbung, ein geschmack, der ist gleichzeitig präsent, ich muss dazu keine erinnerung heraufrufen oder forcieren, es ist eine anwesenheit, diskret.DSC00678

Chet Atkins, Jam Man

was liegt unter der traurigkeit? überhaupt irgendwas?

das frage ich heute morgen, die traurigkeit war nie nur persönlich, privat, sie schloss immer alles ein, es ist auch der schmerz in genau dieser welt zu leben, ich muss nicht in die einzelheiten gehn.

gelegentlich frage ich mich, ob die gefühlswelt nicht etwas allgemein atmosphärisches ist, in das wir eingetaucht sind, wie auch in die gedankliche atmosphäre, man sagt nicht umsonst, der gedanke lag in der luft (und einer hat ihn aufgeschnappt und was draus geacht). das ist auch, wenn ich ihn richtig verstehe, die weltseelen theorie von Giordano Bruno. man kann natürlich alles verdrängen, wegschieben, was ja auch geschieht, jemand meinte, die zeit komme noch, wo die rede von seele und geist als völlig abwegig und krank angesehen wird, medikamentös zu behandeln, wir scheinen darauf zu zu steuern. das ist nur …

also: ist auch die traurigkeit nur ein layer und darunter, was?

Thenewno2, sacrifice

wandlung: auch wenn es weh tut, es scheint so etwas wie einverständnis zu sein, damit kein missverständnis auftaucht, ich gerate dort in eine zone, in der es keine entzweiung gibt, keinen hader mit einem schicksal, keine reklamation, eine art ja, die das übliche ja-nein, ja, nein in sich einschliesst und kein nein kennt.  dann, erst dann zeigt sich das panorama eines lebens. ich verbreite keine lehre, ich beschreibe lediglich eine erfahrung. ich möchte nicht prätentiös sein, ich verschaffe mir klarheit. wenigstens dafür bin ich allein zuständig.

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und der rest, ich meine, alles andere, auch damit bist du also einverstanden, das wäre dann eine menge übles zeug, neben dem akzeptabeln, guten, schönen. (ich rede gerade mit mir selber, sowieso, die ganze zeit schon)

Remy Zero, Gramarye.

Thenewno2, Hanging on.

nein.

ich bin nicht damit einverstanden.

aber es ist so. ich sehe es.

soll ich die fakten aufzählen: klima, soziales elend, seelische misere, geistige leere, fade ideologie, verschwendung und zerstörung statt wirtschaft, ausbeutung, dummheit, gewollte, intellektuelle verheerung, lüge, kriege, gewalt überhaupt…, ich lasse die weltgeschichte als film vor mir aufscheinen, bis heute, inklusive alles, vieles völlig unerträglich, aber da,

so ist es.

heute wird oft festgestellt, eine solche radikale zurkenntnisnahme lähme jede initiative und rufe ohnmacht hervor. das kann sein und doch, wie soll man vernünftig beginnen, wenn man nicht weiss, nicht wissen will, nicht sehen will noch kann, was ist?

was wäre das für eine handlungs plattform?

den schleier weg ziehn ist immer schmerzhaft.

manche haben uns schon aufgegeben. sie halten uns mehrheitlich für nicht in der lage, ja, völlig unfähig, etwas grundlegendes grundlegend zu verändern.

das sollte man ins auge fassen, den geistigen zustand der überwiegenden mehrheit. der gibt in der tat wenig anlass zu optimismus.

Death cab for cutie, you are a tourist

ich sehe das, was macht es mit mir.

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jemand sagt, der verkauf von SUV’s sei wo um 20% gestiegen. das ist der viel beschworene klimawandel, sagt ein anderer, die menschen wollen optimismus, der SUV verkörpert das. ein dritter, sie fahren herum, als hausten sie in wegloser wildnis. vielleicht sind sie ganz verwildert und haben keine ahnung, keine wilden gedanken, gar keine, ein vierter. wie äussert sich der sogenannte todestrieb, ein fünfter.

was ist das für ein lachen, das ich von mir höre, eine körperlich sich manifestierende überwältigung durch ein schockartiges ereignis?

Deadmau5, cat thruster

was ist ein ereignis?

wenn ich anfange zu sehen? keine vorspiegelung, fakten, erfahrungen. wenn ich höre, nicht das, was ich hören will.

wir leben in dem ideologischsten aller zeitalter, weil unsere fähigkeit der selbstbeschwindelung und selbstbeschwichtigung aufgrund der vorliegenden erfahrungen um ein vielfaches gewachsen ist. wir sind ideologiefrei. lacht da jemand?

Björk, human behavior

an diesem punkt erinnere ich mich an sowas wie frühstück, es ist ein spätstück geworden.

Vienna Teng, 1BR/1BA

also frühspätstück.

Deadmau5, mau5ville: level3

Sparta, Taking back control