zwischenphase, äusserst sprunghaft

festessen mit plastikvisier, bei bedarf hochklappbar, leichte hemmung im zwischenmenschlichen verkehr, herumgehen wie mit maulkorbdÄMPFUNG, so das ladenleben.

HABEN SIE DIE HäNDE AM EINGANG DESINFIZIERT. UND ICH, JA ODER NEIN, JE NACH LAGE, MEIST NEIN, MIR GEHT ES WIE DEM ADEPTEN, DER DIE NEUEn RITUALE NOCH NICHT BEHERRSCHT UND SICH IM ABLAUF heillos verHEDDErt, peinlich berührt.

der soundsovielte präsident, lese ich, futtert chloroquin, täglich. 30 millionen sind auf arbeitssuche und ohne sozialversicherung, regierung und eliten rüsten sich für mögliche aufstände, riot gear wird angeschafft.

viele haben gewicht zugesetzt.

in krankenhäusern, höre ich, ist die rede von den „sauberen“ und den „schmutzigen“, „di knaschteg“.

sofort denkt man an eine dosis eau de javel. die neue putzsucht.

während meiner lektüre über die geschichte unseres verhältnisses zum wald rücke ich ab und betrachte uns mit wachsendem befremden, bewildered wie ich bin, zugegeben, und schockiert. obschon ich uns doch ein paar jahrzehnte kenne. unsere bedenkenlosigkeit, wenn etwas machbar ist, es dann auch zu machen. die leichtigkeit, mit der wir alles, was uns trägt und leben lässt, zu einem ding machen, mit dem man nach belieben umgehen kann. wirtschaften wird zum unbegriff. das wörterbuch des unmenschen. wie „herdenimmunität“.

misanthropische zwischenphase. was für ein wunderliches geschlecht wir doch sind. wüste gedanken in der richtung.

aber dann doch verwunderung und unbehagen, als die stadtstrassen leer sind, verlassen, als seien alle ausgewandert oder geflüchtet. unwillkürliche sehnsucht nach mehr menschentrubel, wie schön es doch war im gedränge angerempelt zu werden, pardon, excusez-moi.

die erleichterung, im stadtpark hingelagerte menschengruppen anzutreffen, kinder laufen herum, väter und mütter spielen fangen, einige lesen, zeigen pektorale und bleiche haut.

man verschmilzt mit dem bild, vergisst sich und das weiterziehn.

zwischenphase von zwei zu drei, übergang mit trennwand und plastikbarriere, nochmal: Monsieur, s’il vous plaît, veuillez désinfecter vos mains. ich sehe meiner neuen waschmanie zu.

provisorisches.

aber ist das nicht ein gemeinplatz, ist es nicht immer ein provisorium, ein übergang zu etwas anderem. oder ist der begriff übergang ganz schief und was stattfindet ist vielmehr eine rückkehr ins alte, also eine verschlimmerung. tatsächlich kriegt man erste erste anzeichen mit, steigendes elend allenthalben.

kein gartenintermezzo, kein birkenflimmern? etwas hält den atem an und horcht genauer. rosenblühn, wie passt das hier hinein. und sonnenschattenflimmern, spatzenschimpfen, dösen.

elstern sind ein vogelpack, fressen den amseln die jungen weg.

von der front nichts neues

man dreht etwas im kreis, man wiederholt sich.

nach einiger zeit geht einem das gerede auf den wecker. corona hier corona da und alles ein bissel eng und mechanistisch und wie krieg gegen die bad guys und als kirsche auf dem cocktail ein häppchen angst. ich bin müde mir das für und wider anzuhören und die gescheiten sprüche, die dazu geklopft werden und die abkanzelungen und überhaupt, ich weiss alles sowieso besser.

seit wochen schon lese ich mich kreuz und quer durch alle erdenklichen sachen, stellungnahmen, gegendarstellungen, polemiken, statements, meinungen, forschungsergebnisse, abweichende stimmen, politische verlautbarungen, habe mir auch eine meinung gebildet, aber ich muss am ende doch sagen: ich weiss es nicht.

ich stelle fest, es ist nicht einfach, dabei zu verweilen (tägliche meditation).

am unerträglichsten sind die besserwisser aller couleur. (auch nichts neues)

(und zwischen allen meldungen geht fast unbemerkt die realpolitische abdankung der grünen durch: ceta heisst sie und die altbekannten argumente für die kehrtwendung: abdankung auch da.)

die reduktion äussert sich nicht bloss im hausarrest. alles gesagte wirkt aufeinmal allzu einfach.

jemand hat am anfang des confinements gemeint, krankheit und leiden hätten keinen sinn. nach ein paar wochen des abgesondertseins ist das eine erfahrung. auch ein gefühl. irgendwann lösen sich die gründe, die es gibt, vom erleben ab und man tut halt, was man tut und müsste sich jedesmal erinnern, warum man es tut. es hat den sinn eingebüsst, ich erlebe es so, als völlig absurd.*

ja, doch, es gibt gründe.

aber die erscheinungen (die massnahmen in den einzelnen ländern) sind sehr unterschiedlich, ja, widersprüchlich, und auch das hat gründe und es ist ein bunter chor davon. einige bedienen das ding (das corona dingsda) schon pfaffenhaft, rufen zur ordnung, werden herablassend, ausfällig, verfolgen ketzer, abtrünnige, ungläubige.

natürlich gibt es gründe, die sicherheit, die gesundheit.

was bleibt ist der eindruck, in einem unsichtbaren gefängnis zu leben von müssen und sollen und so ist es eben nun.

andererseits ist es eine mollig dumpf komfortable art zu leben, wenn man gesagt bekommt, was zu tun ist und was zu unterlassen, les gestes barrières und komm mir nur nicht zu nah. die kleine paranoia der alltäglichen begegnungen. die choreographie der phobie.

manche sätze kann man gar nicht mehr sagen, zum beispiel sätze über den tod. aber vielleicht, so sage ich mir, ist es unter umständen vielleicht eine gute idee, das eigene leben von seinem ende her zu betrachten.

ich habe mir spasseshalber erlaubt, über einen ausweg nachzudenken, aber „die möglichkeit einer insel“** besteht nicht. wohin man auch blickt, es gibt keinen ausweg. man kann sich nicht aus der veranstaltung stehlen, ausser man verabschiedet sich endgültig und, ehrlich gesagt, danach ist mir nicht zumute, denn: die verdauung ist gut, der schlaf tief, die träume interessant, ich habe genug menschliche nähe, ich lästere und lache, manchmal bin ich traurig, bin gefasst oder angriffslustig, dann suche ich nach einem hebel, mit dem sich die corona maschine geistig aushebeln lässt, denn einiges daran schreit nach dekonstruktion, also auch dieser appetit stimmt und wenn ich richtig depressiv bin, gehe ich in den wald, häng mich in die sonne und bei regen verwandle mich in einen begnadeten hörer.

die entdeckung der symphonischen qualitäten eines regengusses.

und ausweg trotzdem.

indem ich das ende erinnere, spüre ich den inneren an- und auftrieb. was morbide klingen mag ist in wirklichkeit mein täglicher lebenskick.

deshalb, verzeihung, wenn ich jemand zu nahe trete, mutet mir einiges ziemlich schlapp an, sackgassenmodell sozusagen, und sinnlos.

zur wahrung des lebens die reduktion des lebens?

ja, das ist, weil…

ich weiss.

ausserdem gibt es ein innen.

eine innenseite des erlebens und erfahrens.

zumindest gibt es nun andere innere wege oder verfahren und landschaften. man hat sie (wieder oder neu) entdeckt? eine art religio gar?

nein?

doch.

„haben sie eine vertiefung ihres seelenlebens erfahren und wie wirkt sich diese erfahrung in ihrem täglichen leben aus.“ (frage in einem alternativen blatt).

?

??

???

die birken unten am weg nicken den drei vor meinem fenster zu, dazwischen baumwipfelgetuschel, von hellgrün zu dunkelgrün, von rostbraun zu gelbgrün.

morgens um sieben klauen die raben das vogelfutter, krächzen und keifen. der himmel ist makellos blau. ich trinke noch einen expresso.

am montag, gewiss, am montag, ist alles schon wieder anders.

?***

??

???****

*“il faut imaginer Sisyphe heureux.“ alles Nötige bei Albert Camus, Le mythe de Sisyphe

**Houellebecq natürlich und Defoe; die Robinsonade bei ihm misanthropisch antisozial und kolonial, auch meine vorgestellte Robinsonade hatte etwas misanthropisches, ich gebs ja zu, dem kram den rücken zuwenden und sich in die büsche schlagen / Schnabel, die Insel Felsenburg / Schmidt, Die Gelehrtenrepublik / Raoul Schrott, Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde / Annette Pehnt, Insel 34 / Die Inseln. Idylle und Desaster, so ein Essay von H.R. Brittmacher / eben: kein ausweg, man ist mitgemeint

***Houellebecq sieht hier keine Frage; es wird wie vorher sein, sagt er, nur schlimmer.

****Augen auf und durch? man übt sich, hat sich in gelassenheit geübt, mit unwilligem zwischenrufen, natürlich

einsicht hingegen sehr

I

unmutsanfall, völlig unerheblich

seltsamer virus, seltsamer ursprung, seltsame geschichten, die darum herum gesponnen werden, seltsame wissenschaftliche statements, seltsame theorien, seltsame vermutungen, ich wundere mich jeden tag, hat man doch anscheinend wirklich festgestellt, dass raucher einen vorteil haben.

mein jüngstes mantram: „ich versteh gar nichts.“

und dann schaut man gelegentlich nach china, mithilfe einer doku über das neue digtale überwachungssystem und die ereignisse im westen des reichs und wundert sich noch mehr.

im ernst, als ich das sah (die doku bei ARTE), spürte ich eine unerträgliche enge, das drückt einem die luft ab, dieses neue fortschrittliche system totalitärer menschenkontrolle mit einstufungssystem AAA bis D. die D.s sind dann das allerletzte, die dürfen glatt gar nichts. und denunziation ist eine soziale tugend. honni soit qui mal y pense, aber gabs das nicht schon mal?

da erstickt man förmlich dran.

das passt zu der neuen lungenkrankheit und dem virus aus der besten aller besten welten und dazu das gesicht des „sozialwissenschaftlers“, der das system mit entworfen hat, moral einbläuen mit knute und zuckerbrot und, so sagt er, wenn die französische regierung das system eingeführt hätte (eine kamera auf zwei einwohner, gesichtserkennung etcetera pp.), dann hätte es keine gelbwesten bewegung gegeben. dazu lächelt er dünnlippig.

kühl, sehr kühl, kalt.

und im westen preisen auch welche diese überwachung an, gesicht, mimik, gang, vielleicht sogar die stimme, check, alles gecheckt.

und erst die apps der chinesischen polizei, kontrollieren die etwas nicht?

sicherheit lautet das mantram der spezialisten, sie beten das her wie eine fromme litanei, werden argumentativ gefühlig.

das ist ein unerschöpfliches geschäftsreservoir: angst, furcht und paranoia.

und dann die virenschleuder app, die von rtl so eifrig gepuscht wird, dann weiss man doch sofort, wer… und kann sich schützen. und die sogenannten experten nicken freudig dazu. schutz, ja, sicherheit, immer, kontrolle, ja doch bitte.

ist doch alles abgedeckt durch eu gesetze und anonym ist es sowieso.

das war vor zwei tagen gegen mitternacht, als ich das hörte. vor aufregung konnte ich nicht einschlafen.

wenn hier noch ein paar kameras mehr aufgebaut werden, gesichterkennungs software compatibel, dann lockt das keinen müden hund hinterm ofen hervor.

ein junger abgeordneter, den ich auf das thema ansprach, sagte mir, für die meisten sei das gar kein thema.

die leute gewöhnen sich daran, sicherheit first, und „ich habe nichts zu verstecken“.

es gibt höchstwahrscheinlich schon welche, denen man viren kameras verkaufen könnte, mit denen checkst du nicht nur, wer den virus hat (die typische leichte kräuselung am linken ohrläppchen) sondern auch, ob dich gerade einer verfolgt, um dich zu infizieren.

mit kameras wird das leben so sicher, dass keiner mehr stirbt. allerhöchstens noch als kollateral schaden bei der angemessenen medikamentösen bombardierung von viren.

ich schaue dann immer sofort in den garten, ob die sträucher und bäume noch da sind.

es gibt für alles gute gründe und wenn wir die freiheiten etwas beschneiden müssen wegen der sicherheit, dann wird das leben lustiger und schöner. doch? doch nicht?

kontrollwahn.

deshalb wahn, weil die ersprochene sicherheit nie ausreichen wird, es wird immer noch unsicherheit geben, höchstwahrscheinlich nimmt sie sogar zu und das leben ist kein leben mehr: freilandhaltung dagegen, der ganze verein eine einzige zelle, ein camp, ein digitales kz und wir singen ein loblied auf die, die uns das beschert haben. heil…

„ça fait un peu muselière“ A. Sch.

zum trost lese ich eine abhandlung über die geologischen und klimatischen umwälzungen und cataclysmen auf diesem planeten. meteoriten, vulkanische aktivitäten, bumms, aus und neubeginn.

ich finde jedenfalls, das zusammentreffen (auch geografisch) dieses virus und der überwachungswelle, pardon, der sicherheitsbemühungen und -wünsche hat synchronistischen charakter (sinnige gleichzeitigkeit, wenn auch nicht kausal).

birkengesäusel im abendwind, baumkronentänze, fernes kindergeschrei.

ich suche keine gewissheiten mehr ausserhalb.

II

weiss man je, wohin man geht

„Wie waren sie zueinander gekommen?

Von ungefähr, wie das gewöhnlich der Fall ist.

Wie hiessen sie?

Was kann euch daran liegen?

Wo kamen sie her?

Aus dem nächtsgelegnen Orte.

Wohin gingen sie?

Weiss man je, wohin man geht?“

so geht der anfang von Jacques le fataliste.

zur Tröstung und Stärkung.

III

und nun das positive

das ist selbstverständlich kein zufall, dass man gerade auf solche dokumentationen stösst, die einem aufs gemüt schlagen. „stehenlernen“ sei wichtig angesichts von herausforderungen und krisen, lese ich, aber manchmal hauts einen um und man steht wieder auf, leicht zerzaust.

und nun das positive.

bei meiner besorgung heute morgen bin ich keinem menschen begegnet? doch, nebenan hantierte eine frau in der garage, sie schaute flüchtig her, sonst maskierte von weitem, kaum autos, ein wenig baustelle, drei arbeiter stehen zusammen, lachen, dem einen hängt die maske schlapp unterm kinn, wie mir, die anderen tragen keine. ich muss auch lachen.

hätte ich die etwa denunzieren müssen, zum autofenster hinaus zur virenordnung rufen müssen. seltsam, schaue ich etwa schon misstrauisch, ob nicht irgendwo eine kamera. habe ich was zu verstecken.

das katholisch anerzogene schlechte gewissen pocht leicht an, sündenerforschung.

habe ich micht ungebührlich über die maskenträgerei lustig gemacht, verdächtige schriften gelesen, videos geschaut, die eben nicht ganz katholisch waren, unwissenschaftliche behauptungen, gar verschwörungstheorien zur kenntnis genommen, verbreitet, allein oder mit anderen.

gelästert.

kritisiert.

hohe führungskräfte in frage gestellt.

sozial schädliches verbrochen.

gelacht, wo es doch um eine ernste lage geht.

etwa auch noch über den tod geredet.

bier getrunken: „mort subite“, eine exzellente gueuze lambic.

wehrkraftzersetzung ist das.

IV

kein spannungshoch bitte

die moderne gedankenführung: als ich den begriff höre, muss ich lachen.

man führt einen gedanken dreimal um den block und macht dazu ein wichtiges gesicht, bedeutend, tief und ganz der sache angemessen.

himmelherrgott, das schwein quietscht, so ungefähr. was wird nicht alles geredet und kommentiert, neuerdings mit dem schwerpunkt neuer schuldenberg, jemand sagt, das kommt mit keiner steuererhöhung wieder rein, mit keiner austeritätsmassnahme. uff, denkt man da und bleibt doch äusserst skeptisch.

man geht sozusagen als lebendes fragezeichen herum.

man versteht noch immer nichts.

man fragt sich, sterben leute nur an dem virus heute. was ist mit den anderen toten, warum werden die nicht auch jeden tag gezählt.

man sieht die ganzen maskierten und muss wieder lachen. es könnte auch ein weinen sein. aber lieber lachen, es ist schon fast automatisch, dass man lacht und nicht weint.

man versteht noch immer nichts, aber man tut so, liest die neuesten meinungen, nimmt die fakten zur kenntnis. wenn jemand eine bedeutende miene macht, heisst das noch lange nicht, dass der inhalt des gesagten auch so ist.

fast ist man des lesens von bedeutenden meinungen schon müde.

man ist überhaupt müde, etwas anderes zu hören, als das, was sich auf das naheliegnde bezieht.

man flucht, wenn der nachbar schon wieder die gänseblümchen rasiert. wegen dem geräusch, man sagt sich, das ist wie ein zu lauter haartrockner.

die raben, drei an der zahl, fressen schon morgens um sieben den andern das futter weg. raben sind ungemein intelligente und geschickte tiere. es hat auch schon revierkämpfe gegeben.

ein ordentlicher rasen sieht hier wie rasiert aus. wenn das geräusch des rasenmähers verstummt, ist man erleichtert.

die birken bewegen sich nicht sehr viel, es ist wie ein vibrieren, zittern ist schon wieder zu stark als ausdruck.

aber das ändert sich schnell, nun rauschen und zappeln sie in der brise. windbewegte wipfel rundum.

ich mag nur geschichten, in denen nichts passiert, die also gar keine geschichten im üblichen sinne sind? ich empfinde die erzählerische spannungskurve als zumutung, was tischt der mir wieder für einen horror auf, horror, ja, denn ohne den einbruch von etwas unheimlichem scheint es gar nicht zu gehen.

die realität hat solche einbrüche genug auf lager, denke ich, man braucht keine geschichte, in der der autor mit einer peripetie die ganze spannung kaputt macht, die eben darin besteht, dass nichts besonderes geschieht.

was heisst, ich habe am liebsten beschreibungen von alltäglichkeiten, das auf hundert seiten hinzukriegen ist echte kunst. aber mit der meinung stehe ich wohl allein. wenn ich merke, dass gerade in der geschichte auf eines dieser spannungshochs zugetrieben wird, höre ich mit dem lesen auf.

ich denke dann, ob solche autoren meinen, das leben halte einem zu wenig schweinereien, unerwünschte zwischenfälle und katastrophen parat. langweilen die leute sich mit ihrem leben, frage ich mich dann, haben die noch nie jemanden sterben sehen und vorher, haben sie sein leiden nicht zur kenntnis genommen und die erschrockenen gesichter von freunden, bekannten und verwandten. ist der tod nicht genug schweinerei.

ich denke meistens, wunderbar, diesmal habe ich ein buch erwischt, in dem gar nichts passiert ausser dem, was leute so alltäglich tun, aber nein, spätestens um die mitte herum wird eine kaltwetterfront aufgebaut und man weiss sofort, das steuert auf einen heftigen crash zu. obwohl das in dem letzten buch, das ich gelesen habe, noch ganz anders dargestellt ist, irritierend, aber interessant, so dass ich dann doch meine zustimmung nicht verweigern kann. obwohl das, was ich als crash bezeichnet habe, in diesem buch auch ein wenig an den haaren herbei gezogen ist, durchwachsen eben.

ich merke natürlich, was so eine geschichte in mir alles aufwühlt, was auch nur so eine redensart ist, weil ich nämlich feststelle, dass ich nicht aufgehört habe, aufgewühlt zu seinauf, weil ich Marie habe sterben sehen und weil ich nichts machen konnte. deshalb habe ich seither mit diesem üblichen erzählerischen spannunsgbogen nichts mehr am hut. sofort muss ich an marie denken, wie sie da liegt, so furchtbar abgemagert und mich mit grossen, furchtbar erschrockenen augen ansieht. ich weiss noch immer nicht, ob das erschrecken nicht alleine bei mir war und ich das dann in ihren augen gesehen habe. mir sitzt nach zwei Jahren der schreck noch immer in den gliedern, weil das leben, das man so geführt hat, plötzlich weg ist, von einem tag zum andern und das merkt man erst nach einer gewissen zeit, wenn die krankheit offensichtlich wird und das hört dann auch gar nicht mehr auf und der tod setzt gar keinen schlusspunkt, sondern ist der anfang davon, dass alles über den haufen fällt, vor deinen augen zerfällt das ganze leben und du kannst gar nichts machen.

deshalb ist diese ganz pandemie geschichte gar nicht so umwerfend für mich, denn bei mir hat das umwerfen seit zwei jahren gar nicht mehr aufgehört.

auch wenn ich halbwegs verstehe, warum ich in meiner freiheit eingeschränkt bin, so verstehe ich es andererseits überhaupt nicht, ich muss mir jeden morgen von neuem sagen, dass es so ist. das ist das peinlichste an der ganzen sache.

ich finde das maskiertsein passt sehr gut in unsere zeit. ich habe zwei sachen darüber zur kenntnis genommen und setze die links (hier und hier) dazu der einfachheit halber her.

was jetzt ganz schön gestört ist, das ist die auffassung von normalität und so muss es sein, es geht gar nicht anders und ähnlicher schwachsinn. man lernt nun auch sehr schön mit dem eigenen unverständnis zu leben.

da man ziemlich auf sich selbst zurück geworfen ist, es sei denn man kippt sich zu, der möglichkeiten sind es ja etliche, kommen neben angenehmen zügen der gesellschaft mit sich selbst, auch die ganzen ängste und unzulänglichkeiten und unzufriedenheiten sehr scharf zum vorschein. manchmal empfindet man sich selber als angenehme anwesenheit, aber ebenso gut auch als die allerletzte gesellschaft, die man freiwillig nicht aufsuchen würde.

manchmal heisst es dann, du hättest mehr aus deinem leben machen können, aber wenn man dann nachfragt, na, was denn, kommt keine gescheite antwort.

eventuell sagt man sich auch an manchen tagen, wie der protagonist des kürzlich gelesenen romans, „vielleicht ist das leben ein einziger verhau“.

was ungemein hilft, ein solches tief zu überwinden, ist das anschauen von bäumen und das sitzen in einer stille ohne den üblichen zivilisationskrach.

dass es sich so langsam, langsam wieder ändert, habe ich heute morgen einer autosirene abgehört, die mehrmals hintereinander losgelegt hat. ausserdem ist der geräuschpegel deutlich angestiegen, aber längst noch nicht auf dem vorigen niveau.

in der momentanen ausnahme sind alle hoffnungen und wünsche hochgekocht, aber die frage ist, was wird sich tatsächlich anders entwickeln.

ich habe noch nicht endgültig entschieden, was ich als nächstes lesen werde, aber ziemlich sicher wird es das buch über den wald sein.

ich denke zum trost bei einem espresso von Knopes*, dass unsere präsenz auf diesem planeten eine sehr vorläufige ist.

V

einsicht hingegen schon

es ist manches so schief, dass man denkt, da lässt sich gar nichts machen; es ist nicht nur unordentlich, sondern ganz durcheinander geraten. und in diesem klima gedeiht einiges.

ich denke dann, wenn ich mir das durcheinander anschaue, ist es nicht auch in dir genauso. ziemlich chaotisch.

natürlich ist die ausnahme wie ein druckkochtopf.

die schwachpunkte des eigenen systems springen dir in die augen. man merkt aber auch, dass man sie insgeheim sehr genau kannte und sich deswegen auch gestresst hat. man hat sich den kram vorgeworfen.

dass man so ist und nicht anders,dass man sich nicht ohne schaden zwingen kann anders zu sein. wegen wem oder was übrigens. die illusion, wäre man ein anderer, dann …

und nun lernt man mit der bescherung zu leben. dieses lernen hat im übrigen gar nicht aufgehört, seit Maries tod hat eine einzige grosse lernerei nie aufgehört.

ich habe heute den eindruck, sie hat mir dabei geholfen.

mir vorzustellen, gesehen zu weden, sozusagen von allen seiten und dabei den spruch zu hören, den ich schonmal aufgeschrieben habe: „ist ja schon gut, mein lieber“.

da hat man doch ein lebenlang was beweisen wollen, sich und den andern, wegen den andern, so hat man gedacht, jedenfalls gehandelt, und nun darf es gut sein.

resignation ist nicht so mein ding, einsicht hingegen schon.

*das ist eine unbezahlte reklame

eine tödliche geschichte

lichen art I

der erste gedanke heute morgen: seinen arsch retten und in einem sicherheitsgefängnis leben, nein und nochmal nein. das wäre totsein schon zu lebzeiten, jedenfalls kein leben. und gerade, wenn man älter ist (übrigens eine schöne umkreisung der tatsache, dass man in einigen monaten einundsiebzig wird und sage nun niemand, das ist doch noch kein alter, ich kriege dann den rappel und werde ausfallend), lebt man in der zone, riskiert, über den rand zu kippen, man weiss nicht wann. es geht auf den ausgang zu.

jedenfalls schärft sich das bewusstsein dafür.

irgendwann macht man platz.

lichen art II

aber lebt man auch so, die zweite frage heute morgen. oder wurschtelt man nur rum. das sowieso. verplempert seine zeit. hängt in der morgensonne und will gar nicht mehr weg, lauscht, schaut und riecht. auferstehung gerade, dieses wunderliche unverwechselbare frühlingsgrün, blühen und verblühen nebeneinander, tod und leben auf einem haufen und der geschmack des dritten expressos auf der zunge und ein paar rebellische gedanken über die abwägung der güter, sicherheit first und also noch schärfere kontrollen (gemischt mit denunziation, blockwart und konsorten) versus freiheit, berührung ohne handschuhe und maske vor der ängstlichen schnauze, leben halt und das ist ohne risiko uninteressant und ohne ende unerträglich.

im gefängnis träumt man von ausbruch und tags bereitet man ihn vor.

so auch jetzt.

gedankengefängnisse.

jemand sagt laut: corona hysterie.

lichen art III

zwangsvorstellungen als folge längerer isolationshaft. (dazu radiodudeln, wir machen das beste draus, kochrezepte als frohbotschaft, fröhliche eiersuche unterm sofa, wir sind für sie da)

das nächste mal komme ich als wind, sage ich mir, der fegt mauern weg, reisst bornierte vorstellungen ein, bläst der dumpfheit das licht aus.

kein kaserniertes leben bitte.

das, was jetzt geschieht, angeordnet ist, eingehalten wird, ist, neben all dem guten grund (ich weiss, ich weiss), auch ein grosses experiment.

fast klang gestern das frauenlachen (soutenu!) wie ein signal. des aufstands? ist lachen noch erlaubt?

man trägt angst und furcht. halblang.

lichen art IV

wie fühlen wir uns heute? (der innere shrink, die stimme gewohnheitsmässig, neutral, eigentlich ist es dem wurscht, die seelentemperatur bitte, ich halte mein ohr hin, ein huster im garten als protest)

grantig!

schon die blosse vorstellung der bewegungsunfreiheit könnte einen, wenn nachdrücklich ausgedacht in alle facetten hinein, zur weissglut treiben.

deshalb: tief durchatmen, sitzen, aufstehen, gehen, schauen, hören, riechen, berühren, elementares, wer sind Sie? fragte mich das jemand, würde ich wahrheitsgemaäss sagen: ein gartenwahrnehmer, ein frauenlachenhörer, ein cafériecher, ein vogelzwitschern vernehmer, beim lesen bleibe ich an einem satz hängen und komme den ganzen tag nicht davon los. warum versuchen soviele mit den alten wortkombinationen das unerhört neue zu beschreiben? wollen sie es weg reden, wollen sie das unglaubliche camouflieren, parole, parole, normalisierungsgerede, schäfchen bleibt brav zuhause, schäfchen blökt, jaaaaa.

lichen art V

ich vertrage nur unernstes, spielerisch elegantes, spöttisches, „biesbies laachen aus“, ich bin gegen den krisentiefsinn, natürlich heule ich auch, schreie unhörbar, aber das geht niemand was an, ich lache, ich schmunzle, das leben ist ein böses spiel, ist ein schönes spiel, ich weiss, was schmerz ist, was verlust ist, ich vermisse Marie noch immer, keiner soll mir was über den tod erzählen, ich hasse diese ziffern, wieder 4 (vier) tote mehr, ich wüsste gern, wer das war, ich betrachte die bilder der verstorbenen in der zeitung, ich rufe ihnen „gute reise“ hinterher.

ein staat, der für seine armen massengräber schaufelt, ist ein unstaat, das denke ich, das sage ich, ich möchte, dass die toten ein gesicht haben, eine geschichte, tote sind keine zahlen, deshalb finde ich die aufzählerei obszön.

das leben ist eine tödliche geschichte, sage ich.

lichen art VI

und wenn ich diesen satz sage, das leben ist eine tödliche geschichte, dann sage ich auch, was machst du damit, jeden morgen sage ich das, jeden abend und jeden mittag, ununterbrochen sage ich das.

dieser satz müsste mich eigentlich leer räumen, müsste alles abräumen, tabula rasa.

jeden tag fange ich mit diesem satz an, ich hämmere ihn mir ein, als wolle ich ihn gar nicht glauben.

dann lasse ich ihn los…

lichen art VII

der kaffeesatz gibt auch nicht viel her

diese merkwürdige beklemmung, ist das etwa angst.

die geschichten von wildfremden rücken plötzlich sehr nah.

la boîte au confinement: tourner en rond. schwanken zwischen resignation und empörung. der „unmöglichen“ situation etwas positives abgewinnen: vögel identifizieren und benennen, deutsch, lëtzebuergesch, englisch und französisch, gimpel, star, fink, sturnus vulgaris, markollef, blaumeise, goldfinch, drossel, spatz (sehr variiert, die sorte) und pillo und wieder von vorn; gestern auf arte die frage, warum haben zebras und schmetterlinge ihre zeichnung oder wozu. die seltsamen fantastischen gebilde der natur.

wieso fällt mir Kapitän Haddock ein, donner des noms d’oiseaux à qu. („En langage familier, un nom d’oiseau (pluriel : noms d’oiseau ou noms d’oiseaux) est une insulteDonner des noms d’oiseau à quelqu’un est un euphémisme pour l’insulter, l’injurier ou même l‘outrager.). das ja, ganz gewiss das, aber wem oder was? viren scheinen mir nicht die rechten adressaten, wem oder was dann: dem kalt gewordenen expresso? dem unsichtbaren nachbarn? dem post boten heute früh? der mutter mit kind und kegel, die gerade vorbei zieht? der meist leeren strasse? allerdings gibt es eine richtige sauerei! die magnolienblüten haben die kälte nicht gut=heil überstanden.

irgenwen oder irgendwas muss es doch geben, der:die/das meinen unmut weckt, meine, mein,naja, was ist es denn nun genau: aufgebrachtsein?, leichter anflug von zorn, hinüber neigend zu einer art jammer?, selbstmitleid, ausgelegt über nackter angst?, und wenn es mir nun auch an den kragen geht? oder ist es einfach nur die art schwindel, wenn man in der ausnahmekiste, soviel meter mal soviel meter, im kreise dreht und der ideosynkrasien ansichtig wird, mein gott, mit was für einem kerl lebe ich nun schon sieben jahrzehnte zusammen? und die hände über dem kopf zusammen schlägt.

ich denke, man wird doch etwas seltsam, spricht morgens schon mit sich selber wie mit einem anderen, fremden, der einem leicht auf den wecker geht, so früh am tag die gar lästige präsenz, sofort manifest beim ersten blinzeln. man erinnert sich: gestern war der kerl total versackt, keine disziplin, an den übungen schon am dritten tag das interesse verloren, aber dann der schuldbewusste anfall vor dem spiegel, hat der speckansatz an den hüften nicht zugenommen und die ringe unter den augen von der schlaflosen nacht wegen dem expresso noch um halbsechs.

und kann der sich nicht gewichtigeres einfallen lassen. (und nebenbei: fast schon reflexhaft der neuesten coronanachricht den saft abgedreht).

und schliesslich die vorwürfe, die „das solltest du“, könntest du doch“ flankieren, eine tägliche gebetsschnur. (1) du könntest mal wieder was ordentliches lesen (2) regelmässig am hometrainer treten (3) meditieren (4) ein paar gedanken erwägen (4) früher aufstehen (5) die siesta etwas kürzen (der kerl verpennt den halben tag) (6) endlich staub saugen (7) weniger expresso trinken (8) schreiben, aber nicht diesen oberflächlichen mist (9) aufhören mit überholten vorstellungen und die neue lage verpassen, denn: die paradigmen des vorigen tages sind spätestens um die mittagszeit des heutigen outdated (10) demnach eine filosofie der disruption (bruch, störung, riss, diskontinuität, perturbation, distorsion, dérèglement, glitch) angebracht. hepp hepp: warum sitzt du noch immer auf deinem alten ausgeleierten standpunkt (11). du leidest nur deswegen, weil du dich an das alte paradigma klammerst (12) du wirst tatsächlich alt, schaff dir einen tretroller an oder rollschuhe (geistig, aber auch sonst) (13) auf das dérèglement folgen neue regeln,aber das heisst noch lange nicht, dass sie, weil nötig, auch „gut“ (i.e. unproblematisch) sind. (14) wo bleibt deine kritische einstellung? (16) mensch, reiss dich zusammen (17) lächeln!! ist das so schwer?! marmelade! mensch!! (18) wie Agamben zurecht sagt, die angst vor dem tod ist die geburtsmatrix der tyrannei (19) hast du gelesen? tatsächlich?! (20) siehst du! es geht also doch!

aufzählungen sind das gebot der stunde.

ich flöte auf einen geordneten tagesablauf, stelle aber zu meinem amüsement:entsetzen (mild) fest, dass sich doch eine art ordnung ergibt, sich installiert hat, hinter meinem rücken.

das positive an diesem unmöglichen: eindeutig die vogel namen, donner des noms d’oiseaux.

ich hole mir noch einen expresso.

der kirschbaum ist braunrosaschmutzig, das grün schreitet vor, erobert weitere flecken (konzession an das ambulante kriegsvokabular) der gärten rings.

ich habe meine vorstellungskraft zu sehr in die confinement kiste eingesperrt, als hätten mich alle guten=unbotmässigen geister verlassen.

im wald gestern ein paar leute, die das ausgehen zu einer art arbeit gemacht hatten, alles ein bischen angestrengt und sehr ernst. eine dreier formation tritt in zweimeterabständen an und das reden gerät so laut, als hätten sie gerade eine schweigekur absolviert.

die frage (an mich selber, aber auch die nachbarin hat schon skeptisch, stirnrunzelnd angefragt):

ist das noch regulär, ich meine, Ihre ausflüge, selbst flüchtige, kurze, heftige, sollten Sie nicht lieber doch zuhause, Sie sind doch risikogruppe …

ja, doch, sage ich dann, aber wir machen es quasi heimlich, völlig inkognito, namenlos und wie auf der flucht sozusagen und steigen auf bäume, wenn jemand vorbei kommt, wir geben allen gewächsen namen, siezen die sträucher, besonders die, die schon austreiben, und loben ihr frühlingsgrün über den grünen klee und zählen die anemonen. wenn jemand im wald laut redet, machen wir umwege durchs gestrüpp oder schauen beleidigt drein. den vögeln, den singenden und den klopfenden (spechten) schicken wir besonderes hallihallo.

manchmal sagen wir laut und unvermittelt: scheissvirus!

oder wir lachen ohne grund.

nachts fliegen wir über das stille land.

träumen irreguläres, steigen über zäune und schauen in fenster:

was treibt der nachbar.

buchstabieren den unterschied zwischen wollen, dürfen und müssen.

sagen laut und deutlich: scheiss neue regeln.

aber dann halten wir uns dran.

lesen aus den wolkenformationen die zukunft, mehr als sumpfige orkalsprüche sind nicht drin.

der kaffeesatz gibt auch nicht viel her.

das ist doch von…?

zur besinnung: Agamben (wie schon gesagt) und Eisensteins essay über uns und die pandemie.

das kann ja noch lustig werden.

man weiss nicht so recht

“beginne zu schreiben“, sagt das programm und ich tu’s, ganz gehorsam. nur bedeutendes?

dabei bin ich eher verwirrt oder zerstreut in alle himmelsgegenden sozusagen und meine metaphorischen ausfälle sind auffällig schief.

dabei ist der garten völlig in ordnung und die gärtnerin am werk, am nistkasten rege tätigkeit und am futterplatz ebenso, blaumeisen, gimpel, amseln und stare, einmal ein eichelhäher und elstern, natürlich elstern, frech und unverschämt wie sonst auch.

und die farben stimmen, das gelbliche frühlingsgrün, rosa und weiss und gelb und die drei birken windbewegt und fein ziseliert verwuselt die gemeinsame krone.

schnelle lektüren über die wirtschaft, ausblicke, worst case szenarien und prophezeiungen oder eher: hoffnungen (vernunft gestützte), das ende des neoliberalen und eine solidarischere zukunft?

eine schwarze katze streicht durch den garten.

man weiss nicht so recht, wie man sich fühlt. aber die frage, wer wird die rechnung begleichen, geht nicht aus dem kopf.

was für reserven hat man? welche kräfte schlummern noch, unentdeckt?

ich schaue dem garten zu, wie unter dem changierenden licht die farben sich mit verändern, wie die kirschbaumblüten blasser werden, die büsche grüner, das gelbgrün, das mich am frühling enzückt, und das sanfte wiegen der birkenästchen im wind. der dunkle waldrand steht still und darüber das licht, blassrosa.

was tut man den ganzen tag?

ich habe seit tagen keine musik gehört, begnüge mich mit den einfachen geräuschen, stimmen von fern, vogelzwitschern, das rascheln der blätter unter den füssen, ein rauschen weit weg, ein verlorenes auto, elsterkeckern. vom radio halte ich mich fern.

ich müsste wieder was lesen, das denke ich flüchtig, wenn ich an büchern vorbe igeh, aber das war es dann auch schon wieder. ich bekomme beim lesen angst, ich könnte was verpassen. nur was ich verpassen könnte, bleibt im dunkeln.

vielleicht liegt es daran, dass sie „vorher“ geschrieben wurden, meine bedenken, sie könnten den jetzigen zustand nicht erfassen, aber genau danach suche ich, nach ein paar sätzen, die adäquat schildern, was wir nun erleben.

denn, ganz unerklärlich, gibt es aufeinmal ein wir.

ich vermute, dass ich so angestrengt horche ( ertappe ich mich immer wieder dabei), weil die meisten gewohnten geräusche weg sind, und ihre abwesenheit erinnert jeden augenblick an die ausnahme, die nun normal wird und es doch nicht ist. und nie wird.

mir fallen die scifi geschichten von Doris Lessing ein. sie sind mir genauso wichtig, wenn nicht wichtiger, als die von Asimov. ihr leitfaden ist die ausnahme.

in meinem fensterausschnitt gegen achzehn uhr eine letzte strahlende beleuchtung , eine häuserfassade glänzt, die birken erstrahlen, das rauschen der fontäne im nahen park, moduliert vom wind, der garten verzaubert im abendlicht. je me rince les yeux.

es passiert sonst nichts, im haus ist es still, und nun: meine aufgeregtheit. als sei eine tiefere schicht freigelegt worden. mir wird klar, sie war schon die ganze zeit da, als eine nagende, lästige präsenz. eine unruhe unter allem, immer am rande. immer dabei.

und es liegt nicht daran, dass ich alleinsein nicht vertrage.

der beobachterposten ist in den tagen nicht sehr bequem. sich selber zuschaun, wie man doch etwas verstört herum sitzt und geht, wie man sich keinen rechten reim machen kann auf nichts, wie man die feinen veränderungen in den sozialen medien, die leichten stimmungsverschiebungen in radio und fernsehn etwas besorgt registriert, ein deutliches beben überall. aber man kann sich nicht heraus ziehn und die öffentlichen versicherungen und erklärungen haben nur eine sehr schwache beruhigende wirkung. man ist hellhöriger als vorher, lauscht auf zwischentöne, bemerkt selbst kleine wechsel in mimik und gestik, auch misstrauischer ist man, reicht die eigene urteilskraft aus für den fall, hält die vernunft. ist das, was wir tun, konsistent.

manchmal vergisst man sich ganz.

könnte ich was tun, sagt man sich, ausser nichts zu tun oder alles zu unterlassen, was ja auch schon was ist, dann wäre es einfacher. aber wäre es das.

bei einem kurzen spaziergang der gedanke urplötzlich: liegt es nicht nahe, dass die stimmung kippt und sich irgendwann gegen die alten richtet. dass man sagt oder denkt (zuerst und zuerst klammheimlich), dann gäbe es einen risiko- und kostenfaktor weniger (langfristig). so war doch das eingefahrene denken noch gestern, die kostenfrage als lebens leitlinie.

es gibt überlegungen zu pandemien, die sind nur kaltschnäuzig und zynisch.

ich traue dem frieden nicht, das ist es. (ich meine das global und integral, bis zum beweis des gegenteils). natürlich: es gibt optimistischere stunden, aber dann sage ich mir auch, ungeschoren werden wir hier nicht hinaus kommen.

während die beleuchtung draussen ins eindeutige rosa zielt und die birken sich orange färben.

vor zwei tagen bin ich achtfacher grossvater geworden, kind und eltern sind wohlauf. mein eindruck davon ist rein virtuell, wie ich auch meine enkelkinder überhaupt vermisse. ich überlege, wie wir eine unsinns videokonferenz veranstalten könnten. ich lasse mir ungefährlichen (andere nicht gefährdenden) unsinn nicht ausreden.

man verlegt sich auf schwarzen humor. das ist die art, die noch funktioniert, auch wenn es schlimmer kommt.

ich wünsche mir eine zeit, in der es möglich ist, in frieden alt zu werden, vielleicht, als luxuriöse zugabe, eine zeit, in der altsein nicht bloss nur noch ein kostenfaktor ist.

denn: entschlossenes träumen ist doch wohl noch erlaubt.

über dem waldstreifen steht ein rosa licht, der garten hüllt sich in schweigen.

im risiko ein weiteres risiko

die suche nach einem einstieg in sowas wie ein tagebuch, tägliche befindlichkeit, aber dann die frage, was soll das.

gefühlslage schwankend. wie die zahlen. heute morgen.

ich habe kurz nach dem aufstehn einen bericht über die lage in Bergamo gelesen.

irritierend das gewoge von meinungen, statements und „es fehlt an evidenz“. der zusammenhang von ökologischer verheerung und viralen überfällen.

mir geht die wortmunition aus, was bleibt noch zu sagen: ich sage mir, bleib zuhause. schreiben als tägliche (meditative) übung.

musik hören: ebenfalls. lesen. reden.

die explosive kraft des japanischen kirschbaums: rosarote tupfer in der leichten brise am morgen. ein autogeräusch als störung. taubengurren. de poufank schléit.

die stunde der wichtigtuer geht zu ende.

der ton der debatten verschiebt sich, ins leichter irritabile, ja, aggressive und bei andern verflattert das denken, verliert seine konturen, franst aus, war noch nie fest und klar, das zeigt sich jetzt.

dass eine art kritischen misstrauens noch immer und gerade jetzt angebracht ist, aber dass der mangel an evidenz  manche in denksümpfe (ver)führt.

es gibt rätsel. ungeklärtes. punkt.

hofft man vergeblich, dass nun das grosse nach – denken erfolgt, das epimetheische „besser spät als nie“?

ist kritik noch erlaubt? ist die zeit der kopfnicker gekommen? darf man jetzt nur noch zustimmen?

ich kriege den aktuellen zustand am besten zu fassen, wenn in filmen oder reklamen leute sich umarmen, hände geschüttelt und waren angepriesen werden, darunter reisen, autofahrten und geräte, deren zweck einem zunehmend rätselhaft vorkommt.

es ist nicht ganz still, aber die technischen geräusche stechen auffallend heraus.

das café trinken als fast einzige überlebende gewohnheit.

ich verordne mir nur noch eine liveticker séance pro tag.

(gestern daran gehangen wie am tropf, zahlen als offenbarung wovon, die botschaft klingt orakelhaft. der experte sagt, es sind fünfmal mehr, aber wieviele es sind, das weiss er nicht, es könnten mehr sein, sagt er. hoffentlich nicht. sagt er. sagt der andere experte auch. sage ich.)

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ich stelle bei mir mehr gemeinsinn und mehr egoismus fest, als ich vermutet habe.

kann man zugleich dinge tun wegen sich  und den andern?

aus einsicht?

ich entdecke in meiner fürsorglichkeit mein bedürfnis fürsorglich zu sein.

ich gebe zu, es ist egoistisch.

es  tut gut, sich um jemand zu sorgen.

heute morgen die leerstelle gefühlt: mein zynismus ist abgereist.

ich habe meine tote vor mehreren tagen um rat gebeten, ich habe den zweifel herzlich eingeladen, ich habe nach kräftiger erschütterung meiner entscheidungsfestigkeit gerufen, ich habe im traum darauf gewartet, ich war auf alles gefasst, zum beispiel auf  eine längere klausur, klosterhaftes allein. aber morgens war der willen unerschüttert

der schub einer festen entscheidung.

schon ein paar tage vor dem ausnahmezustand höre ich mich sagen,  wenn es soweit ist, ziehst du zu mir oder ich zu dir.

danach kamen die zweifel. danach die entscheidung.

das erleben von unausweichlichkeit. wie ein ruck. erkenntnisklarheit. deutliches denken. fester boden unter den füssen.

ich bin (vorläufig, aber was heisst heute schon vorläufig) umgezogen und schaue gerade auf gärten, bäume und fernere häusersilhouetten, dahinter eine dunkle waldlinie, die sonne scheint, unten im haus vertraute schritte, alltagsgeräusche. ein deutlicher bezug.

was schön ist, ich weiss nicht, was daraus wird.

im risiko ein weiteres risiko: eine neue lebensform.

 

 

 

 

das bekannte ganz fremd

 

DIE STILLE.

man horcht schon etwas misstrauisch.

aus den gärten hinter dem haus kinderlachen und -geschrei.

risikogruppenfeeling.

in den tag hinein leben, der eindruck, die alltagsstruktur sei weggebrochen, aber gab es sie überhaupt.

gestern morgen ein erster claustrophobischer anfall: ganz zuhause bleiben?

dann entspannung, die enge macht hysterisch, lass es, sag ich mir.

natürlich vermisse ich meine enkelkinder, die kleinen anarchisten.

die autogeräusche kommen einem gedämpft vor, wie sehr weit weg.

der frühling ist ausgebrochen, fast unbemerkt.

ich habe keine regale geplündert, aber meine ansteigende hysterie: wie gefangen in einer art wachalptraum: amüsiert mich gar nicht. ich mache zur kompensation zynische witze, rege mich auf, sind die über 70jährigen nun abgeschrieben.

die pressekonferenz von regierungschef und gesundheitsministerin: die frau hat format, jedenfalls nach der art zu urteilen, wie sie redet.

natürlich denkt man jetzt öfter an den tod. aber: hatte man ein leben, ich meine, ein konsistentes, ou bien, est-on bourré de regrets, alles, was man hätte tun wollen, jedoch nicht getan hat. „hätten an haten, waren zwou aarmer stadten.“

wie schnell ein leben kippen kann, hat man (ich) gewusst, erlebt, es haut einen um, wie alles aufeinmal nur noch duster ist. aber eine ganzes gesellschaftliches gefüge in einer akuten krise wie dieser, wie geht das weiter: ist neugierde noch eine erlaubte einstellung.

dann denkt man an die verletzlichkeit der globalisierten struktur.

die ersten stimmen, was man daraus zu lernen hätte. warnungen vor dem (wirtschaftlichen) kollaps.

wie resistent:resilient ist eine moderne gesellschaft.

in die stille hinein auch viel gerede. klugscheisser geschwätz.

agaçant.

die hysterie der permanent aktualisierten fakten, heute sind es …

ich sehne mich nach dem meer, der weite des horizonts. dem changierenden blau. kiesel unter den füssen.

oder doch lieber waldeinsamkeit? eremitenallüren. bedächtiges, nur noch hören und riechen, waldboden, frühlingssonne auf kahlen ästen, fallholz, abseits von den pfaden an einem hang, zwischen schwarzen stämmen das gleissende licht des flüsschens, moosiges wurzelgeflecht, blätterrascheln, erstes zartes grün, knospiges.

seltsamer optimismus: man hatte ein leben und was für eines, kräftig durchmischt, nun: jeder tag eine gnädige zugabe. resignation und aufbegehren. fuck it allüren.

hinein horchen in die stille: wie geht es den andern.

und wie ist es um das seelische immunsystem bestellt: was bewirkt die erfahrung, dass ein angeblich stabiles system von einem tag auf den andern in die ungewissheit kippt. lebensangst, weil die dinge nicht so sind, wie man angenommen hat? heilung von einer illusion oder angstneurose? panikattacken?

beruhigendes kindergeschrei aus den gärten. über allem ein helikopter. vogelgezwitscher. sonne im hinterhof.

was lerne ich gerade über mich?

ich hole noch einen café.

fatalismus und lebenslust. gesteigerte wahrnehmung: alles farbiger, intensiver. wie schön die stimmen aus der nachbarschaft. seltsames gefühl des verbundenseins.

die sonne auf den fassaden gegenüber: wie gemalt, wie aus einem traum. das bekannte ganz fremd.