Abschied von R.

 

 

DSC00731Nach R. würde er nicht zurück kehren. Das stand fest. Er hatte ein paar Mal gesagt, noch nicht, vielleicht später einmal, wenn er gefragt wurde, ob er nicht nach R. fahre.

Nun stand der Satz am Morgen beim Aufwachen da und war nicht weg zu wischen.

„Nach R. werde ich nicht mehr zurück kehren.“

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie sehr er den Ort und vor allem das Meer geliebt hatte.

Nach ihrem Tod war er noch zweimal für ein paar Tage in R. gewesen. Zweimal in Begleitung, es war nicht mehr das Gleiche gewesen. Das alte Gefühl zuhause zu sein war weg. Er fühlte sich nicht nur fremd, er wusste gar nicht, was er diesem Ort abgewonnen hatte. Im Winter war alles erschreckend hässlich, am Meer störte der unaufhörliche Autoverkehr, die Promenade hatte man mit Bausünden vollgestellt, die Restaurants waren drittklassig, beim Flanieren fiel man über Rentner und Pensionäre. Schön war allein das Hinterland, das nach wenigen Kilometern begann, der Trubel war auf einen schmalen Streifen begrenzt, über dem ein Abgasschleier lag. Helikopter flogen hin und her und beförderten die Ultrareichen von einem Hotspot zum nächsten. Im Sommer hielt man sich am besten fern, dann gab es die Invasion der neuen übervorsorglichen, etwas hysterischen Eltern mit ihren überbehüteten Kleinkindern, deren Geplansche am seichten Ufer argwöhnisch beobachtet wurde, bei dem geringsten Quietscher griffen die von Panik gepackten Eltern  ein. An einem der Lieblingsstrände dieser unbegreiflichen neuen Erzieher hatte er es gewagt, mit seiner Enkelin in ihrem kleinen Schlauchboot weit hinaus zu schwimmen, was ihm argwöhnische und wütende Blicke und deutliche Missbilligung  eingetragen hatte. Das war also die Zukunft, dass sie auch so aussah, wusste man nun, aber weitere Besichtigung war unnötig.

 

IMG_3755

Das war natürlich nicht der Grund, warum R. ihm verleidet war. Nach zweiunddreissig Jahren war Schluss. Irgendwann war immer Schluss. So funktionierte das eben.  Mit R. war er fertig.

Die Wahrheit über R. liess sich in einem Satz zusammen fassen: Dort hatte er gemerkt, dass Marie nicht mehr gesund werden würde. In R. hatte er sich nichts mehr vormachen können, Marie würde sterben. Im Oktober waren sie noch im Auto hingefahren, es war etwas beschwerlich für sie gewesen, aber es hatte geklappt und er hatte sich von dem Aufenthalt erhofft, dass sie sich erholen würde, dass es ihr besser ging.

R., das war nun das letzte Mal mit ihr am Strand, fürs Schwimmen hatte die Kraft nicht mehr gereicht. Sie hatte ihm dabei zugesehen.

Sie hatte auf der Terrasse in der Sonne gelegen, er hatte sie mit allem versorgt, sie hatte gelesen und gedöst und geschlafen und sie lächelte oft. Aber zusehends wurde sie schwächer und dünner, sie ass immer weniger, wurde durchsichtiger mit jedem Tag und er wusste nun, sie würde sterben, und auf der Rückreise schaffte sie es nicht mehr ohne Rollstuhl.

In R. hatte er gesehen, dass er Marie verlieren würde und er konnte gar nichts machen, ausser ihr noch jeden möglichen Dienst zu erweisen und ihr seine Verzweiflung am besten gar nicht zu zeigen, was er dann mit mässigem Erfolg schaffte.  Als er im November einmal die Fassung verlor und heftig zu schluchzen begann, sagte sie trocken, das hast du nun einmal gehabt, aber lass es in Zukunft sein.

Es gab Sachen, die vergass man nicht.

Er hatte den Ort trotz aller Hässlichkeit geliebt, aber nun war sie tot und R. ohne sie, das ging gar nicht, das war unmöglich, R. ohne sie, das war leer und hässlich, öde und fremd, ohne sie war R. kein Zuhause mehr.

DSC01766

 

Kühl schaut sie mich an

 

MINOLTA DIGITAL CAMERA

Ich schaue dem Regen zu, denke über meine seltsamen Träume nach, der Café schmeckt anders, erdiger, kräftiger und langsamer, ich brauche mehr Zeit, um die Geschmacksnuancen auseinander zu halten.

Was tut der Regen mit mir, beruhigt er die aufgewühlte Oberfläche der Seele, heilt er Wunden, beim Schreiben besänftigt er jedenfalls (ich sehe noch immer das Foto der marschierenden uniformen Kolonnen dunkel gekleideter junger Männer auf einer Pekinger Strasse und frage mich, was geht in denen vor, was setzt sie in Bewegung). Mir fällt „Otherland“ ein, das Riesenopus von Tad Williams und dessen verschachtelte Welten, davon einige schauerlich.

Gestern Abend meine Lektüre über unser Verhältnis zu Tieren, unser Unverhältnis vielmehr, unsere Ambivalenz, unser Versagen, das rätselhaft Andere und doch Verwandte. Während dem Lesen spürte ich meine Beunruhigung. Das klang nach, in meinen Träumen Tierbegegnungen.

Wenn es stärker regnet, schwankt das Haus gegenüber, verschwimmt es, die Ränder bewegen sich, als beginne es wegzufliessen. Regen inzwischen wie Nadelstiche auf dem Fenster, sehr fein, sehr hell der Ton. Dazwischen ein grobes Baugeräusch. Ein weisser Fleck segelt schnell in dem Grau nach Osten.

MINOLTA DIGITAL CAMERA

Soeben ist Siri Hustvedts Essay Band eingetroffen: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Ich habe zu wenig Ahnung von Naturwissenschaften, um mir keine Zurückhaltung aufzuerlegen. Siri Hustvedt finde ich deswegen so umwerfend interessant, weil sie eine echte, sehr gut informierte Brückenbauerin ist (Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft, sie ist in dem UND zuhause), auch wenn ich ihr nicht in allem fromm folgen kann. Sie argumentiert sehr kühl, so empfinde ich ihre Prosa.

(Ins kühlere Element, bei heftigen seelischen Turbulenzen (wenn sie einen nicht lahm legen) eine Medizin / eine durchgängige Erfahrung: das Leben als Turbulenz / die Tage nach der Intensität der Erschütterungen unterscheiden / geringfügige Ausschläge: fast schon das grosse Glück, jedenfalls Balsam auf Wunden: apaisement, die Kühle).

Wenn Marie mich kühl anschaute, wenn sie einen Augenblick auf Distanz ging (der Blick und der Ausdruck in einem ganz andern Gesicht), wurde ich auf mich selber zurück geworfen (was im ersten Moment sehr unangenehm ist, aber es ernüchtert), fast sofort kriegte ich mich wieder ein, nach ein paar Sekunden des Beleidigtseins, es blieb mir gar nichts anderes übrig.

Nun folge ich gerne der Spur dieses kühleren Wesens, wenn es mir begegnet (nicht zufällig meist bei Frauen).

Inzwischen der Regen: streichelt fast das Fenster, rieselt sanft, rieselt körniger dann, hüllt alles ein und unbekümmert nebenan das Metall auf Stein des Baggers im Bauschutt an der Kreuzung, ein Wohnhaus abgeräumt und dem fehlte gar nichts, aber der Gewinn, das Geschäft, es klingt nach dem metallischen Scharren und weg damit, hopp und ex. (Die Unbedenklichkeit verwundert mich dann doch immer von neuem, was ich als Zeichen deute, dass ich noch nicht ganz kaputt bin.)

Natürlich sehne ich mich nach einer Wärme, von der ich manchmal meine, sie ist mit Marie weggegangen. Nach kräftigem Besinnen erst wird der Verdacht haltlos.

Aber heute nagt der Bagger am Gemüt, Schutt kracht auf die Ladefläche des Lasters, schweres Motorengedröhn, Hupen, Ungeduld, die Strassenecke sieht verwaist aus, enthüllt Hinterhöfe, glänzende Abluftröhren, winterliche Gärten, roh aufgeworfene Erde. Spekulation sieht so aus, hört sich genauso an, denke ich, die Spezies hat einen ausgeprägten Sinn für Hässlichkeiten, Ratzfatzgesten und wir fackeln nicht lang.

Ich übe mich in einem mittleren Gemütszustand, weder zuviel noch zu wenig. Die Rabenkrähe hat ihren Schornstein aufgesucht, wippt elegant lässig, verwandelt sich im regentrüben Fenster, bläht sich auf und schrumpft wieder, bald rund und länglich, bald  spitz und verdreht, dann ist sie weg, mit energischem Flügelschlag, und krächzt zwei – dreimal / kraax, kroaax.

MINOLTA DIGITAL CAMERA

 

 

„sei wenigstens freundlich“

x5Q6a1rgRXiG%q3iu1F9Vw

inzwischen trinke ich café aus afrika, mein lieferant führt den peruanischen nicht mehr. ich fühle mich verpflichtet, dem café anbau und sonstigem in Uganda nachzugehn.

img_1909.jpg

schweres grau, windgetrieben, bäume fallen auf strassen. die katzen wollen nicht hinaus. die ältere schaute mich länger an heute morgen, als wir uns auf dem treppenabsatz begegneten, und sagte was auf katzisch, ich nickte ihr zu, tatsächlich war die nacht unruhig, heimgesucht wie ich war von gespenstern und geistern und eine traumfigur wollte unbedingt einen kostbaren blaublauen stein aus canada (ich sah ihn funkeln).

das ist mein ausweichmanöver heute morgen, ich pirsche mich langsam heran, über nachtgeröll und unbestimmte trauer.

die bestimmung erfolgt erst später am morgen.

das brausen des windes als willkommene ablenkung, hingebungsvolles lauschen.

in mir eine festgefahrene stelle, ich will sie nicht genau sehn, die angst, marie nun ganz zu verlieren, sie mit nichts mehr festhalten können, kein bild mehr, keine einigermassen konturierte vorstellung, ja, auch keine erinnerung an eine gestalt, einen gang, eine haltung und nur sehr fern noch eine stimme.

aber das ist nur meine nächtliche angst.

wenn ich auf dinge von ihr stosse, wie heute morgen zum beispiel, ertrinke ich in den bildern und sinke,  schnappe nach luft und schlage fast um mich, in einem zimmer ganz allein.

der sturm braust heran, in unregelmässigen wellen, das dachgebälk antwortet prompt.

wieviel ist mir gleichgültig seither, wieviel erreicht mich nicht, berührt mich nicht, lässt mich kalt. das erschreckt mich manchmal, wie sehr meine welt auf ihre bezogen war, ausschliesslich, und was war ausgeschlossen, wieviel von dem Grösseren war darin und was kam gar nicht in frage.

das flache.

u1xp7jdt3cqyottbqts3g.jpg

während sie sich zurück zog und wegrückte von hier, bin  ich in die zwischenwelt geraten, weder hier noch dort, traumartig, enthoben, ihr tod hat das radikalisiert, noch immer lebe ich nicht ganz hier, nicht in der erinnerung, in einem dazwischen, einem spalt zwischen tod und hier.

und mir wird klar, schon immer war ich nicht ganz ansässig, sondern zugereist, fremd,  geraten ich weiss nicht wie ins unverständliche.

umso mehr jetzt.

mein rätseln über tod und leben.

mehr denn je merke ich bei meinen lektüren, wie sehr man sich bemüht, in einem rahmen zu bleiben, wer darüber tritt hat jegliche zustimmung verloren. irgendwo lese ich den satz, seit sich herum gesprochen hat, dass die die erde rund ist, ist das denken allmählich abgeflacht. zu dem heutigen.

ich lebe in der zone der rätsel.

seit geraumer zeit meide ich das allerneueste vom tage,  kein massenaufschrei,  die ungeheuerlichkeit gibt sich normal.

lauschen auf die stimme des sturms: ich entziffere die tonalitäten des windgebrauses, zähle den ansturm der böen, vermesse das schwanken der baumwipfel, sage  knacken oder ächzen der balken zuverlässig voraus und daraus folgere ich zwingend, marie will mir unbedingt etwas sagen.

ganz deutlich: „sei nicht kleinmütig, sei wenigstens freundlich.“

das reicht in meine lektüren.

Andrea Camilieri, Certi Momenti.

Hiromi Kawakami, Die zehn Lieben des Nishino.

img_0796-2-e1551697677421.jpg

„communication“, was ist das denn?

img_0203-2.jpg

„communication“, mehrmals und kurz hintereinander am nebentisch bedeutend ausgesprochen und ich gehe nach dem hastig ausgetrunkenen expresso sehr schnell wieder, ziehe die jacke im aufstehen mit schwung über und bin schon draussen und folge der sonne, zuerst ins gewühl am bahnhof und dann schnell in fast stille strassen, wer träumt, die häuser oder ich, aber das ist nur ein kurzer gedanke, bald kommen die eiligen vom dienstschluss an mir vorbei, hasten treppen herunter und hinauf auf den fussgängerstreifen zu über die autobahnzufahrt und ich sehe, dass ich möglichst schnell weg komme.

was ist das für eine „communication“ (amerikanisch ausgesprochen), wenn ich meinen café so hastig hinunter stürze und keinen zweiten bestelle; es war mir zu eng, zu nah, wenn leute so laut reden, dass ich gegen meine willen zuhören muss, nein kein theater, das auch, aber es ging wirklich nur um ein wichtiges seminar (und das alles mit diesem breiten akzent, eigentlich sympathisch dachte ich) und die frau gleich nebenan, die ihr baby stillte, wollte ich auch nicht stören.

dabei liegt das café fast versteckt in einer nebenstrasse und es gibt nur ein paar tische, aber der expresso ist exzellent und eigentlich redet nie jemand sehr laut. ich gehe auch dahin zum nachdenken und manchmal schreibe ich mir sachen auf.

die leute, so fiel mir an diesem seltsamen februar sommertag auf, waren fast aufgeregt oder war ich es, aber einen zweiten expresso hatte ich tatsächlich nicht getrunken, fast wäre ich schon woanders eingekehrt, aber die tische draussen lagen schon im schatten.

im park sassen leute am weiher auf decken und ich habe dann doch besorgt einen blick auf die wettervorsagen geworfen, ich will eine ordentlich behutsame annäherung an den frühling, keine frühzeitigen überraschungen im garten und dann friert es und schneit hinein.

andererseits merke ich, seit maries tod bin ich auf einiges gefasst. auf anomalien, meine ich, obwohl ich weiss, dass der tod keine ist.

dann denke ich, mit unserm weltbild und dem davon geprägten erleben muss etwas nicht stimmen.

wenn alles  seinen gewohnten gang ginge, keine anomalien also, dann gäbe es wenig einsichten. ich meine damit nicht einmal den klimawandel oder so, sondern was gründlicheres, tieferes.

img_1411.jpg

aber darüber will ich nicht reden, ich meine aus scheu nicht, und auch, weil die meisten mainstream ansichten seit geraumer zeit nicht mehr meine sache sind. maries tod hat das noch erheblich verstärkt, aber ich habe heute gerade keine lust, fremde meinung vor den kopf zu stossen, obwohl ich das eigentlich gerne tue. die meisten verteidigen ihre nicht weniger seltsamen ansichten, als ginge es um ihr leben, und das tut es wohl auch. ich respektiere das meistens, es sei denn ich nehme an, der „communication“ partner verträgt  einen kleineren oder grösseren stoss.

die meisten leute, so merke ich, haben mehr glauben, als sie annehmen. es gibt autoritäten, denen kaufen sie alles ab.

„communication“ ist dann einfach nur selbstbestätigung, männer vor allem haben da oft eine schlagseite.

das letzte argument ist die technik, das funktioniert doch, mit erhobenen brauen und mahnend. ich sage dann immer, na klar und wie.

ist „communication“, ich rede nicht vom austausch von banalitäten, das kann auch sehr schön sein, nicht hauptsÄCHLICH DAS, gemeinsam FRAGEN ZU STELLEN STATT SICH ANTWORTEN UM DIE OHREN ZU HAUEN,  die meist auch bloss meinungen sind, vom hörensagen kommen, ungeprüfte glaubensartikel samt und sonders.

dann flüchte ich am liebsten, es sei denn ich bin an dem tag gerade streitlustig und möchte die heftigeren tonlagen meiner stimme exerzieren.

„communication“ wovon also. einer meiner lieblingsorte ist das stille café, man trinkt in aller ruhe seinen expresso und geht wieder, kein geräuschvolles gerede.

reden tu ich abends mit marie, ich erzähl einfach alles ohne worte, ich setz mich hin und stell mir vor, für sie bin ich durchsichtig, vor ihr kann ich gar nichts verbergen, wenn ich ehrlich bin, und sie würde jeden schwindel sofort entdecken: das ist für mich ein ungeheuer erleichternder gedanke, dass jemand mich anschaut und sieht, ohne irgendein urteil. so’ne fähigkeit wÜNSCH ICH MIR SCHON LANGE.

AM BAHNHOF KANN MAN SIE GUT EXERZIEREN, DESHALB GEHE ICH SO GERNE HIN.

ABER HEUTE, ECHT, DAS MIT DER „COMMUNICATION“, DAS WAR RICHTIG des guten ZUVIEL.

dsc00700.jpg

 

 

so etwas wie wahrheit

inventar

oel01PtfQ9W7TxT4uFgaeA

sonnenflecken auf stuhl und tisch und buchstapel (die noch ungelesenen, angelesenen) die frische luft, noch kühl gegen zehn, aber eindeutig frühlingshaft  – eine graue taube auf dem kamin (und schon wieder weg) – „ich ist ohne du und wir eine tonnenschwere last, kollabierend“ (so ähnlich gestern abend gehört) – ein wenig verzweiflung in einer ecke, in einer andern ein wenig erleichterung, in einer dritten verspieltes, in einer vierten erwartung (unbestimmt), in einer fünften (die gibt es) ist alles ganz anders – „Das wortlose, blinde Verstehen ist … ein fester Topos der Liebeslyrik “ (gelesen bei Judith Schalansky, Verzeichnis einiger Verluste im kapitel über Sapphos Liebeslieder, S. 128), ist gelebte erfahrung und weltriss, wenn es zu ende ist – „Nicht eins und doch“ (Christian Enzensberger, titel seiner „Geschichte der Natur“) – „Später, als er wieder fragen konnte, hat er die Steine gefragt“ (ebendort, S. 121) – er fragt sie jeden tag, um etwas heraus zu finden über ihren jetzigen aufenthalt – „I cannot say, and I will not say / That he is dead- . He is just away!“ ( James Whitcomb Riley): ein bekannter schickte mir das gedicht „away“, das „he“ ersetzt durch „she“ und ich merkte beim lesen, wie es alles noch schlimmer machte und einfacher, erträglicher, sie, allein unterwegs wo ganz anders und mir unerreichbar (und das gab natürlich wieder hieb und  stich) – trösten wollen ist so eine sache, man trifft immer irgendwo ganz daneben, jedenfalls bei weiterem bedenken – die violette orchidee auf dem tisch: ich erwische mich dabei, wie ich bei allem und jedem (blumen sind nie „alles und jedes“) frage, was hat es mit ihr zu tun (eine ganze menge) – die menschen sind so fern, sage ich, und im gleichen augenblick, ich bin so fern „von allen“, aber ihr bin ich nah (ich halte mich fern, denn ich befürchte verluste) – dopamin wird auch ausgeschüttet bei negativen gedanken, also auch bei schmerz? (der suchtcharakter davon) – die goldfische im tümpel sind aufgetaucht, ich erhasche vom wohnzimmerfenster aus eine orangenen fleck – heute nachmittag werde ich im garten arbeiten (so tun als ob, in wirklichkeit wird es ein besuch bei alten bekannten), die meiste zeit verbringe ich mit hinhocken und schauen – ohne marie ist der garten gar nicht denkbar – überhaupt: was verdanke ich marie ( versinken in gefühlen und gedanken eines eigenartigen lebensinventars) – es gibt keine tätigkeit, die keine erinnerung enthält, jeder hüftschwung, jede körperdrehung ist voller erinnerung – was ist schönheit – bei wem habe ich schönheit gelernt – bei wem sonst – die boutade über den jogginganzug ist keineswegs abwegig (Karl Lagerfeld): es ist ein anzeichen der flächendeckenden verlotterung  – in der stille des samstagmorgens ensteht so etwas wie wahrheit.

dsc02087.jpg

was ist altsein

IMG_2259

na, alter, sagt jemand im traum, im aufwachen nehme ich an, es war marie z., die spöttische stimme erinnerte an alles, sie meinte nicht mich, aber im halbschlaf schon bin ich beleidigt, bin ich nicht auch ein alter? es war nicht auf die jahre gemünzt, eher auf die haltung und gesinnung.

warst du gemeint, fragte ich mich, denn ich war doch getroffen.

und nun die gewissenserforschung (noch vor dem ersten augenaufschlag).

was ist altsein und -werden.

seien wir ehrlich, das schlimmere ist nicht die abnehmende gliederbeweglichkeit, das allerschlimmste ist die unbeweglichkeit „oben“, im denken und fühlen, nicht nur das immergleiche immer wieder von vorne, sondern auch die engere umzäunung, die abwehr des neuen (wenn es denn neu ist), die sklerotisierung, die erstarrung und sturheit, das hämische auch, das beginnend lebensfeindliche, wenn ich es schon nicht mehr haben kann, sollens auch die andern nicht haben, der rückfall, denn stillstand gibt es nicht, entweder es geht weiter oder es geht zurück und dann kriecht etwas uraltes totes in die welt und hat eine freude am kaputtmachen von allem lachen und weinen, von allen lebendigen regungen, dann brabbelt es nur noch, dann kommen die berüchtigten argumente, die das alles untermauern sollen, es ist das system und der sachzwang und wir können nicht anders.

was heisst, das altwerden, eine fragwürdige version davon, schwappt über und erfasst auch die sogenannten jungen, da ist dann hopfen und malz verloren, da schaut einen uraltes an und selbst in den neuesten neuerungen scheint es auf, ein uralter unbewusster hass auf das lebendige, den körper, hin zu einer wie auch immer gearteten erlösung, aber weg von, weg in die kalten abstraktionen von formeln, keine sinnlichkeit mehr und wenn, dann nur noch glattes, unkompliziert flaches, poliertes, metallenes, aber kein leben und das ist immer bunt, wild, saftig, komplex, unberechenbar und äusserst widersprüchlich und da kommen anfang und ende vor, aber zu ihrer zeit und nicht schon vorgezogenes totes, mumifizierung, zombiemässiges, seelenlos, und darin auch irgendwie fürchterlich dummes, strohdummes, ein schwarzes loch, das  alle lebendige,  freudige, schöpferische vernunft verschlingt.

wir sind sehr geschickt darin, alles wie eiserne notwendigkeit aussehen zu lassen. alternativlosigkeit riecht auch nach wartesaal und bald kommt der tod, inzwischen machen wir einfach weiter.

weshalb ich darauf komme: ich habe mir von Ulrich Horstmann den vergriffenen phantastischen roman „Das Glück von OmB’assa“ (Suhrkamp 1985) antiquarisch bestellt, weil ich auf den ausspruch eines seiner protagonisten gestossen bin, der planet erde sei die „Strafkolonie der Milchstrasse“ und der weiteren Umgebung.

als folge dieser entdeckung habe ich mir nebenbei eine dokumentation in mehreren folgen über den zweiten weltkrieg angeschaut, in relativ kurzem zeitlichem abstand die zweite eigentlich und verblüffend erschreckend der eindruck. das finale ist natürlich der abwurf der zwei atombomben auf hiroshima und nagasaki und alles vorhergehende läuft auf die rechtfertigung des abwurfs zu.

irgendwann zwischendrinn habe ich die fassung verloren und bin in tränen ausgebrochen, ich konnte gar nichts tun.

die frage, was ist altwerden hängt dann plötzlich intim mit der anderen zusammen, wer sind wir, die bewohner der erde.

die frage ist nicht unschuldig, mich hat jemand auf ein soeben zirkulierendes video über einen verzweifelten imker aufmerksam gemacht, der seine verwüsteten bienenstöcke vorführt und verzweifelt ausruft,was die bienen umbringt wird auch uns umbringen.

 

img_1387.jpg

der heimliche hass auf das leben ist etwas uraltes, es ist die verknöcherung selber, der rückfall ins mineralische, versteinerte, es fühlt sich an wie altersstarrsinn und das regnum der senilität, wir sind todesflüchtig, säubern ihn hinaus, in unserem weltbild ist er abstrus und „surreal“ (Jochen Kirchhoff), andererseits sind wir von dem toten fasziniert, wollen wir weg vom sinnlichen, hin zum ewig haltbaren cyborg. hundert jahre werden alle bald in naher zukunft, lese ich in magazinen, aber mit dem altwerden können wir nichts anfangen, dem altsein können wir nichts abgewinnen, aber im ganzen betrachtet sehen wir uralt aus, verbohrt, obsessiv und autodestruktiv senil.

„Sie sind aber jung geblieben“, das ist die ultimative frechheit. als ob jungsein, altersmässig, eine garantie sei gegen eine verstockte festgefahrenheit in einem klischee von lebenswertem leben, mit einem schuss infantilität.

eigentlich erstaunlich, dass es noch sowas wie frühling gibt, auferstehung im garten des soeben noch verborgenen leben, die ersten weissen blüten, schon länger die kätzchen der haselsträucher, und die tage sonniger, an der fassade blüht schon länger diskret aber beharrlich der jasmin. und die menschen: sind wacher als sonst und spontan freundlicher.

jüngst bei einem spaziergang am Palmberg in Ahn (der aromatische duft des wilden buchsbaumwäldchens ist kindheitsaffin, wirbelt bilder hoch einer damals schon gefährdeten ganzheit, ich sehe den grossvater fassungslos vor dem massiven bienensterben stehn, der aufdringliche geruch der ersten pestizidenwalze lag süsslich in der luft) waren die farben noch fahl, der boden von den letzten regenfällen aufgeweicht, das erste frühlingsgrün noch zurückhaltend, aber die luft über dem moseltal schon ein einziges versprechen von erneuerung und frischer beweglichkeit, eine ahnung von einem anderen leben und denken.

meine enkelinnen klettern in bäumen und und werden frühjahrsmässig frech.

lachen geht da ganz von selber und kein trotzdem.

(wenn kritik nur noch nörgelei ist, sieht sie auch uralt aus. die versuchung ist mir sehr bekannt.)

img_1712.jpg

 

 

 

 

 

 

 

das ende einer welt

DSC01946

einbrüche, existentielle sind normal? sinn anfälle, sehr akut, was soll der laden hier und ich darin. natürlich von aussen keine antwort oder doch nur  „maybe“ (Henri James). es ist klar, wenn der laden keinen sinn macht, dann sind die individuellen sinn konstruktionen eine äusserst wacklige sache, man kennt das, ein scharfer wind bläst und schon fallen die netten aufbauten wie kartenhäuser zusammen, meist mit dem schneeballeffekt und reissen noch anderes mit, scheinbar festgefügte gewissheiten zum beispiel, und dann hängt man wieder überm abgrund und man kann grübeln, bis man irrsinnig wird, buchstäblich.

die wissenschaft, so nehme ich zur kenntnis, ist dafür nicht zuständig, dafür hat sie uns ein wüstes leeres abweisendes universum beschert mit sternefressenden monstern, gasbällen, urexplosionen und ich kann nicht so schnell vergessen, dass die theoretische physik ein eigenes ungeheuer geboren hat, es heisst atombombe, wie man das, was die materie zusammenhält, auseinander reisst und wir haben die bescherung (die offenbar gewordene autodestruktive tendenz).

also dort kein sinn, im gegenteil ziemlich beunruhigendes, keine sehr heimeliger ort das universum und wir in dieser ansicht ein rein zufälliges fast-nichts  sehr am rande.

ich bin vielleicht etwas verbittert, erbittert, aber so stellt es sich mir dar und ich finde das ist ist keine erfreulichkeit neben anderen unerfreulichkeiten.

es liegt auf der hand, dass man die ganze vorherrschende denke des zeitalters in den verdacht kriegt, mit allen krisen zusammen zu hängen, es gibt da wenig exterritoriales. es gibt hinweise, die den verdacht untermauern.

manchmal fragt man sich, sind die erdbewohner intelligent, da man selber dazu gehört, beisst die katze sich in den schwanz, aber die frage steht doch im raum.

dass ich sie heute stelle, liegt an meinem anfall akuter sinnlosigkeit, ich brauche dann immer eine weile und vertreibe mir die zeit mit rundumschlägen.

eigentlich, so sage ich mir, müsste man in meinem alter etwas gefestigter sein, ein paar elemente von anschaung haben, die einem eine gesichertere grundlage verschaffen. eine allzu luftige existenz ist verdammt anstrengend. (und meine eingebaute suchmaschine ist gar nicht aufzuhalten).

die sinn frage hat natürlich mit marie z. zu tun, mit dem ende einer welt, mit ihrer farbe, ihrem licht und ihrer intensität, inklusive dem gehaltensein in der spannung der beziehung, was sich immer auch und vor allem in den alltäglichen dingen manifestiert. aufeinmal ist es dunkler geworden, das haltende weggebrochen und die alten fragen nach dem ort, nach dem sinn und nach der verantwortung stellen sich wieder neu.

was sagen meine enkel: das ist auch immer die frage danach, was ich mit meiner existenz ausstrahle, oder banaler gesagt, was für eine art altsein, altwerden ich abgebe, ob es mut macht oder nur deprimierend ist, ob die summe eines lebens, das ich verkörpere, etwas ist, das spricht und zwar möglichst wenig unsinn (oder doch nur nebenbei).

ganz abgesehen davon, wie man verantwortung sonst noch betrachten kann (menschsein zum beispiel versteht sich nicht von selber), ich habe den begründeten eindruck, dass wir in der grösseren verantwortung stehn, ich möchte mich jedenfalls nicht herauswinden mit windigen argumenten.

gestern war übrigens der vierhundertneunzehnte todestag von Giordano Bruno, er wurde in der früh am siebzehnten februar im jahre 1600 auf dem campo dei fiori in rom bei lebendigem leib von der inquisition verbrannt. Giordano Bruno ging von einem unendlichen durch und durch belebten kosmos aus.

IMG_0060

 

 

was ist verantwortung

dsc00336-e1549965108799.jpg

erst wenn ich denke marie, beginnt der tag eine form zu bekommen, wird das einfallende licht erträglich, sind die meldungen lesbar, auch wenn sie von katastrophen sprechen; aber der boden ist unsicher, die bäume wanken beim ersten blick aus dem fenster, das paradies liegt hinter uns und vor uns?

fragen.

antworten gibt es immer nur provisorisch. es ist alles nur geliehen, auf kredit.

das eichhörnchen turnt am vogelhäuschen und klaut sonneblumenkerne.

die katze will schon wieder hinaus.

es ist gar nicht so einfach beim aufschlagen der zeitung nichts böses zu denken, keine flüche und kein verdammtnochmal.

aber der kaffee schmeckt bitterer bei zornesanfällen.

am besten gewöhnt man sich das lachen nicht ab.

das meiste beruht auf einbildung und gutem glauben. die geldflüsse sind heute morgen nicht eingefroren.

die insekten machen sich davon, ich verstehe  bukowski sehr gut, wenn er  seine kakerlake vermisst.

was sage ich bloss meinen enkeln?

dass wir die sache vermasselt haben?

die selbstzufriedenheit in politiker gesichtern befremdet mich dann doch. was soll man wünschen? dass noch mehr lichter aufgehn. eine explosion davon.

der tod regelt einiges, aber nicht alles.

was ist verantwortung.

ich lauere auf das nächste wort wie die katze auf die maus, ich tue so, als denke ich an garnichts. aber alles ist bereit zum sprung.

ich wende mich an marie wie an das rettende. dann erinnere ich mich, was wirklich wichtig ist.

in der stadt wird es plötzlich sehr still.

dsc00337-e1549965157203.jpg