was tut der regen

 

 

windregen wirft sich aufs dach, trommelt zart, prasselt wild, ebbt ab und an, heftiger und sanfter und das grau mit dunkleren tupfern flieht.

die sehnsucht unterm regendach. wind setzt an zu einem donnern und hört kurz davor auf, beginnt von vorn, regen platzt aufs fenster. rauscht, kurz. ebbe und flut

eine alte liebe, der regen, von der sintflut her, ein schuldiges gefühl, und wenn er nicht mehr aufhört.

ich sehe mich den mantel anziehn und die stiefel und die regenböe im gesicht spüre ich schon. sauber gespült die welt. „und an den küsten – liest man – steigt die flut“ (1)

arche noah – wir?

regentanz – im fenster blitzt es an den rändern, prasselt.

was tut der regen. (2)

mit marie im gewitter wald, donnerblitz, krachend regennass bis auf die haut, wir kinder und die eltern wissen nichts davon.

regenhypnose. still sitzen, ganz regenohr, nur reglos, es kribbelt, schöner noch ist regen im gesicht, regenpfützen unter den schuhen, nasse hosenknie, welt regengestrichelt, regenumhüllt, fast geborgen.

eingesponnen in regenwindgeräusche, das obere saussen, das untere plätschern.

ist regen gut oder schlecht. im online search: der saure regen.

it is raining cats and dogs.

il pleut à verse; il pleut à vache qui pisse.

es giesst.

es hört nicht auf, wind jagt regen.

es regnet, es horcht, es fühlt, denkt: regen und windgemurmel, lauter disput, ruhiges besänftigtes gespräch, hin und her regen-wind worte, regen schwall wind stösse, dunkel aufs dach. ich schweige.

sogar jetzt die vorstellung: lesende marie auf der couch, manchmal lächelndes zunicken, kein wort, ein sanft verblassendes bild und in der ferne ein farbenfrohes sein, ein utopia.

es wird einmal sein. regengespräche: über macht und frauen (regenwindgeflüster: die frauen übernehmen).

steigende windstärke fegt regen gegen die schräge.

im regen ist alles denkbar.

 

(1)  Weltende
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis 1911

(2)  SYNONYME ZU REGEN (Duden synonym)
Fisselregen, Gewitterregen, Niederschlag, Nieselregen, Platzregen, Regenfälle, Regenguss, Regenschauer, Schauer[regen], Sturzregen; (österreichisch) Schnürlregen; (umgangssprachlich) Bindfadenregen; (dichterisch) Nass; (ostmitteldeutsch umgangssprachlich) Husche; (Meteorologie) Strichregen Flut, Fülle; (gehoben) Kaskade; (umgangssprachlich ironisch) SegenBEDEUTUNGEN, BEISPIELE UND WENDUNGEN  ein starker, heftiger, wolkenbruchartiger, dünner, anhaltender Regen der tropische Regen der Regen fällt, beginnt, hört auf, lässt nach, rauscht, rieselt, strömt, rinnt über das Dach, klatscht/trommelt/schlägt gegen die Scheiben, prasselt aufs Pflaster es wird Regen gebendurch den Regen laufen bei strömendem Regenes/der Himmel sieht nach Regen aus wir wurden vom Regen überraschtein warmer Regen (umgangssprachlich: sehr erwünschte, oft unerwartet erfolgende Geldzuwendung)aus dem/vom Regen in die Traufe kommen (umgangssprachlich: aus einer unangenehmen, schwierigen Lage in eine noch schlimmere geraten)jemanden im Regen [stehen] lassen/in den Regen stellen (umgangssprachlich: jemanden im Stich, mit seinen Problemen alleinlassen, ihm in einer Notlage nicht helfen)auf Regen folgt Sonnenschein (auf schlechte Zeiten folgen immer wieder auch gute)

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was ist dankbarkeit

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der stand der dinge.

wind auf dem dach, gejagte wolken in grau und geschichten heran geweht, man weiss nie, welche gerade konjunktur haben. ich sammle eindrücke. ich warte auf zeichen. der abdruck der café tasse auf dem notizbuch. der hof ist leer. ist das ein gutes zeichen.

immer geht etwas zu ende. der blick für schönheit. und: passé. und: immer wieder neu.

anderes hinterlässt gar nichts, wie gestern morgen die halle mit den dingen, gehäuft und gestapelt, fast farblos und beim hinaustreten schon vergessen, sogar der parkplatz wirkt lebendig dagegen und die frische luft erst und die nasse fahrbahn und die häuser am wegrand und das elend hinter dem zaun vor der bahnhofsbrücke.

immer schwankt eine abgerissene gestalt durchs bild und streckt die hand aus.

der wind spielt am dach, die wolken füchten, mitten im grau ein lichtloch, mal grösser, mal kleiner, es blendet, es zieht an, der kamin rasselt, die dachbalken ächzen. das haus führt ein eigenes leben, dem ich heimlich lausche.

im süden thronen kräne über der trabantenstadt. rabenkrähen tauchen vor dem fenster in die tiefe.

die abwesenheit breitet sich aus wie eine epidemie, keine ecke des alltags, die nicht erfasst würde.

die heizung gurgelt manchmal und verstummt.

im licht schwimmt das haus mit den wolken fort.

marie, denke ich. und sofort, ein gefühl der fülle, des reichtums und darin eine langsame auflösung, ein verschwinden, aber als weite, als ausdehnung.

was ist dankbarkeit.

ich weiss nie, was als nächstes kommt. es kann sein, dass ich jetzt noch sitze, aber in drei sekunden, drei minuten kann es sein, dass ich aufstehe und schon biege ich um die nächste ecke und verschwinde in den strassen der stadt, eile durch parkalleen und tauche im kommen und gehn der samstagspassanten unter. werde unsichtbar, nur noch sinne ausgefahren und aufmerksames gehen, der wind im gesicht.

die geschichte dreht sich um das, was fehlt?

nein, sie kreist um eine leere im zentrum, um ein unersetzbares, das in der tiefe verschwundene gold.

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alles so eindringlich und so kompakt

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manchmal wünscht man sich einfach nur, am fenster zu sitzen und in den garten zu schaun oder unter bäumen zu gehn oder auf klippen zu stehen und aufs meer zu sehn.

aber dann hört man was über das tauen des permafrosts in sibirien und im hima alaya, dem haus des schnees, sehen die prognosen selbst im optimistischsten fall nicht sehr gut aus und man sieht keineswegs ab von dem, was mit menschen geschieht und denkt, eine corporation hat mehr mit macht zu tun als mit wirtschaft, die setzen in afrika den fuss auf den boden und reissen sich tausende hektare unter den nagel, luchsen sie den lokalen bauern und züchtern ab und bauen zwecks biofuel eine pflanzenart an, die toxisch für mensch und tier ist und dann die bilder von niedergeknüppelten leuten und man hört sich auch noch an, wie  menschenmassen beherrscht werden (seit langem), indem man sie in trance versetzt (konsum heisst das) und nun schaut man nur noch beunruhigt in den garten, geht sorgenvoll durch den wald, und aufs meer schaut man nie mehr ohne zu wissen, was wir dort angerichtet haben.

auf der strasse drunten läuft alles normal, reste von schnee im garten, die katze hat meinen schreibtischstuhl besetzt und die andere bettelt um aufmerksamkeit.

ich gebe zu, wegen meiner erkältung hatte ich einen (begründeten) anfall von weltschmerz und -überdruss, aber offensichtsichtlich habe ich mir auch zuviele alarmierende meldungen in zu kurzer zeit angeschaut.

die ersten schritte draussen waren auch fast zuviel, alles so eindringlich und kompakt, aber die sonne machts erträglich.

leben heisst wohl sich auf das ganze paket einlassen, nicht, was bleibt einem anders übrig, sondern im sinne von standhalten. beim sich wegdrehn und fremdeln sieht man nur noch alt aus.

aber verrückt ist es. so richtig aus dem gleis. an manchen stellen sieht es verfahren aus. man fröstelt. plötzlich wird deutlich, fast jede alltägliche geste, fast jeder gedanke ist relevant, also politisch, was du kaufst, wie du isst, was du denkst und fühlst, ist ein beitrag oder eine weitere minikatastrophale entscheidung.

und wenn man die dinge im grunde betrachtet, an der wurzel, dann genügt beileibe keine co2 reduzierung, das wäre dann doch zu einfach, genauso wie der gedanke absurd ist, wir wechseln die direktionsmannschaft aus (zum beispiel nur noch frauen), aber die maschine läuft weiter wie gehabt.

man wird radikaler, nicht, weil es chic ist, sondern weil die redlichkeit einen dazu zwingt.

die stadt beginnt gerade wieder sich zu entleeren, die strassen sind verstopft, das rauschen hält unentwegt an und darüber ein orangener horizont mit weissen und blauen schlieren, auf dem dach schreit eine rabenkrähe (ich möchte sie in keinem bild missen, gestern sass eine länger im gipfelgeäst eines baums gegenüber und wippte hie und da).

die tage rinnen einem weg ins nichts, wie heute morgen schüttle ich ungläubig den kopf, die dinge um mich herum versichern mir die ganze zeit schon, dass ich nicht träume, wenigstens nicht ganz, aber manchmal ist es mit dem ganz aufwachen so eine sache, manchma ist das fast schon traumatisch.

manchmal spüre ich die allgemeine trance, das eingelulltsein und ruhig gestellt sein. das seelige blöde lächeln des träumers sehe ich, sein gebrabbel ist vernehmbar, seine eingebildete lust fühlbar, sein ersatz.

nach meiner kleinen und unbedeutenden erfahrung ist unsere kultur vielfach das, ein ersatz, sehr gesüsst, sehr laut, sehr bling bling glamourös, aber man schaue bloss nicht in die ecken und um die ecke schon gar nicht.

aber genau dorthin zieht mich immer wieder meine neugier, auch wenn es etwas schmerzt.

und ich kann auch nicht aufhören, die fragen zu stellen, immer weiter zu fragen, gar nicht mehr anzuhalten, denn es gibt schnell eine fragenlawine, über alles und jedes und nicht zuletzt über mich, was ich so mich nenne.

und dann gibt es die person auf dem foto, mit dem tröstenden lächeln, dann schicke ich ihr das beste von mir und lausche nur noch.

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„sich im andern lieben“? wie geht das.

die weisse katze im schnee ist wie lebendig gewordener schnee, sie hüpft vor … naja,  katzenpläsier, sie springt, seltsam ondulierend (fast schwimmend) und ich schaue verblüfft zu: elementar eigentlich und deshalb mit nackten füssen zum vogelhaus und zum briefkasten und danach die hitze spüren, die von unten heraufsteigt, wohlig, das animalische behagen. schnee, die perspektive des schnees, hervorhebend alles feine, dunklere, die baumstriche, sträucherkritzel im gestöber der flocken und darunter die erstaunliche seltsame katze.

keine bedenken, heute sorglos zu sein, obwohl, der garten ist leerer als letztes jahr um die zeit, die amseln sind rar, aber das eichhörnchen turnt von baum zu baum, hat andere wege als meine und die scheinen mir manchmal etwas flach.

sich im andern lieben„, lese ich in einem kommentar zu dem letzten eintrag, und „dann würde er einem nicht mehr fehlen„.

ich rätsle herum, sich im andern und sieht man den dann, soweit man ihn sehen kann; andererseits sich zu suchen in sich ist auch eine seltsam vergebliche suche, hingegen die vorstellung, man kommt sich von aussen entgegen als der andere, ist interessanter.

und dann weiss ich nicht, ob „fehlen“ der rechte begriff ist. „fehlen“ verstellt alles, „fehlen“ versucht alles an sich zu ziehn, auch wenn es vergeblich ist, „fehlen“ trübt den blick, nimmt dem gefühl die kontur.

ich meditiere abwesenheit, die halbe welt, und der rest leicht gedimmt, zuerst als sehe man nicht recht, man lebt damit wie mit einer anwesenheit, nur muss man den schmerz aushalten können, was zugegebenermassen nicht immer gelingt.

so gesehen, dass man sich von aussen als der andere (die andern (wesen)) entgegen kommt, fühle ich mich reicher, umfassender, die enge vergeht, das vermissen verwandelt sich in eine kostbarkeit, die gecshliffen wird wie ein guter stein und glänzt.

zuerst dachte ich, fühlte ich, ich gehe unter, versinke, es bringt mich langsam um (das tut das leben), hat es aber nicht (noch nicht), so dass langsam der eindruck sich einstellt, da der tod dazu gehört, teil ist, nicht wegzudenken, nicht zu camouflieren, bekommt man auch die stärke, ihn anzuschaun, ich meine das wörtlich, die leichname, die särge und gräber und keine ausflüchte.

man verwaltet eine beziehung nicht wie ein geschäft, man lebt damit, sie verwandelt sich noch immer, marie z. posthum ist ein sehr reales ereignis meines lebens. ich kann jetzt mit ihr reden, „reden“ mit toten geht anders, sie „sieht“ anders, ich habe den eindruck, sie „schaut“ anders auf mich. es ist nichts solipsistisches, es ist eine wechselwirkung. ein posthumes „gespräch“, sie schenkt mir nichts, sie sagt die dinge unverblümt, sie ist nah.

ohne den schmerz passiert gar nichts.

ich denke gerade an den bekannten künstler, der in einem interview gefagt wurde, ob er sich immer möge; nein sagte er; was er dann tue. er suche eine geeignete geistige vorstellung, eine welthaltige, die ihn heraus hole, bei mir ist das noch in einem anfangsstadium, ich denke dann weltinteresse (allgemein und konkret und schmerzlich), sofort habe ich das gefühl von zustimmung, etwas stimmt mir zu, so kann ich mich im andern lieben.

 

was ist nähe

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verwandeltes schauen, das häufchen vermoderter blätter am eingang, der zugefrorene gartenteich, der ausweis einer unbekannten am briefkasten, 1935 geboren, nicht auffindbar in den verzeichnissen und ich stelle mir vor, da ist jemand aus allen registern gefallen, geistert in zwischenräumen, in nischen und spalten des alltags und keiner weiss davon. wie viele verlorene gibt es?

auch ich wandle inzwischen in anderswelten, in rissen an einer wand, dort verschwinde ich regelmässig in andere zeiten mit marie z., sie ist jung und wir lachen; oder ich halte mich an haselsträuchern auf, an hollundern, dort, wo die alten zugänge vermuteten zur anderswelt, zum jenseits. überhaupt warte ich.

wie jemand gemeint hat, der totenwelt dürfe man sich nur auf zehenspitzen nähern, ich nähere mich gar nicht, von mir aus tue ich nichts ausser warten; zu sehr habe ich angst, wenn ich selber frage, missverstehe ich die antwort. man ist sehr schnell zu begierig.

es ist wie gehen und gleichzeitig hörst du die schritte nebenan, jedenfalls nicht hier.

sich selber als scanner verwenden, als seismografen, die leichten veränderungen, differenzen, besonders nah fühle ich mich in tälern, wie dem soeben durchquerten. was näher? eher wem. keine frage. ich warte unterwegs auf antworten, tue so, als sei ich gar nicht gespannt, manchmal ist die angst ein schlüssel und die tür? überall möglicherweise. und wohin? ich warte, ob etwas anklingt oder resoniert oder wenn ich die taltreppensteige hinauf gehe, irgendwas mir durch den kopf geht, am liebsten die reine freude am steigen (in beinen und brust), dann weiss ich, warum ich ausgerechnet in dieser stadt wohne, sie lässt mich nicht los oder eher noch, ich lasse mich gerne fangen.

ich weiss, ich weiche aus, ich entziffere gerade eine andere sprache, in der annahme, ich kann die welt verstehn und die welt, das ist sie.

immer suche ich auf umwegen, selbst bei meinem anarchischen studieren von seltsam radikalen palimpsesten, lieber als lauwarmen, ob sie nicht an einer ecke, überraschend, auf mich wartet, mit einem satz, den sie gesagt haben könnte. den sie gerade sagt. den wir zusammen gedacht haben. es gibt sätze, die überleben alles.

„lassen wir experimentell das urteilen ruhn“

es gibt tage, da sage ich mir abends, heute war sie näher denn je und an andern war sie sehr weit weg. aber immer in dieser spanne, in der ich mir einbilde, noch vorhanden zu sein.

wenn ich eine espresso tasse an die lippen setze, denke ich fast immer daran, wie sie und ich, wie wir fünfzig meilen herum kurvten, um den zonen des muckefucks (1) auszuweichen, der einem so ein durchnässtes gefühl hinterlässt, und es gibt keine zeit dazwischen. der espresso denkt sich in mir, körperlich, da muss ich nichts hinzu tun und wie ich verlässlich weiss, denkt er sie mit, ihr unverwechselbares parfum.

was ich lese und sehe, nehme ich hinein, ihrer devise am ende getreu: lassen wir experimentell das urteilen ruhn, ich tue es in der erwartung, die weltstunde enthüllt sich umso deutlicher (wieviel uhr hat es uns geschlagen), eine summe, aber geduldig und zäh.

studieren tue ich traktate zur veränderung (ohne alternative und entwicklung ist sie nicht denkbar, beim besten willen nicht, wenn ich halt mache, um aufzuhören, verliere ich sie endgültig).

(1) https://www.berlin.de/tourismus/berlinerisch/4528206-4528094-muckefuck.html. oder https://de.wikipedia.org/wiki/Kaffeeähnliches_Getränk (für ganz genaue); „eigentlich“ meine ich nicht muckefuck = caféersatz oder getreidecafé sondern blümchencafé aka amerikanischen aufguss (brrrr).

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schauen für zwei

 

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Bad Wurzach, im jahre 1980 (also schon so lange her, dass sich die frage stellt, was macht der dort, gerade heute), ich stöbere keineswegs in irgendeiner erinnerung, es ist ganz präzise, es hat mit hiersein zu tun, richtig hier sein, nicht schon halb weg (wenigstens in gedanken), ich sitze sagen wir im Gasthof Adler (ich weiss gar nicht mehr, wie das restaurant hiess, aber das essen war gut und ich sass um die mittagszeit allein da oder fast, möglich ist, es war schon später und die anderen gäste hatten sich verzogen) und plÖtzlich höre ich unruhe aus der richtung der küche und stimmen und gleich geht die tür und ein mittelalter mann kommt heraus, nein, er eilt, er rennt,  redet mit der frau hinter ihm, wohl die besitzerin, jedenfalls nicht meine bedienung, sie rennt ihm nach, atemlos fast redet der mann auf die frau ein, fast schreit er, er ist wirklich sehr laut (ich tue so, als sei das ganz normal), er hält eine reisetasche in der hand und er redet so laut, dass es kein missverständnis gibt, geben kann, er gestikuliert wie wild, wie gehetzt, nein, nicht wie, er ist so: getrieben gehetzt, beschwörend ruft er die frau an, worte wirft er ihr zu wie bälle und was sagt er, was ruft er, was schreit er fast (ja, wie im theater, ganz genau so): endlich ist es soweit / weg; weg, weg, weg , weg/  nur weg / nur schnell weg und der mann geht und rennt  hin und her und die frau bleibt stehen und er sagt das weg immer schneller, weg weg weg weg weg und verschwindet wieder in der küche oder ist es eine andere tür (woraus ich schliesse, der weg-mann ist kein gast oder doch ein sehr vertrauter) und stürzt wieder hervor, sagt noch immer ohne pause weg weg weg weg weg weg, packt die tasche, die er nicht weit von mir hat stehen lassen – – – ich habe längst zu essen aufgehört, starre mit offenem mund auf  den mann, auf die frau, die ist inzwischen in die küche zurück gekehrt und kommt wieder heraus, als der mann aus der anderen tür auftauch), nun aber weg sagt nun aber richtig schnell weg, weg weg weg weg, aber sofort und ich muss weg weg weg weg weg,  hin und her und  im kreise, der mann und  weg weg weg weg weg und endlich eilt er in richtung ausgang, immer noch weg weg weg weg weg, reisst die tür auf, nun muss ich aber weg und dann ist er verschwunden.

und ich wollte da bleiben

das weg weg weg prasselt noch immer auf mich ein und ich sitze sprachlos da, hatte auch gleich fernweh gespürt, hatte mir eine autofahrt vorgestellt und nun, in dem augenblick, als der mann die eingangstür mit einem schwung aufreisst, sehe ich das auto von vorhin vor mir, den klassischen sportwagen der achziger vor der tür des  restaurants parkiert, dessen motor nun aufheult, die türen schon zugeklappt und mit einem energischen aufheulen w e g w eg w eg w e g w e g  w e g weg weg.

ich bin erleichtert, hatte ich mich doch gleich zu beginn mitreissen lassen, das weg weg weg weg kenne ich, in meiner variation, aber damals, dort im Adler (oder war es woanders), am fenster, vor meinem fast kalt gewordenen essen, bin ich angesichts des weg  w eg w e g w e g w e g ansturms immer ruhiger geworden und ich wollte da bleiben, richtig da da da und keineswegs weg weg weg, ich war nämlich ins allgäu gekommen, um endlich mehr anwesend zu sein.

(kurze zeit später lernte ich marie kennen, das war eine ausgesprochene da und hier angelegenheit sui generis und ins allgäu kehrte ich erst jahre danach zurück)

die ruhe des hier, des ganz hier, wenn ich meinen enkelkindern beim spielen zusehe, kein weg, keine unruhe, (— aber einen augenblick lang die erinnerung des unvergessenen Bad Wurzacher weg weg weg weg —) nur das hier, nur hier und die ruhe, die sich dann ausbreitet, die kindliche konzentration auf das gerade anwesende und kein fitzelchen lust woanders zu sein, kein abdriften in irgendwelche gedanken und ich stelle fest, ich weiss aber nicht, ob es etwas mit mir zu tun, meine aufmerksamen augen auf dem spiel beruhigen alles, kein weg weg weg wunsch, nur ein moment, in dem alles sich bewegt und alles zugleich ganz still und ruhig ist, ganz aufmerksam und, opa kuck mal und die seitenblicke, ob ich auch wirklich zuschaue und die gewissheit im gleichen augenblick und die freude darüber, eine ganz einfache stille.

und nur ein einziger leiser gedanke, ich muss nun für zwei schauen,

damit marie z. auch mitsehen kann.

aber soviel gedanken sind schon fast des guten zuviel und im gleichen augenblick sitze ich mit am boden und wir bauen das schienennetz entscheidend aus, an der brücke war ein stau entstanden und die ganz kleine schreit manchmal genervt auf, wenn etwas nicht schnell so geht, wie sie will, und ich tue nicht nur so, als ob, ich spiele mit, stelle ich aufeinmal verwundert fest.

und später, als es ums aufräumen der schienenlandschaft geht, sagt die ältere, aber der opa hat auch mitgespielt und das aufräumen machen wir dann zusammen oder spielen wir gerade aufräumen?

ach was, völlig unwichtig.

eine sackgasse ist eine sackgasse ist eine sackgasse

yv4oygnpqlscjydvm%sj9qetwas kommt nur langsam in die gänge, sagt sich, aber die sonne, und etwas anderes dreht sich um, zieht  die decke über den kopf und denkt ans schlaraffenland, da wo milch und honig in bächen fliessen. und das keineswegs wegen der trockenen kälte unter dem fast durchsichtigen himmel, die farbe blau erscheint auf einem schwarzen hintergrund.

manchmal möchte etwas den kopf leeren von allem unnützen gepäck und leicht sein, nur die dinge so sehen, wie sie sind, ganz klar und rein und ohne irgendwelche verblümungen.

und dann die scharten, narben und kaum verheilten wunden, sie sind nicht bloss im kopf, sie überziehen den ganzen körper, sind eingeschrieben in muskel, faser und knochen.

kein gelächter. ein einfaches lächeln genügt, wenn die füsse den boden berühren und das unbändige licht.

der körper ist sehnsucht und tut weh, er vergisst nie, wie es war von ihr berührt zu werden, wenn der kopf schon zweifelt und vergebens nach bildern greift, die sich entziehn.

augen sind über zeitungseiten gehuscht, sie haben gar nichts gesehn, die ohren gar nichts gehört, das unterirdische stöhnen geschieht lautlos, etwas weiss davon, jeden augenblick.

„was würdest du am liebsten im leben tun?“ diese frage seit gestern und verstörend die antwort, wegfliegen, nur noch im licht, keine unterbrechung, einem lächeln entgegen, einer wärme. weit werden, alles begreifen, morgens schon die frage beim aufwachen, was ist der körper und gerade dieser, wohin zielt er.

der kopf sucht immer etwas neues und spiesst es auf, seziert und wühlt im nichts, lässt nichts übrig, nicht einmal ein krümelchen hoffnung.

andererseits glaubt er kein wort.

da sitzen und schauen genügt völlig.

von „ich“ ist gar nicht die rede. hingegen von einer zusammengeknüllten roten decke, zerdrückten kissen und einem teller mit essensresten; die stühle und sessel stehen kurz davor zum leben zu erwachen; drinnen oder draussen, wo ist der unterschied, etwas erlebt alles als draussen, sogar das naheste, die finger vor den augen und die füsse noch kalt von den eisigen steinen.

wenn die zeitung aufgeschlagen wird, raschelt sie leer, die fotos von fremden, warum ausgerechnet diese.

von allen bauwerken sind schornsteine am rätselhaftesten.

bullshit ist ein schönes wort.

kurz nach dem aufwachen die frage, ab wann der tag nicht leer ist. irgenwelche tätigkeiten werden erfunden, darunter sehr elementare wie niessen und den kopf schütteln.

morgens vor dem spiegel zeigt etwas ein eingefrorenes gesicht.

beim treppensteigen der eindruck, das subjekt der tätigkeit liegt irgendwo zwischen gehendem und treppenstufen. auch das knarren des holzes ist so.

im garten die kruste rauhreif und in der weissen schale eis mit schwarzen einsprengseln, gefangener schmutz. die katze ist das lebendigste hier.

erste stimmen wie aus einem nebel heraus, die augen sehen zuerst keine buchstaben, nur eine seltsam zerklüftete fläche;

bullshit, sagt etwas.

ein von den motten gelöchelter pullover, rote strümpfe mit eichhörnchenblidern, ein unterhemd auf einem sessel, eine dunkelgrüne jacke, überhaupt ein durcheinander, viel zu viel dinge beim aufwachen. nachts kein traum, dass sie lebendig werden.

immer wieder der zwischenruf bullshit.

etwas hält das sofa für einen gedanken.

nur bei einem namen kein zwischenruf, keine weiteren gedanken, die nirgendwo hinführen, was ist die grösste kulturtat, die heizung oder die müllabfuhr oder beides, keine diversionen bei einem namen, wie eine rettungsboje, irgendwas jedenfalls zum festhalten; manchmal ist etwas nur noch an einem namen festgemacht. der letzte anker.

die sehnsucht ist eine schmerzliche ausweitung, keine einzelheiten.

wie durch den wald gehen: was ist man dann, nur noch etwas im wald,  und bald: nur noch wald.

das wörtchen „nur“ ist völlig ungeeignet, um träume auszutreiben. dass plötzliche eine stimme im raume singt ist durch und durch zauberei.

etwas ist viel zu jung, um nicht an magie zu glauben. etwas glaubt nicht, etwas schaut und hört und sieht und spürt und fasst an und ist noch immer verwundert.

etwas hört erklärungen, die es sich selber gibt, und bleibt bei dem ersten eindruck, verwunderung.

etwas ist auch verwundert, wenn es einen namen und ein bild zusammen bringt. die wirkung ist trauer, sehnsucht und freude.

etwas sieht gar keinen grund, irgendetwas zu tun und sei es nur, den arm zu heben oder das bein zu schwingen.

der zwischenruf ist verklungen:

eine sackgasse ist eine sackgasse ist eine sackgasse.

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„the opposite of grimdark is hopepunk“

es war, als hätt der himmel
die menschheit endgelagert. – Wulf Kirsten, Zur Weltordnung

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langsames heranpirschen an den tag, der wind jagt die wolken, den regen, wirft ihn aufs dach, der kamin tönt – erstaunt fast (ich), der café ist vom zeitungslesen bitter geworden, manchmal frage ich mich, ist dies hier eine simulation und jemand amüsiert sich köstlich, unser zappeln im netz, unsere linkischen gesten, unsere skurrilitäten, unser jagd nach glück und unser unglück, und was wir angerichtet haben und wohin wir den laden steuern, wieder ein bericht über den katastrophalen zustand der erde. und, wenn ich die jüngsten entscheidungen betrachte, die der letzten zehn jahre allein, und jemand verwendet den begriff eliten, dann stösst es mir sauer auf, (deswegen ist der café auch so bitter geworden, dumm(pf) wie bohnenstroh, sagte man bei uns zuhause (man muss kein prophet sein, um das zu sehen)). das klima, denke ich weiter, ist auch nicht politisch korrekt, aber die animosität, mit der man heute aufeinander losgeht, bewegt sich auf den rand zu, wo es knallt. langsam baut sich in der strukturellen konstruktion eine spannung auf, wann reisst das ding. in extremen situationen zeigt sich sehr schnell, was aus dem sozialen kitt wird, der zivilisatorische lack ist dann schnell ab.

das kann man an sich selber studieren. man hat ein gepflegtes bildungsbürgerliches kapital, poetisch umrandet, filosofisch verziert, dann aber kommt ein einbruch, wie der tod der geliebten zum beispiel, belastungsprobe, das ding reisst, nichts hilft, man wird zurück geworfen auf elementare lebensreflexe, die zeigen, dass die eigene stunde noch nicht geschlagen hat. aber auch das ist sehr relativ, wenn ich bedenke, welch eisernen willen marie z. bis zuletzt manifestierte, wie sie noch kurz vor dem ausgang so überzeugend plante und voraus schaute, ich musste ihr einfach glauben, ich wollte es (mein ausweis für meine erfahrungen).

das allerschlimmste ist, alle, die hätten wissen können, was ihre entscheidungen für folgen hatten, sie haben versagt, sie haben sich in ihrer eigenen konfusion (ihrer gottverdammten position in diesem kapitalistischen …, (ein hühnerhof dagegen ist eine ganz rationale angelegenheit) verheddert, was wir nun sehen ist das kollektive stolpern, und dann wird die frage, wer marschierte vorne (eine reine façon de parler, der generalstab ist noch nie vorne marschiert, mais s’est planqué en lieu sûr, während das kanonenfutter…) und wer trottelte nur mit, halbbewusst, ahnungslos oder schon unter anästhesie, völlig belanglos.

deshalb. was bleibt einem. die frage wieder einmal 

deshalb. was bleibt einem. die frage wieder einmal nach der lektüre der gazetten, meist die gleichen schlagzeilen mit leicht variierender interpretation, untermischt gelegentlich von nicht so gewissen fakten, dann hilft man ein wenig nach, aber die blindheit und beschränktheit der tonangebenden kreise? morgens anhaltendes kopfschütteln. die börsen in leichtem aufwind, die unfehlbarkeit des papstes macht schule, es gibt immer mehr anwärter auf reinen wahnsinn, zum unfehlbaren dogma erhoben (denkfaulheit en gros oder sind die einfach so …) aber die maschine läuft, der markt, die preise steigen und wer soll davon leben?

wenn man wissen will, wie heute in gewissen kreisen gedacht wird, studiert man am besten die reaktionen auf die gelbwesten. gewalt? furchtbar. brennende autos, der weltuntergang, aber die alltägliche gewalt gegen leute, die noch immer in dem alten kampf ums dasein gefangen sind, das ist normal. mehr als normal, das gehört sich so?

es ist obszön.

ich denke mir dann, es hat mit einem mangel an emotionaler intelligenz zu tun, trotz viel geschrei, an einfachster sensibilität (das eigentliche schwarze loch, um das wir uns drehen), von fürsorglichkeit, von zugewandtheit, me first und der rest in den untergang, nur einer kann gewinnen? banale klassenreflexe! wer hat, beisst jeden habenichts weg, hat das endrennen begonnen, jeder gegen jeden? oder einfach nur grimdark, aschengeschmack im mund?

the opposite of grimdark is hopepunk. – Alexandra Rowland

dazu/ alles, was man wissen will/kann: ich setze den link ihres letzten essays her (auf einer gamerseite), ehrlich, ich finde es gar nicht so blöd, was die Rowland sagt, auch wenn meine eigene lesart vielleicht radikaler ist, sein ding tun, angesichts dessen, was läuft, ohne illusion, aber ziemlich entschlossen, selbst wenn es ganz und gar hoffnungslos ist, eine art von sturheit bis zum ende (ich nenne sie nicht mal heroisch, es ist einfach das, was zu tun ist und dass eine menschenfreundlichere zukunft möglich ist, daran festzuhalten und selbst, wenn es erfolge gäbe, die sind immer nur vorläufig, und resignation ist einfach nur langweilig.)

was bleibt uns (mir) denn anderes übrig.

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M.B.