„ich wollte deine stimme hören.“

jedes jahresende läuft auf das datum zu, man sitzt da mit fragen, man fragt sich, was sind das für gefühle und irgendwo, man erinnert sich kaum, hört man den satz:“ich wollte deine stimme hören.“ am telefon sagt das jemand zu jemand und der satz trifft einen.

wir reden lieber nicht von wunden stellen, von traumata und seelischen blows, das leben ist so, life is a bitch. und das, was passiert, ist dann scheisse. es ist so. aber der satz hilft nicht.

was man feststellt ist die erstaunliche tatsache, dass man es erträgt. man lernt langsam es zu ertragen, obschon es unerträglich ist. man kann das offensichtlich. man taucht in den alltag ein, tut dies und jenes, aber die zeit heilt nicht. den satz sollte man vergessen. die bilder rund um das datum vergehen auch nicht. man stellt sich vor, wie ihre stimme war. man weicht dem schmerz aus, das macht ihn nicht kleiner. das leben rollt darüber weg. krisen lenken ab, man hat andere sorgen, aber genau in diesen sorgen ist das ganze erleben präsent. nun vermisst man sie noch mehr.

ich versuche, mir rechenschaft abzulegen, ob mein leben angesichts dieser einen erfahrung standhält. und manchmal bezweifle ich das.

Baer sagte kürzlich: „es geht ihnen besser, das freut mich.“ manchmal habe ich deswegen ein schlechtes gewissen.“, sagte ich. das sei keine nette dekoration für den alltag, sagte Baer.

„ich habe mich verändert.“, sagte ich einmal und es klang verzweifelt. „seit sie nicht mehr da ist, verändere ich mich jeden tag.“ Baer: „was ist daran auszusetzen. Herr Keuner erbleichte, als der bekannte sagte: sie haben sich aber garnicht verändert.“ „sie haben recht.“, sagte ich, „aber ich habe mich ohne sie verändert, ihr TOD hat mich umgekrempelt. ich tue nichts besonderes und freue mich über jeden kleinen fitzel. sogar mitten im verkehr an einer kreuzung schaue ich ringsum und empfinde eine genugtuung, die erschreckend ist.““ also hat sie doch mit der veränderung zu tun;“, sagt Baer. „ich möchte, dass sie es sieht.“, sagte ich. „ihr abgang war auf der höhe ihres wesens. ich war da sehr klein.“ Baer ist diskret, er fragt nicht nach, wenn es zu persönlich wird. „das ist mir zu persönlich.“, sagte er bei einer gelegenheit.

„sie sehen mitgenommen aus.“, sagt Baer. wenn ich antworte, „ich bin versackt, seit tagen versacke ich und zwar so tief, dass ich denke, da gibt es keinen ausgang“, will Baer gar nicht wissen, was es mit dem versacken auf sich hat.

„das datum macht es.“, sage ich. „danach gab es eine stille und einen frieden, der jenseits von freude und leid liegt. aber daran kann man sich nicht erinnern, entweder man erlebt es oder es ist blosses geschwätz.“ wenn ich so rede, schweigt Baer.

„man kennt ja , was um tod und trauer herum gesagt wird. ich habe einiges darüber gelesen.“, sage ich, „im ernstfall hilft es nicht. manchmal denkt man, es ist ein anderer, der das erlebt. man kneift sich, manchmal fühlt man buchstäblich nichts. die gefühle sind so erdbebenhaft, dass sie sich selber ausschalten. kurzschluss. buchstäblich.“

„um die toten muss man sich keine sorgen machen. das schlimmste ist, wenn man realisiert, vielleicht habe ich sie nicht genug geliebt, aber man kann das nicht mehr ändern, selbst man es sehr stark will, es geht jetzt nicht mehr, sie mehr zu lieben, als man es getan hat. es gibt eine grenze. das erfährt man erst nachher. niemand hat es einem sagen können. die leute sind , wenn ich das so sagen darf, ahnungslos, was den tod anbelangt. das habe ich an einigen reaktionen feststellen können, auch an den eigenen. das ist recht erbarmungslos als erfahrung.“

„man prüft dann auch sätze wie, die trauer hat nichts mit dem toten zu tun, die überlebenden betrauern sich selber. der satz setzt die erfahrung herab, insinuiert, es sei eine verstärkte form von selbstmitleid. gewissermassen eine schwäche. und schwäche ist nicht gut, oder?“ ich schaue Baer an, aber er sagt nichts. „ohne zweifel“, sage ich, „werden alle schwachpunkte getriggert, alle knöpfe werden gedrückt. wie geht das allein weiter, geht das überhaupt, das habe ich mich auch gefragt. es geht. es ist vielleicht kein schöner anblick, sich so klein zu sehen, aber es geht, man erträgt das. man ist halt nicht der held, für den man sich hielt.“

„wer war sie.“, sagt Baer. ich denke, ich habe nicht richtig gehört. wer war sie? sie war eine schöne frau, die körperliche entstellung durch die krankheit hat sie nur noch schöner gemacht. ich war ja ahnungslos, als ich sie kennen gelernt habe. das meiste habe ich erst mit ihr gelernt, fast alles ist das.

„warum sagen sie dann, sie ist weg.“, sagt Baer. die frage setzt mich schachmatt. ich sage, „lassen wir es gut sein.“ Baer nickt. sie war eine ganze welt, denke ich. jedesmal denke ich das, wenn ich an ihrem foto vorbei komme, also jeden tag.

„nostalgie“, sagt baer, „hat etwas rückwärtsgewandtes.“ „ich bin kein nostalgiker.“, sage ich. „ich bin nicht auf der suche nach der verlorenen zeit. der raum, in dem alle vergangenen dinge sind, hat eine tiefe und weite und einiges ist eben weiter weg, aber präsent, in einem gewissen sinne ist man dieser raum, jetzt.““ ich habe“, sage ich, „den Zauberberg immer vorgezogen. wenn man den roman zu ende gelesen hat, weiss man, dass Castorp die ganze zeit schon mit aufgepflanztem bajonett über das schlachtfeld des ersten weltkriegs stolpert. dazu hört man Schuberts vertonung: am brunnen vor dem tore. die chauchaterien des zauberbergs münden direkt in die katastrophe.“

Baer fragt nicht nach der persönlichen anwendung. das tue ich selber und Baer nickt, als ich sage: „vor lauter angst, den andern zu verlieren, kann man ihn verpassen.“

„ich wollte deine stimme hören.“, das denke ich schon die ganze zeit.

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