selbst das Geringste ist von weither

Was mich tröstet. Tröstet mich etwas? Sagen wir es so, es kommt zur morgendlichen Enttäuschung etwas dazu, das erhebt, das Geknicktes  für Momente richtet, das Gebeugtes gerade macht, das gelbe Blühen im Garten zum Beispiel, das aus braungrauem winterlichem Geäst plötzlich hervorschiessende Magnolien Rosa, die Knospen und nun schon die rötlichen Blüten des Kirschbaumes, der mit den rostbraunen Blättern (aber das ist eine spätere Geschichte). Und weiter: Ich freunde mich mit Katzen an, liebe ihren Opportunismus; sie mögen den, der sie füttert zur rechten Zeit, der die Tür nach draussen aufmacht beim ersten Maunzen, der die Katzensprache in den Anfängen lernt. Ich liebe unabhängige Wesen, sie führen sich selber spazieren, zeigen alte Raubtiermanieren in Miniatur, elegant und achtsam, sie brauchen nicht lange zu meditieren, sie kennen das Warten, das geduldige Sitzen, die Ohren gespitzt, aber entspannt und dann: plötzlich gespannt auf dem Sprung, Der Garten erwacht, ein grünbraunes Tier mit farbigen Tupfern und Flächen, da brauche ich nichts zu tun, ich bin nur sehen und hören und riechen, so kann er in mich hinein.  Manchmal ruft er und ich hantiere in Ecken, die der Aufmerksamkeit bedürfen, sie ziehen mich an und wählen die Harken, die Rechen in meinen Händen.

Jüngst war ich im Wald, er hat mich gerade noch so geduldet, warum hast du sie nicht mitgebracht, ich spürte den Vorwurf und wie mir der Rücken zugekehrt wurde. Schon längst fühle ich mich umgeben von lebenden Wesen  in Gärten und Wäldern, und wenn man mich fragt, gibt es noch Heiliges, ich zögere keinen Augenblick.

Scheinbar Festes, Stabiles rutscht dir im Handumdrehen weg, plötzlich bist du woanders, der japanische Kirschbaum vor meinen Augen, morgens beim ersten Blick hinaus in Garten und Strassen, lehrt mich die Schönheit des Wandels, der fliessenden gleitenden Metamorphose und ich frage mich, woran kannst du dich halten darin, bewegt sich die Verwandlung um einen Fixpunkt oder fliegen wir haltlos mit und werden verweht.

Vielleicht geht es auch anders, vielleicht gehen die Wege  und ich gehe mit, bevor ich die Richtung wechsle, vielleicht liegt meine Beständigkeit im fortwährenden Anders, ein Proteus, aber nach vorne, in eine Richtung, deren Spitze eine reine Suchbewegung ist, ein urphänomenales Immerweiter, eine unaufhörliche Queste, und so altertümlich, klobig, rauh behauen ist es. Vielleicht ist der Fixpunkt die Öffnung des Raums, wenn ich für einige Zeit zur Seite trete und etwas sich zeigen kann, wofür ich nur den Schauplatz anbiete. Ich meine nicht einmal das Aussergewöhnliche, sondern zum Beispiel den zufälligen Blick in den Garten, und eine unbändige Kraft offenbart sich, sie treibt das Neue hervor, es platzt heraus aus dem Toten, das aufersteht vor meinen Augen. Ich weiss es, denn neulich schwammen sogar die Goldfische im Tümpel aufgeregt herum.

Meine neueste Verschwörungstheorie, denn ich beginne mich wieder zu freuen, wenn ich den Garten betrachte ohne Trauerflor, wenn ich durch Stadtstrassen gehe und meine Neugier auf Menschen registriere, wenn Gefühle ungeteilt sind, sogar wenn sie sich schnell aufspalten in Schwarzes und Weisses, sogar wenn ich im Unglück das Glück zu erkennen vermag, vermute ich insgeheim sie, ihre Machenschaften hinter dem Vorhang, dem dünnen, meines vorläufigen Seins. Ich meine das Spitzbübische daran, la désinvolture, die unbekümmerte Freude an allem, die Ermahnung, manchmal wenigstens schon mit Lächeln zu beginnen, das Schwinden des Ernstes im Frühling, die Nachsicht gegenüber der kindischsten Welt, dem unernsten, zu leicht befundenen Menschen.

Man kann mir erzählen, was man will, über den Zustand des Totseins, ich für meinen Teil höre sie reden, spüre sie in Willen und Gefühl, in einer neu beginnenden Courage, in meinem festeren Schritt, in meinen Fragen,  sie sind zuhauf, in meinem Tun, selbst das Geringste ist von weither und ich lange nicht so tief.

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