konzentrische Kreise

 

r1BY1TjSTG+ri0FVB3V7+A

 

Diesen Blog kann ich nicht weiterführen, nicht jetzt, nicht so.

Beschreiben, welches Ereignis eingetreten ist, kann ich nur mit grosser Mühe und Überwindung.

Es hat nicht einmal damit zu tun, dass das Leid des Verlusts aufgehört hätte, der Schmerz nicht mehr schmerzte und die Erinnerung ebenfalls nicht.

Nur dass ich nicht mehr davon reden will. Vielleicht weil Selbstfolter repetitiv ist, Pornografie des Leids, ein zwanghaftes immer von neuem Beginnen. Bis es sich steigert zum wortlosen Winseln, bis es ein Heulen wird und unartikuliertes Schrein. Aber ich bin kein Marsyas der nicht endenwollenden Trostlosigkeit, der beredten, ich häute mich nicht selber, ich bin nun nicht aufeinmal ein Profi der Trauergebärde.

Ich sage das nur, um nicht mit der Wahrheit herausrücken zu müssen.

Lieber vom nicht mehr reden als vom noch nicht und vom beginnenden durchaus schon.

Da ich Synchrones spannender finde als etwas öde gewordene Kausalitäten, stellte ich in der Karwoche plötzlich fest, mit zunehmender Beunruhigung versteht sich – dazu muss ich sagen, ich wohne nahe einer Kirche mit jüngst erneuertem Glockenturm und einem professionellen Katholiken, der dezidierter Fan anhaltenden Läutens ist –  dass der Paroxismus innerer Folter sich einem neuen Höhepunkt annäherte, als die Glocken schwiegen und Hölzernes in den Strassen klapperte.

Soll ich tatsächlich von Auferstehung reden und nicht bloss als ironisches Osterzitat.

Ich meine, es wurde zuviel. Es wurde des Leidens zuviel.

Zwischen den zwei  Verrücktheiten der postpostmodernen Identitätsanfälligkeit (zwischen Aufgeblasenheit des überbedeutsamen Ichs und der schlichten Entpersönlichung) neigte ich mich immer mehr dem peinvoll peinlichen Verschwinden zu.

Es tat auch für meine Begriffe zu weh. Damit meine ich nicht, das Leben tut nicht mehr weh.  Mein Lebensgefühl resümiert sich in einem Wort: bittersüss.

Am liebsten würde ich an der so bezeichneten Stelle ausweichen ins Mundane, ich verkneife mir angestrengt den prägnanten Kommentar zu beunruhigenden Zeitvorfällen, die elegante Fussnote zu scheinbar persönlichen Zuckungen US-amerikanischer Politik etwa oder eine völlig deplazierte Anmerkung  zum Stand linker Strategie als Beispiel meiner Besorgnis.

Und da wir schon bei den Ablenkungsmanövern angelangt sind. Ich habe beschlossen, aus denselben Gründen und Synchronizitäten heraus die affektierte Kleinschreibung zu opfern.

Nun aber.

Österliches also.

Unbotmässig Theologisches?

Keineswegs. Aber Auferstehung. Ich bin nicht unschuldig daran. Natürlich stellt sich die Frage, woher die Anwandlung kam, fernher jedenfalls, auf ein Haar ungehört und nie gewesen.

Ich weiss nicht, ob man auf dem Höhepunkt des wehen Wahns, der Pein und tiefen Höllenqual (selbst der Papst scheint sie nun anders zu verorten) ausgerechnet von Langeweile reden kann. Aber es ist totes Land und das Grab ist leer, nur Asche, wenn auch schön verpackt in Schwarz mit goldenem Rand, und Humus, ein verschwindend kleines Häufchen (zur Erklärung: ich habe den Totengräber bei der Arbeit befragt).

Wo ist sie also hin, meine Geliebte, Vermisste?

Ich meine, so frivol habe ich nicht geurteilt, als es passierte, aber es spielte im Hintergrund mit, als in meinem Rest von klarem Bewusstsein die unabweisbare Frage auftauchte, sie hatte sich schon mehrmals genähert, wurde aber jetzt erst gewürdigt, demnach gehört und gesehen, vor allem gedacht und gespürt:

Warum dankst du nicht einfach? Warum dankst du vor allem nicht ihr?

Für alles zum Beispiel.

Ich weiss noch genau, dass ich, wie üblich, dagegen zu argumentieren begann, und … es war schon zu spät.

Dankbarkeit ist ein Wesen, das, wenn es einmal den Fuss in der Tür hat, kein Pardon kennt.

Jedenfalls: Ich sass da, Türen und Wände verschwanden, ich streckte mich aus, lag lange und liess es geschehen,

Ich könnte auch sagen, ich geschah, nun aber ganz anders.

(Nicht ohne Widerstand zuerst, meine Blogeinträge zeugen davon.)

Was aber geschah?

Das Gefühl oder soll ich sagen, die Welle aus Licht und der zweiwertige Satz ICH DANKE. Ich könnte nur stottern, sollte ich mehr sagen als: die wärmende Welle, die Flut, die Umhüllung und verwandelnde Grenzüberschreitung. Mir kommt immer wieder das Wort: in konzentrischen Kreisen. Auch noch: Dankbarkeit zieht um sich konzentrische Kreise.

Als ich abzubremsen versuchte, bekam ich Angst. Davon zu reden, wäre mir leicht, also lasse ich es.

Seither ein Leuchten, es kommt mir seither aus Allem entgegen, ich danke und darin ist sie.

Jetzt.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s