
frage: ob man nicht besser (irgendeine art) gedicht schreiben sollte oder gleich ganz die schnauze halten. mit (lautem) reden tritt man gerne gleich in treibsand, die meisten hören das, was sie hören wollen. man legt grosszügig aus. man „interpretiert“. man setzt „in den context“ und findet immer jemand entfernten, ganz bösen, der auch solche sätze gesagt haben könnte. obwohl den betreffenden niemand kennt. und dann gerät die sache ins rutschen.
aber, es gibt immer ein aber. man muss doch, sagen sie, man kann nicht einfach. schweigen?
das schweigen. dafür möchte ich eine lanze brechen (es ist kein tournier, das weiss ich, es ist viel ernster). in der stille hört man genauer, man hört das ungesagte mit.
im tonfall tanzt die intention. aufeinmal hörst du an allem vorbei die lüge, die halbwahrheit, die auslassung. jemand ist hinter vielen worten ratlos, das hörst du auch.
was man in den letzten tagen hören konnte:
gespielte fassungslosigkeit
wunschrealität
aufrüstung
noch mehr gespielte fassungslosigeit
weiter so
noch mehr aufrüstung
schlaglöcher
gespielte begriffsstutzigkeit
aber wohin
ja wohin
apparition of a sinkhole
noch mehr davon
das grosse strategische loch (die entsprechenden wortanhäufungen darüber)`
ich denke an das wort geistige elefantenfalle.
jemand sagt, das hätten die sowieso machen müssen, das seien nur aushängeschilder, das sei einfach an der zeit denn: die seien erledigt. transatlantisch, meinte der (und zeigte gegen westen).
haben sie schon einmal gesehen, wie ein hund abzieht, mit gesenktem kopf und eingezogenem schwanz, fragt der nachbar.
oder war es Baer.
kann man sich sowas vorstellen? ich meine in der sogenannten menschlichen gesellschaft, in der sowas wie wahrheit, richtig knochenharte, steinharte wahrheit keinen hohen kurs hat. still zu sein.
das geht.
einfach die klappe halten. man muss, im gegensatz zum landesüblichen, nicht gleich, wie sagt man doch, stellung beziehen? im finnisch-sowjetischen krieg gab es einen sniper, der hat über 500 gegnerische soldaten reglos im schnee bei -40 grad liegend ohne visier auf dem gewehr erschossen und wurde nie selber erwischt. es gibt jetzt ein buch dazu: Olivier Norek: Les guerriers de l’hiver.
(vorsicht: schlagloch)
die stellung, wie man so schön sagt, ergibt sich in der stille lautlos. jüngst habe ich beim anhören eines interviewausschnittes sofort die lücke gehört, die längst in die front geschlagene bresche. strategisches ziel fiel mir dazu ein und realismus, abwesend, gähnende leere, seit jahren ununterbrochen eingehämmertes in kurzform. die leichte kruste von sicherheit, gewissheit und entschlossenheit, darunter der LAUTLOSE zusammenbruch einer illusion. wortreiche beschwörungen, ganze wortschwärme über die dächer der kleinstadt SEGELND , schnell , in östlicher richtung.
ich bin es müde, namen zu nennen. ICH LESE KEINE ZEITUNG FÜR ANDERE LEUTE. es hätte IRGENDein anderer die worte sagen können, abends im fernsehen sagten alle dasselbe, haargenau dasselbe, in mehreren europäischen sprachen.
zaghaft hebt einer die hand, er hat keinen namen, es ist irgendeiner, sein gesicht vergisst man sofort, er sagt: frieden möchte er; und er sagt einen schnellen, bitte. es klingt ganz einfach, normal eigentlich, als bestelle er einen espresso, einen doppelten.
ein gedicht schreiben, in dem gesagt wird, dass einer (mit namen) den frieden hier will und dort den krieg antreibt.
ich konnte nie verstehen, wie man menschenleben gegeneinander aufwiegt: einer gegen hundert, zweihundert, dreihundert?
jüngst gab es eine meldung, dass ein menschenleben auf 50.000 von einem gericht festgelegt wurde. das scheint mir äusserst preiswert. aber fassungslos bin ich nicht.
im krieg sinken natürlich die preise gegen null.
dass der zweig vor meiner nase noch immer gelb blüht und sein eleganter schwung, entzückend.