„dort rieche es schon nach alten leuten“

 

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abtauchen in die unsichtbarkeit, so ist das alt werden, so beobachte ich es; nur in der nähe der kirche treffe ich manchmal ein paar alte an, oft frauen, sie machen sich diskret, tragen gedeckte farben, grau, schwarz, dunkelbraun, kaum farbiges, unauffâllig, es gibt nur wenige ausnahmen. in der stadt das gleiche, wenn man welche antrifft, dann eher in der nähe des altersheims, in der traditonskonditorei, jüngere sagen, dort rieche es schon nach alten leuten. tatsächlich liegt über allem eine fast herzzerreissende nostalgie, ein es war einmal und die zukunftsaussichten sind nicht rosig. ich mag diese untergangsstimmung, dieses, es wird nie mehr so sein; dort scheinen die alten munterer, die frauen an erster stelle, die männer schneiden schlurfend schlechter ab, gebrochen irgendwie, ils traînent les pieds, als sei ihnen der sinn abhanden gekommen und der ausgang zu nah. sonst aber, kein alter in sicht, kein auffälliger wie jüngst auf den porträts in einem artikel des guardian, dessen referenz ich hierher setze, es geht um sichtbarkeit im alter, noch in frage kommen, weil man es selber will, gegen den trend demnach. dem alter wird nichts mehr zugemutet, nichts positives jedenfalls, also eigener wert, nur jetzt mögliche erfahrung aufgrund von vorhergehender reicher lebenserfahrung, keine besondere erkenntnis sowieso, die jüngeren wissen es  schon längst, aber sie haben eine vision des alters im nacken, die nicht erheiternd ist.

der hilsenrath ist gestorben, man setzt des weisshaarigen bild her, das wars, man fragt nicht, wieso alter nur noch eine bilanzsumme ist, ein kostenfaktor, gegen zehn sitzen ein paar traurige alte männer in der grossen halle vor dem supermarkt auf den rundbänken und starren ins leere.

man kommt auf trübe gedanken, wenn man sich nicht aufrafft, nicht beschliesst sichtbar zu sein, das stadtzentrum und den bahnhof zurück zu erobern. und eines weiss ich, die jüngeren wissen es keineswegs besser, auch diese einbildung wird vergehn und verwehn. (wäre die welt sonst in dem aktuellen zustand und komme jetzt keiner mit der aufzählung dessen, was besser geworden ist, dann frage ich nach dem preis und den kosten, ich rechne es in denkeinheiten nach).

beim besuch jüngst eines lieben bekannten, der keineswegs in die unsichtbare welt versunken ist, stand plötzlich im raum der satz eines stadtbekannten künstlers, ein bitteres fazit, „ich verstehe es nicht“ – das leben, die welt … und der liebe bekannte hatte den guten mann trösten wollen, „ich verstehe auch nichts“.

zugegeben, dieses gespräch folgte auf eine meiner tiraden, zu denen ich angesetzt hatte, eine theorie zum verstehen von allem, im ton ich weiss es besser, ich bin wirklich jünger als der bekannte, und bilde mir noch ein, ich sei etwas auf der spur, vielleicht bin ich es ja. oder es war wieder einer dieser holzwege und wie alle andern schlage ich mich von da an durchs gestrüpp und unterholz, weglos, aber das lasse ich mir nicht nehmen, auch vergnügt, nicht ohne trauer, aber auch insgeheim lustig und farbig, das ja.

wenn man nach dem kontext fragt und den grundlagen, dann ist die unsichtbarkeit der alten kein wunder, entweder man ist produktiv, wirft in der selbstausbeutung genügend profit ab, oder man ist nutzlos, altes eisen dagegen ist noch brauchbar; oder man konsumiert noch genügend, von einer kreuzfahrt in die nächste gruppenreise, das sind dann die nachrentner, die sagen, in zehn jahren kann ich das nicht mehr machen, heute papua neuguinea, morgen die karibik und der südpol steht schon auf dem programm.

ich lästere, diagnostiziere milde panik, dabei reise ich auch, nomadisierend in inneren welten. gruppenreisen sind mir ein absoluter graus, nur einmal habe ich auf einer gruppenreise einen schönen eindruck mitgenommen, die gruppe war klein, es ging zu fuss in die marrokanische wüste, nachts funkelten tausend sterne, keine zivilisationsgeräusche, es war anfangs direkt unheimlich und keiner spielte den grossen zampano und redete irgendeinen unerträglichen scheiss; ich muss sagen, es waren nur fünfzehn leute unterwegs.

und allein, so ganz ohne marie, weiss ich noch nicht, was ich auf reisen machen soll, ohne marie ist mir vieles suspekt und langweilig, das mag sich ändern, aber im augenblick ist es so, und liebgewonnene plätze sind mir verleidet, weil sie marie mitgeprägt hat, ohne sie sind die orte leer, wie ohne seele, ich kann sie jedenfalls nicht erkennen.

also deambuliere ich vorzüglich in der stadt, meinem erweiterten salon und halte ausschau nach sichtbaren alten und grüsse die jungen, auch die besserwisser, die dir gleich einen vortrag halten, wenn sie dich erblicken, mein standvermögen ist noch immer beträchlich, ich höre zu und hebe nicht mal innerlich die augenbrauen, von nasenrümpfen ist gar nicht die rede.

wenn ich nicht in einer anderen stadt herum laufe oder in hotelzimmern lese und schreibe oder auf berghüten, die nun verschneit sind.

die nördlicheren strände vertrage ich gar nicht, marie wurde dort von einer abgrundtiefen melancholie gepackt.

sonst trifft man mich noch im wald an, aber dort liebe ich am meisten die einsamkeit, keine menschenseele ausser bäumen und scheuen tieren und ich darunter.

ich meine, ob ein sapiens sapiens, der angst vor sich selber hat, sprich dem altwerden und den alten, diesen unangenehm gewordenen erinnerungen, überleben wird, ist keineswegs ausgemacht.

wenn man jemand fast vier jahrzehnte begleitet hat, wenn man den weg zusammen zurück gelegt hat, ist es kein pappenstiel, ein anderes leben zu erfinden. aber geschlagen gebe ich mich noch nicht, nicht ganz jedenfalls, es wird ein abend mit goldrandtrauer sein et avec quelques bels éclaircissements, in farbe, vor allem das, in farbe.

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richtig richtig dankbar

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heute nacht ist flachbeschuss zu erwarten, stalinorgliges, ich hatte mir schon vorgestellt zurück zu donnern, eine batterie feuerwerksraketen auf dem dach, da bist du im vorteil. dann nahm ich gleich abstand von der idee (im ernst, mein dach wurde schon visiert, morgens habe ich raketenreste im garten zusammengeklaubt, eine alte dame, die ich sehr gut kannte, dachte der krieg sei ausgebrochen und die tiere verkriechen sich, terrorisiert).

jahreswechsel, stellungswechsel, wechsel ins anders gefärbte, ins gleiche oder versuchen wir tatsächlich aus der obsessiven wiederholung des nicht funktionierenden heraus zu kommen – ins freiere.  ich sage wir und meine mich. mögen wir alle (schon wieder) von der „high-level idiocy“ verschont bleiben, die low-level erwähne ich lieber nicht.  und dann die wünsche oder die guten vorsätze, mit denen der weg in den abgrund gepflastert ist.

ich zum beispiel nehme mir bloss vor nett zu sein, zu lächeln, offen für alles neue, das weiter hilft, ich meine ordentlich gezimmertes nach allen regeln der kunst, offen für menschen aller art und beschaffenheit (ich habe gleich heute morgen damit angefangen und, ein lächeln hier, ein nettes wort da, zuvorkommenheit, das war die ernte), ah ja wachheit, das auf jeden fall und immer anders (wegen der drohenden langeweile), ordentliches denken und auch etwas unordentlich, fraktal und mehr weite, aussichtstürme in gedanken, in gefühlen sowieso und herz, herzhafte gedanken demnach und spiralen nach oben, luftig geerdet.

ich komme vom selbstgesetzten thema ab. eigentlich wollte ich mich „bloss“ bedanken, wegen eurer antworten auf mein geblogge, ich schätze das mehr, als ihr euch vorstellen könnt, nein, im ernst ich habe mich gefreut, es hat echt geholfen.

was heisst, mehrmals bewegte ich mich im ziemlich düsteren, ich sehe nun mehr das licht am sprichwörtlichen ende des tunnels, inzwischen stricke ich an meinem persönlichen mythos, oh nichts kompliziertes, von einem der auszog das fürchten zu lernen oder so, vor allem der schluss, ein echter fisch-bach, ich meine ein eimer wasser, sehr kalt, mit bachkrebsen darin, das ernüchtert, und dieser von einer frau in bewegung gesetzt.

was mich auf mein ewiges thema kommen lässt, marie, von ihrer posthumen hand über mich ausgegossen. so ähnlich.

heute nacht zum beispiel, ein (alp-)traum von ihr mit meinem traummaterial inszeniert (ich sehe ihre hand am werk, sie ist eine echte hexe, so wie ich mir eine hexe vorstelle, eine gute, aber die methoden  … olalala) auf meinem schauplatz geträumt, für mich. ich bin mitten in der nacht in die höhe gesprungen und zog mir gleich die decke über den kopf, bin ich erschrocken, ermahnung ist gar kein wort für das farbige drei-d spektakel, das hat gesessen. wenn du siehst, was dein handeln für folgen hat, ausgelegt in die zukunft, der schlag mit dem stock in der vieruhrfrüh meditation. au weia.

und bevor ich es vergesse, trotz zu erwartendem flachbeschuss, angriff mit stalinorgel und auch der krieg ist gar nicht lustig, wünsche ich das Allerbeste und noch was ordentliches dazu, für freunde, geliebte, die verwandtschaft und die bekannten, die tür steht offen und der stuhl für den gast ist an den tisch gerückt, ich persönlich serviere am liebsten espresso aus der bialetti.

und was die welt sonst anbelangt, sage ich einfach nur prost und zum wohl. auf ein neues, ein wirklich gutes, erfülltes, innovatives Neues. (im hintergrund die ersten knaller (oder bilde ich mir das nur ein), eine rabenkrähe krächzt, auto rauschen von unten, nein, jetzt höre ich deutlicher, die rabenkrähe hackt auf dem dach eine von den nüssen auf, die ich für das eichhörnchen hingelegt habe.

und dass es noch bäume gibt und die meisen am futterkasten. dafür bin ich echt dankbar, richtig richtig dankbar.

 

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auch mein furchtbarer ernst ist ein spiel

 

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vom weg abgekommen, gestrüpp um die ohren, hast, ich renne, schlagruten ins gesicht, weiter vorne ein farbiger fleck, entfernt sich, ich bin viel zu langsam. war sie das.

so nachts, so in träumen, so verwirrt und morgens tastet eine hand nach einer andern und da ist nichts.

der schmerz nimmt nicht ab.

nachts warte ich auf zeichen.

tags bin ich still, in mich gekehrt, „ein mensch einsam in seiner kulisse, ich“, schrieb sie einmal; ich lese jeden vergilbten einkaufszettel von ihr wie ein gebet. vor jedem foto von ihr spreche eine beschwörung.

nachts lausche ich angesterngt.

nachts ist sie in der leere am nächsten.

der schmerz macht mich noch immer still; selbst wenn ich grüsse, freundlich, und lächle, bin ich nicht da.

ich beschreibe minutiös, wie der schmerz mich erwischt und mich bannt in die ecke, jedes glied tut weh, im denken panik oder leeres rauschen.

das licht hält mich am leben, zäh, ein eichenknorren.

dass das leben mich noch hält.

alle reden von zeit und der zeit, die es nimmt, um eine solche abreise zu verkraften, alle reden von erinnerung, ich lebe hingegen in einem sturm und alles ist still, angestrengt lausche ich in die leere.

auf einem foto schaut sie mich liebevoll an, ich verliere die fassung. an dem tag rege ich mich nicht. die leute sagen, die zeit. mit ihr lebe ich in keiner zeit. ich träume nachts, es habe einmal einen menschen gegeben, der hiess marie, aber das ist lange her. morgens erwache ich gepeinigt.

alle todesanzeigen reden von marie, alle sterbedaten, alle gesichter.

ich weiss gar nicht, was erinnerung ist. ein foto trifft mich wie ein schlag ins gesicht. der körper ist ein schlag und ein wimmern. keine zeit ist seither vergangen.

sie sieht mich an beim tanz vor drei jahren und es ist jetzt. ich spüre ihren blick auf meiner haut.

nachts bin ich nur ein lauschen.

manchmal krümmt sich etwas weg. manchmal bin ich das.

es gibt eine freude, ein ganz kleines glück, aber nur unversehends, nur zufällig; ich überquere die strasse und plötzlich spüre ich  freude, so etwas wie, aber woran? am gehen, denn gerade gehe ich, gerade spüre ich die kalte luft im gesicht, tanze ich tango für drei sekunden, ganz ohne grund, ganz sinnlos, ganz ohne marie, ganz ohne ich, nur das.  kein ich in einer kulisse, keine kulisse, keine einsamkeit, nur das.

ich ertrage nichts mehr ausser dem spielen.

auch mein furchtbarer ernst ist ein spiel, der tod lässt nichts anderes zu.

mein spiel ist ernst, voller trauer, voller angst, voller freude. ich spiele, wie war das leben mit marie. ich spiele, sie ist überall und ich darin, dann vergesse ich alles und mich.

eines tages, so spiele ich, und das ist jetzt, beginnt ein anderes leben.

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trauernder witwer, die tragikomische oper

 

 

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der satz meiner enkelin am grab, wir haben winterblumen gebracht, geht mir nicht aus dem sinn, sie war kurz davor, in tränen auszubrechen, da sagte sie plötzlich: „können wir die oma nicht einfach vergessen, dann sind wir nicht mehr traurig.“ das kam so überraschend, ich habe lachen müssen, das war ein satz, er hätte marie gefallen (wie die masstäbe sich doch ändern).

ich weiss natürlich nicht, was für ein bild ihrer oma die enkelin hat, aber so wie ich marie kannte, wird es wohl ein starkes sein.

wenn ich mich frage, was ist nach einem jahr, so lautet die antwort, dazwischen ist gar keine zeit, kein erleben von einem jahr und ich habe dies gemacht und jenes und daran dekliniere ich das jahr, kein zeiterleben demnach, ein bleibendes gefühl, das wirkt im hintergrund und vergessen habe ich gewiss einiges und anderes tritt plötzlich hervor, je nach lichteinfall und stille, erinnern ist eine fähigkeit meines körpers wie vergessen und trauern.

was marie betrifft und die zeit seit ihrem tod, so ist das keine zeit, nur ein moment, er hat gar nicht aufgehört, ich könnte auch sagen, ein raum, aber auch keiner.

die leute wollen immer weiter, es müsse weitergehn, so lese ich, ich frage dann, wohin geht die reise und was geht mich das an, nur weg von. weg wovon und wie soll ich das wollen?

es ist jenseits davon.

seit sie tot ist, bin ich immer wieder in diesem raum, diesem ereignis könnte ich auch sagen, wenn das nicht so missverständlich wäre, weil darin wieder zeit steckt, dann und wann und wie lange. keine dauer, ein aufhören, ein anfang, kein stillestehn, eine ausdehnung der stille, des horchens. wie es sich ausdehnt. und wohin. der raum heisst: der fünfzehnte im dezember 2017.

da ich mich manchmal kneife (mein realitätssinn), ist dort nichts stehen geblieben (realiter habe ich tatsächlich einiges getan wie heute morgen schnee geräumt und gestern blätter gefegt und lange dem regen zugehört und die sonne in städten auf der haut gespürt und  im meer bin ich geschwommen und begegnet bin  ich diesen und jenen) und ich also auch nicht.

ins alleinsein habe ich mich begeben und in die vereinsamung (die angst gefühlt und die verlassenheit und die abgründige schwäche), das allein schon ist eine reise sui generis.

dort, das meine ich, ist keiner hängen geblieben und keiner spielt trauernder witwer, die tragikomische oper, dort war ein beginn, dort hat etwas angefangen, dort ist etwas aus der zeit gefallen, malgré moi, dort dehnt etwas sich aus und ich tue gar nichts dazu, ich halte bloss ein, kein weg von, nichts anderem zu (was das wäre ist mir unerfindlich), es hat sich ergeben, es ergibt sich und es hält an. es ist keine trauer, kein schmerz (obwohl es das gibt), es ist jenseits auch davon.

es ist eine freude (keine sehr bekannte).

zum beispiel war sie gestern am grabe, sie kam wie von aussen heran, in diesem geschichteten licht unter hohen bäumen im wind, winterkahl, in der kälte von unten her, auch seitlich. vergessen ist gar nicht nötig.

denn, das war kein tod, der einmal aufhört, und es ist kein erschrecken, keine angst. niemand ist an einem sarg sitzen geblieben, keiner hält totenwache zur verkehrten zeit, es gibt einen nicht-raum, einen nicht-ort, dort bin ich jederzeit, kein wimpernschlag.

manchmal sage ich mir, auch dies ist eine erinnerung.

vielleicht ist es ein fingerzeig.

ein denk daran.

ein ordnungsruf.

der eine ton.

und du erwachst.

andererseits, ich mache keine hehl daraus, dass ich mich langweile ohne marie, richtig, ordentlich langweile, im alltag, jederzeit, sogar beim café trinken, sogar beim treppengehen, ich hole etwas nur für mich selber, welche langeweile. und die welt ohne unsern kommentar, deinen vor allem, marie, deinen mund dabei, deine augen, ich kann es nicht fassen.

marie hätte gesagt, du gibst doch wohl das wort „idiot“ nicht in die suchmaschine ein.

 

 

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malou, die geliebte

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nur stilles da sitzen/ keine bewegung, nicht einmal draussen/ kein mann mit hund spät nachts / nur die stille / sie ist nicht da, die marie/ wie war sie immer jung / und heute nacht vor einem jahr ist sie gestorben / so tot wie nur irgend möglich, kaum wiederkennbar / malou, meine geliebte / ohne sie? nichts vorstellbar / kein leben, keine noch so kleine freude und unsere gefechte, in allen städten, in denen wir gingen / monumental diese  geste: / ich streichle noch jetzt deine wange und der tod: ein intermezzo / und ohne deine schönheit, dein sein / keine wirklichkeit / deshalb / ich liebe dich / wie immer / T.

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bitte keine reklame für kukident haftcrème und wackelzahniges gebrabbel

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heute morgen, die kälte unter den füssen, was macht das mit einem oder der rauhreif im garten und die kalte erde. das entblätterte geäst, ein bild des innen.

passend zu meiner stimmung, beim lesen gestern abend die frage: „was macht der tod?“ antwort: „der tod reduziert“, die very important person zerstäubt, die ganze konstruktion von jahren und die geschichten, die mühe, die arbeit an einem konsistenten bild einfach gelöscht mit einem schlag.

ein kurzes, aber heftiges erschrecken beim lesen des satzes.

andererseits: eine erleichterung, ich muss nichts sein, ich bin nicht.

und fast gleichzeitig: schon wieder die unruhe von irgendwoher, die bemühung etwas zu sein, irgendeine bedeutung, wichtig, es muss einfach was auf den schirm, und sei es nur für eine stunde wenigstens.

wenn nichts mehr hilft, ein kramen in erinnerungen, aber die zerkrümeln langsam, schatten in einer schattenwelt, langsam verblassende bilder, gelegentlich geschönt, angereichert durch wunsch und sehnsucht.

nichts ist schlimmer als das vorher nachher und das schwelgen im vorher, dazu die von der zeit bearbeiteten gesichter, die grauen haare und was ist dazwischen passiert (zufällig habe ich erst jetzt die doku von A. Bausch über 68 in LU angesehn): ich war erschrocken bei dem konveniatgerede und das gefühl: vergeblichkeit, als der film zu ende war, schien die vergangenheit endgültig begraben. und ich war entsetzt über die altersgenossen, neckische anekdoten, ohne biss, kein jetzt gefühl, ist das altersheim abgebrannt, dass die da herum sitzen und das „es war einmal“ feiern (am fittesten noch die musikalische fraktion).

plötzlich ist dann die kontinuität futsch, filmriss, schwärze.

für mich war es ein aufbruch (und Grosskleinstein eine sehr ferne ahnung), überhaupt aufbrechen ins unbekannte, immer wieder von neuem und wäre es auch in das nicht und nichts von allem, aber bitte keine reklame für kukident haftcrème und wackelzahniges gebrabbel.

vielleicht bin ich auch nur deswegen aufgebracht, weil vor einem jahr um diese zeit marie noch zwei tage hatte, in der nacht des dritten hat sie aufgehört zu atmen und ich sass da und hielt den mund, ein schweigen hat sich in konzentrischen kreisen ausgebreitet und alles zum verschwinden gebracht, was sonst wichtig tat und bedeutend. es war nur noch das, dieses schweigen und erst länger danach eine welle von schmerz  und darauf  heftigere, sie schlugen über einem zusammen.

daraus hervor kommen als ein anderer? als derselbe? man muss nicht mehr um jeden preis etwas sein, dies oder das und es scheint austauschbar? oder man findet sich ab mit der kantigen widersprüchlichen erscheinung, zu der man geworden ist, leicht ironisch, spöttisch manchmal, etwas weggerückt, keineswegs weise? aber in der tiefe das barocke gefühl der eitelkeit des meisten, es bleibt nicht und wiegt nicht schwer auf der waage.

nur das eine bleibt.  als wirkendes ereignis, als wirkliches jetzt, als substanz.

diese sortierung, wem verdankt man sie: dem tod und einer toten.

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marie höre ich sagen: „das allerletzte“

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wenn es regnet, es regnet seit gestern abend unaufhaltsam, ich bin aufgewacht und eingeschlafen und wieder hochgeschreckt und immer noch das laute, das leise trommeln auf dem dach und die böen von wind, der dachstuhl ächzt. geborgenheit? ausgeliefertsein! beides. ich bin mir sehr wohl bewusst, dass die flut steigt, jakob van hoddis, weltende, jeden augenblick und es hebt wieder an.

gelegentlich frage ich mich, welchen einfluss stimmungen, gestimmtheiten, seelische wetterlagen, einzelne oder allgemeine, auf wetter und klima haben. oder ist diese frage zu abseitig, also: ob sie wirken und wie dann, denn sie bestimmen doch mit anderem, wünschen, sehnsüchten und süchten unseren tag. gottseidank sage ich mir dann, dass man nicht alles wissenschaftlicher inquiry unterwerfen kann, dass es noch bereiche gibt, die liegen jenseits davon.

und doch, wenn ich morgens mit nackten füssen auf den nasskalten steinen die zeitung hole (weswegen eigentlich? antwort: wegen den gesichtern, den körperhaltungen und, nicht zuletzt, den fotos von gerade verstorbenen: daraus lese ich den aktuellen weltzustand ab und wenn es nicht regnen würde, könnte ich weinen), dann spüre ich von unten nach oben, wie sehr ich verbunden bin, ein wesen der erde und deren stimmungen sind mir wohl bewusst. wenn etwas mich am leben hält ist es das, der wind im gesicht und die steine unter den füssen, sie sind kalt und nass und riechen nach untergang heute morgen: wieder eine illusion futsch, ein kleiner tod jeden tag, damit das ende nicht zu schlimm wird.

aber diese sinnliche empfindung, auf den steinen, in regen und wind, die geht durch und durch, wie das gehen, wie das hantieren am briefkasten, wie das aufrichten, das umher schauen und das zurück ins haus und ich spüre, wie ein lachen aus dem bauch hochsteigt und dass ich noch am leben bin, jetzt.

heute nacht, da morpheus sich fern gehalten hat, ich vermutete ihn in einer ecke des raums, aber näher kam er nicht, habe ich mir die zeit vertrieben (dabei eilt sie) mit geschmacksentgleisungen (tatsächlich captain america, avengers und andere retter und heroen):  unsere kollektive sehnsucht  nach weltrettung durch irgendeine kraft, aber nur nicht wir selber, wir, also ich und du und die andern.

statt auf dem kopf stehen, auf die füsse kommen, ein  seltsames wesen der erde, ganz eingetaucht in sie (die atmosphäre gehört dazu) und untrennbar ein teil davon und noch dazu eines mit verantwortung, geistigen werkzeugen, stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind?

lese ich jedoch die zeitung — das tue ich jeden morgen, ich führe mit nackten füssen keinen eiertanz am briefkasten vor, es geht tatsächlich um die zeitung, ein ritual zu ehren das andenken von marie und jeden morgen das exerzitium der todes anzeigen, der jungen gesichter heute und eine ferne ahnung vom schmerz, der sich breitmacht und ich wünsche den richtigen trost und eine gute reise auf den wegen der toten — dann sehe ich, leider, viel konfusion und wenig einsicht, zum beispel in die denkvoraussetzungen des aktuellen zustands, vielmehr des rutschens, gleitens in etwas unsägliches hinein (vergiftete tote böden zum beispiel, die tiere machen sich aus dem staub, wir aber züchten monstruöses, nehmen gebirge von unvorstellbarem unnötigem leiden in kauf (auch ohne unser zutun gäbe es schon genug) und meinen, wir müssten keine schuld zurückzahlen?).

es regnet, zu meinem trost und ich trinke den café aus, er schmeckt bitter, wenn ich den nasskalten boden unter den füssen nicht spüren würde, was würde ich dann noch tun und denken? dass alles recht ist und richtig? oder das, was wir unter objektivität verstehn, eine einsinnig sture bahn in die verwüstung, nicht aber ein schauen von allen möglichen standpunkten und ein vorsorgliches tun?

ich gehe, wie gesagt auf bilder, und dann das(1), diskret fünf frauen im hintergrund, daneben, dazwischen die weniger wichtigen (?) männer und der vordergrund dann, breitbeinig (vom gestus her), selbstzufrieden, die anzüge mehr oder weniger fesch, meist weniger, wir sind die hoffnungsträger, fragezeichen, noch ein fragezeichen und eine ganze reihe von fragwürdigkeiten, das aber ein ausrufezeichen, dieses foto, und kein schmeichelndes. das gegenteil einer gelungenen inszenierung und das erste hick und ein programmatisches.

marie höre ich sagen: „das allerletzte“. und: „hast du von denen wirklich etwas anderes erwartet?“ „ja“, würde ich sagen und naiv wie ich bin, wieder einmal enttäuscht: „dieses signal ist ein rückfall, fünfziger jahre, finster, eng und geschmacklos.“

ein geschmackloseres foto habe ich in letzter zeit selten gesehn.

punktum.

(vom programm reden wir nicht. noch nicht. hoffnung? erwartung? vielleicht, vielleicht sage ich, aus der zweiten reihe, vielleicht. und wir?)

(1) das foto der neuen regierung

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