sowas wie eine vorläufige bilanz

das leben ging weiter, der schmerz ging mit. man wird nicht kleiner dadurch, man wird auf das angemessene mass gestutzt. tabula rasa. man greift zögerlicher nach neuem. ist tatsächlich etwas neues gesagt oder nur das alte, etwas heraus geputzt. man weiss wenigstens, wo nichts neues zu finden ist.

soll das eine bilanz werden? (ich rede mit jemand, der nicht im raum ist). nein, es geht um die frage, was hat man dazu gelernt. man sagt nichts mehr, worüber man nichts weiss. man sagt lieber man als ich. man diskutiert kaum noch und bricht ab, wenn es nur noch um rechthaben geht. und das tut es neuerdings meistens; viele haben meinungen, die stehen wie betonklötze in der landschaft herum. man diskutiert nicht mit beton. zuhören geht noch immer und nicken auch, keine zustimmung, aber: ich habe dich gehört. wenn einer ansichten hat, kann er auch mal recht haben. „well meaning is not enough“. man ist nicht mann, sondern sie, er, es, wir, sie (mehrzahl), vielleicht. „ich weiss es ja selber nicht“, sagte jüngst ein mensch zu mir. ich gehe der eigenen empörung aus dem weg und gelange lieber zu klaren gedanken. manchmal kommt mir mein reden als schwäche vor, schweigen ist vorzuziehen, aber nicht in jedem fall.

das gespräch mit ihr fehlt mir seit fünf jahren. sie mochte austausch, nicht hingegen die diskussion von meinungen. es ging ihr darum, den besseren gedankengang zu finden. immer mehr ging es ihr um stille.

Immer öfter, wenn wir durch den wald gingen, also jeden tag, sagte sie oder ich, vielleicht sollten wir schweigen. das vermisse ich auch, das schweigende gehen unter bäumen. wir redeten nicht über das wetter, ausser wenn wir die koffer packten.

wie oft habe ich mir gesagt, dass ihr tod den tisch abgeräumt hat. sagen wir es so, der tod bringt gedanken auf den punkt, auch ganze welten davon. er relativiert nicht bedeutung, er annihiliert sie. ich muss nicht mehr reden, um herauszufinden, dass etwas nicht stimmt. das alleinsein brauche ich, es ist keine einsamkeit. manches sagt sich nicht, sondern erschweigt sich. das schweigen ist ein erfüllter raum. es sind nicht nur nachklänge ihrer stimme. ich mag lebensweisheiten nicht besonders, erfahre aber gelegentliche einsichten. mein lieblingszustand ist vor allem anderen die stille, danach die schweigende berührung.

manchmal wehre ich mich dagegen, dass ich in die gegenwart geworfen wurde, widerwillig. zukunftsvorstellungen sind doch wichtig, sage ich mir. aber die gegenwart dehnt sich immer weiter aus und ich komme mit meinen wahrnehmungen, gefühlen und gedanken fast nicht mit. ich bin beschäftigt, tue allerdings nicht viel. am liebsten sage ich, ich tue garnichts. das garnichts kann ein nagel sein, der gerade in die wand geschlagen wird, um ein bild daran zu befestigen. eine klangfolge, auch eine alltägliche, erfordert ganze aufmerksamkeit. es gibt orte, an denen mich das bedürfnis überfällt, mich sofort zu entfernen, gelegentlich auch leute. feiern scheint mir angebracht, gerade auch bei wintersonnenwenden. weihnachten allerdings weckt bei mir einen fluchtreflex. ich bin zwar anwesend, aber in gedanken bin ich am vergleichen. ohne sie ist es nicht mehr das wahre. ich gehöre dazu und entferne mich gleichzeitig. es ist zeit für einen spaziergang, sage ich mir und sofort erblicke ich sie in ihrem langen wintermantel, der etwas soldatisches hatte.

mit ihr war man immer unterwegs.

allmähliche verfertigung von sowas wie ich am sonntagmorgen

langsames auftauchen heute morgen aus einem traumlosen schlaf (jedenfalls keine erinnerung). eingeschlafen mit irgendwelchen sorgen (es gibt immer welche: man selbst, die andern, die welt und die dinge darin) und damit aufgewacht: erste vage gedanken an irgendwelche nöte, nichts präzises, ängste halt und dann denkt etwas, gottseidank ist man schon alt. also ein ende absehbar. aber die kinder und enkelkinder undsoweiter.

einige meinen (sie tun jedenfalls so), sie haben alles im griff. man gehört nicht dazu. und, was die weltläufte anbelangt, kann man wenig tun, man wurstelt sich durch. manchmal schaut man nicht über den nächsten tag oder den augenblick hinaus. man will es einfach nicht. vielleicht geht es gut (die hoffnung stirbt zuletzt: auch ein schönes klischee).

und nun die stille des sonntagmorgens. kleine geräusche im haus. es hat in der nacht geregnet, das hat der erste blick aus dem fenster ergeben.

man weiss nicht soviel über das leben, es reicht gerade für den tag und um nett zu sein, einigermassen.

allmählich hat man dann im laufe des morgens die paar scherben zusammen geklaubt, die sowas wie ich ergeben. aber das ist nicht besonders überzeugend. es reduziert sich vornehmlich noch auf riechen, sehen und hören. die unterlage, auf der man sitzt, ist angenehm. gerade rauscht dann doch ein auto vorbei und ein zweites. das rauschen dauert nicht lange.

man meidet nachrichten so früh am morgen, sie könnten die stille stören, das auf jeden fall. man stellt sich vor, die zeitung erscheint mit leeren weissen blättern und auf den webseiten alles blank. aber die stille funktioniert. wenn man genau hinzuhören vermag, wird ihre tiefe fühlbar, sie ist von dem dunkel, das abends im dorf war, als man klein war. es war richtig dunkel nach der dämmerung und daran war nichts erschreckendes. nur in der nähe des friedhofs schienen ein paar ruhelose seelen zu geistern. die dinge verwandeln sich im dunkeln, sie scheinen weniger fest, weniger dinglich und leichter. vor allem scheinen sie ein geheimes leben zu haben.

heute gilt dunkelheit als etwas ungutes, weshalb bei stetiger beleuchtung nicht so schnell sichtbar wird, dass wir in einem dunklen zeitalter leben. das allzu helle, glatte wird, so gesehen, etwas unheimlich.

man braucht die stille wie luft und wasser im beunruhigenden lärm der zeit. man wird sich weiter durchwursteln, dessen ist man gewiss, man hat eine gewisse resilienz entwickelt. aber man braucht mehr denn je die stille, den rückzug.

nun kommt wieder der regen und erzählt geschichten von geborgenheit. man gehört nicht zu den glücklichen, denen selbstvertrauen in die wiege gelegt wurde (das scheint es doch zu geben, da jüngst jemand seiner verstorbenen mutter in einer liebevollen abschiedsrede dafür dankte). man hat also seine liebe mühe damit.

es stellt sich keinen moment ein gefühl der kontrolle ein. aber in der stille erreicht man einen ort der wahrheit. an dem sich stärke und schwäche begegnen. auch der zweifel ist mit von der partie und die gewissheit, der mut und die mutlosigkeit, die hoffnung und die verzweiflung. man sieht sie am werk.

die angst als handlungsantrieb: sie verkleidet sich in der öffentlichkeit als stärke, die sich selbstgewiss gibt.

ich habe den herbst immer gemocht, das flamboyante der farben, die noch warme luft, die regennächte, die zwetschgen und nüsse und pilze, das einfahren der ernte. die aussicht auf den winter und die eisblumen innen an meinem fenster in der früh hat mich nie erschreckt. zwei zimmer im haus waren geheizt, das wohnzimmer und die werkstatt des vaters. draussen lag hoher schnee, in der sonne tropfte die regentraufe, ein hund bellte in der ferne, sonst war es still. wenn man aufstand, hatte die mutter oder der vater den holzofen angeheizt. der schnee knirschte unter den schuhen, es war richtig kalt.

wir werden ein wenig lädiert sein, aber wir werden es überleben. wenn ich sowas denke, haben sich endlich alle lebensgeister versammelt. ich melde gegen den gedanken bedenken an. habe ich irgendwo ein kichern vernommen?

vol de nuit

un poème t’emmène avec lui ou bien te laisse loin derrière le regard ébahi. dont acte.

Avatar von Encres désancréesCarla Lucarelli---Encres désancrées

Malcolm de Chazal

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il faut toujours vivre en haut
d’une crête à l’autre le héron
échassier immobile comme mon
grand-père dans sa tombe
je l’imagine attendre
pour attraper au vol
les décennies qui passent sans lui

au rythme du vent oscille en corne de brume
parmi les eaux ma grand-mère roseau
sauvage et farouche
elle couvre sa tête de coton
perce ses proies de ses yeux aigue marine
butor elle vogue parmi les champs
petit voilier aux amarres en chanvre

tante moineau avait perdu une fille
de quatorze ans
courbée de tristesse je l’ai connue
avec un chignon au-dessus de sa robe de bure
son nid ne contenait plus
qu’un enfant au plumage hérissé
elle craignait toujours que je ne mange pas assez

du bout du monde les cris des oiseaux migrateurs
mes oncles d’Amérique en nage sur des photos
jaunies bécasseaux partis pour ne plus revenir
les ailes…

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das lächeln des verschwindenden: kleine sommerchronik

dorfidylle, drapiert um einen bach (mit furt, kunstvoll angelegt) mutet einen unwirklich an; der nachbachort mit bahnanschluss liegt gleich den hügel hinunter. das alte leben ( sehr kleine, kleine und grössere landwirtschaft in fast allen häusern) ist natürlich (?) weg, die häuser sind bewahrt, weiss, schiefergedeckt und nun fand dort ein kleines fest statt, ein rummel, wollte ich sagen, in der ankündigung stand was von kunst. vor allem ging es um die kunst, grillwürste zu besorgen und kühles bier. naja, es gab schon ein paar interessante sachen, kurioses vor allem und kitsch, eine menge. das eigentliche (?) kunstwerk jedoch war das dorf, das sich zeigte und regte, eine durchaus lebendige entität, auch wenn der begründete verdacht besteht, dass viele der kräftigen häuser von auswärtigen bewohnt werden, einigen auch, die nur am wochenende kommen und die woche über verschwunden sind… mit kunstwerk meine ich, in eine senke hineingepasst, als gehöre es dahin und umgeben von steilen hügeln. ein reiner genuss dort auf und ab zu gehen.

hinterher ist man erschöpft von den vielen menschen, den geräuschen und der sonne (trotz hut und leichter bekleidung).

ich wundere mich, beim hinschreiben und beim plötzlichen erinnern, dass mich der besuch dermassen beeindruckt hat.

weil mich der anblick des dorfs in meine kindheit gestüzt hat? oder weil einmal wenigstens eine dorfarchitektur nicht misshandelt und verschandelt wurde und wie jemand bei anderer gelegenheit sagte, sites et monuments, die zuständige behörde, dabei weggeschaut hat. wenn ich heute über die dörfer fahre, leide ich. nicht nur, weil man nicht mehr so recht weiss, was für lokalitäten das eigentlich (da ist es wieder) sind, sondern wegen dem sammelsurium an kuriosen baulichen erscheinungen.

manchmal hat man den eindruck, irgendeine kraft lege es darauf an, dass jeder sinn für kontinuität verloren geht, ich meine für geschichtliches gewordensein, so dass dieser neukoloniale anschein entsteht, als ei es schon immer so (hässlich funktional kastenförmig gewesen), vor allem, als müsse es so sein, als gebe es kein konzept, vor allem als gebe es nicht die abwesenheit davon, als seien wir gerade ganz neu auf einem (natürlich unbewohnten) M class planeten nach star trek manier gelandet und hätten gleich begonnen, in unserer unnachahmlichen manier einen ganzen planeten zu verunzieren.

dabei ist das keineswegs die grösste unserer untaten und unterlassungen. man vergisst sehr schnell, dass an anderen orten, zum beispiel in Uganda und im Congo menschen noch immer im stadium des reinen überlebens gehalten werden, während korrupte und unfähige „eliten“ sich den reichtum aneignen (darin äusserst fähig) und westliche konglomerate sich billig bedienen. (beim anblick des dortigen lebens gestern abend war ich wegen meinem eigenen vergessen geschockt.) nicht nur der blosse anblick des unnötigen elends tut weh, sondern auch der kontrast. und dass die menschen dort herzhaft lachen, trotz allem, versöhnt zwar nicht, aber es ist erstaunlich auf dem hintergrund des hiesigen griesgrams.

ansichten und überlegungen teste ich persönlich gerne auf die wirkung, die sie bei mir auslösen. war es bei RCE von Sybille Berg ein gelegentliches boshaftes gelächter und (meist) eine abart von depressiv schwarz gefärbtem höhnischem grinsen (das sich ungebührlich in den alltag fortsetzte, bei allen möglichen und unmöglichen gelegenheiten, auch meine eigene befremdung auslösend), bei Jakob Heins Hypnotiseur sympathetisches lächeln (entspannt gespannt, leichte sommerlektüre mit reminiszenzen eines memorablen besuch in einem verschwundenen staat) ist es nun bei der vita contemplativa von Byung-Chul Han tatsächlich eine grosse stille freude über die rechtfertigung gepflegter untätigkeit, die nicht infiziert ist von der tätigkeit, sondern im gegenteil diese erst inspiriert. ich werde ruhiger, stelle ich fest, die innere aufgeregtheit der letzten zeit legt sich etwas, ich lege das buch mehrmals zur seite, schaue mich um und denke an nichts; es ist still, von den wänden sehen mich bilder an; ich sage nicht, die dinge werden lebendig, aber sie scheinen kurz davor zu stehen.

der maler verschwindet in seinem bild, diese geschichte wird im buch erzählt, und das lächeln des verschwindenden.

kleine chronik der laufenden ereignisse

aber nun ran an die bouletten! und: zögern sie etwa mit ihrer meinung? an die öffentlichkeit zu gehen? gar nicht oder doch? doch schon. (kleinlautes gemurmel)

der erste irakkrieg hat 60 milliarden dollar gekostet, war ziemlich kurz, der zweite dauerte und kostete über 1000 milliarden. der autor, der das anführt, sagt, so ein moderner krieg sei nicht zu gewinnen. der andere sagt, die Nato habe Putin dazu gebracht. die dritten sagen, die Ukraine gibts wirklich und die Ukrainer auch und die wollen Selbstbestimmung. man muss waffen liefern, sagen die einen, und sie sagen auch, tue man das nicht, lasse man leute im stich, die auf ihrer selbstbestimmung bestehen. die andern sagen, auf keinen fall, das verlängere nur den krieg. interessant ist (ein unangenehmer ausdruck in diesem kontext), dass in mehreren argumentationen die Ukrainer nicht vorkommen. was die denn nun wollen. wollen die was? einige sagen, die liberalen in der US regierung wollten den krieg so lange am laufen halten wie nur möglich. die andern weisen auf die kriegsgräuel der russischen armee. die dritten reden von jungem kanonenfutter, das unter gefahr alle hemmungen verliert. die vierten führen an, der krieg setze das tötungstabu ausser kraft und öffne damit für alle gräuel tür und tor. die fünften fordern eine diplomatische lösung. die sechsten sagen sleepy Joe habe das aufgegeben. die siebten reden von propaganda (auf beiden seiten) und zensur. sie sagen, die lügen seien recht, wenn sie von der richtigen seite vorgebracht werden.

ist pazifismus tatsächlich mehr als eine sehr schöne moralische attitüde, also tatsächlich wirklich praktikabel, das frage ich mich.

man hat gut argumentieren, wenn man weit vom schuss sitzt. nun gibt es aber den krieg und menschen werden getötet, orte in schutt und asche gelegt und die zivilisten leiden, werden umgebracht, sterben unter bomben. es gibt einen aggressor, das steht fest. es gibt vorwände und es gibt die realität.

ich sage nicht, dass wir hier im westen die guten sind. wir sind grau, auch wenn wir gerne weiss wären. wir reden gerne und viel und einige, so höre ich, lernen heimlich russisch. jemand sagt, auch wir handeln nur nach unseren interessen und die ukrainer sind nur eine nummer in dem spiel. leider.

fest steht, ein autokrat ist ein autokrat, das wort klingt nach mehr und es sieht doch nach diktatur aus. und krieg ist krieg.

dann gibt es noch die geschäfte. sie stehen der eindeutigkeit ein bischen im weg.

ich stelle mir vor, es ist krieg und ich stehe vor der wahl, bleiben oder flüchten und stelle mir dann flüchten vor und exil oder ich stelle mir vor, das haus, in dem ich lebte, gibt es nicht mehr. man muss gestehen, solche vorstellungen funktionieren nicht, ich meine, es sind bloss vorstellungen. für andere hingegen ist das kein vorstellungsspiel.

man möchte doch, dass alles anders wird und sich nichts ändert, nichts wesentliches an der bequemlichkeit. nun fühlt man sich bedroht und aufgescheucht. beim überflug von jagdfliegern zuckt man zusammen.

und dann gibt es noch das ende der welt, das ist, wie ich lese, eine männerdomäne, die den frauen von männern erklärt werden muss, mensplaining im katastrophenmodus. männer als experten des endes, das versteht sich von selber. gerede bis zum ende. das verstehen sie ganz falsch, es ist doch folgendermassen …

inzwischen ist der frühling ausgebrochen und morgens früh tatsächlich noch vogelkonzert in den gärten hinterm haus und sonne, tatsächlich sonne. man schämt sich fast. aber es ist nicht leicht zu vergessen, dass die unordnung gerade zugenommen hat. das ist keineswegs eine gute nachricht.

wenn man den ausdruck taktische atomwaffen hört, stellen sich einem die nackenhaare auf.

dazu diese breitbeinige attitüde und dieser besondere männertyp auf den bildern im fernsehen, da kriegt man ausschlag um den nabel und der kopf beginnt zu jucken. man fragt sich, wie ist es möglich, dass solche typen ans steuerruder gelangt sind. die antwort: eben weil es solche typen sind.

im nachbarland geht es auch gerade wieder um macht, da rudert einer sehr und redet sich um kopf und kragen und rennt, dass die jackenschösse flattern. man kann schon das flattern kriegen, wenn man an die alternative denkt. aufeinmal ist alles fürs volk gemacht worden und auf der andern seite wird alles, aber auch alles fürs volk gemacht werden. das erinnert mich an die zeiten, in der noch als witz und schelmerei betrachtet wurde, wenn man die kinder in den laden schickte, auf ein kilo haumichblau. man versichert mir, dass das neoliberale nicht nur vestimentär eleganter ist. aber die zweifel nagen doch sehr.

sonst wie gesagt, keine schöneren aussichten und nachrichten, ausser dem frühling, wie gesagt, mit allem drum und dran, farbenexplosion und das unnachahmliche frühlingsgrün, da wird mir im wald weich in den knien, und das vogelgezwitscher beim aufwachen und die laueren abende, aber wie gesagt mit beklemmung, ob das nochmal gut geht.

nicht nur bei der ostereiersuche im frühlingsgarten.

aha, sie haben noch nie an den osterhasen geglaubt? ich schon, als kleiner junge habe ich dann gemerkt, in den legenden der grossen ist das der eigentliche schwachpunkt, da ist im gefolge das ganze gebäude der schönen fabeln eingestürzt. eine desillusionierung ohnegleichen, aber ein beglückender erkenntniszuwachs. die erste süsse frucht vom baum der erkenntnis.

ich habe tatsächlich angst, mich in meinem urteil zu irren.

ist menschlich oder?

aber kein trost. ( das war das schlusswort von Baer)

„menschen, die sich selber als nebenfiguren betrachten“*

man ist doch wie vor den kopf geschlagen. man hat gedacht, krieg das ist der aus den geschichten. aber gerade der ist noch gar nicht so lange her. jedenfalls dachte man, es ist der letzte, wenigstens hier vor der tür. hauptsache, so dachte man heimlich, nicht nochmal vor der tür.

und dann regen sich die va-t-en-guerre.

dass mit atomwaffen gedroht wird, hat man schon gar nicht für möglich gehalten.

man hat sich auch nicht wirklich für den osten interessiert. man hat gar keine ahnung, wie es in ungarn, rumänien und polen ist. man hat das nur vom hörensagen. die sind rechts, das hört man, die wollen nur das EU geld, sonst weiss nichts. man weiss auch, dass die dividenden von Rheinmetall, dem rüstungsgüter produzenten um 60 prozent gestiegen sind. es wird also spekuliert, auf den tod und die zerstörung. wie man auch hört, dass die jüngsten preissteigerungen keinen ökonomischen, sondern einen spekulativen charakter haben.

sonst sieht man zu. man ist ziemlich fassungslos und sieht zu. ausser, dass man auch verstehen will. natürlich wünscht man sich lösungen. aber man wünscht sich auch die gründe zu verstehen. man möchte schon wissen, wie die verantwortlichkeiten verteilt sind. wenigstens das wünscht man sich.

man weiss nicht, wie es weiter geht.

man findet nicht, dass die Russlandpolitik des westens, des sogenannten, ein erfolg ist. man hat keine ahnung von russland, ausser dass der osten des ostens nicht so gut dran ist, das weiss man aus der lektüre eines reisebuchs von jemand, der tatsächlich dort war und einen aufmerksamen blick hat.**

die nachrichten abends sind eine zumutung. nicht weil man sie nicht hören will oder in seiner gemütlichkeit aufgestört ist, sondern weil ein ton hysterie und propaganda hereinspielt.

jemand sagt, wenn man in Moskau oder St. Petersburg auf die strasse geht, ist man ein held.

nun ist alles anders, sagt Baer.

unwirklich, sage ich, hier ist es unwirklich. es sind nur bilder hier.

dort aber. flucht ist das schlimmste. nun werden städte plattgemacht. leute, die nicht mehr rechtzeitig fortkommen, umgebracht. kollateralschäden.

nicht nur Putins kriegführung ist brutal, sagt Baer.

kriegführung überhaupt ist brutal.

jetzt merkt man, sage ich, wie wenig man mit worten ausrichten kann.

wenn man die nachrichten vom kriegsschauplatz mitansieht, hat man den anschein eines tuns. man verfolgt gespräche im fernsehen. man liest alles, was einem unter die finger kommt. dann tut man wenigstens etwas.

das ist die neue lage und die neue lage ist ein geschichtlicher rückfall, sagt baer.

sagen sie doch was, sagt baer.

ich sage garnichts mehr.

stellen wir uns auf das schlimmste ein, sage ich. aber was ist das schlimmste.

ist es der beginn einer katastrophe.

für die leute dort ist es eine katastrophe, da beginnt nichts, da ist es voll im gange.

„männer, die geschichte machen“, mein gott, sage ich. lassen wir den lieber ganz aus dem spiel, sagt Baer.

das gespräch komm nicht vom fleck. der café hilft nicht. die sonne auch nicht. es ist kalt morgens. man übersieht fast die krokusse und die ostersterne. die angst geht um. es sind verrückte zeiten. die worte klingen hilflos. in der zeitung wird so getan, als habe jemand den durchblick.

gestern morgen haben wir meist geschwiegen.

Baer hat mir das Du angeboten. wegen allem und im besonderen unserem ausflug am meer. fast war mir das zu nahe. aber nähe, das bleibt uns doch. man denkt, da gab es doch mal ruhigere zeiten. die ruhigen zeiten liegen schon länger hinter uns. vor uns die unsicheren zeiten.

als wir auseinander gingen, haben wir uns umarmt.

*A. Kluge, Fontane, Kleist …S. 23

**Sören Urbansky, An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland.

die andere konfiguration

ich fahre eine weile, bis ich den ort erreiche. er hat sich gewandelt, die mountain biker nennen ihn „bunker trail“. ade die pfade von gestern. in der tat sind zwei gruppen von mountainbikern unterwegs. der pfad ist an manchen stellen verschlammt. als ich an einer gruppe vorbei komme, sage ich: „aha, sie sind wieder unterwegs, um die pfade zu ruinieren.“ dabei bin ich gelegentlich selber mit dem rad im wald. aber aus der perspektive des wanderers oder bescheidener, des spaziergängers sieht die sache völlig anders aus. man fühlt sich belästigt.

ich gehe rasch an einer freundlichen frau mit drei kleinen kindern vorbei. als ich den steilen part des pfades hinter mir habe und nicht mehr so stark auf meine schritte achten muss, fällt es mir aufeinmal auf. heute erlebe ich die umgebung, die ich sehr gut kenne oder zu kennen glaube, anders, ja, ich erlebe sie garnicht, es ergibt sich kein kontakt, ich empfinde nichts, weder die sofortige intime vertrautheit noch die freude, die ich deswegen spüre. nichts.

bis mir aufeinmal aufgeht, die natur um mich herum, die ich schon in meinem exclusiven besitz wähnte, denn ich kenne sie seit meiner kindheit, verweigert sich oder vielmehr, sie ist abgekehrt und in sich gekehrt. kehre ich meine wahrnehmung nach innen. vielleicht begegne ich meiner landschaft dort. aber das ging mir erst später auf.

die bezeichnung „bunker trail“ hat mir bestätigt, es ist ein beliebter ort geworden, für mountainbiker enthält er einige herausforderungen, die spuren in den verschlammten teilen des pfads deuten auf zahlreichere besucher. zuerst dachte ich, ich habe den ort an den lärm verloren, es ist nicht mehr mein ort. aber dann, in der bewegung nach innen, fand ich die landschaft wieder.

„nennen sie das, wie sie wollen.“, sagte ich, als Baer ein paar ironische bemerkungen von sich gab. „es ist keine landschaft, die sich einfach erschliesst.“, sagte ich, „selbst im frühjahr und sommer nicht. an der stelle fällt die schlucht sehr steil ab, im winter kann man bis hinunter aufs wasser sehen und merkt erst, wie steil der abhang ist. mein erleben an dem tag hatte nichts mit der vermehrung der besucher zu tun. im allgemeinen ist es noch immer still. aber diesmal hatte ich sofort die frage, was machst du hier. als werde ich auf die probe gestellt, als müsste ich meine anwesenheit rechtfertigen. und ich habe überm gehen nach antworten gesucht und erst als ich meine aufmerksamkeit von der umgebung abzog, gab es eine antwort meinerseits, die der landschaft standhielt. so in mich gekehrt war ich dort noch nie unterwegs.“

wenn ich fragen habe, auf die ich keine antwort finde, gehe ich an den ort. inzwischen haben sich offensichtlich neue erlebnisschichten darüber gelegt, die nun „trailartig“ sind. machen sie den ort unkenntlich? es gibt orte, die verweigern sich einer oberflächlichen inbesitznahme.

das dachte ich, weil ich aufeinmal angst bekam, es sei nicht mehr mein ort, sondern ein allerweltsort, als sei meine spezielle beziehung aufgehoben. und ich ein alter mit einer verlorenen ortsobsession, der etwas sucht, was es längst nicht mehr gibt. so dass der reale ort einen zurückweist, er hat nichts mehr mit einem gemein.

„sie sind sich bewusst, dass sie einen kindheitsort zu einem lebewesen machen?“, sagte Baer.

für mein erleben ist er das, ein lebendes wesen, mit dem ich eine geschichte teile, nämlich seine revolutionäre veränderung, wobei der veränderte zustand schon viel länger dauert als der ursprüngliche, aber ich habe noch deutliche bilder der ersten periode, ich behandle sie als kostbarkeiten.

meine tiefe irritation führte an dem tag beim café dazu, dass ich Baer dinge sagte, die mir unter normalen umständen als vertrauensbruch vorgekommen wären. als entwickle eine landschaft auch gefühle oder empfindungen, die sich meiner eifersucht annähern könnten. denn seit der kindheit habe ich fremde dort als eindringlinge empfunden. „was habt ihr hier zu suchen, es ist mein ort.“ so dass ich geneigt war, mein neuerliches erleben auf meine kindlichen ideosynkrasien zurückzuführen.

in gedanken ging ich später den pfad zurück, um die stelle ausfindig zu machen, an dem ein bewohner des orts vor einigen jahren tödlich verunglückt ist, man hat dort ein kleines monument errichet und ich mache jedesmal einige zeit halt, um seiner zu gedenken. es ist eine art scheu, gedankenlos vorüber zu gehen. genau dort ist mir aufgegangen, dass der ort sich diesmal verweigerte.

von da an begann ich langsam zu begreifen, dass ich mich schon immer durch eine innere landschaft bewege, wenn ich dort bin. man kann mich gehen sehen. was man nicht sieht, ich bin nicht nur ein teil der landschaft,wenn ich dort gehe, sondern ich bin diese landschaft, es gibt gar keinen unterschied. und in dem augenblick emfand ich eine art von tiefer befriedigung, die nicht von mir auszugehen schien. als sage etwas oder wer, jetzt hat er es begriffen. denn mir scheint diese landschaft eine unverwechselbare person zu sein.

es ist keine art von schulterklopfender beziehung, muss ich sagen, es ist vielmehr eine kraft, die mir über ist. ich merke dort, wie klein ich bin, wie winzig, und sobald ich dessen inne werde, verschwinde ich und es gibt nur noch den ort und das gehen. und innen und aussen ist dasselbe.

an dem tag habe ich gemerkt, wie sehr die verhältnisse sich geändert ahben, wie anders gedacht wird, anders geredet, und ich meine es ernst, wenn ich sage, dieser ort zeigt jedem, was er bereit ist zu sehen.

die stadt kam mir danach vor, als liege sie tausend kilometer abseits. dort hat man angst, wo keine angebracht ist, und wo sie dringend nötig wäre, herrscht unbedenklichkeit. man sagt das eine und tut das andere. inzwischen hat man türen geöffnet und bevor man sich versieht, kriegt man sie nicht mehr geschlossen. das geht vorüber, sagt man, und dann bleibt es.

„sie reden in rätseln.“, sagt Baer.

„soll ich genauer werden.“, sage ich.

Baer: „unbedingt.“

„die massnahmen, die man in der jetzigen krise getroffen hat, sind ein vorschein auf die massnahmen in den nächsten krisen. es sieht nicht nach mehr demokratie aus.“

„und sonst?“, sagt Baer.

„unbedenklichkeit ist eine charakteristik der sogenannten freien marktkräfte.“

„haben sie auch eine positive botschaft?“, sagt Baer.

„botschaft?“, ich, sieben fragezeichen.

„wo sehen sie möglichkeiten.“, sagt baer, „die uns hinaus führen in eine andere konfiguration.“

„ich vertraue darauf, dass wir mit kräften umgehen, die uns letzlich überlegen sind. allerdings ist der ausgang offen.“

darüber gingen wir auseinander.

„ich wollte deine stimme hören.“

jedes jahresende läuft auf das datum zu, man sitzt da mit fragen, man fragt sich, was sind das für gefühle und irgendwo, man erinnert sich kaum, hört man den satz:“ich wollte deine stimme hören.“ am telefon sagt das jemand zu jemand und der satz trifft einen.

wir reden lieber nicht von wunden stellen, von traumata und seelischen blows, das leben ist so, life is a bitch. und das, was passiert, ist dann scheisse. es ist so. aber der satz hilft nicht.

was man feststellt ist die erstaunliche tatsache, dass man es erträgt. man lernt langsam es zu ertragen, obschon es unerträglich ist. man kann das offensichtlich. man taucht in den alltag ein, tut dies und jenes, aber die zeit heilt nicht. den satz sollte man vergessen. die bilder rund um das datum vergehen auch nicht. man stellt sich vor, wie ihre stimme war. man weicht dem schmerz aus, das macht ihn nicht kleiner. das leben rollt darüber weg. krisen lenken ab, man hat andere sorgen, aber genau in diesen sorgen ist das ganze erleben präsent. nun vermisst man sie noch mehr.

ich versuche, mir rechenschaft abzulegen, ob mein leben angesichts dieser einen erfahrung standhält. und manchmal bezweifle ich das.

Baer sagte kürzlich: „es geht ihnen besser, das freut mich.“ manchmal habe ich deswegen ein schlechtes gewissen.“, sagte ich. das sei keine nette dekoration für den alltag, sagte Baer.

„ich habe mich verändert.“, sagte ich einmal und es klang verzweifelt. „seit sie nicht mehr da ist, verändere ich mich jeden tag.“ Baer: „was ist daran auszusetzen. Herr Keuner erbleichte, als der bekannte sagte: sie haben sich aber garnicht verändert.“ „sie haben recht.“, sagte ich, „aber ich habe mich ohne sie verändert, ihr TOD hat mich umgekrempelt. ich tue nichts besonderes und freue mich über jeden kleinen fitzel. sogar mitten im verkehr an einer kreuzung schaue ich ringsum und empfinde eine genugtuung, die erschreckend ist.““ also hat sie doch mit der veränderung zu tun;“, sagt Baer. „ich möchte, dass sie es sieht.“, sagte ich. „ihr abgang war auf der höhe ihres wesens. ich war da sehr klein.“ Baer ist diskret, er fragt nicht nach, wenn es zu persönlich wird. „das ist mir zu persönlich.“, sagte er bei einer gelegenheit.

„sie sehen mitgenommen aus.“, sagt Baer. wenn ich antworte, „ich bin versackt, seit tagen versacke ich und zwar so tief, dass ich denke, da gibt es keinen ausgang“, will Baer gar nicht wissen, was es mit dem versacken auf sich hat.

„das datum macht es.“, sage ich. „danach gab es eine stille und einen frieden, der jenseits von freude und leid liegt. aber daran kann man sich nicht erinnern, entweder man erlebt es oder es ist blosses geschwätz.“ wenn ich so rede, schweigt Baer.

„man kennt ja , was um tod und trauer herum gesagt wird. ich habe einiges darüber gelesen.“, sage ich, „im ernstfall hilft es nicht. manchmal denkt man, es ist ein anderer, der das erlebt. man kneift sich, manchmal fühlt man buchstäblich nichts. die gefühle sind so erdbebenhaft, dass sie sich selber ausschalten. kurzschluss. buchstäblich.“

„um die toten muss man sich keine sorgen machen. das schlimmste ist, wenn man realisiert, vielleicht habe ich sie nicht genug geliebt, aber man kann das nicht mehr ändern, selbst man es sehr stark will, es geht jetzt nicht mehr, sie mehr zu lieben, als man es getan hat. es gibt eine grenze. das erfährt man erst nachher. niemand hat es einem sagen können. die leute sind , wenn ich das so sagen darf, ahnungslos, was den tod anbelangt. das habe ich an einigen reaktionen feststellen können, auch an den eigenen. das ist recht erbarmungslos als erfahrung.“

„man prüft dann auch sätze wie, die trauer hat nichts mit dem toten zu tun, die überlebenden betrauern sich selber. der satz setzt die erfahrung herab, insinuiert, es sei eine verstärkte form von selbstmitleid. gewissermassen eine schwäche. und schwäche ist nicht gut, oder?“ ich schaue Baer an, aber er sagt nichts. „ohne zweifel“, sage ich, „werden alle schwachpunkte getriggert, alle knöpfe werden gedrückt. wie geht das allein weiter, geht das überhaupt, das habe ich mich auch gefragt. es geht. es ist vielleicht kein schöner anblick, sich so klein zu sehen, aber es geht, man erträgt das. man ist halt nicht der held, für den man sich hielt.“

„wer war sie.“, sagt Baer. ich denke, ich habe nicht richtig gehört. wer war sie? sie war eine schöne frau, die körperliche entstellung durch die krankheit hat sie nur noch schöner gemacht. ich war ja ahnungslos, als ich sie kennen gelernt habe. das meiste habe ich erst mit ihr gelernt, fast alles ist das.

„warum sagen sie dann, sie ist weg.“, sagt Baer. die frage setzt mich schachmatt. ich sage, „lassen wir es gut sein.“ Baer nickt. sie war eine ganze welt, denke ich. jedesmal denke ich das, wenn ich an ihrem foto vorbei komme, also jeden tag.

„nostalgie“, sagt baer, „hat etwas rückwärtsgewandtes.“ „ich bin kein nostalgiker.“, sage ich. „ich bin nicht auf der suche nach der verlorenen zeit. der raum, in dem alle vergangenen dinge sind, hat eine tiefe und weite und einiges ist eben weiter weg, aber präsent, in einem gewissen sinne ist man dieser raum, jetzt.““ ich habe“, sage ich, „den Zauberberg immer vorgezogen. wenn man den roman zu ende gelesen hat, weiss man, dass Castorp die ganze zeit schon mit aufgepflanztem bajonett über das schlachtfeld des ersten weltkriegs stolpert. dazu hört man Schuberts vertonung: am brunnen vor dem tore. die chauchaterien des zauberbergs münden direkt in die katastrophe.“

Baer fragt nicht nach der persönlichen anwendung. das tue ich selber und Baer nickt, als ich sage: „vor lauter angst, den andern zu verlieren, kann man ihn verpassen.“

„ich wollte deine stimme hören.“, das denke ich schon die ganze zeit.