dann lese ich also doch wieder 2

 

lesen habe ich mir gar nicht mehr vorstellen können. lesen ging nicht, seit monaten; vielleicht ein bild betrachten, aber nur leicht, aus den augenwinkeln, flüchtig, verstohlen, etwas ernsthaft in die hand nehmen und anschauen hat weh getan. überhaupt das leben.

es ist nicht einmal deswegen, weil wellness angesagt ist, überall nur wellness, sicherheit, keine entgleisungen bitte, tod schon gar nicht. tod stört. denken auch, wählen vor allem, das ging gar nicht. ich sehe noch gut, registriere, was gesagt wird, aber entscheiden für und wider, nein, das kam nicht in frage; kommt noch immer nicht in frage.

es gibt diese leute, die wollen, dass du dich erklärst, dies oder jenes, das eine oder das andere. sonst! das wort ist eine drohung. bevor gesagt wird, was sonst ist und passiert und wo du dich sonst wieder findest, rechts oder links.

mir schwant, ich werde mich überhaupt nie mehr entscheiden können, ich meine erklären, was denn nun, so sags doch. ich sage gar nichts, hab ich mir vorgenommen.

wenn ich an einer weggabelung ankomme, gehe ich nach rechts, das ist keine von den entscheidungen, die ich meine, ich setze einen fuss vor den andern, das ist eine kunst, die heute den weg geht und morgen den andern, ehrlich, ich würde am liebsten beide wege gleichzeitig gehen, mich reizt das eine wie das andere. es gibt da kein oder.

heute muss man aufpassen, man hat schnell die falsche deklaration geliked.

ich habs mit meinem ästhetischen sinn. das ist nicht ungefährlich, denn man gelangt schnell dazu, alle in einen topf zu schmeissen, die liberalen und marktanhänger links und rechts, die sogenannten sozialdemokraten und die konservativen, ganz zu schweigen von den ewiggestrigen an den extremitäten. wenn ich mir anschaue, wie die abwechselnd regierenden das neue Grosskleinstein als ausgemachte hässlichkeit inszenieren, sogar die neue gelecktheit ist hässlich, weil steril, also nicht schön und das ist mir ein politischer einwand. es hat nichts mit wahl zu tun, schön ist schön und hässlich ist hässlich. hässlich muss sein, weil schön sonst unkenntlich wird, das ist mir klar, aber hässlichkeit als städtisches gestaltungsprinzip bleibt ein einwand von kerniger fasslichkeit. man sieht es und es schreit und quietscht schrill und metallen. das ist keine wahl und entscheidung, wenns auch in mir schreit bei den immobiliären freimarktlichen bauentgleisungen.

 

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Karl Ballmer

 

 

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