bin ich gern allein?

manchmal muss ich mich durch ein dickicht hindurch schreiben, bevor ich im wesentlichen ankomme. im freien. das sind die texte, die keiner zu gesicht bekommt.

seit ich wieder reise, stelle ich fest, dass ich ohne marie eine nicht mitteilbare erfahrung ist. „seine frau ist gestorben.“ das ist ein ganz unverständlicher satz. „meine frau ist gestorben“, das habe ich mehrmals gesagt oder sätze begannen mit „meine verstorbene frau“ und sofort hatte ich das gefühl, ich rede über einen andern. sätze und ausdrücke, die eine erfahrung eingemeinden, sagbar machen, als sei sie nun nachvollziehbar für alle, als sei man nun nicht mehr allein.

aber das ist nur ein mitleidiger schwindel.

erstens war marie nicht meine frau, sie war kein persönlicher besitz, zugehörig war sie auch nicht. dieses kleine scheisswörtchen „mein“ suggeriert eine vereinnahmung, die bloss illusorisch ist.  marie war die fremde an sich in meinem leben, sie war ein rätsel bis zum schluss, sie war nicht mein, sie war ganz für sich, sie war in meiner nähe, weil das spannend war, was sich zwischen uns entwickelte, sie war eine andauernde herausforderung, ich fand es aufregend, dass sie eine frau war, ich habe ihr rätsel nicht ergründet, jetzt, da sie tot ist, weiss ich das. deshalb schmerzt ihr tod auch so, nicht weil die vertrautheit, die zweisamkeit nicht mehr ist, sondern weil ich das rätsel nicht mehr lösen kann, das marie hiess. manchmal habe ich sie verständnislos angeschaut wie eine unbekannte. manchmal schien sie mir ich selber zu sein, das war auch erschreckend, nicht nur schön, sehr oft erblickte ich nicht uns zwei, unsere körper im raume, sondern das dritte, das aus unserer seltsamen verbindung entstand.

sie war nicht mein, sie gehörte sich selber, wenn sie etwas wollte, selbst wenn sich der entschluss gegen mich richtete, sagte ich, tu, was du für richtig hälst, dieses ihr eigenstes faszinierte mich und es schmerzte, dieses andere, manchmal furchtbar fremde.

ich habe noch nie mit einem menschen eine solche nähe und fremdheit zugleich erlebt; anfangs dachte ich, wir seien uns sehr ähnlich, deshalb die anziehung, aber das war das uninteressanteste, diese scheinbaren ähnlichkeiten, was ich suchte, war die andersheit, die fremde zog mich an, der ganz andere körper, die andere gesitigkeit, die gefühlsunterschiede. ich begann erst zu verstehen, als ich nicht mehr nach ähnlichkeit suchte. schon in dem wort heterosexuell ist eine langweilige selbstverständlichkeit enthalten, deshalb sagte ich ihr öfter halb im scherz halb im ernst wir haben eine schwul-lesbische-queere beziehung, wenn sie nach dem wieso fragte, sagte ich, das ist doch viel aufregender, findest du nicht, lieber ein verwirrendes spiel als ein langweiliges.

natürlich spielten wir manchmal das spiessige ehepaar, deklinierten einen spiessigen alltag durch, weil es uns gefiel, wir liebten eine gewisse ironische distanz zu uns selber. wir gingen nicht so oft ins theater, wir liebten das theater unseres alltags, manchmal hatte er strindbergsche züge.

wenn sie mich verletzte, und das lernte sie schnell, wo meine wunden punkte lagen, erfuhr ich eine ungeahnte intensität des schmerzes, ich spürte, wie es ist, sie will mich nicht mehr, ich bin ihr zuwider. man sucht solche schmerzgrenzen nicht willentlich auf, aber ich lernte erst jetzt, sie ist meine geliebte, sie jagt mich davon, und das bringt mich fast um, ich wusste nicht, dass das leben so intensiv sein konnte. nur war das nichts gegen das gefühl, als der tod sie mitnahm.

und unsere machtspiele erst, keine einseitigkeit, die lust zu überwältigen und überwältigt zu werden. weil sie eine geliebte war, liess ich mir keinen fluchtweg offen, hätte ich meine dunkelsten ecken nicht ins licht gestellt, sie hätte mich nicht mehr gewollt; das war nicht nur meine angst, es war meine erfahrung.

wir liebten die bekannten rollenspile und langweilten uns schnell dabei, morgens wusste ich nicht, wem ich heute begegnen würde. marie blieb unberechnebar. wir hatten unsere gewohnheiten nur, um sie über den haufen werfen zu können.

wenn marie im traum um mich ist, ist sie nun ganz für sich, ganz verschlossen und eigen, ganz im eigenen und nicht ansprechbar; aber sie ist um mich herum. und manchmal gelingt es mir schon, sie in dem ganz eigenen fürsichsein anzuschauen.

ich bin nicht gern allein, ohne marie, und ich bin gern allein.

3 Gedanken zu “bin ich gern allein?

  1. Es tut weh Dich zu lesen. Ich begegne da mir selbst.
    Meine Tochter tadelt mich weil ich ihr zu selten Romane lese.
    Dieter las for allem Romane- die neueste Literatur. Auch den Kater Murr.Er war ein Schnellleser.Ein Buch pro Tag war normal. Und er las Arno Schmidt, deeen kann ich. icht ab.
    Einmal träumte ich ( wir wussten noch nichts von seinem Leiden) ich müsste alle Bücher lesen die er las- um zu wissen WER ER ÜBERHAUPT IST! Er lächelte, als ich ihm meinen Traum erzählte. Er war ein toller Traumdeuter! Wirklich!
    Damals sagte er NICHTS.
    Ich las/ lese Sachbücher! Philosophen! über Ökonomie, Biosemiotik, Chaosforschung, und Astrophysik, Quantenwelt- manchmal ins Esoterische abdrifftend( was ich eigentlich vermeiden will).
    Dieter interressierte sich nicht für das Universum. Er war nur Zeuge wenn ich darüber mit anderen stritt.
    Das Lesen Deiner Gedanken weckt diese Erinnerungen, und es wird deutlich dass selbst nach 7 Jahren diese WUNDE blieb! Genau wie Du schreibst: Ich kann das Rätsel nicht mehr lösen! Verdammt

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  2. Als ich wiederkam zu b. nach längerer Abwesenheit hatte ich den starken Wunsch sie wirklich kennenzulernen, so wie sie ist. Und war dankbar für die Chance. Jetzt sage ich manchmal wenn wir intensiv zusammen sind: ich habe dich durchschaut. Das ist aber nur ein kurzer Geschmack auf der Zunge wie von einem weissen Bordeau. Nicht ein wirkliches kennen, wie ich Orte kenne. Eine Annäherung. Dazu noch subjektiv.
    Wer kennt sich schon selber?
    „Du musst das Leben nicht verstehen
    dann wird es werden wie ein Fest.
    Und lass dir jeden Tag geschehen
    so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
    sich viele Blüten schenken lässt.

    Sie aufzusammeln und zu sparen,
    das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
    Es löst sie leise aus den Haaren,
    drin sie so gern gefangen waren,
    und hält den lieben jungen Jahren
    nach neuen seine Hände hin.“ rilke

    Was nützt es wenn ich jemand genau kennte?
    Das ist eine Kinderfrage würde Benn sagen wie in dem bekannten Gedicht.

    „Nur zwei Dinge

    Durch so viel Formen geschritten, durch Ich und Wir und Du, doch alles blieb erlitten durch die ewige Frage: wozu?

    Das ist eine Kinderfrage. Dir wurde erst spät bewusst, es gibt nur eines: ertrage – ob Sinn, ob Sucht, ob Sage – dein fernbestimmtes: Du musst.

    Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere, was alles erblühte, verblich, es gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich.“
    Hört sich cool an, stimmt wahrscheinlich auch nur zur Hälfte.
    Bin heute am atlantik, etwas müde vom Velofahren und werde versuchen b. noch besser zu spüren.
    Sisiphus?

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