ein ernsthafter einwand

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gerade sägt ein rasenmäher, ein ganz dicker, in meine beginnende konzentration und nicht erst jetzt werde ich mir bewusst, heute morgen schon, als ich meine bestandteile von überall her zusammen gesucht habe und mir unvollständig vorkam, une esquisse bestenfalls, von etwas, ja was, wie zerbrechlich wir sind. wie fast nicht da. wie unsicher und ungewiss. wie tastend. wie blind, wie unbewusst und vorläufig.

heute nacht versicherte mir jemand, dass unsere feste grundlage der tod ist, dass die endlichkeit erst das leben erträglich macht. ich rede vom eigenen tod, denn der des andern ist unerträglich.

ich höre marie sagen, fang jetzt nicht davon an,  der kapitalismus habe die unerträgliche form angenommen, dass der öffentlich raum, unser kommunikationsraum privatisiert wird und hand in hand damit eine beispiellose überwachung. (das war übrigens die zweite stimme, die in meine nacht hinein geredet hat. immerhin, so hörte ich, hat der kapitalismus auch die mittel zu seiner kritik bereit gestellt.)

hör auf, sagt marie, rede von dir.

ich rede von mir, antworte ich, ich will nicht vergessen, in welcher welt ich lebe, ausserdem schwappt schon alles morgens früh neben meinen café, er kommt aus peru, ich habe die hänge gesehen, an denen er wächst und mit den menschen habe ich geredet, die ihn anbauen.

im privaten kriegst du das alles doch gar nicht mit.

sagt marie das?

ich kriege alles mit, sage ich, wenn ein auto unten vorbei rauscht, komme ich einmal um die welt (die materialien, die werkstätten, die zwischenprodukte, die transportwege, die automation, die intelligenz, die geldströme und die beteiligten menschen) die produktionsverhältnisse  inbegriffen und damit auch alle, die aussen vor bleiben, während die angeblichen herren schon in hermetischen paradiesen deambulieren.

und, was bringt dir solches gedenken? (marie ist unerbittlich)

 

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es eröffnet einen geistigen raum, sage ich, einen raum, in dem ich luft bekomme (nichtverstehen drückt mir buchstäblich die luft ab, nichtverstehen ist eine erlebte enge) und es gibt mir nach solch einer nacht, aus der ich zerflattert auftauche, eine festigkeit.

ich erinnere mich, wo ich lebe. jeden tag ist das mein exerzitium. wenn man das nicht ut, wage ich zu behaupten, dann sucht man schon wieder nach sündenböcken (und das hat gerade begonnen), dann fängt man an, in die falsche ecke zu schauen (weil alles sich so schnell verändert und die weltordnung wankt, hat es sie jemals gegeben?).

du wolltest von deiner zerbrechlichkeit reden, sagt marie, du hast abgelenkt.

alles ist so zerbrechlich, sage ich, der garten, die bäume, die vögel (jüngst hat die katze zwei flauschige jungvögel abgemurkst, zuvor hat sie damit gespielt, sage jetzt keiner, das ist die katzennatur). Gregory Bateson wurde von seiner tochter gefragt, papa, was ist ein instinkt. Bateson dachte nicht lange nach und sagte, mein kind, das ist ein wort. nicht nur ich, fragtest du mich, bin sehr zerbrechlich, robust und verletzlich, robust verletzlich, was sind nur wörter an mir und was ist substanz, wieviel ist ich und wieviel ist nur geliehen.

das eichhörnchen auch, eine kostbarkeit, und die katze (jüngst wurden ihr zwei zähne gezogen, seither wird ihr essen zerkleinert, sie wird gerne gestreichelt und vor einigen tagen hat sie sich im garten auf meine brust gelegt, sie schmiegte ihren kopf an meine wange und betupfte mit der pfote, die krallen raus, die krallen rein, sanft meinen hals).

der fuchs schleicht abends und nachts im garten und hinterlässt freche zeichen seiner unsichtbarkeit.

vorgestern am waldrand war es so still, dass ich angst hatte um den letzten rest von schönheit, der noch überall ist.

der kapitalismus ist auch eine manifestation unschöner gedanken,

ist das ein ernsthafter einwand, fragt marie.

ja, sage ich.

 

 

 

2 Gedanken zu “ein ernsthafter einwand

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