meiner heisst marie – Beforter texte

1

der bus fährt immer wieder vor, er hört gar nicht auf vorzufahren, wie auch die anziehung des abgrunds nicht aufhörte, le vide m’attire, und im herzen der dinge nichts, gar nichts, der bus also kommt den hang herunter dem dorf entgegen und hält auf dem platz jenseits der strasse. er fährt immer wieder vor, weil ich mich nicht erinnern kann, ich brauche ihn auch nicht dafür und doch ist er nötig, wie kommt man sonst nach befort, wenn nicht im auto oder im bus. jener bus, den ich meine, bleibt in den fünfzigern hängen, es ist eines dieser grauen, beigen gefährte, abgerundet die kanten mit einem blauen streifen, aber blass und ich lasse ihn halten in meiner vorstellung und sehe mich aussteigen, vielmehr ich sehe schulkinder aussteigen. Ich weiss, der anblick der burg hat mir einen inneren ruck gegeben, völlig unerwartet eigentlich, mitten im tal, diese wasserburgruine, wie in einem traum plötzlich dinge auftauchen, einfach so, befort war und ist eine unwahrscheinliche erscheinung, ein rittertraum. in wirklichkeit weiss ich das gar nicht mehr, ich denke nur, so muss es gewesen sein.

ich weiss noch, dass ich damals die dinge nahm, wie sie kamen, staunend, aber ich liess sie erstmal sein, ihre wucht genügte, alles andere, irgendeine einordnung in einen sinnvollen zusammenhang, das ergab sich von selber.

und obschon ich erinnerung vortäusche, regelrecht zusammen schustere, gehe ich, später tat ich das mehrmals, gehe ich auf den eingang zu und danach, das wunder einer labyrinthischen konfiguration, treppen, enge gänge, türme und erker, verliese und die zentrale kammer meiner nie vergangenen imagination, die rumpelkammer von befort, das gerümpel, das da herum stand, erinnerte mich zuerst an die schuppenecke meines grossvaters, da lagen dinge herum, verrostet, verknäuelt und ohne erkennbare verwendung, eventuell noch brauchbar, manchmal kramte er darin herum, in dieser ecke und kammer hingegen, eine nach und nach erkennbare ordnung, maschinen, instrumente, zuerst dachte ich, denke ich noch heute, das ist blut an den dornen, an der daumenschraube , denn der lehrer hatte das wort gesagt, folterkammer: und nun, sehr ruhig, insgeheim amüsiert, erklärte er langsam, bedächtig den zweck und ich nahm es hin, aber so, dass noch lange danach die beforter kammer der dunkle fleck war, das abgrundtiefe loch, der riss mitten im leben am helllichten tag und ein modell und ein referenzpunkt.

man hat den angeklagten, den menschen hat man auf die folterbank gespannt und wer an der kurbel drehte, riss ihm das fleisch aus dem rücken, riss ihn zum blutigen klumpen, zog ihn lang, brach ihm die knochen im leibe, zerquetschte den daumen, bis er alles zugab, alles, was man hören wollte von ihm und noch mehr.

man hatte als kind in den fünfzigern schon einiges gesehen und gehört, die schreie des schweins, dem man das messer in den hals stach und die grossmutter stand dabei und hielt den irdenen topf unter den blutstrahl, bis er versiegte und das schwein sich ins sterben ergab. Was den unterschied machte, man ass das fleisch, aber man wusste, was man tat, man verwertete alles und was man nicht einbauen konnte in etwas nützliches, warf man dem hund vor. Es war ein gedankenvolles ritual, es schien  die ordnung nicht zu stören, es stellte sie wieder her. Man wusste, man ass von einem getöteten wesen, man gab ihm noch die ehre.

Aber es war eine gewalt, es war nicht der normale gang der dinge, das tier wurde aus einem dunklen stall ans licht gezerrt und es schrie und es litt, es war etwas barbarisches. Oder das köpfen der hühner mit der axt oder dem beil oder das taschenmesser, das scharfe, am hals des kaninchens.

die menschen starben, die totenglocke läutete und verkündete unheil, es war eine gestorben, mitten am tag ertrank die mutter meiner freundin, der nachmitag klang schaurig, die glocke riss ihn entzwei, ich höre das gemurmel der betenden, die trauergesichter am grab, die erde rollte polternd über den sarg.

Aber dies hier, mitten im herzen der burg, das war noch etwas anderes, schwärzeres, finsteres. Der lehrer sagte uns nicht, dass die instrumente ein fake sind, nachgebaut, also ein echtes fake sozusagen, bei einem späteren besuch habe ich das gelesen, aber das machte keinen unterschied, da wusste ich schon, dass man leute aufs rad flocht, die glieder gebrochen, ein frass den raben.

Das hat sich eingegraben, nichts rundherum ist geblieben, der bus meine spätere erfindung, das aussteigen, das labyrinthische begehen , aber dies nicht, dies nie mehr vergessen, die kammer im herzen dieser wunderbaren burg und menschen tun dies menschen an.

2

lange bevor ich zum ersten mal nach befort kam, wusste ich, wussten wir, dass die welt ein seltsamer ort ist, seltsam, unverständlich und gewalttätig, die schweine wurden mit langen messern geschlachtet, die kaninchen abgestochen, die hühner geköpft, wenn der stier die kuh besprang, wurden wir weg gejagt, aber wir wussten bescheid, und nicht nur, weil die hunde auf der strasse kopulierten.

es gab das düstere, die schwarz verhangenen zimmer in den totenhäusern, die särge, die in einem feierlich ernsten umzug zum friedhof getragen wurden, die krankenbesuche mit dem pfarrer, die unfälle, als der bauer sich die finger an der säge abschnitt und der schmied an der starkstromkreissäge elektrokutiert wurde, mitten auf der strasse ebenfalls, und die tante in den brunnen stürzte und die mutter der freundin, die mir auf dem schulhof das gesicht zerkratzte, in der viehtränke ertrank.

Die kindliche welt war voller gewalttätiger rätsel und die feierlichen gesten und rituale drum herum und das „kinder haut ab“, das machte alles noch rätselhafter.

während am bikiniatoll die atombomben explodierten und die radioaktiven wolken der überirdischen versuche um die welt zogen, aber das wussten wir nicht, es stand auch nicht alles in der zeitung, die trugen wir nur aus, wir lasen sie nicht, wir stocherten an den erdlöchern der wespen, bis sie erbost ausschwärmten und den letzten stechen sie und experimentierten mit den leichten stromschlägen des viehpferchenzauns. Der tod jedenfalls war uns nicht verborgen.

3

natürlich ist die folterkammer ein grausamer witz und unser lehrer war grausam und lustig und witzig, aber danach kam die inquisition und die hexenverfolgung, die geschichte der grausamkeit hat viele kapitel. Ich wurde älter, da ich nicht stark war, wurde ich schnell und gewann die wettrennen auf dem schulhof. Ich beschloss clever zu sein, die sprache ist auch eine waffe, wie man weiss, es gibt wörter, die töten, und andere gehen dem voran, man muss nicht denken, die grausamkeiten von heute würden in den gleichen wörtern an die leute gebracht wie gestern.

Manchmal denke ich, die gewaltorgien in unsern laufenden bildern sind unser symptom. Manchmal erschrecke ich vor uns.  Manchmal bringt der schrecken mich dazu, eine ungerechte ordnung besser zu finden als gar keine. Manchmal denke ich die ordnung, die herrscht, hat eine grausamkeit in sich, die als normalität verkauft wird.

Hier ist gar nichts normal.

4

die therapie für phobien hatte ich bei goethe gefunden, man flüchtet nicht, man setzt sich dem aus, was sie auslöst. wenn eine musikkapelle vorbeizog, stellte sich der dichter in die erste reihe, er hatte einen horror davor, er stieg auf das Strasburger Münster, stellte sich auf den unvollendeten turm und starrte hinunter, bis die angst sich löste.

deshalb kam ich eines tages alleine nach befort, an meinen geheimen gruselort, meine lieblingsburg, mein traum von einem mittelalter und tapferen taten, darunter fällt nicht die erpressung von geständnissen durch folter, dass kürzlich  überhaupt angefangen wurde, über folter zu diskutieren ist ein übles symptom, darüber redet man nicht, das darf es einfach nicht geben! ist folter legitim, das ist eine perverse nichtfrage, als stände das überhaupt zur debatte und käme doch irgendwie in frage.

ich machte den üblichen rundgang, schaute in der dunklen kammer vorbei, gedachte der verliese und stieg auf den höchsten turm, meine knie schlotterten. Der abgrund zog mich, ich sah mich fallen, aufprallen und wieder hochschnellen, es hörte gar nicht mehr auf, ich zwang mich stehen zu bleiben, bis die die innere bewegung und vision langsamer wurde, verebbte, ganz aufhörte, mit weichen knien stieg ich wieder hinunter.

als marie starb, stand ich an einer brücke der stadt und der abgrund redete mit mir, eine süsse versuchung, es gibt keinen grund nicht zu springen, sagte ich mir, was mich zurück hielt, ich wollte marie begleiten bis ans ende, hätte ich sie allein gelassen, hätte ich mich verflucht, ich hätte mich auf die folter gespannt und zu tode gerädert.

So blieb ich am leben, aber ich weiss nun, der abgrund zieht an.

5

weshalb ich ja gesagt habe, in befort etwas vorzulesen, man muss wissen, ich bin gar kein schriftsteller oder sowas, ich schreibe regelmässig, aber die meisten, die noch lesen, tun das. Es ist nichts besonderes.

Was es allerhöchstens zu dem macht, dem besonderen, das ist das aussterben, sobald man anfängt zu klagen, sobald der halbtote noch künstlich durch massnahmen gestützt werden muss, sobald die warnschreie erschallen, ist die sache verloren; eine sprache lebt oder sie stirbt, langsam oder schnell, entweder es wird gelesen oder es werden nur noch bilder gekuckt, am besten welche, die das laufen gelernt haben, bilder lügen noch mehr als die wörter, sie lügen perfider, sie täuschen etwas vor, sie zeigen auch etwas anderes, sie sind keineswegs eindeutig und sie zeigen immer auf uns, gestern abend habe ich einen film auf netflix angeklickt, und nach einer weile sah ich nach, ob das blut nicht schon an den kanten des laptops hervorquoll, zwanzig tote in zehn sekunden, die einschlaglöcher der kugeln, das deformierte gesicht beim aufprall, der blutschwall, mein gott, dachte ich, die beforter folterkammer war dagegen, ja was, ein dilettantischer anfang? ich sah zu, ich dachte nicht einmal mehr, das sind wir, so sind wir also, unser alltag ist unscheinbar, banal, das übliche, keine besondere aufregung, keine abenteuer, und abends dann das und damit werden wir erwachsen? Was sind wir für welche?

Ich suche dann immer in mir nach den spuren, gottseidank gibt es noch die hand, die streichelt, das lächeln, die schöne geste, das andere bild, das spiel und die erfindung.

dass befort etwas mit gewalt zu tun hat, dafür kann befort nichts, aber allein meine kindliche fantasie, befort, die dunkle kammer, wurde ein zeichen, ein hinweis, fast eine erleuchtung, aber nicht so, wie man sich erleuchtung gemeinhin vorstellt. Ich habe damals erfahren, dass jede neue belichtung etwas wegnimmt, eine illusion platzt lautlos, ich hatte etwas erfahren über die realität, in der ich gelandet war.

vor kurzem erst haben sich die bedeutungen verschoben, aber auch erst kürzlich, fast wär ich nicht hergekommen, um sie zu hören. Um es kurz zu machen Patti Smith hat hier gesungen, wenn welche wie sie nicht singen, nicht schreiben würden, dann weiss ich nicht, ob ich das leben noch lebenswert fände, aber die frage stellt sich nicht, sie hat hier gesungen  und dann klang alles mit, Radio Ethiopia und Horses vor allem und ich spürte noch einmal, nur mit rock musik überhaupt und literatur, alle zetteligen träume, bin ich noch am leben, wie heute abend mit goldrand.

6

weggehen unter bäume und dort sitzen. und in der stille das folgende: Ich kenne keine andere art, des dunkels herr zu werden, als die freundliche hinwendung zum andern, als das staunen, dich gibt es also und ich freue mich ungeteilt, dass du genauso bist wie du bist, ein staunen, eine seltsame verwunderung, dass es das gibt und alle gesten, alle gefühle darum herum und die nächte durch, dieses unendliche staunen, dass der andere so ganz anders ist und so nah.

und dass es auch aufhört, dass es ein weggehen gibt, das nennt sich tod und nun noch mehr dieses abgrundtiefe staunen, wenigstens so tief wie das dunkelste, dass es das gab, dass es einmal möglich war und das es umstürzender war als alles andere. es gibt etwas im herzen von allem, das nennt sich liebe, ich entziffere es, es ist ein wort und doch keins, es ist eine unendliche möglichkeit. Aber sie tut auch weh, aber es ist ein anderer schmerz, und meiner heisst marie.

Ein Gedanke zu “meiner heisst marie – Beforter texte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s