der mann, der nie lacht

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andererseits sage ich mir, wem soll ich es sonst sagen, ich bin doch allein unterwegs und rede die ganze zeit mit ihr und irgendwann war es mir zuviel, die sonne, die flanierende städtische bevölkerung, als seien auf einmal alle zusammen hinaus gestürzt und gingen nun  in trauben, zu zweit und einige wenige allein in die gleiche richtung und ich wollte doch in die andere und die sonne blendete und plötzlich, wie gesagt, überwältigt mich der impuls, weg von hier und möglichst schnell und am opernplatz bin ich schon fast allein und gehe eilig meinem hotelzimmer entgegen und atme auf und denke: entkommen.

dazu muss ich sagen, in der stadt war der beginn der fastnacht und verkleidete musiktrupps mit riesentuben und schlagzeug auf rädern und das wummern und die blechexplosionen, darauf war ich nicht gefasst.

abends in der einbrechenden dunkelheit ging es weiter, aber da hatten die massen sich schon verlaufen und die musik heiterte mich eher auf, die paar besoffenen störten nicht, aber lachen konnte ich noch immer nicht, ich bin eher der mann, der nicht lacht, ehrlich danach ist mir nicht zumute und manchmal erschrecke ich vor dem ernst in meinem spiegelgesicht.

es war keine so gute idee nach dem aufenthalt in der berghütte ohne elektrizität, aber mit ofenfeuer und kaltem wasser draussen zur morgenwäsche, da bist du wach mit einem schlag und der café braucht seine zeit, bevor er getrunken werden kann und überhaupt ist alles klar, einfach und übersichtlich, sogar die leise freude und die leise trauer und alles aufeinmal. das sitzen vor dem holzfeuer draussen zum beispiel bis in die dunkelheit und wegen der fehlenden lichtverseuchung verwirrende sternhaufen über den berggraten und durch die schon entlaubten äste hindurch und das gluckern des wassers und sonst kein laut, vielleicht noch ein rascheln und das knacken der brennenden scheite.

wir fällten einen abgestorbenen baum und hatten bedenken, er springt uns weg, übrigens mit der „drummsee“ und kein sägegeratter in der waldstille am steilen hang und danach zogen wir einen abgebrochenen ast  hinunter, ich schnitt die haselsträucher, die sonst die matte überwuchern würden, schlug eisenpfähle neben dem pfad zur hütte ein, sägte ein wenig und hackte ein paar scheite und sonst: wir schwiegen, wir redeten und schwiegen wieder und bei kerzenschein dann das lesen und in der nähe des ofens ist es fast zu warm und später noch vor dem einschlafen das rascheln von mäusen und siebenschläfern und das gluckern des wassers, das dich in den schlaf wiegt und träume von einer friedlichen welt und tröstungen.

hier sagt niemand, du bist zu ernst. hier hört ein kampf auf, der mich in den letzten jahren manchmal fast zerrissen hat, die anstrengung lese ich vor dem spiegel in einem faltigen gesicht und traurigen augen. Marie sagte mir öfter, warum beendest du den krieg gegen dich selber nicht einfach, da kannte ich noch nicht das wort kapitulation, ich verwechselte es immer mit resignation, ein noch besserer mensch wollte ich immer schon werden. selbst Maries spott machte mich nicht einsichtig und sie war eine meisterin der entwaffnenden bemerkungen. jetzt merkte ich, den gefallen bin ich ihr noch posthum schuldig, aber ich weiss gar nicht mehr wie befreiendes lachen geht, mein heimliches vorbild ist Buster Keaton, der mann, der nie lachte.

erst beim abschied sagte michael plötzlich, jetzt lachst du und ich war fast erschrocken, denn es ging ganz von alleine. ich hatte gar nichts gemacht und ich muss so komisch ausgesehen haben, denn er lachte nun auch und dann stieg ich ins taxi und war eine stunde zu früh am flughafen. ich setzte mich an eine geschützte stelle und begann in der „heimkehr“ zu lesen und liess mich belehren, heimkehr, das geht gar nicht, man kommt immer als ein anderer zurück, es sei denn, man ist ein klotz und am meisten hat mich der freundliche blick einer frau gefreut, da musste ich auch lächeln und das war so ungewohnt, diese betätigung inaktiver muskeln um den mund und deshalb habe ich gemerkt, dass ich lächelte.  ich war noch übermütig bei der landung in L. und bin mit dem gepäckcaddy die rolltreppe hinauf gerannt und habe mich gefreut wie ein kind, aber laut dazu zu lachen traue ich mich noch nicht ganz, denn bei mir liegt lachen gleich neben dem weinen, einem richtigen plötzlichen losheulen und indiander heulen doch nicht, aber sie lachen doch auch oder?

in solchen momenten sehe ich das amüsierte lächeln von marie und ich sage mir dann, besser spät als nie.

einerseits, das gehört ja wohl zum andererseits und ich habe es quasi selbstverständlich vorausgesetzt, liebe ich städte nachts und allein unterwegs, zum beispiel den zürliberg hoch, die treppen und rampen und querstrassen und es geht wirklich stramm bergan und unterwegs nur einige leute, die ihren hund ausführen und einige spätheimkehrer und an einer stelle ein älterer mann, der sitzt auf einer decke und hat vor sich einen plastikbecher und ich lege ihm etwas hinein. der zürliberg ist ein konditionstest und oben bei der ankunft bin ich nicht ausser atem, sondern richtig lebendig und im dunkeln habe ich kein problem mit einem grinsen von einem ohr zum andern.

jetzt nehme ich mir vor, das auch bei tageslicht zu versuchen und oben drüber ein lächeln, ich weiss, es ist das von marie, aber ohne ihr gesicht, nur das lächeln hängt noch in der luft.

als ich ankomme, ist alles verändert, die enkelinnen schreien opa opa und bei dem darauf folgenden ansturm lache ich nur noch.

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