trauernder witwer, die tragikomische oper

 

 

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der satz meiner enkelin am grab, wir haben winterblumen gebracht, geht mir nicht aus dem sinn, sie war kurz davor, in tränen auszubrechen, da sagte sie plötzlich: „können wir die oma nicht einfach vergessen, dann sind wir nicht mehr traurig.“ das kam so überraschend, ich habe lachen müssen, das war ein satz, er hätte marie gefallen (wie die masstäbe sich doch ändern).

ich weiss natürlich nicht, was für ein bild ihrer oma die enkelin hat, aber so wie ich marie kannte, wird es wohl ein starkes sein.

wenn ich mich frage, was ist nach einem jahr, so lautet die antwort, dazwischen ist gar keine zeit, kein erleben von einem jahr und ich habe dies gemacht und jenes und daran dekliniere ich das jahr, kein zeiterleben demnach, ein bleibendes gefühl, das wirkt im hintergrund und vergessen habe ich gewiss einiges und anderes tritt plötzlich hervor, je nach lichteinfall und stille, erinnern ist eine fähigkeit meines körpers wie vergessen und trauern.

was marie betrifft und die zeit seit ihrem tod, so ist das keine zeit, nur ein moment, er hat gar nicht aufgehört, ich könnte auch sagen, ein raum, aber auch keiner.

die leute wollen immer weiter, es müsse weitergehn, so lese ich, ich frage dann, wohin geht die reise und was geht mich das an, nur weg von. weg wovon und wie soll ich das wollen?

es ist jenseits davon.

seit sie tot ist, bin ich immer wieder in diesem raum, diesem ereignis könnte ich auch sagen, wenn das nicht so missverständlich wäre, weil darin wieder zeit steckt, dann und wann und wie lange. keine dauer, ein aufhören, ein anfang, kein stillestehn, eine ausdehnung der stille, des horchens. wie es sich ausdehnt. und wohin. der raum heisst: der fünfzehnte im dezember 2017.

da ich mich manchmal kneife (mein realitätssinn), ist dort nichts stehen geblieben (realiter habe ich tatsächlich einiges getan wie heute morgen schnee geräumt und gestern blätter gefegt und lange dem regen zugehört und die sonne in städten auf der haut gespürt und  im meer bin ich geschwommen und begegnet bin  ich diesen und jenen) und ich also auch nicht.

ins alleinsein habe ich mich begeben und in die vereinsamung (die angst gefühlt und die verlassenheit und die abgründige schwäche), das allein schon ist eine reise sui generis.

dort, das meine ich, ist keiner hängen geblieben und keiner spielt trauernder witwer, die tragikomische oper, dort war ein beginn, dort hat etwas angefangen, dort ist etwas aus der zeit gefallen, malgré moi, dort dehnt etwas sich aus und ich tue gar nichts dazu, ich halte bloss ein, kein weg von, nichts anderem zu (was das wäre ist mir unerfindlich), es hat sich ergeben, es ergibt sich und es hält an. es ist keine trauer, kein schmerz (obwohl es das gibt), es ist jenseits auch davon.

es ist eine freude (keine sehr bekannte).

zum beispiel war sie gestern am grabe, sie kam wie von aussen heran, in diesem geschichteten licht unter hohen bäumen im wind, winterkahl, in der kälte von unten her, auch seitlich. vergessen ist gar nicht nötig.

denn, das war kein tod, der einmal aufhört, und es ist kein erschrecken, keine angst. niemand ist an einem sarg sitzen geblieben, keiner hält totenwache zur verkehrten zeit, es gibt einen nicht-raum, einen nicht-ort, dort bin ich jederzeit, kein wimpernschlag.

manchmal sage ich mir, auch dies ist eine erinnerung.

vielleicht ist es ein fingerzeig.

ein denk daran.

ein ordnungsruf.

der eine ton.

und du erwachst.

andererseits, ich mache keine hehl daraus, dass ich mich langweile ohne marie, richtig, ordentlich langweile, im alltag, jederzeit, sogar beim café trinken, sogar beim treppengehen, ich hole etwas nur für mich selber, welche langeweile. und die welt ohne unsern kommentar, deinen vor allem, marie, deinen mund dabei, deine augen, ich kann es nicht fassen.

marie hätte gesagt, du gibst doch wohl das wort „idiot“ nicht in die suchmaschine ein.

 

 

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3 Gedanken zu “trauernder witwer, die tragikomische oper

  1. Die wahre Liebe vergessen ist tragisch. Der Mensch liebt, lebt und lacht zusammen, er weint und trauert gemeinsam. All diese Erinnerungen wollen bewahrt werden.
    Einen Menschen zu vergessen wäre schade, denn dann verliert sich vieles, das er oder sie einem gab. Selbst im Tode weilen sie noch (zumindest im Herzen) bei denjenigen, von denen sie geliebt wurden.

    Einst nahmen sich die Menschen Zeit für die Trauer, nahmen Abschied und hielten doch die Erinnerungen im Herzen. Jemanden zu verlieren ist schmerzlich, doch die Erinnerung zu behalten ist wichtig.

    Gefällt 1 Person

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