Kühl schaut sie mich an

 

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Ich schaue dem Regen zu, denke über meine seltsamen Träume nach, der Café schmeckt anders, erdiger, kräftiger und langsamer, ich brauche mehr Zeit, um die Geschmacksnuancen auseinander zu halten.

Was tut der Regen mit mir, beruhigt er die aufgewühlte Oberfläche der Seele, heilt er Wunden, beim Schreiben besänftigt er jedenfalls (ich sehe noch immer das Foto der marschierenden uniformen Kolonnen dunkel gekleideter junger Männer auf einer Pekinger Strasse und frage mich, was geht in denen vor, was setzt sie in Bewegung). Mir fällt „Otherland“ ein, das Riesenopus von Tad Williams und dessen verschachtelte Welten, davon einige schauerlich.

Gestern Abend meine Lektüre über unser Verhältnis zu Tieren, unser Unverhältnis vielmehr, unsere Ambivalenz, unser Versagen, das rätselhaft Andere und doch Verwandte. Während dem Lesen spürte ich meine Beunruhigung. Das klang nach, in meinen Träumen Tierbegegnungen.

Wenn es stärker regnet, schwankt das Haus gegenüber, verschwimmt es, die Ränder bewegen sich, als beginne es wegzufliessen. Regen inzwischen wie Nadelstiche auf dem Fenster, sehr fein, sehr hell der Ton. Dazwischen ein grobes Baugeräusch. Ein weisser Fleck segelt schnell in dem Grau nach Osten.

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Soeben ist Siri Hustvedts Essay Band eingetroffen: „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“. Ich habe zu wenig Ahnung von Naturwissenschaften, um mir keine Zurückhaltung aufzuerlegen. Siri Hustvedt finde ich deswegen so umwerfend interessant, weil sie eine echte, sehr gut informierte Brückenbauerin ist (Kunst, Philosophie und Naturwissenschaft, sie ist in dem UND zuhause), auch wenn ich ihr nicht in allem fromm folgen kann. Sie argumentiert sehr kühl, so empfinde ich ihre Prosa.

(Ins kühlere Element, bei heftigen seelischen Turbulenzen (wenn sie einen nicht lahm legen) eine Medizin / eine durchgängige Erfahrung: das Leben als Turbulenz / die Tage nach der Intensität der Erschütterungen unterscheiden / geringfügige Ausschläge: fast schon das grosse Glück, jedenfalls Balsam auf Wunden: apaisement, die Kühle).

Wenn Marie mich kühl anschaute, wenn sie einen Augenblick auf Distanz ging (der Blick und der Ausdruck in einem ganz andern Gesicht), wurde ich auf mich selber zurück geworfen (was im ersten Moment sehr unangenehm ist, aber es ernüchtert), fast sofort kriegte ich mich wieder ein, nach ein paar Sekunden des Beleidigtseins, es blieb mir gar nichts anderes übrig.

Nun folge ich gerne der Spur dieses kühleren Wesens, wenn es mir begegnet (nicht zufällig meist bei Frauen).

Inzwischen der Regen: streichelt fast das Fenster, rieselt sanft, rieselt körniger dann, hüllt alles ein und unbekümmert nebenan das Metall auf Stein des Baggers im Bauschutt an der Kreuzung, ein Wohnhaus abgeräumt und dem fehlte gar nichts, aber der Gewinn, das Geschäft, es klingt nach dem metallischen Scharren und weg damit, hopp und ex. (Die Unbedenklichkeit verwundert mich dann doch immer von neuem, was ich als Zeichen deute, dass ich noch nicht ganz kaputt bin.)

Natürlich sehne ich mich nach einer Wärme, von der ich manchmal meine, sie ist mit Marie weggegangen. Nach kräftigem Besinnen erst wird der Verdacht haltlos.

Aber heute nagt der Bagger am Gemüt, Schutt kracht auf die Ladefläche des Lasters, schweres Motorengedröhn, Hupen, Ungeduld, die Strassenecke sieht verwaist aus, enthüllt Hinterhöfe, glänzende Abluftröhren, winterliche Gärten, roh aufgeworfene Erde. Spekulation sieht so aus, hört sich genauso an, denke ich, die Spezies hat einen ausgeprägten Sinn für Hässlichkeiten, Ratzfatzgesten und wir fackeln nicht lang.

Ich übe mich in einem mittleren Gemütszustand, weder zuviel noch zu wenig. Die Rabenkrähe hat ihren Schornstein aufgesucht, wippt elegant lässig, verwandelt sich im regentrüben Fenster, bläht sich auf und schrumpft wieder, bald rund und länglich, bald  spitz und verdreht, dann ist sie weg, mit energischem Flügelschlag, und krächzt zwei – dreimal / kraax, kroaax.

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