Abschied von R.

 

 

DSC00731Nach R. würde er nicht zurück kehren. Das stand fest. Er hatte ein paar Mal gesagt, noch nicht, vielleicht später einmal, wenn er gefragt wurde, ob er nicht nach R. fahre.

Nun stand der Satz am Morgen beim Aufwachen da und war nicht weg zu wischen.

„Nach R. werde ich nicht mehr zurück kehren.“

Gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie sehr er den Ort und vor allem das Meer geliebt hatte.

Nach ihrem Tod war er noch zweimal für ein paar Tage in R. gewesen. Zweimal in Begleitung, es war nicht mehr das Gleiche gewesen. Das alte Gefühl zuhause zu sein war weg. Er fühlte sich nicht nur fremd, er wusste gar nicht, was er diesem Ort abgewonnen hatte. Im Winter war alles erschreckend hässlich, am Meer störte der unaufhörliche Autoverkehr, die Promenade hatte man mit Bausünden vollgestellt, die Restaurants waren drittklassig, beim Flanieren fiel man über Rentner und Pensionäre. Schön war allein das Hinterland, das nach wenigen Kilometern begann, der Trubel war auf einen schmalen Streifen begrenzt, über dem ein Abgasschleier lag. Helikopter flogen hin und her und beförderten die Ultrareichen von einem Hotspot zum nächsten. Im Sommer hielt man sich am besten fern, dann gab es die Invasion der neuen übervorsorglichen, etwas hysterischen Eltern mit ihren überbehüteten Kleinkindern, deren Geplansche am seichten Ufer argwöhnisch beobachtet wurde, bei dem geringsten Quietscher griffen die von Panik gepackten Eltern  ein. An einem der Lieblingsstrände dieser unbegreiflichen neuen Erzieher hatte er es gewagt, mit seiner Enkelin in ihrem kleinen Schlauchboot weit hinaus zu schwimmen, was ihm argwöhnische und wütende Blicke und deutliche Missbilligung  eingetragen hatte. Das war also die Zukunft, dass sie auch so aussah, wusste man nun, aber weitere Besichtigung war unnötig.

 

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Das war natürlich nicht der Grund, warum R. ihm verleidet war. Nach zweiunddreissig Jahren war Schluss. Irgendwann war immer Schluss. So funktionierte das eben.  Mit R. war er fertig.

Die Wahrheit über R. liess sich in einem Satz zusammen fassen: Dort hatte er gemerkt, dass Marie nicht mehr gesund werden würde. In R. hatte er sich nichts mehr vormachen können, Marie würde sterben. Im Oktober waren sie noch im Auto hingefahren, es war etwas beschwerlich für sie gewesen, aber es hatte geklappt und er hatte sich von dem Aufenthalt erhofft, dass sie sich erholen würde, dass es ihr besser ging.

R., das war nun das letzte Mal mit ihr am Strand, fürs Schwimmen hatte die Kraft nicht mehr gereicht. Sie hatte ihm dabei zugesehen.

Sie hatte auf der Terrasse in der Sonne gelegen, er hatte sie mit allem versorgt, sie hatte gelesen und gedöst und geschlafen und sie lächelte oft. Aber zusehends wurde sie schwächer und dünner, sie ass immer weniger, wurde durchsichtiger mit jedem Tag und er wusste nun, sie würde sterben, und auf der Rückreise schaffte sie es nicht mehr ohne Rollstuhl.

In R. hatte er gesehen, dass er Marie verlieren würde und er konnte gar nichts machen, ausser ihr noch jeden möglichen Dienst zu erweisen und ihr seine Verzweiflung am besten gar nicht zu zeigen, was er dann mit mässigem Erfolg schaffte.  Als er im November einmal die Fassung verlor und heftig zu schluchzen begann, sagte sie trocken, das hast du nun einmal gehabt, aber lass es in Zukunft sein.

Es gab Sachen, die vergass man nicht.

Er hatte den Ort trotz aller Hässlichkeit geliebt, aber nun war sie tot und R. ohne sie, das ging gar nicht, das war unmöglich, R. ohne sie, das war leer und hässlich, öde und fremd, ohne sie war R. kein Zuhause mehr.

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