streuseljahre

jetzt weiss ich, warum erinnerungen aufschreiben, systematisch natürlich, eine geschichte zusammen klamüsern und schustern, nicht in frage kommt, gar nicht, in keinem fall.

die alten schauplätze hat man ja nicht verlassen ohne grund und nun zieht es einen auch nicht wieder dahin zurück. die sache, die man dort abholte, war rundum beendet und abgeschlossen und es gab keinen grund zu verweilen, sondern tausend gründe weiter zu gehn.

wenn traumatisches mit einem ort verbunden ist, dann geht man noch einmal dorthin und schaut sich es an, wenn man kann, vielleicht mit beistand und hilfe. das gilt für äussere wie innere orte.

man stellt fest, der ort, den man meint, ist gar nicht der ort, den man sieht, aber das meinen legt sich über das sehen wie ein schleier und macht alles grau, uninteressant eigentlich, was mache ich hier, die frage ist sofort da und trotzdem ist auch etwas bedrückendes da, wie es rumpelkammern haben, länger nicht aufgesuchte zimmer im haus, burgverliesse, häuserruinen oder auch so:  der ort sagt einem, wenn man genau hinspürt, was suchst du noch hier, es ist nicht mehr dein ort, mach, dass du wegkommst.

ich rede gerade von sieben internatsjahren in einem nicht so bedeutenden ort, aber das nächstliegende gymnasium war dort und der ort ein gerichtsort, ein ort der advokaten und militärs, ein lehrerort und ein paar geschäfte, ein paar lokale, einige davon tabu für schüler, weil stammkneipe der notabeln und derer, die sich dafür hielten, und ein mädchenpensionat.

das äussere, entdecke ich nun, der ort also mit allem drum und dran, fluss, strässchen und plätzen, hat mich damals nicht sonderlich fasziniert, ich kann nicht sagen, ich hätte ihn in mein herz geschlossen, es war mehr eine innere lern- und entdeckungswelt mit kulisse, die kulisse liess mich relativ kalt. die entdeckungen faszinierten mich, der ort war eng.

trotzdem frage ich mich, woher kommt der grauschleier über allem, die leichte beklemmung wie die ahnung einer heran ziehenden dunklen wolke  und mir wird bewusst, ich spüre  das damals in mir ganz ungeklärte, gärende, halbbewusste, unbewusste und ich mochte mein pickelgesicht nicht und meine verborgenen wünsche, kurzum alles, womit ich nicht fertig wurde und schon bevor ich herkam, hatte ich meine strategie entwickelt, wer ich stattdessen sein wollte, eine halbwegs zureichende persona, die ich nun herum bewegte. ich las über Colettes Lieblingsschlafmittel und Maupassants Dienstmädchen, das glaubt, kinder werden durch den nabel gemacht und später Camus, Sartre und Malraux, jemand schenkte mir Rilke gedichte und ich stolperte über Die Verwirrungen des Zöglings Törless. ich sehe nicht den ort, ich sehe meine freuden und leiden. ich sehe alles unangenehme und alle noch nicht in worte fassbaren widersprüche und eigenarten, das, was mich voran trieb und das, was mich zurück hielt.

ein paar kilometer weiter sind die café terrassen sonnig und heiter, hier sind sie ein wenig düster, ein wenig beklemmend die stimmung, an einem nebentisch sitzen alte frauen mit jüngerem begleiter, sie reden über café und kuchen und dinge im altenheim, manchmal lachen sie, dann brechen sie auf.

das flanieren in der fussgängerzone ist leicht ungemütlich, obwohl nichts unangenehmes passiert. die leute sind freundlich.

auf der weiterfahrt, als der ort an einer kurve aus dem blick verschwindet, bin ich erleichtert.

mit dem jungen mann von damals habe ich in der nacht ein längeres gespräch, ich höre ihn sagen, und wo bleibe ich in all dem, worin ihr euch eingerichtet habt und ich erinnere mich lebhaft an meine aufsässigkeit. ich spüre die anstrengungen von damals, die auseinandersetzungen, die verunsicherung, die freude an der entdeckung, die erlebnisse des lesens, die erleichterung, als ich weiter ziehen konnte. das vor allem.

es war für eine weile ein sehr gemischtes zuhause und wie der ort wirklich ist, ich meine ohne meine erlebnisse in ihm, davon weiss ich nichts. sobald ich mich ihm nähere, bin ich wieder in der ehemaligen atmosphäre, leicht verdreht, ein wenig gequält, verdüstert, ein wenig freudig, neugierig, deshalb fahre ich gelegentlich durch, aber ohne Marie, die im mädchenpensionat strafversetzt war für einige jahre, wäre ich nie zurück gekehrt, es war mir innerlich zu aufwändig.

anmerkung: statt streuseljahre könnte ich auch sagen: clearasil-jahre. nom de guerre: streusel

 

 

2 Gedanken zu “streuseljahre

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