abreise

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ich ziehe um, aus einem haus, das ich mit Marie 26 jahre bewohnte, einem haus für eine grössere sippschaft, in eine kleine wohnung in einem nahen viertel (hier ist alles noch nah), denn nun wird es zeit  jüngeren das feld zu überlassen.

natürlich ist eine kleine wohnung kein haus und die senkrechte wird mir gewiss fehlen, das endlose treppenhaus vor allem, diese wunderbare vorrichtung zur gewinnung von höhe und der regen auf dem dach nachts, wenn ich aufwache und nicht mehr einschlafen will.

aber das haus gehört zu einem vergangenen leben, festhalten ist nicht so meine art, ich habe lange genug gezögert, soll ich oder soll ich noch nicht und irgendwann läuft es dann von alleine, irgendwann wendet man dem alten den rücken zu und geht weiter, ich bin kein mensch der nostalgie, obwohl ich feststellen muss, nostalgische anfälle sind ein zeichen des älterwerdens. zum trost: ich nehme das ergebnis mit, die bilanz, die frucht, die essenz, soweit ich sie aufnehmen kann.

vor den bücherregalen gerate ich  ins zweifeln, was will ich mitnehmen, es wird eine strenge auswahl sein, das wirklich nötige, die sachen also, in denen ich nochmal lesen will und da an einigem mein verständnis abprallt wie an einer wand, packe ich das vorzüglich ein. das also, was mich immer noch fordert.

ich sehe mich um in  den angesammelten  möbeln, bildern, dekorativen stücken, einige staubfänger darunter und sage mir: reduktion, es wird kleiner, übersichtlicher, weniger dinge, über die ich stolpere, lassen, gelassen, was brauche ich wirklich.

ich lasse mir demnach zeit, würdige mit meinem blick und sage, du gehst mit und du bleibst hier. und bei meiner auswahl bekomme ich allmählich den eindruck, Marie steht neben mir, wortlos und nickt.

mit ihr also im rücken. und nun wird es zeit.

das wort manifestiert sich von alleine: dünnhäutig, etwas verloren, innen drinn schwimmt es und rutscht, ich trete vorsichtiger auf, schone mich, keinen übergang kann man forcieren ohne kollateralschaden wie: sich abhanden kommen in einem umzug und dann sitzt man in dem neuen und weiss nicht mehr, wie einem geschah und was nun wird, das weiss man sowieso nie. und die freude daran? eine kleine verhaltene, die heimlich wächst. verstohlen, meine freude an dem neuen, aufbruch, spannung, kann man die eigene verwirrung geniessen?

ich gehe sehr behutsam mit dem wort neuanfang um. überhaupt behutsamer; fast zärtlich streiche ich mit der hand über die dinge, die mich (und sie) lange begleiteten. und einiges bleibt zurück, schon jetzt wirkt meine umgebung blasser, durchsichtiger.

WIR BEWEGEN UNS DURCh DIE ZEIT, OHNE ZEIT WÂREN WIR GAR NICHT, wir sind zeit, WIR SIND NOCH NICHT ANGEKOMMEN, WIR HäNGEN ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT UND ZAPPELN IN DIESEM DAZWISCHEn, MANCHMAL WIE FISCHE AUF DEM TROCKENEN.

WIR SIND EIN ATEMZUG, EIN AUGENAUFSCHLAG, EINE LEICHTE GESTE SO FRAGIL UND VORüBERGEHEND. ICH FEIERE DIE VERGäNGLICHKEIT, WENN ICH UMPACKE UND AUSPACKE UND NUN IRGENDWO ANDERS LEBE, MICH BEWEGE IN ANDEREN WäLDERN UND Strassen und LANGSAM, GANZ LANGSAM AUCH ANDERE WôRTER GEBRAUCHE, UM MEINE VORLÄUFIGKEIT ZU BEZEICHNEN, MEINE UNFERTIGKEIT, MEINE SKIZZE.

ich sehe darin keine last, ein wenig zur seite zu rücken, platz zu machen, damit die dinge endlich eine sprache bekommen und halt schreien, denn das tun sie schon lange, nur wir haben es überhört.

wir haben uns eingerichtet in einer denkweise wie in einem sicheren haus, aber wissen wir auch, ob nicht der nächste sturm es hinweg fegt. wir haben angst vor dem umzug, dem auszug und der neubesinnung, dem aufbruch in permanenz.

bleib um himmelswillen nur nicht stehn, hör ich eine stimme neben mir sagen und schau dich nicht zu oft um. man erstarrt gerne in der erinnerung an das, was nicht mehr ist, und bebt zu sehr vor dem, was kommt. 

die kisten und koffer sind gepackt, das gefährt steht bereit.

winken, abreise.

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3 Gedanken zu “abreise

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