„ma soeur, mon épouse“

 

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;//_contemporary 28/11>15/12/19  134, rue adolphe fischer LU

vermissen, to miss someone sadly, im französischen finde ich nicht sofort ein entsprechend starkes verb, das mein gefühl auch nur annähernd erfasst, ressentir l’absence de quelqu’un klingt ein wenig fade, tu me manques trifft allerdings den punkt, du fehlst mir, nicht nur hier und da, manchmal oder gelegentlich, nein, du fehlst grundsätzlich und in allem und ich sinke, mein schiff voller regrets, voller ich vermisse dich, und wie gesagt, nach zwei jahren ist man (ich) über gar nichts hinweg.

man tut sachen, hält sich einigermassen fit, fängt nicht an zu trinken, man kokst nicht, man kifft nicht und haut sich trotzdem weg und zerstreut sich in alle winde.

dass man nach all den jahren noch immer nicht weiss, wer man ist, dass man zögert, wenn man den namen hört, aber trotz aller einwände der neurowissenschaft gegen selbst und ich hat man den eindruck, man ist etwas auf der spur, das heisst etwa ich oder jemand, auch wenn man nach all den jahren doch rätselt, wer ist es denn.

man schimpft sich manchmal: alter sack, vieux reptile, vieille charogne, man ist gelegentlich wütend, weil man die gesellschaft schon so lange erträgt und sich noch immer nicht wirklich gewöhnt hat, man wäre immer noch gerne anders, besser, weiser und witziger, aber eins hält man sich jedenfalls zugute, dass man ihr begegnete und wie elektrisch das leben plötzlich war, wie es funkelte, wie es schön war und intensiv, wie es schmerzte, so schön war es, so intensiv, so überhaupt nicht alltäglich, so aussergewöhnlich und unerwartet.

gewohnt, nicht gewöhnlich wurde ihre anwesenheit, sie blieb: spannend, farbig und intensiv, ein schmerz manchmal und meist eine freude, aber eine, die  in die knochen fährt, und die herausforderung, was kommt als nächstes, die freudige überraschung als eine person und dann der schmerz des weggehens ebenfalls  als eine person und der abschied und das ende sowieso.

vor einigen tagen fiel mir beim umräumen meiner kleinen bibliothek ein buch in die hand, dessen titel mich unerwartet traf. Es handelt sich um die Lou Andreas-Salomé biografie des Literaturwissenschaftlers H. F. Peters aus dem Jahre 1962, zuerst auf englisch erschienen.

die ausgabe, die vor mir liegt, trägt auf dem vorsatzpapier den vermerk Marie Z., 15.1.79in der gallimard taschenbuchausgabe ist der druck so winzig, dass ich nach wenigen zeilen mit dem lesen passen muss. 

ma soeur, mon épouse.

auf dem rückdeckel wird Lou Andreas-Salomé zitiert, sie schreibt (über ihre Beziehung zu Rilke):

„Je fus ta femme pendant des années parce que tu fus la première réalité, où l’homme et le corps sont indiscernables l’un de l’autre, fait incontestable de la vie même (…). Nous étions frère et soeur, mais comme dans ce passé lointain, avant que le mariage entre frère et soeur ne devienne sacrilège.“

Muss ich sagen, dass Lou Andreas-Salomé in der galerie der frauen, die Marie verehrte, einen besonderen platz einnahm.

Ich habe mir  das buch antiquarisch in der originalausgabe (mit grösserem druck) bestellt.

bedauern tu ich mich nicht.

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von Françoise Giroud, Fayard 2002 (aus Marie’s Bibliothek)

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