schattierungen von grau

der das entworfen hat, liebt grau, grauingrau, mit milchigen aufhellungen, schlieren von andeutungen, dass es auch weiss gibt. gab es jemals blau, winterblau und klirrende kälte? es tröpfelt und tropft seit tagen und die dunkelbraunen blätterhäufchen und sprenkel auf dem rasen vermatschen, die terrasse glänzt fahl, aber immerhin spiegelt sich das geländer vage darin.

auf dem baumwipfel rechts im bild (meines fensterausschnitts) hockt eine impertinente elster und wippt mit dem schwanz, wenn sie nicht auf einem der kamine mitten im bild herum spaziert und  äugt.

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die zeitung kommt mir heute morgen auch grau vor, ich meine, nichts fällt mir auf, ausser dem bild der jungen frau, die vor einem jahr gestorben ist.

schnee von gestern, denke ich, aber auch der schnee ist nur eine vage erinnerung an altvergangene tage, ich meine, ordentlich schnee, rollsplitt auf der fahrbahn und an hohlen Gassen abenteuerliche verwehungen. und darüber das winterblassblau und keine wolken.

ist das zuviel verlangt.

marie z. vermummt mit wollschal und im langen wintermantel, bei dem ich immer an stalingrad denken musste,  hat eine rote nase von der kälte mitten in einem makellosen winterweiss, aber das ist auch vorbei.

also studiere ich die schattierungen vom grau am himmel, wenigstens die rabenkrähen sind ordentlich schwarz und schwarzweiss die elster, die gerade aus dem bild verschwunden ist.

es fieselt, nieselt, das fenster voll winziger tupfer, verfliessend, gesprenkelt und  der café heute morgen schwappt in einer roten blümchentasse.

Palais Tokyo

Ohne Schönheit ertrüge ich das leben keinen augenblick. manchmal muss ich genauer hinschaun in all der hässlichkeit, die sich spreitzt ;;;  das noch leuchtende gefieder des toten vogels.

nichts über das seidige dunkelbraune haar maries, das geblieben war. ich wusste nicht nur vom lesen, dass schönheit weh tun kann.

die szenerie: du gehst durch die grosse alte stadt, mehrere tage lang und merkst, nicht nur im untergrund, dass du besser die leute nicht zu lange anschaust, am besten gar nicht, nicht ins gesicht, nicht in die augen jedenfalls, fluchtblicke, kampfblicke, panik und angst, das siehst du und enthälst dich / ich möchte niemand erschrecken oder reizen. nur in der nähe der kneipen, cafés und restaurants geht es, leute länger anzusehen, als nötig, aber auch nur den und die, die fragen nach deinem begehr, in hotels auch, wo man so tut, als gehörtest du nun dazu.

nach einem tag schon fühlte ich mich eingesperrt mit meinem blick, dem käfig-,  scheuklappenblick. ich kam mir outdated vor, ein hinterwäldler des blicks, ein provinzklaustrophob.

 

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Karl Ballmer

 

deshalb, wenn man mich fragt, was hast du noch in erinnerung von der stadt, der schönen hässlichen?

bauten, strassenzüge, sage ich dann, plätze, menschenmengen im marais, wunderbare ecken, museumsschiffe, das schwarze abgestufte wasserspiel davor, die invalides am frühen abend, menschenleer, das orangene licht,, der abgefetzen mann auf der bank, der kotzt sich aufs hosenbein und alle gehn vorbei, ich aber seh’s genau, hinschaun, trottel aus der provinz,  überrascht der  blick an unbekannten stellen der stadt, metrofahrten und stoisches starren  an die decke, in die ecke des gefährts, an augen und gesichtern vorbei / würd ich’s lange aushalten hier?/  und dann aufeinmal:

Palais Tokyo

der befreite blick, mitten in die modeschau, die schöne gestylte eitelkeit, bunt aufgeputztes volk, gezeichnete gesichter, augenpaare wie sternenhimmel, verkleidungen, überhaupt erst kleider, pralles leben, kameras, fotografen blitzen / seht her, hier komme ich, hier bin ich und dreh mich um mich selber / und endlich endlich darf ich schaun und mustern, blicke kreuzen mit völlig unbekannten bekannten, die gesehn, bewundert werden wollen / was bist du für ein schöner mensch und: kleider machen leute und: ich schau dich gerne an / die elegante geste, der verruchte blick, die koketterie und menschen, fraun und männer wie aus dem bilderbuch, die mär von schönheit und eleganz, hier wird sie wahr und ich wünsche mir, sieht so die zukunft aus, das raffinierte spiel in tod und leben?

der, die schauten, waren wenige, gesehen werden wollten viele.

irgendwann in diesem schönen spiel der schönen eitelkeit entstand ein raunen, sogar die, die lautlos schrien, mit allem, was sie hatten / seht her, schaut mich, nur mich allein /  sie standen plötzlich starr und still, denn da trat SIE zur eingangstür heraus, geahnt zuerst, geahnt nur haltung, geste, aufrechtes schreiten einzigartig, dann, atemloses schaun, ja, starren, meins, entstand  die  lücke in der menschen gedrängel um SIE, die sich, o wunder, nun her wandte , gross  schlank und  dunkelhäutig  singulär, und ich, atemlos, … // so eine schöne frau hast du noch nie gesehn, sah ich seither nicht mehr.

dann wandte sie sich ab und schritt davon und ich hatte noch stundenlang den blick in meinem.

werde ich noch einmal durch eine stadt so gehen können, wie ich es mit marie z. getan, wir stadtgeher, stadtgehen überhaupt mit ihr, stadt erschreiten und so verstehn, auch das gibt es nicht mehr und schmerzt wie keines sonst.

schwarze löcher

ich lese gerade das buch einer Eifeler biologin, biotopkarthologin und aussteigerin und sie bringt das schwarze loch auf den tisch, sozusagen, meinen kleinen schreibtisch am fenster mit dem ausblick auf kamine und baumwipfel im regengrau. Grosskleinstein ist ein regenloch.

nicht nur spricht sie von den ökologischen wüsten der postpostmodernen agrarwirtschaft, man kennt das und steht fassungslos vor steinen und stengeln, die unkräuter und blumen, rot und blau, denkt man sich lange schon dazu, das frühjahr stinkt nach gülle.

die biologin meditiert und berichtet von dem schwarzen loch, das regelmässig auftaucht, hartnäckig und fürchterlich, so dass sie weicht und wendet.

bei einer  gelegenheit jedoch wagt sie sich näher und geht hinein und findet:  da ist nichts, kein schrecken, einfach nichts.

ich geb es zu, ich lese nicht nur gerne  naturliebhaber und kräuterhexen, sondern auch hochprozentiges.

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jüngst bin ich an einen Steiner text geraten, in dem der die postpostmoderne ultrabeschäftigung mit sich selber als kulturelle katastrophe bezeichnet.

ich kenne leute, darunter mich, die in diesen brunnen hinab gestiegen sind und fanden, er ist unerschöpflich, immer wieder und von neuem alte und ältere scherben, knochenteile, sonderbare geräte, verrostete und vom alter zersetzt, und langsam, langsam nach müseligen abstiegen dämmert’s, dort ist nichts zuhause, da ist nichts, rein gar nichts.

es ist, als wollte man einen eisenbahnzug von innen anschieben.

es geht nicht.

aber dein blog, ich höre meinen eigenen einwand schon länger, dein blog ist also auch  …. nichts? ein  loch, in dem man vergeblich gräbt?

was hier entsteht, halt ich dagegen, kommt nicht aus mir, es wäre gar nicht da ohne Ihr Totsein, es entsteht im zwiegespräch damit, im dazwischen, natürlich weckt es alte gespenster, nur zu vertraute und noch nicht bekannte, die sich drängeln, doch im prinzip entsteht der blog als relation im hin und her, in der beziehung. ohne die welt, die voller tod und leben ist, wär nicht die rede.

weshalb ich, wenn ich den tod, ihren tod denke und empfinde,  denke und empfinde ich allen tod und alles totsein.

so weit es geht.

soweit es mich nach mitternacht ein wenig schlafen lässt.

schlag ich die morgenzeitung auf, trifft’s mich, die toten nicht der anzeigen, nein, die vielen toten, die reden und sich spreitzen und wichtig tun, als wärn sie lebende.

vor denen graut’s mich am meisten.

sie arbeiten am untergang und setzen auf gewinn.

 

 

 

 

 

 

 

 

Beuys; David Hockney at The Royal Academy — Louis Proyect: The Unrepentant Marxist

“Beuys” opens today at the Film Forum in New York. Like fellow German artist Gerhard Richter, Joseph Beuys was simultaneously one of the world’s most respected artists in the post-WWII period as well as a critic of the capitalist system. In 2003, I wrote about a documentary titled “Gerhard Richter Painting” that can be seen […]

via Beuys; David Hockney at The Royal Academy — Louis Proyect: The Unrepentant Marxist

der geist, der sich als geist verneint

Grundtragik

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König Lustick

kannst du denn nicht wenigstens ein wenig lustig sein, hab ich mir heute morgen gesagt und als assoziation dazu fiel mir jérôme, der bruder lustick von napoleon ein, weissdergeier woher sowas kommt, denn mir ist nun ganz und gar nicht nach einendraufmachen.

aber ein ganz klein wenig die mundwinkel nach oben und ein winziges blitzen in den augen, das ist doch nicht zuviel verlangt, sage ich mir.

auch hinter meiner mauer, allein? fragt einer. und ich tue so, als wüsste ich nicht, was er meint/ von welcher mauer redet der/ ich weiss es natürlich genau. als ich heute morgen einem guten bekannten auf seine netten worte antworten wollte, kam mir sofort in den sinn, dass die netten worte mich nicht erreichen, dass die frage /  kann ich etwas für dich tun / verhallt, bevor sie mich antrifft. da ich in der stadt mit dem riesengraben mittendurch wohne, fällt mir sofort tiefer graben, schroffes tal ein, und ich sitze jenseits. die andern leben, lachen, weinen, freuen sich und ich schaue zu, etwas verständnislos, als wüsste ich nicht, was sie treiben.

immerhin lächle ich manchmal, zucke aber gleich zusammen, weil mir ein bild einfällt, auf dem ich mit marie z. zu sehen bin.

trauer ist ein dichter nebel, die konturen des lebens verschwimmen. du bewegst dich in einer dumpfen grauen suppe von nicht identifizierbaren gefühlen, nur sind einige stellen grauer als andere und in der mitte ein schwarzes loch, das dich zieht und wieder loslässt, so dass du schon meinst, dich umwenden zu können, aber dann reisst es wieder an dir. es hat nichts mit dem willen zu tun; ich stelle das einfach fest.

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Karl Ballmer

immerhin ist das schon was. das feststellen; vom allerschlimmsten scheinst du dich schon losgerissen zu haben; oder genauer, es hat dich schon ein wenig losgelassen; die atempausen werden länger.

du merkst plötzlich, das ereignis marie z., ihr Totsein, entfernt sich zeitlich etwas, aber es ist mit dir in einem raum. das übliche verständnis von vergangenheit scheint nicht zu stimmen, das ereignis entfernt sich und kommt  zugleich näher.

heute morgen beim erwachen war aus dem nichts,  ein überfall, ein schreck, das letzte bild von ihr, das eingefallene verfärbte gesicht, die geschlossenen augen in dunklen höhlen, die hilflosen bewegungen der dünnen arme,  ein vögelchen, das wegfliegen will.

ich hätte ihr so gerne geholfen.

aber es ging nicht. so habe ich zugesehen bis ans ende.

ganz ernstnehmen kann ich den tod nicht mehr.

und während ich das schreibe, ziehen sich meine mundwinkel von selber nach oben.

 

 

 

 

an der bakes

das brot wurde im backofen gebacken. wie ich nun darauf komme? die langsamkeit, gemächlichkeit hat es mir angetan, nicht die maschinelle dreisekundenextase, um noch deutlicher zu sein. das ist mein stiller, uneffektiver protest gegen die postpostmoderne, in der die geschichte keineswegs endet sondern zur gewalttätigen farce aufläuft.

der backofen war schon abgerissen, als mir bewusst wurde, dass er die ganze länge der bakes einnahm, ein verborgenes backsteinernes urtier in einem langgestreckten schuppen und einem kleinen vorraum mit ofentür, feuerung und backgeräten. das dauerte. das nahm zeit (keine zeit, das geschäft, die freizeit, das telefon klingelt, bedeutendes geschieht, aber es ist trotz allem, als tanz ums goldene kalb eine art verzwicktem leerlauf, das nennt sich leben, der tod dagegen ein monster an lebendigkeit), das waren bedächtige gesten und handhabungen. ich erinnere mich, als der backofen abgerissen wurde und einem schweinekoben platz machte, häuften sich die backsteinziegel an der schuppenmauer, sie wurden beiseite gelegt, um anderswo verbaut zu werden.

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Karl Ballmer

 

„deen ass nëmmen hallef gebak, net ganz gebak, deen huet den a…op.“ ich gebe zu, es war eine zeit der festen gewohnheiten, so und nicht anders tat man die dinge, aus der reihe tanzen, eigensinn und eigene wege waren verpönt. wer sich frei rang, wusste um preis und kostbarkeit davon.

heute träumt jeder mit facebook account, ein individualist zu sein, wir leben in einem individualistischen zeitalter, angeblich,  shitstorms fegen durch die virtuellen räume und verebben, viel geschrei und wenig wolle, ichsagen bedeutet eben nicht ich sein, ein ordentliches, eines, das ganz gebacken ist.

denn das verlangt nachdenklichkeit, gemächlichkeit, unaufgeregtheit, wenn der nächste modewind über die gesellschaftliche landschaft fegt, stille, einkehr, also alles altmodische, alles denkbar altertümliche, gerade wenn man ein zeuge seiner zeit zu sein beansprucht.

warum ich das ausbreite, warum innere kultur eine backofenkultur sein soll, ordentlich gebackenes, bedächtig gehandhabtes,  aufmerksam verfolgtes, liegt an der erlaubnis, die ich mir gegeben habe, als marie z. im sterben lag. ihr sterben war ein sterben nach allen regeln der kunst, eins am andern und durchaus widerstrebend, meine zeit ist noch nicht gekommen und doch war sie es.

Damals habe ich mir geschworen, die zeit des hastigen ist vorbei, selbst wenn ich keine zeit mehr habe und der prophet aus tim und struppi in meine träumen erschiene, „das ende ist nah“, ich werde mir welche nehmen, ich werde mich nicht mehr ins bockshorn? jagen lassen. ich müsste sonst fragen, warum sie gestorben ist. das ist ihre sache, natürlich, und ich habe mich nicht einzumischen, aber was nun mit mir ist, steht auf einem andern blatt.

 

schreiben drum herum

 

im grunde ist es ja ein schreiben drum herum, es geht nicht anders; die sprache ist metaphorisch und nicht genau, gottseidank nicht genau; also annhährungen, umkreisungen, das ungefähre, denn wer kennt schon die nuancen meines erlebens.

schon als junge im internat schwebte mir vor, eines tages die genauen wörter für alles zu finden, für alles, ja,  für mein erleben der welt.

irgendwann dämmerte mir, das wird nicht gehen, die sprache lässt dich ganz nah heran und entzieht sich dann, sie spielt mit dir mehr als du mit ihr, bestenfalls wird es ein spiel, bei dem du jedes mal verlierst und doch beginnst du immer wieder.

meterweise mit zeichen angefüllte notizbücher im glasschrank, die frühen haben wir,  marie z. und ich in einer badewanne ertränkt, erinnerung macht das ich, aber zuviel ist zuviel, und ehrlich, die sachen kann ich nicht lesen, ich vermute übergrosse sentimentalität und vor allem ungenauigkeit, nein, so war es nicht, nie genauso und das schmerzt mehr als eine verpasste gelegenheit.

demnach auch jetzt: umkreise ich bloss den verlust, die leere stelle, die neu herein gebrochene stille. ich erreiche sie nicht, nicht mit wörtern.

lassen wir einfach das ich weg, dann ist es  so, dann ist alles so, wie es nun eben ist, kein ich zum beklagen da, ein uferloses erfahren und bei der frage, wo ist das subjekt des erfahrens, passe ich, vermutlich ist es die welt, meinetwegen auch das universum oder gott oder die weltseele des giordano bruno, einer aus meiner familie.

zugegeben heute morgen, als ich zur post ging, schien aufeinmal die sonne und der verlust war die strasse hinunter erträglich und ich fragte mich fast schon wieder beschwingt, wen schickt die welt mir jetzt entgegen, so dass ich gewisser weiss, was ich eigentlich ist, der wind und das schneetreiben und der mann mit der roten hose und der sonnenbrille an der ampel und die nette frau am schalter des postamts, der ich erkläre, warum ich auf diesen brief und sicher nicht auf  jenen die briefmarke mit dem fliegenpilz geklebt habe. wir waren uns, nebenbei gesagt, einig, dass es eine gute wahl ist.

nachts ist es schlimmer, wenn der wind am kamin rüttelt und über die schieferplatten schnarrt und regenböen über den dachfirst fetzen, da überfällt mich platzangst. ich brauche einige zeit, um zu denken, ich bin einverstanden mit meinem tod.

sowieso sterbe ich jeden tag ein wenig, das ist imgange seit meiner geburt und an wenigstens einem sargnagel habe ich sicher mit gewirkt. schieben wir das ich beiseite, dann wird etwas sichtbar, das in unsere hybris so gar nicht hinein passt: es gibt etwas wie schicksal und an vielem sind wir bloss mitwirkende und nicht, wie wir es gerne wären, götter schon oder wenigstens halbe, akteure der haupt- und staatsaktion.

niemand muss dem zustimmen.

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Karl Ballmer

wenn ich, wie gesagt, das ich vergesse, wenigstens für kurze zeit, wenn es gelingt, dann erfahre ich trost. beileibe keinen persönlichen. ich sage mir dann, die dinge geschehen, die trauer geschieht, der verlust, das unhörbare schluchzen um mitternacht, das scheissgefühl, ohne sie nichts zu sein, die vernichtung, das nichts, aus dem alles kommt.

neuerdings glaube ich an die creatio ex nihil.

denn anders kann ich mir gar nicht erklären, was mir soeben zustösst.

gibt es so etwas wie sinn? frage ich mich und ich höre mich sagen: vielleicht.

zum beweis schaue ich mir bilder an, picasso meinetwegen, klee, ballmer oder tatsächlich einen von den noch lebenden.