sonntagmorgenblues

schon beim aufwachen war mir klar, das ist ein tag, die decke übern kopf zu ziehen und sich tot zu stellen, allerhöchstens noch bach, sonate für flöte und cembalo, und kein blick nach draussen, die rabenkrähen schlafen noch und ein einsames auto fährt durch meinen sonntagmorgenblues.

ich meditiere die abgrundtiefe leere, das grauverhangene nebelloch, in dem ich wohne. an einem solchen tag warte ich vergebens auf marie z., die kaum erwacht noch mit geschlossenen augen sich umdreht auf die andere seite und sagt, mit einer traum stimme noch, die ihren wunsch in meinen willen verwandelt / machst du uns einen café, das ist lieb von dir / und ich wär schon dabei zu hantieren mit dem gerät, zu schrauben, wasser einzufüllen und dann, der erste duft des braunen gebräus, der erste schluck und ihre stimme dabei / bringst du mir eine tasse ans bett / und diesmal ist ihr wunsch befehl.

selbst café trinken wird so zur intimen commemoration, allerdings eine, die  fragt und nicht zu fragen aufhört, wenn heute die freiheit bedroht ist, dann ganz gewiss nicht in der vergangenen art und weise, weshalb das freie denken, denken überhaupt, das keine einzäunung respektiert, und der freie ausblick allein rettend sind.

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foto: marie z.

 

das bloss private war nie wirklich marie z.s ding, das private lief immer ohne übergang ins öffentliche hinein, wir kamen vom hundersten ins tausendste und sparten die ohnmacht nicht aus, die einen überkommt, wenn man am sonntagmorgen zu früh in die gazetten schaut / die eliten scharen sich in davos um wen?  / sind das eliten?  / ich meine, das wort ist hier fehl am platz /  der König ist nackt, das ists und alle tun, als trüge er die schönsten kleider / wir aber tanzen auf dem vulkan.

ich höre sonntagmorgens marie z. reden, rede und antwort, kein schlagabtausch von argumenten, ein umkreisen der facetten und wir waren seit je überzeugt, jede weltsache (und was ist keine) hat mindestens zwölf davon.

mit marie z. gings nie ums  rechthabenwollen, das war schnell vorbei,  partei verkündete kein programm, uns ging es um die wahrheit und den irrtum  und was zu tun ist in diesen doch gequälten zeiten.

und in der letzten zeit waren wir bemüht, die welt um ins herum ins bessere zu denken wenigstens.

wir schlugen uns den weg durch das gestrüpp der Grossen Verdrehung von begriffen und wörtern in ihr gegenteil, die andauert / „der schooss ist fruchtbar noch“ / und erinnerten uns, wie der park dran war, der frische, grüne voller bäume und ein schlendern, ein innehalten und eingedenken:  autopark hiess es nun, industriepark und atompark,, und   eine von den übelsten verhunzungen war das wort reform. Wird es genannt, so zucke ich entsetzt zusammen.

wir dachten also die dinge ins rechte zurück und vorwärts und in dem vorwärts war der mensch noch herr seiner schöpfungen.

und dieses vorwärts denken mit ihr und mir und uns, das fehlt mir nun, nicht nur am sonntagmorgen.

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