In einem anderen land

draussen geschrei und durcheinander (so hört es sich an), man denkt, da läuft was ganz grosses, aber es ist nur normale italienische unterhaltung. ich bin  an der grenze zum tessin am lago maggiore gelandet, spontan, würde mein freund michael sagen, rein spontan. naja, so spontan dann auch wieder nicht, es ist einer seiner lieblingsorte, wasser und berge oder sagen wir heftigere hügel, bewaldet, um den see, in der ferne dann noch schneebedecktes.

ausser an der wasserfront hat die gegend  etwas uriges, kleine wege schrauben sich die hügel hoch, dörfer wie im bilderbuch, stille, verschlafene nester hoch oben, die dächer sind mit steinplatten gedeckt, man wünscht, sich hier irgendwo fern von allem niederzulassen und in der stille zu sitzen, ringsum hügeliges, bewaldetes grünes getier und kaum menschen,  noch kein erlebnistrecking mit kulinarischen highlights, man weiss genau,  in einigen tagen ist man weg, aber  die vorstellung ist rundherum beruhigend und schön.

nachmittags zuviel expresso auf terrassen am see und hitzige gespräche über nichts und wieder nichts, oder sagen wir: ich bin, so stelle ich fest, hochgradig streitsüchtig, auch hier gibt die welt ihren innersten kern nicht preis, sie ist wie sie ist und stumm ist sie heute auch, sie redet nicht mit mir und am ende unseres redens gebe ich zu, ich befinde mich mitten in einer unsäglichen verwirrung. wenn man mich fragt, worum geht es gerade, dann winke ich ab, ich verstehe nicht einmal die frage. ich schaue aufs wasser, es funkelt und glitzert und fliesst unter meinem blicke weg, es ist von bräunlicher färbung, etwas fahl, wie die hügel, kein saftiges grün, alles etwas verhalten, verwaschen, undeutlich, der blick verliert sich im ungefähren.

ich sage mir, das hat mit deiner allgemeinen verfassung zu tun. ich frage mich gar nicht mehr, was ich hier soll, ich nehme es hin wie die sonne, den wind und die wolken überm see. es gibt nichts weiter zu tun, als da zu sitzen, zu gehen, zu stehn und so zu tun, als hätte das irgendeine bedeutung. was ich gar nicht hinnehmen kann, ist die abwesenheit von sinn.

dabei ist es ganz einfach, ich bin aus meinem traum, von dem ich kaum die schlussszene erinnere, vage gestalten, eine trennung, ein verlust  vielleicht, ohne übergang in einen schmerz hineingeraten, der wie aus einer ungeheuren tiefe aufbrach, er schüttelte mich, ich schluchzte erbärmlich mitten im erwachen und nun frage ich mich, als sei das von irgendeiner wichtigkeit, ob ich laut geschrien habe, denn so schien es mir, im hotel mitten in der nacht. danach rang ich nach luft.

so eine gewalt des schmerzes habe ich noch nicht erlebt, alles bisherige scheint mir dumpf dagegen, ein fortwährendes nagen und manchmal sehr akut, aber noch nie diese unbeschreibliche gewalt von schmerz und weh aus einem bodenlosen untergrund herauf. der tag begann so wund, gewaltsam aufgebrochen und wer mir zu nahe kommt, nach dem schnappe ich. heute kaufe ich mir nichts ab, kein wort, keine behauptung, nichts fällt ins gewicht. etwas in mir schlägt blind um sich.

irgendwann standen wir im tal schon hoch oben auf der brücke und schauten in die tiefe:  riesige brocken geröll aufgehäuft und wildes gewässer, verwachsenes gestrüpp. der anblick antwortete auf mein morgendliches erleben. der schlag, den irgendetwas in mir mir versetzte. es war gegen fünf in der früh, ich brauchte einige zeit, um mich einzukriegen, einschlafen konnte ich nicht mehr,  zerschlagen bin ich in den tag hinein geraten und denke irgendwann, da sass ich wieder am see, so muss sich vertreibung anfühlen und exil.  natürlich habe ich nicht die geringste ahnung, ich habe davon gelesen, aber während die andern gestikulieren, lachen und schwätzen, fühle ich mich in einem anderen land und der see, auf den wir schauen, ist doch der derselbe.

Ein Gedanke zu “In einem anderen land

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