deshalb ziehe ich die stille vor

„We’re completely alienated from everything else alive.“,  Richard Powers sagt den satz (im Guardian interview). aber das heisst, wir haben uns in unserer menschlichen gesellschaft abgeschlossen und verstehen uns deshalb selber nicht mehr. wir haben uns von uns selber entfremdet (wie das geschehen konnte, lässt sich unter anderem bei Marx nachlesen, neuerdings auch bei Charles Eisenstein, David Abram und anderen). so ist unser denken, jemand sagte zurecht, die grausamkeit sei daran ablesbar. das andere, das heisst alles nichtmenschliche ist bloss eine ressource. genau darin liegt unser tragischer irrtum und genau in diesem begriff wird sie sichtbar, die grausamkeit.

das wahrzeichen des neuen grosskleinsteins im süden liegt meinem fenster gegenüber, der wasserturm von g. und die kleine trabantenstadt, die dort aus dem boden gestampft wird,  neoliberaler kapitalismus in reinkultur. kriegen wir überhaupt noch schönheit zustande.

foto Marie Z.

gottseidank ist es sonntags gegen elf wenigstens still in der strasse und ich setze nun auf den sommer, wenn alle wegfahren, wenn das leben langsamer wird und die ruhe sich einstellt, ein gast, den ich enthusiastisch begrüsse. vielleicht ist es das privileg des altwerdens, dass man sich zurück lehnt und hinein schaut in sich. man fällt: ich habe keine angst mehr vor dem schwarzen loch in mir, vor meiner leere, aber die trauer schreckt mich doch noch, maries tod hat so vieles mitgerissen und was blieb noch von mir?  und unter jener trauer diese: über uns und die spuren der zerstörung. lachenden munds, so denke ich manchmal, sind wir über die welt hergefallen, ein aggressives geschlecht, ein bedenkenloses, gefangen in ängsten und ein paar dürren gedanken.

aber denken ist nicht mehr angesagt. es stört etwas, das wir glück nennen und meistens ist das nur laut und lenkt ab. wovon? von allem. vom wesentlichen, dass wir ganz eingebettet sind in das leben des planeten und es nicht wahrhaben wollen. wir sind welt und einige kommen sich schon vor wie die götter. aufgeblasenheit hat nichts göttliches, hingegen viel unfreiwillig komisches, im ganzen ist es eine tragödie und hochmut kommt vor dem fall. das ist was anderes als hochgestimmtheit. das eingedenksein fehlt uns.

deshalb ziehe ich die stille vor, die ruhe des sommers, die leereren strassen, die gesellschaft der bäume und manchmal im garten ein gutes gespräch.

wenn ich durch die schicht meiner trauer um marie durch bin und spüre, was alles mit ihr fort ist, dann frage ich, was ist noch übrig. ihr sterben hat mir geholfen, tiefer hinein zu sehen (in mich) und die unangenehmen dinge zuhauf, die dunkleren seiten und meine finsternis.

ist das glück? jedenfalls nicht die laue version davon.

und gerate ich tiefer, dann wird meine trauer nicht kleiner, dann schaue ich mich um und sehe verwüstung,  die der seelen und der geister.

zweifellos ist der wasserturm von g. eine schöne erscheinung. und das hässliche muss ich erwähnen, denn es grenzt an das schöne und, nein, ich habe nichts gegen musik und freude und tanz, ich habe nur etwas gegen das vergessen. im hitchhikers guide sprengt eine überlegene spezies (keine schöne) die erde für einen superschnellen highway durch die galaxis.

ich lese die wahrheit über mich, über uns in allem.

Ein Gedanke zu “deshalb ziehe ich die stille vor

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