dies angemerkt zur ehrung von marie

die oktoberwahlen nahen heran und ich fühle mich unwohl, heute morgen beim brötchenholen alle diese gesichter von den plakaten und mir ist doch ganz privat und persönlich und ich weiss genau, ein gespräch über bäume ist ganz sicher kein verbrechen.

aber dann die sprüche, bei denen ich gottseidank nicht dabei war, diese verschiebung in eine perfide richtung, dieses rutschen von begriffen ins unsägliche und die scheinen genau zu wissen, was sie wollen, während auf der anderen seite diskutiert wird, ziemlich schroff für meinen geschmack, ob das noch normal rechts ist oder schon rechtsradikal, gar schon faschistisch. als ob es auf jener bahn nicht ein gleiten gäbe, in abgründe.

Agnes Heller, und sie muss es ja wissen, erinnert (in der ungarischen situation) an die wichtigkeit von humor, gerade in zeiten wie diesen und angst ist vielleicht keine gute beraterin.

was gibt es denn noch ausser dem neoliberalen block (zu dem auch das rechtere zählt, was auch immer die sonst noch erzählen von drohendem sprachverlust und flüchtlingsflut und identität, natürlich aufgrund gewisser vorkommnisse in der vergangenheit etwas subtiler und scheinbar geschliffen-harmloser), in den auch die grünen regierungshalber und natürlich mit argumenten abgewandert sind (tatsächlich ist eine gute trambahn gut und gute fahrradwege und stadtparks und sauberes trinkwasser, aber daneben …)?

sozialdemokraten! (ich meine nicht jene, die längst neoliberal konvertiert und seither schrumpfen, ich weiss, ich weiss, es gibt noch soziale forderungen), ich meine jene, die aussehen (programmatisch) wie sozialdemokraten noch vor etlichen jahren (dort nannten sie sich sozialistisch und arbeiterpartei). das wird übrigens heute linksradikal gescholten, so gleiten begriffe auch auf dieser seite …

natürlich weiss ich, ich tauge nicht für partei und eine einzige meinung und abweichungen für den nächsten kongress, aber dann fehlt mir doch der gesprächszusammenhang, der versuch die dinge zu vertiefen, statt bloss argumente zu verschiessen, man weiss schon, die eingreifende, verändernde idee. und das reden zusammen, die umkreisung des themas. das war mit marie möglich, wenn es in den schlagabtausch abrutschte, bremste sie mich aus, es passte nicht zu unserer vereinbarung. dazu gehörten auch gefühle, ja, diese bildeten oft den ausgangspunkt und ich habe es schon mal geschrieben, das private und das öffentliche war nicht zu trennen, wir gingen nicht davon aus, dass unsere befindlichkeiten privat waren statt ein phänomen der welt, in der wir lebten und zu der wir gehörten.

und ich muss sagen, mein gefühl ist, naja, mulmig, unbehaglich, queasy, uneasy, bedenklich und weiter auf der rutsche der bedeutungen:

keinen wirklichen grund sehe ich, meine/unsere einsicht zu wahlen in der jetzigen konjunktur der kapitatistischen entwicklung zu revidieren, jedesmal in den letzten jahrzehnten fragten wir uns, marie und ich, ob wir uns den urnengang, den sogenannten (als begriff ist urne nicht schlecht, da geht angeblich meine willensbekundung hinein und  wird danach offensichtlich begraben), nicht ersparen sollten. seltsam, die leute, die zu den urnen schritten, sahen immer so sonntäglich erwartungsvoll und bedeutungsschwanger aus, als stehe wirklich etwas auf dem spiel und diesmal was? einige rechte und ultrarechte stimmen mehr und einige schrumpfungen und ansonsten business as usual, und das heisst eine menge ungewissheit mit rechtsdrall.

ich muss doch auch gähnen, entschuldigung, und sehe mich jetzt schon zögern und rumlavieren und am liebsten schriebe ich mist gross über das grau kartonierte ding und fuck. aber das ändert bekanntlich auch nichts.

und doch gab es, an den rändern des wahlkampfs, ein highlight, ein regelrechtes, ein wirtschaftsführer (o pardon, ist das eine angemessene terminologie?) stellte klar, wirtschaft hat mit moral nichts zu tun (nachdem bekanntlich schon die gewaschene lüge zum legitimen politischen instrument erklärt wurde und der wirtschaftsminister dasselbe gesagt hatte, souverän ungeniert). es gab übrigens keinen aufschrei, weder aus der wirtschaft noch von den obermoralisten der nation. unter moral wird offensichtlich was ganz verschwurbelt feierabendliches verstanden, also trampel nicht im vorgarten des nachbarn herum, aber die wirtschaft eignet sich immer mehr lebensbereiche an, verwandelt quasi alles in eine profitable dienstleistung und ethik hat damit nichts zu tun? ich finde ein solch kompartimentiertes denken äusserst interessant, wenn man das noch als denken bezeichnen kann und nicht als reinen zynismus und hohn, der als das normalste der welt daher kommt. soweit ich das verstehe, regiert dort ein gott, der heisst deregulierter markt, jenseits von gut und böse.

natürlich ist das keine neue erkenntnis, ich lese gerade im Renert folgende passage (das buch ist ziemlich identitätsstiftend und ein sprachfänomen erster rangordnung übrigens auch, echt patriotisch):

„an no der priedegt gunge / wi englen s’all eraus / mä schuns beim weihwaaschkessel / fängt kuoder sech eng maus.

de wollef frësst e lämmchen / den tiger zraisst eng kouh, / den huer de plèckt eng pöllchen / an nach eng dauf derzou.“ (Michel Rodange, Renert. Oplag 1968, erausginn vom J. Tockert, S.39)

und dass der drecksack, der moralisch unbedenkliche, eine politische karriere machen kann, ist dort auch nachzulesen.

Nicht dass ich meine, kapitalismus sei je eine moralische angelegenheit gewesen.

dies angemerkt zur ehrung von marie und unsern regelmässigen erörterungen der lage.

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