das ist meine wirkliche erbschaft

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im grunde ist alles gesagt, schon lange, wir sind nur variationen und als solche genötigt, alles aus uns heraus zu holen, was in uns steckt. sozusagen unsere individuelle erscheinung zu rechtfertigen. das ist kein easy business, kein job, das ist eine lern- und entwicklungsaufgabe ein leben lang. das ist der sinn, den wir der veranstaltung geben können. das meine ich ernsthaft.

das heisst auch, das, was uns anvertraut wurde, zu würdigen, es „zu erwerben, um es zu besitzen“. wie man heute sieht, geht das nicht von alleine.

(Miet)Hausbesitzer zum beispiel sind oft, nicht immer, so eingestellt, dass sie, wie es früher hiess, die kuh melken, aber nicht füttern, was heisst sie kümmern sich nicht drum, lassen das haus verlottern, lieber maseratti als ein neues dach oder eine gute infrastruktur für Mieter. eingedenk der tatsache, dass sie der gemeinschaft (gibt es das noch?) etwas schulden, weil sie ohne das soziale umfeld, die infrastruktur, die wirtschaftliche umgebung etc. gar nichts wären. also gibt es aus diesen zusammenhängen heraus, die sehr konkret sind, die verpflichtung etwas zurück zu geben, in der form wenigstens eines bedachtseins auf den guten zustand des hauses, wobei haus auch unser aller haus meint, diesen planeten.

wenn ich sehe, dass leute ihren besitz vergammeln und vorkommen lassen, tut es mir weh. das ist kein respekt.

und da wir auch von unseren visuellen eindrücken leben, ist es  ein mangel an respekt, wenn hässliche bauten lieblos zuhauf  hochgezogen werden. man muss nicht denken, diese reinindensackmentalität habe etwas elegantes, ganz abgesehen von dem sozialen und gesellschaftlichen, in der erscheinung manifestiert sich die antisoziale gesinnung.

ich rede pro domo.

es ist klar, dass die verwendung der begriffe verpflichtung, die aus einem konkreten zusammenhang erwächst, also keine aufgesetzte moral ist für den sonntagmorgen, und verantwortung, die sich ebenfalls daraus ergibt, als zurückzahlung einer schuld an die gemeinschaft, nicht sehr postmodern modisch ist. schuld, das ist doch was für betbrüder und -schwestern oder?

sozialer sinn gar? was ist denn das.

er ergibt sich aus einer nüchternen analyse der sozialen und wirtschaftlichen verhältnisse und realen zusammenhänge. das ist keine ideologie. aber die geldsackmentalität ist eine und keine schöne. die anhäufung von unvorstellbarem reichtum auf dem rücken der gemeinschaft ist eine perversion.

wie ich darauf komme?

aus erinnerung, die als eingefleischte lehre sehr präsent ist. Marie und ich, wir haben uns immer gefragt, was für eine verantwortung erwächst aus irgendeiner art von besitz und ich rede hier nicht von philantropie und almosen. ein patrimoine verlangt von sich aus, quasi definitorisch, das umständliche vorsorgliche bemühen. was, bezogen auf haus, die frage einschliesst, was ist gutes wohnen. gehen tatsächlich alle relevanten erkenntnisse ein in das, was wir tun? die styrodur mentalität, die sich als neuester stand ausgibt, spricht dagegen.

heute sind die wörter sozial, verantwortlich, nachhaltig sehr oft einfach nur austauschbare elemente in einem nicht abreissenden gerede, aber nicht die feststellung einer tatsache. wohnen in grosskleinstein ist keine soziale angelegenheit, keine gesellschaftliche, sondern eine rein finanzielle. das recht auf wohnung ist de facto in frage gestellt durch die horrenden preise, die durch gar nichts gerechtfertigt sind und bestandteil der nächsten blase und krise sein werden.

ich kann es nicht ausstehen, wie heute mit worten umgegangen wird, das grosse blabla: wir können nicht, wir dürfen, wir wollen nicht intervenieren in die kräfte des freien markts. wir haben alles dereguliert, nur in den vorgärten wird reguliert.

wenn demnach besitz definiert ist durch verantwortung und verpflichtung und schuld und diese werden nicht wahrgenommen, dann ist es nur logisch, wenn  die abschaffung des privatbesitzes gefordert wird, aber auch dann gelten die gleichen prinzipien, wer in einem der gemeinschaft gehörenden haus wohnt und sich nicht darum kümmert, hat das, was wohnen heisst, nicht verstanden.

die geltenden masstäbe für die private aneignung von dingen, die sich selber gehören und gemeinschatlich genutzt werden, sind absurd. sie führen sich jeden tag selber ad absurdum.

in der art, wie jemand mit den dingen umgeht, zeigt sich, ob er sie schätzt oder hasst und verachtet.

in der art, wie heute mit der erde, unserm haus umgegangen wird, zeigt sich unsere selbstverachtung und unser selbsthass.

die allertiefste ursache ist der tod. unsere zivilisation ist auf weiten strecken als bunker über dem tod gedacht.

wir haben es nicht begriffen, so meine beschränkte erfahrung und auffassung, den tod, das ende, die letzte grenze in unsere lebensweise zu integrieren. der tod ist ein unfall, zu diesem schluss komme ich jeden tag, wenn ich die zeitung gelesen habe und auf die todesanzeigen gegen ende stosse. dass es diese tode gibt, die angezeigt werden, geht nicht einmal aus einem fitzelchen des vorangegangen hervor. der tod ist eine erstaunliche tatsache, ich bin jedes mal verwundert, wenn die ersten fotos der verstorbenen auftauchen; dann denke ich, jedes mal denke ich das, wo kommen diese tode denn her; dann sage ich auch jedes mal, wir leben, als gebe es den tod gar nicht. als gebe es kein ende, bis wir davor stehen.

aber ich kann nur für mich reden.

was definiert mich? meine sterblichkeit. überall sehe ich das ende. ohne dieses ende gäbe es keinen neuanfang. „der tod ist der schöpfer.“, das ist ein provokanter satz des Malers Karl Ballmer. man muss mit diesem satz nichts anfangen können. man kann diesen satz unmöglich finden. man kann sagen, ich habe mit dem tod nichts am hut.

der tod ist eine sehr konkrete sache, er beginnt mit dem sterben, das dauert monate, dann liegt eine leiche da. das war einmal Marie. man sitzt da und geht fast kaputt. man denkt, man hält das nicht aus. ausgerechnet sie. und dann bricht etwas ab, so dass man wimmert.

da ich das erlebt habe, habe ich auch erlebt, dass es kein zurück mehr gibt in eine illusion, als sei der tod nicht immer dabei, als habe er mit dem rest nichts zu schaffen.

wenn der rauch sich verzogen hat, wird in einer klarheit, die es vorher nicht gegeben hat, höchstens für privilegierte augenblicke, deutlich, überhaupt erst sichtbar, was beziehung heisst; das ist immer sehr konkret, wie auch geist sehr konkret ist, die beziehung zu dieser person, und das, was in dieser beziehung hin und her geht, das produkt sozusagen, das aber nie ein endprodukt ist sondern eben eine fliessende lebendige beziehung. das nenne ich geist. man könnte es auch einfacher sagen, das, was eine beziehung interessant macht und die personen füreinander, die gesamtheit davon, inklusive des sinnlich erfahrbaren, wahrnehmbaren, also auch die entwicklung, sie ist ablesbar daran, ob das interesse lebt.

sowas definiert einen, nicht die andere person, sondern die beziehung, sie ist sozusagen das subjekt. sie ist keine addition sondern eine funktion, eine gleichung.

definiert sich auch der grenzübertritt? denn als solchen habe ich ihren grenzübertritt für mich erlebt, als ein definitives definierendes ereignis, hinter das es kein zurück gibt. nolens volens. ich will auch nicht zurück, das wäre nostalgie. aber auch, weil ich das gar nicht kann. das leben danach ist ein anderes, das andere definiert sich als: es ist dir etwas wesentliches genommen. das neue erleben hat seinen preis, zwar ist deine wahrnehmung gereinigt, zwar brennt der schmerz, zwar siehst du alles leichter, ich meine damit, was vorher so bedeutend war, ist es nicht mehr, überhaupt verliert vieles seine bedeutung und das bedeutende entpuppt sich als leer (das betrifft eine ganze lebensweise), aufeinmal schätzt du das vorübergehnde, das vorläufige, das vergängliche in allen dingen, es verleiht ihnen einen dunklen glanz, eine schönheit, die vergeht, die lichtflecken durch baumkronen auf einem waldweg, das lächeln auf einem gesicht und du bist schon vorüber, die schmerzliche schönheit, der reiz, den wolken haben, sie ziehn, verwandeln sich und vergehn auf einem blauen grund ins unendliche.

am tod zerschellt das gerede wie an einer stahlwand.

ich halte es für absolut vermessen, einen satz anzufangen mit den worten, ich definiere mich über… das ist ein lächerlicher satz.

was ist daran so schlimm, dass der tod einen aus seinen definitionen hinaus wirft.

ich denke mir mein leben mit Marie nicht ohne genau dieses ende. in jedem anfang steckt es schon drinnen, man weiss es, insgeheim weiss man es. dass einem das, was man am meisten schätzt,  wieder genommen wird. und doch wird man es zu diesem über alles geschätzten erst machen, man häuft reichtümer auf reichtümer und ihre verwandlung in eine fähigkeit, eine neue wahrnehmung, tut sehr weh. es bleibt einem gar nichts übrig, als genau diese verwandlung zu vollziehn,  sich vollziehen zu lassen.

ich habe schon einige kleinen tode erlebt, aber das ende meiner beziehung zu Marie übertrifft alle um ein vielfaches.

ich komme zurück an den anfang, was für materiellen besitz gilt, gilt umso mehr für geistigen und emotionalen, das heisst eine lifetime erfahrung, auch dort gilt das „erwirb es, um es zu besitzen“, heute sagt man dafür integrieren, einen schatz, einen unendlichen reichtum. ich gehe zur tagesordnung über, so sagt man doch, das tue ich gerade, denn das ist die tagesordnung.

der erlebte tod des andern enthält definitorisch eine verpflichtung, sich seiner würdig zu erweisen, das ist meine wirkliche erbschaft.

ich schwimme hinaus, weit hinaus und lange und schaue manchmal zurück an den strand, wo ich meine sachen abgelegt habe, ganz früh morgens, wenn die welt noch neu ist und dort sitzt sie und winkt, dort sitzt sie nie mehr, ich weiss das und weiss es nicht, ich tue nicht so als ob, ich weiss, ich bin allein und schwimme hinaus und bin zuhause, in einem schmerz und einer freude, dort vorne, ganz vorne auf den steinen, die ich so sehr liebe, sitzt sie und sitzt sie nicht. und was  vorgeht zwischen hier und dort, das bin ich gerade.

 

 

 

 

 

 

 

 

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